DER
THEOLOGE
Nr.1
Wer folgt
Luther nach? Und wer folgt Christus nach?
Martin Luther und die evangelische
Kirche im Banne des Gottes der Unterwelt
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DER THEOLOGE Nr. 1 fragt nach den Grundlagen und dem Bekenntnis des evangelisch-lutherischen
Glaubens und veröffentlicht vielen Menschen bisher unbekannte Lehren und Verhaltensweisen
Martin Luthers.
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Inhaltsverzeichnis
War Luther ein Christ?
Prädestinationslehre und Lehre vom unfreien WillenDas evangelisch-lutherische Bekenntnis
Vom Willen Gottes im Nationalsozialismus und im jugoslawischen Bürgerkrieg
Luther: "All' ihr Blut ist auf meinem Hals!"
Als Kind in der evangelischen Kirche
Das theologische Netz
Hat Luther seinen Freund Hieronimus Buntz erstochen?Luther: "Gott henkt, rädert, enthauptet, tötet und führt den Krieg"
Das andere Gesicht der lutherischen Kirche
Freiheit und sklavischer Glaube
Keine Bevorzugung für die Kirchen
Der Journalist:
Warum beschäftigen Sie sich mit Luther?
Der Theologe: Für einen Evangelischen Theologen gehört das Wissen über Martin Luther zunächst zu
den Grundlagen der wissenschaftlichen Ausbildung.
Zu bestimmten Anlässen wie zum Beispiel dem so genannten "Lutherjahr" 1996 anlässlich des 450. Todestages
oder zur Vorstellung des Kinofilms über Luther im Jahr 2003 interessiert
sich allerdings eine größere Öffentlichkeit für den Kirchenmann. Trotz mancher Kritik wurde
dabei
überwiegend ein positives Bild dieses Mannes gezeichnet, der sich als
"Reformator" der Kirche einen Namen gemacht hat.
Schon als Student habe ich immer wieder erfahren, wie der Glaube Luthers und der in
den Kirchen heute gelehrte Glaube dem widerspricht, was Jesus lehrte und uns vorlebte
und woran ich mich orientieren wollte. Ich
geriet in schwere Glaubenskämpfe und wollte mit dem Studium aufhören. In jener Situation
entschied ich aber, weiterzumachen, in der Hoffnung, auch als Theologe und eventuell
späterer Pfarrer doch irgendwie einen ehrlichen Weg gehen zu können. In jedem Fall wollte ich
mithelfen, auf erkannte Unwahrheiten hinzuweisen und sie zu ändern.
Als ich schließlich Pfarrer war, schaute ich dazu auf das Positive im evangelischen Glauben
und bemühte mich, das "Christliche" aus der lutherischen Lehre herauszufiltern
und mein berufliches Selbstverständnis vor allem darauf zu gründen.
So glaubte ich, mit gutem Gewissen lutherischer Pfarrer sein zu können, denn die Kirche
hat nach ihrem eigenen Selbstverständnis ja auch das "Heil in Christus"
zu ihrer Mitte gemacht (z. B. laut Kirchenverfassung, Grundartikel).
Obwohl ich also
die Botschaft des Jesus von Nazareth bejahte,
blieb ich oft ein Egoist und habe mich wenig in den anderen eingefühlt. Immer
mehr spürte ich aber: Es kommt darauf an, das zu tun, was Jesus wollte. So bin
ich mit in der lutherischen Kirche also eine große Wegstrecke gegangen, doch die
Nachfolge des Jesus von Nazareth führte mich schließlich aus der Kirche heraus. Denn mir
wurde nach und nach bewusst: "Evangelisch-lutherisch" und "christlich"
sind zwei verschiedene Bekenntnisse.
Und ich wollte als Christ leben und Christus nachfolgen. So habe ich die Konsequenzen
gezogen und die lutherische Kirche verlassen.
Heute lebe und arbeite ich in einer Gemeinschaft, die es sich zum Ziel gesetzt hat, ein
Leben nach den Zehn Geboten und der Bergpredigt des Jesus von Nazareth zu führen.
Diese Gemeinschaft wird von der lutherischen Kirche heftig bekämpft, was mit dem
lutherischen Glauben zusammenhängt.
So sehe ich eine Aufgabe dieser Schrift in der Aufklärung. Und dazu gehört auch,
einmal den Glauben Luthers und den Glauben, der in den evangelischen Kirchen gelehrt wird,
ungeschönt zu betrachten.
Eines ist mir in diesem Zusammenhang noch wichtig: Jesus sagte einmal: "Zieh'
zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus
deines Bruders Auge ziehst" (Matthäusevangelium, Kapitel 7, Vers 5).
Das heißt: Wenn es hier einmal nicht um allgemeine Aufklärung über die
für die Kirche verbindliche lutherische Lehre geht, sondern um den "Splitter im Auge des
Bruders", dann ist die erste Frage gewesen: Bist du zuvor den Balken im eigenen Auge
angegangen?
WAR LUTHER EIN CHRIST?
Der Journalist: Sie sagen, "evangelisch-lutherisch" und "christlich" sind zwei
verschiedene Bekenntnisse. War Luther denn kein Christ?
Der Theologe: Ob Luthers Lehre christlich ist, entscheidet ein Vergleich mit Christus,
also ein Vergleich
mit dem Lehre und dem Leben des Jesus von Nazareth.
Die meisten Menschen, auch evangelisch Glaubende, wissen nur wenig von dem, was Luther
gelehrt und wie er gelebt hat. Sein Antisemitismus bzw. Antijudaismus wird allmählich
bekannter; ebenso seine Forderung, die Bauern im Bauernkrieg zu töten (1525). Vielen
unbekannt blieben bisher weitere Hinrichtungsaufrufe des "Reformators", zum
Beispiel gegen Menschen, die sich von den Amtskirchen lossagten, gegen als
"Hexen" verdächtigte Frauen oder gegen Kaufleute, die offenbar zu hohe Preise
verlangten.
Auch haben viele nicht gewusst, dass dieses Vorgehen mit seinem Glauben zusammenhängt.
Wesentliche Inhalte von Luthers Glauben sind zum Beispiel in der 1525
erschienenen Schrift Vom geknechteten Willen (De servo arbitrio) enthalten, die Luther in seiner
Auseinandersetzung mit dem Gelehrten Erasmus von Rotterdam verfasst hat.
Darüber ist 1982 eine Doktorarbeit erschienen, die in
deutscher Übersetzung den Titel trägt: Gegen den freien Willen Für die Gnade
Gottes" (Lateinischer
Originaltitel: Contra Liberum Arbitrium Pro Gratia Dei; Europäische Hochschulschriften,
Reihe XXIII / Bd. 188, Frankfurt 1982).
Verfasser ist Pfarrer Dr. Wolfgang Behnk, mittlerweile Kirchenrat aus München und
seit 1991 evangelischer
Weltanschauungsbeauftragter.
In seiner Promotion deckt Pfarrer Behnk Hinter- und Abgründe dieses Glaubens von Luther auf.
Dabei verwendet er ein Wort, mit dem er später als Weltanschauungsbeauftragter andere
Gemeinschaften in Verruf gebracht hat, das Wort "gefährlich".
"Gefährlich" sind für ihn in diesem Fall aber nicht andere
Glaubensrichtungen, sondern Glaubensaussagen Luthers (z. B.
Contra
Liberum Arbitrium Pro Gratia Dei; 340, 354),
und es wird noch deutlich werden,
warum.
Trotz ihrer Gefährlichkeiten erklärt der Luther-Experte Luthers Lehre aber für "letztlich
verbindlich". Und mit Jesus, dem Christus, hat diese Lehre nicht mehr viel
zu tun.
Der Journalist: Wenn ich an Martin Luther dachte, sah ich bisher immer einen Mann im mittelalterlichen Gewand, der einigermaßen Vertrauen erweckend wirkte. Was schreibt - mit wenigen Worten zusammengefasst - Luther in seiner Schrift über den von ihm gelehrten Glauben?
PRÄDESTINATIONSLEHRE UND LEHRE VOM UNFREIEN WILLEN
Der Theologe: Es geht Martin Luther um die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Gott; um die Sehnsucht des
Menschen, sein "Heil" zu finden; um sein Verlangen, Gott zu begegnen.
Luther glaubt, weil Gott allmächtig sei, bewirke er alles, was geschieht. Angesichts
dieser "Alleinwirksamkeit Gottes" fragt er sich, ob der Mensch einen freien Willen haben
könne. Luther verneint dies.
Weiterhin fragt Luther, ob Gott, der alles weiß, auch alles vorherbestimmt - im Guten wie
im Bösen. Luther bejaht dies, und die Kirche nennt dies Prädestinationslehre
(Ausführlicheres dazu siehe in
Der Theologe Nr. 49).
Luther erklärt in diesem Zusammenhang sogar, Gott habe die
einen Menschen zur ewigen Seligkeit vorherbestimmt und die anderen zur ewigen Verdammnis.
Für die zweite Gruppe heißt das zugleich: Der Mensch hat während seines Lebens keine
Chance, aus freiem Entschluss umzukehren. Dies wäre auch gar nicht möglich, denn der
Mensch besitzt ja - so die vorangegangene These Luthers - gar keinen freien Willen.
Der deshalb als "geknechtet" bezeichnete menschliche Wille wird zur
Verdeutlichung mit einem "Reittier" vergleichen, auf dem entweder Gott oder der
Satan sitzt.
Und beide, Gott und Satan, verfügen über den Menschen, mit meinen Worten gesprochen, wie
über einen "Sklaven", je nachdem, wer auf dem "Reittier"
sitzt, wobei der Teufel von Gott auch als Instrument benützt wird. Tut ein Mensch Gutes,
oder tut er Böses, nie tut er es jedenfalls aus freiem Willen. Denn alles, was geschieht,
ob wir es als gut oder böse empfinden, ist - so Luther - ausschließlich das Wirken
Gottes in der Welt.
So weit einmal, mit wenigen Worten zusammengefasst, wesentliche Inhalte der
Schrift Vom
geknechteten Willen. Wörtlich heißt es in dieser Schrift: "Auf diese Weise
ist der menschliche Wille mitten zwischen beide [in medio] gestellt, ganz wie
ein Reittier, wenn Gott darauf sitzt, will er und geht, wohin Gott will, wie der
Psalm sagt: ´Ich bin wie ein Zugtier geworden und ich bin immer mit dir` [Ps 73,
22f.]. Wenn der Satan darauf sitzt, will er und geht, wohin der Satan will. Und
er hat nicht die Entscheidungsfreiheit [in eius arbitrio], zu einem der Reiter
zu laufen oder ihn zu suchen, sondern die Reiter selbst streiten darum, ihn
festzuhalten und zu besitzen" (WA 18, S. 635).
Wenn jemand mit diesem Glauben Mühe hat, wird er von Luther auf die angeblichen "Geheimnisse" Gottes
verwiesen; eines Gottes, welcher sich nicht nur offenbare, sondern eben auch in
bestimmten
Geheimnissen verberge.
Der Journalist:
Das ist ja eine furchtbare Vorstellung, wenn ich mich nicht z. B. für Gott
oder für die böse Macht entscheiden könne, sondern wenn ich sozusagen ein
Spielball jenseitiger Mächte wäre.
Der Theologe
Und dass solche und ähnliche Gedankengebäude nicht nur theologische Theorien
sind, machte auf eine erschreckende Weise z. B. die 44-jährige US-Amerikanerin
Marie Moore deutlich. Sie erschoss ihren 24-jährigen Sohn und brachte sich dann
selbst um. Und in ihrem Abschiedsbrief heißt es: "Eigentlich
bin ich ein guter Mensch, doch der Teufel und Gott haben den schlimmsten
Menschen aus mir gemacht. Ich schäme mich so. Ich habe solche Angst. Ich werde
immer dafür zahlen“ (zit. nach Bild, 8.4.2009).
Martin Luther meinte allerdings, der Mensch solle nicht so viel über diese Dinge nachdenken, sondern
stattdessen dankbar
glauben, dass er zu denen gehöre, die Gott aus freien Stücken rette.
Luther selbst hat sich in diesem Zusammenhang an seiner eigenen Säuglingstaufe
festgehalten. Er und mit ihm die lutherische Kirche sind der Überzeugung, dass bei solchen
Anlässen Gott "heilswirksam" an den Menschen handle, obwohl es sich
hier ausschließlich um ein menschliches Tun handelt (mehr zur Taufe in
Der Theologe Nr. 40).
GLAUBEN UND TUN
Der Journalist: Sie sprechen vom "unfreien Willen". Aber Luther hat doch auch eine Schrift mit dem Titel Von der Freiheit eines Christenmenschen geschrieben?
Der Theologe: Diese ist 1520 erschienen, also
etwa fünf Jahre vor der Schrift über den "geknechteten Willen", und hier ist mit
"Freiheit" etwas anderes gemeint.
Bekannt geworden ist vor allem die Grund-These, dass ein "Christenmensch"
sowohl "ein freier Herr" sei als auch ein "dienstbarer Knecht"
sei und "niemand" bzw. "jedem" "untertan"
sei (Weimarer Ausgabe der Lutherschriften = WA; 7, 20 f.).
Mit "Freiheit" meint Luther aber nun nicht eine äußere politische
Freiheit oder eine innere Freiheit, z. B. eine Willensfreiheit, sondern
einzig die Freiheit, im Hinblick auf das Seelenheil nichts tun zu müssen.
Für das Heil genüge angeblich alleine der Glaube an eine Vergebung aller Sünden durch
Christus.
Wie ist es zu dieser Aussage gekommen?
Luther kritisierte zunächst das selbstsüchtige Kreisen um das eigene Heil, welches bei
vielen Menschen zu einem Leistungsdruck beim Tun bestimmter "guter Werke" führe.
Er hatte selbst Erfahrungen mit diesem Thema, und er lehrt schließlich, "dass
ein Christenmensch am Glauben genug hat" und dass er "gewisslich
von allen Geboten und Gesetzen entbunden" sei.
Zwar sagt Luther, dass dies nicht bedeute, "dass wir müßig gehn oder
übel tun können", und er nennt in Anlehnung an Paulus gute "Werke" "erste Früchte des Geistes". Auch spricht er davon, dass die Absicht
des Christen "in allen Werken nur dahin gerichtet sein" soll, "dass
er andern Leuten damit diene". Wie viel Positives der Mensch dann aber letztlich tut oder unterlässt, ist für den neuen
evangelischen Glauben nicht entscheidend. So hält Luther zwar die "Werke" weiterhin für "geboten",
versteht sie als Folge des von ihm gelehrten Glaubens und erklärt zum Beispiel in seinem
Katechismus in diesem Sinne sein Verständnis der 10 Gebote.
Entscheidend ist aber, dass "ihm [dem Menschen] derselben Werke keines zur Frömmigkeit
und Seligkeit not ist".
