DER THEOLOGE
Hintergrund


Die Ermordung der Behinderten im Dritten Reich und die Vorbereitung und Unterstützung dieser "Euthanasie" durch die Kirche

Entnommen aus der Dokumentation Der Theologe, Ausgabe Nr. 4, Die evangelische Kirche und der Holocaust - Die nachfolgenden Fakten über die "Euthanasie" im Dritten Reich und deren geistiger Vorbereitung stammen überwiegend aus dem Umfeld der evangelischen Kirche, teilweise jedoch auch aus der römisch-katholischen (so die erste Meldung aus dem Jahr 1927 und der Hinweis auf die Predigt von Bischof von Galen und die Folgen aus dem Jahr 1940). Für weitere Informationen aus dem Umfeld der römisch-katholischen Kirche, aber auch der evangelischen Kirche, sind wir dankbar.
 

Die Ereignisse im Zeitablauf

1927 - Parallel zur Stimmungsmache gegen die jüdischen Mitbürger (siehe hier) wird in der Kirche auch die spätere Vernichtung der Behinderten vorbereitet, was man später "Euthanasie" nennt. So erscheint 1927 z. B. das Buch Gesetzliche Unfruchtbarmachung Geisteskranker, ein römisch-katholisches "Standardwerk", so zumindest die Beurteilung der "Vereinigung katholischer Seelsorger an deutschen Heil- und Pflegeanstalten". Das Werk stammt von dem Moraltheologen Dr. Joseph Mayer vom Institut für Caritaswissenschaften in Freiburg (Imprimatur (= kirchliche Druckerlaubnis) vom 15.2.1927). Darin warnt Dr. Joseph Mayer u. a. vor der Sexualität Behinderter und er schreibt: "Erblich belastete Geisteskranke befinden sich in ihrem Triebleben auf der Stufe unvernünftiger Tiere" (PS: Über die "unvernünftigen Tiere" heißt es in der Bibel in 2. Petrus 2, 12, dass sie "von Natur dazu geboren sind, dass sie gefangen und geschlachtet werden").
Und an anderer Stelle schreibt Dr. Mayer in seinem römisch-katholischen "Standardwerk": "Wenn darum ein Mensch der ganzen Gemeinschaft gefährlich ist und sie durch irgendein Vergehen zu verderben droht, dann ist es löblich und heilsam, ihn zu töten, damit das Gemeinwohl gerettet wird." Ähnliche Überlegungen gibt es auf evangelischer Seite (siehe hier).
13 Jahre später, im Jahr 1940, setzen die Nationalsozialisten dann diese kirchliche Anregung in die Tat um. Dem Morden voraus ging die Zwangssterilisation, die Hauptforderung auch des kirchlichen Buches Unfruchtbarmachung Geisteskranker. Zwar spricht sich der Vatikan im Jahr 1930 offiziell gegen die Zwangssterilisation Behinderter aus (anders als die evangelische Kirche; siehe hier), doch kooperieren die römisch-katholischen Einrichtungen in Deutschland später sowohl bei der Sterilisation als auch bei der nachfolgenden Ermordung mit den staatlichen Stellen und gestehen dem Staat hier z. B. "Notwehr" zu - etwa in dem Sinne, in dem es der Theologe Dr. Joseph Mayer 1927 angedacht hatte (siehe oben).



25.3.1931 - Nach Absprache mit Oberkirchenrat Hans Meiser lädt die Missionsanstalt Neuendettelsau in Bayern als erste evangelische Einrichtung in Deutschland die Nationalsozialisten zu einer "streng vertraulichen Aussprache" ein. Vor ca. 30 evangelischen Theologen spricht Direktor Dr. Friedrich Eppelein die Begrüßungsworte und sagt: "Wir erwarten uns von der NSDAP viel. Wir haben uns bis jetzt noch mit keiner Partei in ähnlicher Weise in Verbindung gesetzt und ausgesprochen" (zit. nach Mensing, a.a.O., S. 131 f.). Aus Neuendettelsau werden später deutschlandweit die meisten Behinderten zur Ermordung abtransportiert (siehe hier).


