Die evangelische Kirche
und der Holocaust
Dokumentation

Welche Verantwortung tragen die evangelische
Lehre und die evangelische Kirche für den Völkermord an den Juden?
DER THEOLOGE Nr. 4
veröffentlicht bisher wenig bekannte
Dokumente und Hintergrund-Informationen und vergleicht sie mit Fakten der Gegenwart.
In den Jahren 1933-1945 gibt es in der evangelischen Kirche zwei Flügel, die "Deutschen Christen" und die "Bekennende Kirche". In beiden Gruppen wurde der Treue- und Gehorsams-Eid gegenüber Adolf Hitler geschworen. Und Verantwortliche und Anhänger beider Flügel fordern oder befürworten auch die Judendiskriminierung und -verfolgung, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Warum? Ist dies ein "einmaliges Versagen" oder eine Folge auch des evangelisch-lutherischen Glaubens?
PS: Diese Dokumentation enthält auch Materialien über die römisch-katholische Kirche und den Holocaust, z. B. Synodenbeschlüsse gegen die Juden. Sie sind in einem Auszug gesondert zusammengefasst. Die umfangreiche Verantwortung des Vatikan und des Papstes am Faschismus in Europa und am Holocaust wird dokumentiert in "Der Theologe Nr. 57" - Papst Pius XII., die Faschisten und der Holocaust.
Martin Luther, Von den Juden und ihren Lügen (1543; hier das Titelblatt einer "Volksausgabe" von Hans-Ludolf Parisius) - Im Jahr 1938 gab Landesbischof Martin Sasse aus Eisenach die Schrift neu heraus unter dem Titel Martin Luther über die Juden - Weg mit ihnen! (Freiburg 1938). Im Vorwort auf Seite 2 schreibt der evangelisch-lutherische Landesbischof: "Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird ... die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zu völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden."
In einem von der Evangelischen Kirche in Deutschland in
Auftrag gegebenen Gutachten schreibt Walter Künneth, der damalige "Sektenbeauftragte"
und Vertreter der Bekennenden Kirche, im Jahr 1934: "Die Kirche hat sich dafür einzusetzen, dass die Ausschaltung
der Juden als Fremdkörper im Volksleben sich nicht in einer dem christlichen Ethos
widersprechenden Weise vollzieht". Wie dies genau geschehen soll,
steht allerdings nicht im Gutachten (mehr dazu hier). Wie dies dann praktisch geschah und wie die Kirche dazu beitrug,
darüber informiert DER THEOLOGE Nr. 4. Darüber hinaus werden viele
Nachweise dokumentiert, wie die Kirche parallel dazu andere Gemeinschaften bekämpfte
und verfolgen ließ und wie sie das nationalsozialistische Deutschland im 2. Weltkrieg unterstützte.
Und wie die Kirche dazu beigetragen hat, die Lebensmöglichkeiten der behinderten
Mitbürger zu beschränken und sie schließlich umzubringen
(siehe dazu auch Zusammenfassungen unter
www.theologe.de/euthanasie.htm
und, was das Beispiel der Zeugen Jehovas betrifft, unter
www.theologe.de/zeugen-jehovas_kirche.htm - auch die Informationen über den
bayerischen Landesbischof Hans Meiser sind gesondert zusammengefasst, siehe
www.theologe.de/theologe11.htm).
Hierbei
ist zum historischen Verständnis auch entscheidend, dass im Jahr 1933 95,2 %
der Deutschen entweder Katholiken oder Protestanten waren, genau 62,7 %
evangelisch und 32,5 % katholisch. Und die Bürger hatten damals eine erheblich
höhere Kirchenbindung als im 21. Jahrhundert. Der Aufstieg und die Entwicklung
des Nationalsozialismus erfolgten also auf der Basis vor allem des evangelischen
und teilweise auch des katholischen Glaubens, die beide als Nährboden dienten.
Freireligiöse Gottgläubigkeit spielte aufs Ganze gesehen kaum eine Rolle, und
Atheisten wurde sogar der Eintritt in die SS verboten (Martin Koch,
Luther-Hitlers Idol, hpd.de, 7.6.2012). Ein Nationalsozialist war also
meistens ein Mitglied der evangelischen Kirche und am zweithäufigsten ein
Mitglied der katholischen Kirche.
Inhaltsverzeichnis
Einführung: Die evangelische Kirche und der Holocaust
Die Verantwortung Martin Luthers
So fordert es Martin Luther - so tun es die Nationalsozialisten
Die Ereignisse im Zeitablauf
Um 1900: Judenverfolgung mit evangelischen Mitteln
1918: Adolf Hitler erklärt: Öffentlichkeit ist noch kaum antisemitisch
1921: Evangelischer Pfarrer ruft zum Boykott auf: Kauft nicht beim Juden!
Ein evangelisches Sonntagsblatt fordert:
Berufsverbot für Juden in der Presse!
1926: Gutachten des späteren evangelischen Landesbischofs
Meiser: Gegen die "Verjudung unseres Volkes"
1927: Evangelische Zeitung wünscht eine gesellschaftliche Sitte:
Deutsche "Arier" sollen nicht bei Juden kaufen
1930: Die Nationalsozialisten rufen "Juda verrecke!"
