DER
THEOLOGE
Nr. 2

Das Rad der
Wiedergeburt - Viele Spuren des
Wissens um Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung finden sich auch in der Bibel.
Der Jakobusbrief z.B. warnt davor, dass unsere Zunge
einen "Brand" verursachen kann, der das
"Rad der Geburt" erneut in Bewegung setzt (3, 6).
Reinkarnation
Urwissen der Menschheit und urchristlicher Glaube
"Was der Mensch sät, das wird er ernten".
Ist dies wirklich so? Die Anwendung dieses
Satzes auf das eigene Leben ist jedenfalls ein passender Schlüssel,
um es besser zu verstehen und um vieles zum Guten ändern zu können.
Auch Jesus von Nazareth und die Urchristen
lehrten dieses "Gesetz von Saat und Ernte", wie in dieser Ausgabe
des Theologen nachgewiesen wird.
Alles ist dabei von Bedeutung: Jede Tat, jedes Wort, jeder
Gedanke, jede Empfindung. Was wir tun, reden, denken und empfinden, ist die
Saat in den Acker unseres Lebens. Und keine Energie geht dabei verloren. Demnach geht eine
"Saat" entweder noch in diesem Leben auf oder im Jenseits oder
in einem weiteren irdischen Leben. Haben wir Positives "gesät", wird
dementsprechend wieder Positives auf uns zukommen. Haben wir Negatives
"gesät", bekommen wir
immer wieder Hilfen, umzukehren und dies zu "bereinigen" und wieder gut zu
machen bzw. zu ändern, damit wir die negative
Saat nicht ernten müssen.
Dazu gehören Fingerzeige und Warnungen, deren Botschaften uns z. B. helfen, einen
drohenden Schicksalsschlag rechtzeitig zu verhindern. Das ist die
Barmherzigkeit Gottes. Schlagen wir diese aus, wird das von uns ausgegangene
Negative uns gleich einem Bumerang wieder treffen.
Jesus über vergangene Inkarnationen: "Heute, wenn ihr euer Ebenbild seht, freut ihr euch. Wenn ihr aber eure Bilder seht, die vor euch geworden sind, wie viel werdet ihr ertragen?" (Thomasevangelium, Vers 84)
Das Ziel des christlichen Weges ist das Ende der Inkarnationen in
menschliche Körper und die Rückkehr aller Seelen und Menschen in ihre
geistige Heimat, die sie einst verlassen hatten.
Inhaltsverzeichnis:
1.Teil:
Saat und Ernte, Reinkarnation
Es gibt kein "Geheimnis Gottes"
Eine Grundregel der Physik
Selbstachtung
Die Hilfe Gottes
Über den Zeitpunkt und die Art des Todes
Vergangenes Leben, heutiges Leben, zukünftiges Leben
Wenn sich jemand in Gedanken verstrickt
Es gibt keinen strafenden Gott
Kein Pfarrer kann von Sünden lossprechen
Bitte um Vergebung für kirchliches Handeln
Das Karma der Pfarrer und Priester
2. Teil:
Saat und Ernte, Reinkarnation bei Jesus von Nazareth, in der Bibel und im
Urchristentum
Reinkarnation bei Origenes und Augustinus
Reinkarnation im Urchristentum
Der Becher mit dem "Trunk des Vergessens"
Jesus über die "Auswechslungen des Körpers"
Frühere Lebensläufe oder Erbsünde?
Gibt es eine Bibelstelle gegen
Reinkarnation?
Jesus lehrte das Gesetz von Saat und Ernte
"An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen"
Anhang: Die Antwort der Kirche
1.TEIL:
SAAT UND ERNTE, REINKARNATION
Der Journalist: Der katholische und der evangelische Glaube kennen keine Wiederverkörperung bzw. Reinkarnation. Sie waren evangelischer Pfarrer und glauben heute an Reinkarnation. Wie ist das gekommen?
Der Theologe:
Ich wollte als Christ leben und Jesus von Nazareth nachfolgen, und ich glaubte zunächst, die Lehre von der möglichen Reinkarnation sei nicht christlich. Als Theologiestudent und später als Pfarrer wurde mir aber auch immer mehr bewusst, wie groß die Spannungen und Widersprüche zwischen der evangelischen Lehre und Jesus von Nazareth sind, wie ich ihn aus der Bibel her kannte (siehe dazu Der Theologe Nr. 1). Eine Zeitlang habe ich versucht, beides miteinander zu vereinbaren, doch eines Tages sah ich mich vor die Entscheidung gestellt: entweder lutherisch oder christlich. Ich entschied mich dafür, den Pfarrerberuf niederzulegen und bin kurze Zeit später aus der Kirche ausgetreten. Heute arbeite ich als Freier Theologe bei Bestattungen und Hochzeiten, und ich lebe in einer urchristlichen Gemeinschaft, deren Anliegen das Leben nach den Zehn Geboten und der Bergpredigt des Jesus von Nazareth ist.Der Journalist: Die Möglichkeit der Reinkarnation gilt als eine logische Folge eines Glaubenssatzes, der lautet: "Was der Mensch sät, das wird er ernten." Demnach kann eine "Ernte" dieses Lebens die Folge einer "Saat" eines vorherigen Lebens sein. Und was in diesem Leben gesät wird, kann unter Umständen erst im nächsten oder in einem der nächsten Leben aufgehen. Ist dieser Glaube so richtig wiedergegeben?
Der Theologe:
Ja. Doch Säen und Ernten geschieht auch innerhalb nur eines irdischen Lebens. Grundsätzlich glaube ich, dass es keine Zufälle gibt. Ich glaube, dass alles, was auf uns zukommt, eine Ursache hat.Der Journalist: Hat dieser Glaube praktische Folgen?
Der Theologe:
Ja. Es gibt zum Beispiel Lebenssituationen, die schmerzen. Ich frage mich dann: Warum hat mich das getroffen? Und: Was kann ich ändern, damit es sich nicht wiederholt? Wenn ich Ereignisse in meinem Leben als Wirkungen auf bestimmte von mir selbst gesetzte Ursachen verstehe, lerne ich mich besser kennen und übernehme die Verantwortung für alle Situationen meines Lebens. Darauf kommt es zunächst an. Und die nächsten Schritte sind: Das Beste daraus machen und Veränderungen einleiten. Das klingt in dieser allgemeinen Form natürlich sehr einfach. Wer damit Erfahrungen hat, weiß jedoch, dass er sich eine solche positive Lebenseinstellung manchmal auch erst sehr mühsam errungen hat.Der Journalist:
Nun gibt es völlig unterschiedliche Lebenssituationen und Schicksale. Die einen leben im materiellen Wohlstand, andere müssen täglich ums Überleben kämpfen. Einer fühlt sich glücklich, ein anderer elend. Gilt diese Art zu leben, von der Sie eben gesprochen haben, für alle Situationen?Der Theologe:
Wenn es nicht so wäre, müsste man fragen: Bin ich für mein Schicksal nicht selbst verantwortlich, wer dann? Kann ich meinem Nächsten die Schuld geben? Oder Gott? Oder einer dunklen Schicksalsmacht?ES GIBT KEIN GEHEIMNIS GOTTES
Der Journalist:
Viele Menschen denken so. Andere sprechen von einem "Geheimnis Gottes". Auf
die Frage nach dem Warum gebe es oft keine letzte Antwort.
Der Theologe: So habe ich es sinngemäß in den Kirchen immer wieder gehört. Dort wird vieles einem "Geheimnis Gottes" zugeschrieben. Demnach lassen sich für bestimmte Situationen zwar schon menschliche Ursachen finden; manchmal handle es sich aber angeblich um ein so genanntes "unergründliches Geheimnis". Zur Bewältigung einer Not oder eines Schicksals werden dann vielfach äußere Handlungen angeboten, zum Beispiel so genannte "Sakramente" oder Zeremonien, was überhaupt nichts bringt. Nur selten wird auf den mystischen Weg zu Gott im eigenen Inneren hingewiesen. Dieser Gott ist die Quelle der Kraft in jedem Menschen, und Er ist in allen Lebensformen gegenwärtig und Er hat keine Geheimnisse. Er hilft uns auch in jeder Situation, und man kann Ihm im innigen Gebet jedes Problem anvertrauen, weil Er dafür die Lösung kennt. Mystiker sprechen manchmal davon, dass Er uns näher ist als unsere Arme und Beine.
Der Journalist: Es gibt also für alles eine Erklärung oder einen Sinn?
Der Theologe: Ja. Doch die Kirche hat die Menschheit seit ca. 1.700 Jahren in Unwissenheit und Verzweiflung geführt. Und anstatt demütig einzugestehen, dass ihre Priester und Pfarrer den Zugang zu Gott und zu dem Urwissen der Menschheit über das Schicksal der Welt und der einzelnen Menschen verloren haben, wird heute einfach hochmütig behauptet, niemand könne mehr wissen als die Kirche. Und man bezeichnet die eigene Ignoranz dann dreist als "Geheimnis Gottes". Und immer wenn Propheten oder weise Menschen in den letzten 1.700 Jahren das "Geheimnis Gottes" lüften wollten, ging man aggressiv dagegen vor, um dies zu verhindern. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Doch es gibt kein "Geheimnis Gottes", nur ein dunkles Geheimnis der Kirche. Wer auf die Nähe Gottes in seinem Herzen vertraut, der kann Ihn ganz zwanglos erfahren. Wer Ihn jedoch in Kirchen aus Stein oder in einer Hostie sucht, wird Ihn niemals finden. Gott ist vor allem im Leid die innere Hilfe, und Er zeigt auch im äußeren Leben immer einen nächsten Schritt auf.
Der Journalist:
Haben Sie das so erlebt?Der Theologe:
Ich weiß es teilweise von eigenen Erlebnissen und ich habe es auch von anderen gehört, die Schlimmeres erlebten als ich. Vereinfacht gesagt machte ich mir immer bewusst: In jedem Negativen ist auch das Positive enthalten, in allem ist die Gegenwart Gottes. So habe ich immer wieder die Schritte heraus aus negativen Situationen gefunden.EINE GRUNDREGEL DER PHYSIK
Der Journalist:
In allen Lebenssituationen das "Gesetz von Saat und Ernte" anwenden, in allem
Negativen das Positive finden und mit der Hilfe Gottes das Leben immer neu meistern.
Das
klingt so einfach, als ginge es dabei um eine einfache Grundregel der Naturwissenschaft.
Doch Sie haben ja selbst angedeutet, dass es praktisch nicht immer so einfach
ist.
Der Theologe:
Dabei wäre es meist gar nicht so schwer. Das Gesetz von Ursache und Wirkung finden wir ja auch als Prinzip von Aktion und Reaktion in der Physik: Jede Aktion bringt eine Reaktion hervor, und jedes Geschehen wurde durch ein voraus gegangenes Geschehen bewirkt. Keine Energie geht dabei verloren. Was bei einfachen physikalischen Versuchen leicht nachweisbar ist, braucht man z. B. nur in den Bereich unserer Gedanken und Gefühle zu übertragen, denn diese sind ebenfalls Energie. Auch Gedanken und Gefühle können so als Wirkungen auf voraus gegangene Ursachen verstanden werden und gleichzeitig als neue Ursachen, die wiederum Wirkungen hervorbringen. Dies ist auch Teil der christlichen Lehre. In der Bibel - bei Paulus - heißt es sogar wörtlich: "Irret Euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten" (Brief an die Galater 6, 7). Mit anderen Worten: Was jemand tut oder unterlässt, aber auch, was er spricht, denkt, fühlt und empfindet, hat Folgen. Und von der anderen Seite her gesehen: Alles, was einem geschieht, ist eine Folge von dem, was er vorher irgendwann verursacht hat, und sei es durch die meist unterschätzte Kraft seiner Gedanken. Deshalb führt die schlichte und einfache Frage "Warum?" immer weiter: Warum ist dies und jenes passiert? Oder warum ist zum Beispiel das eine misslungen, etwas anderes gelungen? Welche Gedanken und Empfindungen hat jemand in eine bestimmtes Tun hinein gelegt?
SELBSTACHTUNG
Der Journalist: Besteht nicht die Gefahr, dass jemand, der nach diesem Prinzip lebt, an sich selbst verzweifelt oder sich andauernd schlecht macht?
Der Theologe:
Dann würde er etwas missverstehen. Wer diesen Weg konsequent geht, lernt sich zuerst besser zu verstehen. Wichtig ist dabei, sich selbst nicht zu verurteilen, wenn man Negatives bei sich entdeckt, das man zuvor nicht wahrgenommen hatte. Denn wir alle haben noch unsere größeren oder kleineren Fehler. Und man könnte sagen: Wir sind hier auf der Erde, um zu lernen. Und das heißt praktisch auch: Ein Mensch wird glücklicher, wenn er die Ursachen, die zu einem "Unglück" führten, findet und aufarbeiten kann und dieses Verhalten dann nicht wiederholt, auch wenn er zwischenzeitlich sprichwörtlich einmal oder öfter "durch die Hölle" muss. Nur wer bereit ist, Verantwortung für seine Fehler zu übernehmen, auch wenn er die Hintergründe oft noch nicht überblickt, kann sie auch Schritt für Schritt abbauen. Und es zählt zu den Erfahrungen auf diesem Weg, dass einem immer der jeweils nächste Schritt gezeigt wird. Denn alles auf einmal könnte meist gar nicht bewältigt werden. Und hier habe ich auch lernen müssen, nicht an sich selbst zu verzweifeln, geduldig auch mit sich selbst zu werden und sich auch selbst zu vergeben, wenn manches sich erst langsam besserte und nicht gleich auf Anhieb anders wurde.Der Journalist: Sie spielen damit an auf bestimmte Gottesvorstellungen.
Der Theologe:
Ja. So hat die Vorstellung von
einem "zornigen Gott" in vielen Seelen und Menschen schon unsagbar viel Schaden
angerichtet. Wer sich demgegenüber aber immer wieder bewusst macht: "Ich bin von Gott geliebt"
oder "Ich bin ein Sohn, eine Tochter des Allerhöchsten", bei
dem wächst ganz allmählich auch das Bewusstsein des eigenen Wertes. Je mehr man
aus dieser Einstellung heraus eine Selbstachtung und innere Unabhängigkeit
entwickelt, je leichter wird es, sich noch bestehende Fehler und Schwächen einzugestehen. Die
nächsten Schritte sind dann: Die Wurzel finden und "bereinigen" und sich ein
neues positives "Lebensprogramm" vorgeben und nach und nach verwirklichen.
Ich tue das z. B. mit so genannten "Bewusstseinsstützen". Etwa: "Christus ist in mir. Christus ist in meinem
Nächsten." Oder: "Christus hilft mir in jedem Augenblick." Dies gilt
auch für scheinbare Kleinigkeiten. Oder: "Ich
möchte alleine Gott gefallen und keinem Menschen." Oder: "Was würdest Du,
Christus, jetzt tun, in dieser Situation?"
Wer
es so hält, der entwickelt immer mehr die Eigenschaften, die auch seinem unendlich
großen inneren Wert entsprechen.
Mir macht es große Freude, wenn ich auf diese Weise wieder ein kleines Stück freier
geworden bin.
Die dauerhaften Schwierigkeiten entstehen dadurch, dass die meisten Menschen manches
Negative und letztlich ihr Ego lieber behalten möchten. Dazu gehören z. B. der
Hochmut, die Haltung, etwas Besonderes sein zu wollen, die Selbstüberschätzung oder der Wunsch, Macht über andere auszuüben oder
eben die eine oder andere
problematische Leidenschaft, die jedoch nicht frei macht, sondern im wahrsten Sinne des Wortes
immer wieder "Leiden" "schafft". Es passiert auch sehr oft, dass man
schwankt: Einmal möchte man sich
selbst auf die Schliche kommen und frei werden, ein andermal aber wieder nicht.
Auch diese Schwankungen können ein Leiden verlängern, und sie verhindern oft,
dass Gott bzw. Christus einem wirklich helfen kann. Vor allem, wenn man Schwächen und Fehler längere Zeit nicht oder kaum
angeht, obwohl man darum weiß, werden diese dann oft zu Einfallspforten für ein
kleineres oder größeres Schicksal. Mancher zweifelt dann an der Güte Gottes.
Doch von Gott her gesehen
sind alle gleich wertvoll, und jeder bekommt rechtzeitig die gleichen Hilfen, um sein Leben
zu meistern.
DIE HILFE GOTTES
Der Journalist: Wenn Sie sagen: "Von Gott her bekommt jeder die gleichen Hilfen", setzen Sie sich dann nicht dem Vorwurf aus, schöne Worte zu machen, die der Wirklichkeit nicht standhalten?
Der Theologe:
Für viele ist Gott ein "äußeres Wesen", und sie erwarten Hilfe immer von außen. Oder sie glauben: Wenn sie z. B. beim kirchlichen Abendmahl eine Hostie zerkauen oder im Mund zergehen lassen, würde alles besser. Doch allein dadurch passiert nichts, und der äußere Vorgang nützt auch überhaupt nichts. Denn Gott ist in einem Grashalm genauso wie in einer Backoblate - ob gesegnet, angeblich verwandelt oder was auch immer -, und es würde sich ja auch nichts dadurch bessern, wenn ich beginne, auf einem Grashalm zu kauen. Denn Gott ist uns am nähesten in uns selbst. Dort müssten wir Ihn vor allem suchen, nicht im Gaukelwerk von Priestern und Theologen. Wenn ich mir dann noch bewusst mache, dass Gott auch in jedem Problem ist, in jeder Situation, in jedem Menschen, in jedem Tier, in jeder Pflanze oder in jedem Gegenstand, dann kann sich eine Kommunikation aufbauen zwischen dem Gott in mir und dem Gott um mich herum, und aus dieser Kommunikation heraus ergibt sich die Hilfe. Auf einmal weiß ich dann in meinem Inneren: "Das ist jetzt die Hilfe Gottes".Der Journalist: Warum nicht bei anderen?
Der Theologe:
Wenn sich jemand Gedanken darüber macht, wie das Gesetz von Saat und Ernte bei anderen wirkt, stellt sich für mich die Frage des Motivs. Steckt vielleicht Neugier oder Sensationslust dahinter, oder spielt vielleicht sogar Zynismus eine Rolle?Der Journalist: Ein Motiv könnte ja auch sein, dem anderen zu helfen.
ÜBER DEN ZEITPUNKT UND DIE ART DES TODES
Der Theologe:
Ja. Doch wie ist das möglich?
Als evangelischer Vikar in der Pfarrerausbildung war ich einmal für eine Bestattung
verantwortlich. Eine hochschwangere junge Frau war bei einem Raubüberfall ermordet
worden; auch das Kind im Mutterleib starb.
Was löste nun dieses plötzliche Schicksal bei den davon betroffenen Menschen aus? Wie konnten sie
damit weiterleben? Und wie weit
berührte es mich selbst? War ich überhaupt in der Lage, ein hilfreicher
Gesprächspartner für die Verwandten und Freunde zu sein?
Die Frau und ihr Mörder kannten sich. Doch soweit man das zurückverfolgen konnte bzw.
mir bekannt war, hatte sie ihm nichts angetan, was einen Zusammenhang zu dem Überfall
hätte herstellen können. Dem maskierten Mann ging es nach eigenen Aussagen um Geld, und
er wurde zum Mörder, als ihn die Frau hinter seiner Maske erkannte.
Wie ist Hilfe für alle Beteiligten möglich? Ein Ansatz dazu: Wenn wir davon ausgehen,
dass die Seele des
Ermordeten im Jenseits weiterlebt: Wäre es dann eine Hilfe für sie, wenn Verwandte und
Freunde auf der Erde in Verzweiflung oder Hass fallen und nicht mehr aus dieser Verfassung
herausfinden?
Mittlerweile kenne ich Menschen, die einen Schicksalsschlag erlitten haben und denen das
Wissen um das Gesetz von Saat und Ernte und um die Reinkarnation einen wirklichen Trost
gibt, auch wenn sie nicht wissen, was es im Einzelnen für eine Vorgeschichte
und gibt. Oder was an eigenen Ursachen zugrunde liegen mag.
Sie ahnen aber, dass alles einen bestimmten Sinn macht und dass es Zusammenhänge
gibt, die sie noch nicht überblicken. Die Verwandten eines tödlich verunglückten
Motorradfahrers können sich z. B. vorstellen, dass dessen innerer Lebensplan nur
bis zu dieser Zeit reichte. Und möglicherweise sei auch keine gute
Weichenstellung für die Zukunft erfolgt.
Und der Vater eines schwer behinderten Jungen sagte mir einmal, er wäre verzweifelt, wenn er
nicht an eine Ursache und an einen Sinn dieses Schicksals hätte glauben können. So aber
hat er die Aufgabe, die ihm das Leben stellte, angenommen und ist mit ihr gewachsen.
Der Journalist: Hat das Schicksal immer mit früheren Leben zu tun?
Der Theologe:
Wenn wir von der Reinkarnation ausgehen, dann bringt jeder Mensch bereits sein Reisegepäck aus früheren Zeiten in dieses Erdenleben mit. Und dann kommt es eben darauf an, welchen Verlauf dieses Erdenleben nimmt. Negative Ursachen, die zu einem Schicksal führen, können also auch erst in diesem Leben gesetzt worden sein. Wenn aber nicht, dann folgerichtig in einem oder mehreren der früheren. Die Ursachen oder "Eingaben" in unserer Seele würden uns an bestimmte Orte und zu bestimmten Menschen ziehen - aber immer unter den geistigen Vorzeichen, dass das Schicksalhafte oder Kausale unter den Beteiligten dieses Mal "bereinigt" wird durch gegenseitiges Einfühlen, Verstehen und Vergeben. Alle Begegnungen in einem Leben und auch der Zeitpunkt und die Art von Geburt und Tod hätten dann mit Vorleben zu tun. Und die Lebensumstände dazwischen haben natürlich auch mit dem Ziel zu tun, das sich zum Beispiel eine Seele im Jenseits für ihr nächstes Leben vorgegeben hat. So kann auch ein relativ früher Tod zu den Vorgaben der Seele im Jenseits gehören, so dass dieser also gar nicht auf eine schwerwiegende negative Ursache zurück zu gehen braucht, sondern auch im Lebensplan der Seele und des Menschen begründet liegen kann. Bemerkenswerte Untersuchungen zu den Vorleben bei Kindern (in 2.600 Fällen) gibt es vom kanadischen Professor für Psychiatrie Dr. Ian Stevenson (1918-2007).Der Journalist:
Können unter diesen Voraussetzungen auch Ereignisse im Leben eines Menschen vorausgesagt werden?Der Theologe:
Das Leben entwickelt sich nach bestimmten Vorgaben, nämlich den eigenen Eingaben, der eigenen "Saat". Doch der Mensch hat ja immer mehrere Möglichkeiten, sich zu entscheiden. Demnach könnten zwar mögliche Entwicklungen aufgezeigt werden, einzelne Ereignisse aber nicht vorausgesagt werden. Denn kein Mensch kann im Voraus wissen, wie sich jemand anderes entscheidet. Und auch im Rückblick kann man als Mensch kaum erfassen, warum zum Beispiel ein bestimmter Tod auf diese Art und zu diesem Zeitpunkt eingetreten ist und warum das Schicksal keine anderen Wege gegangen ist. So umfangreich und vielfältig können die Zusammenhänge sein.DAS PROPHETISCHE WORT
Der Journalist:
Wenn
der Mensch vieles kaum erfassen kann, wie würden Sie dann Ihre eigene Haltung
heute verstehen? Haben Sie vieles erfasst oder eher wenig?
Der Theologe:
Ein großer Teil dieser Darlegungen wurde ja im Laufe der Zeit sinngemäß durch Propheten an die Öffentlichkeit gebracht. Die Inhalte sind für diejenigen, die daran glauben, also Botschaften aus der "geistigen Welt". Die Propheten früherer Zeiten und von heute wären einmal ein Thema für eine eigene Ausgabe dieser Zeitschrift (vgl. Der Theologe Nr. 20). Als Theologe gebe ich hier das, was ich zuvor mit Herz und Verstand prüfte, mit meinen eigenen Worten wieder. Einiges habe ich dabei auch einige Jahre lang geprüft und dabei manches ausprobiert, so dass eigene Erfahrungen hinzukamen.SPUREN DER VERGANGENHEIT
Der Theologe:
Viele Menschen wenden weder das Gesetz von Ursache und Wirkung auf ihr Leben an, noch wissen sie etwas von der Möglichkeit von Reinkarnationen. Sie stehen oft ratlos ihrem Schicksal gegenüber, ohne zu ahnen, wo die Spur zu finden ist, auf der sie dieses Leben meistern und letztlich zu einem glücklicheren und zufriedeneren Leben in der Gegenwart und in der Zukunft finden können.Der Journalist: Führt die Spur, um das Leben zu meistern, also in die Vergangenheit?
Der Theologe:
Die Vergangenheit zeigt sich früher oder später wieder in der Gegenwart, wenn sie nicht aufgearbeitet ist. Entscheidend ist also die Gegenwart.Der Journalist: Was heißt das konkret?