Anders gesagt: Der Mensch könne durch sein Tun nicht zu Gott finden. Darauf kommt es
Luther an.
Der Journalist: Wenn das stimmen würde, warum hat Jesus von Nazareth dann so etwas nicht gesagt? Und wieso standen die 10 Gebote dann im Mittelpunkt des Bundes, den die Israeliten mit Gott am Berg Sinai geschlossen haben?
Der Theologe: Jesus hat in der Bergpredigt den Weg zu Gott gezeigt, indem er die Gebote erklärt und
vertieft hat.
Im Einklang mit ihm lehren Luther und die lutherische Kirche zunächst, dass sich niemand aufgrund
seiner "guten Werke" "rühmen" soll.
Wer dies tue bzw. bereits von den Menschen dafür gelobt werde, der habe, so Jesus, seinen
Lohn schon bekommen (z. B. Bergpredigt, Matthäusevangelium; 6, 1-4).
Das übrige der lutherischen Lehre stimmt aber nicht mit Christus überein.
So sagt Martin Luther: "... wenn er [der Mensch] nicht zuvor
glaubte und Christ wäre, so gälten alle seine Werke nicht, sondern wären eitel
närrische, verdammliche Sünden" (Von der Freiheit eines Christenmenschen, WA 7).
Und die Werke, so heißt es auch im bis heute gültigen evangelischen Bekenntnis, gefallen Gott "allein
in den Gläubigen" (Augsburger Konfession = CA; XX).
Die "guten Werk ohn Glauben" aber, so heißt es dort weiter, gefallen Gott nicht, sie seien "Sund",
also Sünde, was noch einmal deutlich macht, dass es bei der evangelischen Lehre nur
auf diese Art des Glaubens ankommt ...
Und während man in der evangelischen Kirche heute manchmal sagt, dass man ja
nicht jeden Glaubenssatz von Martin Luther in die gültige Kirchenlehre übernommen habe,
so ist die Augsburger Konfession demgegenüber bis heute eine verbindliche
Lehrschrift für alle evangelisch-lutherischen Kirchen. Zudem zählt Luthers
Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen bis heute in diesen
Kirchen unumstritten zu den "reformatorischen Hauptschriften", und man hat sich von keiner der
dort getroffenen Aussagen distanziert. So können diese zwar nicht im engen dogmatischen
Sinne, aber doch praktisch zum aktuellen evangelischen Bekenntnis hinzugerechnet werden.
Zusammenfassend kann man sagen: Martin Luther und die lutherischen Kirche lehren, dass es für das
Seelenheil nur auf den rechten Glauben ankomme.
Anders ist es bei Jesus von Nazareth. Im Gleichnis vom Weltgericht (Matthäusevangelium,
Kapitel 25) haben die "Geretteten" zuvor richtig gehandelt und haben nicht
einmal gewusst, dass ihr Tun etwas mit Christus zu tun hatte. Um einen
bestimmten Glauben ging es bei Jesus nicht.
Und auch sonst sagen Mose und Jesus deutlich, dass es auf das Tun ankommt. Davon, dass der
Glaube an die Vergebung aller Sünden aufgrund des Glaubens an Christus allein genügen
soll, spricht Jesus nicht.
Auch nicht davon, dass es einen Zorn Gottes gibt, der gesühnt werden müsse, um das
Geschenk des ewigen Heils zu ermöglichen. Und auch davon nicht, dass der einzige Weg zu
diesem Geschenk sei, dass er, Jesus, zuvor gewaltsam stirbt. In der Bergpredigt im
Matthäusevangelium kann jeder nachlesen, wie Jesus den Weg zum "Heil"
zusammenfasst:
Es heißt: "Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das
Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel"
(7, 21; siehe auch V. 12 und 24). Oder Jesus sagt laut dem Lukasevangelium über die Gebote der
Gottes- und Nächstenliebe: "Tu das, so wirst du leben"
(10, 27).
Es geht also nicht um den "Glauben allein", sondern um das Tun
(siehe dazu auch "Der Theologe Nr. 35"
- Gefährliche Rechtfertigungslehre).
CHRISTUS ODER PAULUS?
Der Journalist: Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich als Kind die 10 Gebote gelernt habe. Für mich waren diese Gebote das Wesentliche am christlichen Glauben.
Das Wesentliche ist, die Gebote auch zu halten. Was nützt die evangelische Erklärung, das Halten der Gebote sei eine Frucht des Glaubens und diene dem Lob Gottes, wenn die Gebote dann nicht gehalten werden?Der Journalist: Hat Luther mit seiner Lehre somit die Hemmschwelle herabgesetzt, gegen die Gebote zu verstoßen?
Der Theologe: Bis zum Auftreten Luthers wurde in den Kirchen ja meistens gelehrt, dass der Mensch
durch die Befolgung der Gebote etwas zu seinem Heil beitragen könne.
Der Theologe Behnk stellt nun in seiner Arbeit fest, dass Luther bemüht ist, diese sich
auf den freien Willen des Menschen stützende Lehre "als
theologisch völlig unhaltbar zurückzuweisen" (a.a.O., 329).
Ob damit die Hemmschwelle herabgesetzt wird oder nicht, zeigt sich dann im Verhalten der
evangelisch Glaubenden.
Der Journalist: Wieso beruft sich Luther auf Christus, wenn Christus es anders lehrt?
Der Theologe: Luther sagt zwar, entscheidend sei,
"was Christus treibet". Wenn man
aber nachfragt, bezieht er sich gar nicht wirklich auf Christus, sondern auf das
Christusverständnis von Paulus, der eben
anders als Christus lehrte, "durch den Glauben" werde der Mensch "gerecht"
(Brief an die Römer; 3, 28).
Von Paulus hat Luther auch die Lehre abgeleitet, dass Gott zu den einen gnädig ist, die
anderen jedoch verstockt und verdammt (Brief an die Römer, Kapitel 9).
Paulus wiederum glaubte, solches aus den Schriften des so genannten "Alten"
Testaments ableiten zu können.
Und auf Paulus berief sich auch der in beiden Großkirchen als rechtgläubig
hochgeschätzte Kirchenvater Augustin (354-430), der ebenfalls solches lehrte, und an
dem sich auch Luther als "Augustiner"-Mönch orientierte. Mit Jesus und
dem christlichen Glauben hat ein solcher Glaube aber nichts zu tun.
Einig sind sich Jesus und Paulus, dass die vielen hundert jüdischen Gesetzesvorschriften,
z. B. im "Alten" Testament, nicht zu Gott führen - doch aus
unterschiedlichen Gründen. Weil Priester dort vielfach
Texte fälschten und ihre Lehre als "Wort Gottes" ausgaben, stellte Jesus dies richtig, z. B.
in der Bergpredigt. Anders als Jesus erkannte Paulus aber alle Gesetzesvorschriften als
Gotteswort an, lehrte aber stattdessen das Heil durch "Glauben", weil
niemand die Vorschriften alle erfüllen könne (siehe dazu
"Der Theologe Nr. 5": Wie Paulus die
Lehre des Jesus veränderte). Luther geht gedanklich noch einen Schritt weiter und
lehnt nicht nur die Ethik des "Alten Testaments", sondern auch die Ethik des
Jesus von Nazareth als Weg zu Gott ab, nämlich das schrittweise
Erfüllen der Bergpredigt. (Paulus hat diese vermutlich noch gar nicht gekannt.)
Luther akzeptiert
das Erfüllen der Lehre von Jesus nur als "Frucht" des Glaubens.
Problematisch ist, dass er diese Lehre zudem vielfach entstellt und in ihr
Gegenteil verkehrt, worauf die
zahlreichen Widersprüche zu Jesus hinweisen (vgl.
"Der Theologe Nr. 3": So spricht Martin Luther - So
spricht Jesus von Nazareth). Und um seine eigene Lehre zu bekräftigen, verändert
bzw. verfälscht Luther
sogar den oben genannten biblischen Paulustext und fügt in seiner "Übersetzung" das Wort "allein"
hinzu. So heißt es in Luthers Übersetzung, "allein durch den Glauben"
werde der Mensch gerecht. Im Original-Paulus-Text steht nur: "Durch den Glauben".
Der Journalist: Was lehrt uns Jesus von Nazareth über Gott? Wo liegen weitere Unterschiede zu Luther?
Der Theologe: Jesus spricht anders über Gott als Luther. Er hat den Menschen immer wieder die
unendliche Liebe Gottes nahe bringen wollen.
So vergleicht er Ihn zum Beispiel im Gleichnis vom "verlorenen Sohn" mit einem
liebenden Vater, wie es im Lukasevangelium nachzulesen ist (Kapitel 15).
Der Vater hatte den Sohn nie aus dem Herzen gelassen und ihm die Türe immer offen
gehalten. Allein der Sohn entschied über sein Fernbleiben oder seine Rückkehr.
So reicht Gott jedem Seiner Kinder zu jedem Zeitpunkt die Hand, und für keinen der Söhne
und Töchter gibt es dabei ein ewiges Zu-spät, auch wenn der Mensch lange und
schmerzhafte Umwege geht.
Jesus weiß dabei um das Gesetz von Saat und Ernte, wonach die Menschen ernten, was sie gesät
haben.
Doch gerade im Leid ist der barmherzige Gott , wie Ihn Jesus lehrt, ganz nahe, was auch Jesus durch sein Leben
zeigen möchte. So hilft Gott auf vielfältige Art, auch durch Menschen wie den bekannten
"Samariter", der sich für den ausgeraubten und verletzten Mann auf der Straße
Zeit nimmt und ihn versorgt (Lukasevangelium, Kapitel 19).
Beim Lesen von Luthers Schrift Vom geknechteten Willen bekommt man
aber ein
anderes Verständnis von Gott. Luther vergleicht Gott hier mit einem Reiter, der sich auf
sein Kind setzt und es dorthin reitet, wohin er - dieser Gott - will.
Das Kind reitet also nicht dorthin, wohin es selbst will. Und dieser stattdessen auf ihm
reitende Gott, dem das Kind ausgeliefert ist, meint es nicht unbedingt gut mit dem
Menschen, er "treibt" ihn eventuell "regelrecht dorthin",
dass er sich "in das Böse verstrickt" (Behnk,
a.a.O., 336).
Der heutige lutherische "Sektenbeauftragte" macht darauf aufmerksam, dass der menschliche Wille in diesem Zusammenhang nicht
mehr "von innen her bewegt, sondern als von außen her besessen illustriert
wird" (340).
So lehrt also Luther, dass kein Mensch, auch nicht der Christ, einen freien Willen
besitzt, dass der Mensch stattdessen von einem der beiden Reiter geritten bzw. besessen
wird: Gott oder Teufel.
DAS EVANGELISCH-LUTHERISCHE BEKENNTNIS
Der Journalist: Lehrt das die evangelische Kirche heute immer noch?
Der Theologe:
Die entstehende evangelische Kirche hat dies unter dem Einfluss von Luthers
Wittenberger Theologen-Kollegen Philipp Melanchthon (1497-1560) schon im 16.
Jahrhundert gemildert und in der Augsburger Konfession das Zugeständnis gemacht, dass der Mensch wenigstens in den
"Dingen" frei ist, "so die Vernunft begreift" (CA XVIII).
Auch Luther hatte bereits Hinweise in diese Richtung gegeben.
In den entscheidenden Schicksalsfragen hat die Kirche aber Luthers Lehre vom geknechteten
Willen bestätigt und in ihre auch heute noch gültigen Bekenntnisschriften aufgenommen.
Demnach gilt in der evangelisch-lutherischen Kirche bis heute, "dass der
freie Wille und Vernunft in geistlichen Sachen nichts vermag" (Apologie XVIII).
Nötig dafür sei der "heilige Geist", wozu es die Institution Kirche
brauche.
Denn um den "heiligen Geist" zu bekommen, hätte Gott "das
Predigtamt eingesetzt, Evangelium und Sakrament [ge]geben, dadurch er als durch Mittel den
heiligen Geist gibt, welcher den Glauben, wo und w(e)[a]nn er will, in denen, so
das Evangelium hören, wirket ..." (CA V)
Der Mensch kann also ohne kirchliche Taufe, ohne Predigt des Pfarrers und ohne kirchliches
Abendmahl den "heiligen Geist" nicht vermittelt bekommen.
Diesen braucht er aber, damit dieser in ihm wiederum den Glauben bewirke, der nötig sei,
um gerettet und nicht ewig verdammt zu werden.
Frei entscheiden könne sich der Mensch für diesen Glauben aber nicht, wobei man sich
wieder auf Paulus beruft, der in einem Brief an die Gläubigen im griechischen Korinth
schrieb: "Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes" (1. Brief
an die Korinther, Kapitel 2 / CA XVIII).
Gemäß dem lutherischen Bekenntnis bewirke stattdessen der kirchlich vermittelte
"heilige Geist" den heilsnotwendigen Glauben.
Die Schlussfolgerung daraus wäre: Eine Loslösung von diesem Glaubenssystem würde ihn in
die ewige Katastrophe führen. So wird der Mensch an die Kirche gekettet.
Der Journalist: Gilt also bis heute in der evangelisch-lutherischen Kirche auch der Glaube an die ewige Verdammnis?
Der Theologe: Zwar wird heute nicht mehr gelehrt, dass Gott bestimmte Menschen zur ewigen Verdammnis
vorherbestimmt. Er sehe aufgrund seiner Allwissenheit nur noch voraus, wer ewig verdammt
wird, so wie er grundsätzlich alles vorhersieht, was geschieht (z. B. CA XVII in
Verbindung mit der Konkordienformel, Epitome XI).
Doch an der ewigen Verdammnis als Gericht hält die evangelisch-lutherische Lehre bis
heute fest.
Demnach würde Christus selbst zum Gericht wiederkommen.
Es heißt: "Unser Herr Jesus Christus" wird "die
gottlosen Menschen ... in die Hölle und ewige Strafe verdammen" (CA XVII).
Dieses angebliche Urteil erscheint dadurch verständlicher, dass auch die andere These
Luthers abgeändert wurde, wonach Gott, alleinwirksam, auch das Böse bewirke und sich der
Mensch nicht für das Böse entscheiden könne. Dies könne er eben doch. Nach der
Korrektur durch die Bekenntnisschriften wirke Gott nur noch "alleinwirksam" zum Heil.
Für das Böse gilt wiederum der Glaube: Der Mensch entscheidet sich dafür mit dem freien
Willen, wenn auch derselbe "völlig pervertiert ist" (Behnk,
a.a.O., 393).
Nach der Korrektur kann man also wieder folgern, der Mensch habe es doch selbst zu
verantworten, wenn er ewig verdammt wird.
Der Journalist
: Wenn ich das, was Sie gerade erklärt haben, mit dem vergleiche, was ich von Jesus von Nazareth weiß, dann könnte man fragen: Wer folgt Luther und seinen "Korrektoren" nach, und wer folgt Christus nach?Der Theologe: Und um diese Frage beantworten zu können, muss man eben ungefähr wissen, was "lutherisch" und was "christlich" ist.
