DER THEOLOGE
Nr. 2



Das Rad der Wiedergeburt



Das Rad der Wiedergeburt - Viele Spuren des Wissens um Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung finden sich auch in der Bibel. Der Jakobusbrief z.B. warnt davor, dass unsere Zunge einen "Brand" verursachen kann, der das "Rad der Geburt" erneut in Bewegung setzt (3, 6).
 


Reinkarnation

Urwissen der Menschheit und urchristlicher Glaube


"Was der Mensch sät, das wird er ernten". Ist dies wirklich so? Die Anwendung dieses Satzes auf das eigene Leben ist jedenfalls ein passender Schlüssel, um es besser zu verstehen und um vieles zum Guten ändern zu können.

Auch Jesus von Nazareth und die Urchristen lehrten dieses "Gesetz von Saat und Ernte", wie in dieser Ausgabe des Theologen nachgewiesen wird.

Alles ist dabei von Bedeutung: Jede Tat, jedes Wort, jeder Gedanke, jede Empfindung. Was wir tun, reden, denken und empfinden, ist die Saat in den Acker unseres Lebens. Und keine Energie geht dabei verloren. Demnach geht eine "Saat" entweder noch in diesem Leben auf oder im Jenseits oder in einem weiteren irdischen Leben. Haben wir Positives "gesät", wird dementsprechend wieder Positives auf uns zukommen. Haben wir Negatives "gesät", bekommen wir immer wieder Hilfen, umzukehren und dies zu "bereinigen" und wieder gut zu machen bzw. zu ändern, damit wir die negative Saat nicht ernten müssen. Dazu gehören Fingerzeige und Warnungen, deren Botschaften uns z. B. helfen, einen drohenden Schicksalsschlag rechtzeitig zu verhindern. Das ist die Barmherzigkeit Gottes. Schlagen wir diese aus, wird das von uns ausgegangene Negative uns gleich einem Bumerang wieder treffen.

Jesus über vergangene Inkarnationen: "Heute, wenn ihr euer Ebenbild seht, freut ihr euch. Wenn ihr aber eure Bilder seht, die vor euch geworden sind, wie viel werdet ihr ertragen?" (Thomasevangelium, Vers 84)

Das Ziel des christlichen Weges ist das Ende der Inkarnationen in menschliche Körper und die Rückkehr aller Seelen und Menschen in ihre geistige Heimat, die sie einst verlassen hatten.
 

Inhaltsverzeichnis:

1.Teil:
Saat und Ernte, Reinkarnation

                Es gibt kein "Geheimnis Gottes"

                Eine Grundregel der Physik

                Selbstachtung

                Die Hilfe Gottes

                Über den Zeitpunkt und die Art des Todes

                Das Prophetische Wort

                Spuren der Vergangenheit

                An welchen Gott glaube ich?

                Vom gekreuzigten Christus

                Ursachen erkennen

                Vergangenes Leben, heutiges Leben, zukünftiges Leben

                Wovon Pfarrer sprechen

                Warnungen

                Wenn sich jemand in Gedanken verstrickt

                Nach innen hören

                Vom Leiden der Tiere

                Es gibt keinen strafenden Gott

                Vom so genannten "Sündenfall"

                Kein Pfarrer kann von Sünden lossprechen

                Vom Papst

                Bitte um Vergebung für kirchliches Handeln

                Versöhnung

                Das Karma der Pfarrer und Priester

                Lebensbuch, Lebensfilm

2. Teil:
Saat und Ernte, Reinkarnation bei Jesus von Nazareth, in der Bibel und im Urchristentum

                Das Ringen um die Wahrheit

                Reinkarnation bei Origenes und Augustinus

                Reinkarnation im Urchristentum

                Der Becher mit dem "Trunk des Vergessens"

                Reinkarnation in der Bibel

                Jesus über die "Auswechslungen des Körpers"

                Frühere Lebensläufe oder Erbsünde?

                Gibt es eine Bibelstelle gegen Reinkarnation?

                Vom blind Geborenen

                Hiob

                Wie die Bibel angepasst wurde

                Auge um Auge, Zahn um Zahn?

                Jesus lehrte das Gesetz von Saat und Ernte

                "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen"             

                Anhang: Die Antwort der Kirche

                Nachwort

   


1.TEIL:
SAAT UND ERNTE, REINKARNATION


 

Der Journalist: Der katholische und der evangelische Glaube kennen keine Wiederverkörperung bzw. Reinkarnation. Sie waren evangelischer Pfarrer und glauben heute an Reinkarnation. Wie ist das gekommen?

Der Theologe: Ich wollte als Christ leben und Jesus von Nazareth nachfolgen, und ich glaubte zunächst, die Lehre von der möglichen Reinkarnation sei nicht christlich. Als Theologiestudent und später als Pfarrer wurde mir aber auch immer mehr bewusst, wie groß die Spannungen und Widersprüche zwischen der evangelischen Lehre und Jesus von Nazareth sind, wie ich ihn aus der Bibel her kannte (siehe dazu Der Theologe Nr. 1). Eine Zeitlang habe ich versucht, beides miteinander zu vereinbaren, doch eines Tages sah ich mich vor die Entscheidung gestellt: entweder lutherisch oder christlich. Ich entschied mich dafür, den Pfarrerberuf niederzulegen und bin kurze Zeit später aus der Kirche ausgetreten. Heute arbeite ich als Freier Theologe bei Bestattungen und Hochzeiten, und ich lebe in einer urchristlichen Gemeinschaft, deren Anliegen das Leben nach den Zehn Geboten und der Bergpredigt des Jesus von Nazareth ist.
Und im Laufe der Zeit hatte ich nun auch Schriften über Jesus und das Urchristentum außerhalb der Bibel kennen gelernt (mehr dazu unten im 2. Teil). Demnach war Jesus und den ersten Christen auch die Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung bekannt. Das Ziel des Weges, den Jesus von Nazareth lehrte, ist aber nicht, dass die Seelen der Menschen immer wieder neu in menschliche Körper inkarnieren, sondern dass sie wieder "nach Hause" zurückkehren - in ihre ewige Heimat in der geistigen Welt, die sie einst verlassen hatten. Dies steht im Gegensatz zu manchen östlichen Religionen und Weltanschauungen, bei denen als Ziel die Auflösung aller Formen angestrebt bzw. gelehrt wird. Dort wird auch geglaubt, dass eine menschliche Seele zum Beispiel in ein Tier oder in eine Pflanze inkarnieren kann. Gemäß der urchristlichen Lehre ist die Inkarnation einer menschlichen Seele aber nur in einen neuen menschlichen Körper möglich; auch wenn die menschliche Seele sich in einem oder mehreren Erdenleben zuvor erheblich belastet hatte und ihr geistiges Potenzial bis heute nicht annähernd ausschöpft (weitere geistige Hintergründe, warum sich die Seele nicht mehr auflösen kann, sehe hier).

Der Journalist: Die Möglichkeit der Reinkarnation gilt als eine logische Folge eines Glaubenssatzes, der lautet: "Was der Mensch sät, das wird er ernten." Demnach kann eine "Ernte" dieses Lebens die Folge einer "Saat" eines vorherigen Lebens sein. Und was in diesem Leben gesät wird, kann unter Umständen erst im nächsten oder in einem der nächsten Leben aufgehen. Ist dieser Glaube so richtig wiedergegeben?

Der Theologe: Ja. Doch Säen und Ernten geschieht auch innerhalb nur eines irdischen Lebens. Grundsätzlich glaube ich, dass es keine Zufälle gibt. Ich glaube, dass alles, was auf uns zukommt, eine Ursache hat.

Der Journalist: Hat dieser Glaube praktische Folgen?

Der Theologe: Ja. Es gibt zum Beispiel Lebenssituationen, die schmerzen. Ich frage mich dann: Warum hat mich das getroffen? Und: Was kann ich ändern, damit es sich nicht wiederholt? Wenn ich Ereignisse in meinem Leben als Wirkungen auf bestimmte von mir selbst gesetzte Ursachen verstehe, lerne ich mich besser kennen und übernehme die Verantwortung für alle Situationen meines Lebens. Darauf kommt es zunächst an. Und die nächsten Schritte sind: Das Beste daraus machen und Veränderungen einleiten. Das klingt in dieser allgemeinen Form natürlich sehr einfach. Wer damit Erfahrungen hat, weiß jedoch, dass er sich eine solche positive Lebenseinstellung manchmal auch erst sehr mühsam errungen hat.

Der Journalist: Nun gibt es völlig unterschiedliche Lebenssituationen und Schicksale. Die einen leben im materiellen Wohlstand, andere müssen täglich ums Überleben kämpfen. Einer fühlt sich glücklich, ein anderer elend. Gilt diese Art zu leben, von der Sie eben gesprochen haben, für alle Situationen?

Der Theologe: Wenn es nicht so wäre, müsste man fragen: Bin ich für mein Schicksal nicht selbst verantwortlich, wer dann? Kann ich meinem Nächsten die Schuld geben? Oder Gott? Oder einer dunklen Schicksalsmacht?

 

ES GIBT KEIN GEHEIMNIS GOTTES



Der Journalist:
Viele Menschen denken so. Andere sprechen von einem "Geheimnis Gottes". Auf die Frage nach dem Warum gebe es oft keine letzte Antwort.

Der Theologe: So habe ich es sinngemäß in den Kirchen immer wieder gehört. Dort wird vieles einem "Geheimnis Gottes" zugeschrieben. Demnach lassen sich für bestimmte Situationen zwar schon menschliche Ursachen finden; manchmal handle es sich aber angeblich um ein so genanntes "unergründliches Geheimnis". Zur Bewältigung einer Not oder eines Schicksals werden dann vielfach äußere Handlungen angeboten, zum Beispiel so genannte "Sakramente" oder Zeremonien, was überhaupt nichts bringt. Nur selten wird auf den mystischen Weg zu Gott im eigenen Inneren hingewiesen. Dieser Gott ist die Quelle der Kraft in jedem Menschen, und Er ist in allen Lebensformen gegenwärtig und Er hat keine Geheimnisse. Er hilft uns auch in jeder Situation, und man kann Ihm im innigen Gebet jedes Problem anvertrauen, weil Er dafür die Lösung kennt. Mystiker sprechen manchmal davon, dass Er uns näher ist als unsere Arme und Beine.

Der Journalist: Es gibt also für alles eine Erklärung oder einen Sinn?

Der Theologe: Ja. Doch die Kirche hat die Menschheit seit ca. 1.700 Jahren in Unwissenheit und Verzweiflung geführt. Und anstatt demütig einzugestehen, dass ihre Priester und Pfarrer den Zugang zu Gott und zu dem Urwissen der Menschheit über das Schicksal der Welt und der einzelnen Menschen verloren haben, wird heute einfach hochmütig behauptet, niemand könne mehr wissen als die Kirche. Und man bezeichnet die eigene Ignoranz dann dreist als "Geheimnis Gottes". Und immer wenn Propheten oder weise Menschen in den letzten 1.700 Jahren das "Geheimnis Gottes" lüften wollten, ging man aggressiv dagegen vor, um dies zu verhindern. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Doch es gibt kein "Geheimnis Gottes", nur ein dunkles Geheimnis der Kirche. Wer auf die Nähe Gottes in seinem Herzen vertraut, der kann Ihn ganz zwanglos erfahren. Wer Ihn jedoch in Kirchen aus Stein oder in einer Hostie sucht, wird Ihn niemals finden. Gott ist vor allem im Leid die innere Hilfe, und Er zeigt auch im äußeren Leben immer einen nächsten Schritt auf.

Der Journalist: Haben Sie das so erlebt?

Der Theologe: Ich weiß es teilweise von eigenen Erlebnissen und ich habe es auch von anderen gehört, die Schlimmeres erlebten als ich. Vereinfacht gesagt machte ich mir immer bewusst: In jedem Negativen ist auch das Positive enthalten, in allem ist die Gegenwart Gottes. So habe ich immer wieder die Schritte heraus aus negativen Situationen gefunden.

 

EINE GRUNDREGEL DER PHYSIK



Der Journalist:
In allen Lebenssituationen das "Gesetz von Saat und Ernte" anwenden, in allem Negativen das Positive finden und mit der Hilfe Gottes das Leben immer neu meistern. Das klingt so einfach, als ginge es dabei um eine einfache Grundregel der Naturwissenschaft. Doch Sie haben ja selbst angedeutet, dass es praktisch nicht immer so einfach ist.

Der Theologe: Dabei wäre es meist gar nicht so schwer. Das Gesetz von Ursache und Wirkung finden wir ja auch als Prinzip von Aktion und Reaktion in der Physik: Jede Aktion bringt eine Reaktion hervor, und jedes Geschehen wurde durch ein voraus gegangenes Geschehen bewirkt. Keine Energie geht dabei verloren. Was bei einfachen physikalischen Versuchen leicht nachweisbar ist, braucht man z. B. nur in den Bereich unserer Gedanken und Gefühle zu übertragen, denn diese sind ebenfalls Energie. Auch Gedanken und Gefühle können so als Wirkungen auf voraus gegangene Ursachen verstanden werden und gleichzeitig als neue Ursachen, die wiederum Wirkungen hervorbringen. Dies ist auch Teil der christlichen Lehre. In der Bibel - bei Paulus - heißt es sogar wörtlich: "Irret Euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten" (Brief an die Galater 6, 7). Mit anderen Worten: Was jemand tut oder unterlässt, aber auch, was er spricht, denkt, fühlt und empfindet, hat Folgen. Und von der anderen Seite her gesehen: Alles, was einem geschieht, ist eine Folge von dem, was er vorher irgendwann verursacht hat, und sei es durch die meist unterschätzte Kraft seiner Gedanken. Deshalb führt die schlichte und einfache Frage "Warum?" immer weiter: Warum ist dies und jenes passiert? Oder warum ist zum Beispiel das eine misslungen, etwas anderes gelungen? Welche Gedanken und Empfindungen hat jemand in eine bestimmtes Tun hinein gelegt?
Was es nicht immer einfach macht, sind oft vielfältige Ursachen, die alle einen bestimmten Anteil an einer Wirkung haben. Hier erfasst man vielleicht anfangs erst eine von mehreren Ursachen. Doch geht man nicht darüber hinweg, was sich Tag für Tag im eigenen Leben ereignet, kann man allmählich den ganzen Komplex aufschlüsseln und aufarbeiten. Denn auch hier gilt: Es gibt keinen Zufall. Warum ist mir also zum Beispiel heute dieser Mensch begegnet oder warum ist dieser Anruf gekommen oder warum denkt jemand heute anders als vor einer Woche oder warum ist die Tasse vom Tisch gefallen usw. usw.?

 


SELBSTACHTUNG


 

Der Journalist: Besteht nicht die Gefahr, dass jemand, der nach diesem Prinzip lebt, an sich selbst verzweifelt oder sich andauernd schlecht macht?

Der Theologe: Dann würde er etwas missverstehen. Wer diesen Weg konsequent geht, lernt sich zuerst besser zu verstehen. Wichtig ist dabei, sich selbst nicht zu verurteilen, wenn man Negatives bei sich entdeckt, das man zuvor nicht wahrgenommen hatte. Denn wir alle haben noch unsere größeren oder kleineren Fehler. Und man könnte sagen: Wir sind hier auf der Erde, um zu lernen. Und das heißt praktisch auch: Ein Mensch wird glücklicher, wenn er die Ursachen, die zu einem "Unglück" führten, findet und aufarbeiten kann und dieses Verhalten dann nicht wiederholt, auch wenn er zwischenzeitlich sprichwörtlich einmal oder öfter "durch die Hölle" muss. Nur wer bereit ist, Verantwortung für seine Fehler zu übernehmen, auch wenn er die Hintergründe oft noch nicht überblickt, kann sie auch Schritt für Schritt abbauen. Und es zählt zu den Erfahrungen auf diesem Weg, dass einem immer der jeweils nächste Schritt gezeigt wird. Denn alles auf einmal könnte meist gar nicht bewältigt werden. Und hier habe ich auch lernen müssen, nicht an sich selbst zu verzweifeln, geduldig auch mit sich selbst zu werden und sich auch selbst zu vergeben, wenn manches sich erst langsam besserte und nicht gleich auf Anhieb anders wurde.

Der Journalist: Könnte man das als "Selbstachtung" bezeichnen?

Der Theologe: Ja. Wenn jemand keine "Selbstachtung" hat, sich minderwertig fühlt oder in seinem Gemütszustand sehr abhängig von anderen, dann kann man auch hier fragen: Wer hat ihm die "Selbstachtung" und das "Wertgefühl" denn genommen? Oder: Wie ist er denn in diese gefühlsmäßige Abhängigkeit geraten? War nicht letztlich auch hier er selbst der Verursacher? Durch sein eigenes Verhalten und durch seine unaufgearbeiteten Schwächen?

Der Journalist: Das würde dann die Erfahrungen der Psychotherapie bestätigen, dass sich Minderwertigkeits- oder Abhängigkeitsgefühle nicht "auf Knopfdruck" abstellen lassen können. Sie müssen aufgearbeitet werden.

Der Theologe: Ja. Und es kommt auch auf die Ursachen an, ob es schneller geht oder eben seine Zeit dauert.
Es hat ja meist mit einem oder mehreren unserer Mitmenschen zu tun, denen gegenüber wir uns z. B. innerlich unfrei fühlen. Diese Unfreiheit wäre dann hier der Schwachpunkt. Dazu ein Beispiel: Wenn ich meinen Nächsten wegen jedes kleinen Fehlers um Vergebung bitte, dann will ich meist unterschwellig Zuspruch und Verständnis von ihm und damit eine Form von Energie. Und das ist dann das größere Problem, nicht so sehr die einzelnen Fehler - was man z. B. daran merken kann, dass der andere einem diese gar nicht übel nahm. Wer ein solches Verhalten bei sich entdeckt und merkt, dass es ihn etwa regelrecht drängt, unterwürfig auf den anderen zuzugehen, der könnte stattdessen z. B. die Seele des Nächsten im stillen Gebet über Christus um Verzeihung bitten, falls es dafür wirklich einen Grund gibt. Denn letztlich kommt es nur auf die Seele an. Und gleichzeitig wird er innerlich stärker, weil er seine Minderwertigkeits- oder Zwangsgedanken zügeln konnte und nicht ausgelebt hat.
Doch die weiterführende Frage wäre ja auch hier: Warum ist das überhaupt so gekommen? Was ist der Grund zum Beispiel einer charakterlichen Schwäche oder eines Minderwertigkeitsgefühls oder von ähnlichem? Und dieser liegt nicht immer, aber oft auch in dem, was wir aus vergangenen Leben mit in dieses Erdenleben gebracht haben. Eine Spur könnte z. B. zu kirchlichen "Beichtspiegeln" führen, mit denen man einst drangsaliert wurde oder andere drangsaliert hat. Und irgendwann werden wir auf jeden Fall wieder mit allem konfrontiert, was wir noch nicht aufgearbeitet haben.

Der Journalist: Sie spielen damit an auf bestimmte Gottesvorstellungen.

Der Theologe: Ja. So hat die Vorstellung von einem "zornigen Gott" in vielen Seelen und Menschen schon unsagbar viel Schaden angerichtet. Wer sich demgegenüber aber immer wieder bewusst macht: "Ich bin von Gott geliebt" oder "Ich bin ein Sohn, eine Tochter des Allerhöchsten", bei dem wächst ganz allmählich auch das Bewusstsein des eigenen Wertes. Je mehr man aus dieser Einstellung heraus eine Selbstachtung und innere Unabhängigkeit entwickelt, je leichter wird es, sich noch bestehende Fehler und Schwächen einzugestehen. Die nächsten Schritte sind dann: Die Wurzel finden und "bereinigen" und sich ein neues positives "Lebensprogramm" vorgeben und nach und nach verwirklichen. Ich tue das z. B. mit so genannten "Bewusstseinsstützen". Etwa: "Christus ist in mir. Christus ist in meinem Nächsten." Oder: "Christus hilft mir in jedem Augenblick." Dies gilt auch für scheinbare Kleinigkeiten. Oder: "Ich möchte alleine Gott gefallen und keinem Menschen." Oder: "Was würdest Du, Christus, jetzt tun, in dieser Situation?"
Wer es so hält, der entwickelt immer mehr die Eigenschaften, die auch seinem unendlich großen inneren Wert entsprechen. Mir macht es große Freude, wenn ich auf diese Weise wieder ein kleines Stück freier geworden bin. Die dauerhaften Schwierigkeiten entstehen dadurch, dass die meisten Menschen manches Negative und letztlich ihr Ego lieber behalten möchten. Dazu gehören z. B. der Hochmut, die Haltung, etwas Besonderes sein zu wollen, die Selbstüberschätzung oder der Wunsch, Macht über andere auszuüben oder eben die eine oder andere problematische Leidenschaft, die jedoch nicht frei macht, sondern im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder "Leiden" "schafft". Es passiert auch sehr oft, dass man schwankt: Einmal möchte man sich selbst auf die Schliche kommen und frei werden, ein andermal aber wieder nicht. Auch diese Schwankungen können ein Leiden verlängern, und sie verhindern oft, dass Gott bzw. Christus einem wirklich helfen kann. Vor allem, wenn man Schwächen und Fehler längere Zeit nicht oder kaum angeht, obwohl man darum weiß, werden diese dann oft zu Einfallspforten für ein kleineres oder größeres Schicksal. Mancher zweifelt dann an der Güte Gottes. Doch von Gott her gesehen sind alle gleich wertvoll, und jeder bekommt rechtzeitig die gleichen Hilfen, um sein Leben zu meistern.




DIE  HILFE  GOTTES


 

Der Journalist: Wenn Sie sagen: "Von Gott her bekommt jeder die gleichen Hilfen", setzen Sie sich dann nicht dem Vorwurf aus, schöne Worte zu machen, die der Wirklichkeit nicht standhalten?