Immer mehr evangelische Pfarrer sind begeisterte Nazis
1932: Evangelische Kirche gemeinsam mit NSDAP gegen so genannte "Sekten"
1933: Erklärung eines lutherischen Theologen:
Die Kirche wies immer auf Luthers antijüdische Schriften hin
Die meisten Pfarrer wählen Adolf Hitler
Der Wirtschaftsboykott gegen die jüdische Bevölkerung -
er wird von der evangelischen Kirche befürwortet
Neues evangelisches Gutachten:
Ausschaltung der Juden als "Fremdkörper im Volksleben"
Ein evangelisches Sonntagsblatt:
Adolf Hitler als Werkzeug "göttlicher Vorsehung"
"Das Evangelische Deutschland" stellt "vollständige Bereinigung der Sekten" in Aussicht
Evangelische Diakone, "die SA Jesu Christi und die SS der Kirche" - Ein KZ unter kirchlicher Leitung
Berufung auf Martin Luther:
Er sprach von der "Hoheit" weltlicher Gewalt
1934: Evangelische Landesbischöfe gliedern Evangelische Jugend in die Hitlerjugend ein
Die politische Loyalität der "Bekennenden Kirche" zu Hitler
Dankbarkeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern:
"Gott hat uns den Führer geschenkt!"
Evangelische Kirche in der Judenfrage einig mit Hitler
1935: An immer mehr Orten hängen Plakate und Schilder:
"Juden unerwünscht!"
1936: Evangelische Kirche entlässt alle Mitarbeiter jüdischer Herkunft
1937: Ein leitender evangelisch-lutherischer Diakonie-Arzt fordert dazu auf, Behinderte umzubringen
Ein evangelisch-lutherischer Oberkirchenrat der Bekennenden Kirche fordert: "Die Juden gehören hinausgepeitscht!"
1939: Elf evangelische Bischöfe bzw. Kirchenführer bekennen:
Die Nationalsozialisten führen das Werk Martin Luthers nach der politisch-weltanschaulichen Seite fort
Bekennende Kirche: Ernste Rassenpolitik zur Reinerhaltung unsere Volkes notwendig
Die Deutsche Evangelische Kirchenkanzlei zum Erntedankfest:
Dank für die reiche Ernte auf den polnischen Schlachtfeldern!
Ein evangelisch-lutherischer Pfarrvikar bildet Heckenschützen im Töten aus
1942: Kirchliches Schweigen zur "Endlösung" der "Judenfrage":
Der "feindlichen Propaganda" keinen Stoff liefern
Landesbischof Marahrens von der Bekennenden Kirche fordert unbedingte "Hingabe" für den Krieg
1945: Überlebende Juden:
"Eine wankende Masse dunkler Haut und Knochen"
Die Kirche rechtfertigt sich und alle ihre Amtsträger und hilft Kriegsverbrechern zur Flucht
Schuld von Kirchenmitgliedern: Vorsicht vor den Amerikanern!
Auch nach dem Holocaust: Der Antisemitismus lebt weiter
1946: Rechtfertigung: KZ-Personal aus "ordentlichen Gemeindegliedern"
Julius Streicher, Herausgeber des Nazi-Blattes "Der Stürmer", beruft sich auf Martin Luther
1947: Rechtfertigung für den NS-Finanzminister:
Er war aktives Mitglied der Evangelisch-Lutherischen Kirche
Ein evangelisch-lutherischer Professor:
Die Nationalsozialisten imitierten die katholische Kirche
Evangelische Kirche: Keine Wiedergutmachung an Opfern der Diktatur
1964: Antisemitismus schwelt weiter, Bekämpfung anderer religiöser Minderheiten nimmt zu
Ab 1990: Auch der Antisemitismus nimmt wieder zu
1999: Evangelische Kirche wieder für den Krieg
2002: Ein Holocaust-Überlebender warnt
Gutachten:
Hans Meiser, "Die evangelischen Gemeinden und die Judenfrage"
Zusammenfassung:
"Deutsche Christen" und "Bekennende Kirchen" befürworten Judendiskriminierung und -verfolgung
Hintergrund 1:
Der Holocaust und die kirchliche Lehre von der ewigen Verdammnis
Hintergrund 2:
Antijüdische Stellen im Neuen Testament
Kommentar:
Die evangelisch-lutherische Zwei-Reiche-Lehre und ihre Bedeutung für die Judenverfolgung und für das staatliche Handeln der Gegenwart
Quellen- und Literaturverzeichnis
Damit die ganze Wahrheit ans Licht kommt: Archive öffnen!
Diese Schrift entstand aus der Verbundenheit zu Jesus von Nazareth, der über die staubigen Straßen Palästinas zog und den Menschen vom kommenden Friedensreich erzählte. Jesus war Jude und lehrte sein Volk, wie es nach den Geboten Gottes leben kann, damit es zum "Segen für alle Völker" wird, so, wie es dem "Stammvater" Abraham prophezeit wurde (1. Mose 12, 3). Doch Priester und Schriftgelehrte stellten sich gegen Jesus und ließen ihn töten.
Jahre bzw. Jahrhunderte später sind es wieder Priester und Schriftgelehrte, die seine einfache und geniale Botschaft zur katholischen und später zur evangelischen Lehre verfälschen.
Jesus gründete kein Kirche. Er wollte keine Priester und Pfarrer und kirchliche Obrigkeiten, und er führte keine Zeremonien, Riten und Kulte ein. Auch sprach er nicht davon, dass Menschen Dome und Kirchen aus Stein bauen sollen. Denn jeder Mensch ist ein "Tempel Gottes", und alle sind Brüder und Schwestern, Kinder Eines Gottes, und alle sind gleich. Keiner braucht also eine Kirche zu besuchen, denn Gott ist in jedem Menschen, in jedem Tier und in der ganzen Natur.