Der Journalist: Ich habe den Eindruck, viele, die sich "evangelisch-lutherisch" nennen, kennen viele Grundlagen ihres Glaubens überhaupt nicht. Sie möchten zum Beispiel das Gebot der Nächstenliebe erfüllen und bleiben deshalb Kirchenmitglieder. Doch sie wissen nichts Näheres darüber, wo sie da hineingeraten sind.
Der Theologe: Den meisten Angehörigen der lutherischen Kirche ist ihr Glaube, auf den sie getauft
und konfirmiert sind, tatsächlich kaum bekannt. Sie kennen, wenn überhaupt, nur die
Oberfläche - in der evangelischen Kirche zum Beispiel die Sätze: "Allein der Glaube
an Christus" genüge, wir seien "gerechtfertigt allein durch Christus", oder
"allein die Bibel" genüge zur Wahrheitsfindung.
Wenn man aber einmal nachfragt, was sich hinter diesen Sätzen verbirgt, stößt man sehr
bald auf die dunklen Seiten dieses Glaubens, zum Beispiel auf die in alle Ewigkeit
getrennten zwei Gruppen von Menschen, die Geretteten und Verdammten.
Dies alles ist aber, wie gesagt, den wenigsten Kirchenangehörigen bewusst.
Sie sind in ihrer Information über ihren Glauben auf das angewiesen, was sie in ihrer
Kinder- oder Jugendzeit hörten und sich gemerkt haben. Ansonsten erhalten sie ihr Wissen
mehr oder weniger zufällig, je nachdem, welche Informationen über Kirche sie eventuell
aus den Medien erfahren bzw. in Büchern über "Kirche" lesen.
Oder, wenn sie kirchliche Gottesdienste bzw. Veranstaltungen besuchen, was sie gerade von
dem betreffenden Pfarrer oder anderen Sprechern hören.
Schließlich mag sich jeder Protestant auf seine Art um ein Leben in
"Nächstenliebe" bemühen, was aber, wie gerade besprochen, nicht
entscheidend sei.
Verbindliche Maßstäbe gibt es außerdem nicht. Vieles wird einmal so interpretiert, das andere Mal
so.
Selten stößt man dabei auf die Grundlagen des evangelischen Glaubens, wozu vor allem
gehört, dass es in Glaubensdingen keinen freien Willen gibt.
VOM WILLEN GOTTES IM NATIONALSOZIALISMUS
Der Journalist: Der große Unterschied liegt also in der neuen Lehre vom geknechteten, unfreien Willen. Was heißt das nun praktisch? Könnten Sie ein Beispiel nennen?
Der Theologe: Ein Beispiel ist in den
Nachrichten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern,
Ausgabe 1/1997, nachzulesen.
Dort ist zu diesem Thema ein "Grundtext" mit dem Titel Gottes unfassbarer
Wille veröffentlicht, in dem der evangelische Theologieprofessor Dr. Hans Schwarz
an Beispielen aus der Geschichte aufzeigt, wie Gott gemäß dem evangelischen Glauben
angeblich den menschlichen Willen in Besitz nimmt und welche Fragen sich daraus ergeben.
Schwarz geht dabei auf die Vorstellungen Luthers ein, dass Gott angeblich einen bereits
böse vorgefundenen Willen für seine Alleinwirksamkeit im Bösen benutze, schreibt aber
nichts darüber, wie denn dieser bereits vorher böse Willen böse geworden sei.
Es heißt: "Aber warum würde Gott einen bösen Willen auf das Böse hinbewegen?
Warum sollte er den Willen der Nationalsozialisten bei ihrem Versuch
vorantreiben, die Juden auszurotten? Warum stachelte er die Kriegsparteien im
ehemaligen Jugoslawien an, eine Untat nach der anderen zu begehen? Und warum
bewegte er die Juden und die Römer dazu, Gottes eigene Menschwerdung zu töten.
Luther weiß keine Antwort auf diese Fragen und gibt auch nicht vor, eine zu
kennen. Er gesteht einfach ein: ´Dies gehört zu den Geheimnissen seiner
Majestät, wo seine Urteile unfassbar sind (Röm. 11, 33). Es ist nicht unsere
Aufgabe, diese Frage zu stellen, sondern diese Geheimnisse anzubeten.`"
Und an späterer Stelle zitiert dieser Grundtext Luther mit den Worten, "dieses
höchste Geheimnis der göttlichen Majestät ist für ihn [Gott] allein bestimmt und
uns verboten".
Die Schlussfolgerung dieses Textes von 1997 besteht dann darin, dass Luther sich hat
"hinreißen lassen, über den verborgenen Willen Gottes mehr zu sagen als angebracht
erscheint; damit werden dann aber auch wir daran erinnert, dass uns die Spekulation über
das uns Unzugängliche, selbst wenn sie uns nichts einbringt, oft mehr interessiert als
das Nachdenken über das, was uns Gott zu unserer Lebensorientierung anbietet."
So also der lutherische Theologieprofessor heute.
Der Journalist: Wenn ich höre, wie über das Handeln Gottes bei der Judenverfolgung oder im jugoslawischen Bürgerkrieg gedacht wird, dann verstehe ich besser, warum viele Menschen der Kirche enttäuscht den Rücken kehren oder sich verbittert weigern, bei einem solchen Glauben länger mitzumachen.
Der Theologe: Mich erinnert diese Glaubenshaltung an ein schlimmes Verbrechen, bei dem jemand anschließend den Tatort umstellt. Jeder der versucht, am Tatort nach Spuren zu suchen und das Verbrechen aufzuklären, wird von den Posten wieder weggeschickt. Damit aber nicht genug. Die Posten kritisieren diese nach Aufklärung suchenden Menschen auch wegen ihrer Fragen und machen ihnen stattdessen den Vorschlag, in einiger Entfernung vor dem Ort des Verbrechens niederzufallen und das Geschehene als Geheimnis anzuerkennen und anzubeten.
Der Journalist: Nun gibt es ja viele Interpretationen und Deutungen. Wenn ich mich einmal selbst davon überzeugen will, was Luther geschrieben hat - wo kann ich das nachlesen?
Der Theologe: Zahlreiche Schriften Luthers können bei Hans-Jürgen Böhm nachgelesen werden in: Die Lehre Luthers - ein Mythos zerbricht, gratis erhältlich beim Herausgeber (Postfach 53, 91284 Neuhaus). Böhm hat Schriften Luthers veröffentlicht und kommentiert, in denen sich Luther mit seinen Gegnern auseinandersetzt. Nachlesen kann man auch in der bekannten Weimarer Ausgabe der Lutherschriften (WA). Die Schrift Vom geknechteten Willen steht im 18. Band.
LUTHER: "ALL´ IHR BLUT IST AUF MEINEM HALS"
Der Journalist: Was schreibt Luther da noch? Könnten wir tiefer in das Thema einsteigen?
Der Theologe: Ja. In der Schrift Luthers Vom geknechteten Willen heißt es zum Beispiel: "Das ist der höchste Grad des Glaubens, zu glauben, jener [Gott] sei gütig, der so wenige rettet und so viele verdammt" (WA 18, S. 633).
Der Journalist: Der "höchste Grad"?
Der Theologe: Es folgt noch ein ähnlicher Satz Luthers, der lautet:
"Wenn ich also
auf irgendeine Weise begreifen könnte, wie denn dieser Gott barmherzig und gerecht ist,
der solchen Zorn und solche Ungerechtigkeit zeigt, wäre der Glaube nicht nötig."
In diesem Zusammenhang wird das Tun Gottes auch wie folgt beschrieben: "Wenn
Gott lebendig macht, tut er es also, indem er tötet, wenn er rechtfertigt, tut
er es also, indem er schuldig macht, wenn er in den Himmel führt, tut er es,
indem er in die Hölle führt, wie die Schrift sagt: ´Der Herr tötet und macht
lebendig, führt in die Hölle und wieder heraus`, 1Sam 2" (WA 18, S. 633).
Der Journalist: Ich möchte unterbrechen. Der "höchste Grad des Glaubens" soll sein, dass ein tötender, ewig verdammender und ungerechter Gott gütig sein soll. Ist so ein Glaube christlich?
Der Theologe: Nein. Es kommt zwar grundsätzlich auf den Inhalt von Worten an, nicht auf den Buchstaben. Doch wie man diese Worte auch drehen mag: Der Gott, von dem Jesus von Nazareth sprach, ist nicht der Tötende. Erst recht nicht ist Gott der Lebendigmachende, indem er tötet. Das steht so auch nicht in dem von Luther zur Begründung für seine Lehre bemühten Bibelwort im 1. Samuelbrief ...
Der Journalist: Doch Luther sagt es so. Hat das etwas mit den Hinrichtungen zu tun, die er forderte?
Der Theologe: Es kommt darauf an, ob Luther bei den Worten vom "tötenden Gott" auch an die Hinrichtung von Menschen denkt. Auf jeden Fall glaubt er, im Namen Gottes auch Todesurteile fordern zu können. Manchmal wird versucht, solche Sätze auch "mystisch" zu deuten, denn Luther war als junger Mann der "Mystik" sehr verbunden. Bei der Mystik geht es aber auch nicht um einen "tötenden Gott", sondern um das innere Sterben des menschlichen Ich, des Ego. Auf diese Weise finde der Mensch zur Verbindung mit Gott und zur Verbindung mit den anderen Menschen und mit den Naturreichen. Denn Gott lebt in Seiner Schöpfung, in jedem Menschen, jedem Tier, jeder Pflanze, jedem Stein. Wer mit diesem "mystischen Glauben" lebt, wird nicht zum Mörder oder Forderer von Hinrichtungen. Er bejaht stattdessen das Gute, wir könnten sagen, das Göttliche in jedem Menschen, und er hält sich an das Gebot "Du sollst nicht töten".
Der Journalist: Wenn Gott also ein tötender Gott wäre oder ein Gott, der das Töten befiehlt, dann würde Er sich ja nicht an seine eigenen Gebote halten.
Der Theologe: So wäre es bei Luther.
Der Journalist: Wie war dann nun genau? In welchem Zusammenhang hat er zum Töten aufgerufen?
Der Theologe: Zur Klarstellung: Dem einzelnen erlaubt Luther das Töten nicht. Die Obrigkeit hingegen
ruft er unter Berufung auf Paulus immer wieder zum Töten auf. Paulus schreibt, die
Obrigkeit "... ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem,
der Böses tut" (Brief an die Römer; 13, 4) - nach Luther zum
Beispiel gegenüber den um ihre Rechte kämpfenden aufständischen Bauern. In der
bekannten Schrift Wider die stürmenden Bauern, die im selben Jahr wie Vom geknechteten Willen geschrieben wurde (1525), ruft Luther zum Töten der
Bauern auf und schreibt: "... es ist dann die Zeit des Schwerts und des
Zorns, und nicht der Gnade ..." "... steche, schlage, würge hier, wer da
kann. Bleibst du darüber tot, wohl dir, einen seligeren Tod kannst du nimmermehr
erlangen. Denn du stirbst im Gehorsam gegenüber dem göttlichen Wort und Befehl
..." (WA 18, S. 361)
Später sagt Luther in einer seiner Tischreden: "All ihr Blut ist
auf meinem Hals. Doch ich schiebe es auf unseren Herrgott; der hat mir befohlen,
solches zu reden" (WA,
Tischreden 3, 75).
Der Journalist: Das ist kaum zu glauben. Doch es gab ja auch noch weitere Opfer dieses Denkens und dieser Theologie.
Der Theologe: Ja, z. B. die so genannten
"Täufer".
Luther und Melanchthon, wegen dessen 500. Geburtstags das Jahr 1997 zum Melanchthon-Jahr erklärt
wurde, setzen auch durch, dass friedfertige Menschen hingerichtet werden wie die meisten der von ihren Gegnern so genannten
"Wiedertäufer" - eine Ausnahme ist eine gewalttätig gewordene Gruppe
in Münster.
Den Namen "Täufer" bekommen sie, weil sie eine Taufe erst im Erwachsenenalter
befürworten, die amtskirchliche Säuglingstaufe nicht anerkennen und sich auch
dann als Erwachsene taufen ließen, wenn sie schon als Säuglinge getauft worden
waren.
Diese so genannten "Täufer" oder "Wiedertäufer" werden von Luther
auch als "Schleicher und Winkelprediger" verleumdet und gelten gemäß
seiner Schrift Vom geknechteten Willen als "vom Teufel
geritten".
Allein deswegen, also nur aus theologischen Gründen, verdächtigt sie Luther auch des
Mordes und des Aufruhrs - in fast allen Fällen zu Unrecht.
Luther wörtlich: "So sollten nun billig Amtleute, Richter und was zu regieren
hat, wissen und gewiss sein, dass sie solche Schleicher müssten verdächtig
haben, nicht allein falscher Lehre, sondern auch Mords und Aufruhrs halber, weil
sie wissen, dass solche Leute vom Teufel geritten werden ..." (Jenaer
Ausgabe der Lutherschriften, Tomos 5; Von den Schleichern und
Winkelpredigern, 1532, S. 552)
Die Konsequenz aus diesem theologischen Urteil ist: Auch sie werden hingerichtet.
Melanchthon schreibt die Todesgutachten und Luther stimmt zu.
Erst recht trifft es die Bauern, die den "Gehorsamseid" gegenüber "ihren
Herren" brachen. Damit "haben sie", so Luther, "Leib
und Seele verwirkt" (Wider die stürmenden Bauern, WA 18). Das sind nur zwei Beispiele von zahlreichen Todesforderungen, die auch durchgeführt
wurden.
Der Journalist: Es gibt also deutliche Zusammenhänge zwischen dem Glauben Luthers und dem, was er an praktischen Konsequenzen fordert.
Der Theologe: Die Zusammenhänge kann jeder sehen, wenn er sie sehen möchte. Der junge Mann Luther, der die 95 Thesen über den Ablass an die Schlosskirche in Wittenberg schlug, hatte allerdings noch mehr Gewissensbisse als der ältere Luther. In seinem Leben gab es eine Entwicklung. Hellhörig macht in diesem Zusammenhang das Wort vom "Töten Gottes" im theologischen Sprechen Luthers. Schließlich wird im wörtlichen Sinn getötet - andere Menschen und angeblich sogar im Auftrag Gottes. Mit Mystik hat das nichts zu tun.
DER GEFÄHRLICHE GLAUBE
Der Journalist:
Sie sprechen von einer "Entwicklung" im Leben Luthers, an deren Ende Menschen umgebracht wurden. Aber gibt es nicht auch viel Positives?
Der Theologe: Von Luther wird berichtet, dass er sehr liebevoll zu seiner Familie und zu
vielen Anhängern war. Auch können wir hier wieder auf die
Doktorarbeit von
Kirchenrat Wolfgang Behnk zurückkommen.