Der Theologe: Für viele ist Gott ein "äußeres Wesen", und sie erwarten Hilfe immer von außen. Oder sie glauben: Wenn sie z. B. beim kirchlichen Abendmahl eine Hostie zerkauen oder im Mund zergehen lassen, würde alles besser. Doch allein dadurch passiert nichts, und der äußere Vorgang nützt auch überhaupt nichts. Denn Gott ist in einem Grashalm genauso wie in einer Backoblate - ob gesegnet, angeblich verwandelt oder was auch immer -, und es würde sich ja auch nichts dadurch bessern, wenn ich beginne, auf einem Grashalm zu kauen. Denn Gott ist uns am nähesten in uns selbst. Dort müssten wir Ihn vor allem suchen, nicht im Gaukelwerk von Priestern und Theologen. Wenn ich mir dann noch bewusst mache, dass Gott auch in jedem Problem ist, in jeder Situation, in jedem Menschen, in jedem Tier, in jeder Pflanze oder in jedem Gegenstand, dann kann sich eine Kommunikation aufbauen zwischen dem Gott in mir und dem Gott um mich herum, und aus dieser Kommunikation heraus ergibt sich die Hilfe. Auf einmal weiß ich dann in meinem Inneren: "Das ist jetzt die Hilfe Gottes".
Dazu ist es auch eine Hilfe, wenn es mir gelingt, einmal still zu werden und die vielen unruhigen Gedanken einmal zum Schweigen zu bringen oder sie zuvor im innigen Gebet zu Christus in mein Inneres hin zu tragen. Eine Antwort oder Teilantwort lässt sich immer dann finden, wenn jemand aufrichtig bereit ist, die Lösung für das Problem bzw. den nächsten Schritt in der betreffenden Situation zu finden. Nach dem Motto: In jedem Problem steckt auch schon die Lösung. Der Ratgeber und Helfer ist - unabhängig von möglichen äußeren Hilfen - letztlich immer in uns. Denn da ich selbst das Problem irgendwann verursacht habe, kann ich es auch irgendwann wieder lösen. Gott bzw. Christus in uns ist dabei immer bereit, uns zu helfen. Er wartet immer auf uns. Man könnte die Situation mit einem Telefonhörer vergleichen, den ich nach innen auf mein Herz richte. Und ich bete "Christus in mir", und von dort, von innen, kommt dann ein Impuls, der weiter hilft.
Und wer sich damit schwer tut, der kann natürlich vermehrt auch darauf bauen, dass Gott zu uns auch durch viele Münder spricht. Und diese Münder sind alle um uns herum. So ergibt sich z. B. scheinbar zufällig ein Gespräch, und in diesem Gespräch sagt mir ein Nächster genau das, was mir gerade weiterhilft. Oder ich sehe - wiederum scheinbar zufällig - dies und das, und plötzlich ist mir klar: Das ist eine Antwort auf meine Frage, und ich merke es in meinen Empfindungen: Das ist für mich auch die Antwort Gottes. Man könnte auch sagen: Gott hilft allumfassend.
Davon kann aber keiner einen anderen überzeugen. Es geht darum, die Lebensregel von Saat und Ernte bei sich selbst anzuwenden und nicht bei anderen. Und auf diese Weise positive Erfahrungen zu sammeln.

Der Journalist: Warum nicht bei anderen?

Der Theologe: Wenn sich jemand Gedanken darüber macht, wie das Gesetz von Saat und Ernte bei anderen wirkt, stellt sich für mich die Frage des Motivs. Steckt vielleicht Neugier oder Sensationslust dahinter, oder spielt vielleicht sogar Zynismus eine Rolle?

Der Journalist: Ein Motiv könnte ja auch sein, dem anderen zu helfen.

 

ÜBER DEN ZEITPUNKT UND DIE ART DES TODES



Der Theologe:
Ja. Doch wie ist das möglich?
Als evangelischer Vikar in der Pfarrerausbildung war ich einmal für eine Bestattung verantwortlich. Eine hochschwangere junge Frau war bei einem Raubüberfall ermordet worden; auch das Kind im Mutterleib starb. Was löste nun dieses plötzliche Schicksal bei den davon betroffenen Menschen aus? Wie konnten sie damit weiterleben? Und wie weit berührte es mich selbst? War ich überhaupt in der Lage, ein hilfreicher Gesprächspartner für die Verwandten und Freunde zu sein?
Die Frau und ihr Mörder kannten sich. Doch soweit man das zurückverfolgen konnte bzw. mir bekannt war, hatte sie ihm nichts angetan, was einen Zusammenhang zu dem Überfall hätte herstellen können. Dem maskierten Mann ging es nach eigenen Aussagen um Geld, und er wurde zum Mörder, als ihn die Frau hinter seiner Maske erkannte.
Wie ist Hilfe für alle Beteiligten möglich? Ein Ansatz dazu: Wenn wir davon ausgehen, dass die Seele des Ermordeten im Jenseits weiterlebt: Wäre es dann eine Hilfe für sie, wenn Verwandte und Freunde auf der Erde in Verzweiflung oder Hass fallen und nicht mehr aus dieser Verfassung herausfinden?
Mittlerweile kenne ich Menschen, die einen Schicksalsschlag erlitten haben und denen das Wissen um das Gesetz von Saat und Ernte und um die Reinkarnation einen wirklichen Trost gibt, auch wenn sie nicht wissen, was es im Einzelnen für eine Vorgeschichte und gibt. Oder was an eigenen Ursachen zugrunde liegen mag.
Sie ahnen aber, dass alles einen bestimmten Sinn macht und dass es Zusammenhänge gibt, die sie noch nicht überblicken. Die Verwandten eines tödlich verunglückten Motorradfahrers können sich z. B. vorstellen, dass dessen innerer Lebensplan nur bis zu dieser Zeit reichte. Und möglicherweise sei auch keine gute Weichenstellung für die Zukunft erfolgt.
Und der Vater eines schwer behinderten Jungen sagte mir einmal, er wäre verzweifelt, wenn er nicht an eine Ursache und an einen Sinn dieses Schicksals hätte glauben können. So aber hat er die Aufgabe, die ihm das Leben stellte, angenommen und ist mit ihr gewachsen.

Der Journalist:
Hat das Schicksal immer mit früheren Leben zu tun?

Der Theologe: Wenn wir von der Reinkarnation ausgehen, dann bringt jeder Mensch bereits sein Reisegepäck aus früheren Zeiten in dieses Erdenleben mit. Und dann kommt es eben darauf an, welchen Verlauf dieses Erdenleben nimmt. Negative Ursachen, die zu einem Schicksal führen, können also auch erst in diesem Leben gesetzt worden sein. Wenn aber nicht, dann folgerichtig in einem oder mehreren der früheren. Die Ursachen oder "Eingaben" in unserer Seele würden uns an bestimmte Orte und zu bestimmten Menschen ziehen - aber immer unter den geistigen Vorzeichen, dass das Schicksalhafte oder Kausale unter den Beteiligten dieses Mal "bereinigt" wird durch gegenseitiges Einfühlen, Verstehen und Vergeben. Alle Begegnungen in einem Leben und auch der Zeitpunkt und die Art von Geburt und Tod hätten dann mit Vorleben zu tun. Und die Lebensumstände dazwischen haben natürlich auch mit dem Ziel zu tun, das sich zum Beispiel eine Seele im Jenseits für ihr nächstes Leben vorgegeben hat. So kann auch ein relativ früher Tod zu den Vorgaben der Seele im Jenseits gehören, so dass dieser also gar nicht auf eine schwerwiegende negative Ursache zurück zu gehen braucht, sondern auch im Lebensplan der Seele und des Menschen begründet liegen kann. Bemerkenswerte Untersuchungen zu den Vorleben bei Kindern (in 2.600 Fällen) gibt es vom kanadischen Professor für Psychiatrie Dr. Ian Stevenson (1918-2007).
Dabei würde dann grundsätzlich gelten: Nützt die Seele im jeweiligen Erdenleben die Chancen, um von innen her glücklicher zu werden und andere glücklicher zu machen, oder fügt sie neue negative Ursachen hinzu und vergrößert damit den Komplex des Leides? Und dabei kommt es ja weniger auf die äußere Länge des Lebens an, sondern mehr auf die Qualität der gelebten Zeit?

Der Journalist: Können unter diesen Voraussetzungen auch Ereignisse im Leben eines Menschen vorausgesagt werden?

Der Theologe: Das Leben entwickelt sich nach bestimmten Vorgaben, nämlich den eigenen Eingaben, der eigenen "Saat". Doch der Mensch hat ja immer mehrere Möglichkeiten, sich zu entscheiden. Demnach könnten zwar mögliche Entwicklungen aufgezeigt werden, einzelne Ereignisse aber nicht vorausgesagt werden. Denn kein Mensch kann im Voraus wissen, wie sich jemand anderes entscheidet. Und auch im Rückblick kann man als Mensch kaum erfassen, warum zum Beispiel ein bestimmter Tod auf diese Art und zu diesem Zeitpunkt eingetreten ist und warum das Schicksal keine anderen Wege gegangen ist. So umfangreich und vielfältig können die Zusammenhänge sein.

 

DAS PROPHETISCHE WORT



Der Journalist:
Wenn der Mensch vieles kaum erfassen kann, wie würden Sie dann Ihre eigene Haltung heute verstehen? Haben Sie vieles erfasst oder eher wenig?

Der Theologe: Ein großer Teil dieser Darlegungen wurde ja im Laufe der Zeit sinngemäß durch Propheten an die Öffentlichkeit gebracht. Die Inhalte sind für diejenigen, die daran glauben, also Botschaften aus der "geistigen Welt". Die Propheten früherer Zeiten und von heute wären einmal ein Thema für eine eigene Ausgabe dieser Zeitschrift (vgl. Der Theologe Nr. 20). Als Theologe gebe ich hier das, was ich zuvor mit Herz und Verstand prüfte, mit meinen eigenen Worten wieder. Einiges habe ich dabei auch einige Jahre lang geprüft und dabei manches ausprobiert, so dass eigene Erfahrungen hinzukamen.
Als Theologiestudent glaubte ich von einem bestimmten Zeitpunkt allerdings nicht mehr an "wahre Gottespropheten" und an "Offenbarungen" oder "Botschaften aus dem All". Theologie war für mich damals, vereinfacht gesprochen, das Studium der menschlichen Gedanken über Gott. Es gab für mich nur noch verschiedene Gottesbilder, mit denen man bestimmte Erfahrungen machen konnte. Auch Jesus von Nazareth hatte nach meinem damaligen Glauben lediglich ein bestimmtes Gottesverständnis, womit er zwar vielen Menschen helfen konnte. Doch über Gott selbst war für mich damit noch nichts ausgesagt. Ich fühlte mich während Zeiten meines Studiums als materialistisch denkender Mensch, weil mir nur das sicher schien, was sichtbar vor meinen äußeren Augen lag, und zwischen "Christ sein" und "Atheist sein" gab es für mich nicht unbedingt einen Widerspruch.
Doch die Person des Jesus von Nazareth beschäftigte mich immer wieder. Auch hatte ich Respekt vor bestimmten Dingen, von denen ich nichts verstand. Doch wenn sie mich bewegten, suchte ich nach einer zufrieden stellenden Erklärung und begann, dies und jenes zu prüfen. So rückte allmählich die Realität hinter der sichtbaren Welt näher.
Wovon ich hier spreche, stammt dennoch zu einem großen Teil nur aus dem gehörten "geistigen Wissen", das ich allerdings vielfach erprobt habe. Es entstammt dann also keinem inneren Einblick in unsichtbare Welten. Ich bin in dieser Hinsicht nur "Theologe", wie Kollegen auch, und ich gebe manche Informationen weiter, wie ich sie selbst erhielt. In diesem Zusammenhang möchte ich v. a. auf das Buch verweisen Das ist Mein Wort. Alpha und Omega. Das Evangelium Jesu. Die Christus-Offenbarung, welche die Welt nicht kennt", Würzburg 1991; ISBN
978-3-89201-271-9 .

 

SPUREN DER VERGANGENHEIT



Der Journalist:
Wieso ist von einer "Offenbarung" die Rede, "welche die Welt nicht kennt"?

Der Theologe: Viele Menschen wenden weder das Gesetz von Ursache und Wirkung auf ihr Leben an, noch wissen sie etwas von der Möglichkeit von Reinkarnationen. Sie stehen oft ratlos ihrem Schicksal gegenüber, ohne zu ahnen, wo die Spur zu finden ist, auf der sie dieses Leben meistern und letztlich zu einem glücklicheren und zufriedeneren Leben in der Gegenwart und in der Zukunft finden können.

Der Journalist: Führt die Spur, um das Leben zu meistern, also in die Vergangenheit?

Der Theologe: Die Vergangenheit zeigt sich früher oder später wieder in der Gegenwart, wenn sie nicht aufgearbeitet ist. Entscheidend ist also die Gegenwart.

Der Journalist: Was heißt das konkret?

Der Theologe: Wenn ich weiß, dass es für alles, was mich heute trifft, Ursachen in meiner Vergangenheit gibt, dann ist das eine Hilfe, nicht in Hader, Vorwürfe oder Selbstmitleid zu verfallen. So werden mir unter Umständen Teile meiner unbewältigten Vergangenheit bewusst, die zu der heutigen Lebenssituation beigetragen haben und ich habe die Chance, ein früheres falsches Verhalten heute zu ändern.
Grundsätzlich habe ich die Erfahrung gemacht: Finde ich die eigenen Ursachen nicht, so kann ich doch zumindest einen "Anteil" finden, den ich "bereinigen" kann, so dass es wieder aufwärts geht. Wenn Mitmenschen beteiligt sind und sie möglicherweise einen großen Anteil Schuld an der Situation haben, so gilt es dennoch, immer den eigenen Anteil zu finden. Das Vergeben, was den Schuldanteil anderer betrifft, ist eine weitere Aufgabe, auch wenn der andere noch nicht um Vergebung gebeten hat.

 

AN WELCHEN GOTT GLAUBE ICH ?



Der Journalist:
Hat das etwas mit dem Glauben an Gott zu tun?

Der Theologe: Der Weg zu Gott geht immer über den Nächsten, indem ich mit ihm Frieden schließe; zum Beispiel, indem ich ihm verzeihe.
Wer das Gesetz von Saat und Ernte nicht kennt oder es nicht anwenden möchte, kann jedoch in Situationen kommen, in denen er stattdessen Gott für das Leid verantwortlich macht und nicht mehr an Ihn glauben kann. Wenn sich dann die Situation verfestigt oder verschlimmert, wird möglicherweise weiteres Negatives aufgebaut. Und der Betroffene fällt oft in Resignation oder Verzweiflung. Das muss nicht soweit kommen, wenn jemand das Gesetz von Saat und Ernte kennt und anwendet. Jesus von Nazareth wusste darum und auch Paulus, der einige Bücher der Bibel verfasst hat. Jesus hat nicht von einem "Geheimnis Gottes" gesprochen, wie es die Kirchen heute tun.

Der Journalist: Wenn es keine "Geheimnisse" gibt: Warum lässt Gott Leid und Not zu?

Der Theologe: Weil Gott nicht in den Willen des Menschen eingreift, sondern den Menschen "nur" einlädt bzw. eindringlich ermahnt, Seinen Willen zu tun. Und das läuft darauf hinaus, dass es allen gut geht und sie wieder so glücklich werden, wie sie waren, als Er sie einst als reine Wesen schuf. Dazu möchte Er Seine "gefallenen" Kinder, die Menschen, zunächst zur Selbsterkenntnis führen, damit sie erst einmal verstehen, wer sie geworden sind. Daraus kann dann die Umkehr folgen, wenn jemand bereit ist, seine Belastungen bzw. sein "Sündhaftes" zu bereinigen. Gott hilft uns dabei, wir kommen Ihm dadurch näher und uns geht es besser.
Ich gehe davon aus, dass es nicht viel nützen würde, wenn Gott in den freien Willen des Menschen eingreifen würde. Bei nächster Gelegenheit würde der Mensch dann nämlich sein Fehlverhalten fortsetzen, und er würde auch nicht nach dem Weg suchen, auf dem er sich von allem Negativen befreien kann. Sehr viele schlimme Dinge müssen in ihren Auswirkungen leider wohl erst erlitten werden, bevor sie nicht mehr wiederholt werden. Das zeigen unzählige Erfahrungen der Geschichte und auch aus einzelnen Lebensschicksalen. Und leider fangen sehr viele Menschen auch erst durch eigenes Leid an, etwas in ihrem Leben zu ändern.   

Der Journalist: Die Hilfe Gottes kann nach Ihren Worten ja auch von innen kommen. Warum gibt es dann so viele Menschen, die in sich keine Hilfe Gottes spüren, sondern hauptsächlich Verzweiflung, obwohl sie zum Beispiel immer wieder beten?

Der Theologe: Die Hilfe ist ja auch eine positive "Ernte" auf die "Saat" eines ehrlichen Gebetes. Viele Menschen haben jedoch keine Geduld und pflügen die eigene gute "Saat" gleich wieder um, wenn sie nicht sofort Hilfe erfahren, die zum Beispiel gerade dabei war, heranzureifen. Auch kommt es darauf an, ob es ihnen wenigstens für einige Momente gelingt, einmal im Inneren etwas stiller zu werden. Oft sind es nur feine Empfindungen, aus denen sich Worte oder Bilder formen, welche den nächsten Schritt zeigen oder andeuten. Viele lassen die Hilfe Gottes aber gar nicht an sich heran oder nicht in sich spürbar werden. Sie drehen sich mit ihren Gedanken und Empfindungen trotz ihrer Gebete weiter in ihrem Unglück und in ihren Schuldzuweisungen. Auch hilft Gott nicht immer so, wie wir wollen. Und nicht jede Hilfe ist Gottes Hilfe.
Dazu fallen mir Berichte ein, wonach Gott dem einen angeblich zu geschäftlichem Erfolg geholfen hat, während ein anderer ermordet wird, obwohl er vielleicht kurz zuvor zu Gott gefleht hat. An einen Gott, der solche Unterschiede machen würde, kann und will ich nicht glauben. Der Gott, dem ich mich anvertraue, macht keine Unterschiede, und Er hilft in "großen" und in "kleinen" Angelegenheiten. Die angeblichen Unterschiede liegen allein im Menschen begründet.

 

VOM GEKREUZIGTEN CHRISTUS



Der Journalist:
Sie haben vorhin von einem schwerwiegenden Schicksal gesprochen. Was haben Sie damals den Angehörigen der ermordeten Frau gesagt? Und was würden Sie heute anders sagen, wenn Sie noch einmal in diese Situation kommen würden?

Der Theologe: Ich halte es für gut, wenn bei einem solchen Abschied auch Menschen aus dem Verwandten-, Freundes- oder Bekanntenkreis zu Wort kommen können, falls sie das möchten und dazu in der Lage sind. In unserer Gesellschaft spricht allerdings meist nur ein Pfarrer oder anderer Redner. Damals als evangelischer Vikar verglich ich das Schicksal der jungen Frau mit Jesus von Nazareth, der unschuldig den Tod durch Kreuzigung erlitt und der sterbend rief: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" So wollte ich trösten, indem ich sinngemäß weitergab: "Auch ihm erging es nicht besser." Aber ein echter Trost ist das nicht. Denn wie viel nützt einem das, wenn man wieder glücklich und froh werden möchte, wenn man hört, ein anderer leidet genauso schlimm?

Der Journalist: Die Worte von Jesus am Kreuz gehen dennoch vielen Menschen nahe.

Der Theologe: Je eindrücklicher man das Leiden von Christus vermitteln kann, so erhoffen sich einige, desto eher könne das vielleicht trösten. Das Schicksal von Jesus wird dann zu einem Spiegel für das eigene Leid gemacht. Oder man sucht auf diese Weise eine Verbindung zu Gott, obwohl man eigentlich das Gefühl hat, Er habe einen verlassen. Eventuell heißt es auch, Gott selbst sei in Jesus gefoltert, gequält oder ermordet worden. Damit soll der Glaube angeregt werden, dass Gott bzw. Jesus einen aus eigener Erfahrung heraus versteht. Doch vielen hilft das nicht. Deshalb wird noch hinzugefügt, dass Jesus später auferstanden sei, was von Betroffenen aber oft nur als Vertröstung empfunden wird. Denn es gibt ihnen nicht die Möglichkeit, hier und jetzt Hilfe oder Linderung zu erfahren, und die Verzweiflung bleibt.
Für mich sind diese Worte von Jesus am Kreuz ein Symbol für die Situation der Menschen, die ihrerseits Gott verlassen haben und die an dieser "Gottverlassenheit" leiden. Doch anstatt ihren Zustand zu begreifen, machen sie in ihrer Verzweiflung Gott dafür verantwortlich. Das Leiden von Jesus ist für mich in diesem Sinne tatsächlich ein Spiegel für das Leiden der Menschen. Jesus wäre dann hier das Sprachrohr der geschundenen Menschheit in ihrer Gottferne. Und die Menschen könnten sich im Schicksal von Jesus selbst erkennen. So würde sich auch auf diese Weise die Ankündigung des Propheten Jesaja erfüllen: "Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen" (53, 4).

Der Journalist: Ich denke dabei an viele Darstellungen des gequälten Jesus am Kreuz. Aber wie soll es dann weitergehen? Kann der gequälte Jesus nicht trotzdem helfen, dass es einem bald wieder besser geht?

Der Theologe:
Wenn sich jemand in das Leid von Jesus vertieft, kann dies sogar dazu führen, dass sich das eigene Leiden verschlimmert. Ich habe in einer Wohnung einmal eine Figur des gekreuzigten Jesus hängen sehen. Auf dieses so genannte "Kruzifix" aus Holz hatte der Bewohner eigenes Blut gerieben, so dass sein Blut zum Blut der Jesusfigur wurde. Oft wenn es ihm schlecht ging, schaute er dann auf diese Figur und suchte Trost im Gebet. Mit einem solchen Verhalten setzt man sich aber der Gefahr aus, dass das eigene Leid sich sogar verfestigt und man nur mit größter Mühe wieder davon loskommt. Heute erscheint mir das Kruzifix mit dem sterbenden oder toten Jesus auch wie ein Symbol für ein Verharren in Leid und Elend, obwohl es einen Weg heraus gibt. Auch der Mann, von dem ich eben erzählte, sagt heute, dass er auf diese Weise letztlich keine Hilfe fand. Und von manchen Menschen wird sogar berichtet, dass ihr Körper nach einer bestimmten Zeit an den Stellen blutete, an denen die Nägel den Körper des Jesus von Nazareth durchbohrten. Möglicherweise ist das eine noch viel weitergehende Form dieser gefährlichen Identifizierung, womit keinem geholfen ist.
Doch Jesus hängt schon lange nicht mehr als Sterbender am Kreuz. Er lebt, und er will, dass wir mit ihm leben und glücklich sind. Man könnte vielleicht auch sagen: Er möchte in uns auferstehen.
Deshalb ist das Kreuz mit dem sterbenden oder toten Körper, das Kruzifix, ein Todeszeichen, das unbewusst eine vermeintliche Niederlage des Mannes aus Nazareth symbolisiert. Ein Lebenssymbol wäre demgegenüber zum Beispiel ein "leuchtendes" Kreuz ohne Corpus, eine Art Auferstehungskreuz. Seine Bedeutung könnte dann sein: Auch diese grausame Hinrichtungsmethode konnte Jesus und das, wofür er einstand, nicht zur Strecke bringen. Nur der irdische Körper konnte getötet werden. Doch der Geist in ihm ist stärker und ließ sich auch in dieser Situation nicht beugen.
Die frohe Botschaft des christlichen Glaubens hat nichts damit zu tun, dass es Jesus wohl noch schlechter erging als einem selbst. Und sie liegt auch nicht darin, dass ich eines Tages in den Himmel auferstehe, wenn ich nur glaube, dass Jesus dorthin auferstanden ist. Die Frage ist nämlich: Bin ich dann wirklich im "Himmel"? Oder wo bin ich dann? Die Hoffnung, dass eines Tages alles Leid ohne unser Zutun weg gewischt sein könnte, ist gefährlich.