Der Theologe:
Wenn ich weiß, dass es für alles, was mich heute trifft, Ursachen in meiner Vergangenheit gibt, dann ist das eine Hilfe, nicht in Hader, Vorwürfe oder Selbstmitleid zu verfallen. So werden mir unter Umständen Teile meiner unbewältigten Vergangenheit bewusst, die zu der heutigen Lebenssituation beigetragen haben und ich habe die Chance, ein früheres falsches Verhalten heute zu ändern.AN WELCHEN GOTT GLAUBE ICH ?
Der Journalist:
Hat das etwas mit dem Glauben an Gott zu tun?
Der Theologe:
Der Weg zu Gott geht immer über den Nächsten, indem ich mit ihm Frieden schließe; zum Beispiel, indem ich ihm verzeihe.Der Journalist: Wenn es keine "Geheimnisse" gibt: Warum lässt Gott Leid und Not zu?
Der Theologe:
Weil Gott nicht in den Willen des Menschen eingreift, sondern den Menschen "nur" einlädt bzw. eindringlich ermahnt, Seinen Willen zu tun. Und das läuft darauf hinaus, dass es allen gut geht und sie wieder so glücklich werden, wie sie waren, als Er sie einst als reine Wesen schuf. Dazu möchte Er Seine "gefallenen" Kinder, die Menschen, zunächst zur Selbsterkenntnis führen, damit sie erst einmal verstehen, wer sie geworden sind. Daraus kann dann die Umkehr folgen, wenn jemand bereit ist, seine Belastungen bzw. sein "Sündhaftes" zu bereinigen. Gott hilft uns dabei, wir kommen Ihm dadurch näher und uns geht es besser.Der Journalist: Die Hilfe Gottes kann nach Ihren Worten ja auch von innen kommen. Warum gibt es dann so viele Menschen, die in sich keine Hilfe Gottes spüren, sondern hauptsächlich Verzweiflung, obwohl sie zum Beispiel immer wieder beten?
Der Theologe:
Die Hilfe ist ja auch eine positive "Ernte" auf die "Saat" eines ehrlichen Gebetes. Viele Menschen haben jedoch keine Geduld und pflügen die eigene gute "Saat" gleich wieder um, wenn sie nicht sofort Hilfe erfahren, die zum Beispiel gerade dabei war, heranzureifen. Auch kommt es darauf an, ob es ihnen wenigstens für einige Momente gelingt, einmal im Inneren etwas stiller zu werden. Oft sind es nur feine Empfindungen, aus denen sich Worte oder Bilder formen, welche den nächsten Schritt zeigen oder andeuten. Viele lassen die Hilfe Gottes aber gar nicht an sich heran oder nicht in sich spürbar werden. Sie drehen sich mit ihren Gedanken und Empfindungen trotz ihrer Gebete weiter in ihrem Unglück und in ihren Schuldzuweisungen. Auch hilft Gott nicht immer so, wie wir wollen. Und nicht jede Hilfe ist Gottes Hilfe.VOM GEKREUZIGTEN CHRISTUS
Der Journalist:
Sie haben vorhin von einem schwerwiegenden Schicksal gesprochen. Was haben Sie damals
den Angehörigen der ermordeten Frau gesagt? Und was würden Sie heute anders sagen, wenn
Sie noch einmal in diese Situation kommen würden?
Der Theologe:
Ich halte es für gut, wenn bei einem solchen Abschied auch Menschen aus dem Verwandten-, Freundes- oder Bekanntenkreis zu Wort kommen können, falls sie das möchten und dazu in der Lage sind. In unserer Gesellschaft spricht allerdings meist nur ein Pfarrer oder anderer Redner. Damals als evangelischer Vikar verglich ich das Schicksal der jungen Frau mit Jesus von Nazareth, der unschuldig den Tod durch Kreuzigung erlitt und der sterbend rief: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" So wollte ich trösten, indem ich sinngemäß weitergab: "Auch ihm erging es nicht besser." Aber ein echter Trost ist das nicht. Denn wie viel nützt einem das, wenn man wieder glücklich und froh werden möchte, wenn man hört, ein anderer leidet genauso schlimm?Der Journalist: Die Worte von Jesus am Kreuz gehen dennoch vielen Menschen nahe.
Der Theologe:
Je eindrücklicher man das Leiden von Christus vermitteln kann, so erhoffen sich einige, desto eher könne das vielleicht trösten. Das Schicksal von Jesus wird dann zu einem Spiegel für das eigene Leid gemacht. Oder man sucht auf diese Weise eine Verbindung zu Gott, obwohl man eigentlich das Gefühl hat, Er habe einen verlassen. Eventuell heißt es auch, Gott selbst sei in Jesus gefoltert, gequält oder ermordet worden. Damit soll der Glaube angeregt werden, dass Gott bzw. Jesus einen aus eigener Erfahrung heraus versteht. Doch vielen hilft das nicht. Deshalb wird noch hinzugefügt, dass Jesus später auferstanden sei, was von Betroffenen aber oft nur als Vertröstung empfunden wird. Denn es gibt ihnen nicht die Möglichkeit, hier und jetzt Hilfe oder Linderung zu erfahren, und die Verzweiflung bleibt.
Der Journalist:
Ich denke dabei an viele Darstellungen des gequälten Jesus am Kreuz.
Aber wie soll es dann weitergehen? Kann der gequälte Jesus nicht trotzdem helfen, dass es einem
bald wieder besser geht?
Der Journalist: Wieso?
Der Theologe:
Weil es unter Umständen verhindert, die Ursachen von Leiderfahrungen bei sich selbst zu finden und an sich zu arbeiten. Darum geht es. Andernfalls droht die Gefahr, dass das Leiden bestehen bleibt und sich sogar verschlimmert, wenn die mir noch verborgenen Ursachen weiter wirken. Dies gilt auch über den Tod hinaus. Eine Erlösung vom Leid der Seele durch den Tod gibt es nicht. Der Tod nimmt uns nichts und er gibt uns nichts. Es geht drüben an der Stelle weiter, wo es hier aufgehört hat.URSACHEN ERKENNEN
Der Journalist:
Was ist dann die "frohe Botschaft"?
Der Theologe: Dass wir geliebte Kinder Gottes sind und mit der Kraft von Christus in uns Schritt für Schritt aus dem Leid herausfinden können, indem wir uns selbst erkennen - vor allem das, was im Unterbewusstsein liegt -, indem wir bereuen, vergeben, um Vergebung bitten, etwas wiedergutmachen, so weit das möglich ist, und die alten Fehler nicht mehr tun. Dies kann man "Bereinigung" nennen. Wenn ich jemandem mit Worten oder Taten Schaden zufügte, bitte ich mit Worten um Verzeihung. Wenn es in Gedanken bzw. Empfindungen geschah, bitte ich über Christus in Gedanken und Empfindungen um Verzeihung. Gedanken bzw. Gedankenbilder sind ungeheure Kräfte, was manchen Menschen nicht bewusst ist, und sie werden auch im Jenseits offenbar.
Der Journalist: Sie sagen, Christus hilft. Wie war es bei ihm selbst? Hatte er sein Leiden auch selbst verursacht?
Der Theologe:
Das wäre ein Missverständnis. Jesus wurde nicht bekämpft und getötet, weil er zuvor negative Ursachen gesetzt hätte, sondern weil er uns helfen wollte, den Weg zu Gott wieder zu finden, also einen göttlichen Auftrag in sich trug. Dieser Auftrag stieß auf den Widerstand der damaligen Priester und Theologen.Der Journalist: Das kann man sich so vorstellen. Doch wie ist es mit anderen, zum Beispiel mit Märtyrern für eine gute Sache? Könnte es sein, dass auch andere leiden, weil sie einen göttlichen Auftrag in sich tragen?
Der Theologe:
Jesus sprach davon in einem bestimmten Zusammenhang. Er sagte zum Beispiel: "Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden" (Bergpredigt, Matthäus 5, 10). So kann man fragen: Wer von uns wird "um der Gerechtigkeit willen" verfolgt? Wer folgt auf diese Weise Jesus nach? Es steht mir nicht zu, dies zu beurteilen. Für viele hat das Leiden aber wohl andere Ursachen, und die Chance liegt darin, diese zu finden und zu beheben anstatt sich in Gedanken in eine Märtyrerrolle zu flüchten.Der Journalist: Fällt es vielen Menschen nicht sehr schwer, daran zu glauben, dass eigene Ursachen zugrunde liegen?
Der Theologe: Auch mir ist dieses Denken nicht zugefallen. Ich musste es mir in jeder Situation neu erarbeiten, manchmal durch inneren Kampf und Überwindung. Doch immer war die Hilfe da, einen Schritt voranzukommen. Jesus hat gelehrt: "Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst" (Matthäus 7, 5).
VERGANGENES LEBEN, HEUTIGES
LEBEN,
ZUKÜNFTIGES LEBEN
Der Journalist:
Wenn die Ursachen aus früheren Leben stammen, sind sie den meisten
aber gar nicht bekannt.
Der Theologe:
Oft ahnen sie aber einiges. Was für eine nicht aufgearbeitete Fehlhaltung früher war
oder gewesen sein könnte, zeigt sich wieder in unseren heutigen Gedanken und
Empfindungen, jetzt vielleicht nur in anderen Lebensumständen als früher.
Durch viele Inkarnationen haben sich zahlreiche Möglichkeiten ergeben, wie die Fäden im
Gesetz von Ursache und Wirkung verwoben sein können.
Es genügt allerdings das Wissen, dass nichts zufällig und willkürlich geschieht. Ich
kann daher immer von meinen heutigen Gedanken und Empfindungen ausgehen und kann mir
bewusst machen, dass in jeder Situation die Hilfe Gottes da ist. Manchmal bitte
ich auch in Gedanken um Vergebung für manches, was ich in früheren Leben wohl
anderen angetan habe, weil ich es heute selbst erleide. Hatte ich also keinen
Anhaltspunkt für etwas Negatives, das mir zugestoßen ist, dann habe ich z. B.
sinngemäß gebetet: "Christus, du kennst die Gründe. Ich bitte über dich um
Vergebung, wo ich anderen einst solches angetan hatte, was ich jetzt selbst
erlebe."
Der Journalist: Ich erinnere noch einmal an die "Hinterbliebenen" im vorhin genannten Beispiel. Was würden Sie ihnen heute auf die Frage "Warum" antworten?
Der Theologe:
Keiner kann einem anderen die Antworten auf die Frage nach dem Warum geben, die in
einem selbst liegen, in den eigenen Empfindungen, Gefühlen und Gedanken.
Jeder kann auf eine bestimmte Frage andere Antworten finden, weil seine Belastung eine
andere ist. So kann jeder seine Antworten finden.
Sicher ist jedoch: Niemand braucht eine kirchliche Lehre vom "unergründlichen Geheimnis Gottes"
hin zu nehmen. Dieser Glaube kann oft ein Leben lang unverdaut im Magen liegen bleiben, und
daran können Menschen zerbrechen.
Der Journalist: Was heißt in diesem Fall "Saat und Ernte"? Sind dann zum Beispiel die kirchlichen Lehrer schuld, oder sind es die Leute selbst?
Der Theologe:
Wer die Chance seines Lebens nicht nützt, ist dafür, vereinfacht gesprochen, selbst
verantwortlich, zum Beispiel durch seine Zustimmung zu kirchlichen Lehren.
Außerdem wurden diese Lehren ja auch irgendwann von Menschen entwickelt, und wer weiß,
welche Rolle jemand früher dabei hatte. Schließlich werden die kirchlichen Lehrsysteme
bis heute dadurch am Leben erhalten, dass bestimmte Menschen daran glauben und
viel Geld in
Form von Kirchensteuern, Subventionen oder Spenden dafür geben.
Jeder kann sich selbst fragen, warum er daran festhalten will, und ob Verstand und Gefühl
nicht eine andere Sprache sprechen.
Das Gesetz von Saat und Ernte kennt jedenfalls keinen "Sündenbock", sondern
es wägt genau ab und wägt jedem Beteiligten seinen Anteil zu - dem Lehrer, der die Lehre
weitergegeben hat, und dem Gläubigen, der gefolgt ist. Dass es unterschiedliche Anteile
gibt, wird auch aus den Worten des Jesus von Nazareth deutlich, der zu den Theologen und
Schriftgelehrten seiner Zeit sagte: "Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr
Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein, und
die hinein wollen, lasst ihr nicht hineingehen" (Matthäus 23, 13).
Der Journalist: Wenn im Gesetz von Saat und Ernte auf jeden nur sein Anteil zukommt, wäre dieses Gesetz ja gerecht. Ist es das wirklich?
Der Theologe:
Die wichtigste Frage ist in diesem Zusammenhang doch eine andere: Geht mir das Leid anderer nahe, oder lässt es mich kalt? Denn wie kann ich als Christ einem anderen helfen, seine Last zu tragen, wenn ich kein Gefühl dafür entwickelt habe, was in dem anderen gerade vorgehen mag? Und darauf kommt es doch an, auf die Nächstenliebe. So hat es Jesus, der Christus gelehrt. "Alles, was ihr wollt, das Euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen zuerst". Also: Wenn ich möchte, dass mir in der Not geholfen wird, dann beginne ich damit, anderen selbstlos in deren Not zu helfen. Es bringt doch überhaupt nichts, über das mögliche Vorleben von Menschen zu spekulieren, die gerade furchtbar leiden, während mir gleichzeitig dieses Leid überhaupt nicht nahe geht. Ein solches Verhalten hat mit Christus nichts zu tun. Sondern der christliche Weg besteht doch gerade darin, auch anderen Menschen zu einem Wegweiser für die Liebe Gottes zu werden. Und dafür ist es doch zu allererst notwendig, das Mitfühlen zu erlernen.WOVON PFARRER SPRECHEN
Der Journalist:
Wären das alles auch mögliche Worte am Grab?
Der Theologe:
Ich würde nie jemanden von meinem Glauben überzeugen wollen. Es ist eine Sache
des Einfühlungsvermögens, den Nächsten in seiner momentanen Situation zu
verstehen und auch die Worte zu finden, die ihm weiterhelfen. Wichtig ist für
mich dabei, dass das Leben im Jenseits ohne Unterbrechung weitergeht und die
Gedanken und Gebete von Trauernden auch bei der Seele im Jenseits ankommen.
Grundsätzlich lernte ich, mehr und mehr nur das auszusprechen oder zu schreiben, was ich
in meinem Leben auch verwirklicht habe bzw. ich lerne zu sagen, wo das noch nicht der Fall
ist.
Ein Pfarrer steht immer in Gefahr, zu reden, ohne dass seine Worte von innen heraus
gefüllt sind, weil es seine berufliche Pflicht ist, in bestimmten Situationen reden
zu müssen.
Den Berufsstand des Pfarrers oder Priesters hat Jesus von Nazareth außerdem nicht gewollt.
Der Journalist: In den Kirchen wird er aber als eine Art besondere christliche Berufung verstanden.
Der Theologe: Auch ich hatte mit dem Theologiestudium begonnen, weil ich mich für Christus
einsetzen wollte. Von Seiten der Kirchen ist der Pfarrerberuf sogar als lebenslange
Berufung gedacht. Doch ich konnte ab einer bestimmten Zeit diesen Beruf nicht mehr mit der
Nachfolge Jesu vereinbaren. Jesus von Nazareth hat nirgends davon gesprochen, dass er sich
eine Kirche mit Theologen wünscht, die als Pfarrer und Priester arbeiten. Im Gegenteil:
Die Theologen der damaligen Zeit, die so genannten "Schriftgelehrten", waren die
erbittertsten Gegner des Jesus von Nazareth. Jesus verdiente seinen
Lebensunterhalt demgegenüber als Zimmermann.
Und auch Paulus ließ sich nicht wie die Theologen heute für ein "geistliches Amt"
bezahlen, sondern er arbeitete als Zelt- bzw. als Teppichmacher (siehe
Apostelgeschichte 18, 1-3; 20, 34; 1. Brief an die Korinther 4, 12; 1. Brief an die Thessalonicher 2, 9).
Gemessen an der einfachen Botschaft des Jesus von Nazareth ist überhaupt keine
"Theologie" notwendig. Vorübergehend sehe ich die Aufgabe des
"Theologen" darin, die von der Theologie verursachte Verwirrung hinsichtlich der
christlichen Botschaft wieder zu entwirren. Denn wenn die Worte der Theologen nicht der
Wahrheit entsprechen, die Menschen also falsch belehrt werden, dann bürden sich diese
eine Last auf, an welcher sie eines Tages noch unsäglich schwer zu tragen haben.
Denn sie tragen dann erhebliche Mitschuld an den negativen Wirkungen im Leben
ihrer Mitmenschen aufgrund der falschen Lehre, und sie müssen deshalb selbst
diese Wirkungen mittragen. Dieses Leid, und das gilt natürlich je nachdem für
jeden Menschen, bedeutet dann "Abtragung".
Der Journalist: Was verstehen Sie unter "Abtragung"?
Der Theologe: Viele Ursachen wirken sich nicht sofort oder nach kürzerer Zeit aus, es dauert oft
lange Zeit. Es gibt das bekannte Sprichwort: "Gottes Mühlen mahlen langsam."
Irgendwann wird eine Schuld im Diesseits oder im Jenseits voll wirksam, wenn sie nicht
rechtzeitig bereinigt bzw. wieder gut gemacht ist, das ist dann die "Abtragung". Der Mensch erleidet
bzw. "trägt" dann selbst die Not oder das Leid, das er zuvor anderen zufügte,
zum Beispiel durch Irreführung. Und tritt ein Mensch hierbei zum Beispiel als ein
Kirchenoberhaupt auf, dem seine Kirche in Lehrfragen sogar "Unfehlbarkeit"
zuspricht, dann ist die Abtragung eines Tages immens und gar nicht mehr in Worte
zu fassen. Und die "arme Seele", die sich auf Erden einst in ein "unfehlbares"
Lehramt wählen ließ, gehört mit zu den bedauernswertesten Geschöpfen in der
jenseitigen Welt.
Wer also "abträgt", kann zwar in dieser Situation ebenfalls um Vergebung bitten, doch zuvor wurde die Chance vertan,
der Wirkung zuvorzukommen und diese eventuell nicht erleiden zu müssen.
Und ist es dann so leicht, zur Reue zu finden, wenn man von starken Schmerzen gequält wird und
sich vielleicht als "Opfer" des Schicksals fühlt?
Auch ist es im Jenseits nicht so leicht möglich wie auf der Erde, einer anderen Seele zu
begegnen, mit der etwas zu bereinigen ist. Auf der Erde kann ich grundsätzlich auf jeden
Nächsten zugehen, durch technische Hilfsmittel wie Flugzeug oder Telefon auch schneller
als in früheren Jahrhunderten.
Als Seele im Jenseits bin ich unter "Meinesgleichen", das heißt unter denen,
die einen ähnlichen Bewusstseinsstand und ähnliche Belastungen haben. Die Entwicklung
bzw. Evolution ist viel langwieriger.
Der Journalist: Davon habe ich im Religionsunterricht nichts gehört. Die Kirchen lehren in ihren
Dogmen und Bekenntnisschriften die "Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag" und
eine Unterscheidung derer, die in den Himmel kommen, von denen, die in die Hölle kommen.
Wie stehen Sie dazu?
Der Theologe: Ist das gerecht, wenn die einen 100 % "Weiß" erwartet
und die anderen 100 %
"Schwarz" und das in alle Ewigkeit? Was wäre das für ein Gott, der bei
Schmerzensschreien und Hilferufen seiner höllisch gequälten Kinder in Ewigkeit nicht
mehr reagieren kann oder will?
Das erinnert mich daran, wie zum Beispiel Kirchenobere zu den Vorgängen in den
Konzentrationslagern im nationalsozialistischen Deutschland geschwiegen haben oder wie sie
heute zum Alltag der Tiere in den Schlachthöfen oder Tierversuchslabors
überwiegend schweigen. Aber
es hat nichts damit zu tun, wie ich Gott erlebt habe.
Gäbe es einen Ort der ewigen Gottferne ohne
Umkehrmöglichkeit, dann wäre die gottferne Macht stärker als die Liebe Gottes.
Bei diesem Thema entlarven sich die Kirchen sehr deutlich: Denn was dort geglaubt werden
soll, ist im Endzustand eine für immer geteilte Schöpfung: mit Menschen bzw.
Seelen,
die auf der Erde gläubige Katholiken oder Protestanten waren und einigen weiteren,
die angeblich mit diesen zusammen in der
so genannten Seligkeit leben dürfen. Und auf der anderen Seite gäbe es angeblich
die vielen anderen, die sich für alle
Ewigkeit an einem Ort nie endender Qualen befinden sollen.
Der Schöpfergott, den Jesus von Nazareth uns nahe brachte, hat sich aber so
etwas nicht ausgedacht. Er ist
ein anderer Gott als der Gott der Kirchen. Der Schöpfergott reicht jedem Seiner Kinder zu jedem Zeitpunkt die Hand, im Diesseits und im
Jenseits und jeder kann aus seiner selbst geschaffenen Hölle früher oder später
herausfinden. Es liegt allein an ihm selbst. So mag es zwischenzeitlich für so
manchen eine so genannte "Hölle" geben. Doch nur, damit er erkennt und bereut,
wie er anderen das Leben zuvor zur "Hölle" gemacht hat, und damit er umkehrt.
Noch am Rande dazu bemerkt: Das in der Bibel an wenigen Stellen im Zusammenhang
von Verdammnis bzw. Seligkeit genannte griechische Wort "aionios" bezeichnet eine lange Zeit,
einen "Äon", aber keine Ewigkeit im Sinne einer Unendlichkeit. Und das andere in der Bibel dafür
verwendete Wort "asbestos" kann auch mit "unermesslich"
übersetzt werden.
WARNUNGEN
Der Journalist:
Einige Menschen verstehen ihr Schicksal auf der Erde bereits als eine Art
"Hölle". Und andere berichten über Leid und Freude in ihrem Leben im
Wechsel, ohne dass allerdings große Schicksalsschläge eingetreten sind.
Der Theologe:
Sie sagen "ohne dass große Schicksalsschläge eingetreten sind". Doch was
wird eventuell noch kommen?
Eine Saat reift ja langsam zur Ernte. Und bevor geerntet wird, kann man das
Wachstum der Saat beobachten. Auf den Menschen bezogen bedeutet das: Bevor ein
Schicksal eintritt, wird der Mensch mehrfach gewarnt, um mögliche Wirkungen
einer Saat durch Bereinigen rechtzeitig zu verhindern. Das steht übrigens auch
sinngemäß in der Bibel, auch wenn dort fälschlicherweise im Buch Weisheit behauptet wird, dass sich mancher "böse" Mensch "niemals mehr ändern
würde" (12, 10b). Im Buch Weisheit heißt es aber zum Beispiel
auch: "Womit
jemand sündigt, damit wird er auch bestraft" (Weisheit 11, 16). Doch
es muss nicht so weit kommen. Denn:
"Darum bestrafst du die, die fallen, nur leicht und warnst sie, indem du sie an
ihre Sünden erinnerst, damit sie von ihrer Schlechtigkeit loskommen und an dich,
Herr, glauben" (Weisheit 12, 2). Und: "Du richtest sie nur nach und nach
und gabst ihnen so Gelegenheit zu Buße ..." (V. 10a; das Buch Weisheit
ist Teil der römisch-katholischen Bibeln, bei den Evangelischen zählt es zu
den so genannten "Apokryphen") Hier
wird zwar fälschlicherweise Gott als Urheber der Ernte bzw. Richter
genannt, doch es wird gut deutlich, dass kein Schicksal vom Himmel fällt,
sondern dass es zuvor Warnungen gibt.
Auch kleinste Begebenheiten können uns in diesem Zusammenhang helfen und uns auf unsere negativen Ursachen hinweisen, wenn
wir wachsam im Tag leben. Erkennen wir uns in den Situationen des Alltags, verstehen wir
die Warnungen und ziehen daraus die richtigen Konsequenzen, dann müssen wir ein
bestimmtes Schicksal nicht erleiden bzw. können wenigstens einen Teil davon abwenden.
Der Journalist: Was sind zum Beispiel solche Warnungen?
Der Theologe:
Wachsam können wir immer sein, wenn uns etwas ärgert oder erregt, zum Beispiel das
Verhalten eines unserer Mitmenschen. Die Erregung kommt ja aus uns selbst heraus. Die
Botschaft ist: Ganz gleich, was beim Nächsten vorliegt - ob er sich wirklich negativ
verhalten hat oder ob ich nur etwas Negatives in sein Verhalten hineingelegt habe: Das,
worüber ich mich errege, "entspricht" mir, wir können deshalb auch
"Entsprechung" dazu sagen. Die entscheidende Frage ist also zuerst: Wo verhalte
ich mich so oder so ähnlich wie der Mitmensch, eventuell auch "nur" in
Gedanken?
Denn würde in mir nicht Gleiches oder Ähnliches vorliegen, dann könnte ich in der
jeweiligen Situation innerlich gefasster bleiben und aus der inneren Stärke das Rechte tun.
So aber erregt mich die Situation und bringt mich aus dem Gleichgewicht. Das ist
eine mögliche
Warnung.