Mai 1931 - In Treysa in Hessen (in der Anstalt "Hephata") treffen sich die Anstaltsleiter der evangelischen Inneren Mission in Deutschland zu einer "Evangelischen Fachkonferenz für Eugenik". Zwei Jahre vor der Machtübernahme durch die NSDAP besprechen die führenden Vertreter der evangelischen Diakonie bei dieser Fachkonferenz bereits die Sterilisierung und eventuelle "Vernichtung" "lebensunwerten Lebens". In der so genannten Treysaer Erklärung einigt man sich dabei auf  die Forderung nach einer Zwangssterilisierung Behinderter. Dies entspreche nach Überzeugung des bekannten Pastors Friedrich von Bodelschwingh aus Bethel angeblich dem "Willen Jesu". Aus diesem Grund erklärte Friedrich von Bodelschwingh auch: "Im Dienst des Königreichs Gottes haben wir unseren Leib bekommen ... 'Das Auge, das mich zum Bösen verführt usw.' zeigt, dass die von Gott gegebenen Funktionen des Leibes in absolutem Gehorsam zu stehen haben, wenn sie zum Bösen führen und zur Zerstörung des Königreiches Gottes in diesem oder jenem Glied, dass dann die Möglichkeit oder Pflicht besteht, dass eine Eliminierung [der Geschlechtsorgane] stattfindet. Deshalb würde es mich ängstlich stimmen, wenn die Sterilisierung nur aus einer Notlage heraus anerkannt würde. Ich möchte es als Pflicht und mit dem Willen Jesu konform ansehen. Ich würde den Mut haben, vorausgesetzt, dass alle Bedingungen gegeben und Schranken gezogen sind, hier im Gehorsam gegen Gott die Eliminierung an anderen Leibern zu vollziehen, wenn ich für diesen Leib verantwortlich bin" (zit. nach Ernst Klee, Die SA Jesu Christi, S. 88).

Hinsichtlich eventueller Ermordungen stimmten die Leiter der kirchlichen Einrichtungen untereinander jedoch nicht überein. Der Leiter des Referates "Gesundheitsfürsorge" beim Centralausschuss der Inneren Mission, Dr. Hans Harmsen, formuliert bereits 1931 als politisches Thema, was dann später ab 1940 tatsächlich umgesetzt wurde: "Dem Staat geben wir das Recht, Menschenleben zu vernichten, Verbrecher und im Kriege. Weshalb verwehren wir ihm das Recht zur Vernichtung der lästigsten Existenzen?" (Ernst Klee/Gunnar Petrich, Film "Alles Kranke ist Last", a.a.O.) "Das Protokoll enthält keinen Hinweis, dass einer der zehn Anstaltsleiter eine solche Frage unter Christenmenschen für gotteslästerlich hält ..." (Die christlichen Wurzeln des Nationalsozialismus, zit. nach http://www.humanist.de/kriminalmuseum/eugenik.htm). Folglich können die späteren Ermordungen auch dank der Mithilfe der kirchlichen Stellen erfolgen.

Angehörige haben ihre Kinder oder andere Familienangehörigen in der Regel in gutem Glauben kirchlichen Einrichtungen anvertraut, weil sie der Kirche vertrauten. Doch sie wussten nicht, dass die Verantwortlichen in der evangelischen Kirche heimlich darüber diskutierten, ob man die Behinderten ermorden solle oder nicht. Und dabei ging es nicht nur um Schwerstbehinderte, sondern auch um Leichtbehinderte, wobei viele Kirchenführer bei der Diskussion einen Unterschied zwischen den Behinderungsgraden machten und eine Aufteilung versuchten zwischen "lebenswert" und "nicht lebenswert" - wohlgemerkt: gegen Ende der Weimarer Republik und noch nicht im Dritten Reich.