Der Journalist: Wieso?

Der Theologe: Weil es unter Umständen verhindert, die Ursachen von Leiderfahrungen bei sich selbst zu finden und an sich zu arbeiten. Darum geht es. Andernfalls droht die Gefahr, dass das Leiden bestehen bleibt und sich sogar verschlimmert, wenn die mir noch verborgenen Ursachen weiter wirken. Dies gilt auch über den Tod hinaus. Eine Erlösung vom Leid der Seele durch den Tod gibt es nicht. Der Tod nimmt uns nichts und er gibt uns nichts. Es geht drüben an der Stelle weiter, wo es hier aufgehört hat.

 

URSACHEN ERKENNEN




Der Journalist:
Was ist dann die "frohe Botschaft"?

Der Theologe: Dass wir geliebte Kinder Gottes sind und mit der Kraft von Christus in uns Schritt für Schritt aus dem Leid herausfinden können, indem wir uns selbst erkennen - vor allem das, was im Unterbewusstsein liegt -, indem wir bereuen, vergeben, um Vergebung bitten, etwas wiedergutmachen, so weit das möglich ist, und die alten Fehler nicht mehr tun. Dies kann man "Bereinigung" nennen. Wenn ich jemandem mit Worten oder Taten Schaden zufügte, bitte ich mit Worten um Verzeihung. Wenn es in Gedanken bzw. Empfindungen geschah, bitte ich über Christus in Gedanken und Empfindungen um Verzeihung. Gedanken bzw. Gedankenbilder sind ungeheure Kräfte, was manchen Menschen nicht bewusst ist, und sie werden auch im Jenseits offenbar.

Der Journalist: Sie sagen, Christus hilft. Wie war es bei ihm selbst? Hatte er sein Leiden auch selbst verursacht?

Der Theologe: Das wäre ein Missverständnis. Jesus wurde nicht bekämpft und getötet, weil er zuvor negative Ursachen gesetzt hätte, sondern weil er uns helfen wollte, den Weg zu Gott wieder zu finden, also einen göttlichen Auftrag in sich trug. Dieser Auftrag stieß auf den Widerstand der damaligen Priester und Theologen.
Das Beispiel von Jesus lässt sich nicht so ohne weiteres auf uns übertragen. Glaubt man der Jesaja-Prophezeiung, dann gilt: "Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünde zermalmt" (53, 5). Und das kann man sich ganz praktisch vorstellen: Judas hat ihn verraten, die anderen Jünger haben - auch im übertragenen Sinn - geschlafen, und viele trauten sich in der zugespitzten Situation nicht, für ihn einzustehen: weder der römische Prokurator Pilatus, der überzeugt war, dass Jesus unschuldig ist, noch viele aus dem Volk, die sich vor der Übermacht der Priester und Theologen und ihrer Anhängerschaft fürchteten und die deshalb ihren Mund hielten. Oder wo waren diejenigen, die hätten rufen können: "Gebt Jesus frei"?

Der Journalist: Das kann man sich so vorstellen. Doch wie ist es mit anderen, zum Beispiel mit Märtyrern für eine gute Sache? Könnte es sein, dass auch andere leiden, weil sie einen göttlichen Auftrag in sich tragen?

Der Theologe: Jesus sprach davon in einem bestimmten Zusammenhang. Er sagte zum Beispiel: "Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden" (Bergpredigt, Matthäus 5, 10). So kann man fragen: Wer von uns wird "um der Gerechtigkeit willen" verfolgt? Wer folgt auf diese Weise Jesus nach? Es steht mir nicht zu, dies zu beurteilen. Für viele hat das Leiden aber wohl andere Ursachen, und die Chance liegt darin, diese zu finden und zu beheben anstatt sich in Gedanken in eine Märtyrerrolle zu flüchten.

Der Journalist: Fällt es vielen Menschen nicht sehr schwer, daran zu glauben, dass eigene Ursachen zugrunde liegen?

Der Theologe: Auch mir ist dieses Denken nicht zugefallen. Ich musste es mir in jeder Situation neu erarbeiten, manchmal durch inneren Kampf und Überwindung. Doch immer war die Hilfe da, einen Schritt voranzukommen. Jesus hat gelehrt: "Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst" (Matthäus 7, 5).

 

VERGANGENES LEBEN, HEUTIGES LEBEN, 
ZUKÜNFTIGES LEBEN




Der Journalist:
Wenn die Ursachen aus früheren Leben stammen, sind sie den meisten aber gar nicht bekannt.

Der Theologe: Oft ahnen sie aber einiges. Was für eine nicht aufgearbeitete Fehlhaltung früher war oder gewesen sein könnte, zeigt sich wieder in unseren heutigen Gedanken und Empfindungen, jetzt vielleicht nur in anderen Lebensumständen als früher.
Durch viele Inkarnationen haben sich zahlreiche Möglichkeiten ergeben, wie die Fäden im Gesetz von Ursache und Wirkung verwoben sein können. Es genügt allerdings das Wissen, dass nichts zufällig und willkürlich geschieht. Ich kann daher immer von meinen heutigen Gedanken und Empfindungen ausgehen und kann mir bewusst machen, dass in jeder Situation die Hilfe Gottes da ist. Manchmal bitte ich auch in Gedanken um Vergebung für manches, was ich in früheren Leben wohl anderen angetan habe, weil ich es heute selbst erleide. Hatte ich also keinen Anhaltspunkt für etwas Negatives, das mir zugestoßen ist, dann habe ich z. B. sinngemäß gebetet: "Christus, du kennst die Gründe. Ich bitte über dich um Vergebung, wo ich anderen einst solches angetan hatte, was ich jetzt selbst erlebe."

Der Journalist: Ich erinnere noch einmal an die "Hinterbliebenen" im vorhin genannten Beispiel. Was würden Sie ihnen heute auf die Frage "Warum" antworten?

Der Theologe: Keiner kann einem anderen die Antworten auf die Frage nach dem Warum geben, die in einem selbst liegen, in den eigenen Empfindungen, Gefühlen und Gedanken.
Jeder kann auf eine bestimmte Frage andere Antworten finden, weil seine Belastung eine andere ist. So kann jeder seine Antworten finden. Sicher ist jedoch: Niemand braucht eine kirchliche Lehre vom "unergründlichen Geheimnis Gottes" hin zu nehmen. Dieser Glaube kann oft ein Leben lang unverdaut im Magen liegen bleiben, und daran können Menschen zerbrechen.

Der Journalist: Was heißt in diesem Fall "Saat und Ernte"? Sind dann zum Beispiel die kirchlichen Lehrer schuld, oder sind es die Leute selbst?

Der Theologe: Wer die Chance seines Lebens nicht nützt, ist dafür, vereinfacht gesprochen, selbst verantwortlich, zum Beispiel durch seine Zustimmung zu kirchlichen Lehren.
Außerdem wurden diese Lehren ja auch irgendwann von Menschen entwickelt, und wer weiß, welche Rolle jemand früher dabei hatte. Schließlich werden die kirchlichen Lehrsysteme bis heute dadurch am Leben erhalten, dass bestimmte Menschen daran glauben und viel Geld in Form von Kirchensteuern, Subventionen oder Spenden dafür geben. Jeder kann sich selbst fragen, warum er daran festhalten will, und ob Verstand und Gefühl nicht eine andere Sprache sprechen.
Das Gesetz von Saat und Ernte kennt jedenfalls keinen "Sündenbock", sondern es wägt genau ab und wägt jedem Beteiligten seinen Anteil zu - dem Lehrer, der die Lehre weitergegeben hat, und dem Gläubigen, der gefolgt ist. Dass es unterschiedliche Anteile gibt, wird auch aus den Worten des Jesus von Nazareth deutlich, der zu den Theologen und Schriftgelehrten seiner Zeit sagte: "Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein, und die hinein wollen, lasst ihr nicht hineingehen" (Matthäus 23, 13).

Der Journalist: Wenn im Gesetz von Saat und Ernte auf jeden nur sein Anteil zukommt, wäre dieses Gesetz ja gerecht. Ist es das wirklich?

Der Theologe: Die wichtigste Frage ist in diesem Zusammenhang doch eine andere: Geht mir das Leid anderer nahe, oder lässt es mich kalt? Denn wie kann ich als Christ einem anderen helfen, seine Last zu tragen, wenn ich kein Gefühl dafür entwickelt habe, was in dem anderen gerade vorgehen mag? Und darauf kommt es doch an, auf die Nächstenliebe. So hat es Jesus, der Christus gelehrt. "Alles, was ihr wollt, das Euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen zuerst". Also: Wenn ich möchte, dass mir in der Not geholfen wird, dann beginne ich damit, anderen selbstlos in deren Not zu helfen. Es bringt doch überhaupt nichts, über das mögliche Vorleben von Menschen zu spekulieren, die gerade furchtbar leiden, während mir gleichzeitig dieses Leid überhaupt nicht nahe geht. Ein solches Verhalten hat mit Christus nichts zu tun. Sondern der christliche Weg besteht doch gerade darin, auch anderen Menschen zu einem Wegweiser für die Liebe Gottes zu werden. Und dafür ist es doch zu allererst notwendig, das Mitfühlen zu erlernen.
Pfarrer und Priester sagen manchmal, ich bete für Sie. Ja, aber was soll das denn für ein Gebet sein, wenn das innere Mitgefühl fehlt oder völlig unterentwickelt ist? Leider ist fast allen Menschen durch die dogmatischen und schöpfungsfeindlichen Kirchenlehren das Empfinden für die Einheit allen Lebens abhanden gekommen, so dass man erst wieder das kleine ABC lernen muss, wozu gehört: Der andere ist ein Teil von mir. Und ich bin ein Teil von ihm. Und das gilt auch gegenüber Tieren und der ganzen Natur. Erst unter diesen Voraussetzungen ist das Wissen um das Gesetz von Saat und Ernte kein intellektuelles Konservenwissen, sondern es beinhaltet das rechte Wort zur gegebenen Zeit.
Über die Gerechtigkeit kann ich mir dann einmal Gedanken machen, was mein eigenes Leben betrifft, zum Beispiel in der Frage: Ist es gerecht, wenn ich mich bequem dem Müßiggang hingeben kann oder mein Ego seine eigensüchtigen Ziele erfüllt bekommt und ich schlussendlich auch noch "allein durch den Glauben" in den Himmel komme? Außerdem: Was nützen Gedanken, die sich nur auf einen kleinen Ausschnitt des Lebens beziehen? Leider nehmen wir aber oft nur einen kleinen Ausschnitt des Lebens wahr, und ich lerne täglich, in größeren Zusammenhängen zu denken.
Dazu gehört auch das Wissen, dass das Leben nie vergeht. Auf den letzten Atemzug des Menschen im Diesseits folgt sogleich der erste Atemzug der Seele im Jenseits. Das Leben geht also weiter. Beim Eintritt des Todes verlässt die Seele den Körper und lebt für uns Menschen unsichtbar weiter in den jenseitigen Welten. Den Atem nimmt sie dabei mit. So lebt zum Beispiel auch die Seele eines Ermordeten weiter und es könnte eine ihrer Hauptaufgaben sein, dem Täter zu vergeben.
Welchen Weg sie dann im Jenseits geht, ob sie zum Beispiel wieder einen neuen Körper für eine weitere Inkarnation wünscht oder wählt und mit welcher Absicht, ist unter Umständen ihr überlassen. Sie hat auch im Jenseits mehrere Möglichkeiten, sich zu entscheiden. Davon hängt auch ab, wann ihr welche eigene Schuld bewusst wird, und wie sie diese, vereinfacht gesprochen, "bereinigt".

 

WOVON PFARRER SPRECHEN



Der Journalist:
Wären das alles auch mögliche Worte am Grab?

Der Theologe: Ich würde nie jemanden von meinem Glauben überzeugen wollen. Es ist eine Sache des Einfühlungsvermögens, den Nächsten in seiner momentanen Situation zu verstehen und auch die Worte zu finden, die ihm weiterhelfen. Wichtig ist für mich dabei, dass das Leben im Jenseits ohne Unterbrechung weitergeht und die Gedanken und Gebete von Trauernden auch bei der Seele im Jenseits ankommen.
Grundsätzlich lernte ich, mehr und mehr nur das auszusprechen oder zu schreiben, was ich in meinem Leben auch verwirklicht habe bzw. ich lerne zu sagen, wo das noch nicht der Fall ist.
Ein Pfarrer steht immer in Gefahr, zu reden, ohne dass seine Worte von innen heraus gefüllt sind, weil es seine berufliche Pflicht ist, in bestimmten Situationen reden zu müssen. Den Berufsstand des Pfarrers oder Priesters hat Jesus von Nazareth außerdem nicht gewollt.

Der Journalist: In den Kirchen wird er aber als eine Art besondere christliche Berufung verstanden.

Der Theologe: Auch ich hatte mit dem Theologiestudium begonnen, weil ich mich für Christus einsetzen wollte. Von Seiten der Kirchen ist der Pfarrerberuf sogar als lebenslange Berufung gedacht. Doch ich konnte ab einer bestimmten Zeit diesen Beruf nicht mehr mit der Nachfolge Jesu vereinbaren. Jesus von Nazareth hat nirgends davon gesprochen, dass er sich eine Kirche mit Theologen wünscht, die als Pfarrer und Priester arbeiten. Im Gegenteil: Die Theologen der damaligen Zeit, die so genannten "Schriftgelehrten", waren die erbittertsten Gegner des Jesus von Nazareth. Jesus verdiente seinen Lebensunterhalt demgegenüber als Zimmermann.
Und auch Paulus ließ sich nicht wie die Theologen heute für ein "geistliches Amt" bezahlen, sondern er arbeitete als Zelt- bzw. als Teppichmacher (siehe Apostelgeschichte 18, 1-3; 20, 34; 1. Brief an die Korinther 4, 12; 1. Brief an die Thessalonicher 2, 9).
Gemessen an der einfachen Botschaft des Jesus von Nazareth ist überhaupt keine "Theologie" notwendig. Vorübergehend sehe ich die Aufgabe des "Theologen" darin, die von der Theologie verursachte Verwirrung hinsichtlich der christlichen Botschaft wieder zu entwirren. Denn wenn die Worte der Theologen nicht der Wahrheit entsprechen, die Menschen also falsch belehrt werden, dann bürden sich diese eine Last auf, an welcher sie eines Tages noch unsäglich schwer zu tragen haben. Denn sie tragen dann erhebliche Mitschuld an den negativen Wirkungen im Leben ihrer Mitmenschen aufgrund der falschen Lehre, und sie müssen deshalb selbst diese Wirkungen mittragen. Dieses Leid, und das gilt natürlich je nachdem für jeden Menschen, bedeutet dann "Abtragung".

Der Journalist: Was verstehen Sie unter "Abtragung"?

Der Theologe: Viele Ursachen wirken sich nicht sofort oder nach kürzerer Zeit aus, es dauert oft lange Zeit. Es gibt das bekannte Sprichwort: "Gottes Mühlen mahlen langsam." Irgendwann wird eine Schuld im Diesseits oder im Jenseits voll wirksam, wenn sie nicht rechtzeitig bereinigt bzw. wieder gut gemacht ist, das ist dann die "Abtragung". Der Mensch erleidet bzw. "trägt" dann selbst die Not oder das Leid, das er zuvor anderen zufügte, zum Beispiel durch Irreführung. Und tritt ein Mensch hierbei zum Beispiel als ein Kirchenoberhaupt auf, dem seine Kirche in Lehrfragen sogar "Unfehlbarkeit" zuspricht, dann ist die Abtragung eines Tages immens und gar nicht mehr in Worte zu fassen. Und die "arme Seele", die sich auf Erden einst in ein "unfehlbares" Lehramt wählen ließ, gehört mit zu den bedauernswertesten Geschöpfen in der jenseitigen Welt.
Wer also "abträgt", kann zwar in dieser Situation ebenfalls um Vergebung bitten, doch zuvor wurde die Chance vertan, der Wirkung zuvorzukommen und diese eventuell nicht erleiden zu müssen. Und ist es dann so leicht, zur Reue zu finden, wenn man von starken Schmerzen gequält wird und sich vielleicht als "Opfer" des Schicksals fühlt?
Auch ist es im Jenseits nicht so leicht möglich wie auf der Erde, einer anderen Seele zu begegnen, mit der etwas zu bereinigen ist. Auf der Erde kann ich grundsätzlich auf jeden Nächsten zugehen, durch technische Hilfsmittel wie Flugzeug oder Telefon auch schneller als in früheren Jahrhunderten. Als Seele im Jenseits bin ich unter "Meinesgleichen", das heißt unter denen, die einen ähnlichen Bewusstseinsstand und ähnliche Belastungen haben. Die Entwicklung bzw. Evolution ist viel langwieriger.

Der Journalist: Davon habe ich im Religionsunterricht nichts gehört. Die Kirchen lehren in ihren Dogmen und Bekenntnisschriften die "Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag" und eine Unterscheidung derer, die in den Himmel kommen, von denen, die in die Hölle kommen. Wie stehen Sie dazu?

Der Theologe: Ist das gerecht, wenn die einen 100 % "Weiß" erwartet und die anderen 100 % "Schwarz" und das in alle Ewigkeit? Was wäre das für ein Gott, der bei Schmerzensschreien und Hilferufen seiner höllisch gequälten Kinder in Ewigkeit nicht mehr reagieren kann oder will?
Das erinnert mich daran, wie zum Beispiel Kirchenobere zu den Vorgängen in den Konzentrationslagern im nationalsozialistischen Deutschland geschwiegen haben oder wie sie heute zum Alltag der Tiere in den Schlachthöfen oder Tierversuchslabors überwiegend schweigen. Aber es hat nichts damit zu tun, wie ich Gott erlebt habe.
Gäbe es einen Ort der ewigen Gottferne ohne Umkehrmöglichkeit, dann wäre die gottferne Macht stärker als die Liebe Gottes. Bei diesem Thema entlarven sich die Kirchen sehr deutlich: Denn was dort geglaubt werden soll, ist im Endzustand eine für immer geteilte Schöpfung: mit Menschen bzw. Seelen, die auf der Erde gläubige Katholiken oder Protestanten waren und einigen weiteren, die angeblich mit diesen zusammen in der so genannten Seligkeit leben dürfen. Und auf der anderen Seite gäbe es angeblich die vielen anderen, die sich für alle Ewigkeit an einem Ort nie endender Qualen befinden sollen. Der Schöpfergott, den Jesus von Nazareth uns nahe brachte, hat sich aber so etwas nicht ausgedacht. Er ist ein anderer Gott als der Gott der Kirchen. Der Schöpfergott reicht jedem Seiner Kinder zu jedem Zeitpunkt die Hand, im Diesseits und im Jenseits und jeder kann aus seiner selbst geschaffenen Hölle früher oder später herausfinden. Es liegt allein an ihm selbst. So mag es zwischenzeitlich für so manchen eine so genannte "Hölle" geben. Doch nur, damit er erkennt und bereut, wie er anderen das Leben zuvor zur "Hölle" gemacht hat, und damit er umkehrt.
Noch am Rande dazu bemerkt: Das in der Bibel an wenigen Stellen im Zusammenhang von Verdammnis bzw. Seligkeit genannte griechische Wort "aionios" bezeichnet eine lange Zeit, einen "Äon", aber keine Ewigkeit im Sinne einer Unendlichkeit. Und das andere in der Bibel dafür verwendete Wort "asbestos" kann auch mit "unermesslich" übersetzt werden.
(Ausführliche Besprechung dieses Themas in: "Der Theologe Nr. 19": Es gibt keine ewige Verdammnis - auch nicht in der Bibel.)

 

WARNUNGEN



Der Journalist:
Einige Menschen verstehen ihr Schicksal auf der Erde bereits als eine Art "Hölle". Und andere berichten über Leid und Freude in ihrem Leben im Wechsel, ohne dass allerdings große Schicksalsschläge eingetreten sind.

Der Theologe: Sie sagen "ohne dass große Schicksalsschläge eingetreten sind". Doch was wird eventuell noch kommen?
Eine Saat reift ja langsam zur Ernte. Und bevor geerntet wird, kann man das Wachstum der Saat beobachten. Auf den Menschen bezogen bedeutet das: Bevor ein Schicksal eintritt, wird der Mensch mehrfach gewarnt, um mögliche Wirkungen einer Saat durch Bereinigen rechtzeitig zu verhindern. Das steht übrigens auch sinngemäß in der Bibel, auch wenn dort fälschlicherweise im Buch Weisheit behauptet wird, dass sich mancher "böse" Mensch "niemals mehr ändern würde" (12, 10b). Im Buch Weisheit heißt es aber zum Beispiel auch: "Womit jemand sündigt, damit wird er auch bestraft" (Weisheit 11, 16). Doch es muss nicht so weit kommen. Denn: "Darum bestrafst du die, die fallen, nur leicht und warnst sie, indem du sie an ihre Sünden erinnerst, damit sie von ihrer Schlechtigkeit loskommen und an dich, Herr, glauben" (Weisheit 12, 2). Und: "Du richtest sie nur nach und nach und gabst ihnen so Gelegenheit zu Buße ..." (V. 10a; das Buch Weisheit ist Teil der römisch-katholischen Bibeln, bei den Evangelischen zählt es zu den so genannten "Apokryphen") Hier wird zwar fälschlicherweise Gott als Urheber der Ernte bzw. Richter genannt, doch es wird gut deutlich, dass kein Schicksal vom Himmel fällt, sondern dass es zuvor Warnungen gibt.
Auch kleinste Begebenheiten können uns in diesem Zusammenhang helfen und uns auf unsere negativen Ursachen hinweisen, wenn wir wachsam im Tag leben. Erkennen wir uns in den Situationen des Alltags, verstehen wir die Warnungen und ziehen daraus die richtigen Konsequenzen, dann müssen wir ein bestimmtes Schicksal nicht erleiden bzw. können wenigstens einen Teil davon abwenden.