An diesem Beispiel können wir auch verstehen, was Jesus von Nazareth meinte, als er
mahnte: "Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht
wahr den Balken in deinem Auge" (Bergpredigt, Matthäus 7, 3).
Das Verhalten des Mitmenschen ist dann der "Splitter", der uns auf unseren
Balken hinweist.
Der Journalist: Wenn ich den Balken erkenne, aber keine Kraft habe, ihn zu entfernen?
Der Theologe: Für das Balkenstück, das ich heute erkenne, ist mir heute auch die Kraft gegeben, es zu entfernen, wenn ich es gleich tue bzw. noch am selben Tag und es nicht aufschiebe oder ganz darüber hinweggehe. Diese Kraft können wir "Tagesenergie" nennen.
Der Journalist: Ich habe mich beispielsweise über eine bestimmte Person geärgert. Wie finde ich jetzt zum eigenen Balken?
Der Theologe:
Dann frage ich nach dem Grund für den Ärger. Ein Beispiel:
Vielleicht ist es der nicht erfüllte Wunsch, von dieser Person ernst genommen zu werden
oder Aufmerksamkeit zu erhalten.
Dann kann ich umgekehrt fragen: Wen nahm ich nicht ernst oder schenkte ihm keine
Aufmerksamkeit? Und warum?
Fällt mir dazu eine Situation ein? Wie kann ich sie "bereinigen" und mich in
Zukunft anders verhalten?
Schließlich kann ich - auf die ursprüngliche Situation bezogen - weiterfragen:
Warum war es mir so wichtig, in dieser Situation beachtet zu werden? Was liegt
darunter? Vielleicht die Eifersucht? Oder die Angst, die Aufmerksamkeit oder Zuwendung
dieser Person zu verlieren?
Und warum diese Angst? In welchen Punkten habe ich mich von einem Menschen abhängig
gemacht?
So komme ich allmählich zu der Wurzel für mein Verhalten. Kann ich diese dann bereinigen
und mir ein neues Zielbild vorgeben? Zum Beispiel: "In Gott werde ich immer
freier". Oder:
"Ich gebe
meinem Nächsten, ich erwarte nichts von ihm."
Wenn zu einem späteren Zeitpunkt wieder der Ärger hochkommt, dann kann ich mich
gedanklich zügeln: "Halt, Stopp! Was habe ich mir vorgegeben?" In diesem
Augenblick werde ich schon ruhiger. Ich reagiere nicht mit Vorwürfen, sondern versuche,
den Nächsten zu verstehen. Die Erfahrung zeigt: Die Beziehung verbessert sich zunehmend.
Habe ich meine eigenen Schwächen, den Balken, bereinigt, dann kann ich auch dem Nächsten
helfen, seine Schwächen, den Splitter, zu erkennen und zu bereinigen, wenn er dies
möchte, und es kommt zu einem tieferen Miteinander.
Der Journalist:
Bei diesem Beispiel hat ein Ärger sehr viel ausgelöst und innerlich in Bewegung gebracht. Hat wirklich alles, was mir täglich begegnet oder was mich bewegt, eine tiefere Bedeutung?
Der Theologe:
Es kommt immer auf einen selbst an. Wir brauchen in Situationen nichts
hinein zu interpretieren, doch wenn wir unsere Umwelt aufmerksam wahrnehmen, dann kann uns
auch der
Flug eines Vogels eine Botschaft übermitteln oder etwas in uns anstoßen.
Daneben gibt es zahlreiche Gedanken, die uns im Laufe eines Tages immer wieder anfliegen.
Fliegen sie uns allerdings nur an und verschwinden wieder, ohne dass wir uns erregen, dann ist es
nicht sinnvoll, sie zu analysieren.
Umgekehrt leiden viele Menschen ja aber nicht darunter, dass sie Situationen
überinterpretieren, sondern sie sind abgestumpft und nehmen nur wenig von dem wahr, was
um sie herum geschieht und was ihnen eigentlich etwas sagen möchte.
Werden zum Beispiel einige kleinere Warnungen übersehen, die uns auf ein sich unter
Umständen anbahnendes Schicksal hinweisen, dann können die Mahnungen stärker werden,
eventuell erste Wirkungen bereits hereinbrechen. Ich denke zum Beispiel an einen kleineren
Autounfall, bei dem jemand mit einem "Schrecken" oder einem kleinen Blechschaden
davongekommen ist.
Die entscheidende Frage ist die Frage nach dem "Warum" des Unfalls.
Der Journalist: Oft lag doch nur eine Unkonzentriertheit zugrunde?
Der Theologe: Ja, doch auch die Unkonzentriertheit hatte ja ihre Ursachen. Wo waren meine Gedanken? Was hatte ich also gerade gedacht? Vielleicht hat es ja mit der tieferen Ursache für den Unfall zu tun? Oder ich weiß genau, was in meinem Leben derzeit nicht in Ordnung ist, und wovor mich der kleine Unfall warnen möchte. Es ist nicht nötig, weit in die Ferne zu schweifen.
WENN SICH JEMAND IN GEDANKEN VERSTRICKT
Der Journalist:
Spielen die Gedanken also eine wesentliche Rolle?
Der Theologe: Ja. Bei jemandem, der beispielsweise Angst hat zu versagen, kann allein deswegen ein Versagen eintreten, weil er immer wieder innere Versagens-Bilder als Ursache zugelassen hat, ohne nach dem Warum zu fragen und es mit der Hilfe von Christus zu ändern.
Der Journalist: Wird die Wichtigkeit der Gedanken auch in den Kirchen gelehrt?
Der Theologe: Nein. Die kirchlichen Lehren lenken das Bewusstsein des Menschen stark auf das Äußere oder auf Vordergründiges; auf "Sakramente" und Zeremonien, auf das Hören von Predigten, auf den "Glauben allein", auf das eine oder andere "gute Werk". Vor allem in der evangelischen Kirche wird gelehrt, Christus sei für alle unsere Sünden gestorben, und wir würden allein durch den Glauben daran gerettet. Diese Lehre verhindert oft, dass Menschen genauer und aufmerksamer ihren Alltag betrachten und Schritt für Schritt Gott näher kommen. Dann können sie Problemen unter Umständen nicht auf den Grund kommen und die Hilfe Gottes in vielen Situationen des Alltags wird gar nicht wahrgenommen. So trifft manchen Menschen ein Schicksal, das ihn gar nicht hätte treffen müssen. Eine Hauptverantwortung dafür tragen dann die Männer und Frauen der Kirche.
Der Journalist: Kommt ein Schicksal auf jemanden zu, heißt es dann in der Kirche oft: "Das ist der unergründliche Ratschluss Gottes".
Der Theologe:
Dabei hatte Gott immer wieder versucht, sich Gehör zu verschaffen und das Schicksal zu
verhindern. Wir brauchen doch nur das Wort vom "Splitter und Balken" aus der
Bergpredigt von Jesus ernst zu nehmen und uns einmal in den Situationen des Tages selbst
beobachten. Jeder Tag gibt uns viele Hilfen.
Wer sich, anstatt bewusst im Tag zu leben, lieber viele theologisch-intellektuelle Gedanken macht, der kann leicht in
Gedankenverstrickungen geraten. Sein Bewusstsein steht in der Gefahr, stumpf zu werden und
sich von den möglichen lebendigen Gotteserfahrungen im Alltag immer mehr zu
entfernen.
Auch dazu fällt mir ein Beispiel ein: Als ich einmal aus Versehen eine kleine Katze mit
dem Auto überfuhr, spürte ich in dieser Situation wie selten zuvor das Leiden eines
Tieres. Die Katze bewegte sich noch einige kurze Augenblicke, bevor sie starb, und ich
stand verzweifelt daneben und wollte helfen, war aber hilflos.
In manchen anderen Situationen hatte ich aber das Leid anderer nicht oder kaum
wahrgenommen. Und hat das nicht mit den Knäueln von Gedanken, hauptsächlich
egoistischen Gedanken, zu tun, in die sich Menschen
einspinnen können?
NACH INNEN HÖREN
Der Theologe:
Ja. Ich könnte mich zum Beispiel auch fragen: Wer kommt sonst noch "unter meine Räder"?
Andere Tiere? Menschen? Vielleicht trifft es eines Tages einen selbst, wenn man die
Warnung nicht erkennt und etwas ändert.
Doch nicht alles, was der Tag bringt, hat mit Negativem zu tun. Die Hinweise des Alltags
helfen uns zum Beispiel auch im Positiven, die beste Spur für unser Leben zu finden.
Alles spricht zu uns. Vor bestimmten Entscheidungen kommt es zum Beispiel zu
bestimmten Begebenheiten
oder es finden Gespräche statt, deren Inhalt mir die Entscheidung erleichtern.
Die Hilfe Gottes ist pausenlos zu meinem Wohl aktiv, und Gott kann aus allen
Mündern zu mir sprechen. Das macht man sich manchmal
viel zu wenig bewusst.
Der Journalist: Einige fragen dabei nach "Gottes Willen".
Der Theologe:
Gott lässt uns immer die Freiheit, zu entscheiden. Er entscheidet nicht für uns und
gibt uns in einer konkreten Situation auch keine "richtige" Entscheidung vor.
Gott will, dass wir nach Seinen Geboten leben, und Er hilft uns, unsere Motive zu finden,
damit wir Entscheidungen treffen können, die auch von ihrer Motivation her im Einklang
mit den Geboten stehen.
Ich denke an Fragen, ob jemand eine bestimmte Person heiratet oder nicht, welchen Beruf
jemand wählt, ob er lieber in den Süden oder in den Norden zieht oder ob er bleibt, wo
er ist. Wir entscheiden selbst, doch Gott hilft uns dabei.
Oft kommen auch Impulse, die wir in unserem Inneren wahrnehmen können, wenn wir vorher
still werden und uns auf Gott in uns ausrichten. Bin ich dann wachsam und offen, diese zu
erkennen, von negativen Einflüssen zu unterscheiden und die entsprechenden Schlüsse
daraus zu ziehen? Dann kann ich immer besser nach Gottes Willen leben.
Gott will nicht, dass wir auf dem Weg zu Ihm Umwege gehen, doch Er bleibt auch auf unseren
Umwegen bei und in uns.
VOM LEIDEN DER TIERE
Der Journalist:
Wenn ich es recht verstanden habe, geht es um eine innere Führung in bestimmten
Situationen, wobei äußere Anlässe helfen können, diese wahrzunehmen.
Eine weitere Frage zu dem Beispiel mit der Katze: Wie verhält es sich mit den Tieren?
Gilt auch für sie "Saat und Ernte"?
Der Theologe: Beim Leiden der Tiere geht es, was die Tiere selbst betrifft, nicht um "Saat und Ernte". Die Tiere haben im Unterschied zu den Menschen nicht negativ gesät, sondern viele wurden durch negative menschliche Verhaltensweisen, zum Beispiel Aggressionen, so geprägt, wie sie heute sind. Dies hat sich über unvorstellbar lange Zeiträume hinweg so entwickelt, also über Äonen, vor allem bei so genannten "Raubtieren". Dass diese Entwicklungen im Tierrreich aber nicht ursprünglich sind, wird ja auch an der großen Friedensreich-Vision des Propheten Jesaja deutlich, in der es unter anderem heißt: "Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern ... Kühe und Bären werden zusammen weiden ... und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder" (11, 6-7). So war er einst, und so wird es wieder werden, wenn der Mensch sein Verhalten untereinander und gegenüber den Tieren komplett ändert.
Bis dahin ist jedoch das grausame Leiden der Tiere in Tierversuchen, bei Massentierhaltung, in Schlachthöfen, bei Tiertransporten, in verseuchter Umwelt, bei der Jagd und auch bei Unfällen unmittelbar oder mittelbar auf menschliche Ursachen zurückzuführen. Und so könnte das derzeitige furchtbare Leid der Tieree auch ein Vorbote sein für das, was eines Tages auf Menschen zu kommt, wenn diese ungesühnten Ursachen als Wirkungen auf den Verursacher, den Menschen, zurückfallen. Ist uns überhaupt bewusst, was wir den Tieren antun?
Der Journalist: Gehört zu dem, was auf die Menschen zurückfällt, auch die Krankheiten, die durch den Fleischgenuss hervorgerufen werden?
Der Theologe:
Das Gesetz von Saat und Ernte gilt auch für unsere Essgewohnheiten, so dass man
aus der Sicht der Tiere sagen könnte: "Ihr Menschen habt uns krank gemacht,
jetzt esst ihr unsere Krankheiten."
Für Menschen, die sich von den Körpern anderer Menschen ernähren, gibt es das Wort
"Kannibalen". So dürften sich Menschen, die Tiere essen, nicht
beschweren, wenn man sie als "Tierkannibalen"
bezeichnen würde.
In der Schöpfungsordnung war das jedenfalls nicht vorgesehen. Nach dem biblischen
Schöpfungsbericht ist der Mensch Vegetarier (1. Mose 1, 29-30).
In der Bibel ändert sich das erst nach der "Sintflut". Angeblich stamme diese
Veränderung auch von Gott. Doch wenn in diesem Zusammenhang von "Furcht und
Schrecken" "über allen Tieren auf Erden" durch den Menschen gesprochen
wird (1. Mose 9, 1 ff.), dann klingt das nicht nach einer "Erlaubnis Gottes",
sondern nach einem "Weheruf" über die Menschen.
Und das damit verbundene Ja zum Fleischkonsum ist dann kein "göttlicher Wille",
sondern ein "göttliches Wehe"? Immer mehr Menschen verzichten auf Fleisch, weil
sie wissen, dass auch alles Leiden, das wir den Tieren antun, auf die Menschen
zurückfällt, je nach ihrem Anteil. Und weil sie immer empfindsamer für das Leid
der Tiere werden (vgl. dazu: "Der Theologe
Nr. 7": Jesus und die ersten Christen waren Vegetarier und
www.brennglas.com).
ES GIBT KEINEN STRAFENDEN GOTT
Der Theologe: Das Wort vom Rächen macht deutlich, dass man Gott in der Bibel manche Menschenworte und -gedanken zugeschrieben hat. Gott ist kein Rächer und fordert kein Blut. Es ist das Gesetz von Ursache und Wirkung, welches die Ernte "einfordert", wenn die Saat nicht vor ihrem Aufgehen korrigiert wird. Diesem Gesetz entgeht kein Blutstropfen, den Menschen vergossen haben und kein menschlicher Rachegedanke.
Der Journalist: Gehen wir davon aus, dass das "Gesetz von Saat und Ernte" gilt. Doch weder diese Gesetzmäßigkeit und seine Auswirkungen werden den Menschen bekannt gemacht, noch wie man damit umgeht. Dann bleibt vieles beim Alten. Es ist dann unter Umständen ein schmerzhafter Kreislauf von immer wieder denselben oder ähnlichen Problemen ...,
Der Theologe:
... die sich irgendwann zu einem schweren Schicksal hier auf der Erde oder im Jenseits
zusammenballen können.
Wenn jemand diese Gesetzmäßigkeiten verwässert oder verleugnet, dann treten an deren
Stelle eventuell der "unergründliche Ratschluss Gottes", die "Geheimnisse
Gottes" oder das Aushalten, Beten oder Klagen im Leiden - ohne möglicherweise den
Grund dafür finden zu können. Dann ist es auch schwerer, sein Leben in die Hand zu
nehmen und Negatives in Positives wandeln zu können.
Der Journalist: Sie sprechen immer wieder von "Gesetzmäßigkeiten" bzw. von einem "Gesetz". Aus den Kirchenlehren kenne ich das Wort "Evangelium"? Es wird dort als "frohe Botschaft" verstanden. Was hat das mit dem "Gesetz" zu tun?
Der Theologe:
Das Wort "Gesetz" hat vor allem durch die lutherische Lehre
leider einen negativen
Beigeschmack bekommen. Dort wird in Anlehnung an Paulus zwischen "Gesetz" und
"Evangelium" unterschieden. Ich kann es kurz für diejenigen erklären,
die dies näher interessiert: Grundsätzlich heißt es im evangelischen Bekenntnis zum
"Gesetz", es sei
"eigentlich" "eine göttliche Lehre, welche lehret, was recht und Gott
gefällig, und strafet alles, was Sünde und Gottes Willen zuwider ist" (Evangelische
Bekenntnisschriften, Konkordienformel, Epitome V).
Daneben wird das "Gesetz" in der kirchlichen Lehre mit einem angeblichen "Zorn Gottes" in
Verbindung gebracht. So heißt es, "das Gesetz zeigt allein an Gottes Zorn und
Ernst, das Gesetz klagt uns an und zeigt an, wie er so schrecklich die Sünden strafen
wölle mit zeitlichen und ewigen Strafen ..." (Evangelische Bekenntnisschriften,
Konkordienformel, Apologie IV)
Demgegenüber spricht man in der Kirche nun von einem "Evangelium". "Das Evangelium aber
sei eigentlich eine solche Lehre, die da lehret, was der Mensch glauben soll, der das
Gesetz nicht gehalten und durch dasselbige verdammt, nämlich dass Christus alle Sünde
gebüßet und bezahlet, und ihm ohne allen seinen Verdienst erlanget und erworben habe
Vergebung der Sünden, ´Gerechtigkeit, die vor Gott gilt`, und das ewige Leben" (Konkordienformel,
Epitome V).
Damit wird den Menschen gelehrt, der so beschriebene Glaube an Christus allein würde den
Menschen zurück zu Gott führen, was ich für eine
sehr gefährliche Irreführung halte. Dieser Glaube nützt nichts und macht sogar
alles noch schlimmer.
Die evangelische Gegenüberstellung von "Gesetz" und "Evangelium" ist deshalb
auch gefährlicher Unsinn. Es gibt kein "Evangelium", mit dem die Gesetze bzw.
Gesetzmäßigkeiten des Lebens außer Kraft gesetzt werden können. Diese Gesetze
bzw. Gesetzmäßigkeiten sind gerecht. Sie beinhalten aber auch die
"Barmherzigkeit Gottes", der dem Menschen bzw. der Seele immer wieder Chancen
und Handreichungen gibt.
Der Journalist: Hier im evangelischen Bekenntnis ist aber von einem zornigen und strafenden Gott die Rede.
Der Theologe: Ja. Das wird dort geglaubt. Doch Gott strafte und straft nicht, und Er war und ist auch nie zornig im menschlichen Sinne, dass Er sich wie ein Mensch erregen würde. Es gibt aber den göttlichen Ernst.
Wenn das so ist, dann kann es folglich auch nicht stimmen, dass ein Zorn Gottes gesühnt werden musste?
Der Theologe:
Die Lehre vom "Opferlamm"
Christus, mit dem angeblich ein Zorn Gottes gesühnt wurde, ist nur eine menschliche
Vorstellung.
Jesus wollte mit den Menschen das Friedensreich auf dieser Erde aufbauen. Zum
"Sühnopfer" bzw. "Opferlamm" wurde er erst, als die Menschen ihn im Stich ließen. Von Gott her
war die Erlösung nicht als blutiges Ereignis geplant, weil in Seiner Welt überhaupt kein
Blut fließt (weitere Hintergründe siehe hier). Gott straft auch keinen. Er kann nicht strafen, weil es bei Ihm überhaupt
keine Strafe gibt. Auch einen Zorn Gottes, so wie es in den Kirchen gelehrt wird, gibt es
nicht und hat es nie gegeben. Das sind alles Vorstellungen aus den Köpfen von Gott
getrennter Menschen.
Es gibt nur das ernste Ringen Gottes um die Menschen, das durch das Prophetische Wort auch
in klaren, kraftvollen und manchmal scharf klingenden Worten zum Ausdruck gekommen ist,
wenn sanftere Worte zuvor nichts bewegten. Gute Beispiele dafür finden sich in vielen
Prophetenworten im "Alten Testament", aber auch in den Weherufen von Jesus über
die Schriftgelehrten und Pharisäer (Matthäusevangelium, Kapitel 23).
Anstatt in den unbeschönigten Jesus-Worten über die Theologen seiner Zeit aber die Liebe Gottes zu entdecken, aufzuwachen und
umzukehren, interpretierten viele Menschen lieber einen angeblichen "Zorn
Gottes" in die Worte hinein. Sie glaubten an "Strafen Gottes" anstatt in
negativen Ereignissen die menschliche Selbstbestrafung im "Gesetz von Saat und
Ernte" zu erkennen.
Dieses Gesetz beinhaltet so gesehen eben immer auch die Gerechtigkeit, die allem Geschehen über Inkarnationen, ja
Äonen, zugrunde liegt.
Doch daneben gibt es immer die Liebe und
Barmherzigkeit Gottes, die uns in jedem Augenblick beisteht, wieder aus dem
Negativen herauszufinden.
Das geht unter Umständen nicht von heute auf morgen, sondern bedarf mehr oder weniger
vieler Schritte, so dass wir von einer Evolution zurück zu Gott sprechen können.
VOM SO GENANNTEN "SÜNDENFALL"
Der Journalist:
Wenn Sie von einer "Evolution zurück zu Gott" sprechen, dann muss es doch
auch einmal eine Entwicklung von Gott weg gegeben haben.
Wie kann man sich das vorstellen? Wie ist es zum Beispiel zu diesem "Gesetz von Saat
und Ernte" gekommen? Hat Gott es geschaffen?
Der Theologe: Nein, Gott hat es nicht geschaffen. Es ist durch die Menschen gekommen, die als freie Geistwesen im "Himmel" nicht mehr nach den Gesetzen Gottes leben wollten und ihre ursprüngliche Heimat verlassen haben.
Der Journalist: In der Bibel steht etwas von einem Sündenfall.
Der Theologe: Dieser Ausbruch aus der Ordnung Gottes war der
Versuch, eine zweite Schöpfung neben die bereits geschaffene zu setzen.
In der biblischen Geschichte vom "Sündenfall", einer Geschichte mit vielen
Bildern und Symbolen, erscheint dies als die Versuchung, "sein" zu wollen
"wie Gott" (1. Buch Mose 3, 5).
Die Versuchung besteht darin, nicht mehr zum Lob und zur Ehre Gottes zu leben, sondern
sich selbst darstellen zu wollen, selbst Schöpfer einer eigenen Welt zu sein, zur eigenen
Ehre zu leben und zu diesem Zweck in Konkurrenz zu anderen zu treten. Damit wäre die
ursprüngliche Einheit der Schöpfung zerbrochen.
Das Essen von bestimmten Früchten entgegen dem göttlichen Gebot, wie es in der Bibel
erzählt wird, kann dann als Symbol dafür angesehen werden, wie jemand aus dieser Einheit mit Gott
heraus tritt, um eine neue, eine zweite Ordnung zu schaffen.
Die Möglichkeit dieses Handelns liegt in der "Freiheit" der Geschöpfe
begründet, was ja auch in den Kirchenlehren so gesehen wird.
Diese Freiheit wäre also vor sehr langer Zeit von einem Teil der Geistwesen "im
Himmel" dazu benutzt worden, um die göttliche Ordnung zu verändern und eine Gegenordnung
aufzubauen.
Diese "Rebellion" aus dem Motiv des Hochmuts war eine erste negative Ursache, die eine entsprechende negative Wirkung
hervorbrachte. Im Verlauf dieses "Falls" kamen nun weitere Ursachen und Wirkungen hinzu.
Deshalb kann das "Gesetz von Saat und Ernte" eben auch als "Gesetz von Ursache
und Wirkung" oder als "Kausalgesetz" bezeichnet werden.
Der Stand dieser Entwicklung wird am Zustand dieser Welt deutlich.
Der Journalist: Sie haben bisher alle Fragen beantwortet und Sie berufen sich bei ihren Antworten auch auf Botschaften von Christus, die er nach Ihren Worten in unserer Zeit durch Prophetisches Wort gegeben hat. Wurde in diesen Botschaften über alle Themen gesprochen oder blieben wesentliche Fragen offen?
Der Theologe: Die
Botschaften lösten das Versprechen ein, das Jesus nach den Worten des
Johannesevangeliums gegeben hatte: "Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr
könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird
er euch in alle Wahrheit leiten" (Johannes 16, 12-13).
Alles Wesentliche liegt heute offen. Und die heutige Botschaft von Christus löste genauso
Widerspruch aus wie die Botschaft des Jesus von Nazareth vor 2000 Jahren
tat. Und so war es auch in allen den Jahren seither.
Der Journalist: Was meinen Sie mit dem "Widerspruch"?
Der Theologe: Wenn ich noch einmal beim Vaterunser anknüpfe und der Bitte "Dein Reich komme", dann kann man das ja auch so sehen: Der Himmel soll auf die Erde kommen. Es gibt allerdings Kräfte, die das verhindern wollen und welche die Welt so erhalten wollen, wie sie in der Folge des "Sündenfalls" entstanden ist: Mit der Herrschaft von Menschen über andere Menschen, mit dem Oben und dem Unten, mit der Ausbeutung der Schöpfung für ichsüchtige Zwecke und einigem mehr. Kurz: Mit allem dem Negativen, das manche für ihre Zwecke und für ihr Wohlleben ausnützen.