Diese Dokumentation wendet sich weder gegen die evangelische oder die katholische Kirche noch gegen einzelne ihrer Amtsträger, und sie richtet und verurteilt niemanden. Sie informiert nur darüber, was in der evangelischen Kirche im Namen von Christus und Gott geschah und geschieht. Dies wird aufgedeckt. Die evangelische Kirche mag sich "evangelisch" oder "lutherisch" nennen, denn in ihren Reihen wird getan, was schon Luther lehrte. Doch mit dem Missbrauch des Namens "Christus" sollte sie aufhören und ihre Lehre und ihr Verhalten entgegen den Geboten Gottes nicht mehr als "christlich" bezeichnen, weder im Rückblick auf das "Dritte Reich" in Deutschland noch in der Zeit danach.
Allen hier teilweise namentlich genannten Personen gilt
nach unserem Glauben die Liebe Gottes ohne
Einschränkung. Diese Liebe ist für uns unteilbar. Der Mann aus Nazareth lehrte die Menschen, ihr Fehlverhalten zu erkennen,
zu bereuen, um Vergebung zu bitten, zu vergeben, wieder gutzumachen, so dies möglich ist,
und Gleiches oder Ähnliches nicht mehr zu tun. Auch bei eventuellen Hass- oder
Rachegefühlen bedarf es nach der Lehre des Jesus der Reue, der Bitte um Vergebung und der
Vergebung.
Einführung: Die evangelische Kirche und der Holocaust
Wenn sich einzelne Mitglieder der Kirche unter Einsatz ihres Lebens für jüdische Mitbürger einsetzten bzw. deswegen Nachteile riskierten oder in Kauf nahmen, dann wird das Gute in ihrem Tun nicht in Frage gestellt. Hinweise darauf wurden von den Kirchen vielfach dokumentiert. Oftmals wurde mit diesen Beispielen aber von der Schuld der evangelischen Lehre und der evangelischen Kirche abgelenkt. Die zahlreichen Zeugnisse gegenteiligen Inhalts, welche die Verbindung von evangelischer Kirche, evangelischer Lehre und Judenverfolgung dokumentieren, wurden demgegenüber oft zurückgehalten, beschönigt oder verdreht.
Die Absicht dieser Dokumentation ist es, evangelische Wurzeln für den Holocaust offen
zu legen. Sie unterscheidet dabei nicht in jedem Einzelfall zwischen typischen
evangelischen Mehrheitsstimmen und Einzelstimmen, doch ergibt die Zusammenschau einen
Einblick darüber, wie verschiedene im evangelisch-lutherischen Glauben wurzelnde
Überzeugungen und Haltungen mit dem Völkermord in Verbindung stehen. Die
Mehrheitsstimmen zeigen, wohin die evangelische bzw. lutherische Lehre überwiegend
führte. Und die Einzelstimmen zeigen, was mit Luthers Lehre noch alles möglich
war und ist.
Die Verantwortung Martin Luthers
Die Entstehung der evangelischen Kirche geht auf den Augustinermönch, Priester und
Theologieprofessor Martin Luther (1483-1546) zurück. Der
evangelisch-lutherische Landesbischof Martin Sasse erklärt, Martin Luther sei
der "größte
Antisemit seiner Zeit"
(siehe Zeitablauf:
1938).
Innerhalb der evangelischen Kirche wird 1933 dokumentiert, wie Luthers
antijüdische Schriften in Verbindung mit den römisch-katholischen Schriften Jahrhunderte lang den Boden für den Antisemitismus der
Gegenwart bereiten (siehe
Zeitablauf: 1933).
Hinsichtlich des Katholizismus urteilte der bekannte Historiker David I. Kertzer
in seinem Werk Die Päpste und die Juden (2004): "Als
Ende des 19. Jahrhunderts die modernen antisemitischen Bewegungen entstanden,
gehörte die katholische Kirche, die ständig vor einer wachsenden jüdischen
Gefahr warnte, zu den bedeutendsten Akteuren." Alle Elemente der modernen
Judenverhetzung seien
"von der katholischen Kirche nicht nur geduldet, sondern auch
von ihren offiziellen und inoffiziellen Organen aktiv vertreten" worden ... "Der
Übergang von den mittelalterlichen Vorurteilen gegen die Juden zur modernen
politischen antisemitischen Bewegung, der sich innerhalb weniger Jahrzehnte vor
dem Holocaust vollzog, hatte in der katholischen Kirche einen seiner wichtigsten
Architekten" (Der Historiker David I. Kertzer, Die Päpste gegen die
Juden, Berlin 2004).
Gleiches lässt sich auch über die evangelische Kirche sagen. Ausgangspunkt
des speziell evangelisch-lutherischen Antisemitismus ist dabei die grundlegende Schrift
Martin Luthers Von den Juden und ihren Lügen
(1543). Die Judenverfolgung ist eines der wichtigsten Anliegen von Martin
Luther in seinen letzten Lebensjahren. Sie ist auch das Thema seiner letzten
Kanzelabkündigung am 15.2.1546 in Eisleben, drei Tage vor seinem Tod, wo er z.
B. fordert: "Darum sollt ihr Herren sie nicht leiden,
sondern wegtreiben." Und auch in seinem letzten Brief, den er von
Eisleben aus an seine Frau schreibt, heißt es: "Wenn die Hauptsachen
geschlichtet sind [die Streitigkeiten unter den Grafen von Mansfeld], so muss
ich mich daran legen, die Juden zu vertreiben. Graf Albrecht ist ihnen feind und hat sie schon
preisgegeben, aber niemand tut ihnen noch etwas" (zit. nach Landesbischof Martin Sasse, Martin Luther über die Juden: Weg mit
ihnen!, a.a.O., S. 14). Für die jüdischen Bürger tickt die Zeitbombe, doch
dann ist Martin Luther, der Inspirator der staatlichen Obrigkeiten, plötzlich tot. Das geplante Pogrom fällt zunächst aus,
und es gilt noch etwas länger: "Niemand tut ihnen noch etwas."