Er versucht dort, Luthers Negativaussagen seinen positiven Aussagen
unterzuordnen.
Ein Beispiel: Bei dem so genannten "Spitzensatz" Luthers "von
der absoluten göttlichen Alleinwirksamkeit" sieht Behnk eine "Dominanz
des Gnadenaspektes".
Allerdings bemerkt der spätere lutherische Weltanschauungsbeauftragte auch, "dass
dieser Satz als solcher äußerst gefährlich ist" (a.a.O., 344).
Doch "das eigentliche Thema" der Willenslehre Luthers sei "positiv"
zu formulieren, nämlich als "Rechtfertigung des Sünders sola
gratia / sola fide / solo Christo" (= allein aus Gnade / allein durch Glauben / allein durch
Christus).
Das ist alles sehr kompliziert.
Doch bei allem Wenn und Aber, bei allen Windungen und Korrekturversuchen,
werden die grundlegenden Aussagen Luthers über den unfreien Willen doch als "letztlich
verbindlich" hingestellt (397).
Damit arbeitet der Theologe und Pfarrer Behnk zwar einerseits Gefährlichkeiten im Glauben von Luther heraus,
bekennt sich aber andererseits klar zur Position Luthers, von der aus er als
"Sektenbeauftragter" auch
über andere Glaubensrichtungen urteilt. Dabei wird dieser eigene Glaube als
angeblich positiver Maßstab genommen, und die meisten Leute merken nicht, was dahinter
steckt.
RECHTFERTIGUNG ?
Der Journalist: Was zum Beispiel?
Der Theologe:
Wenn wir die zentrale Rechtfertigungslehre nehmen: Das Wort klingt gut, doch sie
setzt ein negatives
Menschenbild voraus. In der bis heute in den evangelischen Kirchen gültigen Augsburger
Konfession heißt es: "Weiter wird bei uns gelehrt, dass nach Adams Fall alle
Menschen, so natürlich geboren werden, in Sünden empfangen und geboren werden,
das ist, dass sie alle von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und
keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott von Natur haben können;
dass auch dieselbe angeborene Seuche und Erbsünde wahrhaftiglich Sünde sei und
verdamme alle die unter ewigen Gotteszorn, so nicht durch die Taufe und den
heiligen Geist wiederum neu geboren werden" (CA II). Das ist nicht harmlos.
Und von Luther ist bekannt, wie er sich lange Zeit mit Selbstvorwürfen quälte, bevor er
seine Rechtfertigungslehre entwickelte. Viele Menschen kennen vergleichbare Situationen, wo sie
immer wieder auf das Negative bei sich schauten und gleichzeitig in Selbstmitleid
verfielen.
Was soll nun die evangelische Rechtfertigungslehre bewirken?
Allein der Glaube an die kirchliche Lehre von der Vergebung der Sünden soll den Menschen augenblicklich befreien
können. Und manche Menschen haben in der Tat eine Art "Befreiungsgefühl" erlebt.
In Wirklichkeit wird aber das Negative, der ganze Unrat im eigenen Leben,
vielfach nur in das Unterbewusstsein bzw. in die eigene Seele hinunter gedrückt. Die
voraus gegangenen Selbstvorwürfe, das Selbstmitleid, das negative Selbstbild und die Ursachen für dieses
Lebensgefühl wirken unterschwellig weiter und brechen früher oder später wieder durch.
Dies zeigt sich auch im weiteren Leben des Betroffenen, wenn sich z. B. das
Negative dann gegen den Nächsten richtet. Luther selbst entwickelte sich ja
immer mehr zu einem äußerst brutalen Menschen (vgl.
Der Theologe Nr. 3: So spricht Martin Luther - So
spricht Jesus von Nazareth). Auch wird
natürlich keine wirklich positive Gottesbeziehung aufgebaut. Die Voraussetzung
für die lutherische Lehre von der Sündenvergebung ist nämlich ein bestimmtes
Verständnis der Erlösung durch Christus. Demnach hätte Christus durch seinen
Tod, vergleichbar einem Opferlamm, den "Gotteszorn" gesühnt und den Menschen auf
diese Weise mit Gott versöhnt. Dieser Gott habe also eine hohen und grausamen
Preis verlangt, um seinen angeblichen "Zorn" zu bändigen. Seine "Liebe" war also
an entsprechende Bedingungen geknüpft. Und diese Bedingungen setzen sich fort,
wenn dem Gläubigen suggeriert wird, nur der kirchliche Glaube könne ihn z. B.
vor einer ewigen Verdammnis schützen.
Der Journalist: Im Jahr 1999 hat ja auch die römisch-katholische Kirche einer solchen Rechtfertigungslehre zugestimmt. Sind sich beide Konfessionen hier jetzt einig?
Der Theologe: Die katholische Kirche hat zwar ihre bisherige Lehre, z. B. von den "guten Werken" nicht geändert, doch im evangelischen Sinne neu gedeutet: Auch das "Tun" sei "Geschenk Gottes" und das angebliche "Rechtfertigungsgeschenk" ginge dem voraus. Die Gemeinsame Erklärung beider Kirchen macht um dieses Thema so viele Worte, dass kaum mehr durchschaubar ist, wer jetzt was glauben soll und was eigentlich aus denen werden soll, die in der Vergangenheit von der jeweils anderen Konfession aufgrund dieses Konflikts ewig verdammt wurden. Dennoch ist es bemerkenswert, dass die katholische Kirche unterschrieben hat, dass der Mensch - ganz im Sinne Luthers - z. B. unfähig sei, "sich von sich aus Gott um Rettung zuzuwenden" (4.1 (19)). Vielleicht erfolgt als Gegenleistung bald die evangelische Anerkennung des Papstes. Mit der Lehre des Christus hat das allerdings aber nichts zu tun.
Der Journalist: Hat uns Christus überhaupt erlöst?
Der Theologe: Ich glaube daran, dass er uns erlöst hat, indem er jeder Seele einen Teil seines "göttlichen Erbes", den so genannten "Erlöserfunken", übertrug, was auch bereits im Urchristentum gelehrt wurde. Den Erlöserfunken verstehe ich als innere Kraft, mit deren Hilfe wir wieder zu Gott zurückkehren können. Sie hilft uns, mit dem "Göttlichen" in uns in Verbindung zu treten und die Gebote Gottes zu halten. Dazu hätte Jesus aber nicht gewaltsam sterben müssen.
Der Journalist: Wie kommen Sie denn darauf?
Der Theologe: Diese Informationen stammen aus einer "Botschaft aus dem All" durch einen Propheten. Darin wird auch erklärt, dass schon Jesus von Nazareth diese Zeit der Aufklärung angekündigt hat, als er sagte: "Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten" (Johannesevangelium; 16, 12-13). Wer sich näher dafür interessiert, den kann ich auf das Buch verweisen: Das ist Mein Wort. Alpha und Omega. Das Evangelium Jesu. Die Christusoffenbarung, welche die Welt nicht kennt, 1991; ISBN 3-89201-153-2.
Der Journalist: Woher kommt dann die lutherische Vorstellung vom Gotteszorn und vom Sühnetod des Jesus von Nazareth am Kreuz?
Der Theologe: Sie stammt aus dem "heidnischen" Opferkult, war im Judentum verbreitet
und wird auch in der katholischen Lehre vertreten. Vor allem beim lutherischen Glauben
wirkt die Vorstellung vom "Gotteszorn" bis in die Gegenwart weiter, auch wenn
nicht mehr oft darüber gesprochen wird und die Erlösungslehre im Vordergrund steht.
Dabei werden große Teile des
verdrängten menschlichen Schutts und der menschlichen Bösartigkeit auf Gott projiziert.
Ich lese dazu einige Sätze über Luther aus dem Buch von Kirchenrat Dr. Behnk vor,
die das verdeutlichen können:
-
"Erstens ist nach dem Sündenfall eben nicht mehr alles gut, was Gott schafft; auch wenn dieser die Sünde selbst nicht schafft, so schafft er doch den postadamitischen Menschen (Anm.: d. h. alle Menschen nach Adam = alle Menschen bis auf Adam und Eva) als Sünder" (a.a.O., 335).- "Der menschliche Wille, so Luther, kann unmöglich in irgendeiner Hinsicht frei wirksam werden ... der Wille des Menschen hat mithin über seine eigene Verstockung keinerlei Macht, sondern ist dem verstockenden Willen Gottes - wenngleich williglich und verantwortlich - ausgeliefert" (333 f.).
- Gott lässt es nicht nur zu, dass sich der Pharao (Anm.: ... in der biblischen Geschichte vom Auszug Israels aus Ägypten) "immer mehr in das Böse verstrickt", sondern er treibt ihn "regelrecht" dorthin, "indem er ihm sein Wort vorhält, ohne ihm seinen Geist zu geben" (336).
Dieses angeblich mögliche Verhalten Gottes wird nun nicht etwa seit Christus für beendet erklärt. Auch in der Gegenwart können Menschen nach der Lehre Luthers ein ähnliches Schicksal erleben.
Der Journalist: Zu diesem Beispiel ein Frage: Warum soll Gott den Pharao in das Böse hineintreiben? Das "Warum" interessiert mich.
Der Theologe: Luther sagt sinngemäß, das wisse er nicht. Ich kann dazu weiter lesen:
- "Und auf eine zweite, weiterführende Frage, warum Gott denn dann nicht kraft dieser Allmacht den von ihm bewegten bösen Willen zugleich zum Guten wandelt, antwortet Luther wieder mit dem Verweis auf die unbegreiflichen ´secreta maiestatis`" (= Geheimnisse der Majestät [Gottes]) (336).
- "Der Mensch kann sich nach dieser Argumentation nicht nur nicht für, sondern auch nicht gegen Gott frei entscheiden" (336).
- Luthers Aussage bezeichnet "sein [des Menschen] völliges Ausgeliefertsein an zwei ihm übergeordnete Entscheidungsinstanzen - eben Gott oder Satan -, welche über ihn totale Verfügungsgewalt haben, so dass er sich deren Wollen nicht entziehen kann" (339).
- "All das aber, was uns äußerlich so scheint, als wäre Gott nur ein Zürnender oder gar der Teufel selbst, ist doch nichts anderes als eine Herausforderung des Glaubens an die Liebe Gottes" (367).
WER IST GOTT?
Der Journalist: Luther sagt also nach den Worten des lutherischen
Theologen, manches scheine so, als wäre Gott der
Teufel selbst.
Der Theologe:
Ja. Anstelle der Erfahrung eines nahen und liebenden Gottes tritt dann die Herausforderung des Glaubens an einen "fernen" Gott. "Fern" sage ich deswegen, weil jemand trotz negativer Lebenserfahrungen, die er mit dem Glauben an diesen Gott macht, weiter an ihn glaubt.Der Journalist: Wenn dieser Glaube dann in Hader, Zweifel oder Selbstmitleid führt, dann frage ich: Ist er nicht zum Verzweifeln?
Der Theologe: Dazu passen die Anmerkungen des Theologen M. Schüler, der von der
"´sklavischen`, fromm ´erschauernden`, fatalistisch ´todesbereiten
Schicksalsergebenheit`" als
dem Eigentlichen "´lutherischen` Glaubens" spricht (zitiert nach Behnk,
a.a.O., 326).
Ich kenne Menschen, die es ebenso verstanden und sehr darunter gelitten haben. Zu ihrem
leidvollen Schicksal - zum Beispiel zu schwerer Krankheit oder dem Tod eines nahen
Verwandten - kam noch das Hadern mit Gott hinzu. Sie haben eventuell alles Leiden auf sich
genommen und sind immer wieder darüber verzweifelt, dass es Gottes Wille sei, sie auf
diese Weise zu züchtigen. Ihr eigenes Fehlverhalten haben sie dabei nicht erkannt. Auch
konnten sie nicht erfahren, wie uns Gott doch vor Schicksalsschlägen bewahren und aus dem
schweren Leid herausführen will. Dieser Gott hat jeden von uns vollkommen erschaffen und
jedem die tiefe Erfahrung ins Herz gelegt: "Du bist geliebt".
Diesen liebenden Gott lehrt uns auch Christus, der nach einem weiteren Gleichnis
in der Bibel jedem "verirrten Schaf" nachgeht und sich freut, wenn es
zurückkehrt. Kein einziges Geschöpf muss also in einer "Verdammnis" ewig leiden
ohne dass Gott nach ihm sucht und ihm von dort heraushelfen möchte.
NICHT DIE BIBEL ALLEIN
Der Journalist:
Der Theologe: Luther sagt zwar, allein die Bibel wäre maßgebend. Doch wie hält er es selbst?
Der Luther-Anhänger Behnk gibt mit gewundenen Worten zu, "dass Luthers ...
Aussagen ... noetisch [= von der Erkenntnis her] nicht von der sich selbst
auslegenden Hl. Schrift her allein, sondern zumindest auch von der ... cognitio generalis
[=
allgemeinen Erfahrung] erhoben werden" (342).
Mit anderen Worten: Luther beruft sich nicht nur auf die Bibel, sondern auch auf
seine "Erfahrung". Und praktisch läuft das darauf hinaus, dass er Gott für
negative Lebenserfahrungen verantwortlich macht, obwohl das so nicht in der
Bibel steht.
Luther beruft sich nach Dr. Behnk für seine Einsicht eines angeblich
"unabwendbaren
Schicksals" sogar auf die "Heiden" und ihre "Götter"
(342). Dann ist aber auch sein Glaube einmal mehr "heidnisch" und nicht
"christlich".
Wenn Luther dann die Bibel auslegt, stellt er sich als Anwalt der "Sache
Gottes" dar. Doch seine Interpretationen sind manchmal eigenwillig bzw. verdrehen
den ursprünglichen Sinn. Und selbst vor schwerwiegenden Fälschungen schreckt Luther
nicht zurück.
So bezieht er sich zum Beispiel auf das "Urteil Christi" über die Juden,
"dass sie giftige, bittere, rachgierige, hämische Schlangen, Meuchelmörder
und Teufelskinder sind, die heimlich stechen und Schaden tun, weil sie es
öffentlich nicht vermögen" (Aus: Von den Juden und ihren Lügen, Jenaer Ausgabe, Tomos 8, 1558;
vgl. dazu Der Theologe Nr. 28: Martin Luther
und die Juden).
Luther hat einen Absatz aus dem Johannesevangelium (8, 37-45) aus dem Zusammenhang gerissen,
den ursprünglichen Sinn verfälscht und seine Deutung dann in seine eigenen
rufmörderischen Worte hineinmontiert. Schließlich lehrt er diese Konstruktion seinen Lesern dann als
"Urteil Christi". Doch Christus hat niemals so etwas gesagt.
Der Journalist: Luther hat also Menschen in die Irre geführt.