14.7.1933 - Nun waren die Nationalsozialisten seit einigen Monaten an der Macht. Das
Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses befiehlt die Zwangssterilisation Behinderter. Die Nationalsozialisten erfüllen damit eine Forderung der evangelischen Kirche, welche die Anstaltsleiter der Inneren Mission in ihrer Treysaer Erklärung 1931 erhoben haben (siehe oben). Zu den Betroffenen gehörten schließlich auch Blinde, Taube, Stumme, Epileptiker, Alkoholiker, Körperbehinderte, seelisch Kranke und viele politische Gegner, die man wegen ihrer abweichenden Einstellungen teilweise ebenfalls als "Schwachsinnige" einstuft. Sieben Jahre später, ab 1940, werden diese Menschen schließlich vergast, vergiftet, erschlagen oder man lässt sie verhungern. Und auch über mögliche Ermordungen wurde ja bereits auf der evangelischen Fachkonferenz in Treysa im Jahr 1931 gesprochen.


1933 - Karl Todt, Direktor der evangelischen Heilerziehungs- und Pflegeanstalt der Inneren Mission in Scheuern an der Lahn, ist wie andere Diakonie-Leiter von dem neuen
Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses begeistert und schreibt kurze Zeit später: "Wie freudig begrüßten wir die rassenpflegerischen Maßnahmen unseres Führers, die der Auftakt sind, die Übel von der Wurzel an zu bekämpfen. So stehen wir zum Dienste bereit, Handlanger zu sein am Bau des Reiches Gottes und am Bau des neuen, des Dritten Reiches" (zit. nach Ernst Klee/Gunnar Petrich, Film "Alles Kranke ist Last", a.a.O.). Im Jahr 1941 dienen die evangelischen Einrichtungen in Scheuern dann als Zwischenstation für Behinderte auf deren Weg in das Vernichtungslager Meseritz-Obrawalde in Pommern. Von Scheuern aus werden die der Kirche anvertrauten Menschen wissentlich zur Vernichtung (Vergasung, Vergiftung, Erschlagung, Verhungern lassen) weitergeleitet.
Dies geschieht z. B. auch in der Landesheil- und Pflegeanstalt in Bernburg an der Saale. Dort werden die Behinderten 1940 und 1941 "vergast".
Ca. 75 Behinderte werden dazu jeweils nackt in die 3 x 4 m große Gaskammer der Pflegeanstalt gezwängt. Dann wird das Gas eingeleitet und den Behinderten steht ein grausamer Todeskampf bevor. Im selben Gebäude-Komplex tun die Diakonissen des evangelischen Oberlin-Hauses Babelsberg offenbar ohne Protest ihren "Dienst".


Ab 1933 - Begeisterung in den evangelischen Diakonissenmutterhäusern über Adolf Hitler und die nationalsozialistische Regierung - "Die Leute sind toll vor Begeisterung"
(NS-Propaganda-Minister Joseph Goebbels nach einem Besuch des evangelischen Luise-Henrietten-Stifts in Lehnin im Mai 1933; zit. nach Ernst Klee/Gunnar Petrich, Film "Alles Kranke ist Last", a.a.O.).
Das Diakonissenmutterhaus in Düsseldorf-Kaiserswerth wird von der NSDAP besonders gelobt, weil es schon vor der Machtübernahme die Partei auch finanziell (!) unterstützte (Ernst Klee/Gunnar Petrich, Film "Alles Kranke ist Last", a.a.O.). Im Mitteilungsblatt dieses ältesten evangelischen Diakonissenmutterhauses in Deutschland wird ein Huldigungslied auf die Nationalsozialisten, gedichtet von der Diakonisse Emma Obermeier, abgedruckt, Die braunen Kolonnen: "Das Hakenkreuzbanner weht stolz voran ... Das undeutsche Wesen zur Türe hinaus. Wir kehren mit eisernem Besen das Haus. Sieg Heil!"



September 1933 - 100-jähriges Jubiläum des Rauhen Hauses in Hamburg, eine der bekanntesten Sozialeinrichtungen der evangelischen Diakonie. Der Präsident, Pfarrer H. Schirrmacher, zu den Diakonen:
"Wir begrüßen euch alle als die SA Jesu Christi und die SS der Kirche, ihr wackeren Sturmabteilungen und Schutzstaffeln im Angriff gegen Not, Elend, Verzweiflung und Verwahrlosung, Sünde und Verderben ... Evangelische Diakonie und Nationalsozialismus gehören in Deutschland zusammen ... Ich wünsche, dass unsere jungen Brüder in den Diakonenanstalten sämtlich SA-Männer werden" (zit. nach Ernst Klee, Die SA Jesu Christi, Die Kirche im Banne Hitlers, Frankfurt/M. 1989, Impressum-Seite).