So fordert es Martin Luther - so tun es die Nationalsozialisten
Martin Luther erklärt den Bürgern, die Juden seien ihr "Unglück":
"Ein solche verzweifeltes durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist´s
um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen
sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen. Das ist nichts anderes. Da
ist kein menschliches Herz gegen uns Heiden. Solches lernen sie von ihren Rabbinern in den
Teufelsnestern ihrer Schulen."
(Der achte und letzte aller Bücher und Schriften des teuren seligen Mans Gottes,
Doctoris Martini Lutheri, Tomos 8, Jena 1562, S. 95)
Der Satz "Die Juden sind unser Unglück" wird zu einer der
schlagkräftigsten Parolen der nationalsozialistischen Zeit.
"Wenn du siehst oder denkst an einen Juden, so sprich bei dir selbst also: Siehe,
das Maul, das ich da sehe, hat alle Sonnabend mein lieben Herrn Jesum ... verflucht,
vermaledeit und verspeist, dazu gebetet und geflucht vor Gott, dass ich, mein Weib und
Kind und alle Christen erstochen und aufs jämmerlichste untergegangen wären. Er wollte
es selber gerne tun, und, wo er könnte, unsere Güter besitzen ... Ich sollte mit einem
solchen verteufelten Maul essen, trinken oder reden? So möchte ich aus der Schüssel oder
Kannen mich voller Teufel fressen und saufen, so mache ich mich gewiss damit teilhaftig
aller Teufel, die in den Juden wohnen."
(Martin Luther, zit. nach: Landesbischof
Martin Sasse, Martin Luther über die Juden: Weg mit ihnen!, Freiburg 1938, S. 11)
Die Vorwürfe gegen die jüdischen Bürger sind Lügen.
Die Nationalsozialisten verbieten 1941 Freundschaften zwischen Deutschen und Juden. In
öffentlichen Einrichtungen dürfen Juden nicht bei Deutschen sitzen.
"Wenn ich einen Juden taufe, will ich ihn an die Elbbrücke führen, einen Stein
an den Hals hängen und ihn hinab stoßen und sagen: Ich taufe dich im Namen
Abrahams!"
(Tischreden Nr. 1795, zit. nach Landesbischof Martin Sasse, Martin Luther über
die Juden: Weg mit ihnen!, Freiburg 1938, S. 14)
Die Nationalsozialisten demütigen jüdische Mitbürger auf vielfache Weise.
Schließlich werden sie bei Pogromen und später in den KZs ermordet. Eine katholische oder evangelische
Taufe ist kein Schutz vor dem Holocaust.
1.)
Martin Luther fordert: Man soll ihre "Synagoga oder Schulen mit
Feuer anstecken ... unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe,
dass wir
Christen seien ..." (Quelle: siehe unten)
Das tun die Nationalsozialisten, z. B. in der Reichspogromnacht 1938, an Luthers Geburtstag.
2.)
Martin Luther fordert, "... dass man ihre Häuser desgleichen zerbreche
und zerstöre ... Dafür mag man sie etwa unter ein Dach oder einen Stall tun".
Die Nationalsozialisten ziehen die Juden zunächst ab 1938 in bestimmten Häusern zusammen, ab
1939 teilweise in Gettos. Später werde sie - vergleichbar einem Viehtransport - in
Eisenbahnwaggons gepfercht und in die Konzentrationslager gefahren. Dort müssen sie in
Baracken wohnen.
3.)
Martin Luther fordert, "... dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein
... auch die ganze Bibel und nicht ein Blatt ließe".
Die
Nationalsozialisten lassen 1933 die jüdischen Schriften verbrennen.
4.)
Martin Luther fordert, "...dass man ihnen verbiete, bei uns ...
öffentlich Gott zu loben, zu danken, zu beten, zu lehren bei Verlust Leibes und Lebens
... dass ihnen verboten werde, den Namen Gottes vor unseren Ohren zu nennen".
Die Nationalsozialisten nehmen den Juden das Leben. Sie werden meist erschossen oder vergast,
ihre Leichen in Massengräbern verscharrt oder verbrannt - allerdings unabhängig davon,
ob der jüdische Bürger zuvor Gott öffentlich lobte oder nicht. Die ersten Pogrome
erfolgen bereits 1933, die Massenmorde beginnen 1939.
5.)
Martin Luther fordert, "...dass man den Juden das Geleit und Straße
ganz und gar aufhebe ... Sie sollen daheim bleiben".
Juden dürfen in der
nationalsozialistischen Zeit ihren Wohnort nur mit polizeilicher Genehmigung
verlassen. Später gilt das auch für die Gettos (ab 1939). Wer sich nicht daran hält,
wird verhaftet.
6.)
Martin Luther fordert, "dass man ... nehme ihnen alle Barschaft
und Kleinod an Silber und Gold".
Das tun die Nationalsozialisten ebenfalls. 1938 wird der Besitz "zwangsarisiert",
1939 der Schmuck eingezogen, später das Geld.
7.)
Martin Luther fordert, "...dass man den jungen und starken Juden und
Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel und lasse sie ihr
Brot verdienen im Schweiß der Nasen".
Die "jungen und starken Juden und Jüdinnen" werden von deutschen Firmen der
Nazi-Zeit zum Teil als Zwangsarbeiter eingesetzt. In den Konzentrationslagern werden
die Arbeitsfähigen v. a. seit 1938 von den Schwächeren getrennt. Die einen müssen unter
dem Motto "Arbeit macht frei" zwangsarbeiten und werden erst hingerichtet, wenn
sie nicht mehr gebraucht werden. Die anderen werden gleich umgebracht.