Der Journalist: Wenn ich bei diesem Thema an die kirchliche Lehre erinnere: In den Dogmen und Bekenntnisschriften wird, wie wir bereits besprochen haben, ja auch von Verdammnis, Hölle oder ewiger Gottferne gesprochen. Die Schöpfung würde demnach immer geteilt bleiben.
Der Theologe: Nach dieser Lehre wäre das so. Und durch die Drohungen mit der ewigen Gottferne wurden viele Menschen eingeschüchtert, in Angst versetzt und von den scheinbaren Rettungsangeboten der Kirche abhängig gemacht.
KEIN PFARRER KANN VON SÜNDEN LOSSPRECHEN
Der Journalist:
Welches
sind die Rettungsangebote der Kirchen?
Der Theologe: Vereinfacht gesprochen der "rechte" Glaube und die Teilnahme an angeblich von Gott eingesetzten kirchlichen Handlungen, so genannten Sakramenten, in denen Gott wirken soll. Dabei geht es zum Beispiel um Sündenvergebung. Nach dem kirchlichen Glauben werden die Menschen durch Pfarrer oder Priester von den Sünden los gesprochen. Das ist aber gar nicht möglich. Jesus hat auch nicht gewollt, dass seine Nachfolger überhaupt Theologen, Priester oder Pfarrer werden.
Der Journalist: Was geschieht bei diesen kirchlichen Handlungen?
Der Theologe: In der katholischen Kirche gibt es die Formulierung
"Dieser selbe Gott vergebe
durch mich Sünder", gemeint ist der Priester. Das Wort "Sünder"
klingt demütig, doch was steckt hinter der Formulierung? Und welches Bild ergibt
sich, wenn man den Ablass einbezieht? Der Ablass gilt als der "Erlass einer
zeitlichen Strafe vor Gott für Sünden, die hinsichtlich der Schuld schon getilgt
sind" (Katechismus der Katholischen Kirche, München 1993, Nr. 1471). Hinter
diesen Worten verbirgt sich zunächst die kirchliche Theorie, dass eine Schuld bereits durch
das von der Kirche durchgeführte "Bußsakrament" getilgt sein könne.
Die nächste Frage aus kirchlicher Sicht wäre dann, wie mit möglichen
Nachwirkungen der Schuld umgegangen werden soll. Auch hier spricht sich die
Kirche die Verfügungsvollmacht zu, indem sie vorgibt, aus dem "Schatz der
Genugtuung Christi und der Heiligen" über den Erlass oder Teilerlass für
"zeitliche Sündenstrafen" "autoritativ" verfügen zu können. Dies geschieht "unter genau bestimmten Bedingungen"
und sei sogar für Verstorbene im Jenseits möglich, deren Läuterungsweg dadurch
verkürzt würde.
Das kirchliche Tun beim "Bußsakrament" bekommt zusätzliches Gewicht dadurch,
dass es heißt, es sei "nach wie vor der einzige ordentliche Weg der Versöhnung
mit Gott und der Kirche, wenn ein solches Sündenbekenntnis nicht physisch oder moralisch
unmöglich ist" (Ordo poenitentiae 31, Katechismus, Nr. 1484).
Das alles aber ist Humbug. Und bei diesem Thema wie auch bei vielen anderen nennen die Amtskirchen
zudem "Gott" und
"Kirche" in einem Atemzug, was eine Vereinnahmung und
ein Missbrauch des Namens Gottes ist.
Der Journalist: Die Entstehung der evangelischen Kirche begann im 16. Jahrhundert mit dem Kampf gegen den Ablass der katholischen Kirche. Was ist aus dieser Auseinandersetzung um die "Buße" geworden?
Der Theologe: In der evangelischen Kirche neigt man heute immer mehr dazu, den Ablass zu tolerieren, was
man ja an den evangelischen Reaktionen auf den Jubiläumsablass im Jahr 2000
gesehen hat. Proteste blieben fast ganz aus. Und auch in der
evangelischen Kirche blieb ja der angebliche geistige Vollmachtsanspruch der Pfarrer auf diesem
Gebiet erhalten. Mehrmals im Jahr habe ich als evangelischer Pfarrer zum Beispiel an einer
so genannten "Gemeinsamen Beichte" teilgenommen. Dabei ist folgendes geschehen:
Zunächst betete ich als Pfarrer laut einige vorbereitende Gebetsworte, die in die Frage
an die Anwesenden mündeten: "Vor dem heiligen Gott frage ich einen jeden von euch:
Bekennst du, dass du schuldig geworden bist, und bereust du deine Schuld? Begehrst du die
Vergebung deiner Schuld im Namen Jesu Christi? Glaubst du auch, dass die Vergebung, die
ich dir zuspreche, Gottes Vergebung ist, so antworte: Ja."
Die Teilnehmer antworteten laut mit "Ja", woraufhin ich als Pfarrer
fortsetzte: "Wie ihr glaubt, so geschehe euch. In Kraft des Befehls, den der Herr
seiner Kirche gegeben hat, spreche ich euch frei, ledig und los: euch ist eure Schuld
vergeben. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." Aus
meiner heutigen Sicht ein ungeheure und gefährliche Irreführung der Menschen.
Die Teilnehmer antworteten schließlich mit "Amen", und der Pfarrer sagte darauf
hin: "Gehet
hin in Frieden!"
Der Journalist: In den Pfarrerworten ist die Rede von einem "Befehl", der der Kirche gegeben ist, so zu handeln. Wer hat der Kirche einen solchen Befehl gegeben?
Der Theologe: In den Kirchen wird gesagt, Jesus von Nazareth. Doch es gibt keinen Auftrag oder Befehl
des Jesus von Nazareth an eine Kirche, so zu handeln. Worauf sich die Kirchen beziehen,
ist die so genannte "Schlüsselgewalt", die ihr nach ihrer Lehre von Jesus
angeblich verliehen wurde. Als Grundlage dafür dienen die Worte von Jesus an Petrus: "Ich
will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; alles was du auf Erden binden wirst, soll
auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im
Himmel los sein" (Matthäus 16, 19).
Was Jesus hier speziell dem Petrus sagte, ist aber eine allgemeine
Gesetzmäßigkeit, die jeder für sein Leben anwenden kann, so eben auch Petrus,
und die Jesus jedem anderen auch hätte sagen können. Deshalb heißt es im
Matthäusevangelium auch einige Zeilen weiter, eben genau in dieser allgemeinen Form: "Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel
gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein"
(18, 18).
Hier ist also weder von Priestern die Rede noch von einer Kirche, auch von Petrus nicht mehr,
sondern Jesus spricht vom Gesetz von Saat und Ernte, und mit dem Wort "Himmel"
ist in diesem Fall das Jenseits gemeint. Die Worte von Jesus erklären, dass sich das
Leben im Diesseits im
Jenseits fortsetzt: Die Menschen, die sich auf der Erde an etwas "binden", sich
also Lasten auferlegen, die sie unfrei machen, werden auch als Seelen im Jenseits an diese
Lasten gebunden und unfrei sein. Was aber auf der Erde gelöst, also bereinigt wird, davon
wird der Mensch auch als Seele im Jenseits frei sein. Das ist die Bedeutung des
Jesuswortes. Das Gesetz von Saat und Ernte erfährt also durch den Tod des Menschen keine
Unterbrechung. Das Leben geht weiter, und eventuell mündet es in eine oder viele neue
Inkarnationen.
VOM PAPST
Der Journalist:
Das ist etwas anderes als die Deutung dieses Wortes in den Kirchen. Die katholische
Kirche hat aus dem Wort an Petrus sogar die Macht des Papsttums abgeleitet.
Der Theologe:
Von einem Papst sprach Jesus erst recht nicht, auch nicht von einem "Heiligen Vater" auf
Erden. Im Gegenteil, in der Bibel heißt es: "Ihr sollt niemanden unter euch Vater
nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist" (Matthäus 23, 9).
Und als Jesus einmal die Anrede "Heiliger Vater" (Johannes 17, 11)
verwendete, meinte er
damit Gott, seinen Vater "im Himmel". Welch eine Verhöhnung Gottes,
wenn die Kirche trotz dieses Jesuswortes ihren Papst ebenfalls "Heiliger Vater"
nennt und ihn damit praktisch als Gott anspricht.
Jesus, der Christus, wollte keinen Papst und er hat keinem Menschen eine Macht über andere
verliehen, weder eine weltliche noch eine geistige. Auf "weltlichem" Gebiet
sollen sich die Menschen untereinander auf Regeln des Zusammenlebens einigen. Und in
geistiger Hinsicht hat Christus jedem Menschen die "Schlüssel des Himmelreichs"
übergeben, das heißt: Sich mit seiner Hilfe im Gesetz von Saat und Ernte zu erkennen, zu
bereuen, um Vergebung zu bitten, zu vergeben und das erkannte und bereinigte Negative mit
seiner Kraft nicht mehr zu tun.
Der Journalist: Was ist dann die Funktion
des Papstes, wenn Jesus ihn nicht wollte?
Der Theologe:
Ein Papst ist ein Verkünder von Dogmen und theologischen
Spitzfindigkeiten, der die schlichten Worte von Jesus verändert, verfälscht und
vielfach
in ihr Gegenteil verkehrt hat. Und er ist ein Lenker einer machtvollen
Institution, die mit
ihren Dogmen und Inszenierungen die Menschen letztlich in die Irre führt und einschüchtert.
Ein Papst lässt sich von den Gläubigen als angeblicher Stellvertreter von
Christus verehren. Doch Christus wird von ihm mit Sicherheit nicht "vertreten", denn Christus ist ja "vertreten" in
jedem von uns, nämlich in unserem Inneren. Der Sohn eines
Zimmermanns braucht also keinen in Purpur und Seide gewandten Papst, und jeder kann sich selbst eine Antwort geben, wer
anders
vielleicht eine solches Amt und eine solche Institution für seine Zwecke braucht.
Jesus war ein Mann des Volkes und nicht der Kirche. Und wer ihm nachfolgt,
bleibt ebenfalls ein Mann oder eine Frau des Volkes: Er stellt dann keine Ansprüche,
etwas Besonderes zu sein oder vielleicht zu werden, und er inszeniert kein kultisches Gaukelspiel und keine
mediengerechten Zeremonien, bei denen fehlerhafte Menschen gefeiert oder "heilig"
gesprochen werden. Auch schmückt ein Nachfolger von Jesus sein Haupt nicht mit
allerlei Spezialhüten oder Mützen oder trägt als Zeichen seiner Nachfolge auch
als Mann "Frauengewänder" oder spezielle rote Schuhe.
Nach kirchlicher Lehre müssten sich derzeit [2010] 264 Päpste im "Himmel"
aufhalten oder dorthin unterwegs sein, was für viele Seelen wohl ein Grund ist,
den betreffenden Ort im Jenseits zu meiden. Geht man von einer Reinkarnation
bzw. Wiederverkörperung
aus, werden dort aber wohl deutlich weniger Päpste sein, denn wer einmal Papst
war, will es vielleicht bald wieder werden. Man würde mit dem entsprechenden
Bewusstsein dann auch sehen, welche dunkle Seele es bisher am häufigsten auf den
Papstthron geschafft hat.
BITTE UM VERGEBUNG FÜR KIRCHLICHES HANDELN
Der Journalist:
Haben Sie dafür um Verzeihung gebeten, dass Sie als Pfarrer noch nach der kirchlichen
Beicht- und Bußlehre handelten?
Der Theologe: Ich habe zum Beispiel alle Menschen in Gedanken um Verzeihung gebeten, die an den von mir verantworteten "Beichten" teilgenommen haben. Ich weiß nicht, wie viele Menschen sich damals in der falschen Sicherheit wogen, es sei dadurch etwas vergeben worden, was noch nicht vergeben war.
Der Journalist: Können Sie das näher erläutern?
Der Theologe:
Ich kann dazu ein Beispiel erzählen: Nehmen wir an,
jemand empfindet Schuldgefühle seinem von ihm geschiedenen Ehepartner gegenüber.
Beide gehen nun getrennte Wege, doch vieles aus der Vergangenheit ist nicht
aufgearbeitet, eventuell überlagern Vorwürfe an den anderen die volle Erkenntnis
der eigenen Schuld. Mit gemischten Gefühlen nimmt der Mensch jetzt an der Gemeinsamen
Beichte teil. Ihm wurde nicht gelehrt, dass eine Schuld zum Beispiel erst vergeben sein kann,
wenn auch der an dieser Schuld Leidende dem Betreffenden vergibt. Davon ist der ehemalige
Partner aber eventuell noch weit entfernt.
Bei der kirchlichen Beichte spricht der Pfarrer im Namen Gottes nun den einen "frei,
ledig und los". Dieser glaubt vielleicht daran und betrachtet die Angelegenheit
als bereinigt. Mögliche spätere Gewissensbisse bringt er in sich zum Schweigen, auch
eventuell tiefer gehende Empfindungen über seinen Anteil Schuld. Ihm sei ja von Gott
vergeben worden. Möglicherweise wurde ihm vom Pfarrer in einem Einzelgespräch sogar noch
empfohlen, einfach fester zu glauben, dass ihm vergeben sei. In der Zwischenzeit gerät
sein ehemaliger Partner immer mehr auf die schiefe Bahn und setzt weitere negative
Ursachen. In seinen Gedanken und Gefühlen macht jener nun immer heftiger seinen früheren
Partner dafür verantwortlich, dessen Schuld ja scheinbar mithilfe des Pfarrers vergeben worden
sei. Kann dieser
nun sagen: Ich habe mit dem heutigen Leben des ehemaligen Partners nichts mehr zu tun,
denn mir ist dank des kirchlichen Sakraments vergeben worden, für mich ist die Sache in Ordnung?
In der Bergpredigt
spricht Jesus von einer ähnlichen Situation und sagt: "Darum: Wenn du deine Gabe
auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich
hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit
deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe" (Matthäus 5, 23 f.).
Sinngemäß heißt das: Wenn du dich Gott zuwenden willst und du spürst, dass es in der
Beziehung zu einem Menschen nicht stimmt, dann gehe zu dem Menschen und bringe das
Verhältnis in Ordnung. Diese Zusammenhänge bei der Vergebung stehen auch hinter dem Text
des Vaterunser, wie es auch in den Kirchen gebetet wird: "Vergib uns unsere Schuld, wie
auch wir vergeben unseren Schuldigern". Also: Erst wenn die Menschen
sich untereinander vergeben haben, kann die jeweilige Schuld weggenommen werden. Gott könnte uns nach einer echten
Reue zwar sofort vergeben, und Er ist sofort dazu bereit. Doch es kommt auch auf unseren Nächsten an. Denn Gott liebt alle gleich,
und auch in unserem Nächsten ist Gott.
Wie wäre es nämlich, wenn demjenigen komplett vergeben ist, der einem anderen zum Beispiel mit Absicht Schaden
zugefügt hatte und der hinterher gebebet hatte ´Gott vergib mir`? Ist für den
Täter dann alles in Ordnung? Obwohl der Geschädigte in seiner
Not noch nicht vergeben kann und vielleicht deswegen selbst schuldig geworden
ist? Zum Beispiel, indem er etwas Böses tat, was er ohne das Leid, was ihm zuvor
angetan wurde, nicht getan hätte? Wäre das gerecht, wenn diesem zum Beispiel wegen
dessen mangelnder Einsicht nicht vergeben ist, dem ursprünglichen Täter jedoch schon?
Die feinen Zusammenhänge von Saat und Ernte können niemals durch ein kirchliches
"Sakrament" oder eine
Zeremonie oder ein religiöses Erleben eines Beteiligten einfach aufgelöst
werden.
VERSÖHNUNG
Der Journalist:
Kann derjenige, der sich ehrlich versöhnen will, noch etwas tun, damit auch der andere
zur Versöhnung bereit wird?
Der Theologe: Wer sich versöhnen will, schaut seinen eigenen Schuldanteil schonungslos an und bereinigt ihn, ohne zu erwarten, dass dies der Nächste auch tut. Wer es so hält, dem hilft Gott auf vielfache Weise. Und auch der noch nicht zur Versöhnung Bereite bekommt immer wieder Hilfen, Schritte zur Versöhnung tun zu können; nicht nur im Diesseits, sondern auch im Jenseits.
Der Journalist: Die Versöhnung würde ja auch zu einer größeren inneren Freiheit führen.
Der Theologe: Es ist eine riesige Chance, von innen heraus freier zu werden und neue Wege gehen zu können. Umgekehrt: Wie große Schuld können sich Pfarrer aufladen, wenn sie scheinbar im Namen Gottes vergeben, obwohl weder ernsthaft bereut noch wirklich vergeben wurde. Wer kann schon in den Nächsten hineinschauen? Und welche weitere Schuld lädt sich derjenige auf, der sich durch sein selbst gewähltes Amt in einer Art "Mittlerposition" zwischen Gott und Mensch sieht obwohl er weder echte Gotteserfahrung hat noch versteht, was bei den Menschen wirklich los ist.
DAS KARMA DER PFARRER UND PRIESTER
Der Journalist:
Was sagen die katholische und die evangelische Kirche dazu?
Der Theologe:
Nach der katholischen und evangelischen Lehre gilt zunächst Christus und nicht ein
Pfarrer oder Priester als "Mittler" (Katechismus der Katholischen Kirche,
Nr.
1546; Evangelische Bekenntnisschriften, Apologie XXI).
Dennoch: Verhält sich nicht jemand exakt wie ein "Mittler", wenn er bestimmte
Handlungen kraft seines kirchlichen Amtes als "Handlungen Gottes" ausgibt?
Im katholischen Katechismus heißt es dazu: "Christus selbst ist im kirchlichen
Dienst des geweihten Priesters in seiner Kirche zugegen ... Die Kirche bringt dies zum
Ausdruck, indem sie sagt, dass der Priester kraft des Weihesakramentes in der Person
Christi, des Hauptes" handelt (Nr. 1548).
Oder: "Das Amtspriestertum kann die Kirche deshalb repräsentieren, weil es
Christus repräsentiert" (Nr. 1553).
Der Bischofsweihe wird darüber hinaus die "Fülle des Weihesakramentes"
zuerkannt, weswegen jeder Bischof auch als "Stellvertreter Christi" (Nr. 1560) bezeichnet wird.
Auch im evangelischen Katechismus heißt es:
"Indem der Amtsträger Wort und
Sakrament verwaltet, handelt Christus durch ihn. Die Apologie, eine lutherische
Bekenntnisschrift von 1531, sagt, dass die Pfarrer ´die Person Christi um der Berufung
der Kirche willen, nicht ihre eigenen Personen vergegenwärtigen, wie Christus bezeugt:
´Wer euch hört, hört mich`. Wenn sie das Wort Christi, wenn sie die Sakramente
darreichen, reichen sie sie dar in Stellvertretung Christi`" (Evangelischer
Erwachsenenkatechismus, Hannover 1975, 4. Auflage, S. 1164).
Bei der Zitierung dieses Bibelwortes wird die Lehre des Jesus von Nazareth
einmal mehr verfälscht,
denn Jesus sprach nie von Pfarrern und Priestern, sondern meinte alle seine Nachfolger.
Doch die Kirche vereinnahmt seine Worte für eine Amts-Lehre, die zum Beispiel auch bei
Taufen angewendet wird, wo es heißt, Gott taufe angeblich durch den Pfarrer - was inhaltlich
vergleichbar der Theorie ist, dass Gott durch den Pfarrer angeblich Sünden vergeben würde.
Diese ganzen kirchliche Lehren, ob katholisch oder evangelisch, haben nicht das
Geringste mit Jesus, dem Christus, zu tun. Jesus setzte niemals eine Institution
ein, in der man aufgrund eines bestimmten Amtes plötzlich über bestimmte
geistige Fähigkeiten verfügen könne. Das ist Unsinn, das istm wenn man es so
nennen will, heidnischer vorchristlicher Götzenkult! Aber es wird präsentiert
als angeblich "christlich" und das macht es noch schlimmer als alle Kulte aus
vorchristlicher Zeit und schlimmer als alle gegenwärtigen Kulte, die sich nicht
auf Christus berufen. Weil man auf diese Weise auch noch den großen
Menschheitslehrer Jesus, den Christus, vereinnahmt und verfälscht und seine
wirkliche befreiende Lehre den Menschen vorenthält.
Der Journalist: Handelt Gott überhaupt durch Menschen?
Der Theologe: Ja. Er handelt immer durch uns, wenn wir Seinen Willen tun, aber das hat mit einem kirchlichen Amt überhaupt nichts zu tun.
Der Journalist: Ist es grundsätzlich möglich, dass ein Mensch im Namen Gottes einem anderen etwas zuspricht, zum Beispiel ein Prophet?
Der Theologe:
Auch ein Prophet spricht einem Menschen in der Regel nichts zu,
obwohl das möglich wäre. Bei einem echten Gottespropheten
spricht Gott durch das "Mundstück", den Propheten, und der Hörer kann prüfen, ob er die
Prophetie annehmen möchte.
Prophet kann man auch nicht aus menschlichem Wollen bzw. aus eigener Entscheidung heraus
werden. Ein Prophet wird aus der geistigen Welt bzw. von Gott aufgerufen, so, wie wir es von vielen Propheten im
so genannten "Alten Testament" kennen. Und der Prophet vernimmt diese
Berufung in seinem Inneren, wenn er weitgehend im Einklang mit den Geboten
Gottes lebt. Der Gottesprophet führt Menschen
auch nie zu
sich selbst oder zu einer Institution, sondern immer zu Gott bzw. zu Christus, der in den
Menschen selbst wohnt sowie in der ganzen Schöpfung.
Bei einem Zusprechen, wie in den Kirchen üblich, ernennt eine kirchliche Institution aber
bestimmte Menschen aufgrund ihrer Berufsentscheidung und theologischen oder kirchlichen
Ausbildung zu stellvertretenden Sprechern für ein angebliches Handeln oder Sprechen
Gottes. Und die Menschen werden dort in der Regel schon als Säuglinge zu Mitgliedern der
kirchlichen Institution gemacht, von der man sich nicht einmal durch späteren
Kirchenaustritt komplett lösen können soll (mehr zu den Hintergründen siehe
hier).
Das ist "Schuld, Schuld, übergroße Schuld", wie es in manchen Klöstern und
evangelischen Kommunitäten auch dauernd gebetet wird.
Der Journalist: Sie sprechen in diesem Zusammenhang vor allem von der Schuld der Pfarrer. Doch welchem Pfarrer ist diese Schuld bewusst?
Der Theologe:
Der Pfarrer kann sich zum Beispiel fragen: Was ist,
wenn das, was ich lehre, nicht der Wahrheit entspricht? Der Nächste glaubt nur
deshalb daran und geht in die Irre, weil der Pfarrer behauptet habe, die Lehre
käme von Gott. Doch was gibt dem Pfarrer die Sicherheit, dass es wirklich so
sei? Oder: Was ist, wenn der Pfarrer im Namen Gottes etwas zu
vergeben vorgibt, was noch gar nicht vergeben ist? Kann jemand wirklich guten Gewissens
glauben, dass die Schuld, die er als Pfarrer vergibt, "Gottes Vergebung" ist?
Woher weiß er denn das? Ist das nicht eine Parallele zur "Geschichte vom
Sündenfall", in welcher der Mensch damit versucht wird, angeblich sein zu können wie Gott?
Genau das passiert hier aber: Der Pfarrer setzt sich eigenmächtig an die Stelle
Gottes.
Mancher Pfarrer mag einwenden, er müsse eben von Amts wegen so handeln.
Doch seine Verantwortung kann er deswegen nicht auf andere abschieben und das Amt kann ihn auch
nicht schützen. Er hat diesen Beruf ja selbst gewählt. Und jedem Pfarrer wird
deshalb sein Anteil
zu gewogen, für den er als Person verantwortlich ist, wenn Menschen in die Irre
geführt und um große Chancen ihres Lebens gebracht werden.
Der Journalist: Wie kann man sich das konkret vorstellen?
Der Theologe: Um beim eben genannten kleinen Beispiel zu bleiben: Der in der Kirche scheinbar
"Losgesprochene" könnte sich später, eventuell im Jenseits, auf den Pfarrer
berufen, wenn negative Wirkungen aus der ehemaligen Partnerschaft auf ihn zukommen. Der
Pfarrer habe ihm doch im Namen Gottes vergeben, warum werde jetzt im Jenseits
alles wieder aufgewühlt?
Der Pfarrer seinerseits kann sich nicht einmal mehr an diesen Menschen erinnern,
denn nur bei der einen "Gemeinsamen Beichte" sind über 100 Menschen aufgestanden
und haben vom Pfarrer die "Vergebung Gottes" bekommen - jeder
in einer anderen Lebenssituation, die meisten davon dem Pfarrer völlig unbekannt.
Wie ist es nun also, wenn sich eines Tages herausstellt, dass die "Beichte" und die
"Absolution" bzw. "Lossprechung" des einen Partners mitverantwortlich
dafür war, dass es zu keiner wirklichen Aufarbeitung und Versöhnung der beiden gekommen ist?