Anmerkung: Es folgen deutschlandweit Eintrittswellen von evangelischen Diakonen in die SA. Die SA, "Görings Prätorianergarde für ungehemmten Terror" (Der Historiker Volker Hentschel, So kam Hitler, a.a.O., S. 131), verübte bis dahin bereits unzählige Gewalttaten und Morde an politischen Gegnern. Das macht deutlich, in welcher Organisation das kirchliche Diakonie-Personal sich nach dem Willen eines ihrer Präsidenten engagieren soll.
Über die Führung der SA-Konzentrationslager schon im Frühjahr 1932 schreibt ein Augenzeuge: "Die Opfer, die wir vorfanden, waren dem Hungertod nahe. Sie waren tagelang stehend in enge Schränke gesperrt worden, um ihnen ´Geständnisse` zu erpressen. Die ´Vernehmungen` hatten mit Prügeln begonnen und geendet; dabei hatte ein Dutzend Kerle in Abständen von Stunden mit Eisenstäben, Gummiknüppeln und Peitschen auf die Opfer eingedroschen. Als wir eintraten, lagen diese lebenden Skelette reihenweise mit eiternden Wunden auf dem faulenden Stroh"
(Der erste Gestapo-Chef Diels, zit. nach Hentschel, So kam Hitler, a.a.O., S. 136)
.
Im Juli 1933 übernimmt die evangelische Diakonie von der SA sogar die Leitung eines KZ. Über den "Landesverein für Innere Mission, Abteilung Konzentrationslager Kuhlen", schreibt Ernst Klee: "Auf kirchlichem Boden ... werden Gegner des Nationalsozialismus gequält und geschunden. Sie werden mit Gewehrkolben zur (Feld-)Arbeit getrieben, manche mit Gummiknüppeln bewusstlos geschlagen
." Alle dort beschäftigten SA-Männer gelten als kirchliche Mitarbeiter und erhalten ihren Lohn von der Inneren Mission. Im Oktober werden die Insassen von Kuhlen in größere KZs überführt, das Lager wird geschlossen. Auch im KZ Papenburg arbeiten von 1933-1939 Diakone des evangelischen Stephansstifts Hannover. Sie "stehen und warten, dass man einmal auf einen Menschen schießen darf" (Ein Diakon, zit. nach Klee, Die SA Jesu Christi, a.a.O., S. 61-71).


1934 - Gedicht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern: "... du deutsche Jugend - unser Stolz, rank - zäh wie junges Eichenholz, zeig du der Welt - zeig du der Welt - trotz Hohn - trotz Spott: Ein Volk stirbt nicht, das seinem Gott die Treue hält - die Treue hält" (Jahrgang 1934, S. 365). Behinderte passten immer weniger in dieses kirchliche Denken hinein.


5.4.1937 - Der leitende Arzt der evangelischen Neuendettelsauer Fürsorgeheime, der Lutheraner Dr. Rudolph Boekh, über die Diskussion zur Vernichtung angeblich lebensunwerten Lebens: "Diese Verzerrung des menschlichen Antlitzes" sei "dem Schöpfer zurückzugeben".
Und: "Die Entscheidung, ob ein Mensch vernichtet werden soll, steht allein dem Mann zu, der unter Berufung auf den Schöpfer die Gewalt in seiner Hand hat ... Das kann und darf allein der Führer" (zit. nach Klee, Die SA Jesu Christi, a.a.O., S. 180).
Dr. Rudolph Boekh war 10 Jahre Oberarzt der evangelischen Diakonieeinrichtungen in Bethel und kam auf Empfehlung des dortigen Pastors Friedrich von Bodelschwingh im Jahr 1936 nach Neuendettelsau. Während in dem fränkischen Ort die knapp 2.000 der Kirche anvertrauten Behinderten im Frühjahr 1937 noch vielfach fröhlich und unbeschwert ihren Alltag leben (es gibt Filmaufnahmen aus dieser Zeit, die dies eindrücklich belegen), hat der ärztliche Leiter der kirchlichen Einrichtung schon ihr Todesurteil gefällt (vgl. Zeitablauf: 1939 und 19.7.1940).