Der Journalist: Was sind zum Beispiel solche Warnungen?

Der Theologe: Wachsam können wir immer sein, wenn uns etwas ärgert oder erregt, zum Beispiel das Verhalten eines unserer Mitmenschen. Die Erregung kommt ja aus uns selbst heraus. Die Botschaft ist: Ganz gleich, was beim Nächsten vorliegt - ob er sich wirklich negativ verhalten hat oder ob ich nur etwas Negatives in sein Verhalten hineingelegt habe: Das, worüber ich mich errege, "entspricht" mir, wir können deshalb auch "Entsprechung" dazu sagen. Die entscheidende Frage ist also zuerst: Wo verhalte ich mich so oder so ähnlich wie der Mitmensch, eventuell auch "nur" in Gedanken?
Denn würde in mir nicht Gleiches oder Ähnliches vorliegen, dann könnte ich in der jeweiligen Situation innerlich gefasster bleiben und aus der inneren Stärke das Rechte tun. So aber erregt mich die Situation und bringt mich aus dem Gleichgewicht. Das ist eine mögliche Warnung.
An diesem Beispiel können wir auch verstehen, was Jesus von Nazareth meinte, als er mahnte: "Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge" (Bergpredigt, Matthäus 7, 3).
Das Verhalten des Mitmenschen ist dann der "Splitter", der uns auf unseren Balken hinweist.

Der Journalist: Wenn ich den Balken erkenne, aber keine Kraft habe, ihn zu entfernen?

Der Theologe: Für das Balkenstück, das ich heute erkenne, ist mir heute auch die Kraft gegeben, es zu entfernen, wenn ich es gleich tue bzw. noch am selben Tag und es nicht aufschiebe oder ganz darüber hinweggehe. Diese Kraft können wir "Tagesenergie" nennen.

Der Journalist: Ich habe mich beispielsweise über eine bestimmte Person geärgert. Wie finde ich jetzt zum eigenen Balken?

Der Theologe: Dann frage ich nach dem Grund für den Ärger. Ein Beispiel: Vielleicht ist es der nicht erfüllte Wunsch, von dieser Person ernst genommen zu werden oder Aufmerksamkeit zu erhalten. Dann kann ich umgekehrt fragen: Wen nahm ich nicht ernst oder schenkte ihm keine Aufmerksamkeit? Und warum? Fällt mir dazu eine Situation ein? Wie kann ich sie "bereinigen" und mich in Zukunft anders verhalten?
Schließlich kann ich - auf die ursprüngliche Situation bezogen - weiterfragen: Warum war es mir so wichtig, in dieser Situation beachtet zu werden? Was liegt darunter? Vielleicht die Eifersucht? Oder die Angst, die Aufmerksamkeit oder Zuwendung dieser Person zu verlieren? Und warum diese Angst? In welchen Punkten habe ich mich von einem Menschen abhängig gemacht?
So komme ich allmählich zu der Wurzel für mein Verhalten. Kann ich diese dann bereinigen und mir ein neues Zielbild vorgeben? Zum Beispiel: "In Gott werde ich immer freier". Oder: "Ich gebe meinem Nächsten, ich erwarte nichts von ihm."
Wenn zu einem späteren Zeitpunkt wieder der Ärger hochkommt, dann kann ich mich gedanklich zügeln: "Halt, Stopp! Was habe ich mir vorgegeben?" In diesem Augenblick werde ich schon ruhiger. Ich reagiere nicht mit Vorwürfen, sondern versuche, den Nächsten zu verstehen. Die Erfahrung zeigt: Die Beziehung verbessert sich zunehmend.
Habe ich meine eigenen Schwächen, den Balken, bereinigt, dann kann ich auch dem Nächsten helfen, seine Schwächen, den Splitter, zu erkennen und zu bereinigen, wenn er dies möchte, und es kommt zu einem tieferen Miteinander.

Der Journalist: Bei diesem Beispiel hat ein Ärger sehr viel ausgelöst und innerlich in Bewegung gebracht. Hat wirklich alles, was mir täglich begegnet oder was mich bewegt, eine tiefere Bedeutung?

Der Theologe: Es kommt immer auf einen selbst an. Wir brauchen in Situationen nichts hinein zu interpretieren, doch wenn wir unsere Umwelt aufmerksam wahrnehmen, dann kann uns auch der Flug eines Vogels eine Botschaft übermitteln oder etwas in uns anstoßen.
Daneben gibt es zahlreiche Gedanken, die uns im Laufe eines Tages immer wieder anfliegen. Fliegen sie uns allerdings nur an und verschwinden wieder, ohne dass wir uns erregen, dann ist es nicht sinnvoll, sie zu analysieren.
Umgekehrt leiden viele Menschen ja aber nicht darunter, dass sie Situationen überinterpretieren, sondern sie sind abgestumpft und nehmen nur wenig von dem wahr, was um sie herum geschieht und was ihnen eigentlich etwas sagen möchte.
Werden zum Beispiel einige kleinere Warnungen übersehen, die uns auf ein sich unter Umständen anbahnendes Schicksal hinweisen, dann können die Mahnungen stärker werden, eventuell erste Wirkungen bereits hereinbrechen. Ich denke zum Beispiel an einen kleineren Autounfall, bei dem jemand mit einem "Schrecken" oder einem kleinen Blechschaden davongekommen ist. Die entscheidende Frage ist die Frage nach dem "Warum" des Unfalls.

Der Journalist: Oft lag doch nur eine Unkonzentriertheit zugrunde?

Der Theologe: Ja, doch auch die Unkonzentriertheit hatte ja ihre Ursachen. Wo waren meine Gedanken? Was hatte ich also gerade gedacht? Vielleicht hat es ja mit der tieferen Ursache für den Unfall zu tun? Oder ich weiß genau, was in meinem Leben derzeit nicht in Ordnung ist, und wovor mich der kleine Unfall warnen möchte. Es ist nicht nötig, weit in die Ferne zu schweifen.

 

WENN SICH JEMAND IN GEDANKEN VERSTRICKT



Der Journalist:
Spielen die Gedanken also eine wesentliche Rolle?

Der Theologe: Ja. Bei jemandem, der beispielsweise Angst hat zu versagen, kann allein deswegen ein Versagen eintreten, weil er immer wieder innere Versagens-Bilder als Ursache zugelassen hat, ohne nach dem Warum zu fragen und es mit der Hilfe von Christus zu ändern.

Der Journalist: Wird die Wichtigkeit der Gedanken auch in den Kirchen gelehrt?

Der Theologe: Nein. Die kirchlichen Lehren lenken das Bewusstsein des Menschen stark auf das Äußere oder auf Vordergründiges; auf "Sakramente" und Zeremonien, auf das Hören von Predigten, auf den "Glauben allein", auf das eine oder andere "gute Werk". Vor allem in der evangelischen Kirche wird gelehrt, Christus sei für alle unsere Sünden gestorben, und wir würden allein durch den Glauben daran gerettet. Diese Lehre verhindert oft, dass Menschen genauer und aufmerksamer ihren Alltag betrachten und Schritt für Schritt Gott näher kommen. Dann können sie Problemen unter Umständen nicht auf den Grund kommen und die Hilfe Gottes in vielen Situationen des Alltags wird gar nicht wahrgenommen. So trifft manchen Menschen ein Schicksal, das ihn gar nicht hätte treffen müssen. Eine Hauptverantwortung dafür tragen dann die Männer und Frauen der Kirche.

Der Journalist: Kommt ein Schicksal auf jemanden zu, heißt es dann in der Kirche oft: "Das ist der unergründliche Ratschluss Gottes".

Der Theologe: Dabei hatte Gott immer wieder versucht, sich Gehör zu verschaffen und das Schicksal zu verhindern. Wir brauchen doch nur das Wort vom "Splitter und Balken" aus der Bergpredigt von Jesus ernst zu nehmen und uns einmal in den Situationen des Tages selbst beobachten. Jeder Tag gibt uns viele Hilfen.
Wer sich, anstatt bewusst im Tag zu leben, lieber viele theologisch-intellektuelle Gedanken macht, der kann leicht in Gedankenverstrickungen geraten. Sein Bewusstsein steht in der Gefahr, stumpf zu werden und sich von den möglichen lebendigen Gotteserfahrungen im Alltag immer mehr zu entfernen.
Auch dazu fällt mir ein Beispiel ein: Als ich einmal aus Versehen eine kleine Katze mit dem Auto überfuhr, spürte ich in dieser Situation wie selten zuvor das Leiden eines Tieres. Die Katze bewegte sich noch einige kurze Augenblicke, bevor sie starb, und ich stand verzweifelt daneben und wollte helfen, war aber hilflos.
In manchen anderen Situationen hatte ich aber das Leid anderer nicht oder kaum wahrgenommen. Und hat das nicht mit den Knäueln von Gedanken, hauptsächlich egoistischen Gedanken, zu tun, in die sich Menschen einspinnen können?

 

NACH INNEN HÖREN



Der Journalist:
Könnte der Unfall mit der Katze nicht auch eine Warnung sein?

Der Theologe: Ja. Ich könnte mich zum Beispiel auch fragen: Wer kommt sonst noch "unter meine Räder"? Andere Tiere? Menschen? Vielleicht trifft es eines Tages einen selbst, wenn man die Warnung nicht erkennt und etwas ändert.
Doch nicht alles, was der Tag bringt, hat mit Negativem zu tun. Die Hinweise des Alltags helfen uns zum Beispiel auch im Positiven, die beste Spur für unser Leben zu finden. Alles spricht zu uns. Vor bestimmten Entscheidungen kommt es zum Beispiel zu bestimmten Begebenheiten oder es finden Gespräche statt, deren Inhalt mir die Entscheidung erleichtern. Die Hilfe Gottes ist pausenlos zu meinem Wohl aktiv, und Gott kann aus allen Mündern zu mir sprechen. Das macht man sich manchmal viel zu wenig bewusst.

Der Journalist: Einige fragen dabei nach "Gottes Willen".

Der Theologe: Gott lässt uns immer die Freiheit, zu entscheiden. Er entscheidet nicht für uns und gibt uns in einer konkreten Situation auch keine "richtige" Entscheidung vor. Gott will, dass wir nach Seinen Geboten leben, und Er hilft uns, unsere Motive zu finden, damit wir Entscheidungen treffen können, die auch von ihrer Motivation her im Einklang mit den Geboten stehen.
Ich denke an Fragen, ob jemand eine bestimmte Person heiratet oder nicht, welchen Beruf jemand wählt, ob er lieber in den Süden oder in den Norden zieht oder ob er bleibt, wo er ist. Wir entscheiden selbst, doch Gott hilft uns dabei. Oft kommen auch Impulse, die wir in unserem Inneren wahrnehmen können, wenn wir vorher still werden und uns auf Gott in uns ausrichten. Bin ich dann wachsam und offen, diese zu erkennen, von negativen Einflüssen zu unterscheiden und die entsprechenden Schlüsse daraus zu ziehen? Dann kann ich immer besser nach Gottes Willen leben.
Gott will nicht, dass wir auf dem Weg zu Ihm Umwege gehen, doch Er bleibt auch auf unseren Umwegen bei und in uns.

 

VOM LEIDEN DER TIERE



Der Journalist:
Wenn ich es recht verstanden habe, geht es um eine innere Führung in bestimmten Situationen, wobei äußere Anlässe helfen können, diese wahrzunehmen.
Eine weitere Frage zu dem Beispiel mit der Katze: Wie verhält es sich mit den Tieren? Gilt auch für sie "Saat und Ernte"?

Der Theologe: Beim Leiden der Tiere geht es, was die Tiere selbst betrifft, nicht um "Saat und Ernte". Die Tiere haben im Unterschied zu den Menschen nicht negativ gesät, sondern viele wurden durch negative menschliche Verhaltensweisen, zum Beispiel Aggressionen, so geprägt, wie sie heute sind. Dies hat sich über unvorstellbar lange Zeiträume hinweg so entwickelt, also über Äonen, vor allem bei so genannten "Raubtieren". Dass diese Entwicklungen im Tierrreich aber nicht ursprünglich sind, wird ja auch an der großen Friedensreich-Vision des Propheten Jesaja deutlich, in der es unter anderem heißt: "Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern ... Kühe und Bären werden zusammen weiden ... und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder" (11, 6-7). So war er einst, und so wird es wieder werden, wenn der Mensch sein Verhalten untereinander und gegenüber den Tieren komplett ändert.

Bis dahin ist jedoch das grausame Leiden der Tiere in Tierversuchen, bei Massentierhaltung, in Schlachthöfen, bei Tiertransporten, in verseuchter Umwelt, bei der Jagd und auch bei Unfällen unmittelbar oder mittelbar auf menschliche Ursachen zurückzuführen. Und so könnte das derzeitige furchtbare Leid der Tieree auch ein Vorbote sein für das, was eines Tages auf Menschen zu kommt, wenn diese ungesühnten Ursachen als Wirkungen auf den Verursacher, den Menschen, zurückfallen. Ist uns überhaupt bewusst, was wir den Tieren antun?

Der Journalist: Gehört zu dem, was auf die Menschen zurückfällt, auch die Krankheiten, die durch den Fleischgenuss hervorgerufen werden?

Der Theologe: Das Gesetz von Saat und Ernte gilt auch für unsere Essgewohnheiten, so dass man aus der Sicht der Tiere sagen könnte: "Ihr Menschen habt uns krank gemacht, jetzt esst ihr unsere Krankheiten." Für Menschen, die sich von den Körpern anderer Menschen ernähren, gibt es das Wort "Kannibalen". So dürften sich Menschen, die Tiere essen, nicht beschweren, wenn man sie als "Tierkannibalen" bezeichnen würde.
In der Schöpfungsordnung war das jedenfalls nicht vorgesehen. Nach dem biblischen Schöpfungsbericht ist der Mensch Vegetarier (1. Mose 1, 29-30). In der Bibel ändert sich das erst nach der "Sintflut". Angeblich stamme diese Veränderung auch von Gott. Doch wenn in diesem Zusammenhang von "Furcht und Schrecken" "über allen Tieren auf Erden" durch den Menschen gesprochen wird (1. Mose 9, 1 ff.), dann klingt das nicht nach einer "Erlaubnis Gottes", sondern nach einem "Weheruf" über die Menschen.
Und das damit verbundene Ja zum Fleischkonsum ist dann kein "göttlicher Wille", sondern ein "göttliches Wehe"? Immer mehr Menschen verzichten auf Fleisch, weil sie wissen, dass auch alles Leiden, das wir den Tieren antun, auf die Menschen zurückfällt, je nach ihrem Anteil. Und weil sie immer empfindsamer für das Leid der Tiere werden (vgl. dazu: "Der Theologe Nr. 7": Jesus und die ersten Christen waren Vegetarier und www.brennglas.com).

 

ES GIBT KEINEN STRAFENDEN GOTT



Der Journalist:
In der Bibel heißt es über Gott im Zusammenhang dieser Stelle weiter: "Auch will ich euer eigen Blut, das ist das Leben eines jeden unter euch, rächen ..." (1. Mose 9, 5)

Der Theologe: Das Wort vom Rächen macht deutlich, dass man Gott in der Bibel manche Menschenworte und -gedanken zugeschrieben hat. Gott ist kein Rächer und fordert kein Blut. Es ist das Gesetz von Ursache und Wirkung, welches die Ernte "einfordert", wenn die Saat nicht vor ihrem Aufgehen korrigiert wird. Diesem Gesetz entgeht kein Blutstropfen, den Menschen vergossen haben und kein menschlicher Rachegedanke.

Der Journalist: Gehen wir davon aus, dass das "Gesetz von Saat und Ernte" gilt. Doch weder diese Gesetzmäßigkeit und seine Auswirkungen werden den Menschen bekannt gemacht, noch wie man damit umgeht. Dann bleibt vieles beim Alten. Es ist dann unter Umständen ein schmerzhafter Kreislauf von immer wieder denselben oder ähnlichen Problemen ...,

Der Theologe: ... die sich irgendwann zu einem schweren Schicksal hier auf der Erde oder im Jenseits zusammenballen können.
Wenn jemand diese Gesetzmäßigkeiten verwässert oder verleugnet, dann treten an deren Stelle eventuell der "unergründliche Ratschluss Gottes", die "Geheimnisse Gottes" oder das Aushalten, Beten oder Klagen im Leiden - ohne möglicherweise den Grund dafür finden zu können. Dann ist es auch schwerer, sein Leben in die Hand zu nehmen und Negatives in Positives wandeln zu können.

Der Journalist: Sie sprechen immer wieder von "Gesetzmäßigkeiten" bzw. von einem "Gesetz". Aus den Kirchenlehren kenne ich das Wort "Evangelium"? Es wird dort als "frohe Botschaft" verstanden. Was hat das mit dem "Gesetz" zu tun?

Der Theologe: Das Wort "Gesetz" hat vor allem durch die lutherische Lehre leider einen negativen Beigeschmack bekommen. Dort wird in Anlehnung an Paulus zwischen "Gesetz" und "Evangelium" unterschieden. Ich kann es kurz für diejenigen erklären, die dies näher interessiert: Grundsätzlich heißt es im evangelischen Bekenntnis zum "Gesetz", es sei "eigentlich" "eine göttliche Lehre, welche lehret, was recht und Gott gefällig, und strafet alles, was Sünde und Gottes Willen zuwider ist" (Evangelische Bekenntnisschriften, Konkordienformel, Epitome V).
Daneben wird das "Gesetz" in der kirchlichen Lehre mit einem angeblichen "Zorn Gottes" in Verbindung gebracht. So heißt es, "das Gesetz zeigt allein an Gottes Zorn und Ernst, das Gesetz klagt uns an und zeigt an, wie er so schrecklich die Sünden strafen wölle mit zeitlichen und ewigen Strafen ..." (Evangelische Bekenntnisschriften, Konkordienformel, Apologie IV)
Demgegenüber spricht man in der Kirche nun von einem "Evangelium". "Das Evangelium aber sei eigentlich eine solche Lehre, die da lehret, was der Mensch glauben soll, der das Gesetz nicht gehalten und durch dasselbige verdammt, nämlich dass Christus alle Sünde gebüßet und bezahlet, und ihm ohne allen seinen Verdienst erlanget und erworben habe Vergebung der Sünden, ´Gerechtigkeit, die vor Gott gilt`, und das ewige Leben" (Konkordienformel, Epitome V).
Damit wird den Menschen gelehrt, der so beschriebene Glaube an Christus allein würde den Menschen zurück zu Gott führen, was ich für eine sehr gefährliche Irreführung halte. Dieser Glaube nützt nichts und macht sogar alles noch schlimmer.
Die evangelische Gegenüberstellung von "Gesetz" und "Evangelium" ist deshalb auch gefährlicher Unsinn. Es gibt kein "Evangelium", mit dem die Gesetze bzw. Gesetzmäßigkeiten des Lebens außer Kraft gesetzt werden können. Diese Gesetze bzw. Gesetzmäßigkeiten sind gerecht. Sie beinhalten aber auch die "Barmherzigkeit Gottes", der dem Menschen bzw. der Seele immer wieder Chancen und Handreichungen gibt.

Der Journalist: Hier im evangelischen Bekenntnis ist aber von einem zornigen und strafenden Gott die Rede.

Der Theologe: Ja. Das wird dort geglaubt. Doch Gott strafte und straft nicht, und Er war und ist auch nie zornig im menschlichen Sinne, dass Er sich wie ein Mensch erregen würde. Es gibt aber den göttlichen Ernst.

Der Journalist: Wenn das so ist, dann kann es folglich auch nicht stimmen, dass ein Zorn Gottes gesühnt werden musste?

Der Theologe: Die Lehre vom "Opferlamm" Christus, mit dem angeblich ein Zorn Gottes gesühnt wurde, ist nur eine menschliche Vorstellung. Jesus wollte mit den Menschen das Friedensreich auf dieser Erde aufbauen. Zum "Sühnopfer" bzw. "Opferlamm" wurde er erst, als die Menschen ihn im Stich ließen. Von Gott her war die Erlösung nicht als blutiges Ereignis geplant, weil in Seiner Welt überhaupt kein Blut fließt (weitere Hintergründe siehe hier). Gott straft auch keinen. Er kann nicht strafen, weil es bei Ihm überhaupt keine Strafe gibt. Auch einen Zorn Gottes, so wie es in den Kirchen gelehrt wird, gibt es nicht und hat es nie gegeben. Das sind alles Vorstellungen aus den Köpfen von Gott getrennter Menschen.
Es gibt nur das ernste Ringen Gottes um die Menschen, das durch das Prophetische Wort auch in klaren, kraftvollen und manchmal scharf klingenden Worten zum Ausdruck gekommen ist, wenn sanftere Worte zuvor nichts bewegten. Gute Beispiele dafür finden sich in vielen Prophetenworten im "Alten Testament", aber auch in den Weherufen von Jesus über die Schriftgelehrten und Pharisäer (Matthäusevangelium, Kapitel 23).
Anstatt in den unbeschönigten Jesus-Worten über die Theologen seiner Zeit aber die Liebe Gottes zu entdecken, aufzuwachen und umzukehren, interpretierten viele Menschen lieber einen angeblichen "Zorn Gottes" in die Worte hinein. Sie glaubten an "Strafen Gottes" anstatt in negativen Ereignissen die menschliche Selbstbestrafung im "Gesetz von Saat und Ernte" zu erkennen.
Dieses Gesetz beinhaltet so gesehen eben immer auch die Gerechtigkeit, die allem Geschehen über Inkarnationen, ja Äonen, zugrunde liegt. Doch daneben gibt es immer die Liebe und Barmherzigkeit Gottes, die uns in jedem Augenblick beisteht, wieder aus dem Negativen herauszufinden. Das geht unter Umständen nicht von heute auf morgen, sondern bedarf mehr oder weniger vieler Schritte, so dass wir von einer Evolution zurück zu Gott sprechen können.

 

VOM SO GENANNTEN "SÜNDENFALL"



Der Journalist:
Wenn Sie von einer "Evolution zurück zu Gott" sprechen, dann muss es doch auch einmal eine Entwicklung von Gott weg gegeben haben. Wie kann man sich das vorstellen? Wie ist es zum Beispiel zu diesem "Gesetz von Saat und Ernte" gekommen? Hat Gott es geschaffen?