Und das ist jetzt nur ein einziges Beispiel. Unter Umständen hat ein Pfarrer, wie es
seine berufliche Pflicht ist, bei Tausenden "die Beichte abgenommen". Dazu
kommen zum Beispiel die vielen Predigten. Und die kirchliche "Lehre von der Beichte" ist wiederum
nur ein kleiner Ausschnitt des kirchlichen Lehrwerkes, in dem ein Irrtum in den
anderen greift. Und für jede einzelne Irreführung wird der Pfarrer
gemäß seines Anteils durch das Gesetz von Saat und Ernte einst zur Rechenschaft
gezogen.
Der Journalist: Eventuell über mehrere Inkarnationen?
Der Theologe: Oder in den jenseitigen Welten, ...
Der Journalist: ... wo die Pfarrer und Priester gemäß ihres eigenen Glaubens nach dem Tod in den Himmel eingehen würden.
Der Theologe: Irgendwann, wenn sie keine verkopften und hochmütigen Theologen mehr sind, sondern zu Kindern Gottes geworden sind und alles bereut und wieder gutgemacht haben und ihnen auch von allen ihren unzähligen Opfern vergeben wurde. Mögliche Folgeschäden alleine durch das "Sakrament" der Beichte sind ja, wie gesagt, nur ein Detail. Denken Sie vor allem an die zahllosen Verbrechen kirchlicher Würdenträger, die noch nicht gesühnt sind, zum Beispiel an die Hinrichtung von Andersgläubigen, an Glaubenskriege, Kreuzzüge, an so genannte Hexenverbrennungen, an die Judenverfolgungen oder daran, dass man Tieren heute noch abspricht, eine Seele zu haben, und dass man Tierversuche und den Mord an Tieren erlaubt und vieles, vieles mehr. In den Seelenreichen ist alles offenbar, was heute noch verborgen ist, wovon vieles aber durch die Kinderschänder-Verbrechen von Pfarrern und Priestern seit dem Jahr 2010 an die Öffentlichkeit dringt. Und alle Verbrechen fallen, so sie nicht rechtzeitig vergeben und wieder gut gemacht sind, früher oder später auf die Verantwortlichen zurück, und dazu zählt nach meiner Überzeugung auch das Leid, das wir den Tieren angetan haben.
Der Journalist: Ist das vielleicht einer der Gründe, warum in den Kirchen das Gesetz von Saat und Ernte und das Wissen um die Reinkarnation nicht mehr gelehrt wird? Dann müssten die kirchlichen Obrigkeiten ja lehren, dass sie auch selbst darunter fallen und dass sich die zahlreichen ungesühnten Verbrechen der Kirchengeschichte noch auswirken, sofern die Wirkung nicht schon eingetreten wäre?
Der Theologe: Allgemein geantwortet: Jemand, der um das Gesetz von Saat und Ernte weiß, wird sich anders verhalten als jemand, der glaubt, unter dem Deckmantel einer sofort alles verzeihenden Gnade möglichen Wirkungen entgehen zu können. Doch die Zukunft bringt alles bald an den Tag.
LEBENSBUCH, LEBENSFILM
Der Journalist:
Es gibt Berichte von Menschen, die einmal dem Tod sehr nahe waren, dann aber doch nicht
gestorben sind. In vielen Berichten ist die Rede von einem Lebensfilm. Im Angesicht des
Todes werden dem Sterbenden wie im Schnelllauf eines Filmes noch einmal viele Stationen
seines Lebens bewusst. Kann man sagen, alle Saat des Lebens wird aufgedeckt?
Der Theologe: Auch der Rücklauf des Lebensfilms ist noch einmal eine große Chance, hier und da noch zur Reue zu finden und um Vergebung zu bitten. Früher oder später wird alles offenbar. Jeder dreht ja täglich seinen Lebensfilm und speichert in diesem Film, was er tut, sagt, denkt, fühlt und empfindet. Im Jenseits ist dies alles sichtbar, was im Diesseits noch verborgen werden kann. Wesentliches davon wird auch im "Lebensbuch", in der Seele, aufgezeichnet. Dieses Buch wirkt gleichzeitig wie ein Magnet, der nach dem Prinzip funktioniert: Gleiches zieht immer wieder Gleiches an. Positives zieht zu Positivem, Negatives zu Negativem. So kann man das Gesetz von Saat und Ernte auch von der Logik her gut erfassen.
Der Journalist:
Zieht beim physikalischen Magnetismus nicht der positive Pol zum negativen?Der Theologe: Ja, natürlich. Im Geistigen gibt es auch eine vergleichbare Polarität, nämlich die Anziehung von männlichem und weiblichem Pol. Wie beim physikalischen Magnetismus Positiv-Negativ zieht hier das Männliche zum Weiblichen und umgekehrt. Beim Satz "Gleiches zieht zu Gleichem" geht es aber hier nicht um diese Polarität, sondern um die Mentalität bzw. um den Grad der Reinheit oder Belastung der Seele. Das ist eine andere Form der Anziehung, aber trotzdem auch entsprechend den geistigen Gesetzen bzw. Naturgesetzen.
Der Journalist: Wenn auf jemanden etwas Negatives zukommt, so ist in seinem Lebensbuch also etwas entsprechend Negatives vorhanden gewesen?
Der Theologe: Sowohl eine negative als auch eine positive Aufzeichnung wirkt als ein Magnet, der
wieder Ähnliches anzieht. Tritt zum Beispiel ein negatives Ereignis in mein Leben, dann
war im Lebensbuch, in meiner Seele, ein entsprechender negativer Magnet aufgezeichnet. Ich
erleide also jetzt, was in meinem Lebensbuch bzw. in meinem Lebensfilm bereits
aufgezeichnet war, weil ich es zuvor einem anderen angetan habe und nicht bereinigt habe.
So wirkt zugleich die Gerechtigkeit.
Mit diesem Bild kann man das Gesetz von Saat und Ernte und die möglichen
Konsequenzen noch einmal gut zusammen fassen. Vergrößere ich das Schicksal,
indem ich zum Beispiel im Leid Vorwürfe gegen andere aufbaue? Oder bereinige ich
den zugrunde liegenden Magneten, indem ich mir zunächst bewusst mache: Was mir
heute widerfuhr, habe ich einst anderen angetan?
Das war der Magnet.
2.TEIL:
SAAT UND ERNTE, REINKARNATION
BEI JESUS VON NAZARETH, IN DER BIBEL
UND IM URCHRISTENTUM
DAS RINGEN UM DIE WAHRHEIT
Der Journalist:
Der Theologe:
Obwohl das Gesetz von Saat und Ernte in der Bibel steht, sogar wörtlich im
Paulusbrief
an die Galater (6, 7), wurde in den Kirchen dieser Glaube relativiert. Das heißt: Es wird
nicht mehr gelehrt, dass dieser Satz immer gilt.
Stattdessen wird die Aufmerksamkeit auf den "alleinigen" Glauben
(vgl. Der Theologe Nr. 35) oder auf
so genannte "Gnadenmittel" bzw. "Sakramente" oder kirchliche Handlungen
gelenkt, wie zum Beispiel die Beichte (vgl.
Der Theologe Nr. 32). Durch die kirchliche Beichte würde angeblich
einiges oder alles einer eventuellen negativen Ernte hinweg genommen, worüber
wir ja schon gesprochen haben.
Der Journalist: Und wie ist es mit dem Wissen um die Reinkarnation?
Der Theologe: Die Grundlage dafür wurde im Jahr 543 auf der Synode zu Konstantinopel und
im Jahr 553
auf dem Konzil von Konstantinopel aus dem kirchlichen Glauben verbannt, nachdem es zuvor
Auseinandersetzungen darüber gegeben hatte.
In Konstantinopel wurden konkret zwei Lehrsätze des "Kirchenvaters" Origenes
(185/186-254) "verflucht", die Voraussetzung bzw. Ziel einer
Wiederverkörperung bzw. Reinkarnation sind.
Bei den Lehrsätzen handelt es sich um ...
1.) ... den Glauben, dass die Seele eines Menschen bereits vor der Zeugung und Geburt dieses Menschen existiert.
2.) ... den Glauben, dass einst alle Menschen wieder den Weg zu Gott finden.
Origenes war nach den Worten seines Anhängers Rufin jemand, der darauf bedacht war,
"nur das als Wahrheit [zu] glauben, was in nichts von der kirchlichen und
apostolischen Überlieferung abweicht"
(Rufin in Peri Archon I, Praefatio 2). Im
Canon 9 des gegen Origenes gerichteten Dokuments der Synode von Konstantinopel wurden
einige seiner Glaubenssätze jedoch verworfen (Denzinger-Schönmetzer, Enchiridion
Symbolorum, Freiburg 1965, 34. Auflage, Nr. 403 und Nr. 411 bzw. Neuner-Roos, Der Glaube
der Kirchen in den Urkunden der Lehrverkündigung, Regensburg 1971, 13. Auflage
1992, Nr. 325 und
Nr. 891). Stattdessen setzte sich in der Kirche die Lehre durch, dass die
Seele bei der Zeugung des Menschen durch Gott neu erschaffen und dass ein großer Teil
der Menschen ewig verdammt werde (z. B. Neuner-Roos, a.a.O., Nr. 895-899, v. a.
der als "unfehlbar" geltende Lehrsatz Nr.
896).
Schon ca. 150 Jahre zuvor hatte der Kirchen-Patriarch Theophiles von Alexandria Origenes
zum ersten Mal verdammt und etwa ab dem Jahr 397 damit begonnen, die Vernichtung seiner ca. 2000 Schriften zu
organisieren.
"Kirchenvater" Hieronymus (345-420) schildert zum Beispiel, wie die Truppen
des kirchlichen Patriarchen urchristliche Gruppen überall in Palästina überfallen und die dort
befindlichen Origenes-Schriften sofort verbrennen (Epistula 86; nach
Robert Sträuli, Origenes,
der Diamantene, Zürich 1987, S. 317).
Dort, wo die Kirche keine Einwände hatte, zitiert sie Origenes jedoch bis heute in ihren
Dokumenten, allein im aktuellen katholischen Katechismus an zehn Stellen.
REINKARNATION BEI ORIGENES UND AUGUSTINUS
Der Journalist:
Hat Origenes auch an Reinkarnation geglaubt?
Der Theologe:
Ja, auch wenn das schon auf dem Konzil von Konstantinopel im Jahr 553
offenbar nicht mehr
allgemein bekannt war. Sonst hätte man es vermutlich gleich mit verdammt. Allerdings findet
sich noch ein Beweis im ursprünglichen Edikt von Kaiser
Justinian aus dem Jahr 543, in dem ein Satz gegen Origenes lautet: "Von den
geistigen Wesen ist ein Teil, wie er meint, in Sünde gefallen, und zur Strafe in
Leiber gebannt; nach dem Maße ihre Sünden werden sie sogar zum zweiten oder
dritten Male und noch öfter in einem Leib eingekerkert, um nach vollendeter
Reinigung in ihren früheren sünde- und leiblosen Zustand zurückzukehren"
(zitiert nach Franz Diekamp, Die origenistischen Streitigkeiten im 6.
Jahrhundert und das fünfte allgemeine Concil, Münster 1899, S.46).
Kirchliche Theologen verweisen demgegenüber jedoch auf den Kommentar von
Origenes zum Matthäusevangelium, in dem unter anderem von der "irrigen Lehre
von der Seelenwanderung" die Rede sei (Comm in Mat X, 20). Weiterhin
kritisiert Origenes dort die "offenbar falsche" Lehre des Basilides, wonach die
"Wiedereinkörperung der Seelen nach dem Tod" die angeblich einzige Strafe für
die Sünden sei (Comm in Mat III) - eine Kritik des Origenes, die aus urchristlicher
Sicht jedoch völlig korrekt ist: Denn die Wiederverkörperung ist weder eine
"Sündenstrafe" noch gar "die einzige" "Sündenstrafe", sondern eine riesige
Chance der Läuterung, Bereinigung und Wiedergutmachung. Doch führen die
kirchlichen Leugner der Reinkarnation noch eine dritte Stelle in diesem
Kommentar an, wo sich vermeintlich auch Origenes gegen das Wissen um die
Reinkarnation wenden soll. Diese lautet: "Ich möchte nämlich nicht in die Lehrmeinung
von der Wiedereinkörperung verfallen, welche der Kirche Gottes fremd ist ..."
(Comm XIII I) und angeblich auch weder von den Aposteln überliefert sei noch
"irgendwo in den Schriften" erscheine (siehe dazu die Untersuchungen in den
nachfolgenden Kapiteln von "Der Theologe Nr. 2").
Hier besteht allerdings der starke Verdacht, dass der Origenes-Kommentar
nachträglich gefälscht wurde. So hatte der Origenes-Schüler Rufin
bereits im Jahr 398 zugegeben, die Schriften seines Lehrers dem kirchlichen Dogma
entsprechend "zurechtgelegt" zu haben, um diesen vor dem
kirchlichen Vorwurf zu
schützen, ein Irrlehrer zu sein (Praefatio, a.a.O.).
Als man dann 1941 in Toura in Nordägypten 28 Papyrusblätter einer griechischen
Originalschrift von Origenes fand - seines Kommentars zum Paulusbrief an die Römer -,
ergab ein Vergleich folgendes Ergebnis hinsichtlich der späteren Überarbeitung
des Textes durch Rufin:
"Ein
persönlicher, tief greifender und vielfältiger Eingriff in den Text"
(Jean
Scherer, Le Commentaire d´Origène sur Rom. III.5-V.7, Institut Francais d´ Archéologie, Kairo 1952).
Rufin fügte ein, ließ weg, vereinfachte, stellte um und änderte Wesentliches ab. Dass
er dies vor allem dort tat, wo es um Reinkarnation geht, ist nahe liegend.
Dass es jedoch neben den Stellen im Matthäuskommentar von Origenes, die
den Eindruck erwecken könnten, er glaube nicht an Reinkarnation bzw.
Wiederverkörperung, viele andere gibt, die
das Gegenteil belegen, wird von kirchlichen Theologen meist verschwiegen. So ist
z. B. eine Textstelle von Origenes überliefert,
die - wie zu erwarten - bei Rufin fehlt, allerdings bei Hieronymus überliefert ist. Dort
schreibt Origenes über den Menschen: "Dabei wechselt er seinen Leib
ebenso oft, wie er beim Abstieg vom Himmel zur Erde seinen Wohnsitz wechselt" (Peri
Archon I, 5,3 zitiert nach Origenes, Vier Bücher von den Prinzipien, Hrsg.: Herwig Görgemanns / Heinrich Karpp, Darmstadt 1976, S.
203-205).
Bei Hieronymus ist auch die Frage des Patriarchen Theophiles nachzulesen, der Origenes
schließlich verdammt hatte: "Was aber soll es bedeuten, wenn er [Origenes]
erklärt, die Seelen würden wiederholt an Körper gefesselt und wieder von ihnen
getrennt" (Epistula 98, 11, zitiert nach De Principiis I, 8, Anh. I, a.a.O., S.
279).
Dass dennoch weiter gezweifelt wird, ob Origenes an Reinkarnation glaubte, hängt auch damit
zusammen, dass einiges in der vorliegenden Textfassung von Origenes selbst oder von
dem fälschenden Rufin
vorsichtig oder in Frageform formuliert ist.
Man muss, so ein Beispiel, "aufmerksam und tiefer studieren und sehen, ob es
möglich ist oder nicht, dass sie [die Seele] ein zweites Mal in einen Leib eintritt
..." (Johanneskommentar VI, Kap. 7)
Wenn jemand bestimmte Voraussetzungen nachweisen kann, dann, so Origenes, "folgt
daraus zwingend, dass das körperliche Sein nicht ursprünglich ist, sondern in zeitlichen
Abständen ins Dasein tritt ... und dies geschieht immer fort" (Peri Archon IV, 4, 8).
Die Geschichte von Jakob und Esau im 1. Mosebuch der Bibel (Kap. 25 ff.) kommentiert Origenes
wie folgt: "Wir müssen so annehmen, dass er [Jakob] aufgrund von Verdiensten
eines früheren Lebens ... dem Bruder vorgezogen wurde" (Peri Archon II, 9, 7).
Allgemein erläutert Origenes die Möglichkeit, "dass jemand infolge
irgendwelcher früherer sittlicher Leistungen jetzt [in diesem Leben] ein Gefäß der Ehre
wird, und dann, wenn er nicht tut, was einem Gefäß der Ehre entspricht und angemessen
ist, für eine andere Lebensperiode ein Gefäß der Unehre wird" (Peri Archon
III, 1, 23).
Kirchliche Theologen, die Origenes seinen Glauben an die Reinkarnation absprechen wollen,
deuten seine Aussagen über frühere und spätere Leben jedoch um: Entweder
ausschließlich auf ein früheres Leben der Seele im Jenseits bezogen; oder sie behaupten, er hätte
ein Leben
vor einem angeblichen "Urzustand" der Schöpfung gemeint bzw. ein Leben in
"neuen" Zeitaltern nach dem Ende dieser
"Weltzeit", wobei offen bleibt, was man genau in diese Vorstellung
hinein fabulierte.
Anders zum Beispiel der Schweizer Forscher Robert Sträuli, der die Bibelauslegung
des bekannten Origenes-Schülers Didymos (313-398) an einem Beispiel erläutert und
der schreibt,
"wie
selbstverständlich an der Christenschule zu Alexandria damals die Lehre von der
Wiedergeburt noch Bestandteil der christlichen Lehre war" (Sträuli,
a.a.O.,
S. 229 ff; 312 f.).
Wogegen sich Origenes allerdings tatsächlich wandte, ist der Glaube an eine Seelenwanderung (Metempsychosis) von
einer menschlichen Seele in Tiere oder Pflanzen, was auch der urchristlichen Lehre
gar nicht
entsprechen würde.
Da der urchristliche Glaube des Origenes von der Kirche jedoch bekämpft und
teilweise verdammt wurde, sind allerdings, wie gesagt, nur
noch geringe Reste seines Werkes erhalten.
Der Journalist: Ich glaube, manchen Menschen geht es heute wie Origenes. Sie sind in der Kirche aufgewachsen und wären durchaus bereit, die Kirchenlehren zu befürworten, wenn diese stimmen würden. Doch bei der Suche nach der Wahrheit finden sie etwas ganz anderes.
Der Theologe:
Ja. Die Kirche weist deshalb gerne auf Leute wie "Kirchenvater" Augustin (354-430) hin, der sich für den katholischen Glauben entschied, obwohl er zum
Beispiel betete:
"...
so sage mir, o Gott, mir, der dich anfleht in heißem Gebet, sage es in göttlichem
Erbarmen, ob meine Kindheit einem schon vergangenen Leben gefolgt sei oder ob jenes
dasselbe ist, welches ich im Mutterleib zubrachte? ... Doch was war ich noch vor jener
Zeit, meine Wonne, mein Gott; war ich überhaupt irgendwo oder irgendwer?"
(Confessiones 1, 6, 9 in der Übersetzung von O. Bachmann, Atlas-Verlag Köln, o.
J., S. 9)
An der Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung störte Augustin, dass dann Folgendes denkbar sei: In einem Leben
sind zwei Menschen Mutter und Sohn. Die Mutter stirbt, und ihre Seele inkarniert
später wieder in
einem Mädchen. Dieses wächst zur Frau heran und wird später die Frau des Sohnes (De Civitate Dei, X.30) - was
durchaus möglich ist.
Gerade Verwandte inkarnieren oft mehrfach in die gleiche Familie, wobei sie
jedoch nach der Gesetzmäßigkeit von Saat und Ernte die "Rollen" innerhalb der
Familie wechseln können. Behandelt z. B. ein Vater seinen Sohn nicht gut, kommt
er womöglich in einem späteren irdischen Leben als Sohn dieses Sohnes zur Welt
und muss nun am eigenen Leib erleben, was aus dem Sohn geworden ist, den er
einst schlecht behandelt hatte und der nun auch zum Vater geworden ist.
Intellektuelle und verkopfte Kirchenmänner wie Augustin sträuben sich natürlich
gegen diese möglichen Aspekte von Gerechtigkeit, doch auch Augustins Suche war
ja mit seinem Tod noch nicht abgeschlossen.
REINKARNATION IM URCHRISTENTUM
Der Journalist:
Können Sie über das eben Gesagte hinaus noch ausführlicher begründen, wieso das
Wissen um die Reinkarnation zu den Grundlagen des christlichen Glaubens gehört?
Der Theologe:
Dieses Wissen kann man bei allem, was Jesus lehrte,
voraussetzen, und vielen Zeitgenossen war das auch klar.
Ich zitiere dazu zunächst einige Zeilen aus dem Buch Bruder Jesus - Der
Nazarener aus jüdischer Sicht des bekannten jüdischen
Religionswissenschaftlers Schalom Ben Chorin: "Der Gedanke der
Wiedergeburt ist im Judentum der Zeit Jesu offensichtlicher Volksglaube ... So hielten die
Leute Jesus für einen der alten Propheten, der wiedergekommen ist (Luk. 9, 8 u. 19). Im
Talmud finden sich oft merkwürdige Notizen, die auf einen Seelenwanderungs- oder
Wiedergeburtsglauben schließen lassen, wie etwa die Bemerkung: ´Mordechai, das ist
Samuel.` Hier will gesagt sein, dass der Jude Mordechai, der Onkel der Königin Esther,
eine Wiedergeburt des Propheten Samuel war ..." (dtv-Taschenbuch, München 1977,
S. 25)
Wer hier die Kompetenz des jüdischen Wissenschaftlers anzweifeln will, kann
einwenden, dass der griechische Text des Lukasevangeliums von einer möglichen
"Erscheinung" bzw. einer "Auferstehung" eines alten Propheten spricht und dass
man daraus nicht zwingend auf eine Reinkarnation zurück schließen muss. Doch was
wäre eine "Erscheinung" bzw. "Auferstehung" in einem neuen Körper anders als
eine Reinkarnation? Es sei denn, man erklärt stattdessen, auf welche womöglich
andere Weise der
ursprüngliche und lange verweste Körper wieder jung und kraftvoll geworden wäre.
Damit ist zwar noch kein biblischer Beweis für die Reinkarnation geführt, doch
die Indizien sind sehr umfangreich. So gibt etwa der jüdische Feldherr und
Historiker Flavius Josephus (37/38-100) im ersten Jahrhundert
ebenfalls Hinweise auf den möglichen Glauben an Reinkarnation bei der einflussreichen
Gruppe der Pharisäer. Josephus war fast ein Zeitgenosse von Jesus. Außerdem
schrieb später auch Origenes (wahrscheinlich 185-254), der sehr gründliche Studien durchführte, dass die Jerusalemer Juden, mit denen Jesus sprach,
offenbar an Reinkarnation
geglaubt hatten (Johanneskommentar VI, Kapitel 7).
Der Journalist:
Sie sagten, Josephus war fast ein Zeitgenosse von
Jesus, und er schrieb über die Pharisäer. Das interessiert mich. Was hat Flavius
Josephus
genau geschrieben?
Der Theologe:
Über den Glauben der Pharisäer hat er geschrieben, "zwar sei" demnach
"jede Seele unvergänglich, es gingen aber nur die der guten in einen anderen
Leib über, die der schlechten würden jedoch durch ewige Bestrafung gezüchtigt"
(Flavius Josephus, Der jüdische Krieg, heraus gegeben von Otto Michel und
Otto Bauernfeind, München 1962, 2. Auflage, S. 213 ff.). Dazu kann man
zunächst sagen: Die näheren Umstände einer möglichen Reinkarnation wären hier pervertiert, wonach ja gerade die "Schlechten"
in einer oder mehreren weiteren Inkarnationen ihr früheres Fehlverhalten wieder
gut machen sollen, während die "Guten" nicht mehr zu inkarnieren brauchen,
wenn sie wieder zum Leben im Geiste Gottes zurück gefunden haben.
Außerdem
wird natürlich von kirchlichen Gelehrten bestritten, dass mit dem "anderen Leib" im
pharisäischen Denken ein
irdischer Leib gemeint sei. Doch Josephus selbst versteht es vermutlich so, und
er war ja Jude, der die Pharisäer gut kannte. Und
er legt in einem anderen Zusammenhang seinen eigenen Glauben dar, der mit dem
pharisäischen sehr verwandt ist. So warnt Josephus die jüdischen Soldaten davor,
angesichts der Übermacht der römischen Truppen Selbstmord zu begehen, und er
schreibt über jene, die sich nicht umbringen: "... ihre Seelen bleiben rein und
gehorsam, sie erhalten den heiligsten Platz im Himmel, von wo sie im Umlauf der
Zeiten wieder heilige Leiber beziehen dürfen. Wer aber im Wahn selbst Hand an
sich legt, dessen Seele nimmt ein besonders finsterer Ort in der Unterwelt auf"
(Der jüdische Krieg, a.a.O., S. 373).