Martin Luther fordert:
"Summa: ... dass ihr und wir alle der ...
teuflischen Last der Juden entladen werden ..."
Schätzungsweise sechs Millionen Juden werden beim Holocaust ermordet. Von den Überlebenden
wandern die meisten bis 1951 in die USA oder nach Israel aus.
Martin Luther fasst sein Anliegen der Judenverfolgung folgendermaßen zusammen: "Unseren
Oberherren, so Juden unter sich haben, wünsche ich und bitte, dass sie eine scharfe
Barmherzigkeit wollten gegen diese elenden Leute üben, wie droben gesagt, obs doch etwas
(wiewohl es misslich ist) helfen wollte. Wie das die treuen Ärzte tun, wenn das heilige
Feuer in die Beine gekommen ist, fahren sie mit Unbarmherzigkeit und schneiden, sägen,
brennen Fleisch, Adern, Bein und Mark ab. Also tue man hier auch, verbrenne ihre
Synagogen, verbiete alles, was ich droben erzählt habe, zwinge sie zur Arbeit und gehe
mit ihnen um nach aller Unbarmherzigkeit wie Mose tat in der Wüste und schlug dreitausend
tot, dass nicht der ganze Haufen verderben musste."
Einige töten, um andere zu retten? Was aber soll nach Luthers Überzeugung geschehen,
wenn ein Massaker z. B. an 3.000 Juden aus seiner Sicht nicht das gewünschte Ergebnis
bringen würde, nämlich die Bekehrung der Juden zum kirchlichen Glauben? Zeichnet sich
auch bei Luther schon die so genannte "Endlösung" der Judenfrage ab?
Anmerkung: Mose führte solches übrigens nicht durch, es wurde ihm nur
unterstellt (vgl. dazu Der Theologe Nr. 13 -
Priesterherrschaft oder wanderndes Gottesvolk?).
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Sehr viel mehr Zitate zum Thema Martin Luther und die Juden finden Sie in Der Theologe Nr. 28 |
Der Philosoph Karl Jaspers stellt 1962 fest: Luthers "Ratschläge gegen die Juden hat Hitler genau ausgeführt" (Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, München 1962, S. 90).
Adolf Hitler selbst rechtfertigt
in einem Gespräch mit Bischof Hermann Wilhelm Berning von Osnabrück vom 26.4.1933 die Judenverfolgung damit, "dass er
gegen die Juden nichts anderes tue als das, was die Kirche in 1500 Jahren gegen sie getan
habe" (zit.
nach Friedrich Heer, Gottes erste Liebe, Berlin 1981, S. 406).
Anmerkung: Und ausgerechnet ein
Mann namens Martin Luther, Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt der
NS-Regierung, nimmt am 20.1.1942 an der so genannten Wannsee-Konferenz in
Berlin teil, auf der die "Endlösung der Judenfrage" endgültig beschlossen wird,
die Exekution aller Juden in Europa. Martin Luther
trägt im Auftrag des
NS-Außenministeriums bei diesem Anlass ein Memorandum mit dem Titel "Wünsche und
Ideen des Auswärtigen Amtes zur vorgeschlagenen Gesamtlösung der Judenfrage in
Europa" vor. (zit. nach Wikipedia: Stand: 20.1.2012)
Judenverfolgung mit evangelischen Mitteln
Die vom evangelischen Prediger Adolf Stöcker
gegründete Christlich-Soziale Partei fordert 1903 "die Verdrängung des jüdischen
Einflusses auf allen Gebieten öffentlichen Lebens"
und das Verbot der
Einwanderung von Juden. Stöcker vertritt eine Diskriminierung
und Verfolgung auf so genannte "christliche" Art, wie sie typisch für
evangelische Kirchenmänner ist. Stöcker, evangelischer Theologe und Leiter der
Stadtmission in Berlin, schreibt 1885 an den Theologen Friedrich von Bodelschwingh
"den Älteren": "Ich habe gegen die Juden nicht einmal eine Antipathie,
ich habe sie als Volk der Verheißung lieb. Wenn ich darüber rede, mache ich auch fast
immer mit den rechtschaffenen und bescheidenen Juden eine Ausnahme. Aber im ganzen ist es
doch so, dass das moderne Reformjudentum ´unser Unglück` ist ..." (zit. nach
Röhm/Thierfelder, Juden-Christen-Deutsche; Band 1, Calwer Taschenbuchverlag, Stuttgart
1990, S. 52; insgesamt 5 Bände, 1990-1995)
Der kirchliche Antisemitismus prägt die deutschnationalen antisemitischen
Sammlungsbewegungen um die Jahrhundertwende. Die deutschnationale Fraktion
der späteren Weimarer Nationalversammlung schmückt ihr Sitzungszimmer mit dem
Porträt des evangelischen Predigers und Antisemiten Adolf Stöcker (Juden-Christen-Deutsche 1,
a.a.O., S. 54).
1910
Der junge Adolf Hitler ist noch kein Antisemit. Er spricht anerkennend von der "jüdischen Tradition", schätzt den jüdischen Hausarzt seiner Familie, wird als Maler beruflich vor allem von Juden gefördert und bevorzugt sogar den Umgang mit seinen jüdischen Freunden und Bekannten, die ihn vielfach unterstützen und ihm aus Notlagen heraushelfen. Adolf Hitler würdigt auch die Leistung jüdischer Komponisten und verteidigt den von Antisemiten angegriffenen jüdischen Schriftsteller Heinrich Heine. Auch erwähnt Hitler später nie ein schlimmes Erlebnis mit Juden (nach Brigitte Hamann, Hitlers Wien, Lehrjahre eines Diktators, München 1996, Taschenbuchausgabe 1998, S. 265.496-500).