Der Theologe: Nein, Gott hat es nicht geschaffen. Es ist durch die Menschen gekommen, die als freie Geistwesen im "Himmel" nicht mehr nach den Gesetzen Gottes leben wollten und ihre ursprüngliche Heimat verlassen haben.

Der Journalist: In der Bibel steht etwas von einem Sündenfall.

Der Theologe: Dieser Ausbruch aus der Ordnung Gottes war der Versuch, eine zweite Schöpfung neben die bereits geschaffene zu setzen.
In der biblischen Geschichte vom "Sündenfall", einer Geschichte mit vielen Bildern und Symbolen, erscheint dies als die Versuchung, "sein" zu wollen "wie Gott" (1. Buch Mose 3, 5).
Die Versuchung besteht darin, nicht mehr zum Lob und zur Ehre Gottes zu leben, sondern sich selbst darstellen zu wollen, selbst Schöpfer einer eigenen Welt zu sein, zur eigenen Ehre zu leben und zu diesem Zweck in Konkurrenz zu anderen zu treten. Damit wäre die ursprüngliche Einheit der Schöpfung zerbrochen.
Das Essen von bestimmten Früchten entgegen dem göttlichen Gebot, wie es in der Bibel erzählt wird, kann dann als Symbol dafür angesehen werden, wie jemand aus dieser Einheit mit Gott heraus tritt, um eine neue, eine zweite Ordnung zu schaffen. Die Möglichkeit dieses Handelns liegt in der "Freiheit" der Geschöpfe begründet, was ja auch in den Kirchenlehren so gesehen wird. Diese Freiheit wäre also vor sehr langer Zeit von einem Teil der Geistwesen "im Himmel" dazu benutzt worden, um die göttliche Ordnung zu verändern und eine Gegenordnung aufzubauen. Diese "Rebellion" aus dem Motiv des Hochmuts war eine erste negative Ursache, die eine entsprechende negative Wirkung hervorbrachte. Im Verlauf dieses "Falls" kamen nun weitere Ursachen und Wirkungen hinzu. Deshalb kann das "Gesetz von Saat und Ernte" eben auch als "Gesetz von Ursache und Wirkung" oder als "Kausalgesetz" bezeichnet werden. Der Stand dieser Entwicklung wird am Zustand dieser Welt deutlich.

Der Journalist: Sie haben bisher alle Fragen beantwortet und Sie berufen sich bei ihren Antworten auch auf Botschaften von Christus, die er nach Ihren Worten in unserer Zeit durch Prophetisches Wort gegeben hat. Wurde in diesen Botschaften über alle Themen gesprochen oder blieben wesentliche Fragen offen?

Der Theologe: Die Botschaften lösten das Versprechen ein, das Jesus nach den Worten des Johannesevangeliums gegeben hatte: "Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten" (Johannes 16, 12-13).
Alles Wesentliche liegt heute offen. Und die heutige Botschaft von Christus löste genauso Widerspruch aus wie die Botschaft des Jesus von Nazareth vor 2000 Jahren tat. Und so war es auch in allen den Jahren seither.

Der Journalist: Was meinen Sie mit dem "Widerspruch"?

Der Theologe: Wenn ich noch einmal beim Vaterunser anknüpfe und der Bitte "Dein Reich komme", dann kann man das ja auch so sehen: Der Himmel soll auf die Erde kommen. Es gibt allerdings Kräfte, die das verhindern wollen und welche die Welt so erhalten wollen, wie sie in der Folge des "Sündenfalls" entstanden ist: Mit der Herrschaft von Menschen über andere Menschen, mit dem Oben und dem Unten, mit der Ausbeutung der Schöpfung für ichsüchtige Zwecke und einigem mehr. Kurz: Mit allem dem Negativen, das manche für ihre Zwecke und für ihr Wohlleben ausnützen.

Der Journalist: Wenn ich bei diesem Thema an die kirchliche Lehre erinnere: In den Dogmen und Bekenntnisschriften wird, wie wir bereits besprochen haben, ja auch von Verdammnis, Hölle oder ewiger Gottferne gesprochen. Die Schöpfung würde demnach immer geteilt bleiben.

Der Theologe: Nach dieser Lehre wäre das so. Und durch die Drohungen mit der ewigen Gottferne wurden viele Menschen eingeschüchtert, in Angst versetzt und von den scheinbaren Rettungsangeboten der Kirche abhängig gemacht.

 

KEIN PFARRER KANN VON SÜNDEN LOSSPRECHEN



Der Journalist:
Welches sind die Rettungsangebote der Kirchen?

Der Theologe: Vereinfacht gesprochen der "rechte" Glaube und die Teilnahme an angeblich von Gott eingesetzten kirchlichen Handlungen, so genannten Sakramenten, in denen Gott wirken soll. Dabei geht es zum Beispiel um Sündenvergebung. Nach dem kirchlichen Glauben werden die Menschen durch Pfarrer oder Priester von den Sünden los gesprochen. Das ist aber gar nicht möglich. Jesus hat auch nicht gewollt, dass seine Nachfolger überhaupt Theologen, Priester oder Pfarrer werden.

Der Journalist: Was geschieht bei diesen kirchlichen Handlungen?

Der Theologe: In der katholischen Kirche gibt es die Formulierung "Dieser selbe Gott vergebe durch mich Sünder", gemeint ist der Priester. Das Wort "Sünder" klingt demütig, doch was steckt hinter der Formulierung? Und welches Bild ergibt sich, wenn man den Ablass einbezieht? Der Ablass gilt als der "Erlass einer zeitlichen Strafe vor Gott für Sünden, die hinsichtlich der Schuld schon getilgt sind" (Katechismus der Katholischen Kirche, München 1993, Nr. 1471). Hinter diesen Worten verbirgt sich zunächst die kirchliche Theorie, dass eine Schuld bereits durch das von der Kirche durchgeführte "Bußsakrament" getilgt sein könne.
Die nächste Frage aus kirchlicher Sicht wäre dann, wie mit möglichen Nachwirkungen der Schuld umgegangen werden soll. Auch hier spricht sich die Kirche die Verfügungsvollmacht zu, indem sie vorgibt, aus dem "Schatz der Genugtuung Christi und der Heiligen" über den Erlass oder Teilerlass für "zeitliche Sündenstrafen" "autoritativ" verfügen zu können. Dies geschieht "unter genau bestimmten Bedingungen" und sei sogar für Verstorbene im Jenseits möglich, deren Läuterungsweg dadurch verkürzt würde.
Das kirchliche Tun beim "Bußsakrament" bekommt zusätzliches Gewicht dadurch, dass es heißt, es sei "nach wie vor der einzige ordentliche Weg der Versöhnung mit Gott und der Kirche, wenn ein solches Sündenbekenntnis nicht physisch oder moralisch unmöglich ist" (Ordo poenitentiae 31, Katechismus, Nr. 1484). Das alles aber ist Humbug. Und bei diesem Thema wie auch bei vielen anderen nennen die Amtskirchen zudem "Gott" und "Kirche" in einem Atemzug, was eine Vereinnahmung und ein Missbrauch des Namens Gottes ist.

Der Journalist: Die Entstehung der evangelischen Kirche begann im 16. Jahrhundert mit dem Kampf gegen den Ablass der katholischen Kirche. Was ist aus dieser Auseinandersetzung um die "Buße" geworden?

Der Theologe: In der evangelischen Kirche neigt man heute immer mehr dazu, den Ablass zu tolerieren, was man ja an den evangelischen Reaktionen auf den Jubiläumsablass im Jahr 2000 gesehen hat. Proteste blieben fast ganz aus. Und auch in der evangelischen Kirche blieb ja der angebliche geistige Vollmachtsanspruch der Pfarrer auf diesem Gebiet erhalten. Mehrmals im Jahr habe ich als evangelischer Pfarrer zum Beispiel an einer so genannten "Gemeinsamen Beichte" teilgenommen. Dabei ist folgendes geschehen:
Zunächst betete ich als Pfarrer laut einige vorbereitende Gebetsworte, die in die Frage an die Anwesenden mündeten: "Vor dem heiligen Gott frage ich einen jeden von euch: Bekennst du, dass du schuldig geworden bist, und bereust du deine Schuld? Begehrst du die Vergebung deiner Schuld im Namen Jesu Christi? Glaubst du auch, dass die Vergebung, die ich dir zuspreche, Gottes Vergebung ist, so antworte: Ja."
Die Teilnehmer antworteten laut mit "Ja", woraufhin ich als Pfarrer fortsetzte: "Wie ihr glaubt, so geschehe euch. In Kraft des Befehls, den der Herr seiner Kirche gegeben hat, spreche ich euch frei, ledig und los: euch ist eure Schuld vergeben. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." Aus meiner heutigen Sicht ein ungeheure und gefährliche Irreführung der Menschen.
Die Teilnehmer antworteten schließlich mit "Amen", und der Pfarrer sagte darauf hin: "Gehet hin in Frieden!"

Der Journalist: In den Pfarrerworten ist die Rede von einem "Befehl", der der Kirche gegeben ist, so zu handeln. Wer hat der Kirche einen solchen Befehl gegeben?

Der Theologe: In den Kirchen wird gesagt, Jesus von Nazareth. Doch es gibt keinen Auftrag oder Befehl des Jesus von Nazareth an eine Kirche, so zu handeln. Worauf sich die Kirchen beziehen, ist die so genannte "Schlüsselgewalt", die ihr nach ihrer Lehre von Jesus angeblich verliehen wurde. Als Grundlage dafür dienen die Worte von Jesus an Petrus: "Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; alles was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein" (Matthäus 16, 19).
Was Jesus hier speziell dem Petrus sagte, ist aber eine allgemeine Gesetzmäßigkeit, die jeder für sein Leben anwenden kann, so eben auch Petrus, und die Jesus jedem anderen auch hätte sagen können. Deshalb heißt es im Matthäusevangelium auch einige Zeilen weiter, eben genau in dieser allgemeinen Form: "Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein" (18, 18).
Hier ist also weder von Priestern die Rede noch von einer Kirche, auch von Petrus nicht mehr, sondern Jesus spricht vom Gesetz von Saat und Ernte, und mit dem Wort "Himmel" ist in diesem Fall das Jenseits gemeint. Die Worte von Jesus erklären, dass sich das Leben im Diesseits im Jenseits fortsetzt: Die Menschen, die sich auf der Erde an etwas "binden", sich also Lasten auferlegen, die sie unfrei machen, werden auch als Seelen im Jenseits an diese Lasten gebunden und unfrei sein. Was aber auf der Erde gelöst, also bereinigt wird, davon wird der Mensch auch als Seele im Jenseits frei sein. Das ist die Bedeutung des Jesuswortes. Das Gesetz von Saat und Ernte erfährt also durch den Tod des Menschen keine Unterbrechung. Das Leben geht weiter, und eventuell mündet es in eine oder viele neue Inkarnationen.

 

VOM  PAPST



Der Journalist:
Das ist etwas anderes als die Deutung dieses Wortes in den Kirchen. Die katholische Kirche hat aus dem Wort an Petrus sogar die Macht des Papsttums abgeleitet.

Der Theologe: Von einem Papst sprach Jesus erst recht nicht, auch nicht von einem "Heiligen Vater" auf Erden. Im Gegenteil, in der Bibel heißt es: "Ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist" (Matthäus 23, 9). Und als Jesus einmal die Anrede "Heiliger Vater" (Johannes 17, 11) verwendete, meinte er damit Gott, seinen Vater "im Himmel". Welch eine Verhöhnung Gottes, wenn die Kirche trotz dieses Jesuswortes ihren Papst ebenfalls "Heiliger Vater" nennt und ihn damit praktisch als Gott anspricht.
Jesus, der Christus, wollte keinen Papst und er hat keinem Menschen eine Macht über andere verliehen, weder eine weltliche noch eine geistige. Auf "weltlichem" Gebiet sollen sich die Menschen untereinander auf Regeln des Zusammenlebens einigen. Und in geistiger Hinsicht hat Christus jedem Menschen die "Schlüssel des Himmelreichs" übergeben, das heißt: Sich mit seiner Hilfe im Gesetz von Saat und Ernte zu erkennen, zu bereuen, um Vergebung zu bitten, zu vergeben und das erkannte und bereinigte Negative mit seiner Kraft nicht mehr zu tun.

Der Journalist: Was ist dann die Funktion des Papstes, wenn Jesus ihn nicht wollte?

Der Theologe:
Ein Papst ist ein Verkünder von Dogmen und theologischen Spitzfindigkeiten, der die schlichten Worte von Jesus verändert, verfälscht und vielfach in ihr Gegenteil verkehrt hat. Und er ist ein Lenker einer machtvollen Institution, die mit ihren Dogmen und Inszenierungen die Menschen letztlich in die Irre führt und einschüchtert. Ein Papst lässt sich von den Gläubigen als angeblicher Stellvertreter von Christus verehren. Doch Christus wird von ihm mit Sicherheit nicht "vertreten", denn Christus ist ja "vertreten" in jedem von uns, nämlich in unserem Inneren. Der Sohn eines Zimmermanns braucht also keinen in Purpur und Seide gewandten Papst, und jeder kann sich selbst eine Antwort geben, wer anders vielleicht eine solches Amt und eine solche Institution für seine Zwecke braucht.
Jesus war ein Mann des Volkes und nicht der Kirche. Und wer ihm nachfolgt, bleibt ebenfalls ein Mann oder eine Frau des Volkes: Er stellt dann keine Ansprüche, etwas Besonderes zu sein oder vielleicht zu werden, und er inszeniert kein kultisches Gaukelspiel und keine mediengerechten Zeremonien, bei denen fehlerhafte Menschen gefeiert oder "heilig" gesprochen werden. Auch schmückt ein Nachfolger von Jesus sein Haupt nicht mit allerlei Spezialhüten oder Mützen oder trägt als Zeichen seiner Nachfolge auch als Mann "Frauengewänder" oder spezielle rote Schuhe.
Nach kirchlicher Lehre müssten sich derzeit [2010] 264 Päpste im "Himmel" aufhalten oder dorthin unterwegs sein, was für viele Seelen wohl ein Grund ist, den betreffenden Ort im Jenseits zu meiden. Geht man von einer Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung aus, werden dort aber wohl deutlich weniger Päpste sein, denn wer einmal Papst war, will es vielleicht bald wieder werden. Man würde mit dem entsprechenden Bewusstsein dann auch sehen, welche dunkle Seele es bisher am häufigsten auf den Papstthron geschafft hat.

 


BITTE UM VERGEBUNG FÜR KIRCHLICHES HANDELN



Der Journalist:
Haben Sie dafür um Verzeihung gebeten, dass Sie als Pfarrer noch nach der kirchlichen Beicht- und Bußlehre handelten?

Der Theologe: Ich habe zum Beispiel alle Menschen in Gedanken um Verzeihung gebeten, die an den von mir verantworteten "Beichten" teilgenommen haben. Ich weiß nicht, wie viele Menschen sich damals in der falschen Sicherheit wogen, es sei dadurch etwas vergeben worden, was noch nicht vergeben war.

Der Journalist: Können Sie das näher erläutern?

Der Theologe: Ich kann dazu ein Beispiel erzählen: Nehmen wir an, jemand empfindet Schuldgefühle seinem von ihm geschiedenen Ehepartner gegenüber. Beide gehen nun getrennte Wege, doch vieles aus der Vergangenheit ist nicht aufgearbeitet, eventuell überlagern Vorwürfe an den anderen die volle Erkenntnis der eigenen Schuld. Mit gemischten Gefühlen nimmt der Mensch jetzt an der Gemeinsamen Beichte teil. Ihm wurde nicht gelehrt, dass eine Schuld zum Beispiel erst vergeben sein kann, wenn auch der an dieser Schuld Leidende dem Betreffenden vergibt. Davon ist der ehemalige Partner aber eventuell noch weit entfernt.
Bei der kirchlichen Beichte spricht der Pfarrer im Namen Gottes nun den einen "frei, ledig und los". Dieser glaubt vielleicht daran und betrachtet die Angelegenheit als bereinigt. Mögliche spätere Gewissensbisse bringt er in sich zum Schweigen, auch eventuell tiefer gehende Empfindungen über seinen Anteil Schuld. Ihm sei ja von Gott vergeben worden. Möglicherweise wurde ihm vom Pfarrer in einem Einzelgespräch sogar noch empfohlen, einfach fester zu glauben, dass ihm vergeben sei. In der Zwischenzeit gerät sein ehemaliger Partner immer mehr auf die schiefe Bahn und setzt weitere negative Ursachen. In seinen Gedanken und Gefühlen macht jener nun immer heftiger seinen früheren Partner dafür verantwortlich, dessen Schuld ja scheinbar mithilfe des Pfarrers vergeben worden sei. Kann dieser nun sagen: Ich habe mit dem heutigen Leben des ehemaligen Partners nichts mehr zu tun, denn mir ist dank des kirchlichen Sakraments vergeben worden, für mich ist die Sache in Ordnung? In der Bergpredigt spricht Jesus von einer ähnlichen Situation und sagt: "Darum: Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe" (Matthäus 5, 23 f.).
Sinngemäß heißt das: Wenn du dich Gott zuwenden willst und du spürst, dass es in der Beziehung zu einem Menschen nicht stimmt, dann gehe zu dem Menschen und bringe das Verhältnis in Ordnung. Diese Zusammenhänge bei der Vergebung stehen auch hinter dem Text des Vaterunser, wie es auch in den Kirchen gebetet wird: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern". Also: Erst wenn die Menschen sich untereinander vergeben haben, kann die jeweilige Schuld weggenommen werden. Gott könnte uns nach einer echten Reue zwar sofort vergeben, und Er ist sofort dazu bereit. Doch es kommt auch auf unseren Nächsten an. Denn Gott liebt alle gleich, und auch in unserem Nächsten ist Gott. Wie wäre es nämlich, wenn demjenigen komplett vergeben ist, der einem anderen zum Beispiel mit Absicht Schaden zugefügt hatte und der hinterher gebebet hatte ´Gott vergib mir`? Ist für den Täter dann alles in Ordnung? Obwohl der Geschädigte in seiner Not noch nicht vergeben kann und vielleicht deswegen selbst schuldig geworden ist? Zum Beispiel, indem er etwas Böses tat, was er ohne das Leid, was ihm zuvor angetan wurde, nicht getan hätte? Wäre das gerecht, wenn diesem zum Beispiel wegen dessen mangelnder Einsicht nicht vergeben ist, dem ursprünglichen Täter jedoch schon? Die feinen Zusammenhänge von Saat und Ernte können niemals durch ein kirchliches "Sakrament" oder eine Zeremonie oder ein religiöses Erleben eines Beteiligten einfach aufgelöst werden.

 

VERSÖHNUNG



Der Journalist:
Kann derjenige, der sich ehrlich versöhnen will, noch etwas tun, damit auch der andere zur Versöhnung bereit wird?

Der Theologe: Wer sich versöhnen will, schaut seinen eigenen Schuldanteil schonungslos an und bereinigt ihn, ohne zu erwarten, dass dies der Nächste auch tut. Wer es so hält, dem hilft Gott auf vielfache Weise. Und auch der noch nicht zur Versöhnung Bereite bekommt immer wieder Hilfen, Schritte zur Versöhnung tun zu können; nicht nur im Diesseits, sondern auch im Jenseits.

Der Journalist: Die Versöhnung würde ja auch zu einer größeren inneren Freiheit führen.

Der Theologe: Es ist eine riesige Chance, von innen heraus freier zu werden und neue Wege gehen zu können. Umgekehrt: Wie große Schuld können sich Pfarrer aufladen, wenn sie scheinbar im Namen Gottes vergeben, obwohl weder ernsthaft bereut noch wirklich vergeben wurde. Wer kann schon in den Nächsten hineinschauen? Und welche weitere Schuld lädt sich derjenige auf, der sich durch sein selbst gewähltes Amt in einer Art "Mittlerposition" zwischen Gott und Mensch sieht obwohl er weder echte Gotteserfahrung hat noch versteht, was bei den Menschen wirklich los ist.

 

DAS KARMA DER PFARRER UND PRIESTER



Der Journalist:
Was sagen die katholische und die evangelische Kirche dazu?

Der Theologe: Nach der katholischen und evangelischen Lehre gilt zunächst Christus und nicht ein Pfarrer oder Priester als "Mittler" (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1546; Evangelische Bekenntnisschriften, Apologie XXI). Dennoch: Verhält sich nicht jemand exakt wie ein "Mittler", wenn er bestimmte Handlungen kraft seines kirchlichen Amtes als "Handlungen Gottes" ausgibt?
Im katholischen Katechismus heißt es dazu: "Christus selbst ist im kirchlichen Dienst des geweihten Priesters in seiner Kirche zugegen ... Die Kirche bringt dies zum Ausdruck, indem sie sagt, dass der Priester kraft des Weihesakramentes in der Person Christi, des Hauptes" handelt (Nr. 1548). Oder: "Das Amtspriestertum kann die Kirche deshalb repräsentieren, weil es Christus repräsentiert" (Nr. 1553). Der Bischofsweihe wird darüber hinaus die "Fülle des Weihesakramentes" zuerkannt, weswegen jeder Bischof auch als "Stellvertreter Christi" (Nr. 1560) bezeichnet wird.

Auch im evangelischen Katechismus heißt es: "Indem der Amtsträger Wort und Sakrament verwaltet, handelt Christus durch ihn. Die Apologie, eine lutherische Bekenntnisschrift von 1531, sagt, dass die Pfarrer ´die Person Christi um der Berufung der Kirche willen, nicht ihre eigenen Personen vergegenwärtigen, wie Christus bezeugt: ´Wer euch hört, hört mich`. Wenn sie das Wort Christi, wenn sie die Sakramente darreichen, reichen sie sie dar in Stellvertretung Christi`" (Evangelischer Erwachsenenkatechismus, Hannover 1975, 4. Auflage, S. 1164).
Bei der Zitierung dieses Bibelwortes wird die Lehre des Jesus von Nazareth einmal mehr verfälscht, denn Jesus sprach nie von Pfarrern und Priestern, sondern meinte alle seine Nachfolger. Doch die Kirche vereinnahmt seine Worte für eine Amts-Lehre, die zum Beispiel auch bei Taufen angewendet wird, wo es heißt, Gott taufe angeblich durch den Pfarrer - was inhaltlich vergleichbar der Theorie ist, dass Gott durch den Pfarrer angeblich Sünden vergeben würde.