Was heißt das? Sich am heiligsten Platz im Himmel befinden und von dort aus einst "wieder heilige Leiber beziehen
dürfen", was soll das wohl nach dem Glauben von Josephus für ein "Leib"
sein? Noch einmal eine gesteigerte Form eines weiteren "himmlischen" Leibes, obwohl man
sich schon zuvor am "heiligsten Platz im Himmel" befinden solle? So
würden vielleicht durch kirchliche Theologie verschrobene Gehirne denken. Die
Alternative: Josephus meint wieder einen
"heiligen" "irdischen" Leib. Es handelt sich zumindest um ein starkes Indiz für
einen möglichen Reinkarnationsglauben. Und solche und ähnliche Vorstellungen gehörten mehr
oder weniger zum damaligen "Volksglauben", wie der jüdische
Religionswissenschaftler Schalom Ben Chorin es ja bestätigt
(siehe oben), so dass Jesus hier
manches bei seinen Zeitgenossen voraus setzen konnte, was durch die kirchliche
Tradition dann später völlig verschüttet worden ist.
Diese Entwicklung im kirchlichen Christentum bestätigt unter anderem der evangelische Theologieprofessor Hans
Schwarz, der nach intensiven Recherchen über die Glaubensvorstellungen im 1.
Jahrhundert schrieb: "Anscheinend war der Glaube an Reinkarnation so bekannt,
dass seine Bilder dazu benutzt werden konnten, den weit weniger verbreiteten
Glauben an die Auferstehung zu illustrieren" (Hans Schwarz, Wir werden
weiterleben, Die Botschaft der Bibel von der Unsterblichkeit im Lichte moderner
Grenzerfahrungen, Freiburg 1984, S. 51) - auch hier wieder das typische
verkorkste kirchliche Denken. Denn praktisch sagt Professor Dr. Hans Schwarz
hier einfach: Die Leute glaubten an Reinkarnation. Und über das 2. Jahrhundert
schrieb er dann auch weniger verklausuliert: Wir
müssen "erstaunt feststellen, dass die Reinkarnation eine weit verbreitete Idee
war" (S. 50).
So kann man zusammenfassen:
Das Wissen um Reinkarnation war also in der Umwelt von Jesus in manchen
Varianten bekannt, so dass er es bei
seinen Lehren voraus setzen konnte. Das ist auch eine von mehreren Erklärungen dafür,
warum nicht so viel zu diesem Thema überliefert ist. Die zweite Erklärung ist,
dass diese Überlieferung nicht im Interesse der Kirche war, weshalb die meisten
Zeugnisse nur außerhalb der Bibel in den so genannten "Apokryphen" (=
verborgenen Schriften) erhalten blieben. Und hinzu kommt auch noch etwas
Drittes, ganz Praktisches: Eine Gemeinschaft, die einem Friedensreich bzw. einem "Reich
Gottes" auf der Erde zum Durchbruch verhelfen will, wird sich z. B. nicht allzu
viel mit Reinkarnation beschäftigen, weder auf die Vergangenheit noch spekulativ auf die
Zukunft bezogen. Sondern man wird sich mit aller Kraft um die Aufgaben der
Gegenwart kümmern.
Doch bei allem, was die Gegenwart für den Einzelnen und für eine Gemeinschaft
bringt, wendet Jesus ganz selbstverständlich immer
wieder das "Gesetz von Saat und Ernte" an (siehe z. B.
Jesus
lehrte das Gesetz von Saat und Ernte). Und Tatsache ist nun einmal, dass
dieses "Gesetz von Saat und Ernte" nur dann stimmig ist, wenn man frühere bzw.
spätere Leben einbezieht, so dass das Thema "Reinkarnation" immer im Hintergrund
steht. Zwar könnten frühere Leben theoretisch ausschließlich
frühere Leben im Jenseits sein. Dass die Menschen jedoch nicht in diesseitigen,
sondern angeblich nur in jenseitigen Vorleben Fehler gemacht haben sollen, wirkt
jedoch sehr konstruiert und wird auch nirgends sonst in dieser Denkweise bestätigt. Nahe liegender ist
auch von daher die Reinkarnation. Und wenn deshalb in der vormittelalterlichen
Kirche Methoden entwickelt werden, wie man den Glauben an die "Präexistenz der Seele"
bekämpft, der in den urchristlichen Gemeinden gelehrt wird, so zielt der Angriff
letztlich auf das Wissen um die Wiederverkörperung. Und wenn dieser Glaube an die
"Präexistenz der Seele" später auf dem Konzil von Konstantinopel (553)
von der Kirche verdammt
wird (siehe
hier), was die Todesstrafe für den so Glaubenden nach sich
zieht, so wird das Wissen um die Reinkarnation damit
unausgesprochen, aber gezielt mit verdammt.
Interessant ist noch ein Beispiel dazu. So setzt sich etwa auch Kirchenvater Hieronymus
(347-419) in seinem Brief an Demetrias mit dieser "Irrlehre"
auseinander, die "sozusagen in gewissen Natterhöhlen viele heimliche Anhänger"
habe (Kapitel 16, V.11-12). Doch warum "heimliche" Anhänger? Die Antwort
dazu ist ganz klar: Ab dem Jahr 380 stand auf abweichende
Glaubensvorstellungen vom Katholizismus bereits die Todesstrafe. Wer also an
Reinkarnation glaubte, schwebte deshalb in höchster Lebensgefahr - vielleicht
das einleuchtendste Argument dafür, dass die Urchristen, die darum wussten,
seither eher
vorsichtig tastend "nur" von der "Präexistenz der Seele" sprachen
- ein Glaube, auf den
ja bis
zum Konzil von Konstantinopel noch nicht die Todesstrafe stand, sondern der bis
zu den Jahren 543 bzw. 553 vom katholischen Zwangsstaat noch toleriert wurde.
Der Journalist:
Sie haben im Zusammenhang der Reinkarnation auch Hieronymus erwähnt. War Hieronymus nicht maßgeblich an der Entstehung der Bibel beteiligt?
Der Theologe:
Ja. In ihrer heutigen Form entstand die Bibel
ja erst im späten 4. Jahrhundert.
Hieronymus erhielt vom damaligen Papst den Auftrag, aus verschiedenen Bibelversionen einen
einheitlichen lateinischen Text herzustellen. Und er glaubte ja anscheinend
nicht an Reinkarnation, was auch die Abfassung der Bibel möglicherweise
entscheidend beeinflusste.
Der Journalist:
Welche Einflussmöglichkeiten hatte denn Hieronymus auf den Bibeltext? Oder wer
hat sonst Einfluss genommen oder bestimmt, was denn letztlich in der Bibel
stehen sollte?
Der Theologe:
Da muss zuerst Papst Damasus I. genannt werden, der den Auftrag für die
einheitliche Bibel gegeben hatte. Damasus I. hatte in den
Jahren 366 und 367 nach blutigen Kämpfen zwischen seinen Anhängern und seinen Gegnern
den Papstthron erobert. An einem Tag hat man in einer Kirche 137 Tote gefunden, die dort
von den Anhängern des Damasus erschlagen wurden. Ich sage das deshalb, weil viele Menschen glauben, die Bibel sei vom
"Geist Gottes" eingegeben, ohne zu wissen, welche "Geister"
und Hintermänner bei ihrer
Entstehung auch beteiligt waren.
Als Papst war Damasus I. bekannt für seine Prunksucht und "Schmäuse",
"dass
seine Tafel selbst ein Königsmahl in den Schatten stellt" (Ammianus Marcellinus,
Röm. Geschichte 27, 3, 4, zitiert nach A. M. Ritter, Kirchen- und Theologiegeschichte in
Quellen, Band 1, S. 173). Dieser Papst vergab nun also die Auftragsarbeit
einer einheitlichen Bibel an Hieronymus. Und sein neuer Text, die so genannte Vulgata, ist von
der katholischen Kirche auf dem Konzil von Trient (1545-1563) - also viel später - als
"fehlerlos" erklärt worden (mehr dazu siehe in
Der Theologe Nr. 14).
Dabei hatte Hieronymus an Papst Damasus I. in einem Brief folgendes geschrieben:
"Wird sich auch nur einer finden, sei er gelehrt oder ungelehrt, der mich nicht
lauthals einen Fälscher oder Religionsfrevler schilt, weil ich die Kühnheit besaß,
einiges in den alten Büchern zuzufügen, abzuändern oder zu verbessern? Zwei
Überlegungen sind es indes, die mich trösten und dieses Odium auf mich nehmen lassen:
zum einen, dass du, der an Rang allen anderen überlegene Bischof, mich dies zu tun
heißest; zum anderen, dass, wie auch meine Verleumder bestätigen müssen, in
differierenden Lesarten schwerlich die Wahrheit anzutreffen ist" (Evangelienrevision, Vorrede, MPG 29, Sp. 525 ff., zitiert nach Adolf Martin Ritter, Kirchen- und
Theologiegeschichte in Quellen, Band 1, S. 181; siehe auch
"Der Theologe Nr. 14" - Hieronymus und die Entstehung
der Bibel).
Der Journalist:
Der Herausgeber der Bibel ist also selbst nicht vom Wahrheitsgehalt überzeugt.
Der Theologe:
Hieronymus kritisiert einige seiner Vorgänger als "unzuverlässige
Übersetzer". Auch schreibt er von "Verschlimmbesserungen inkompetenter
Textkritiker" oder über "Zusätze oder Änderungen unaufmerksamer
Abschreiber" (Evangelienrevision, a.a.O., Vorrede).
Zwar gibt der "Kirchenvater" hier nur Einblick in die Entstehungsgeschichte der
"lateinischen" Bibel, doch auch bei der griechischen Urtext-Überlieferung gab
es vor allem in der Anfangszeit zahlreiche Überarbeitungen und auch Neugestaltungen. Weil
die Evangelisten ihnen vorliegende Quellen nachweislich bearbeitet haben, nennt man sie
deshalb ja auch
"Redaktoren". So wie es eben heute "Redakteure" bei einer Zeitung
gibt, welche die eingesandten Manuskripte der Journalisten in ihrem Sinne
überarbeiten.
Zusammenfassend kann man sagen: Die biblischen Texte sind alles in allem das Werk der entstehenden
Amtskirche mit ihren sich herausbildenden Dogmen.
Die "Sorge um die Revision der lat. Bibelübersetzungen" wird zum
Beispiel "das größte Verdienst" von Damasus I. genannt (Ritter,
a.a.O., S. 181).
So enthalten die Texte zwar viele Anhaltspunkte über das Leben von Jesus, gelten aber
nicht als geschichtlich zuverlässige Quellen.
Und alle erhaltenen Zeugnisse über Reinkarnation haben sich trotz der sich ganz anders
entwickelnden Kirchenlehre erhalten. Was alles verloren ging, vernichtet oder nicht
weitergegeben wurde, wissen wir nicht. Offenbar ist das Thema für Jesus aber auch nicht
so wesentlich wie andere Themen gewesen.
Der Journalist:
Was ist für ihn dann wesentlich?Der Theologe: Jesus weist auf das kommende Friedensreich, das Reich Gottes, hin, das auf der Erde entstehen soll, wie es im Vaterunser heißt: "Wie im Himmel, so auf Erden". Dafür braucht es Menschen, die bereit sind zur Umkehr, zur "Buße", damit es nicht bei Worten bleibt, sondern auch entsprechende Taten sichtbar werden. Deswegen heilt Jesus zum Beispiel selbst viele Krankheiten. Auch lädt er die Menschen ein, sich Gott anzuvertrauen. Dies ist möglich, da Gott ein liebender Vater ist, der den Menschen in jeder Situation hilft, die Schritte hin zu Ihm tun zu können.
Der Journalist: Welche Rolle spielt dabei die Reinkarnation?
Der Theologe:
Wenn der Mensch Jesus nachfolgt, findet er früher oder später aus dem
"Rad der
Wiedergeburt" heraus.
Wer sich über dieses Wissen hinaus jedoch viel mit dem Thema Reinkarnation beschäftigt, begibt sich in Gefahr, sich in Spekulationen über frühere Leben zu verwickeln oder sich
damit wichtig zu machen, anstatt die Chance dieses Lebens zu nützen. Und nur auf
das gegenwärtige Leben kommt es an, alles andere ist Vergangenheit. Da aber ja alles, was aus
früheren Leben nicht bereinigt ist, nach dem Gesetz von Saat und Ernte zur rechten Zeit
wiederkommt, damit es dieses Mal bereinigt wird, bedarf es nur der Wachsamkeit in diesem
Leben.
In diesem Sinne hat auch Jesus gelehrt.
DER BECHER MIT DEM "TRUNK DES VERGESSENS"
Der Journalist:
Einige Menschen lassen sich allerdings durch Hypnose in frühere Leben zurückversetzen.
Man versteht solche Rückführungen als eine Reinkarnationstherapie. Und Menschen
versprechen sich einen inneren Gewinn von dieser Erfahrung.
Der Theologe:
Ich weiß allerdings auch von vielen gegenteiligen Erfahrungen. Das genaue Wissen um Situationen aus früheren Leben kann sehr
belasten, kann den Menschen von den Aufgaben der Gegenwart ablenken, kann ihn sogar in
Verzweiflung führen, wenn er das, was dann aufbricht, nicht auf einmal bewältigen kann.
So spricht Jesus im Zusammenhang der Rückkehr einer Seele aus dem Jenseits zurück in
einen neuen menschlichen Körper - ähnlich wie auch der Philosoph Platon - von einem
"Becher
mit dem Trunk des Vergessens" (Das Evangelium der Pistis Sophia, herausgegeben
von C. M. Siegert, Bad Teinach-Zavelstein 1991, 2. Auflage, S. 234).
Die fehlende Rückerinnerung dient dem Menschen als Schutz und hilft ihm, sich auf das
Hier und Jetzt zu konzentrieren. Das "Sündhafte" wird zeitweilig
"vergessen" und wird nur in dem Maße bewusst bzw. aktiv, in dem es bewältigt werden kann.
Der Journalist: Das steht so aber nicht in der Bibel.
Der Theologe:
Die meisten Informationen zur Lehre der Reinkarnation finden wir, wie schon erwähnt,
in so genannten "apokryphen" Schriften, die von der entstehenden Großkirche
nicht in die Bibel aufgenommen wurden, und deshalb dort als "verborgen" (=
apokryph) gelten.
Dieses Jesuswort entstammt einem Evangelium, das im 2. Jahrhundert entstanden ist und
damit älter ist als die ältesten bekannten Handschriften der biblischen Evangelien aus
dem 4. Jahrhundert.
Weitere Informationen oder Spuren zur Reinkarnation finden wir bei den so genannten
"Kirchenvätern", deren Schriften ebenfalls älter sind und damit näher
am Urchristentum als die biblischen Handschriften.
Manche sprachen vom "Umgießen der Seelen",
zum Beispiel der bekannte und auch in der Kirche anerkannte Clemens von Alexandrien
(um 200; Stromateis III, 13, 3).
Die Seele braucht übrigens einige Zeit, um sich in dem jeweils neuen Körper zurecht zu
finden und formt diesen in der Folgezeit gemäß ihren Speicherungen aus ihren Vorleben.
Die Frage, ob sie auch in einen Tierkörper inkarnieren kann, war damals Anlass für viel
Spott und Streit. "Kirchenlehrer" Justin (ca. 110-165) verneint zum
Beispiel diese Frage wie
auch die andere Frage, ob die Seele nach ihrem Gang ins Jenseits Gott schauen kann..
Der Journalist:
Die Antwort wäre, wenn ich Sie recht verstanden habe, dass der Tod nichts daran
ändert, ob jemand mehr oder weniger Gott schaut.
Der Theologe:
Wir können den Tod mit dem Schlaf vergleichen. Auch er bringt uns Gott weder näher
noch rückt er ihn weiter weg.
Zum Vergleich: Die Seele verlässt auch im Schlaf den menschlichen Körper, bleibt aber
durch ein "Silberband" mit ihm verbunden.
Beim Tod wird das Silberband durchtrennt und eine Rückkehr der Seele in diesen Körper
ist dann nicht mehr möglich. Aber dieser Vorgang ändert nichts am Charakter des
Menschen und an dem, was er gesät hat und folglich ernten wird.
Das Silberband oder die Silberschnur wird übrigens auch in der Bibel erwähnt. Im
Buch Prediger (oder Kohelet) heißt es: "Denk an deinen Schöpfer in frühen Jahren,
ehe die Tage der Krankheit kommen, ... ja, ehe die Silberschnur zerreißt, ..." (12, 1.6a).
Im hebräischen und aramäischen Handwörterbuch
von Wilhelm Gesenius (17. Auflage, Berlin 1962)
wird die Silberschnur auch als "bildliche Bezeichnung f. d. Lebensfaden"
erklärt. Und der Prediger gibt den Menschen hier eine eindringliche
Warnung mit: Lebt schon als junge Menschen nach den Geboten des Schöpfergottes!
Denn wenn eines Tages "die Silberschnur zerreißt", ist die Chance vertan. Und
wer weiß, wann das sein wird?
Der Journalist:
Von der Bibel noch einmal zu den "Apokryphen": Das
Evangelium
der Pistis Sophia, aus dem Sie vorhin zitierten, wird von der kirchlichen
Geschichtsschreibung nicht zum Urchristentum gerechnet, sondern zur so genannten
"Gnosis". Im Deutschen übersetzt man das Wort mit "Erkenntnis".
Der Theologe:
"Gnosis" ist ja heute kein gebräuchliches Wort mehr, und man könnte es am
ehesten mit dem vergleichen, was heute "Esoterik" genannt wird. Die entstehende Amtskirche grenzte sich
damals von einzelnen Bewegungen ab, von denen sich
manche selbst "gnostisch" nannten und die auch die Lehre von Jesus als
"Gnosis" bezeichneten.
Doch das Urchristentum ist etwas anderes als diese so genannte
"Gnosis". Die Urchristen sind eine eigene Bewegung, die immer in
Gefahr stand, von der Kirche vereinnahmt zu werden oder auf der anderen Seite
von so genannten "Gnostikern" vereinnahmt zu werden. Es war immer eine
Gratwanderung. Wo man der kirchlichen Vereinnahmung widerstanden hat, ist es
jedoch passiert, dass die Kirche urchristliche Bewegungen und
Gruppen mit bei der "Gnosis" eingeordnet hat, die man
kirchlicherseits genauso bekämpfte wie das Urchristentum. Doch zwischen "Gnosis"
und urchristlicher Lehre und Leben bestehen teilweise erhebliche
Unterschiede.
Zum Beispiel unterscheidet sich die urchristliche Lehre, dass die materielle Welt als
Folge des "Sündenfalls" aus der geistigen Welt entstanden ist,
von "gnostischen" Lehrsystemen, wonach es einen speziellen Schöpfergott der
Materie gebe, der nicht mit dem gütigen Erlösergott identisch sei. Weiterhin
waren die "Gnostiker" manchmal etwas weltfremde
Theoretiker. Die Urchristen waren demgegenüber praktisch, natürlich und schlicht
denkende Menschen, die meist auch in sehr lebensnahen Berufen ihren
Lebensunterhalt verdienten, zum Beispiel als Handwerker.
So weit zum Thema
"Gnosis". Noch ein Wort zu den "Apokryphen":
Insgesamt gilt für sie das gleiche wie für die biblischen Schriften.
Sie können Christliches und Nichtchristliches bzw. zutreffende Darstellungen und Fehler
enthalten.
Für den urchristlichen Glauben kommt es zudem gar nicht auf das geistige Wissen an.
Das praktische Tun steht im Mittelpunkt, zusammengefasst, das Leben nach den Zehn Geboten und der Bergpredigt des Jesus von Nazareth.
REINKARNATION IN DER BIBEL
Der Journalist:
Welche Spuren für Reinkarnation oder welche Reste dieses Wissens gibt es noch in der
Bibel? Sie haben vorhin im Zusammenhang mit Origenes ja schon von möglicherweise
wieder inkarnierten Propheten gesprochen?
Der Theologe:
Ja. Jesus von Nazareth fragte z. B. einmal seine Jünger:
"´Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?` Sie sprachen: ´Einige sagen,
du seiest Johannes der Täufer, andere, du seiest Elia, wieder andere, du seiest
Jeremia oder einer der Propheten`" (Matthäusevangelium 16, 13b-14). Mit
anderen Worten: Einige glaubten, der kurz vorher hingerichtete Johannes sei
entweder von den Toten auferstanden oder er sei womöglich gar nicht tot. Und
andere glaubten, einer der alten Gottespropheten sei in Jesus wieder inkarniert.
Dies glaubten die Menschen auch schon von Johannes dem Täufer. Und Jesus von Nazareth bestätigt gemäß den biblischen Worten zum
Beispiel den Glauben, Johannes sei der reinkarnierte
Elia. So sagt Jesus laut dem Matthäusevangelium: "Und wenn ihr es annehmen wollt: er ist Elia, der da kommen
soll. Wer Ohren hat, der höre" (11, 14).
Später entwickelt sich zu diesem Thema erneut ein Dialog, und es heißt in der
Bibel wie folgt: "Und seine Jünger
fragten ihn und sprachen: ´Warum sagen denn die Schriftgelehrten, zuerst müsse Elia
kommen?` Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Elia soll freilich kommen und alles
zurecht bringen. Doch ich sage euch: ´Elia ist schon gekommen, aber sie haben ihn nicht
erkannt, sondern haben mit ihm getan, was sie wollten`" (17, 12).
Der Journalist: Die Kirchenlehren deuten diese Stellen aber anders. Das Leben des Johannes sei demnach mit Elia vergleichbar.
Der Theologe:
So steht das aber ausdrücklich nicht in ihrer Bibel. Es heißt dort, "Elia ist schon gekommen".Der Journalist: Gibt es weitere Hinweise auf die Reinkarnation in der Bibel?
Der Theologe: Ja. Im Jakobusbrief der Bibel wird etwa davor gewarnt, dass unsere Zunge das "Rad der Geburt" in Brand setzen kann (3, 6; vgl. Prediger 12, 6). Die Stelle lässt sich am treffendsten so erklären:
Böse Worte können einen solchen "Brand" verursachen, dass der geistige Brandstifter deswegen erneut inkarnieren muss, um den Schaden zu beheben.
Der Journalist:
Warum verschweigt die Kirche denn, dass hier vom "Rad der Geburt" die Rede ist?
Der Theologe:
In der Luther-Übersetzung von 1984 wird das Wort "trochos tes geneseos"
(= "Rad
des Entstehens"
bzw. "Rad der Geburt") überhaupt nicht übersetzt und
stattdessen mit drei anderen Wörtern wieder gegeben, nämlich "die ganze
Welt." Die Zunge könne, so die Luther-Bibel, "die ganze Welt" in Brand
setzen - eine monumentale Aussage, über die man durchaus nachdenken kann, aber
trotzdem eine glatte Bibelfälschung. Vergleicht man die Übersetzung von 1984 mit
der in der Luther-Bibel von 1956, erlebt man die nächste Überraschung: Damals
hatte die Zunge nach Luther noch
"allen unseren Wandel" angezündet, eine etwas bescheidenere
Fälschung im Vergleich zu
"die ganze Welt". Das heißt: Luther fälschte hier zuerst die
Bibel und die lutherischen Theologen fälschten anschließend noch einmal ihren
Luther, so dass man möglichst nicht mehr das Ursprüngliche erkennt.
In der evangelisch-katholischen Einheitsübersetzung heißt es an dieser Stelle wenigstens noch
"Rad des
Lebens". Doch auch diese Übersetzung ist falsch. Denn sie streicht
einfach den Aspekt der "Genesis", also des "Lebensbeginns"
durch die Geburt, wie es im griechischen Urtext im Wort "geneseos" (= Genitiv
von "genesis") zu lesen ist. In einer erklärenden
Fußnote wird es dann noch falscher. Dort heißt es, mit dem "Rad des Lebens" (oder:
"Kreis des Werdens") sei "wohl der ganze Lauf des Lebens und der
Umkreis der menschlichen Existenz gemeint". So wurde in der Einheitsübersetzung
aus dem "Rad der Geburt" schließlich der "Umkreis der menschlichen
Existenz", was nicht mehr dem griechischen Wort im Urtext entspricht.
Am Ende steht also auch hier, wie bei Martin Luther, eine Fälschung des Sachverhalts
und bei dieser Stelle kann man es nachweisen. In zahllosen anderen Fällen ist
das leider nicht mehr so leicht möglich.
Auf diese und andere Weisen haben jedenfalls Theologen biblische Hinweise auf die Reinkarnation verdunkelt und
einige Menschen glauben deshalb, das Wissen vom "Rad der Geburt" sei
nicht biblisch-christlich, sondern wäre aus östlichen Religionen übernommen.
Der Journalist: Was mir das Beispiel der Einheitsübersetzung zeigt: Schon kleine Veränderungen in der Übersetzung können dazu führen, dass Leser einen anderen Sinn in die Worte hinein legen. Steckt dahinter eine Absicht?
Der Theologe:
Was glauben Sie? Was oder wer steckt hinter der Kirche? Und wer hilft bewusst oder unbewusst mit? Ich habe diese scheinbar "kleinen" Veränderungen der Wahrheit selbst erlebt, als ich die Kirche verlassen hatte und mich deshalb manche Menschen nun in ein schlechtes Licht stellen wollten.Der Journalist: Gibt es weitere Spuren für die Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung in der Bibel?