1912
Adolf Hitler bewundert Martin
Luther
als das "größte deutsche Genie".
"Die wahre deutsche Religion sei der Protestantismus"
Nach
Augenzeugenberichten "verehrt" Adolf Hitler aber auch Martin Luther, wie Rudolf
Hanisch, einer der Mitbewohner im Wiener Männerheim dem Mährischen Illustrierten
Beobachter 1935 mitteilt. Luther habe nach Hitlers Überzeugung Deutschland von
Rom zurück zum echten Germanentum geführt
(nach Brigitte Hamann, a.a.O., S. 271.358).
Die Hitler-Biografin Brigitte Hamann schreibt weiter:
"Laut Hanisch
meinte H. [Hitler] im Männerheim, die wahre deutsche Religion sei der Protestantismus. Er
habe Luther als das größte deutsche Genie bewundert" (Brigitte Hamann,
a.a.O., S. 358).
Den Antisemitismus Luthers teilt Hitler aber 1912 und in den folgenden
Jahren noch nicht.
1918
Adolf Hitler erklärt:
1918 ist die Öffentlichkeit noch kaum antisemitisch
Die Biografin
Brigitte Hamann geht davon aus, dass sich Hitler um das Jahr 1918 zum
Antisemiten wandelt. Für das Jahr 1918, gegen Ende des 1. Weltkriegs, stellt
sich Adolf Hitler selbst bereits als kämpferischen Antisemiten dar. In seinem
Buch Mein Kampf schreibt er rückblickend auf das Jahr 1918:
"Im Jahre 1918 konnte von einem planmäßigen Antisemitismus gar keine Rede sein.
Noch erinnere ich mich der Schwierigkeiten, auf die man stieß, sowie man nur das Wort
Jude in den Mund nahm. Man wurde entweder dumm angeglotzt oder man erlebte heftigsten
Widerstand. Unsere ersten Versuche, der Öffentlichkeit den wahren Feind zu zeigen,
schienen damals fast aussichtslos zu sein, und nur ganz langsam begannen sich die Dinge
zum Besseren zu wenden ... Jedenfalls begann im Winter 1918/1919 so etwas wie
Antisemitismus langsam Wurzel zu fassen ..."
Anmerkung:
Bei seiner Wandlung vom jungen Mann, der Juden bevorzugt und jüdische Freunde
hat, zum kämpferischen Antisemiten folgt Adolf Hitler einem seiner größten
damaligen Vorbilder, Martin Luther (siehe 1912).
Im Jahr 1923 wird Martin Luther von Adolf Hitler mit den Worten gelobt:
"Luther war ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung,
sah den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen"
(Adolf
Hitler in: Dietrich Eckart, Der Bolschewismus von Moses bis Lenin, Zwiegespräche zwischen Adolf Hitler und mir, München
1924, S. 35).
Zu den Antisemiten zählen auch die meisten evangelischen Pfarrer, die durch ihr Amt, ihr Ansehen und ihren Anspruch, mit "Gott" in Verbindung zu stehen, einen entscheidenden Beitrag für den Durchbruch des Antisemitismus leisten. In den evangelischen Kirchengemeinden werden "Judenvorträge" veranstaltet, so am 4.2.1921 in München-St. Matthäus, der evangelischen Hauptkirche der Stadt. Das Thema dort: Der Christ und der Antisemitismus. Einer der beiden Gemeindepfarrer bekennt sich offen zum Antisemitismus, der andere, der spätere Münchner Dekan D. Friedrich Langenfaß, stellt ebenfalls antisemitische Thesen auf. Er sagt: "Denn mit zunehmender Bitterkeit machte unser Volk seine Beobachtungen, im Feld und daheim, an den jüdischen Mitbürgern ... in diesen Kreisen sah man kaum einen, der wie die ehrlichen Deutschen unterernährt war" (zit. nach Björn Mensing, Pfarrer und Nationalsozialismus, Göttingen 1998, S. 74). Pfarrer Friedrich Langenfaß fordert allerdings Judenmission statt Judenverfolgung. In der anschließenden Diskussion bekommen die Redner uneingeschränkte Zustimmung.
Für den Anwachsen des Antisemitismus sind auch die evangelischen Zeitungen und Zeitschriften entscheidend mitverantwortlich (vgl. dazu unten). Der Kirchenhistoriker Carsten Nicolaisen schreibt über die evangelische Presse: "Die evangelischen Sonntagsblätter nach dem Ersten Weltkrieg sind geradezu eine Fundgrube für die antisemitische Orientierung des deutschen Protestantismus" (zit. nach: Er liebte seine Kirche, Bischof Hans Meiser und die bayerische Landeskirche im Nationalsozialismus, München 1996, Hrsg. Johanna Haberer, S. 49; vgl. dazu eine Fülle von Material in der unveröffentlichten Doktorarbeit von Ino Arndt, Die Judenfrage im Lichte der evangelischen Sonntagsblätter von 1918-1933, Tübingen 1960; als Maschinen geschriebenes Manuskript über Fernleihe erhältlich).
Evangelische bzw. evangelisch geprägte Schulen dienen
ebenfalls als Nährboden für Antisemitismus und
Nationalsozialismus, z. B. das Gymnasium Windsbach mit angeschlossenem
"Pfarrwaisenhaus". Trotz des Namens "Waisenhaus" ist es ein Wohnheim
auch für alle Pfarrer-Söhne, nicht nur für die "Waisen".