Diese ganzen kirchliche Lehren, ob katholisch oder evangelisch, haben nicht das Geringste mit Jesus, dem Christus, zu tun. Jesus setzte niemals eine Institution ein, in der man aufgrund eines bestimmten Amtes plötzlich über bestimmte geistige Fähigkeiten verfügen könne. Das ist Unsinn, das istm wenn man es so nennen will, heidnischer vorchristlicher Götzenkult! Aber es wird präsentiert als angeblich "christlich" und das macht es noch schlimmer als alle Kulte aus vorchristlicher Zeit und schlimmer als alle gegenwärtigen Kulte, die sich nicht auf Christus berufen. Weil man auf diese Weise auch noch den großen Menschheitslehrer Jesus, den Christus, vereinnahmt und verfälscht und seine wirkliche befreiende Lehre den Menschen vorenthält.

Der Journalist: Handelt Gott überhaupt durch Menschen?

Der Theologe: Ja. Er handelt immer durch uns, wenn wir Seinen Willen tun, aber das hat mit einem kirchlichen Amt überhaupt nichts zu tun.

Der Journalist: Ist es grundsätzlich möglich, dass ein Mensch im Namen Gottes einem anderen etwas zuspricht, zum Beispiel ein Prophet?

Der Theologe: Auch ein Prophet spricht einem Menschen in der Regel nichts zu, obwohl das möglich wäre. Bei einem echten Gottespropheten spricht Gott durch das "Mundstück", den Propheten, und der Hörer kann prüfen, ob er die Prophetie annehmen möchte.
Prophet kann man auch nicht aus menschlichem Wollen bzw. aus eigener Entscheidung heraus werden. Ein Prophet wird aus der geistigen Welt bzw. von Gott aufgerufen, so, wie wir es von vielen Propheten im so genannten "Alten Testament" kennen. Und der Prophet vernimmt diese Berufung in seinem Inneren, wenn er weitgehend im Einklang mit den Geboten Gottes lebt. Der Gottesprophet führt Menschen auch nie zu sich selbst oder zu einer Institution, sondern immer zu Gott bzw. zu Christus, der in den Menschen selbst wohnt sowie in der ganzen Schöpfung.
Bei einem Zusprechen, wie in den Kirchen üblich, ernennt eine kirchliche Institution aber bestimmte Menschen aufgrund ihrer Berufsentscheidung und theologischen oder kirchlichen Ausbildung zu stellvertretenden Sprechern für ein angebliches Handeln oder Sprechen Gottes. Und die Menschen werden dort in der Regel schon als Säuglinge zu Mitgliedern der kirchlichen Institution gemacht, von der man sich nicht einmal durch späteren Kirchenaustritt komplett lösen können soll (mehr zu den Hintergründen siehe hier). Das ist "Schuld, Schuld, übergroße Schuld", wie es in manchen Klöstern und evangelischen Kommunitäten auch dauernd gebetet wird.

Der Journalist: Sie sprechen in diesem Zusammenhang vor allem von der Schuld der Pfarrer. Doch welchem Pfarrer ist diese Schuld bewusst?

Der Theologe: Der Pfarrer kann sich zum Beispiel fragen: Was ist, wenn das, was ich lehre, nicht der Wahrheit entspricht? Der Nächste glaubt nur deshalb daran und geht in die Irre, weil der Pfarrer behauptet habe, die Lehre käme von Gott. Doch was gibt dem Pfarrer die Sicherheit, dass es wirklich so sei? Oder: Was ist, wenn der Pfarrer im Namen Gottes etwas zu vergeben vorgibt, was noch gar nicht vergeben ist? Kann jemand wirklich guten Gewissens glauben, dass die Schuld, die er als Pfarrer vergibt, "Gottes Vergebung" ist? Woher weiß er denn das? Ist das nicht eine Parallele zur "Geschichte vom Sündenfall", in welcher der Mensch damit versucht wird, angeblich sein zu können wie Gott? Genau das passiert hier aber: Der Pfarrer setzt sich eigenmächtig an die Stelle Gottes.
Mancher Pfarrer mag einwenden, er müsse eben von Amts wegen so handeln. Doch seine Verantwortung kann er deswegen nicht auf andere abschieben und das Amt kann ihn auch nicht schützen. Er hat diesen Beruf ja selbst gewählt. Und jedem Pfarrer wird deshalb sein Anteil zu gewogen, für den er als Person verantwortlich ist, wenn Menschen in die Irre geführt und um große Chancen ihres Lebens gebracht werden.

Der Journalist: Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Der Theologe: Um beim eben genannten kleinen Beispiel zu bleiben: Der in der Kirche scheinbar "Losgesprochene" könnte sich später, eventuell im Jenseits, auf den Pfarrer berufen, wenn negative Wirkungen aus der ehemaligen Partnerschaft auf ihn zukommen. Der Pfarrer habe ihm doch im Namen Gottes vergeben, warum werde jetzt im Jenseits alles wieder aufgewühlt?
Der Pfarrer seinerseits kann sich nicht einmal mehr an diesen Menschen erinnern, denn nur bei der einen "Gemeinsamen Beichte" sind über 100 Menschen aufgestanden und haben vom Pfarrer die "Vergebung Gottes" bekommen - jeder in einer anderen Lebenssituation, die meisten davon dem Pfarrer völlig unbekannt.
Wie ist es nun also, wenn sich eines Tages herausstellt, dass die "Beichte" und die "Absolution" bzw. "Lossprechung" des einen Partners mitverantwortlich dafür war, dass es zu keiner wirklichen Aufarbeitung und Versöhnung der beiden gekommen ist?
Und das ist jetzt nur ein einziges Beispiel. Unter Umständen hat ein Pfarrer, wie es seine berufliche Pflicht ist, bei Tausenden "die Beichte abgenommen". Dazu kommen zum Beispiel die vielen Predigten. Und die kirchliche "Lehre von der Beichte" ist wiederum nur ein kleiner Ausschnitt des kirchlichen Lehrwerkes, in dem ein Irrtum in den anderen greift. Und für jede einzelne Irreführung wird der Pfarrer gemäß seines Anteils durch das Gesetz von Saat und Ernte einst zur Rechenschaft gezogen.

Der Journalist: Eventuell über mehrere Inkarnationen?

Der Theologe: Oder in den jenseitigen Welten, ...

Der Journalist: ... wo die Pfarrer und Priester gemäß ihres eigenen Glaubens nach dem Tod in den Himmel eingehen würden.

Der Theologe: Irgendwann, wenn sie keine verkopften und hochmütigen Theologen mehr sind, sondern zu Kindern Gottes geworden sind und alles bereut und wieder gutgemacht haben und ihnen auch von allen ihren unzähligen Opfern vergeben wurde. Mögliche Folgeschäden alleine durch das "Sakrament" der Beichte sind ja, wie gesagt, nur ein Detail. Denken Sie vor allem an die zahllosen Verbrechen kirchlicher Würdenträger, die noch nicht gesühnt sind, zum Beispiel an die Hinrichtung von Andersgläubigen, an Glaubenskriege, Kreuzzüge, an so genannte Hexenverbrennungen, an die Judenverfolgungen oder daran, dass man Tieren heute noch abspricht, eine Seele zu haben, und dass man Tierversuche und den Mord an Tieren erlaubt und vieles, vieles mehr. In den Seelenreichen ist alles offenbar, was heute noch verborgen ist, wovon vieles aber durch die Kinderschänder-Verbrechen von Pfarrern und Priestern seit dem Jahr 2010 an die Öffentlichkeit dringt. Und alle Verbrechen fallen, so sie nicht rechtzeitig vergeben und wieder gut gemacht sind, früher oder später auf die Verantwortlichen zurück, und dazu zählt nach meiner Überzeugung auch das Leid, das wir den Tieren angetan haben.

Der Journalist: Ist das vielleicht einer der Gründe, warum in den Kirchen das Gesetz von Saat und Ernte und das Wissen um die Reinkarnation nicht mehr gelehrt wird? Dann müssten die kirchlichen Obrigkeiten ja lehren, dass sie auch selbst darunter fallen und dass sich die zahlreichen ungesühnten Verbrechen der Kirchengeschichte noch auswirken, sofern die Wirkung nicht schon eingetreten wäre?

Der Theologe: Allgemein geantwortet: Jemand, der um das Gesetz von Saat und Ernte weiß, wird sich anders verhalten als jemand, der glaubt, unter dem Deckmantel einer sofort alles verzeihenden Gnade möglichen Wirkungen entgehen zu können. Doch die Zukunft bringt alles bald an den Tag.

 

LEBENSBUCH, LEBENSFILM



Der Journalist:
Es gibt Berichte von Menschen, die einmal dem Tod sehr nahe waren, dann aber doch nicht gestorben sind. In vielen Berichten ist die Rede von einem Lebensfilm. Im Angesicht des Todes werden dem Sterbenden wie im Schnelllauf eines Filmes noch einmal viele Stationen seines Lebens bewusst. Kann man sagen, alle Saat des Lebens wird aufgedeckt?

Der Theologe: Auch der Rücklauf des Lebensfilms ist noch einmal eine große Chance, hier und da noch zur Reue zu finden und um Vergebung zu bitten. Früher oder später wird alles offenbar. Jeder dreht ja täglich seinen Lebensfilm und speichert in diesem Film, was er tut, sagt, denkt, fühlt und empfindet. Im Jenseits ist dies alles sichtbar, was im Diesseits noch verborgen werden kann. Wesentliches davon wird auch im "Lebensbuch", in der Seele, aufgezeichnet. Dieses Buch wirkt gleichzeitig wie ein Magnet, der nach dem Prinzip funktioniert: Gleiches zieht immer wieder Gleiches an. Positives zieht zu Positivem, Negatives zu Negativem. So kann man das Gesetz von Saat und Ernte auch von der Logik her gut erfassen.

Der Journalist: Zieht beim physikalischen Magnetismus nicht der positive Pol zum negativen?

Der Theologe: Ja, natürlich. Im Geistigen gibt es auch eine vergleichbare Polarität, nämlich die Anziehung von männlichem und weiblichem Pol. Wie beim physikalischen Magnetismus Positiv-Negativ zieht hier das Männliche zum Weiblichen und umgekehrt. Beim Satz "Gleiches zieht zu Gleichem" geht es aber hier nicht um diese Polarität, sondern um die Mentalität bzw. um den Grad der Reinheit oder Belastung der Seele. Das ist eine andere Form der Anziehung, aber trotzdem auch entsprechend den geistigen Gesetzen bzw. Naturgesetzen.

Der Journalist: Wenn auf jemanden etwas Negatives zukommt, so ist in seinem Lebensbuch also etwas entsprechend Negatives vorhanden gewesen?

Der Theologe: Sowohl eine negative als auch eine positive Aufzeichnung wirkt als ein Magnet, der wieder Ähnliches anzieht. Tritt zum Beispiel ein negatives Ereignis in mein Leben, dann war im Lebensbuch, in meiner Seele, ein entsprechender negativer Magnet aufgezeichnet. Ich erleide also jetzt, was in meinem Lebensbuch bzw. in meinem Lebensfilm bereits aufgezeichnet war, weil ich es zuvor einem anderen angetan habe und nicht bereinigt habe. So wirkt zugleich die Gerechtigkeit.
Mit diesem Bild kann man das Gesetz von Saat und Ernte und die möglichen Konsequenzen noch einmal gut zusammen fassen. Vergrößere ich das Schicksal, indem ich zum Beispiel im Leid Vorwürfe gegen andere aufbaue? Oder bereinige ich den zugrunde liegenden Magneten, indem ich mir zunächst bewusst mache: Was mir heute widerfuhr, habe ich einst anderen angetan? Das war der Magnet.
Oft spüre ich heute in meiner Empfindungswelt, was in meiner Seele geschrieben steht. Ich brauche dabei aber nicht zu wissen, inwiefern dies eventuell aus der einen oder aus mehreren vergangenen Inkarnationen stammt.
Für den, der Christus nachfolgen möchte, gilt in dieser Situation: Ich kann Christus um Hilfe bitten. Christus steht mir dann bei als Bruder bzw. als die innere Erlöserkraft. Das ist die Barmherzigkeit, die mir immer angeboten wird.
Doch auch viele Menschen, die von Christus nichts wissen oder nichts wissen wollen, vielleicht, weil sie gegenüber dem Kirchen-Christus eine Abneigung haben, haben dennoch einen Bezug zu dieser Kraft in sich.
Für alle gilt: Habe ich etwas Negatives erkannt, besteht die Chance darin, dies heute zu bereinigen. Nütze ich die Chance, dann werden die Seiten meines Lebensbuches bzw. die neuen Spulen des Lebensfilmes immer heller und klarer.

 

2.TEIL:

SAAT  UND  ERNTE,  REINKARNATION 
 BEI JESUS  VON NAZARETH,  IN  DER  BIBEL
UND  IM  URCHRISTENTUM
 


DAS RINGEN UM DIE WAHRHEIT



Der Journalist:
Im zweiten Teil des Gesprächs geht es vor allem darum, was Jesus von Nazareth und die ersten Christen zum Thema "Saat und Ernte" und "Reinkarnation" bzw. "Wiederverkörperung" lehrten. Doch zunächst die Frage: Was sagen die katholische und die evangelische Kirche zu dem von Ihnen so genannten "Gesetz von Saat und Ernte"?

Der Theologe: Obwohl das Gesetz von Saat und Ernte in der Bibel steht, sogar wörtlich im Paulusbrief an die Galater (6, 7), wurde in den Kirchen dieser Glaube relativiert. Das heißt: Es wird nicht mehr gelehrt, dass dieser Satz immer gilt.
Stattdessen wird die Aufmerksamkeit auf den "alleinigen" Glauben (vgl. Der Theologe Nr. 35) oder auf so genannte "Gnadenmittel" bzw. "Sakramente" oder kirchliche Handlungen gelenkt, wie zum Beispiel die Beichte (vgl. Der Theologe Nr. 32). Durch die kirchliche Beichte würde angeblich einiges oder alles einer eventuellen negativen Ernte hinweg genommen, worüber wir ja schon gesprochen haben.

Der Journalist: Und wie ist es mit dem Wissen um die Reinkarnation?

Der Theologe: Die Grundlage dafür wurde im Jahr 543 auf der Synode zu Konstantinopel und im Jahr 553 auf dem Konzil von Konstantinopel aus dem kirchlichen Glauben verbannt, nachdem es zuvor Auseinandersetzungen darüber gegeben hatte.
In Konstantinopel wurden konkret zwei Lehrsätze des "Kirchenvaters" Origenes (185/186-254) "verflucht", die Voraussetzung bzw. Ziel einer Wiederverkörperung bzw. Reinkarnation sind.
Bei den Lehrsätzen handelt es sich um ...

1.) ... den Glauben, dass die Seele eines Menschen bereits vor der Zeugung und Geburt dieses Menschen existiert.

2.) ... den Glauben, dass einst alle Menschen wieder den Weg zu Gott finden.

Origenes war nach den Worten seines Anhängers Rufin jemand, der darauf bedacht war, "nur das als Wahrheit [zu] glauben, was in nichts von der kirchlichen und apostolischen Überlieferung abweicht" (Rufin in Peri Archon I, Praefatio 2). Im Canon 9 des gegen Origenes gerichteten Dokuments der Synode von Konstantinopel wurden einige seiner Glaubenssätze jedoch verworfen (Denzinger-Schönmetzer, Enchiridion Symbolorum, Freiburg 1965, 34. Auflage, Nr. 403 und Nr. 411 bzw. Neuner-Roos, Der Glaube der Kirchen in den Urkunden der Lehrverkündigung, Regensburg 1971, 13. Auflage 1992, Nr. 325 und Nr. 891). Stattdessen setzte sich in der Kirche die Lehre durch, dass die Seele bei der Zeugung des Menschen durch Gott neu erschaffen und dass ein großer Teil der Menschen ewig verdammt werde (z. B. Neuner-Roos, a.a.O., Nr. 895-899, v. a. der als "unfehlbar" geltende Lehrsatz Nr. 896).
Schon ca. 150 Jahre zuvor hatte der Kirchen-Patriarch Theophiles von Alexandria Origenes zum ersten Mal verdammt und etwa ab dem Jahr 397 damit begonnen, die Vernichtung seiner ca. 2000 Schriften zu organisieren.
"Kirchenvater" Hieronymus (345-420) schildert zum Beispiel, wie die Truppen des kirchlichen Patriarchen urchristliche Gruppen überall in Palästina überfallen und die dort befindlichen Origenes-Schriften sofort verbrennen (Epistula 86; nach Robert Sträuli, Origenes, der Diamantene, Zürich 1987, S. 317).
Dort, wo die Kirche keine Einwände hatte, zitiert sie Origenes jedoch bis heute in ihren Dokumenten, allein im aktuellen katholischen Katechismus an zehn Stellen.
 


REINKARNATION BEI ORIGENES UND AUGUSTINUS



Der Journalist:
Hat Origenes auch an Reinkarnation geglaubt?

Der Theologe: Ja, auch wenn das schon auf dem Konzil von Konstantinopel im Jahr 553 offenbar nicht mehr allgemein bekannt war. Sonst hätte man es vermutlich gleich mit verdammt. Allerdings findet sich noch ein Beweis im ursprünglichen Edikt von Kaiser Justinian aus dem Jahr 543, in dem ein Satz gegen Origenes lautet: "Von den geistigen Wesen ist ein Teil, wie er meint, in Sünde gefallen, und zur Strafe in Leiber gebannt; nach dem Maße ihre Sünden werden sie sogar zum zweiten oder dritten Male und noch öfter in einem Leib eingekerkert, um nach vollendeter Reinigung in ihren früheren sünde- und leiblosen Zustand zurückzukehren" (zitiert nach Franz Diekamp, Die origenistischen Streitigkeiten im 6. Jahrhundert und das fünfte allgemeine Concil, Münster 1899, S.46).

Kirchliche Theologen verweisen demgegenüber jedoch auf den Kommentar von Origenes zum Matthäusevangelium, in dem unter anderem von der "irrigen Lehre von der Seelenwanderung" die Rede sei (Comm in Mat X, 20). Weiterhin kritisiert Origenes dort die "offenbar falsche" Lehre des Basilides, wonach die "Wiedereinkörperung der Seelen nach dem Tod" die angeblich einzige Strafe für die Sünden sei (Comm in Mat III) - eine Kritik des Origenes, die aus urchristlicher Sicht jedoch völlig korrekt ist: Denn die Wiederverkörperung ist weder eine "Sündenstrafe" noch gar "die einzige" "Sündenstrafe", sondern eine riesige Chance der Läuterung, Bereinigung und Wiedergutmachung. Doch führen die kirchlichen Leugner der Reinkarnation noch eine dritte Stelle in diesem Kommentar an, wo sich vermeintlich auch Origenes gegen das Wissen um die Reinkarnation wenden soll. Diese lautet: "Ich möchte nämlich nicht in die Lehrmeinung von der Wiedereinkörperung verfallen, welche der Kirche Gottes fremd ist ..." (Comm XIII I) und angeblich auch weder von den Aposteln überliefert sei noch "irgendwo in den Schriften" erscheine (siehe dazu die Untersuchungen in den nachfolgenden Kapiteln von "Der Theologe Nr. 2").

Hier besteht allerdings der starke Verdacht, dass der Origenes-Kommentar nachträglich gefälscht wurde. So hatte der Origenes-Schüler Rufin bereits im Jahr 398 zugegeben, die Schriften seines Lehrers dem kirchlichen Dogma entsprechend "zurechtgelegt" zu haben, um diesen vor dem kirchlichen Vorwurf zu schützen, ein Irrlehrer zu sein (Praefatio, a.a.O.).
Als man dann 1941 in Toura in Nordägypten 28 Papyrusblätter einer griechischen Originalschrift von Origenes fand - seines Kommentars zum Paulusbrief an die Römer -, ergab ein Vergleich folgendes Ergebnis hinsichtlich der späteren Überarbeitung des Textes durch Rufin: "Ein persönlicher, tief greifender und vielfältiger Eingriff in den Text" (Jean Scherer, Le Commentaire d´Origène sur Rom. III.5-V.7, Institut Francais d´ Archéologie, Kairo 1952).
Rufin fügte ein, ließ weg, vereinfachte, stellte um und änderte Wesentliches ab. Dass er dies vor allem dort tat, wo es um Reinkarnation geht, ist nahe liegend.

Dass es jedoch neben den Stellen im Matthäuskommentar von Origenes, die den Eindruck erwecken könnten, er glaube nicht an Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung, viele andere gibt, die das Gegenteil belegen, wird von kirchlichen Theologen meist verschwiegen. So ist z. B. eine Textstelle von Origenes überliefert, die - wie zu erwarten - bei Rufin fehlt, allerdings bei Hieronymus überliefert ist. Dort schreibt Origenes über den Menschen: "Dabei wechselt er seinen Leib ebenso oft, wie er beim Abstieg vom Himmel zur Erde seinen Wohnsitz wechselt" (Peri Archon I, 5,3 zitiert nach Origenes, Vier Bücher von den Prinzipien, Hrsg.: Herwig Görgemanns / Heinrich Karpp, Darmstadt 1976, S. 203-205).
Bei Hieronymus ist auch die Frage des Patriarchen Theophiles nachzulesen, der Origenes schließlich verdammt hatte: "Was aber soll es bedeuten, wenn er [Origenes] erklärt, die Seelen würden wiederholt an Körper gefesselt und wieder von ihnen getrennt" (Epistula 98, 11, zitiert nach De Principiis I, 8, Anh. I, a.a.O., S. 279).