1939 - Der evangelische Theologe D. Hans Lauerer, Rektor der evangelisch-lutherischen Behinderteneinrichtungen in Neuendettelsau, gibt mit Berufung auf die lutherische Zwei-Reiche-Lehre nun auch eine theologische Zustimmung für den geplanten und bevorstehenden Massenmord an Behinderten: "... darum können wir Lutheraner nicht anders als grundsätzlich bejahend zum Staat, zu unserem Staat stehen. Von diesem Standpunkt aus haben wir kein Recht, es zu beanstanden, wenn der Staat ... die Tatsache minderwertigen Lebens konstatiert und auf Grund dieser Konstatierung dann auch handelt" (Hans Lauerer, Das Menschenleben in der Wertung Gottes, 1939; zit. nach Klee, Die SA Jesu Christi, a.a.O., S. 180 f.; siehe auch Anhang in "Der Theologe Nr. 4" über die Zwei-Reiche-Lehre).

Anmerkung: Nach D. Hans Lauerer ist bis heute [2009] eines der beiden Wohnheime für Diakonissen in Neuendettelsau benannt. Die mörderische Heuchelei wird vor allem dadurch deutlich, dass auf der evangelischen Fachkonferenz für Eugenik 1931 in Treysa bereits der Unterscheid zwischen "lebenswert" und "lebensunwert" gemacht wurde und dass die Verantwortlichen der Kirche dort schon über die eventuelle Tötung "lebensunwerten" Lebens debattierten - lange bevor die Nationalsozialisten die Ermordung von "minderwertigen Leben" durchführten.

PS: Und auch der katholische Moraltheologe Joseph Mayer wies den Staat in einem mit kirchlicher Imprimatur (= Druckerlaubnis) versehenen Buch ja schon 1927 darauf hin, dass ein nicht "sozial Tüchtiger" "nötig und heilsam" getötet werden müsse, "damit das Gemeinwohl gerettet werde"
(siehe dazu unsere Meldung oben). Der Staat habe die Pflicht, sich gegen solchen Untergang zu wehren und die Kirche habe "kein Recht, ihm in den Arm zu fallen" (zit. nach Main-Post, 6.7.1985). Der Schriftsteller Ernst Klee fasst die Schuld der Kirchen an diesem Massenmord mit den Worten zusammen: "Beide Kirchen haben massiv dazu beigetragen, denn sie haben die Opfer als Opfer präpariert."


Januar 1940 - Die Vernichtung "lebensunwerten" Lebens, auch "Euthanasie" genannt, beginnt. In den evangelischen Einrichtungen in Bayern erfolgt im April 1940 die Erfassung. Meistens werden die betroffenen Menschen später "vergast".


15.4.1940 - Bekanntmachung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zum Führergeburtstag am 20.4.1940: "Das ganze deutsche Volk fühlt sich an diesem Tage in besonderer Weise mit dem Manne verbunden, der das Geschick des Großdeutschen Reiches mit starken Händen durch die Fährnisse des Krieges steuert. Die Gemeinden unserer Landeskirche gedenken seiner in freudigem Dank und ernster Fürbitte. Sie geloben aufs neue, den Dienst, zu dem sie der Herr berufen hat, mit ganzer Treue auszuführen. Sie sehen darin ihren Beitrag zum Werke des Führers, dass sie durch die Botschaft von Jesus Christus den deutschen Menschen hinführen zu den Quellen aller Kraft, ihn stark machen für den Kampf, ihn freudig machen zu allem Opfer ... Ev.-Luth. Landeskirchenrat; D. Meiser."