Der Theologe: Luther selbst spricht nach den Worten des Lutheraners Dr. Behnk ja von der "totalen Verfügungsgewalt" Gottes oder des Teufels über den Menschen - wobei der Teufel von Gott als "instrumentum malum" (= böses Instrument) benutzt und angetrieben würde. Er glaubt sich also fest im "Griff" seines Gottes. Dieser Gott versklavt diejenigen, die ihm ausgeliefert sind. Denn "totale Verfügungsgewalt" von Seiten eines Gottes bedeutet von der Seite des Menschen her gesehen ein sklavisches Ausgeliefertsein ohne jede eigene Entscheidungsfreiheit. Wer so glaubt, unterwirft sich einem totalitären Glaubenssystem. Damit verbunden ist auch der Absolutheitsanspruch dieses Glaubens. Luther lässt keinen Zweifel daran, dass die "Sache", die er vertritt, gleichbedeutend der "Sache Gottes" sei (z. B. WA 18, S. 756). Er setzt sie absolut, und im Hinblick auf Zweifel oder Unverständnis erklärt er denjenigen für "verflucht", "der nicht gewiss ist und versteht, was ihm vorgeschrieben ist" (WA 18, S. 604).
Der Journalist: Warum? Wie kann Luther erwarten, dass
jeder eine solche schockierende Lehre versteht? Und wie kann er erwarten, dass jeder seine Meinung akzeptiert, dass diese Lehre auch noch von Gott vorgeschrieben sei?Der Theologe: Auch hier gibt der Luther-Experte eine Hilfe zum Verständnis und beschreibt in seinem Buch, was nach Luthers Meinung mit jemandem geschieht, der den angeblichen Willen Gottes hinterfragt:
- "Wer hingegen, so warnt Luther, die nähere Beschaffenheit bzw. das Wie und das Warum des verborgenen Willens Gottes untersuchen will, der muss mit jemandem verglichen werden, der es sich zum Ziel setzt, ´gygantum more cum Deo pugnare` (= nach Art der Giganten mit Gott zu kämpfen) und der dabei nicht die geringste Chance eines Sieges hat ... (Behnk, a.a.O., 364) Unweigerlich stürzt man aus der Höhe seiner Spekulation ab, geht ´zu poden`, gerät in ´certa desperatio` (= sichere Verzweiflung), rennt wie gegen eine eiserne Mauer an und bricht sich auf alle Fälle den Hals" (365 f.).
Der Journalist: Wer kritisch hinter die angeblichen Geheimnisse Gottes blicken will, hat nach diesem Glauben also nicht die geringste Chance?
Der Theologe: So ist es. Ihm bleibt allein der Glaube an einen Gott, der einige Anhänger aus freien Stücken rettet, während die anderen mit "gebrochenem Hals" und als ewig Verdammte weiterleiden müssen. Glaubt er nicht, verliert er gemäß dieses Glaubens nicht nur sein Seelenheil, sondern ihm droht unter Umständen auch die Hinrichtung. Denn dem totalitären Glaubenssystem entspricht die totalitäre Staatslehre Luthers: Wer anders glaubt, wird benachteiligt, verfolgt, aus dem Land gewiesen oder hingerichtet.
VORDERGRUND UND HINTERGRUND
Der Journalist:
Ist das nicht knallhart und gnadenlos? Wieso konnten viele glauben, das sei eine christliche, eine frohe Botschaft?Der Theologe: Sie blickten glaubend auf manche Worte Luthers, der wie die heutige lutherische Kirche an anderer Stelle sagte, ihm gehe es um das "Heil in Christus". Das sagt ja auch der heutige kirchliche "Weltanschauungsbeauftragte" Behnk. Demnach hätte uns Gott in Christus "in die Wahrheit und Güte seines Wesens und Wollens" hinein genommen, "in welchem er sich als der liebende Vater definiert und sich uns definitiv zugesagt hat" (a.a.O., 397).
Der Journalist: Vorher haben wir aber anderes gehört. Habe ich mich da jetzt verhört?
Der Theologe: Nein. Sie haben sich nicht verhört. Man ist jetzt nur beim Anliegen der Kirchenmannes angekommen, das Positive herauszustellen.
Der Journalist: Was ist das denn für eine "frohe" Botschaft, die einige aus dem Elend herauszieht, während die anderen trotz der Allmacht Gottes zugrunde gehen? Wer garantiert einem denn, dass dieses Schicksal nicht auch einen selbst trifft? Eventuell fühlt man sich auch schon elend.
Der Theologe: Der Luther-Fachmann Behnk weist zum Beispiel auch auf den Schweizer Karl Barth hin.
Barth war einer der bekanntesten evangelischen Glaubenslehrer im 20. Jahrhundert.
Der Luther-Experte schreibt über ihn: "Ist Karl Barths Vorwurf von der Hand
zu weisen, dass Luthers ... Appelle ... im Sinne bloßer seelsorgerlicher
Beruhigungsformeln verstanden werden können, welche den Menschen von der
gefährlichen Tatsache ablenken sollen, dass es hinter Gottes geoffenbartem
Heilswillen noch eine ´wie eine Art Gift` zu hütende höhere Hintergrundswahrheit
gibt" (364)?
Der oberflächliche evangelische Glaube, so wie er heute oft von den Kanzeln gepredigt
oder mit freundlichen Worten im Gespräch weitergegeben wird, wäre demnach, wie Karl Marx
sagte, das "Opium fürs Volk" - vordergründig wäre er "seelsorgerliche
Beruhigung", hintergründig aber diese "Art Gift".
Der Journalist: Ich denke dabei an die vielen Hilfesuchenden, die in diesem Glauben einen Halt fürs Leben suchen. Oder an Kinder und Jugendliche, die man zum Beispiel im Religionsunterricht das "Vorbild Luther" lehrt. Am Anfang der Doktorarbeit lese ich auch eine Widmung des Lutheraners Behnk: "Meinen Kindern ..."
Der Theologe: Er möchte offenbar, dass sie den evangelisch-lutherischen Glauben als Hilfe für ihr Leben annehmen. Und in der evangelisch-lutherischen Kirche werden die Kinder ja auf Wunsch ihrer Eltern bereits als Säuglinge in diese Kirche hineingetauft.
Der Journalist: Die meisten Eltern wissen ja nicht, was sie damit tun. Aber bei einem Doktor der Evangelischen Theologie kann man wohl voraussetzen, dass er weiß, was er hier tut. Nachdenklich macht mich auch, dass so etwas "Hochintellektuelles" wie diese Doktorarbeit Kindern gewidmet ist. Jesus sagt doch zu den Erwachsenen, sie mögen zu "Kindern" werden - nicht zu den Kindern, sie mögen sich das komplizierte Gedankengut der Erwachsenen aneignen.
ALS KIND IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE
Der Theologe:
Ich habe das so erlebt: Als Kind besuchte ich den "lutherischen" Kindergottesdienst und Konfirmandenunterricht. Dort hörte ich viele gut gemeinte Worte von diesem Glauben. Ich wurde auf das Konfirmandenversprechen vorbereitet, das der Pfarrer uns Kindern vorsprach und auf das man mit Ja oder Nein antworten konnte. Im selben Atemzug soll das Kind bzw. der Jugendliche dabei versprechen, einerseits "unter Jesus Christus" zu "leben" und andererseits evangelisch zu "bleiben". Dieses Versprechen ist als lebenslängliches Versprechen gedacht. Das ist eine Manipulation in mehrfacher Hinsicht:- Erstens wird stillschweigend vorausgesetzt, dass "christlich" und "evangelisch" identisch sind. In Zweifel gezogen hat das damals von uns Kindern wahrscheinlich niemand.
- Zweitens hat kaum ein Kind eine faire Chance für ein Nein - die Feierlichkeiten sind oft schon ein Jahr oder monatelang im voraus organisiert. Und je näher der Termin rückt, an dem die Verwandten festlich gekleidet und mit Geschenken anreisen, desto geringer wird die ohnehin geringe Chance, die Inhalte des Versprechens ehrlich prüfen und nein sagen zu können.
- Und drittens wird so gehandelt, als wüsste man nicht, dass jedes Kind als Jugendlicher und später als Erwachsener allmählich seinen eigenen Weg findet und dabei viele Entwicklungsjahre noch vor sich hat.
Damals war ich 13 Jahre alt. Ich habe das Konfirmandenversprechen gegeben - wie alle
anderen auch. Manche Kinder dieses Alters machen sich darüber vielleicht nicht viele
Gedanken und lassen sich vor allem wegen der Geschenke konfirmieren. Doch viele nehmen ein
solches Versprechen auch ernst.
In der staatlichen Schule erhielt ich weiterhin konfessionellen Religionsunterricht, und
in einer kirchlichen Jugendgruppe ließ ich mich von dem begeistern, was ich dort von
Christus hörte. Ich konnte auch jetzt noch nicht unterscheiden, was davon wirklich
christlich war und was nicht. Aus dieser Begeisterung heraus entschied ich mich als junger
Erwachsener für das Theologiestudium. Dort begegnete mir der Glaube anders als in der
Jugendzeit, nämlich in erster Linie als Wissensvermittlung. Es war nun meine
Hauptaufgabe, das, was ich hörte, mit dem Verstand zu erfassen, wiedergeben zu können
und zu beurteilen. So studierte ich jahrelang Bibelwissenschaft, Kirchengeschichte,
Dogmatik und vieles mehr von dem, was Theologen seit nahezu 2000 Jahren über Gott dachten
und weiter denken. Das Tun des Glaubens spielt für das Studium keine Rolle.
Im Rückblick kann ich sagen:
Ich geriet aufgrund meiner jugendlichen Begeisterung immer tiefer in das Netz der Theologie hinein, in das Strickwerk der zahl- und uferlosen intellektuellen menschlichen Gedanken über Gott. Ein solches Netz ist aber niemals von Jesus von Nazareth ausgeworfen worden. Denn er sagte zu keinem seiner Nachfolger: Studiere Gott mit dem Kopf! Er sagte: "Folge mir nach", und er lebte nach dem schlichten Gebot "Bete und arbeite"; als Zimmermann und als Mann mit einer geistigen Botschaft zugleich.DAS THEOLOGISCHE NETZ
Der Journalist:
Der Theologe: Die evangelische Kirche könnte zunächst behaupten, das Kind wäre seit seiner Säuglingstaufe ohne Verdienst auf dem richtigen Weg gewesen. Und dieser Taufakt sei auch durch einen Kirchenaustritt nicht rückgängig zu machen, wie es der ehemalige bayerische Landesbischof Johannes Hanselmann einmal in einem Brief an jemanden, der die Kirche verlassen wollte, schrieb. Bischof Johannes Hanselmann wörtlich: "Ich möchte Ihnen aber nur zu bedenken geben, dass man aus der Kirche, in die man durch die heilige Taufe eingegliedert wurde, nicht aus- und eintreten kann wie etwa bei einem Verein, wenn man anderswo etwas gefunden hat, was einem vielleicht mehr zusagt. Man kann Gott den Bund, den er in der heiligen Taufe mit uns geschlossen hat, nicht einfach aufkündigen" (Kopie des Briefes an A. Emtmann vom 6.9.1985 liegt vor).
Der Journalist: Wird hier nicht Gott von der Kirche vereinnahmt, indem man so tut, als würde Gott bei der Zeremonie im kirchlichen Sinne handeln und nicht der Pfarrer?
Der Theologe: Ja. Und anschließend wird der Mensch vereinnahmt, indem man ihm vorhält, er sei nicht freiwillig eingetreten, also könne er diesen Akt auch nicht freiwillig rückgängig machen. Das ist doch die Situation eines Gefangenen.
Der Journalist: Wie haben Sie das erlebt, als Sie die Kirche verlassen haben?
Der Theologe: Mir hat ein Pfarrer dann gesagt: "Was
ist mit deinem Konfirmandenversprechen?" Ich wurde also an ein Versprechen erinnert, dass ich
noch als Kind gegeben habe.
Ich glaube, viele Menschen leben mit einer tief sitzenden Angst vor einem Kirchenaustritt,
der seine Wurzeln in Erlebnissen hat, an die sich der Betreffende nicht oder
kaum mehr erinnern kann.
Diese Angst hat viele Gesichter, die den Menschen im Inneren wie in einem Netz gefangen
halten, so dass im Äußeren lange Zeit alles bleibt wie es war.
So leicht kommen viele also nicht aus dem Netz heraus, selbst wenn sie das
wollen.
Doch jeder kommt früher oder später heraus, der es wirklich will.
Der Journalist: Ich glaube, auch Luther hat sich in dieses Netz verfangen, wenn auch auf andere Art. Ich lese hier eine Meldung, wonach dem "massigen Mann" "zu jeder Mahlzeit" "knapp zwei Liter Südwein serviert" wurde. "Zwischendurch trank er obendrein reichlich Neumburgisch Bier" (Focus Nr. 6/1996). War Luther womöglich ein Alkoholiker?
HAT LUTHER SEINEN FREUND HIERONIMUS BUNTZ ERSTOCHEN?
Der Theologe: Jeder mag das
tägliche Trinken so vieler Liter an alkoholischen Getränken deuten wie er
möchte. Wer weiß, wie es in dem "massigen" Martin Luther innerlich ausgesehen
hat? Hier kann man auch noch einmal auf die Kinder zurückkommen: Informationen wie diese
werden ihnen meist vorenthalten. Und auch die vielen Hinrichtungsforderungen
Luthers werden
entweder gar nicht erwähnt oder beschönigend und verständnisvoll aus der Sicht des
Täters bzw. Anstifters dargelegt, etwa mit Worten wie "Luther wäre eben ein ´Kind
seiner Zeit` gewesen". Doch wie klingen solche Worte wohl aus der Sicht der Opfer?
Diese waren schließlich auch "Kinder ihrer Zeit".
Unerwähnt bleibt meist auch, dass Luthers eigentlicher Name "Luder" war
(so wurde es meist überliefert),
dass er ca. 1517 seinen Namen änderte und sich ein gutes Jahr lang auch "eleutherius"
(= Befreier; ein Messias-Titel) nannte (siehe dazu Martin Gregor-Dellin, Luther,
Frankfurt am Main 1994, S. 79 f.) Oder dass Luther 1505 unfreiwillig ins Kloster ging -
sehr wahrscheinlich, um sich einer drohenden
Strafverfolgung zu entziehen. Der Luther wohl gesonnene Biograf Hans-Joachim Neumann stellt Indizien
zusammen, die dafür sprechen, dass Luther seinen Freund Hieronimus Buntz bei
einer Messerstecherei getötet hatte (Hans Joachim Neumann, Luthers Leiden, Berlin
1995, S. 15-23).
Der Journalist: Wirklich? Das
habe ich aber noch nicht gehört. In der Schule lernt man, Luther wäre im Juli 1505 bei
Stotternheim nördlich von Erfurt in ein schweres Gewitter geraten und hat der
"heiligen Anna" geschworen, Mönch zu werden, wenn er das Gewitter unbeschadet
übersteht. Dann sei er nur wenige Tage später in das wegen seiner Strenge
berüchtigte "Schwarze Kloster" des Bettelordens der Augustiner-Eremiten in
Erfurt eingetreten.