Dass dennoch weiter gezweifelt wird, ob Origenes an Reinkarnation glaubte, hängt auch damit zusammen, dass einiges in der vorliegenden Textfassung von Origenes selbst oder von dem fälschenden Rufin vorsichtig oder in Frageform formuliert ist.
Man muss, so ein Beispiel, "aufmerksam und tiefer studieren und sehen, ob es möglich ist oder nicht, dass sie [die Seele] ein zweites Mal in einen Leib eintritt ..." (Johanneskommentar VI, Kap. 7)
Wenn jemand bestimmte Voraussetzungen nachweisen kann, dann, so Origenes, "folgt daraus zwingend, dass das körperliche Sein nicht ursprünglich ist, sondern in zeitlichen Abständen ins Dasein tritt ... und dies geschieht immer fort" (Peri Archon IV, 4, 8).
Die Geschichte von Jakob und Esau im 1. Mosebuch der Bibel (Kap. 25 ff.) kommentiert Origenes wie folgt: "Wir müssen so annehmen, dass er [Jakob] aufgrund von Verdiensten eines früheren Lebens ... dem Bruder vorgezogen wurde" (Peri Archon II, 9, 7).
Allgemein erläutert Origenes die Möglichkeit, "dass jemand infolge irgendwelcher früherer sittlicher Leistungen jetzt [in diesem Leben] ein Gefäß der Ehre wird, und dann, wenn er nicht tut, was einem Gefäß der Ehre entspricht und angemessen ist, für eine andere Lebensperiode ein Gefäß der Unehre wird" (Peri Archon III, 1, 23).
Kirchliche Theologen, die Origenes seinen Glauben an die Reinkarnation absprechen wollen, deuten seine Aussagen über frühere und spätere Leben jedoch um: Entweder ausschließlich auf ein früheres Leben der Seele im Jenseits bezogen; oder sie behaupten, er hätte ein Leben vor einem angeblichen "Urzustand" der Schöpfung gemeint bzw. ein Leben in "neuen" Zeitaltern nach dem Ende dieser "Weltzeit", wobei offen bleibt, was man genau in diese Vorstellung hinein fabulierte.
Anders zum Beispiel der Schweizer Forscher Robert Sträuli, der die Bibelauslegung des bekannten Origenes-Schülers Didymos (313-398) an einem Beispiel erläutert und der schreibt, "wie selbstverständlich an der Christenschule zu Alexandria damals die Lehre von der Wiedergeburt noch Bestandteil der christlichen Lehre war" (Sträuli, a.a.O., S. 229 ff; 312 f.).
Wogegen sich Origenes allerdings tatsächlich wandte, ist der Glaube an eine Seelenwanderung (Metempsychosis) von einer menschlichen Seele in Tiere oder Pflanzen, was auch der urchristlichen Lehre gar nicht entsprechen würde.
Da der urchristliche Glaube des Origenes von der Kirche jedoch bekämpft und teilweise verdammt wurde, sind allerdings, wie gesagt, nur noch geringe Reste seines Werkes erhalten.

Der Journalist: Ich glaube, manchen Menschen geht es heute wie Origenes. Sie sind in der Kirche aufgewachsen und wären durchaus bereit, die Kirchenlehren zu befürworten, wenn diese stimmen würden. Doch bei der Suche nach der Wahrheit finden sie etwas ganz anderes.

Der Theologe: Ja. Die Kirche weist deshalb gerne auf Leute wie "Kirchenvater" Augustin (354-430) hin, der sich für den katholischen Glauben entschied, obwohl er zum Beispiel betete: "... so sage mir, o Gott, mir, der dich anfleht in heißem Gebet, sage es in göttlichem Erbarmen, ob meine Kindheit einem schon vergangenen Leben gefolgt sei oder ob jenes dasselbe ist, welches ich im Mutterleib zubrachte? ... Doch was war ich noch vor jener Zeit, meine Wonne, mein Gott; war ich überhaupt irgendwo oder irgendwer?" (Confessiones 1, 6, 9 in der Übersetzung von O. Bachmann, Atlas-Verlag Köln, o. J., S. 9)
An der Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung störte Augustin, dass dann Folgendes denkbar sei: In einem Leben sind zwei Menschen Mutter und Sohn. Die Mutter stirbt, und ihre Seele inkarniert später wieder in einem Mädchen. Dieses wächst zur Frau heran und wird später die Frau des Sohnes (De Civitate Dei, X.30) - was durchaus möglich ist.
Gerade Verwandte inkarnieren oft mehrfach in die gleiche Familie, wobei sie jedoch nach der Gesetzmäßigkeit von Saat und Ernte die "Rollen" innerhalb der Familie wechseln können. Behandelt z. B. ein Vater seinen Sohn nicht gut, kommt er womöglich in einem späteren irdischen Leben als Sohn dieses Sohnes zur Welt und muss nun am eigenen Leib erleben, was aus dem Sohn geworden ist, den er einst schlecht behandelt hatte und der nun auch zum Vater geworden ist.
Intellektuelle und verkopfte Kirchenmänner wie Augustin sträuben sich natürlich gegen diese möglichen Aspekte von Gerechtigkeit, doch auch Augustins Suche war ja mit seinem Tod noch nicht abgeschlossen.


REINKARNATION IM URCHRISTENTUM



Der Journalist:
Können Sie über das eben Gesagte hinaus noch ausführlicher begründen, wieso das Wissen um die Reinkarnation zu den Grundlagen des christlichen Glaubens gehört?

Der Theologe: Dieses Wissen kann man bei allem, was Jesus lehrte, voraussetzen, und vielen Zeitgenossen war das auch klar.
Ich zitiere dazu zunächst einige Zeilen aus dem Buch Bruder Jesus - Der Nazarener aus jüdischer Sicht des bekannten jüdischen Religionswissenschaftlers Schalom Ben Chorin: "Der Gedanke der Wiedergeburt ist im Judentum der Zeit Jesu offensichtlicher Volksglaube ... So hielten die Leute Jesus für einen der alten Propheten, der wiedergekommen ist (Luk. 9, 8 u. 19). Im Talmud finden sich oft merkwürdige Notizen, die auf einen Seelenwanderungs- oder Wiedergeburtsglauben schließen lassen, wie etwa die Bemerkung: ´Mordechai, das ist Samuel.` Hier will gesagt sein, dass der Jude Mordechai, der Onkel der Königin Esther, eine Wiedergeburt des Propheten Samuel war ..." (dtv-Taschenbuch, München 1977, S. 25)
Wer hier die Kompetenz des jüdischen Wissenschaftlers anzweifeln will, kann einwenden, dass der griechische Text des Lukasevangeliums von einer möglichen "Erscheinung" bzw. einer "Auferstehung" eines alten Propheten spricht und dass man daraus nicht zwingend auf eine Reinkarnation zurück schließen muss. Doch was wäre eine "Erscheinung" bzw. "Auferstehung" in einem neuen Körper anders als eine Reinkarnation? Es sei denn, man erklärt stattdessen, auf welche womöglich andere Weise der ursprüngliche und lange verweste Körper wieder jung und kraftvoll geworden wäre. Damit ist zwar noch kein biblischer Beweis für die Reinkarnation geführt, doch die Indizien sind sehr umfangreich. So gibt etwa der jüdische Feldherr und Historiker Flavius Josephus (37/38-100) im ersten Jahrhundert ebenfalls Hinweise auf den möglichen Glauben an Reinkarnation bei der einflussreichen Gruppe der Pharisäer. Josephus war fast ein Zeitgenosse von Jesus. Außerdem schrieb später auch Origenes (wahrscheinlich 185-254), der sehr gründliche Studien durchführte, dass die Jerusalemer Juden, mit denen Jesus sprach, offenbar an Reinkarnation geglaubt hatten (Johanneskommentar VI, Kapitel 7).

Der Journalist: Sie sagten, Josephus war fast ein Zeitgenosse von Jesus, und er schrieb über die Pharisäer. Das interessiert mich. Was hat Flavius Josephus genau geschrieben?

Der Theologe:
Über den Glauben der Pharisäer hat er geschrieben, "zwar sei" demnach "jede Seele unvergänglich, es gingen aber nur die der guten in einen anderen Leib über, die der schlechten würden jedoch durch ewige Bestrafung gezüchtigt" (Flavius Josephus, Der jüdische Krieg, heraus gegeben von Otto Michel und Otto Bauernfeind, München 1962, 2. Auflage, S. 213 ff.). Dazu kann man zunächst sagen: Die näheren Umstände einer möglichen Reinkarnation wären hier pervertiert, wonach ja gerade die "Schlechten" in einer oder mehreren weiteren Inkarnationen ihr früheres Fehlverhalten wieder gut machen sollen, während die "Guten" nicht mehr zu inkarnieren brauchen, wenn sie wieder zum Leben im Geiste Gottes zurück gefunden haben. Außerdem wird natürlich von kirchlichen Gelehrten bestritten, dass mit dem "anderen Leib" im pharisäischen Denken ein irdischer Leib gemeint sei. Doch Josephus selbst versteht es vermutlich so, und er war ja Jude, der die Pharisäer gut kannte. Und er legt in einem anderen Zusammenhang seinen eigenen Glauben dar, der mit dem pharisäischen sehr verwandt ist. So warnt Josephus die jüdischen Soldaten davor, angesichts der Übermacht der römischen Truppen Selbstmord zu begehen, und er schreibt über jene, die sich nicht umbringen: "... ihre Seelen bleiben rein und gehorsam, sie erhalten den heiligsten Platz im Himmel, von wo sie im Umlauf der Zeiten wieder heilige Leiber beziehen dürfen. Wer aber im Wahn selbst Hand an sich legt, dessen Seele nimmt ein besonders finsterer Ort in der Unterwelt auf" (Der jüdische Krieg, a.a.O., S. 373). Was heißt das? Sich am heiligsten Platz im Himmel befinden und von dort aus einst "wieder heilige Leiber beziehen dürfen", was soll das wohl nach dem Glauben von Josephus für ein "Leib" sein? Noch einmal eine gesteigerte Form eines weiteren "himmlischen" Leibes, obwohl man sich schon zuvor am "heiligsten Platz im Himmel" befinden solle? So würden vielleicht durch kirchliche Theologie verschrobene Gehirne denken. Die Alternative: Josephus meint wieder einen "heiligen" "irdischen" Leib. Es handelt sich zumindest um ein starkes Indiz für einen möglichen Reinkarnationsglauben. Und solche und ähnliche Vorstellungen gehörten mehr oder weniger zum damaligen "Volksglauben", wie der jüdische Religionswissenschaftler Schalom Ben Chorin es ja bestätigt (siehe oben), so dass Jesus hier manches bei seinen Zeitgenossen voraus setzen konnte, was durch die kirchliche Tradition dann später völlig verschüttet worden ist.
Diese Entwicklung im kirchlichen Christentum bestätigt unter anderem der evangelische Theologieprofessor Hans Schwarz, der nach intensiven Recherchen über die Glaubensvorstellungen im 1. Jahrhundert schrieb: "Anscheinend war der Glaube an Reinkarnation so bekannt, dass seine Bilder dazu benutzt werden konnten, den weit weniger verbreiteten Glauben an die Auferstehung zu illustrieren" (Hans Schwarz, Wir werden weiterleben, Die Botschaft der Bibel von der Unsterblichkeit im Lichte moderner Grenzerfahrungen, Freiburg 1984, S. 51) - auch hier wieder das typische verkorkste kirchliche Denken. Denn praktisch sagt Professor Dr. Hans Schwarz hier einfach: Die Leute glaubten an Reinkarnation. Und über das 2. Jahrhundert schrieb er dann auch weniger verklausuliert: Wir müssen "erstaunt feststellen, dass die Reinkarnation eine weit verbreitete Idee war" (S. 50).

So kann man zusammenfassen:
Das Wissen um Reinkarnation war also in der Umwelt von Jesus in manchen Varianten bekannt, so dass er es bei seinen Lehren voraus setzen konnte. Das ist auch eine von mehreren Erklärungen dafür, warum nicht so viel zu diesem Thema überliefert ist. Die zweite Erklärung ist, dass diese Überlieferung nicht im Interesse der Kirche war, weshalb die meisten Zeugnisse nur außerhalb der Bibel in den so genannten "Apokryphen" (= verborgenen Schriften) erhalten blieben. Und hinzu kommt auch noch etwas Drittes, ganz Praktisches: Eine Gemeinschaft, die einem Friedensreich bzw. einem "Reich Gottes" auf der Erde zum Durchbruch verhelfen will, wird sich z. B. nicht allzu viel mit Reinkarnation beschäftigen, weder auf die Vergangenheit noch spekulativ auf die Zukunft bezogen. Sondern man wird sich mit aller Kraft um die Aufgaben der Gegenwart kümmern.
Doch bei allem, was die Gegenwart für den Einzelnen und für eine Gemeinschaft bringt, wendet Jesus ganz selbstverständlich immer wieder das "Gesetz von Saat und Ernte" an (siehe z. B. Jesus lehrte das Gesetz von Saat und Ernte). Und Tatsache ist nun einmal, dass dieses "Gesetz von Saat und Ernte" nur dann stimmig ist, wenn man frühere bzw. spätere Leben einbezieht, so dass das Thema "Reinkarnation" immer im Hintergrund steht. Zwar könnten frühere Leben theoretisch ausschließlich frühere Leben im Jenseits sein. Dass die Menschen jedoch nicht in diesseitigen, sondern angeblich nur in jenseitigen Vorleben Fehler gemacht haben sollen, wirkt jedoch sehr konstruiert und wird auch nirgends sonst in dieser Denkweise bestätigt. Nahe liegender ist auch von daher die Reinkarnation. Und wenn deshalb in der vormittelalterlichen Kirche Methoden entwickelt werden, wie man den Glauben an die "Präexistenz der Seele" bekämpft, der in den urchristlichen Gemeinden gelehrt wird, so zielt der Angriff letztlich auf das Wissen um die Wiederverkörperung. Und wenn dieser Glaube an die "Präexistenz der Seele" später auf dem Konzil von Konstantinopel (553) von der Kirche verdammt wird (siehe hier), was die Todesstrafe für den so Glaubenden nach sich zieht, so wird das Wissen um die Reinkarnation damit unausgesprochen, aber gezielt mit verdammt.
Interessant ist noch ein Beispiel dazu. So setzt sich etwa auch Kirchenvater Hieronymus (347-419) in seinem Brief an Demetrias mit dieser "Irrlehre" auseinander, die "sozusagen in gewissen Natterhöhlen viele heimliche Anhänger" habe (Kapitel 16, V.11-12). Doch warum "heimliche" Anhänger? Die Antwort dazu ist ganz klar: Ab dem Jahr 380 stand auf abweichende Glaubensvorstellungen vom Katholizismus bereits die Todesstrafe. Wer also an Reinkarnation glaubte, schwebte deshalb in höchster Lebensgefahr - vielleicht das einleuchtendste Argument dafür, dass die Urchristen, die darum wussten, seither eher vorsichtig tastend "nur" von der "Präexistenz der Seele" sprachen - ein Glaube, auf den ja bis zum Konzil von Konstantinopel noch nicht die Todesstrafe stand, sondern der bis zu den Jahren 543 bzw. 553 vom katholischen Zwangsstaat noch toleriert wurde.

Der Journalist: Sie haben im Zusammenhang der Reinkarnation auch Hieronymus erwähnt. War Hieronymus nicht maßgeblich an der Entstehung der Bibel beteiligt?

Der Theologe: Ja. In ihrer heutigen Form entstand die Bibel ja erst im späten 4. Jahrhundert. Hieronymus erhielt vom damaligen Papst den Auftrag, aus verschiedenen Bibelversionen einen einheitlichen lateinischen Text herzustellen. Und er glaubte ja anscheinend nicht an Reinkarnation, was auch die Abfassung der Bibel möglicherweise entscheidend beeinflusste.

Der Journalist: Welche Einflussmöglichkeiten hatte denn Hieronymus auf den Bibeltext? Oder wer hat sonst Einfluss genommen oder bestimmt, was denn letztlich in der Bibel stehen sollte?

Der Theologe: Da muss zuerst Papst Damasus I. genannt werden, der den Auftrag für die einheitliche Bibel gegeben hatte. Damasus I. hatte in den Jahren 366 und 367 nach blutigen Kämpfen zwischen seinen Anhängern und seinen Gegnern den Papstthron erobert. An einem Tag hat man in einer Kirche 137 Tote gefunden, die dort von den Anhängern des Damasus erschlagen wurden. Ich sage das deshalb, weil viele Menschen glauben, die Bibel sei vom "Geist Gottes" eingegeben, ohne zu wissen, welche "Geister" und Hintermänner bei ihrer Entstehung auch beteiligt waren.
Als Papst war Damasus I. bekannt für seine Prunksucht und "Schmäuse", "dass seine Tafel selbst ein Königsmahl in den Schatten stellt" (Ammianus Marcellinus, Röm. Geschichte 27, 3, 4, zitiert nach A. M. Ritter, Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen, Band 1, S. 173). Dieser Papst vergab nun also die Auftragsarbeit einer einheitlichen Bibel an Hieronymus. Und sein neuer Text, die so genannte Vulgata, ist von der katholischen Kirche auf dem Konzil von Trient (1545-1563) - also viel später - als "fehlerlos" erklärt worden (mehr dazu siehe in Der Theologe Nr. 14).
Dabei hatte Hieronymus an Papst Damasus I. in einem Brief folgendes geschrieben:
"Wird sich auch nur einer finden, sei er gelehrt oder ungelehrt, der mich nicht lauthals einen Fälscher oder Religionsfrevler schilt, weil ich die Kühnheit besaß, einiges in den alten Büchern zuzufügen, abzuändern oder zu verbessern? Zwei Überlegungen sind es indes, die mich trösten und dieses Odium auf mich nehmen lassen: zum einen, dass du, der an Rang allen anderen überlegene Bischof, mich dies zu tun heißest; zum anderen, dass, wie auch meine Verleumder bestätigen müssen, in differierenden Lesarten schwerlich die Wahrheit anzutreffen ist" (Evangelienrevision, Vorrede, MPG 29, Sp. 525 ff., zitiert nach Adolf Martin Ritter, Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen, Band 1, S. 181; siehe auch "Der Theologe Nr. 14" - Hieronymus und die Entstehung der Bibel).

Der Journalist: Der Herausgeber der Bibel ist also selbst nicht vom Wahrheitsgehalt überzeugt.

Der Theologe: Hieronymus kritisiert einige seiner Vorgänger als "unzuverlässige Übersetzer". Auch schreibt er von "Verschlimmbesserungen inkompetenter Textkritiker" oder über "Zusätze oder Änderungen unaufmerksamer Abschreiber" (Evangelienrevision, a.a.O., Vorrede).
Zwar gibt der "Kirchenvater" hier nur Einblick in die Entstehungsgeschichte der "lateinischen" Bibel, doch auch bei der griechischen Urtext-Überlieferung gab es vor allem in der Anfangszeit zahlreiche Überarbeitungen und auch Neugestaltungen. Weil die Evangelisten ihnen vorliegende Quellen nachweislich bearbeitet haben, nennt man sie deshalb ja auch "Redaktoren". So wie es eben heute "Redakteure" bei einer Zeitung gibt, welche die eingesandten Manuskripte der Journalisten in ihrem Sinne überarbeiten.
Zusammenfassend kann man sagen: Die biblischen Texte sind alles in allem das Werk der entstehenden Amtskirche mit ihren sich herausbildenden Dogmen.
Die "Sorge um die Revision der lat. Bibelübersetzungen" wird zum Beispiel "das größte Verdienst" von Damasus I. genannt (Ritter, a.a.O., S. 181). So enthalten die Texte zwar viele Anhaltspunkte über das Leben von Jesus, gelten aber nicht als geschichtlich zuverlässige Quellen.
Und alle erhaltenen Zeugnisse über Reinkarnation haben sich trotz der sich ganz anders entwickelnden Kirchenlehre erhalten. Was alles verloren ging, vernichtet oder nicht weitergegeben wurde, wissen wir nicht. Offenbar ist das Thema für Jesus aber auch nicht so wesentlich wie andere Themen gewesen.

Der Journalist: Was ist für ihn dann wesentlich?

Der Theologe: Jesus weist auf das kommende Friedensreich, das Reich Gottes, hin, das auf der Erde entstehen soll, wie es im Vaterunser heißt: "Wie im Himmel, so auf Erden". Dafür braucht es Menschen, die bereit sind zur Umkehr, zur "Buße", damit es nicht bei Worten bleibt, sondern auch entsprechende Taten sichtbar werden. Deswegen heilt Jesus zum Beispiel selbst viele Krankheiten. Auch lädt er die Menschen ein, sich Gott anzuvertrauen. Dies ist möglich, da Gott ein liebender Vater ist, der den Menschen in jeder Situation hilft, die Schritte hin zu Ihm tun zu können.

Der Journalist: Welche Rolle spielt dabei die Reinkarnation?

Der Theologe: Wenn der Mensch Jesus nachfolgt, findet er früher oder später aus dem "Rad der Wiedergeburt" heraus.
Wer sich über dieses Wissen hinaus jedoch viel mit dem Thema Reinkarnation beschäftigt, begibt sich in Gefahr, sich in Spekulationen über frühere Leben zu verwickeln oder sich damit wichtig zu machen, anstatt die Chance dieses Lebens zu nützen. Und nur auf das gegenwärtige Leben kommt es an, alles andere ist Vergangenheit. Da aber ja alles, was aus früheren Leben nicht bereinigt ist, nach dem Gesetz von Saat und Ernte zur rechten Zeit wiederkommt, damit es dieses Mal bereinigt wird, bedarf es nur der Wachsamkeit in diesem Leben. In diesem Sinne hat auch Jesus gelehrt.

 

DER BECHER MIT DEM "TRUNK DES VERGESSENS"



Der Journalist:
Einige Menschen lassen sich allerdings durch Hypnose in frühere Leben zurückversetzen. Man versteht solche Rückführungen als eine Reinkarnationstherapie. Und Menschen versprechen sich einen inneren Gewinn von dieser Erfahrung.

Der Theologe: Ich weiß allerdings auch von vielen gegenteiligen Erfahrungen. Das genaue Wissen um Situationen aus früheren Leben kann sehr belasten, kann den Menschen von den Aufgaben der Gegenwart ablenken, kann ihn sogar in Verzweiflung führen, wenn er das, was dann aufbricht, nicht auf einmal bewältigen kann.
So spricht Jesus im Zusammenhang der Rückkehr einer Seele aus dem Jenseits zurück in einen neuen menschlichen Körper - ähnlich wie auch der Philosoph Platon - von einem "Becher mit dem Trunk des Vergessens" (Das Evangelium der Pistis Sophia, herausgegeben von C. M. Siegert, Bad Teinach-Zavelstein 1991, 2. Auflage, S. 234).
Die fehlende Rückerinnerung dient dem Menschen als Schutz und hilft ihm, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Das "Sündhafte" wird zeitweilig "vergessen" und wird nur in dem Maße bewusst bzw. aktiv, in dem es bewältigt werden kann.

Der Journalist: Das steht so aber nicht in der Bibel.