2.6.1940 - Landesbischof Hans Meiser hält die Festpredigt zum 50jährigen Jubiläum der Rummelsberger Diakonie. Darin nimmt der Landesbischof zu den Überfällen Deutschlands auf Frankreich, Belgien und die Niederlande Stellung und zu der Besetzung Dänemarks und Norwegens:
"Auf den Schlachtfeldern Flanderns, wo so oft schon Völker um ihr Schicksal gerungen haben, haben unsere Heere einen Sieg errungen, wie er ähnlich in der Geschichte der Völker nicht gefunden wird ... Wir beugen uns vor der Größe dieser Stunde; wir stehend anbetend vor unserem Gott, der die Geschicke der Völker so majestätisch lenkt. Wir gedenken voll Ehrfurcht derer, die so Großes so kühn planten, und derer, die es so tapfer und wagemutig vollbrachten" (zit. nach: Bericht über die Feier des fünfzigjährigen Bestehens der Diakonenanstalt Rummelsberg; zit. nach Gerhard Wehr, Gutes tun und nicht müde werden, München 1989, S. 175).



Ab Juli 1940 - Selektion und Verlegung der Behinderten aus den Einrichtungen der bayerischen evangelischen Diakonie - in staatliche Einrichtungen und von dort in Vergasungsanstalten, v. a. in Hartheim bei Linz in Österreich. Aus keinem Fürsorgeheim Deutschlands werden dabei mehr Behinderte zur Ermordung abgeholt wie aus den evangelischen Heimen in Neuendettelsau in Bayern. Anfangs sind viele Behinderte noch "in froher Erwartung eines Ausflugs". Als schließlich Berichte über die Ermordungen zu den späteren Opfern durchsickern, reagieren diese unterschiedlich: "Manche sollen sich still in ihr Schicksal ergeben haben, andere flehen um ihr Leben, wehren sich verzweifelt, weinen, schreien und klammern sich in ihrer Todesangst an Ordensschwester oder Pfleger, reißen ihnen fast die Kleider vom Leibe"
(Ernst Klee/Gunnar Petrich, Film "Alles Kranke ist Last", a.a.O.). Die Aktionen dauern bis Anfang 1941. Auch Landesbischof Hans Meiser wird darüber informiert und schweigt. Nach dem Krieg rechtfertigen sich Verantwortliche, "seelenlose Monster" seien von ihrem Leiden "erlöst" worden (Klee/Petrich, a.a.O.).


19.7. / August 1940 - Landesbischof Theophil Wurm wendet sich in einem Brief an Reichsinnenminister Frick halbherzig bis unwillig gegen die Ermordung Behinderter in der württembergischen Vergasungsanstalt Grafeneck. Trotz Judenverfolgung, Krieg und anderem staatlichen Terror bescheinigt Wurm dem Führer und der Partei zunächst, bis jetzt auf christlichem Boden zu stehen. Dieser würde mit der "Ausrottung" der Behinderten aber verlassen, auch wenn Wurm dafür Verständnis signalisiert. Der Bischof rechtfertigt seinen "Protest" damit, dass er es "in erster Linie deshalb" tue, "weil die Angehörigen der betroffenen Volksgenossen [der Opfer] von der Leitung einer Kirche einen solchen Schritt erwarten ... Dixi et salvavi animam meam" [= "Ich habe es gesagt und meine Seele ist gerettet" (so denkt der Bischof)]
(Ernst Klee/Gunnar Petrich, Film "Alles Kranke ist Last", a.a.O.). Kein Wunder, dass dieser Pflicht-"Protest" nichts bewirkt.
In Bethel/Westfalen werden die Behinderten allerdings nicht ermordet, obwohl auch der dortige Leiter Friedrich von Bodelschwingh kaum kräftiger protestiert hat.* Bodelschwingh im August 1940: "Sicher wäre es das Beste, wenn die ganze Maßnahme sofort und vollständig eingestellt würde. Kann man sich dazu nicht entschließen, so muss ein geordnetes Verfahren festgelegt werden."** Bei einer Konferenz in Treysa im Jahr 1931 konnte sich Bodelschwingh sogar vorstellen, Behinderte eigenhändig zu "eliminieren". Und schließlich setzen die Nationalsozialisten jetzt nur in die Tat um, was viele Kirchenführer bereits auf dieser Konferenz gefordert hatten
(siehe oben)
. So hatte auch der von Bodelschwingh stark geförderte ehemalige Betheler Oberarzt und Psychiater Dr. Rudolph Boekh aus Neuendettelsau bereits im Jahr 1937 die Ermordungen gefordert und sich dabei hinter dem "Führer" Adolf Hitler versteckt (vgl. Zeitablauf: 1937).