Im evangelischen Religionsunterricht der Schule werden schon in den 20-er Jahren die
Schüler angewiesen, militaristische deutschnationale Flugblätter zu verteilen.
Björn Mensing schreibt in seiner Doktorarbeit, "... dass die vom Progymnasium
und insbesondere vom Pfarrwaisenhaus vermittelte ´vaterländische`,
nationalprotestantische, militaristische und völkische Haltung mit ihren antisemitischen
und antidemokratischen Ressentiments bei den Zöglingen einen fruchtbaren Boden für den
Nationalsozialismus bereiten ... Die wenigen jüdischen Mitschüler wurden teilweise
angefeindet und isoliert; es herrschte eine antisemitische Grundstimmung"
(Mensing, a.a.O., S. 35 ff.).
Anmerkung: Am 6.6.1936 wird das
evangelisch-lutherische Gymnasium als Anerkennung für die geschlossene
Mitgliedschaft der Schüler in der HJ die Genehmigung zur Führung der HJ-Flagge erhalten.
Nach dem 2. Weltkrieg entsteht aus den Reihen des Pfarrwaisenhauses und des
lutherischen Gymnasiums Windsbach der Windsbacher Knabenchor, nach Aussagen von
ehemaligen Schülern ein "Kinder-KZ". Mehrere Schüler bringen sich um. Ein
ehemaliger Schüler schreibt über seine Schülerzeit in Windsbach in der
Bundesrepublik Deutschland in den 60er- und 70er-Jahren: "Fehler
und Schwächen waren nicht erlaubt. In den Schlafsaalgruppen gab es
Obergruppenführer und Untergruppenführer wie bei der HJ" (Evangelisches
Sonntagsblatt Nr. 15, 11.4.2010). Mehr dazu
hier.
1921
Evangelischer Pfarrer ruft zum Boykott auf: Kauft nicht beim Juden!
Der evangelische Pfarrer Friedrich Wilhelm Auer aus der bayerischen Landeskirche
veröffentlicht die antisemitische Studie
Das jüdische Problem. Darin ruft der Pfarrer öffentlich zum Boykott
jüdischer Geschäfte auf
(nach Clemens
Vollnhals, Evangelische Kirche und Entnazifizierung 1945-1949, München 1989, S. 123).
Anmerkung:
Zwölf Jahre später, 1933, organisiert die NSDAP - von der evangelischen Kirche
unterstützt - einen landesweiten Boykott gegen jüdische Geschäfte. 1942 will
Pfarrer Auer die Nazis sogar dazu bewegen, die Endlösung der Judenvernichtung
landesweit in einer Nacht zu vollziehen, wenn im Krieg die alliierten Angriffe
auf Deutschland nicht aufhören (vgl. Zeitablauf:
1942).
Ein evangelisches Sonntagsblatt
fordert:
Berufsverbot für Juden in der Presse
August 1921 - In Ankündigungen zum Sonntag der "Judenmission" tauchen in
evangelischen Zeitungen ab 1921 Begriffe auf wie "Fremdkörper
im Volksleben"
oder Forderungen, den Antisemitismus zu "fördern". Ino Arndt schreibt in ihrer
Doktorarbeit zu diesem Thema:
"Es muss als äußerst bedenklich erscheinen, dass die These vom
´berechtigten Antisemitismus` oder vom ´biblisch ausgewiesenen Antisemitismus` gerade
in Verbindung mit der Judenmission in evangelischen Sonntagszeitungen aufgestellt wird,
denn der Einfluss dieser These auf die Leserschaft kann nicht gering
eingeschätzt werden" (Arndt, a.a.O.,
S. 214).
1923
8./9.11.1923 - Putschversuch von Hitler und den Nationalsozialisten gegen die Demokratie stößt
auf große Sympathien in der evangelischen Kirche (nach Vollnhals, a.a.O.,
S. 122).
Der Putsch scheitert, Hitler wird verhaftet.
Ino Arndt weist in ihrer Doktorarbeit nach, wie die politische Polemik der
evangelischen Publizistik das Ansehen der Republik untergräbt (z. B. Arndt, a.a.O., S. 216).
1924
Juni 1924 - Evangelische Dekanatsbezirkssynode in München - Dekan Hermann Lembert warnt 184 Synodale vor der jüdischen Weltverschwörung.
1924 - Adolf Hitler vereinnahmt Christus für die Judenverfolgung:
"Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn"
(zit. nach Juden-Christen-Deutsche 1, a.a.O., S. 61).
Adolf Hitler: Katholiken und
Protestanten sollen gemeinsam
gegen die Juden kämpfen, den "Todfeind" des Christentums
1924 - Adolf Hitler beklagt in Mein Kampf
(siehe unten) die konfessionelle
Zerstrittenheit zwischen Evangelischen und Katholiken als Schwächung des Antisemitismus.
Versuche von Katholiken oder Evangelischen, Angehörige der jeweils anderen Konfession
überzeugen zu wollen, lehnt er ab:
"Kaum aber, dass es gelungen war, dem deutschen Volk in dieser Frage den
großen, einigenden Kampfgedanken zu schenken, als der Jude auch schon zur Gegenwehr
schritt ... Er ... hat ... den Zwiespalt gesät" zwischen "Katholizismus
und Protestantismus". "Der Jude hat jedenfalls das gewollte Ziel erreicht:
Katholiken und Protestanten führen miteinander einen fröhlichen Krieg, und der Todfeind
der arischen Menschheit und des gesamten Christentums lacht sich ins Fäustchen ..."