Der Theologe: Es heißt aber auch, dies sei nur eine Legende.
Vielleicht war es aber auch ein Vorwand gegenüber seinem Vater,
um den eigentlichen Grund verschweigen zu können. Denn seine Eltern waren
geschockt. Denn ihr Sohn hörte nun mit dem Jura-Studium auf und trug nur noch
einen pechschwarzen Umhang mit schwarzem Ledergürtel und schwarzer Kapuze, unter
der er sein Gesicht verbergen konnte.
Es sah aus, als hätte er sich nun der dunklen Macht verschrieben.
Der Journalist: Weiß
man mehr darüber, ob Luther Buntz tatsächlich getötet hat?
Der Theologe: Es gibt viele Studien und Bücher dazu. Sehr ausführlich
und fundiert vor allem Dietrich Emme, Martin Luther -
Seine Jugend- und Studentenzeit 1483-1505 - Eine dokumentarische Darstellung,
Bonn 1983. Dietrich Emme spricht von "mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit" davon, dass Luther Buntz getötet hat (4. Auflage,
Regensburg 1986, Vorwort;
http://media3.kathtube.com/document/4244.pdf). Oder die teilweise auf Emme aufbauende Studie
des Theologen und Psychologieprofessors Albert Mock, Abschied von Luther,
Köln 1985. So führt Prof. Dr. Mock zunächst eine Tischrede von Luther vom
November 1531 an, wo Luther berichtete, wie er sich "durch
einen unglücklichen Zufall die Schlagader seines Unterschenkels" mit seinem
Degen schwer verletzte habe. Doch dies sei eine damals typische
Schutzbehauptung und Notlüge gewesen (S. 40). In Wahrheit habe ein
Zweikampf stattgefunden mit dem Studienfreund Conradus Wigant, dessen Spur sich
von da an verliert - er musste die Fakultät wegen des verbotenen Duells
verlassen. Luther selbst war exkommuniziert und holte sich die vermeintliche
Lossprechung von seiner Sünde offenbar im Schwarzen Kloster der Bettelmönche. Hier liegt wohl der erste
persönliche Kontakt mit den Augustinern (Zeitschrift Einsicht, Ausgabe
Nr. 3, September 2011).
Und was den Tod von Buntz betrifft: Am 6.1. oder 7.1.1505 hatten 17 Studenten, darunter
Martin Luther und Hieronymus Buntz,
in Erfurt ihr Magister-Examen der sieben freien Künste bestanden - dem
Grundstudium, das damals nötig war, um nun in einer Spezial-Disziplin weiter
studieren zu können. Doch der Student Hieronimus Buntz
starb "im Anschluss an das Magisterexamen ... noch vor der feierlichen
Einführung in das Magisteramt" (S.41 f.). "Aller Wahrscheinlichkeit nach
war Luther nach der Magisterprüfung mit Hieronymus Buntz in ein Wortgefecht
geraten und hatte aufgrund seiner leichten Erregbarkeit zum Dolch gegriffen und
dabei im Affekt den Freund so unglücklich zwischen die Rippen getroffen, dass
dieser lebensgefährlich verletzt wurde und bald darauf an den Folgen dieser
Verwundung starb." Hintergrund des Streits seien wohl die Examensnoten und der
damit verbundene Rang und die Karrieremöglichkeiten der Kandidaten gewesen. Dr.
Mock weiter: "Dies ist die in jeder Hinsicht wahrscheinlichste und
psychologisch stimmigste Erklärung sowohl der Vorfälle um den Tod von Hieronymus
Buntz als auch des überstürzten Klostereintritts Luthers sowie seiner von da an
stark einsetzenden Selbstvorwürfe und bedrückenden Erinnerungen an den Tod des
Freundes" (S.43). Und dies würde auch den Inhalt einer Tischrede Luthers
aus dem Jahre 1532 erklären, in der Martin Luther selbst sagte: "Nach dem einzigartigen
Ratschluss Gottes bin ich Mönch geworden, damit sie mich nicht gefangen nehmen.
Andernfalls wäre ich nämlich sehr leicht gefasst worden. So aber konnten sie es
nicht, weil sich der ganze Orden meiner annahm" (zit. nach Mock,S.43 f.).
Das ist im Prinzip das Geständnis.
Und so ist es wohl auch kein Zufall, dass Martin Luther auch einen
juristisch-theologischen Traktat über das kirchliche Asylrecht schrieb
(1517; 1520; Regensburg 1985, Verlag Dietrich Emme; lat. Text: WA, Abteilung
Werke, Band 1, S. 3-7), wo Luther die Situation aus juristischer und
kirchlicher Sicht beurteilt, wenn z. B. ein "nichtvorsätzlicher" Totschläger
oder ein "vorsätzlicher" in eine Kirche oder ein Kloster flieht bzw. einige
weitere "Fallbeispiele". Es liegt nahe, dass Martin Luther damit seinen eigenen
Fall aufarbeitet.
Der Journalist: Wenn
das stimmt, dann wären kirchliche Institutionen also auch damals ein Hort der
Verbrechensvertuschung gewesen, so ähnlich wie in unserer Zeit zugunsten von
unzähligen Sexualverbrechen an Kindern.
Der Theologe: Doch die anscheinende Vertuschung und ihre Vorgeschichte zwischen Januar und Juli 1505 hatte offenbar ihren Preis. Luther war für die Kirche nun zu 100 % einer der Ihren, und zwar auf der untersten Stufe der "schwarzen" Hierarchie, und er musste von nun an nichts anderes als gehorchen. Auf jeden Fall wäre er seither erpressbar gewesen. Letzte Gewissheit darüber, ob es sich tatsächlich genau so zutrug, wird man aber wohl nicht bekommen - auch, weil die evangelische Kirche ja die Luther-Biografie massiv beschönigt hat und weiter manipuliert. Denn neben neben diesen hochbrisanten Informationen werden ja auch Teile von Luthers Glaubenslehre in der Regel bewusst verschwiegen oder beschönigt, damit er weiter als Vorbild hingestellt werden kann.
Der Journalist: Ich denke dabei an den angeblich unfreie Willen des Menschen, die Vorherbestimmung zum ewigen Heil oder zur ewigen Verdammnis oder dass Gott eben ein grausamer Gott sein könne ...
Der Theologe: Ja. Dazu kann ich noch einige Abschnitte aus dem Luther-Buch von Wolfgang Behnk zitieren.
- "Luther kann ... sogar einmal sagen, dass die Majestät des Deus absconditus (=
des verborgenen Gottes; Anm.: ... der bei Luther mit dem in der Bibel offenbarten Gott
identisch ist) noch viel heiliger und furchtbarer ist, als eine unermessliche
Menge koryzischer Höhlen * ..." (a.a.O., 361)
(
- "Denn der nun angesprochene Deus (= Gott) ... behält sich selber solche Freiheit vor ... D. h., der Empfang des Heils und des Unheils hängt allein davon ab, ... welche Menschen er [Gott] ... verloren lassen gehen will, und welche nicht ... Luther ... präzisiert auch, ... was er [Gott] ... will, nämlich den Tod des Sünders, den er keineswegs betrauert oder gar aufzuheben bereit ist. Und zwar aus dem bereits ... vorgebrachten Grund, dass Gott ´omnia in omnibus` (= "alles in allem") wirkt, auch den Tod" (362).
Der Journalist: Wenn ich das alles so höre, frage ich mich: Ist Luthers Gott der "Gott der Unterwelt"?
LUTHER:
"GOTT
HENKT,
Der Theologe:
Wenn wir in diesem Buch über Luther weiter lesen, finden wir noch mehr Stellen dieser Art. Zum Beispiel "... wird deutlich, dass der Reformator hier im Gegensatz zu seinen sonstigen Aussagen vom Willen Gottes, dessen libertas (= Freiheit) nicht mehr als konkrete Freiheit zur Liebe und Gemeinschaft mit den Menschen beschreibt, sondern als abstrakte, allgemeine Freiheit, die Gott sich über alles hinaus und unter Einschluss von allem - auch von Hass, Tötung und Verdammung - vorbehalten hat ..." (a.a.O., 364)Der Journalist: Das erinnert mich wieder an die Todesforderungen Luthers.
Der Theologe: Das sind die möglichen Folgen.
Der Journalist: Und die Zielscheibe der Forderungen und damit die möglichen Opfer sind Andersgläubige wie die "Täufer", die aufständischen Bauern, als Hexen verleumdete Frauen und Kaufleute mit überhöhten Preisen ...
Der Theologe: Auch Prediger, die ohne amtskirchlichen Auftrag predigen, gehören dazu, türkische Kriegsgegner, untreue Ehepartner oder Prostituierte. Auch ruft Luther zur Judenverfolgung auf, nachdem er die Menschen jüdischen Glaubens zuvor böse verleumdete, zum Beispiel als Menschen, die angeblich Kinder misshandeln oder Brunnen vergiften und vieles mehr. All diese Gruppen von Menschen, vielleicht gibt es noch mehr, passen nicht in Luthers Idealbild einer Gesellschaft.
Der Journalist: Welches Idealbild hat Luther?
Der Theologe: Grundlage für Luthers Politik und als Teil davon auch für seine Todesforderungen ist seine Zwei-Reiche-Lehre. Das Reich zur Linken Gottes sind, vereinfacht gesprochen, die Staaten und Gesellschaftsordnungen, in denen die Obrigkeiten mit dem "Schwert" herrschen. Im Reich zur Rechten Gottes herrscht demgegenüber angeblich Christus durch Wort und Sakrament, und es wird von der Kirche repräsentiert. Gott sei der Herr beider Reiche, und beide Reiche unterstützen einander. Das wäre aber ein Thema für eine eigene Ausgabe des "Theologen" (vgl. dazu "Der Theologe Nr. 4", Anhang 4: Die evangelisch-lutherische Zwei-Reiche-Lehre und ihre Bedeutung für die Judenverfolgung und für das staatliche Handeln der Gegenwart).
Der Journalist: Aber warum mussten so viele dieser Menschen sterben, von denen wir gesprochen haben?
Der Theologe:
Martin Luther war ja davon überzeugt, auf der Seite Gottes und der Wahrheit zu stehen, und er
spricht seinen Gegnern die Wahrheit ab.
So könnte jemand zum Beispiel fragen: Falls diese ohnehin im Jenseits ewig verdammt
würden, müsse man sie dann im Diesseits gut behandeln?
Allein wegen ihrer abweichenden Einstellungen gelten viele Menschen bereits als "vom
Teufel geritten" bzw. als verantwortlich für "Aufruhr" (Tomos 5,
a.a.O., S. 552), auch wenn sie gewaltlos und friedfertig leben.
GEWISSEN UND VERANTWORTUNG
Der Journalist: Hatte Luther keine Gewissensbisse?
Der Theologe: In einer positiv zum Lebenswerk Luthers stehenden Biografie heißt es über den
Antisemitismus Luthers: "Vielleicht, dass dieser Judenhass ihm als ein
Halteseil dient in seiner Verzweiflung ..." (Michael Meisner, Martin Luther,
Lübeck 1981, S. 278)
Nach seinen eigenen Aussagen erleichtert Luther sogar sein Gewissen damit, dass er eine
Verfolgung der Menschen jüdischen Glaubens fordert; zum Beispiel ihre Synagogen zu
verbrennen und Häuser zu zerstören, sie eventuell in Ställen zusammenzupferchen und zu
harter Arbeit zu zwingen.
Wird sein Rat nicht befolgt, sei er, Luther, entschuldigt: "Ich will hiermit
mein Gewissen gereinigt und entschuldigt haben als der ichs treulich habe
angezeigt und gewarnt ..." (Von den Juden und ihren Lügen, Jenaer Ausgabe, Tomos 8;
vgl. Der Theologe Nr. 28)
Der Journalist: So empfindet Luther offenbar als "gut", was für andere "böse"
ist.
Eine weitere Frage dazu: Wie ist es bei Luther grundsätzlich mit der Verantwortung für
das Böse, wenn der Mensch doch gar keinen freien Willen hat?
Der Theologe: Der Luther-Experte Behnk stellt ebenfalls die Frage, wie bei einer solchen Theologie "eigentlich noch die ... Verantwortlichkeit des Menschen für das Böse gedacht werden" könne; und deshalb bezeichnet er Luthers Lehre hier auch als "äußerst gefährlich" (a.a.O., 344). In Bezug auf die Bauern sagt Luther später ja in der bekannten Tischrede: "... all ihr Blut ist auf meinem Hals. Aber ich schiebe es auf unseren Herrgott; der hat mir befohlen, solches zu reden" (WA, Tischreden 3, 75).
Der Journalist: Und wie verhält es sich bei einem gehorsamen Befehlsempfänger dieses Gottes mit der eigenen Verantwortung?
Der Theologe: Luther sieht sich als Werkzeug
seines Gottes, und er entnimmt sein Gottesbild der Bibel - in
diesem Zusammenhang vor allem den Tötungsforderungen, die man im so genannten
"Alten" Testament entweder Gott oder Mose und anderen Gottesboten angedichtet
hatte.
So fordert Luther unter Berufung auf die Bibel vom Staat Hinrichtungen. Und auch den
Gehorsam gegenüber dem Staat begründet Luther mit der Bibel, nämlich mit Paulus.
Im Paulusbrief an die Römer heißt es: "Jedermann sei untertan der
Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott;
wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. Wer sich nun der Obrigkeit
widersetzt, der widerstrebt den Anordnungen Gottes ..." (13, 1-2)
Damit lässt sich jeder Faschismus durch den Glauben Luthers rechtfertigen und als Gottes
Anordnung hinstellen.
Der Journalist: Könnte man nicht sagen: Wer Anhänger eines eventuell hassenden Gottes ist, der seinem Kind keine Glaubensfreiheit lässt, es eventuell töten lässt und ewig verdammt - wie nahe liegt es für denjenigen, mit seinen Mitmenschen auf ähnliche Weise umzugehen? Verantwortlich wäre dann aber nicht er selbst, sondern - wie Luther sich rechtfertigt - jener Gott.
Der Theologe: Nach dem Luther-Experten Behnk zitiert: "Es heißt doch: Weil Gott es so will, gerät der Mensch unter die Macht des Bösen" (355). Es wäre also alles Gottes Wille. Luther lehrt vom Willen Gottes sogar, dass nicht einmal der erste Mensch bei seiner Erschaffung den zum Gehorsam gegenüber Gott befähigenden "vollen Heiligen Geist" erhalten habe. Oder noch einmal ein Zitat aus dem Lutherbuch von Wolfgang Behnk: "Pointiert gesagt sieht es so aus, als ob es allein an Gott und in keiner Weise an uns liegt, ob wir unehrenhafte, unbrauchbare, schlechte, der Vernichtung anheim gestellte ´Gefäße` sind oder nicht" (351)?