Anmerkungen
:
*1) In den evangelischen Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel holte man die Behinderten nicht zur Ermordung ab. Doch es geschah dort vielfach anderes Unrecht. So mussten von 1942-1944 z. B. eine unbekannte Zahl von Kriegsgefangenen und ca. 150 - 180 Zwangsarbeiter dort hart arbeiten - Menschen die von der deutschen Armee in Osteuropa eingefangen und nach Deutschland verschleppt wurden. "Bethel war von Anfang an voll in das Zwangsarbeiter-System integriert" (Prof. Matthias Benad, Leiter der Forschungsstelle für Diakonie und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Bethel, zit. nach Ev. Sonntagsblatt für Bayern Nr. 39, 24.9.2000, S. 7). Und über Bethel soll nach dem Krieg teilweise auch die Flucht hochrangiger Nationalsozialisten ins Ausland organisiert worden sein.
**2) Manche Kirchen- und Diakonieführer unterschieden zwischen unterschiedlichen Graden der Behinderung und versuchten, das Leben leichter Behinderter zu retten, indem sie die Ermordung schwerer Behinderter unterstützten.



3.8.1941 - Der katholische Bischof Clemens August von Galen prangert als einziger deutscher Bischof in einer Predigt die Vernichtung Behinderter an. Auf der anderen Seite treibt er die Deutschen jedoch in den Krieg
(siehe dazu Der Theologe Nr. 27 über den "Kreuzzugsprediger" von Galen). Aus Rücksicht auf den Protest von Galens finden die Vernichtungsaktionen (von weiteren ca. 30.000 Behinderten) seither mehr im Geheimen statt. So lässt man z. B. in Irsee im Allgäu, wo die Nonnen von der "Kongregation des Heiligen Vinzenz von Paul" einen großen Teil des Personals stellen, behinderte Kinder darauf hin nicht mehr vergasen, sondern auf staatliche Anordnung hin verhungern (was nach ca. drei Monaten zum Tod führen sollte) oder vergiften (Ernst Klee/Gunnar Petrich, Film "Alles Kranke ist Last", a.a.O.).
Als Töterin wurde in Irsee vor allem die evangelische Krankenschwester Pauline Kneissler eingesetzt, die vor dem Krieg im Kirchenchor sang und evangelischen Kindergottesdienst hielt und schon in den Vergasungsanstalten Grafeneck auf der Schwäbischen Alb und in Hadamar bei Limburg zuvor Tausende von Menschen mit der Giftspritze tötete. Sie teilte dem Klinikseelsorger jeweils mit, welchem Behinderten er die katholischen Sterbesakramente geben soll. Nachdem der Priester jeweils seinen "Dienst" getan hatte, brachte sie ihn um.


Anmerkung: Die evangelische Massentöterin Pauline Kneissler wurde nach dem Krieg zu vier Jahren Haft verurteilt und beschwerte sich über dieses Urteil. So rechtfertigt sich die Krankenschwester 1947 mit den Worten: "Mein Leben war Hingabe und Aufopferung, ... nie war ich hart zu Menschen ... Dafür muss ich heute leiden und leiden" (http://www.rav.de/infobrief94/mueller2.htm).
Alle Verbrecher im staatlichen Auftrag hatten dabei die Rückendeckung der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland), die in einem Beschwerdebrief an die US-Militärregierung vom 26.4.1946 z. B. schrieb:
"Dabei waren Handlungen und Gesinnungen, die heute verurteilt werden, vom damaligen Gesetzgeber als rechtmäßig und gut eingeschätzt. Hierdurch wird das Rechtsempfinden erschüttert und von den Angeklagten eine Rechtseinsicht verlangt, die man nicht erwarten kann" (zit. nach Amtsblatt der Evang.-Luth. Kirche in Bayern).