Adolf Hitler entwirft ein ökumenisches Zukunftsbild beider Konfessionen:
Katholiken und Protestanten sollen einander achten und schätzen und gemeinsam
gegen den Juden kämpfen.
Und der Kampf wird bald auch auf andere
Glaubensgemeinschaften ausgedehnt
(siehe z. B. Zeitablauf: Januar 1932; 9.6.1933).
"Für die Zukunft der Erde liegt aber die Bedeutung nicht darin, ob die
Protestanten die Katholiken oder die Katholiken die Protestanten besiegen, sondern darin,
ob der arische Mensch ihr erhalten bleibt oder ausstirbt ... Darum sei jeder tätig,
und zwar jeder, gefälligst, in seiner Konfession, und jeder empfinde es als seine erste
und heiligste Pflicht, Stellung gegen den zu nehmen, der in seinem Wirken, durch Reden
oder Handeln aus dem Rahmen seiner eigenen Glaubensgemeinschaft heraustritt und in die
andere hineinzustänkern versucht ..."
Hitler, der als Knabe auch Ministrant in der Klosterschule im
Benediktinerstift Lambach war, lebt diese Haltung selbst vor und bleibt
zeitlebens Katholik und zahlt immer pünktlich seinen Kirchenbeitrag, während er
ansonsten immer wieder Steuern hinterzog und bis 1933 eine nicht bezahlte
Steuerschuld von 400.000 Reichsmark anhäufte (Der Notar Klaus-Dieter Dubon,
Spiegel online, 16.12.2004). Im Buch Mein Kampf
erklärt er weiter, dass sowohl der evangelische als auch
der katholische Glaube mit dem Nationalsozialismus vereinbar ist.
"Es konnte in den Reihen unserer Bewegung der gläubige Protestant neben
dem gläubigen Katholiken sitzen, ohne je in den geringsten Gewissenskonflikt mit seiner
religiösen Überzeugung geraten zu müssen. Der gemeinsame gewaltige Kampf, den die
beiden gegen den Zerstörer der arischen Menschheit führten, hatte sie im Gegenteil
gelehrt, sich gegenseitig zu achten und zu schätzen"
(Adolf
Hitler, Mein Kampf, München 1933, 70. Auflage, S. 628 ff.).
1.9.1924 - Sitzung des Evangelischen Bundes in München. Der
Vorsitzende, Studienprofessor Konrad Hoefler, fordert den Kampf gegen das Judentum:
Der völkische Kampf gegen das Judentum sei "vollständig berechtigt und
notwendig",
"der Abwehrkampf gegen rassische und geistige Überfremdung sei christliche
Pflicht" (zit. nach Mensing, a.a.O., S. 83).
15.11.1924 - Unterzeichnung des Staatsvertrags zwischen dem Freistaat Bayern und
der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.
Obwohl die evangelische Kirche der Weimarer Republik weitgehend ablehnend
gegenüber steht, gewährt ihr der Staat umfangreiche Subventionen. Der
zugrunde liegende "Staatsvertrag" ist bis heute [2010] gültig und gewährt der Kirche jährlich
Millionenzuschüsse aus dem allgemeinen Steueraufkommen zusätzlich zur staatlich
eingezogenen Kirchensteuer und der weit gehenden Finanzierung kirchlicher
Sozialeinrichtungen (Der Staatsvertrag ist unter Nummer 110
veröffentlicht in der "Rechtssammlung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in
Bayern" im C. H. Beck-Verlag in München).
Zu den Subventionen gehören z. B. die Staatsfinanzierung der Kirchenleitung, des
konfessionellen Religionsunterrichts und der theologischen Fakultäten und weitere "vermögensrechtliche
Verpflichtungen". Der Vertrag enthält außerdem eine so genannte "Freundschaftsklausel",
worin sich der Staat verpflichtet, den Vertrag nicht ohne die Zustimmung der Kirche zu
ändern. Vergleichbare Verträge haben beide Amtskirchen auch mit anderen
deutschen Bundesländern abgeschlossen, zuletzt mit den neuen Bundesländern der ehemaligen DDR.
Anmerkung:
Diese Verträge aus den
90er-Jahren des 20. Jahrhunderts stellen einen Verfassungsbruch dar, da die
Zahlungen gemäß Grundgesetz, Artikel 140, "abzulösen" sind. Stattdessen
wurden vom Staat jedoch neue Zahlungsverpflichtungen eingegangen.
Dem Staatsvertrag mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern war am
29.3.1924 das Konkordat des Vatikan mit dem Freistaat Bayern voraus
gegangen, das quasi als Vorlage diente. Dort begingen die Politiker der noch
jungen deutschen Demokratie den ersten Verfassungsbruch zugunsten der Kirche.
Nachdem in der Weimarer Reichsverfassung in Artikel 138 festgelegt worden war,
regelmäßige vertragliche Subventionen an die Kirche "abzulösen", wurde in das
Konkordat hinein geschrieben.
"Im Falle einer Ablösung oder Neuregelung ... sichert der bayerische Staat die
Wahrung der kirchlichen Belange durch Ausgleichszahlungen zu ..."
Adolf Hitler sicherte den Großkirchen seit 1933 darüber hinaus den bequemen
Einzug der Kirchensteuer über die Arbeitgeber zu. Seither wird die Konfession
auf der Lohnsteuerkarte eingetragen und die Arbeitgeber sind zur Abführung der
Kirchensteuer verpflichtet.
7.12.1924 - Bei
der Reichstagswahl erreichte die Nationalsozialistische Freiheitsbewegung
als Vorläuferin der NSDAP 3,0 % der Stimmen.
1925/1926