Der Journalist: Und wie ist es, wenn man es nicht "pointiert" sieht?
Der Theologe: Dann trägt der Mensch trotzdem Verantwortung - wie Judas, der Jesus zwar "unfreiwillig" verriet, aber "willig" (336 f.). Das heißt offenbar: Er wollte, doch sein Wollen war nicht frei. Trotzdem ist er deswegen nicht entschuldigt.
Der Journalist: Sind das nicht alles intellektuelle akrobatische Verrenkungen? Wer soll das verstehen können?
Der Theologe: Ein konsequenter Lutheraner könnte hier antworten: Die Vernunft kann vieles nicht
begreifen ... Es bleibt "verborgen".
GEWISSENSFREIHEIT
Der Journalist: So wie es die evangelische Kirche lange Zeit verstanden hat, Teile ihres Glaubens im Verborgenen zu halten. In früheren Zeiten war es ja auch lebensgefährlich, Kritik am kirchlichen Glauben zu üben.
Der Theologe: Heute leben wir aber in einer Demokratie, vieles ist anders geworden.
Der Journalist: Wenn wir einmal in der Gegenwart bleiben: In der Bundesrepublik Deutschland gilt das Grundgesetz mit der garantierten Gewissens- und Religionsfreiheit. Wie verhält sich die lutherische Kirche hierzu? Das Grundgesetz widerspricht doch dem Verhalten Luthers ganz entschieden?
Der Theologe: Ja. Luther berief sich zum Beispiel beim Wormser Reichstag (1521) auf sein Gewissen.
Bei vielen anderen, die ebenfalls ihrem Gewissen folgten, riefen Luther und seine Kirche
jedoch nach dem Henker.
Wie ist es heute? In den letzten Jahren ließen die lutherischen Kirchen immer wieder die
Religionsfreiheit des Grundgesetzes mit Füßen treten; und zwar dann, wenn sich
Glaubensgemeinschaften darauf beriefen, die von ihr bekämpft werden.
So forderte diese Kirche durch den hier bereits oft zitierten Dr. Behnk den Staat dazu auf, auch friedfertige und
unbescholtene Gemeinschaften staatlicherseits zu bekämpfen, wie es schon Luther tat.
Dabei heißt es mittlerweile im Grundgesetz: "Niemand darf wegen seines
Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat
oder Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen
benachteiligt oder bevorzugt werden ..." (Art. 3 Abs. 3)
Und: "Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit
des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die
ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet" (Art. 4 Abs.1 und 2).
Gelten lassen hat die lutherische Kirche diese Grundrechte nur für bestimmte Gemeinschaften. Für viele aber nicht, auch wenn diese die Würde des Menschen achten und im Geist der Verfassung leben. Sie werden im Widerspruch zur staatlichen Verfassung durch kirchliche Weltanschauungsbeauftragte wie Dr. Behnk bekämpft.
DAS ANDERE GESICHT DER LUTHERISCHEN KIRCHE
Der Journalist: Wie hat die Kirche diese Auseinandersetzung geführt?
Der Theologe: Dazu wurden auch in den 90-er Jahren dieses Jahrhunderts - wie zu Zeiten Luthers - alle
gesetzlich noch zulässigen Möglichkeiten an der Grenze zum Strafrecht genutzt.
Andersgläubige wurden in dieser Zeit aber nicht mehr dem "Henker" übergeben,
wie Luther es noch forderte, sondern es wurden Unwahrheiten über sie den Medien
zugespielt, um sie dem öffentlichen Rufmord preiszugeben. Hier zeigt die
evangelisch-lutherische
Kirche ein anderes Gesicht als das, worauf manche gerne hinwiesen, die das Positive
herausstellen wollten.
So wurden zum Beispiel Menschen einer Gemeinschaft von Dr. Behnk als "psychisch
und materiell abhängig" beschimpft und als "gewissenlos" oder "hysterisch"
hingestellt. Von "Entpersönlichung" oder "Entindividualisierung" war die Rede, manchen wurde sogar ein möglicher "Massenselbstmord"
unterstellt - alles Unwahrheiten und Verleumdungen. Das wäre ein eigenes Thema.
Diese unwahren "Meinungsäußerungen" wurden nun so geschickt verpackt,
dass sie in der Öffentlichkeit vielfach als "Tatsachen" aufgefasst
worden sind; oft auch deswegen, weil viele Menschen einem kirchlichen Beauftragten noch
vertrauten.
So erzeugte die Kirche ein öffentliches Klima, in dem die Zugehörigkeit zu vielen
nichtkirchlichen Religionsgemeinschaften - wie zu Zeiten Luthers - als "Gefahr
für Staat und Gesellschaft" betrachtet wurde.
Mit konkreten Folgen: So versuchte die lutherische Kirche durch Amtsträger wie Dr. Behnk
auch zu
erwirken, dass die Lebensgrundlage solcher zuvor verleumdeter und beschimpfter Menschen
zerstört wird: Es wurde zum Boykott oder zur Schließung ihrer Einrichtungen oder
Betriebe aufgerufen, obwohl dort nichts zu beanstanden war. Weiter wurde der Entzug von
Genehmigungen und Rechten gefordert, die Kündigung ihrer Versammlungsräume, das Verbot
ihrer Werbung oder es kam zu Verboten, Waren auf den dafür vorgesehenen Messen
und Märkten anbieten zu können usw.
Oder andere Firmen entließen Mitarbeiter, deren Glaube von der Kirche in den
Schmutz gezogen wurde, obwohl sie gut und
loyal arbeiteten und sich
nichts zuschulden kommen ließen. Erst vor kurzem wurde eine Firma
wegen der Zusammenarbeit mit einem von der Kirche verleumdeten Betrieb so unter Druck gesetzt, dass sie
ihre Verträge mit diesem Betrieb kündigte, obwohl auch dessen Arbeit sehr gut war. Elf Mitarbeiter
wurden arbeitslos.
Oder die Kirche säte Misstrauen und Argwohn in Familien, wo sich ein Familienmitglied
einem anderen Glauben zuwendete usw. Die Liste ließe sich fortsetzen.
PROJEKTION UND LÜGE
Der Journalist:
Alle Vorwürfe und geforderten Konsequenzen wurden von so genannten "Experten" wie Kirchenrat Behnk ja damit begründet, dass der Glaube dieser anderen Gemeinschaften "gefährlich" sei. Doch wie ist es mit ihrem eigenen Glauben?Der Theologe: Was sie anderen vorwerfen, begegnet einem in Wirklichkeit in der Theologie und im Leben Martin Luthers: Zum Beispiel Knechtung des freien Willens, totalitäre Vereinnahmung des Menschen von einer anderen Macht, Verlust von Gewissensbildung und persönlicher Verantwortlichkeit usw.
Der Journalist: In der Psychologie spricht man von "Projektionen".
Der Theologe: Ja. Das heißt: Jemand überträgt die Fehler und Schwächen seines eigenen Glaubens auf andere. Was jemand am Glauben seiner Mitmenschen Negatives zu sehen glaubt, ist in Wirklichkeit ein Teil der eigenen Weltanschauung.
Der Journalist: Das Negative zuerst bei sich selbst zu finden, das wäre ja eine der schlichten und einfachen Wahrheiten des Jesus von Nazareth, über die wir bereits anfangs gesprochen haben.
Der Theologe:
Ja. Sie steht in der Bibel, in der Bergpredigt im Matthäusevangelium: "Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? ... Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst" (7, 3.5).Der Journalist: Welcher Art waren die Lügen?
Der Theologe:
Bei ihm ist mir oft aufgefallen, wie er bei seinen Attacken Sätze aus dem Zusammenhang
gerissen und in völlig neue negative Zusammenhänge hineinmontiert hat. Das ist eine
schon von Luther angewandte Technik der Lüge, die vordergründig nicht gleich auffliegt, da die Sätze als solche ja
"belegbar" sind. Oder Dr. Behnk hat etwas weggelassen oder hinzugefügt, manchmal
scheinbare Kleinigkeiten, was den Sachverhalt aber völlig verfälschte. Oder er mischte
geschickt lügnerische und verleumderische Aussagen zu Tatsachen hinzu, so dass der Leser
oder Hörer die Vermischung nicht merkte und alles als Tatsachen auffasste. Dann
verwendete er auch eine Methode,
um die Herkunft der Unwahrheiten zu verschleiern: Er verleumdete und gab die Verleumdung
auch an die Presse. Danach sagte er, dies oder jenes sei in der Zeitung gestanden - ohne
allerdings den Urheber zu erwähnen, nämlich sich selbst.
LUTHER HEUTE
Der Journalist: Wenn wir von bestimmten Verhaltensweisen zum Glauben selbst zurückkommen: Ist Dr. Behnk ein typischer Vertreter für den evangelisch-lutherischen Glauben?
Der Theologe: Als "Sekten- und Weltanschauungsbeauftragter" ist es sogar seine Aufgabe, eine klare und nachweisbare evangelisch-lutherische Position zu vertreten und wachsam zu sein, damit in der lutherischen Kirche nicht etwas anderes gelehrt wird.
Der Journalist: Sie haben ja anfangs darauf hingewiesen, dass es neben der Person Luther die so genannten lutherischen Bekenntnisschriften gibt, auf welche lutherische Theologen heute verpflichtet werden. Hat sich die Kirche damit nicht ein Stück weit von Luthers Theologie distanziert?
Der Theologe: Nur wenig. Der Luther-Experte Behnk räumt in seinem Buch zwar ein, dass manches bei Luther "äußerst gefährlich" ist wie die "absolute göttliche Alleinwirksamkeit" (a.a.O., 344) oder "theologisch gefährlich" wie die Vorherbestimmung bestimmter Menschen durch Gott zur ewigen Verdammnis (354). Auch Luther, so der lutherische Theologe heute, muss sich an den lutherischen Bekenntnisschriften "messen und ggf. [= gegebenenfalls], wie es u. E. [= unseres Erachtens] hier erforderlich ist, kritisieren lassen" (396). Dort ist die Lehre Luthers dann abgemildert, wie wir schon besprochen haben: Ewige Verdammnis - ja, aber nicht mehr vorherbestimmt, sondern nur noch, wie alles andere auch, vorhergesehen, wie es auch die römisch-katholische Kirche lehrt. Unfreier Wille - ja, aber nur noch in Glaubensfragen. Alleinwirksamkeit Gottes - ja, aber nur noch "zum Heil". "Für das Böse" könne sich der Mensch wieder frei entscheiden (vgl. 393).
Der Journalist: Wird es nicht immer komplizierter?
Der Theologe: Die ganze lutherische Lehre ist
sehr kompliziert.
Als Luther-Experte sieht es der Kirchenrat aus München so: Bei Luther zeichnen sich "bestimmte
argumentative und sprachliche Unzulänglichkeiten" ab, "die ein Nachdenken
über das ohnehin schon so schwierige Willensproblem eher noch schwieriger machen"
(397).
Diese vorsichtige Kritik ist aber ausdrücklich "keine Verurteilung".
Im Gegenteil: Luther sei "insgesamt seinem
rechtfertigungstheologischen ´Thema` gerecht geworden" (397).
"Luthers These vom ´servum arbitrium` [= geknechteten Willen] in ihrer
Zusammengehörigkeit mit der von der libertas Christiana [= christlichen Freiheit]
ist insofern eminent biblisch und darum auch für uns Heutige theologisch
hilfreich und letztlich verbindlich" (397).
Schließlich ist es nach dem Glauben des lutherischen Theologen der "Heilige
Geist", also Gott selbst, der Luther in seiner Schrift
"angeleitet"
hat, zum Zentrum seiner Lehre, zu den "Christus-Sätzen"
hindurch zu stoßen (397 f.).
Vom "Heiligen Geist geleitet" - das ist eine der schwerwiegendsten und
verbindlichsten Aussagen, die innerhalb dieses Glaubens gemacht werden.
FREIHEIT UND SKLAVISCHER GLAUBE
Der Journalist: Der Luther-Anhänger will ja auch das Positive bei Luther herausstellen. Beispiel:
"Christliche" Freiheit trotz "geknechtetem Willen".
Der Theologe: Dazu zitiere ich noch einmal aus
Behnks Doktorarbeit:
"D. h. er [Luther] relativiert die Freiheit des kreatürlichen Willens
hinsichtlich der Dinge unter ihm dadurch, dass er diese in die Freiheit des
Schöpferwillens eingebunden und damit gebunden - als ein servum arbitrium (= einen geknechteten Willen)
denkt" (a.a.O., 299). Doch diese Worte bedeuten trotz ihrer kaum zu
durchschauenden schöneren Färbung: Gott ist frei, der
Mensch sein "Sklave" und nur als "Sklave" frei.
Oder weiter im Text der Promotion: "Der dreieinige Gott befreit uns sola gratia / sola fide / solo
Christo (= allein aus Gnaden / allein durch Glauben / allein durch Christus)
aus der ´sündigen` Zwangssituation, selber definieren zu müssen, worin die Freiheit
unseres Wesens und Wollens besteht" (397).
Der mit dem Wort "befreit" schöngefärbte Sachverhalt lautet auch hier:
Der Mensch braucht nicht mehr selber denken, es wird für ihn gedacht.
Selbst zu definieren, worin unsere Freiheit besteht, wäre demnach eine "Zwangssituation".
Der Journalist: Wird hier nicht aus A ein B gemacht und aus B ein A?
Der Theologe: Der Beauftragte für die rechte evangelisch-lutherische Lehre gesteht ein, dass die Theologie die "intersubjektiv erfahrbare Willensfreiheit" nicht als "nicht-existent" ignorieren könne. Sie muss sich vielmehr darum bemühen, "die allgemeine Freiheitserfahrung von der besonderen Glaubenserfahrung des servum arbitrium (= geknechteten Willens) her auf Vermittlung hin zu bedenken und so dem Kriterium der Gegenwartsgemäßheit gerecht zu werden" (396).
Der Journalist: Dieses theologische Wortgeklaube empfinde ich als eine Zumutung. Aber wenn ich es richtig verstehe, dann gibt der Kirchenmann zu, dass sich Menschen ohne den evangelischen Glauben als frei erfahren.
Der Theologe: Ja. Und die Kirche müsse sich dem anpassen. Ihre Lehre zu ändern bräuchte sie aber deswegen nicht. Für den evangelisch-lutherischen Glauben, so wie er hier gelehrt wird, würden gerade Menschen, die sich von dem krankhaften kirchlichen Ballast in ihrem Kopf befreit haben, in einer "sündigen Zwangssituation" leben. Evangelisch-lutherische Theologen sprechen manchmal von der "Unverfügbarkeit" ihres Glaubens, was einen von der Anstrengung befreien soll, aus eigener Kraft zu diesem Glauben zu finden. Der Kirche und den Gläubigen seien lediglich Predigt und Sakramente anvertraut, der Glaube werde dann von Gott mithilfe dieser Mittel geschenkt.