Der Theologe: Eventuell ging es auch im Gespräch von Jesus mit dem Pharisäer Nikodemus
(Johannes 3, 1-11) um Reinkarnation. Das erklärt jedenfalls der
Aramäisch-Forscher Günther Schwarz in dem Buch Das Jesus-Evangelium (München 1993, S. 22 f.).
Dr. Schwarz erforschte ca. 30 Jahre lang die Muttersprache von Jesus und übersetzte die
griechisch überlieferten Jesusworte zunächst zurück ins Aramäische und von dort neu
ins Deutsche.
Weitere Spuren sind aber auch ohne solche Hintergrundüberlegungen zu finden:
Über den Propheten Jeremia lautet zum Beispiel ein Prophetisches Wort: "Ich
... sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest und bestellte dich
zum Propheten für die Völker" (Jeremia 1, 5).
Die Seele des Menschen existiert also schon vor der Geburt - eine biblische Lehre, die
übrigens von der katholischen Kirche verdammt wurde
(siehe vorne Das Ringen um
die Wahrheit). So könnte man
weiter überlegen: Wenn es das Geistwesen bzw. die Seele also schon vor der
Geburt gab,
Der Journalist:
Das alles ist absurd. Doch die Christus-Hymne ist kein Beleg für die Reinkarnation.Der Theologe: Aber ein dazu passender Hinweis, was bei einer Geburt geschieht: Ein Geistwesen oder eine Seele "geht" oder "schlüpft" in einen menschlichen Körper "hinein" und beginnt ihn zu durchdringen. Der Körper ist für die Seele so etwas wie ein Fahrzeug, mit dem sie sich auf dem Planeten Erde bewegen kann.
Der Journalist: So hätten Jesus und Jeremia im Jenseits ihren Auftrag angenommen.
Der Theologe: Ja. Wobei in der Bibel nichts darüber steht, ob das Geistwesen, das in Jeremia
inkarniert war, schon vorher einmal oder mehrere Male auf der Erde war. Bei Christus war
es nicht so.
Ein deutlicher Hinweis auf die Reinkarnation steht zudem im biblischen Buch
Weisheit. Der
Verfasser sagt dort von sich: "Ich war ein wohlgestalteter junger Mann und ... da
ich edel war, kam ich in einen unbefleckten Leib" (8, 20). Man kann
fragen: Wann oder wo war der Mann denn "edel"? Und wie "war" dann umgekehrt
"einer", dessen Leib schon von Geburt an "Flecken" des
Leides trägt? Der ganze Zusammenhang deutet auf Reinkarnation hin, ebenso wie eine andere
Stelle des Buches.
Die dem Verfasser zufolge falsche Überzeugung mancher Menschen wird dort beschrieben mit den Worten: "Unsre Zeit geht
vorbei wie ein Schatten, und wenn es mit uns zu Ende ist, gibt es keine Wiederkehr; denn
es steht unverbrüchlich fest, dass niemand wiederkommt" (2, 1.5) -
so also nach dem Verfasser des Buches Weisheit das falsche Denken. Was also wäre nach der Überzeugung des Buches Weisheit
demnach das "richtige" Denken?
Offensichtlich, dass es doch eine Wiederkehr gibt und dass man eben doch
wiederkommt.
Das Buch Weisheit ist fester
Bestandteil der katholischen Bibeln, in den evangelischen gehört es wiederum zu den
"Apokryphen".
JESUS ÜBER DIE AUSWECHSLUNGEN DES KÖRPERS
Der Journalist:
Sie sprechen den so genannten "Kanon" der Bibel an, also den von der Kirche
vereinbarten Inhalt dieses Buches.
Gibt es weitere
Stellen zur Reinkarnation in diesen Apokryphen außerhalb der Bibel?
Der Theologe:
Ja, zum Beispiel im Thomasevangelium, das 1945 von Bauern beim Pflügen in der Nähe von Nag Hammadi am Nil gefunden wurde. Es gilt mittlerweile als das bekannteste Evangelium
außerhalb der Bibel.
Dort heißt es: "Jesus sprach: Heute wenn ihr euer Ebenbild seht, freut ihr euch.
Wenn ihr aber eure Bilder seht, die vor euch geworden sind, ... wie viel werdet ihr
ertragen?" (V. 84)
Der Journalist: Unterscheiden sich diese Bilder so sehr von dem heutigen "Bild"?
Der Theologe:
Es kommt darauf an, welche Inhalte aus der Seele unser heutiges Erscheinungsbild
prägen. Möglicherweise gibt es auch Inhalte, die erst zu einem späteren Zeitpunkt oder
in einer späteren Inkarnation aktiv werden und auf unser Aussehen einwirken. Dieses
verändert sich ja auch durch bestimmte Lebenserfahrungen.
Es gibt aber noch viele weitere Beispiele.
Im vorhin schon genannten Evangelium der Pistis Sophia spricht Jesus vom
"Kreislauf" (S. 239) oder über "Kreisumläufe der Auswechslungen des Körpers" (S. 222)
bzw. von einer Situation, da es einer Seele "nicht möglich wird, in die Höhe zum
Licht zu gehen, und sie zurückkehren muss zum Auswechseln des Körpers" (S.
239).
Bei einer Reinkarnation würde ein Mensch, so Jesus, "wiederum in die Welt
zurückgeworfen, übereinstimmend mit der Art der Sünden, die er begangen hat" (S. 186).
Dabei erhält die Seele einen Körper, "der ihren begangenen Sünden angepasst
ist" (S. 201).
In diesem Zusammenhang fragt Maria zum Beispiel nach einem Menschen, der "keine
Reue gefunden" hat, "obwohl er seine Anzahl von Kreisläufen im
Auswechseln der Körper vollendet hat" (S. 227).
Hinter dieser Formulierung steht offenbar das Wissen, dass Reinkarnationen nicht
unbegrenzt möglich sind. In das Friedensreich, das einmal auf der Erde entstehen wird -
wovon schon der Prophet Jesaja sprach (vgl. Jesaja 11, 6-9) -, können sich keine schwer belasteten Seelen mehr
inkarnieren (siehe "Das ist Mein Wort. Das Evangelium Jesu. Die Christus-Offenbarung,
welche die Welt nicht kennt", a.a.O., S. 157).
Und das könnte wiederum ganz konkret bedeuten: Viele der heute auf der Erde lebenden Menschen
haben wohl schon kaum mehr eine Chance für eine neue spätere Inkarnation. Denn
Wissenschaftler zeigen uns ja gerade in unserer Zeit, dass die Erde bald immer
weniger Menschen ernähren kann und dass uns ein großer Kollaps noch bevorsteht.
Vieles Seelen im Jenseits können danach nicht mehr zurück auf die Erde.
Jesus erläutert jedoch in diesem Beispiel, dass die Seele des
damals Betroffenen, anders als Maria
dachte, eventuell doch die Chance einer weiteren Inkarnation bekommt, in welcher der Mensch auf der Erde
den Weg zum "Lichtreich" finden kann (S. 228). Und es
heißt wörtlich: "Bei dieser Seele, für die ihr beten werdet, wenn sie sich im Drachen der
äußersten Finsternis befindet, wird er seinen Schwanz aus seinem Maul ziehen und
diese Seele freigeben." Oder aber: Boten "werden sie aus allen Gebieten
entführen, wo sie auch ist" (S. 229). Doch selbst wenn auch in
diesem Beispiel keine Inkarnation
mehr möglich sei, können Boten des Lichts die Seele "prüfen" und sie "zum
Lichtschatz" "führen" (S. 229).
Der Journalist: Sind noch mehr Details bekannt?
Der Theologe: Interessant ist beispielsweise das Wissen, dass manche Seelen ihre Schuld in einer einzigen Inkarnation abtragen können. So könnten Menschen gedacht haben, die von ihren kirchlichen Gegnern nach einem Mann namens Karpokrates "Karpokrater" genannt wurden. Leider ist nur der Spottbericht von "Kirchenvater" Irenäus, ihres Gegners überliefert, wonach sie angeblich lehrten, man müsse in einem Leben alle möglichen Sünden begehen, um nicht mehr reinkarnieren zu brauchen - also gerade das Gegenteil der Wahrheit. Die Vorwürfe von Irenäus gründen sich nach Worten des Religionswissenschaftlers G. R. S. Mead "augenscheinlich auf ein völliges Missverstehen, wenn sie nicht einfach aus wohlüberlegter Bosheit entsprangen" (G. R. S. Mead, Fragmente eines verschollenen Glaubens, Berlin 1902, S. 190). Irenäus gilt ja auch als der Vorläufer der späteren kirchlichen Inquisition, die Millionen von Opfern auf dem Gewissen hat, die vor ihrer Hinrichtung teilweise auch noch grausam gefoltert wurden.
FRÜHERE LEBENSLÄUFE ODER ERBSÜNDE?
Der Journalist:
Gab es in der Frühzeit des so genannten Christentums bereits viele solcher Kämpfe?
Der Theologe: Ja. Während der Prophetische Geist im jungen Urchristentum durch die amtskirchliche Entwicklung allmählich zum Schweigen gebracht wurde, verschwanden auch Grundlagen des urchristlichen Glaubens wie das Wissen um die Reinkarnation - im Jahr 389 ging zum Beispiel die große Bibliothek des Altertums in Alexandria in Flammen auf. Katholische Mönche der ägyptischen Kirche legten das Feuer im benachbarten "heidnischen" Serapis-Tempel und sowohl der Tempel als auch die Bibliothek brannten ab und mit ihnen wertvolle Dokumente des Urchristentums. So entwickelte die Kirche z. B. später eine so genannte Erbsündenlehre, wonach jeder Mensch die Sünde von Adam geerbt habe, obwohl die frühen Christen noch wussten, dass die Seele ihre Belastungen aus früheren Erdenleben wieder mit in weitere Leben nimmt.
Der Journalist: Gibt es hierfür weitere Belege?
Der Theologe:
Ja. Und es machte die Urchristen auch barmherzig
gegenüber ihren Mitmenschen. Denn einem fiel es vielleicht leicht, eine
bestimmte Fehlhaltung zu lassen. Ein anderer jedoch hat auf diesem Gebiet eine
massive Belastung aus Vorleben in dieses Erdenleben mitgebracht und er tut sich
um vieles schwerer als sein Nächster. Wer das weiß, der wird seinen Nächsten
nicht richten oder verurteilen, sondern er wird ihm mit Verständnis begegnen,
wenn jener ehrlich darum ringt, ein neuer Mensch zu werden, aber wenn es bei ihm
etwas länger dauert als bei anderen.
Ich möchte an dieser Stelle als weiteren Beleg noch auf ein anderes Dokument hinweisen,
das die Kirche komplett verbrennen wollte, weil es für sie zu gefährlich
war. Es handelt sich um die Interpretationen
der Evangelien von Basilides, einem Mann, der in der ersten Hälfte des zweiten
Jahrhunderts in Alexandria lebte und von der katholischen Kirche als "Gnostiker",
das heißt als "Ketzer" angesehen wurde. Es bestand offenbar eine
Verbindung von Basilides zu dem Jesusjünger Matthäus und über einen Schüler des
Petrus, Glaucus, auch zu Petrus (Zeitenschrift Nr. 9/1995).
Aus den Informationen außerhalb der Bibel, die nicht von der Kirche vernichtet
werden konnten, wird deutlich, dass
auch Basilides einiges
über Reinkarnation wusste.
G.R.S. Mead schreibt: "Die Menschen leiden, sagt Basilides, durch das, was sie
in früheren Lebensläufen begangen haben" (a.a.O., S. 226).
Das Leiden kommt also nicht durch eine "Erbsünde" in das Leben des
Einzelnen, wie es in den Kirchen
stattdessen geglaubt werden muss.
Der Journalist:
Ist die Erbsündenlehre nicht auch ungerecht?Der Theologe: Wie ist es, wenn ich gemäß dieser Lehre schon als Kind unter dieser finsteren Macht leben muss und eventuell leide, obwohl ich das gar nicht verursacht habe? Das zählt dann in den Kirchen zu den "Geheimnissen Gottes" und es haben schon viele deswegen an diesem Gott verzweifelt oder den Glauben an ihn abgelehnt.
GIBT ES EINE BIBELSTELLE GEGEN REINKARNATION?
Der Journalist:
Es gab aber offenbar auch schon in früherer Zeit
einzelne Glaubenssaussagen gegen eine mögliche Reinkarnation. In
kirchlichen Schriften wird hierzu meist die Bibelstelle in Hebräer 9, 27-28a
zitiert: "Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das
Gericht; so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler
wegzunehmen". So hat es Martin Luther übersetzt. Das Wort "einmal" ist dabei
von den Bibelherausgebern der Lutherübersetzung auch noch unterstrichen.
Der Theologe:
Wenn hier etwas von deutschen Übersetzern unterstrichen wird, dann zeigt das
doch schon, dass dieser Satz nicht so ohne weiteres verständlich ist oder mit
ihm irgendetwas nichts stimmt. Sie können es in diesem Fall doch selbst leicht nachprüfen. Was
glauben Sie, hat hier der Schreiber des Hebräerbriefes mit dieser
Satzkonstruktion aussagen wollen?
Der Journalist: Das ist eben auf Anhieb nicht so klar. Ich muss
es erst noch einmal lesen und mich da
hinein denken. Die Unterstreichung der Luther-Anhänger soll den Leser wohl dazu bringen, dass er
denken soll, es gehe hier möglicherweise darum, nur einmal zu sterben anstatt
zweimal oder öfters. Ohne die Unterstreichung der deutschen Bibelgesellschaft würde ich
den Satz aber anders lesen. Ich würde eher die Wörter Wort "sterben"
und "geopfert" betonen. Also wörtlich dann: "Und wie es den Menschen bestimmt
ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, so ist auch Christus
einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen." Denn jeder Mensch muss eben einmal sterben. Und "im Gericht", wie es
dann weiter heißt, erntet er im Jenseits die Folgen seines Handelns. Es sei denn, Christus hätte ihm
durch sein "Opfer" die Sünden zuvor weggenommen, was der Schreiber dieses Briefes
glaubt. Doch über diese Sühnopferlehre im Hebräerbrief haben wir ja schon gesprochen,
dass sie heidnisch ist und nichts mit Christus zu tun hat und dass
sie nicht stimmt (siehe hier). Aber um
dieses Thema
würde es für mich bei diesem Satz hier gehen. Mit Reinkarnation oder
Nicht-Reinkarnation hat das für mich
nichts zu tun.
Der Theologe:
Diese Sühnopferlehre, wie sie hier geglaubt wird, kommt auch in der Bibel nur in diesem Hebräerbrief vor bzw.
in Ansätzen bei Paulus (siehe dazu auch
hier). Jesus hat, wie
gesagt,
solches nicht gelehrt, und mit Gott hat es auch nichts zu tun, denn der
Schöpfergott braucht kein Menschenopfer zur angeblichen Besänftigung Seines
Zorns wie dies in mörderischen Götzenkulten geglaubt wird. Und die Kirche
weiß ja noch nicht einmal, wer diesen Hebräerbrief überhaupt geschrieben
hat und in ihre Bibel hinein geschleust hat. Man ist sich in der theologischen
Wissenschaft weit gehend einig, dass der Brief nur deshalb in die Bibel hinein
gekommen sei, weil einige damalige Kirchentheologen glaubten, dass wohl Paulus der Verfasser
sein müsste, was heute mehrheitlich bestritten wird.
Dann zu der Stelle in Kapitel 9, 27 selbst: Sie ist in der Tat gar kein Beleg gegen eine
mögliche Reinkarnation, wie die kirchlichen Reinkarnationsleugner so gerne behaupten. Denn
erstens: Die Betonung bzw. Unterstreichung des Wortes "einmal" kommt ja von
den kirchlichen Theologen und sie steht überhaupt nicht im Urtext. Damit wird dem Verfasser
des Hebräerbriefes von den Theologen in den Mund gelegt, er hätte hier
gemeint, dass jede Seele nur "einmal" als Mensch auf der Erde lebe und folglich
als Mensch "nur" einmal sterben müsse. So kann man das zwar schon zu
interpretieren versuchen, es kann jedoch auch ganz anders gemeint sein. Denn die Bibelstelle ist insgesamt verworren. Kein
normaler Mensch würde so reden. Deshalb gehen zweitens viele Theologen auch von einer
Verstümmelung dieses Satzes bzw. einer späteren Überarbeitung aus.
Und es kommt für die Kirche drittens noch schlimmer: Die evangelisch-katholische
Einheitsübersetzung
der Bibel "übersetzt" den Beginn von Hebräer 9, 27
sogar mit den Worten:
"Und wie es den Menschen bestimmt ist, ein einziges Mal zu sterben ..."
Jetzt wird also von der Kirche kräftig in ihrem Sinne nachgelegt und die
vermeintliche Bedeutung dieses Satzes wird noch weiter manipuliert. Wie schon bei der Stelle in Jakobus 3, 6, wo
eindeutig vom "Rad der Geburt" die
Rede ist (siehe hier), wird die Bibel
auch hier durch die "Übersetzung" verfälscht. Im griechischen Urtext steht
nämlich gar nicht "ein einziges Mal". Stattdessen haben die Kirchen mit dieser
manipulierten "Übersetzung" offenbar hier gezielt einen Seitenhieb
gegen das Urwissen der Reinkarnation anzubringen versucht. Doch diesem Hieb fehlt die
sprachliche Grundlage. Das griechische Wort "hapax" heißt nämlich schlicht "einmal" und
es könnte auch mit "erst" wieder gegeben werden. Deshalb übersetzte Luther hier
richtig (siehe oben). Zwar könnte man
das Wort in Ausnahmefällen auch mit "ein für allemal" übersetzen, doch diese
Sonderbedeutung ist hier eben nicht gemeint, und sie würde der Kirchen wegen ihres
kirchlichen Auferstehungsglaubens ja auch wieder nicht gefallen. Also "übersetzte" man einfach
dreist mit "ein
einziges Mal", obwohl das hier schlicht nicht steht. Daran sieht man einmal
mehr, wie sich die Kirche ihre Bibel nach ihrem Gutdünken zurecht biegt.
Doch es gibt sogar noch ein viertes Argument gegen den kirchlichen Irrsinn. Selbst dann, wenn der Autor hier "einmal" im Sinne von "ein einziges Mal" gemeint
hätte und selbst dann, wenn weiterhin dieser Satz tatsächlich ursprünglich so formuliert worden
wäre, ist das noch immer keine Aussage gegen die Reinkarnation: Denn der Satz
stimmt ja auf eine gewisse Weise sogar: Als der bestimmte Mensch XY muss dieser
bestimmte Mensch XY ja tatsächlich nur
"einmal" bzw. "ein einziges Mal" sterben. Und wenn seine Seele
einmal einst in einem anderen Menschen
wieder inkarniert sein sollte, dann muss dieser Mensch eben wiederum "einmal" sterben. Für
den jeweiligen Menschen stimmt es so. Und die Seele ist ohnehin unsterblich
- völlig unabhängig davon, ob sie nun einmal, zweimal, überhaupt nicht oder viele Male
inkarniert.
Ich weiß nicht, ob man hier als normal denkender Mensch überhaupt noch folgen kann, und ich würde die Leute
verstehen, wenn sie ärgerlich oder wütend werden, weil sie z. B. hier nicht mehr
durchblicken. Doch das ist nicht unsere Schuld, sondern es liegt am Chaos der
kirchlichen Bibelausleger, welche die Menschen in die Irre führen. Man kann denn
Leuten nur raten, ihre Energie nicht mit solchem Unsinn zu vergeuden. Die
Wahrheit ist einfach, nur die Lüge ist kompliziert.
Der Journalist:
Ich betrachte die Auseinandersetzung um diese Bibelstelle schon als ein
Ärgernis. Aber es zeigt mir vor allem eines: Was für die Kirche nicht sein soll,
z. B. die Wiederverkörperung, das darf eben nicht sein. Dafür werden dann trickreich Argumente an den Haaren
herbei gezogen.
Der Theologe:
Doch wie immer dem auch sei. Zusammenfassend kann man sagen: Auch dieser in der Kirche
besonders beliebte Bibelvers und sein Zusammenhang sind kein Dokument gegen das
Urwissen um die Reinkarnation.
VOM BLIND GEBORENEN
Der Journalist:
Eine weitere Frage: Wie ist das beim Leiden von Kindern? Die
Kirchenlehre, dies sei eben durch die Erbsünde bedingt und ein Geheimnis Gottes,
halte ich für zynisch. Konsequent zu Ende gedacht würde die urchristliche Lehre
der Reinkarnation auch darauf eine schlüssige Antwort geben. Das Leiden von Kindern
hätte dann auch seine Wurzeln in früheren Leben.
Der Theologe:
Konkret: Wie wäre es zum Beispiel bei einem Kind, das behindert auf die Welt kommt? Nach kirchlicher Lehre
hätte Gott dieses Kind nun "behindert" geschaffen, wobei die behinderte Form seines
Leibes der "Substanz" seiner Seele entspräche, die Gott so
erschaffen hätte. So ja allgemein die Lehre der römisch-katholischen Kirche über
das Verhältnis von Leib und Seele gemäß
Neuner-Roos, Lehrsatz Nr. 329). Ein anderes Kind hingegen hätte Gott
"gesund"
erschaffen. "Was ist das nur für ein Gott?" könnte man auch hier wieder fragen.
Auch Jesus und seine Anhänger sprechen über dieses Thema. Ein Beispiel dafür findet
sich in der Bibel, im Johannesevangelium, Kapitel 9.
Die Stelle beweist, dass auch die Jünger von Jesus die Reinkarnation selbstverständlich
voraussetzen. Es heißt: "Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der
blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat
gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist" (V. 2)?
Wenn ein Blindgeborener möglicherweise deswegen dieses Schicksal trägt, weil er zuvor
gesündigt hat, dann geht man eindeutig von einem Vorleben und einer
Reinkarnation aus. Die Antwort, die Jesus laut Johannes
gibt, richtet die Aufmerksamkeit aber nicht auf das Vorleben, sondern auf etwas anderes.
Demnach sagt Jesus, weder dieser noch seine Eltern hätten gesündigt, "sondern es
sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm" (V. 3).
Wären also noch andere Ursachen möglich? War die Seele dieses Menschen aus anderen
Gründen bereit, dieses Schicksal auf der Erde freiwillig anzunehmen? War ihr bewusst,
dass durch die Heilung die "Werke Gottes" verherrlicht würden?
In der Schrift Das ist Mein Wort ist das Jesuswort etwas anders überliefert
als in der Bibel. Es heißt dort: "Was besagt es, ob dieser gesündigt hat oder
seine Eltern, sofern die Werke Gottes offenbar werden an ihm."
Und Christus erklärt darin wie folgt: "Ihr sollt nicht auf die Sünde blicken und
nicht fragen, wer gesündigt hat. Keiner kann für den anderen abtragen - es sei denn, er
kam als Dulderseele für einen anderen Menschen in diese Welt. Wenn jedoch Menschen durch
Sünde aneinander gebunden sind, dann sind alle an der Sünde beteiligt, zum
Beispiel Eltern und
Kind" (Das ist Mein Wort, a.a.O., S. 612 f.).
Die Reinkarnation wird hier also nicht zum Hauptthema gemacht, während in der biblischen
Version der Stelle dieses Wissen verdunkelt wird. Gegen Reinkarnation wird aber auch in
der Bibelstelle nicht gesprochen.
Gemeinsam haben beide Versionen: Jesus befriedigt nicht die Neugier der Jünger, und er
ermahnt sie, sich nicht über das "Karma" anderer Gedanken zu machen. "Es sollen die
Werke Gottes offenbar werden", darum geht es.
Der Journalist: Was ist mit "Dulderseele" gemeint?
Der Theologe: Hier hilft eine Seele der anderen beim Tragen einer Seelenschuld. Auch dieses Christuswort macht deutlich, dass die Möglichkeiten im "Gesetz von Saat und Ernte" vielfältig sind.
Der Journalist: Jesus heilte den Blindgeborenen. Solche so genannte Wunder erleben aber die meisten Menschen nicht.
Der Theologe: Wenn jemand schon kein so genanntes Wunder erlebt, so kann ihm doch das Wissen um die
geistigen Gesetzmäßigkeiten helfen.
Eine mir bekannte blinde Frau haderte als Jugendliche jahrelang und suchte nach einer
Erklärung, dass ausgerechnet sie blind sei. Mit ihrem geschulten Verstand fragte sie auch
nach der Logik darin. Als sie dann erstmals von Reinkarnation hörte, war es für sie wie
eine Befreiung. Sie lernte ihr Schicksal anzunehmen, zu verstehen und zu
meistern.
Und wer weiß, was morgen sein wird? Der Geheilte in der Geschichte war ja auch zuerst
viele Jahre lang blind.
Der Journalist:
Die Lehre von Saat und Ernte und von den Reinkarnationen erscheint auch logischer als die Lehre von einem unberechenbaren und willkürlichen Schicksal oder von einem angeblich "geheimnisvollen" Gott.
Der Theologe: Wichtig sind die Konsequenzen, die jemand aus einem bestimmten Glauben zieht.