30.7.1944 - Die Deutsche Evangelische Kirchenkanzlei und der Geistliche Vertrauensrat der Evangelischen Kirche bekunden, dass sich das deutsche Volk "mit Empörung und Abscheu" von der Tat des 20. Juli 1944 abwendet, und sie huldigen Hitler mit Treuetelegrammen. Wörtlich heißt es: "Aus tiefem Herzen danken wir dem Allmächtigen für die Errettung des Führers und bitten ihn, Er möge ihn weiterhin in seinen Schutz nehmen. Mit dieser Bitte soll sich das Gelöbnis neuer Treue und der Entschluss verbinden, uns ernster noch als zuvor der unerbittlichen Forderung der Zeit zu unterwerfen, für die der Führer rastlos sein Alles einsetzt. - Die Deutsche Evangelische Kirchenkanzlei und der Geistliche Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche haben nach dem Anschlag auf das Leben des Führers in Treuetelegrammen an ihn den Dank gegen Gott für die gnädige Bewahrung Ausdruck verliehen" (Das Evangelische Deutschland, 30.7.1944).
 
Anmerkung: Die Fortsetzung des Krieges wird weiteren Hunderttausenden Menschen das Leben kosten, z. B. bei der Bombardierung deutscher Städte.


30.6.1945 - Absprachen der Kirchenverantwortlichen mit Landesbischof Meiser hinsichtlich ihres Verhaltens bei der "Vernichtung unwerten Lebens". Dazu Pfarrer Ratz aus Neuendettelsau an Pfarrer Harleß aus Bruckberg:
"Wie ich neulich von Frau Dr. Asam-Bruckmüller hörte, interessieren sich die Amerikaner sehr für die Sache. Es scheint auch, dass sie versuchen, einen verantwortlichen Mann zur Rechenschaft zu ziehen. Da ist es natürlich nötig, dass unsere Angaben über das, was wir taten, übereinstimmen. Als in dieser Woche Herr Landesbischof Meiser hier war, wurde auch über diese Sache gesprochen und auch von ihm betont, wie nötig es sei, gerade in diesen Dingen möglichst Vorsicht walten zu lassen" (zit. nach: Müller/Siemen, Warum sie sterben mussten, Leidensweg und Vernichtung von Behinderten aus den Neuendettelsauer Pflegeanstalten im "Dritten Reich", Neustadt/Aisch 1991, S. 168 f.).


 
Am 26.2.1946 können "die Pflegeanstalten Neuendettelsau teilweise wieder ihren früheren Zweckbestimmungen zugeführt werden. Ev.-Luth. Landeskirchenrat; D. Meiser" (Amtsblatt der Evang.-Luth. Kirche in Bayern).

 


Quellen- und Literaturverzeichnis:

- Die christlichen Wurzeln des Nationalsozialismus, zit. nach www.humanist.de
- Hentschel Volker, So kam Hitler, Schicksalsjahre 1932-1933, Düsseldorf 1980
- Klee Ernst, Die SA Jesu Christi, Frankfurt am Main 1989
- Klee Ernst, Petrich Gunnar, Film "Alles Kranke ist Last", ARD 1988;
   vgl. das gleichnamige Buch, Frankfurt am Main 1983
- Müller Christine-Ruth, Siemen, Hans-Ludwig; Warum sie sterben mussten, Neustadt an der Aisch 1991
- Wehr Gerhard, Gutes tun und nicht müde werden, München 1989

Weitere Quellen und Literaturangaben: siehe
hier.
 

 

Der Text  kann wie folgt zitiert werden:
Zeitschrift "Der Theologe", Hrsg. Dieter Potzel, Die Ermordung der Behinderten im Dritten Reich und die Unterstützung dieser Euthanasie durch die evangelische Kirche, zit. nach http://www.theologe.de/euthanasie.htm, Fassung vom 13.10.2009

 

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