Der Journalist: Eigene Kraft oder Gottes Geschenk? Kann man das so unterscheiden?
Der Theologe:
Alle Kraft wird uns von Gott geschenkt, ist also so gesehen Seine, nicht unsere. Es kommt auf uns an, ob wir die Kraft missbrauchen und etwas Schlechtes damit tun oder ob wir sie für etwas Sinnvolles und Gutes einsetzen. Negativ wäre es auch, wenn wir uns kraftvoll fühlen und deshalb stolz oder hochmütig werden. Paulus hat einmal geschrieben: "Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir" (Galaterbrief, Kapitel 2). Wenn jemand dies nicht nur sagt, sondern Christus wirklich durch ihn und in ihm leben kann, dann ist es der christlich-mystische Weg, der aktive Glaube, der auch die Demut und die Freiheit beinhaltet.KEINE BEVORZUGUNG FÜR DIE KIRCHEN
Der Journalist: Nach allem, was wir besprochen haben: Martin Luther ließ viele Menschen töten, manche wegen ihres Glaubens. Heute gehen lutherische Kirchen mit Verleumdungen und Unwahrheiten gegen viele Andersgläubige vor. Diese sprechen oft von Rufmord. Was hat sich geändert? Sind die Grausamkeiten des lutherischen Glaubens aufgearbeitet und geändert worden? Und gehören die totalitäre Gesinnung Martin Luthers und viele seiner Forderungen endgültig der Vergangenheit an? Diesen Eindruck habe ich in unserem Gespräch bisher nicht gewonnen. Manche sagen, als Luther lebte, war es eben eine andere Zeit. Hat sich also nur die Zeit geändert? Was ist mit dem Glauben und dem Verhalten der Gläubigen? Und was ist, wenn die Zeit sich wieder ändert?
Der Theologe: Wenn die Kirche in Deutschland und auch in anderen Ländern den weltanschaulich neutralen Staat auffordert, gegen die Gruppen vorzugehen, die von ihr verleumdet und bekämpft werden, dann frage ich: Sind das nicht faschistische Tendenzen? Und wohin sollen diese führen? Davor kann sich der Staat aber schützen, wenn er sich zum Beispiel in Deutschland an das eigene Grundgesetz hält, das die Glaubensfreiheit garantiert, und wenn er sich nicht wie ein gezäumtes Pferd verhält, das von einem kirchlichen Reiter dorthin geritten wird, wohin die Kirche will.
Der Journalist: Sie sprechen von einem weltanschaulich neutralen Staat in Deutschland. Aber werden die evangelische und die katholische Kirche dort nicht massiv bevorzugt?
Der Theologe: Ja. Abgesehen von der staatlichen Einziehung der Kirchensteuer erhalten sie zu Beginn des 21. Jahrhunderts jährlich staatliche Subventionen in Höhe von ca. 14 Milliarden Euro für innerkirchliche Zwecke, die Subventionierung der kirchlichen Sozialeinrichtungen noch gar nicht mitgerechnet (weitere ca. 10 Milliarden Euro jährlich). Mit den staatlichen Subventionen wird zum Beispiel der konfessionelle Religionsunterricht an den staatlichen Schulen komplett finanziert oder die Ausbildung der kirchlichen Theologen an den Universitäten und Priesterseminaren. Auch werden die teilweise fünfstelligen Monatsgehälter für Bischöfe, Oberkirchenräte und weitere hohe Amtsträger damit bezahlt. Dazu kommen Millionenbeträge, die der Staat immer noch für Kirchengebäude aufbringen muss und sehr vieles mehr. Hier sind oft die politischen Gemeinden betroffen, die zum Teil noch weitere Zahlungen leisten müssen. Um sich davon zu befreien, bezahlten viele Gemeinden Ablösesummen an die Kirche. Die entsprechenden Ablösebeträge, welche die Kirchen beanspruchen, sind allerdings so hoch (z. B. das 25fache einer Jahressumme), dass viele politische Gemeinden es sich nicht leisten können und deshalb weiterhin jährlich zahlen müssen. Das ist ein grober Missbrauch des Staates und seiner Bürger für kirchliche Interessen.
Der Journalist: Die Kirchen werfen ihrerseits anderen Gruppen vor, den Staat und die Glaubensfreiheit, die er gewährt, zu missbrauchen.
Der Theologe: Hier kann man wieder die Frage nach der "Projektion" stellen? Stimmt das im konkreten Fall, oder sind es wieder die Kirchen selbst, die ihren Missbrauch auf andere projizieren?
Der Journalist: Die Kirchen weisen auf die Nähe ihrer Lehren zum freiheitlichen Menschenbild im demokratischen Staat hin.
Der Theologe: Oberflächlich betrachtet mag es einige Übereinstimmungen geben. Beim näheren
Hinschauen zeigt sich jedoch der gravierende Widerspruch. Auch deshalb ist das Thema unseres
Gesprächs so wichtig. Dennoch stehe ich ein für Toleranz auch der lutherischen Kirche gegenüber, und
für Achtung und Respekt gegenüber jedem ihrer Anhänger, denn auch für sie gilt
die Glaubensfreiheit des deutschen Grundgesetzes. Das schließt jedoch
Aufklärung über den Inhalt dieses Glaubens nicht aus und erfordert besondere
Wachsamkeit. Denn selbst Lutheraner wie Dr. Behnk bezeichnen
ja Glaubensaussagen Luthers als "äußerst gefährlich" und
dennoch
für die heutige Zeit als "verbindlich". Die "äußerste Gefahr"
ist also Gegenwart.
Wie gefährlich Luthers Lehre v. a. für Kinder und Jugendliche werden kann, zeigt
z. B. eine Dokumentation über die "Gruppe Luther", einem Zweig der Jugendarbeit
der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (Veit Dittmar, Gruppe Luther und
Kirche, 1995, Selbstverlag, c/o Klopstockstraße 8, 95447 Bayreuth). Auf über 250
Seiten dokumentiert der Autor z. B. das seelische Leid von Betroffenen und
Angehörigen, darunter Behandlungen in der nahe gelegenen Nervenklinik und
Selbstmordgedanken. Wer Luthers Lehre kennt, mag mögliche Zusammenhänge selbst
abwägen.
Ein weiteres Beispiel, was die kirchlichen Lehren betrifft: Viele ehemalige Kirchenmitglieder fühlen sich mittlerweile von den Kirchen getäuscht und fordern von den Kirchensteuerämtern ihre Kirchensteuer zurück. Sie bezahlten zum Beispiel jahrelang im guten Glauben, die Lehre Luthers stimme mit der Lehre von Christus überein und sehen sich jetzt, nachdem sie sich näher informiert haben, getäuscht. Auch ehemalige katholische Kirchenmitglieder wollen übrigens aus demselben Grund ihr Geld zurück. Seit 1998 sind mir diese Aktionen bekannt. Gleichzeitig protestieren immer mehr Menschen, dass sie, obwohl sie aus der Kirche ausgetreten sind, die Amtskirchen weiterhin durch die Subventionen aus dem allgemeinen Steuertopf mitfinanzieren müssen. Die Zeit, in der die Kirchen gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften vom Staat massiv bevorzugt und privilegiert wurden, neigt sich dem Ende zu. Die Politiker müssen es nur noch merken.
CHRISTLICHE FREIHEIT
Der Journalist: Wir haben viel von Glaubensfreiheit gesprochen und von den Gefahren des Missbrauchs.
Deshalb zum Schluss die Frage: Wie könnte denn eine wirklich christliche Freiheit
beschrieben werden, bei der man sich nicht nur auf Glaubensfreiheit beruft, sondern bei der Freiheit auch gelebt
wird?
Der Theologe: Die Freiheit des christlichen Glaubens wäre eine Freiheit für den Nächsten,
so wie es uns Christus als Jesus von Nazareth vorgelebt hat.
Der christliche Glaube besagt auch: Gott ist die Freiheit. Er ist die unendliche, sich
ständig verströmende Liebe, die in allen Seinen Geschöpfen wohnt. Wer lernt, in
diesen Strom zurück zu finden, der wird immer freier. Das Ziel ist, wieder eins
mit Gott zu werden, der jedes Seiner
Geschöpfe liebt und keines verdammt. Auch straft und züchtigt Er nicht. Der Mensch selbst
erleidet entsprechend der Gesetzmäßigkeit von Saat und Ernte die Wirkungen seiner
selbst geschaffenen Ursachen, aus diesem oder aus früheren Leben.
Dieses Wissen war auch Jesus von Nazareth und den ersten Urchristen bekannt,
wurde aber von kirchlichen Gelehrten nach und nach aus der urchristlichen
Botschaft herausgenommen, woraus sich viele so genannte "Geheimnisse" entwickelt
haben. Es hat sich aber vor allem in Schriften außerhalb der Bibel gehalten.
Auch das ist ein Thema für eine eigene Ausgabe dieser Zeitschrift (siehe dazu
Der Theologe Nr. 2: Reinkarnation).
Der Journalist: Wenn wir bei diesem Leben bleiben: Welche Aufgabe hat der Mensch hier auf der Erde?
Der Theologe: Jeder Tag seines Lebens kann dem Menschen zunächst zur Selbsterkenntnis dienen.
Geschieht etwas Negatives, kann er sich bewusst machen: In jedem Augenblick steht mir
Christus, steht mir Gott bei, die Ursache für die Situation zu erkennen. Ich
lerne, meinen eigenen Anteil daran zu bereuen, um Vergebung zu bitten, zu
vergeben, wieder gut zu machen, was wieder gutzumachen ist und das auf diese
Weise Erkannte nicht mehr zu
tun.
So wirkt die Barmherzigkeit Gottes, die dem Menschen hilft, sein Leben mehr und mehr in
Ordnung zu bringen und im Einklang mit der Schöpfung zu leben.
Dieses Leben entspricht auch den Zehn Geboten und der Bergpredigt des Jesus von Nazareth.
Dadurch wird der Mensch allmählich frei.
Es gehört allerdings dazu, dass jemand seinen Egoismus wirklich überwinden möchte, wobei ihm
auch eine Gemeinschaft hilft, in der sich jeder bemüht, für den anderen zu sein und
nicht gegen ihn.
Jeder Mensch kann sich jeden Augenblick frei entscheiden: Für ein Leben nach den Geboten
Gottes oder dagegen.
Wenn ich an die Richtigkeit dieser Gebote glaube, ihrem Inhalt vertraue, dann bemühe ich mich auch, sie zu
befolgen, so wie es Jesus von Nazareth gesagt hat. Es kommt also auf das Tun an,
nicht auf das intellektuelle Gaukelspiel von Theologen, das diese "Glaube"
nennen. Denn nur von einer guten Tat hat mein Nächster etwas, nicht von einem
Wortgeklingel über die menschliche Schwachheit. Niemand muss das allerdings so
sehen. Doch
jeder kann. So kann er auch sein Schicksal in jedem Augenblick ändern.
Der Journalist: Wie ist es dann mit der Lebenserfahrung der Unfreiheit bei bestimmten Entscheidungen?
Der Theologe: Das kommt aus christlicher Sicht daher, dass sich der Mensch durch eigenes Verhalten im
Laufe der Zeit unfrei gemacht hat, was auch nach der Gesetzmäßigkeit von Säen und
Ernten erfolgte.
Nach und nach kann jeder diese Gebundenheiten aber mit der Hilfe von Christus wieder
lösen und wird immer freier von Zwängen, Ängsten und Unfreiheiten. Er wird auch frei
dazu, seinem Nächsten zu helfen und zu dienen und auch für seine
"Übernächsten" da zu sein, für die Tiere (die über Äonen teilweise
negative Verhaltensweisen des Menschen in sich aufgenommen haben), die Pflanzen, die Mineralien, ja
für alle Geschöpfe auf diesem Erdplaneten. Das ist der christliche Weg.
Christus war auf dieser Erde, um uns zu zeigen und vorzuleben, wie dies möglich
ist. Und sein Erbe für uns, seine Kraft, trägt jeder in seiner Seele.
Eine ewige Verdammnis gibt es nicht. Früher oder später wird sich jeder Mensch, jede
Seele, mit der Hilfe von Christus aus ihrer selbst geschaffenen "Verdammnis"
lösen können.
Es gibt auch kein Oben und Unten, auch keine Höhergestellten oder "Geweihten"
im Glauben, keine "Kleriker" und keine "Laien".
Alle Menschen sind Schwestern und Brüder, und keiner braucht einen kirchlichen
"Amtsträger" als "Mittler" zu Gott.
Wer Christus nachfolgt, lässt die "Weihen" und "Würden" hinter sich. Er
lernt, allein Gott die Ehre zu geben, unserem Vater, dem Vater-Mutter-Gott, der jeden von
uns unendlich liebt und ihm in jeder Situation hilft, den nächsten Schritt für sein
Leben zu finden.
Christus wollte keine äußere Religion mit Pfarrern, Sakramenten, Dogmen, Zeremonien, Altären und Kirchen aus Stein. Er lehrte als Jesus von Nazareth, wie wir das Reich Gottes in uns erschließen können durch das Leben nach den Zehn Geboten und nach der Bergpredigt, in der alles Wesentliche zusammengefasst ist. Das Reich Gottes in uns bedeutet: Gott ist nicht nur als Schöpfergott uns gegenüber, Er ist auch in uns lebendig. Er ist in jedem Menschen, in jedem Tier, in jeder Pflanze, auch im kleinsten Staubkorn oder Stein. Er ist die sich immer verströmende selbstlose Liebe. Dieser Gott zwingt niemanden, setzt niemanden unter Druck und "reitet" auch auf keinem Seiner Geschöpfe wie ein Reiter auf einem Reittier. Er ist die Freiheit, und Er lässt jedem Seiner Kinder die Freiheit zu glauben, zu tun oder zu lassen, was es für richtig hält, und zu gehen, wohin es gehen will. Wenn der Mensch sich dabei auch von Gott entfernt und Wirkungen seines Fehlverhaltens tragen muss, Gott entfernt sich nie vom Menschen und reicht ihm - symbolisch gesprochen - immer die Hand.
Im Text verwendete Abkürzungen: CA = Confessio Augustana = Augsburger Konfession:
evangelische Bekenntnisschrift von 1530; WA = Weimarer Ausgabe der Lutherschriften
Weiterführende Literatur:
Zum Thema lesen Sie auch:
Der Theologe Nr. 21:
Der wegen Totschlags verurteilte Pfarrer Geyer und
die lutherische Lehre vom grausamen Gott
|
Der Text ist
auch als Druckschrift erschienen unter dem Titel:
"Der
Theologe", Hrsg. Dieter Potzel, Ausgabe Nr. 1: Wer folgt Luther nach, und
wer folgt Christus nach?, Wertheim 1996
(siehe unten). |
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