Deshalb noch einmal zur Klarstellung:
Es entspricht nicht dem christlichen Glauben, wenn ein Außenstehender aus persönlichem
Interesse über Vorleben seiner Mitmenschen spekuliert. Als Christ ist
ihm die Aufgabe gegeben, sich in seinen Nächsten und seine Not einzufühlen, ihm
in seiner Situation beizustehen und zu helfen.
Dies gilt natürlich erst recht Kindern gegenüber, die sich noch nicht selbst
helfen können. Oder denken Sie an Kinder, die ihre Eltern verloren haben, z. B.
in einem Katastrophengebiet der Dritten Welt. Ein Christ entwickelt zuallererst
das Mitgefühl und er weiß um die unendliche Liebe Gottes, die allen Menschen
ohne Unterschiede gleich gilt.
Und dazu habe ich auch noch eine Frage: Könnte es nicht sein, dass eine Seele,
die vielleicht schon sehr reif und nahe bei Gott ist, sich entscheidet, noch einmal in ein
Kind zu inkarnieren, dessen Körper schon bald nach seiner Geburt hinscheidet? In
der Kürze der Zeit kann die Seele womöglich ihre restliche Belastung tilgen und
die Seele des Kindes kann frei in die himmlischen Welten zurück kehren.
Welch ein Trost könnte das für verzweifelte und trauernde Eltern sein, wenn das
Kind gestorben ist!
Stattdessen macht ihnen der Pfarrer weis, es sei ein "Geheimnis Gottes".
HIOB
Der Journalist:
Wie ist es in der biblischen Erzählung von Hiob?
Dort ist weder von Reinkarnation die Rede noch von "Saat und Ernte" noch von
einer "Dulderseele". Hiob leidet gemäß der Bibel unschuldig und er ringt mit
seinem Schicksal.
Der Theologe: Die Bibel gibt selbst eine Antwort darauf, warum er leidet. Er darf von der Finsternis angegriffen und geprüft werden (Kapitel 1 und 2). Es ist ähnlich wie bei Jesus. Und um Reinkarnation geht es in diesem Buch nicht.
Der Journalist: Leidet er dann aufgrund eines göttlichen Auftrags, wie wir das schon bei Jesus von Nazareth besprochen haben?
Der Theologe: Das ist möglich. Er wird auf jeden Fall als "Knecht" Gottes bezeichnet (z. B. Hiob 42, 7), was auf einen Auftrag hinweist. Und gleich im ersten Vers des Buches heißt es: Er "war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse" (1, 1). In den Kirchenlehren wird er deshalb als eine Art "Kronzeuge" gegen das "Gesetz von Ursache und Wirkung" missbraucht.
Der Journalist: Können Sie das näher erläutern?
Der Theologe: Im gesamten so genannten "Alten Testament" gilt das "Gesetz von Saat und Ernte", im wissenschaftlichen Sprachgebrauch sagt man dazu auch "Tun-Ergehens-Zusammenhang". Nur bei Hiob gelte das Gesetz scheinbar nicht. Daraus haben viele Theologen sinngemäß abgeleitet, das Bewusstsein der Menschen in den übrigen Schriften wäre eben noch nicht so weit entwickelt gewesen. Wo die Menschen an "Saat und Ernte" glaubten, hätten sie noch in überschaubaren einfacheren Zusammenhängen gelebt und auch einfache Antworten auf ihre Fragen bekommen. Hiob sei dann so etwas wie ein Vorbote der Moderne, wo das Gesetz von Saat und Ernte angeblich nicht mehr greife, und das Buch Hiob sei damit eine Art Weiterentwicklung des "alttestamentlichen Glaubens". Doch kann das stimmen? "99-mal" ist das Gesetz von Saat und Ernte im "Alten Testament" eindeutig, nur einmal nicht. Und so kommt es auch der Wirklichkeit nahe: "99-mal" sind die Zusammenhänge klar, einmal scheinbar nicht. Hiob leidet offenbar nicht - wie andere - wegen eines Fehlverhaltens. Er leidet aufgrund von Angriffen, die das Ziel verfolgen, ihn zu Fall zu bringen, indem er sich gegen Gott wendet. Der Hintergrund: Wer auf der Seite Gottes steht, darf von der "Finsternis" geprüft werden. Solche Situationen sind bei echten Gottesboten vorgekommen und deshalb hat auch die eine Hioberzählung Platz neben den "99" anderen. Sie ist keine Kronzeugin gegen die anderen "99" Beispiele.
Der Journalist: Viele Theologen sagen, manches in der Bibel sei märchenhaft oder nur symbolisch verstehbar, zum Beispiel, wie der "Satan" über diese Prüfung Hiobs mit Gott verhandelt.
Der Theologe:
Auch ich habe im Studium gelernt, dass um die "eigentliche" Hiobgeschichte
nachträglich ein "erzählerischer Rahmen" gelegt worden sei.
Der "Rahmen" beinhaltet allerdings die schlüssige Erklärung, dass es sich um eine Prüfung Hiobs
handelt. Sagt man, der Rahmen sei nicht ursprünglich, sondern märchenhaft und
nachträglich hinzugefügt, öffnet man wieder die Türe für neue theologische Spekulationen um ein
angebliches "Geheimnis Gottes" in der angeblich "eigentlichen" Hioberzählung.
Andere Theologen versuchen auch, das Leiden Hiobs auf soziale
oder politische Gründe zurückzuführen, was man natürlich mit erwägen kann..
Der biblische "Rahmen" erklärt jedenfalls: Wer sich für ein Leben nach den
Geboten Gottes entscheidet, darf von den Mächten der "Finsternis" geprüft werden.
WIE DIE BIBEL ANGEPASST WURDE
Der Theologe:
Manche lesen aus einer bestimmten Bibelstelle das Gegenteil von dem heraus, was ein
anderer darin findet. Oft genügt aber genaues Lesen, um zu verstehen, wie es gemeint ist.
Dazu möchte ich einmal einen Satz von Jesus von Nazareth zitieren. Als Petrus bei der Gefangennahme von Jesus
mit dem Schwert einen Mann aus der Anhängerschaft der Hohenpriester schwer verletzt hat,
heilt Jesus die Verletzung und ermahnt Petrus: "Steck Dein Schwert in die Scheide;
denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen" (Matthäus
26, 52). So ist die Stelle in der evangelisch-katholischen Einheitsübersetzung richtig
wiedergegeben.
Damit erinnert Jesus den Petrus an das Gesetz von Saat und Ernte:
Wer einen anderen tötet, der wird einst nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung - in
diesem oder einem weiteren Leben - mit dem Schwert getötet werden. Es sei denn, die Tat
würde zuvor bereinigt.
Der Theologe Martin Luther dreht den Sinn jedoch ins Gegenteil und macht daraus ein "Gesetz
des Schwertes", eine Aufforderung von Jesus an den Staat zur Todesstrafe.
Das Wort von Jesus sei nach Luther "zu verstehen wie 1. Mose 9, 6: ´Wer Menschenblut
vergießt` usw. [dessen Blut soll wieder durch Menschen vergossen werden] Ohne
Zweifel verweist Christus mit diesem Wort auf jene Stelle und will damit jenen Spruch
[neu] einführen und bestätigen", so Martin Luther (Die weltliche Obrigkeit und die Grenzen des
Gehorsams, in: Luther Taschenausgabe, Band 5, Berlin 1982, S. 112).
Zur Begründung seiner Lehre gibt Martin Luther die Stelle im Matthäusevangelium in anderer
Übersetzung wieder.
Bei ihm heißt es nämlich: "Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs
Schwert umkommen." Doch was ist nun richtig? Im griechischen Urtext steht Futur, was man in der Regel mit
"wird
umkommen" bzw. "werden umkommen" übersetzt, wie im Deutschen
auch. Wäre "soll" das richtige Wort, könnte man dies durch einen
griechischen Imperativ besser und unmissverständlich ausdrücken. Doch der
steht nun mal nicht da.
Der Journalist:
Martin Luther sagt sogar, "ohne Zweifel" sei das so zu verstehen, wie er es deutet, und er fühlt seine Deutung auch durch das Alte Testament bestätigt.
Der Theologe:
Hier hat er den Sinn genauso uminterpretiert. Auch bei der hebräischen Zeitform in
1. Mose 9, 6 gäbe es grundsätzlich zwei Übersetzungsmöglichkeiten.
Die seltenere Möglichkeit lautet: Das Blut "möge ... vergossen werden" (Hebräisches
"Jussiv" als Ausdruck eines Wunsches). Die nahe liegende Möglichkeit
heißt jedoch: Das Blut "wird vergossen" (Hebräisches "Imperfekt"),
also auch hier Saat und Ernte.
Für diese Übersetzung wird sich auch im wissenschaftlichen Standardwerk für Übersetzungen, dem
hebräischen und aramäischen Handwörterbuch von Wilhelm Gesenius (Berlin/Göttingen/Heidelberg 1962) entschieden.
Das hebräische "Imperfekt" bringt den Aspekt des Unvollendeten, Dauernden,
Werdenden zum Ausdruck. Und das passt hier genau: Im Augenblick des Mordes beginnt für den Mörder
die Zeit nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung zu laufen. Noch ist die Wirkung
"nicht vollendet", doch die Ursache wirkt, wenn sie nicht bereinigt ist,
"dauernd" und "wird" früher oder später die Wirkung bringen.
In dem noch Unvollendeten liegt die Chance der Reue, der Bitte um Vergebung und der
Wiedergutmachung. Wichtig ist hierbei, dass die Seele des Ermordeten, die im Jenseits
weiterlebt, ihrem Mörder verzeiht.
Während die Wirkungsweise des Gesetzes von Saat und Ernte bis in solche
Feinheiten hinein im hebräischen Text angelegt ist, entscheidet
sich Martin Luther für die andere Möglichkeit und damit für einen ganz anderen Sinn und
er schießt bei seiner Übersetzung auch noch über das Ziel hinaus. Aus dem
abwägenden "möge vergossen
werden" wird bei ihm ein forderndes "soll vergossen werden".
Das ist nicht mehr der biblische Text. Das ist Martin Luther, der seine maßlosen Forderungen
nach Todesstrafen (siehe dazu Der Theologe Nr. 3)
in die Bibel hinein deutet. So wie es auch die alttestamentlichen Priester vor
ihm gemacht haben, die ihre Todesurteile gegen unzählige Menschen aus diesen
Wehe-Worten abgeleitet haben.
Der Journalist: Es ist also nicht unbedeutend, in welcher Bibel man liest. Kann man sagen: Bibel ist nicht gleich Bibel?
Der Theologe:
Das stimmt. Doch die evangelisch-katholische Einheitsübersetzung verdreht dafür eine
andere Stelle entscheidend, die bei Luther zutreffend wiedergegeben ist. Ich
denke an das 5.
Gebot.
Das 5. Gebot heißt "Du sollst nicht töten" (2. Mose 20, 13).
In der Einheitsübersetzung wurde es jedoch verändert in "Du sollst nicht morden" -
offenbar, um doch ein Schlupfloch zu lassen für eine kirchliche Tötungserlaubnis, zum
Beispiel im Krieg.
Das stärkere Wort "morden" für "töten" könnte nun in der hebräischen Sprache
ebenfalls zum Ausdruck gebracht werden. Von dieser Möglichkeit, nämlich der Verdopplung
des mittleren von drei Buchstaben (hebräische "Piel"-Form), macht aber der in
dem wissenschaftlichen Standardwerk Biblia Hebraica Stuttgartensia
wiedergegebene Urtext gerade keinen Gebrauch, so dass dessen Übersetzung mit "Du
sollst nicht töten" auch von daher zutreffend ist.
Das bedeutet: Nicht töten, ohne Ausnahme.
AUGE UM AUGE, ZAHN UM ZAHN ?
Der Journalist:
Übersetzungen der Bibel sind also manchmal
Fälschungen.
Der Theologe:
Schon
Luther klagte, es sei ein "beschwerliches Werk, die hebräischen Erzähler zu
zwingen, Deutsch zu reden. Wie sträuben sie sich, ... gleich als ob man eine Nachtigall
zwänge, ihren melodischen Gesang aufzugeben und den Kuckuck nachzuahmen, dessen
eintönige Stimme sie verabscheut" (zitiert nach Pinchas Lapide, Ist die Bibel
richtig übersetzt?, Gütersloh 1986, S. 19).
Doch es geht eben nicht nur um veränderte Melodien. Hinzu kommen
Bedeutungsverschiebungen durch Überlieferungen und Übersetzungen, je nach
Bewusstsein zum Beispiel des Übersetzers. Außerdem wurden verschiedene Schriften durch
Priester und Theologen plump gefälscht, die zum Beispiel ihre Opfervorschriften Gott in den
Mund schoben
(vgl.
dazu auch "Der Theologe Nr. 8" - Wie der Teufel in
der Bibel hauste).
Der Journalist: Wie ist es mit der Stelle "Auge um Auge, Zahn um Zahn"?
Der Theologe:
Auch diese Stelle (2. Mose 21, 24) ist ein Beleg für das Gesetz von Ursache und Wirkung.
Das heißt, dieses Gesetz rechnet früher oder später exakt ab. Doch die
Bibelstelle wurde in eine Erlaubnis zur Vergeltung uminterpretiert und der Inhalt damit
ebenfalls verfälscht.
Diese Vergeltungstheorie weisen übrigens auch jüdische Wissenschaftler zurück und deuten die
Stelle im Sinne von Entschädigung und Wiedergutmachung bei Körperverletzung.
Der bekannte jüdische Philosoph Martin Buber übersetzt in diesem Sinne "Augersatz
für Auge; Zahnersatz für Zahn" (zitiert nach Lapide, a.a.O., S. 68).
Martin
Luther verwendet auch hier "soll" statt "wird": "Schaden
um Schaden, Auge um Auge, Zahn um Zahn; wie er einem Menschen verletzt hat, so soll man
ihm auch tun ... wer aber einen Menschen erschlägt, der soll sterben"
(3. Mose 24, 19.20, Lutherübersetzung; vgl. auch 2. Mose 21, 12 ff.).
Der Journalist:
Martin Luther fordert ja Todesurteile und Tötungen gegenüber zahlreichen Bevölkerungsgruppen, darunter Andersgläubige, auch wenn diese friedfertig sind.
Der Theologe:
Und er beruft sich dabei auf seine eigenen
Bibelübersetzungen
bzw. Bibeldeutungen
(vgl. zu diesem Thema:
"Der Theologe Nr. 1" - Wer folgt Luther nach, und wer folgt Christus nach?
und "Der Theologe Nr. 3" - So spricht Martin Luther - so
spricht Jesus von Nazareth).
Luther fordert, vereinfacht gesagt, einen "totalitären" Staat, das
so genannte "Reich zur Linken Gottes". Daneben soll es ein "Reich zur
Rechten Gottes" geben, das von der Kirche repräsentiert wird. Dort gibt man
dem "Reich zur Linken" die Ethik vor, sagt also, was die Politiker zu tun haben.
Nach dieser Lehre kann also die Kirche den Staat "lenken", obwohl Staat und
Kirche äußerlich getrennt sind. Diese Staatslehre hat Luther auch in die Bibel
hineininterpretiert. Das wäre ein Thema für eine eigene Ausgabe dieser
Zeitschrift (vgl. dazu den Aufsatz in
"Der Theologe Nr. 4").
Entscheidet man sich für die nahe liegendste und korrekte Übersetzung der Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Stelle, erkennt man die Bedeutung:
Es ist hier Aufforderung an einen Staat zum Töten ausgesprochen, sondern auch hier
wird auf das Gesetz von Saat und
Ernte hingewiesen: "Wie er einen Schaden zugefügt hat, so wird ihm zugefügt werden ... wer
einen Menschen erschlägt, der wird getötet werden."
Ohne rechtzeitige Bereinigung durch Bitte um Vergebung und Vergebung "wird" er
einst getötet werden - und zwar durch das
Gesetz von Saat und Ernte.
JESUS LEHRTE DAS GESETZ VON SAAT UND ERNTE
Der Journalist:
Wie hat es Jesus mit der Lehre von Saat und Ernte gehalten?
Wenn es so klar ist, dann müsste man das doch auch in der Lehre von Jesus so
wiederfinden.
Der Theologe:
Ja. So ist es auch. Auch Jesus lehrt das Gesetz von Saat und Ernte bzw.
er setzt
es bei allen seinen Lehren selbstverständlich voraus. Nur einige wenige Beispiele dafür:
In der Bergpredigt, so wie sie im Matthäusevangelium überliefert ist, sagt er unter
anderem: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn nach welchem Recht
ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch
zugemessen werden" (Matthäus 7, 1-2).
Bei Krankenheilungen weist Jesus auf den Zusammenhang zum Glauben des Betroffenen hin und
sagt: "Dein Glaube hat dich gesund gemacht" (Markus 5, 34). Offensichtlich ist
bei Jesus der Zusammenhang zwischen Heilung und Sündenvergebung.
Einem Gelähmten vergibt er zuerst die Sünde. Und danach ist auch der Weg für eine
körperliche Heilung frei (z. B. Markus 2, 1-12).
Und einem anderen Geheilten sagt er: "Siehe du bist gesund geworden; sündige
hinfort nicht mehr, dass dir nicht Schlimmeres widerfahre" (Johannes 5, 19).
Oder es heißt in einem Gleichnis: "Vertrage dich mit deinem Gegner
sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist, damit dich der Gegner nicht
dem Richter überantworte und der Richter dem Gerichtsdiener und du ins Gefängnis
geworfen werdest. Wahrlich, ich sage dir: Du wirst nicht von dort
herauskommen, bis du auch den letzten Pfennig bezahlt hast" (Matthäus 5,
25-26). Hier geht es darum, sich mit dem "Gläubiger" bzw. "Gegner" zu versöhnen bzw.
zu einigen, bevor die Schuld exakt abgegolten werden muss.
Es ließen sich Dutzende von weiteren Beispielen aufzählen, wo Jesus das Gesetz von Saat
und Ernte in immer neuen Varianten erklärt. Nach einem Unglücksfall mit 18 Toten - ein Turm war eingestürzt - sagt Jesus
zum Beispiel, die
Opfer seien nicht etwa schuldiger als die übrigen Einwohner der Stadt. Dann fügt er aber
hinzu: "Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen" (Lukas 13, 4-5).
Mit anderen Worten: Bei den 18 Opfern trat zu diesem Zeitpunkt eine Wirkung bereits als Schicksal
ein, bei den anderen bahnt sich ein ähnliches Schicksal an, wenn sie nicht bereinigen.
Und so
erfüllte es sich leider auch: Einige Jahre später, im Jahr 70, wird Jerusalem von den Römern
erobert. Tausende Menschen kommen dabei ums Leben.
"AN IHREN FRÜCHTEN SOLLT IHR SIE ERKENNEN"
Der Journalist:
Kann man also sagen, das Unglück von Siloah war für viele Überlebende ein
Fingerzeig, eine Warnung? Und Jesus hatte die Deutung gleich mitgegeben?
Der Theologe:
Wer nicht vom Unglück betroffen war, konnte sich wieder die "Gnadenzeit"
bewusst machen, die ihm geschenkt war, um sein Leben erneut nach dem Geboten Gottes
auszurichten und eine gute Saat in den "Acker des Lebens" zu säen.
In einem der Gleichnisse vergleicht Jesus sein Wort auch mit einer Saat, die auf
unterschiedlichen Boden fällt. Je nach Bodenqualität, sei es ein Weg, ein felsiger
Boden, seien es Dornen oder ein guter Boden, wird die Ernte sein (z. B. Markus 4, 1-20).
Die Ausgangsbedingungen bei der Saat bestimmen also die Ernte. Oder in einem anderen Bild gesprochen: Die
Früchte eines Baumes entsprechen der Qualität des Baumes bzw. seines Standorts. Jesus weist auch in der
Bergpredigt darauf hin: "So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler
Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, und
ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen" (Matthäus 7, 17-18).
Die Schlussfolgerung daraus im Hinblick auf die Menschen ist: "An ihren
Früchten sollt ihr sie erkennen" (V. 20).
Gute Früchte, also gute Ernten, weisen auf einen entsprechenden Baum bzw. eine
entsprechende Saat hin, schlechte Früchte ebenfalls.
Der Journalist:
Spricht Jesus nicht von den "Früchten", um echte von falschen Propheten zu entscheiden?Der Theologe: Es gilt für Propheten. Es gilt aber auch für jeden, der sich ehrlich bemüht, als Christ zu leben. Entscheidend ist nicht das Wissen, sondern die Antwort auf die Frage: Was hat mein Nächster davon?
|
Anhang:
Wir leben in einer mächtigen Umbruchszeit. In dieser Zeit berührt
auch das geistige Wissen immer mehr Menschen, und diese können sich in ihrem
Leben auf eine gute Art und Weise neu orientieren. Doch die Kirche, die
weiterhin ihr abstruses Dogmengebäude als
"heilsnotwendig"
betrachtet, stemmt sich dagegen - wie in allen früheren Zeiten auch, wenn
eine positive Entwicklung einsetzte (z. B. Aufklärung, Menschenrechte,
Gleichberechtigung der Frau, Abschaffung der Sklaverei, Religionsfreiheit
und Toleranz, Pazifismus und in neuerer Zeit: Tierrechte, Einheit der
Schöpfung usw.). Und so stellt sie sich auch bis heute gegen das Urwissen um die
Reinkarnation. Die
Lehrsätze der Kirche
Lehrsatz Nr. 891 - "Wer sagt oder
glaubt: die Strafe der bösen Geister und gottlosen Menschen sei nur zeitlich
und werde nach bestimmter Zeit ein Ende nehmen, und dann komme eine völlig
Wiederherstellung (Apokatastasis) der
bösen Geister und gottlosen Menschen, der sei ausgeschlossen." In der Zeitschrift für Religion und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen in Berlin, Nr. 6/2009, ist dazu ein Grundsatzartikel von Dr. phil. Christian Ruch veröffentlicht. Der in der Schweiz lebende deutsche Intellektuelle ist Mitglied der römisch-katholischen Arbeitsgruppe "Neue religiöse Bewegungen" der Schweizer katholischen Bischofskonferenz. In dieser Funktion arbeitet er praktisch als offizieller römisch-katholischer Sektenbeauftragter, und er reist mit Vorträgen durch Deutschland und die Schweiz. Kirchliche Dogmatik: Das "unsägliche Leiden" theologisch "aushalten"
In seinem Beitrag Reinkarnationsglaube als Alternative?
versucht er eine kirchliche Antwort auf die Reinkarnation zu formulieren. Er
zitiert in seinem Artikel das offizielle römisch-katholische Handbuch der Dogmatik von
Theodor Schneider, Band 1, Düsseldorf 2002, Seite 219. Darin ist von
einer Tendenz in der Kirche die Rede, "das zu allen Zeiten bestehende,
unsägliche Leiden der Kreatur nicht theologisch rechtfertigen zu wollen,
sondern statt dessen die dunkle Ratlosigkeit dieser Frage auszuhalten
und in die Klage und Trauer der Betroffenen einzustimmen".
Die heuchlerischen Fremdwörter der
Theologen
"Kontingenz"! Das soll also in diesem
Zusammenhang die Botschaft der Kirche sein. Es ist nun nicht unsere Aufgabe, die
Fremdworte, die der Mann der Kirche hier benutzt, um die kirchliche Sicht
der Dinge darzulegen, dem Leser zu erklären.
Doch Gottes Handeln ist ausschließlich
selbstlose Liebe und nicht "Kontingenz" oder irgendein anderes Fremdwort,
das der kirchliche Theologe auf der Universität gelernt hat, wo man Gott
niemals studieren kann. Der kirchliche Glaube, dass menschliches Leben nicht "perpetuierbar" sei
Und was die Reinkarnation betrifft, kommt der Schweizerische
katholische Sektenbeauftragte in der evangelischen Fachzeitschrift
schließlich noch zu folgender zusammenfassender Beurteilung: "Die christliche Seelsorge sollte sich
dennoch oder vielleicht gerade deshalb damit auseinandersetzen, dass es
Menschen gibt, die mit dem Hier und Jetzt so unzufrieden sind und mit der
quantitativen und qualitativen Einmaligkeit ihrer Biografie offenbar nur
noch wenig anfangen können, dass sie sich nach weiteren Leben durch
Wiedergeburt sehnen bzw. dass sie das vermeintliche Wissen um frühere
Existenzen brauchen, um ihrem Leben Halt und Sinn zu geben. Die
Verbissenheit, mit der viele Anhänger der Reinkarnation ihren Glauben
verteidigen, gibt oft einen Hinweis darauf, dass es psychosoziale
Defizite sind, die ein solches Glaubensgut fördern. Natürlich werden die
Defizite durch das Postulat der Wiedergeburt nicht wirklich beseitigt ...
Was eine christliche Seelsorge dagegenzusetzen hat, ist nicht nur die Freude
an der Einmaligkeit, sondern auch der Mut zur Endgültigkeit, der Mut zur
Einsicht, dass menschliches Leben begrenzt und gerade nicht durch
Wiedergeburten perpetuierbar ist"
(S. 225-228). |
|
Nachwort: |
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Der Text kann wie folgt zitiert werden: |
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