Der Theologe: Die meisten Informationen zur Lehre der Reinkarnation finden wir, wie schon erwähnt, in so genannten "apokryphen" Schriften, die von der entstehenden Großkirche nicht in die Bibel aufgenommen wurden, und deshalb dort als "verborgen" (= apokryph) gelten.
Dieses Jesuswort entstammt einem Evangelium, das im 2. Jahrhundert entstanden ist und damit älter ist als die ältesten bekannten Handschriften der biblischen Evangelien aus dem 4. Jahrhundert.
Weitere Informationen oder Spuren zur Reinkarnation finden wir bei den so genannten "Kirchenvätern", deren Schriften ebenfalls älter sind und damit näher am Urchristentum als die biblischen Handschriften. Manche sprachen vom "Umgießen der Seelen", zum Beispiel der bekannte und auch in der Kirche anerkannte Clemens von Alexandrien (um 200; Stromateis III, 13, 3).
Die Seele braucht übrigens einige Zeit, um sich in dem jeweils neuen Körper zurecht zu finden und formt diesen in der Folgezeit gemäß ihren Speicherungen aus ihren Vorleben.
Die Frage, ob sie auch in einen Tierkörper inkarnieren kann, war damals Anlass für viel Spott und Streit. "Kirchenlehrer" Justin (ca. 110-165) verneint zum Beispiel diese Frage wie auch die andere Frage, ob die Seele nach ihrem Gang ins Jenseits Gott schauen kann..

Der Journalist:
Die Antwort wäre, wenn ich Sie recht verstanden habe, dass der Tod nichts daran ändert, ob jemand mehr oder weniger Gott schaut.

Der Theologe: Wir können den Tod mit dem Schlaf vergleichen. Auch er bringt uns Gott weder näher noch rückt er ihn weiter weg. Zum Vergleich: Die Seele verlässt auch im Schlaf den menschlichen Körper, bleibt aber durch ein "Silberband" mit ihm verbunden. Beim Tod wird das Silberband durchtrennt und eine Rückkehr der Seele in diesen Körper ist dann nicht mehr möglich. Aber dieser Vorgang ändert nichts am Charakter des Menschen und an dem, was er gesät hat und folglich ernten wird.
Das Silberband oder die Silberschnur wird übrigens auch in der Bibel erwähnt. Im Buch Prediger (oder Kohelet) heißt es: "Denk an deinen Schöpfer in frühen Jahren, ehe die Tage der Krankheit kommen, ... ja, ehe die Silberschnur zerreißt, ..." (12, 1.6a). Im hebräischen und aramäischen Handwörterbuch von Wilhelm Gesenius (17. Auflage, Berlin 1962) wird die Silberschnur auch als "bildliche Bezeichnung f. d. Lebensfaden" erklärt. Und der Prediger gibt den Menschen hier eine eindringliche Warnung mit: Lebt schon als junge Menschen nach den Geboten des Schöpfergottes! Denn wenn eines Tages "die Silberschnur zerreißt", ist die Chance vertan. Und wer weiß, wann das sein wird?

Der Journalist:
Von der Bibel noch einmal zu den "Apokryphen": Das Evangelium der Pistis Sophia, aus dem Sie vorhin zitierten, wird von der kirchlichen Geschichtsschreibung nicht zum Urchristentum gerechnet, sondern zur so genannten "Gnosis". Im Deutschen übersetzt man das Wort mit "Erkenntnis".

Der Theologe: "Gnosis" ist ja heute kein gebräuchliches Wort mehr, und man könnte es am ehesten mit dem vergleichen, was heute "Esoterik" genannt wird. Die entstehende Amtskirche grenzte sich damals von einzelnen Bewegungen ab, von denen sich manche selbst "gnostisch" nannten und die auch die Lehre von Jesus als "Gnosis" bezeichneten.
Doch das Urchristentum ist etwas anderes als diese so genannte "Gnosis". Die Urchristen sind eine eigene Bewegung, die immer in Gefahr stand, von der Kirche vereinnahmt zu werden oder auf der anderen Seite von so genannten "Gnostikern" vereinnahmt zu werden. Es war immer eine Gratwanderung. Wo man der kirchlichen Vereinnahmung widerstanden hat, ist es jedoch passiert, dass die Kirche urchristliche Bewegungen und Gruppen mit bei der "Gnosis" eingeordnet hat, die man kirchlicherseits genauso bekämpfte wie das Urchristentum. Doch zwischen "Gnosis" und urchristlicher Lehre und Leben bestehen teilweise erhebliche Unterschiede.
Zum Beispiel unterscheidet sich die urchristliche Lehre, dass die materielle Welt als Folge des "Sündenfalls" aus der geistigen Welt entstanden ist, von "gnostischen" Lehrsystemen, wonach es einen speziellen Schöpfergott der Materie gebe, der nicht mit dem gütigen Erlösergott identisch sei. Weiterhin waren die "Gnostiker" manchmal etwas weltfremde Theoretiker. Die Urchristen waren demgegenüber praktisch, natürlich und schlicht denkende Menschen, die meist auch in sehr lebensnahen Berufen ihren Lebensunterhalt verdienten, zum Beispiel als Handwerker.
So weit zum Thema "Gnosis". Noch ein Wort zu den "Apokryphen": Insgesamt gilt für sie das gleiche wie für die biblischen Schriften. Sie können Christliches und Nichtchristliches bzw. zutreffende Darstellungen und Fehler enthalten.
Für den urchristlichen Glauben kommt es zudem gar nicht auf das geistige Wissen an. Das praktische Tun steht im Mittelpunkt, zusammengefasst, das Leben nach den Zehn Geboten und der Bergpredigt des Jesus von Nazareth.

 

REINKARNATION IN DER BIBEL



Der Journalist:
Welche Spuren für Reinkarnation oder welche Reste dieses Wissens gibt es noch in der Bibel? Sie haben vorhin im Zusammenhang mit Origenes ja schon von möglicherweise wieder inkarnierten Propheten gesprochen?

Der Theologe: Ja. Jesus von Nazareth fragte z. B. einmal seine Jünger: "´Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?` Sie sprachen: ´Einige sagen, du seiest Johannes der Täufer, andere, du seiest Elia, wieder andere, du seiest Jeremia oder einer der Propheten`" (Matthäusevangelium 16, 13b-14). Mit anderen Worten: Einige glaubten, der kurz vorher hingerichtete Johannes sei entweder von den Toten auferstanden oder er sei womöglich gar nicht tot. Und andere glaubten, einer der alten Gottespropheten sei in Jesus wieder inkarniert.
Dies glaubten die Menschen auch schon von Johannes dem Täufer. Und Jesus von Nazareth bestätigt gemäß den biblischen Worten zum Beispiel den Glauben, Johannes sei der reinkarnierte Elia. So sagt Jesus laut dem Matthäusevangelium: "Und wenn ihr es annehmen wollt: er ist Elia, der da kommen soll. Wer Ohren hat, der höre" (11, 14).
Später entwickelt sich zu diesem Thema erneut ein Dialog, und es heißt in der Bibel wie folgt: "Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: ´Warum sagen denn die Schriftgelehrten, zuerst müsse Elia kommen?` Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Elia soll freilich kommen und alles zurecht bringen. Doch ich sage euch: ´Elia ist schon gekommen, aber sie haben ihn nicht erkannt, sondern haben mit ihm getan, was sie wollten`" (17, 12).

Der Journalist: Die Kirchenlehren deuten diese Stellen aber anders. Das Leben des Johannes sei demnach mit Elia vergleichbar.

Der Theologe: So steht das aber ausdrücklich nicht in ihrer Bibel. Es heißt dort, "Elia ist schon gekommen".
In der von mir vorhin genannten "Botschaft aus dem All" mit dem Titel Das ist Mein Wort wird allerdings auch erklärt, nicht das Geistwesen, das einst in Elia inkarniert war, sei in Johannes einverleibt gewesen, "sondern der Geist des Elia überstrahlte Johannes. Das Wesen, das in Johannes einverleibt war, ist im Geiste ein unmittelbarer Nachkomme ..." (a.a.O., S. 60)

Der Journalist: Gibt es weitere Hinweise auf die Reinkarnation in der Bibel?

Der Theologe: Ja. Im Jakobusbrief der Bibel wird etwa davor gewarnt, dass unsere Zunge das "Rad der Geburt" in Brand setzen kann (3, 6; vgl. Prediger 12, 6). Die Stelle lässt sich am treffendsten so erklären: Böse Worte können einen solchen "Brand" verursachen, dass der geistige Brandstifter deswegen erneut inkarnieren muss, um den Schaden zu beheben.

Der Journalist: Warum verschweigt die Kirche denn, dass hier vom "Rad der Geburt" die Rede ist?

Der Theologe: In der Luther-Übersetzung von 1984 wird das Wort "trochos tes geneseos" (= "Rad des Entstehens" bzw. "Rad der Geburt") überhaupt nicht übersetzt und stattdessen mit drei anderen Wörtern wieder gegeben, nämlich "die ganze Welt." Die Zunge könne, so die Luther-Bibel, "die ganze Welt" in Brand setzen - eine monumentale Aussage, über die man durchaus nachdenken kann, aber trotzdem eine glatte Bibelfälschung. Vergleicht man die Übersetzung von 1984 mit der in der Luther-Bibel von 1956, erlebt man die nächste Überraschung: Damals hatte die Zunge nach Luther noch "allen unseren Wandel" angezündet, eine etwas bescheidenere Fälschung im Vergleich zu "die ganze Welt". Das heißt: Luther fälschte hier zuerst die Bibel und die lutherischen Theologen fälschten anschließend noch einmal ihren Luther, so dass man möglichst nicht mehr das Ursprüngliche erkennt.
In der evangelisch-katholischen Einheitsübersetzung heißt es an dieser Stelle wenigstens noch "Rad des Lebens". Doch auch diese Übersetzung ist falsch. Denn sie streicht einfach den Aspekt der "Genesis", also des "Lebensbeginns" durch die Geburt, wie es im griechischen Urtext im Wort "geneseos" (= Genitiv von "genesis") zu lesen ist. In einer erklärenden Fußnote wird es dann noch falscher. Dort heißt es, mit dem "Rad des Lebens" (oder: "Kreis des Werdens") sei "wohl der ganze Lauf des Lebens und der Umkreis der menschlichen Existenz gemeint". So wurde in der Einheitsübersetzung aus dem "Rad der Geburt" schließlich der "Umkreis der menschlichen Existenz", was nicht mehr dem griechischen Wort im Urtext entspricht. Am Ende steht also auch hier, wie bei Martin Luther, eine Fälschung des Sachverhalts und bei dieser Stelle kann man es nachweisen. In zahllosen anderen Fällen ist das leider nicht mehr so leicht möglich. Auf diese und andere Weisen haben jedenfalls Theologen biblische Hinweise auf die Reinkarnation verdunkelt und einige Menschen glauben deshalb, das Wissen vom "Rad der Geburt" sei nicht biblisch-christlich, sondern wäre aus östlichen Religionen übernommen.

Der Journalist: Was mir das Beispiel der Einheitsübersetzung zeigt: Schon kleine Veränderungen in der Übersetzung können dazu führen, dass Leser einen anderen Sinn in die Worte hinein legen. Steckt dahinter eine Absicht?

Der Theologe: Was glauben Sie? Was oder wer steckt hinter der Kirche? Und wer hilft bewusst oder unbewusst mit? Ich habe diese scheinbar "kleinen" Veränderungen der Wahrheit selbst erlebt, als ich die Kirche verlassen hatte und mich deshalb manche Menschen nun in ein schlechtes Licht stellen wollten.
Bei dem Beispiel aus dem Jakobusbrief lässt sich wenigstens nachprüfen, was Luther und die Einheitsübersetzung aus der ihnen vorliegenden Quelle gemacht haben. Was aber ist mit der Überlieferung aus den ersten Jahrhunderten nach Christus, die heute niemand nachprüfen kann, weil Quellen vernichtet wurden oder als "nicht mehr erhalten" gelten? Wie sorgfältig sind kirchliche Theologen, die eine bestimmte Absicht hatten, mit dem Material umgegangen? Was haben sie gemacht, wenn es nicht mit ihrer Lehre übereinstimmte?

Der Journalist: Gibt es weitere Spuren für die Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung in der Bibel?

Der Theologe: Eventuell ging es auch im Gespräch von Jesus mit dem Pharisäer Nikodemus (Johannes 3, 1-11) um Reinkarnation. Das erklärt jedenfalls der Aramäisch-Forscher Günther Schwarz in dem Buch Das Jesus-Evangelium (München 1993, S. 22 f.). Dr. Schwarz erforschte ca. 30 Jahre lang die Muttersprache von Jesus und übersetzte die griechisch überlieferten Jesusworte zunächst zurück ins Aramäische und von dort neu ins Deutsche.

Weitere Spuren sind aber auch ohne solche Hintergrundüberlegungen zu finden: Über den Propheten Jeremia lautet zum Beispiel ein Prophetisches Wort: "Ich ... sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest und bestellte dich zum Propheten für die Völker" (Jeremia 1, 5).
Die Seele des Menschen existiert also schon vor der Geburt - eine biblische Lehre, die übrigens von der katholischen Kirche verdammt wurde (siehe vorne Das Ringen um die Wahrheit). So könnte man weiter überlegen: Wenn es das Geistwesen bzw. die Seele also schon vor der Geburt gab,
existierte es dann nicht auch schon vor der Zeugung des Körpers? Oder schafft Gott im Augenblick des menschlichen Zeugungsaktes eine neue Seele, wie es die Kirche lehrt? Und wenn wir von der Richtigkeit der Bibelstelle ausgehen, eine weitere Frage: Liegt es nicht näher, dass Gott ein "reifes Geistwesen" in einer "anderen Welt" zum Propheten aufruft als eine angeblich bei der Zeugung ihres Körpers neu geschaffene Embryo- bzw. Baby-Seele?
Gott beachtet außerdem den freien Willen, so dass es der Zustimmung des künftigen Propheten zu seinem Auftrag bedarf.

Der Vorgang der Inkarnation eines Geistwesens in einen menschlichen Körper ist übrigens auch am Beispiel von Christus selbst belegt. Jesus von Nazareth sagt, "ehe Abraham war, bin ich" (Johannes 8, 58), und in einem bekannten urchristlichen Hymnus heißt es von Christus:
"Er, der in göttlicher Gestalt war, ... entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an und ward den Menschen gleich" (bei Paulus, Brief an die Philipper 2, 6-7). So hat die Kirche im Jahr 451 auf dem Konzil von Chalzedon auch zum Dogma erhoben, dass Christus "wahrer Gott" und "wahrer Mensch" war.
Wenn er aber als Jesus von Nazareth "wahrer Mensch" war, warum sollte er dann als einziger aus einer anderen Welt in einen menschlichen Körper inkarniert sein, während für die Seelen der anderen Menschen nach römisch-katholischer Lehre gelten soll: Sie würden angeblich parallel zum Körper und in ihrer "Substanz" gleich der "Form des menschlichen Leibes" neu geschaffen (Neuner-Roos, a.a.O., Nr. 329)? Das würde ja auch bedeuten: Bei jedem menschlichen Zeugungsakt würde Gott eine neue Seele schaffen, deren ewige Seligkeit oder angebliche ewige Verdammnis er bei diesem Akt zudem vorher bestimmen bzw. vorhersehen würde (vgl. dazu hier in "Der Theologe Nr. 1"). Sonst hielte er diesbezüglich still.

Der Journalist: Das alles ist absurd. Doch die Christus-Hymne ist kein Beleg für die Reinkarnation.

Der Theologe: Aber ein dazu passender Hinweis, was bei einer Geburt geschieht: Ein Geistwesen oder eine Seele "geht" oder "schlüpft" in einen menschlichen Körper "hinein" und beginnt ihn zu durchdringen. Der Körper ist für die Seele so etwas wie ein Fahrzeug, mit dem sie sich auf dem Planeten Erde bewegen kann.

Der Journalist: So hätten Jesus und Jeremia im Jenseits ihren Auftrag angenommen.

Der Theologe: Ja. Wobei in der Bibel nichts darüber steht, ob das Geistwesen, das in Jeremia inkarniert war, schon vorher einmal oder mehrere Male auf der Erde war. Bei Christus war es nicht so.
Ein deutlicher Hinweis auf die Reinkarnation steht zudem im biblischen Buch Weisheit. Der Verfasser sagt dort von sich: "Ich war ein wohlgestalteter junger Mann und ... da ich edel war, kam ich in einen unbefleckten Leib" (8, 20). Man kann fragen: Wann oder wo war der Mann denn "edel"? Und wie "war" dann umgekehrt "einer", dessen Leib schon von Geburt an "Flecken" des Leides trägt? Der ganze Zusammenhang deutet auf Reinkarnation hin, ebenso wie eine andere Stelle des Buches.
Die dem Verfasser zufolge falsche Überzeugung mancher Menschen wird dort beschrieben mit den Worten: "Unsre Zeit geht vorbei wie ein Schatten, und wenn es mit uns zu Ende ist, gibt es keine Wiederkehr; denn es steht unverbrüchlich fest, dass niemand wiederkommt" (2, 1.5) - so also nach dem Verfasser des Buches Weisheit das falsche Denken. Was also wäre nach der Überzeugung des Buches Weisheit demnach das "richtige" Denken? Offensichtlich, dass es doch eine Wiederkehr gibt und dass man eben doch wiederkommt.
Das Buch Weisheit ist fester Bestandteil der katholischen Bibeln, in den evangelischen gehört es wiederum zu den "Apokryphen".

 

JESUS ÜBER DIE AUSWECHSLUNGEN DES KÖRPERS



Der Journalist:
Sie sprechen den so genannten "Kanon" der Bibel an, also den von der Kirche vereinbarten Inhalt dieses Buches.
Gibt es weitere Stellen zur Reinkarnation in diesen Apokryphen außerhalb der Bibel?

Der Theologe: Ja, zum Beispiel im Thomasevangelium, das 1945 von Bauern beim Pflügen in der Nähe von Nag Hammadi am Nil gefunden wurde. Es gilt mittlerweile als das bekannteste Evangelium außerhalb der Bibel.
Dort heißt es: "Jesus sprach: Heute wenn ihr euer Ebenbild seht, freut ihr euch. Wenn ihr aber eure Bilder seht, die vor euch geworden sind, ... wie viel werdet ihr ertragen?"
(V. 84)

Der Journalist: Unterscheiden sich diese Bilder so sehr von dem heutigen "Bild"?

Der Theologe: Es kommt darauf an, welche Inhalte aus der Seele unser heutiges Erscheinungsbild prägen. Möglicherweise gibt es auch Inhalte, die erst zu einem späteren Zeitpunkt oder in einer späteren Inkarnation aktiv werden und auf unser Aussehen einwirken. Dieses verändert sich ja auch durch bestimmte Lebenserfahrungen.
Es gibt aber noch viele weitere Beispiele. Im vorhin schon genannten Evangelium der Pistis Sophia spricht Jesus vom "Kreislauf" (S. 239) oder über "Kreisumläufe der Auswechslungen des Körpers" (S. 222) bzw. von einer Situation, da es einer Seele "nicht möglich wird, in die Höhe zum Licht zu gehen, und sie zurückkehren muss zum Auswechseln des Körpers" (S. 239).
Bei einer Reinkarnation würde ein Mensch, so Jesus, "wiederum in die Welt zurückgeworfen, übereinstimmend mit der Art der Sünden, die er begangen hat" (S. 186).
Dabei erhält die Seele einen Körper, "der ihren begangenen Sünden angepasst ist" (S. 201).
In diesem Zusammenhang fragt Maria zum Beispiel nach einem Menschen, der "keine Reue gefunden" hat, "obwohl er seine Anzahl von Kreisläufen im Auswechseln der Körper vollendet hat" (S. 227).
 
Hinter dieser Formulierung steht offenbar das Wissen, dass Reinkarnationen nicht unbegrenzt möglich sind. In das Friedensreich, das einmal auf der Erde entstehen wird - wovon schon der Prophet Jesaja sprach (vgl. Jesaja 11, 6-9) -, können sich keine schwer belasteten Seelen mehr inkarnieren (siehe "Das ist Mein Wort. Das Evangelium Jesu. Die Christus-Offenbarung, welche die Welt nicht kennt", a.a.O., S. 157). Und das könnte wiederum ganz konkret bedeuten: Viele der heute auf der Erde lebenden Menschen haben wohl schon kaum mehr eine Chance für eine neue spätere Inkarnation. Denn Wissenschaftler zeigen uns ja gerade in unserer Zeit, dass die Erde bald immer weniger Menschen ernähren kann und dass uns ein großer Kollaps noch bevorsteht. Vieles Seelen im Jenseits können danach nicht mehr zurück auf die Erde.

Jesus erläutert jedoch in diesem Beispiel, dass die Seele des damals Betroffenen, anders als Maria dachte, eventuell doch die Chance einer weiteren Inkarnation bekommt, in welcher der Mensch auf der Erde den Weg zum "Lichtreich" finden kann (S. 228). Und es heißt wörtlich: "Bei dieser Seele, für die ihr beten werdet, wenn sie sich im Drachen der äußersten Finsternis befindet, wird er seinen Schwanz aus seinem Maul ziehen und diese Seele freigeben." Oder aber: Boten "werden sie aus allen Gebieten entführen, wo sie auch ist" (S. 229). Doch selbst wenn auch in diesem Beispiel keine Inkarnation mehr möglich sei, können Boten des Lichts die Seele "prüfen" und sie "zum Lichtschatz" "führen" (S. 229).

Der Journalist: Sind noch mehr Details bekannt?

Der Theologe: Interessant ist beispielsweise das Wissen, dass manche Seelen ihre Schuld in einer einzigen Inkarnation abtragen können. So könnten Menschen gedacht haben, die von ihren kirchlichen Gegnern nach einem Mann namens Karpokrates "Karpokrater" genannt wurden. Leider ist nur der Spottbericht von "Kirchenvater" Irenäus, ihres Gegners überliefert, wonach sie angeblich lehrten, man müsse in einem Leben alle möglichen Sünden begehen, um nicht mehr reinkarnieren zu brauchen - also gerade das Gegenteil der Wahrheit. Die Vorwürfe von Irenäus gründen sich nach Worten des Religionswissenschaftlers G. R. S. Mead "augenscheinlich auf ein völliges Missverstehen, wenn sie nicht einfach aus wohlüberlegter Bosheit entsprangen" (G. R. S. Mead, Fragmente eines verschollenen Glaubens, Berlin 1902, S. 190). Irenäus gilt ja auch als der Vorläufer der späteren kirchlichen Inquisition, die Millionen von Opfern auf dem Gewissen hat, die vor ihrer Hinrichtung teilweise auch noch grausam gefoltert wurden.

 

FRÜHERE LEBENSLÄUFE ODER ERBSÜNDE?



Der Journalist:
Gab es in der Frühzeit des so genannten Christentums bereits viele solcher Kämpfe?

Der Theologe: Ja. Während der Prophetische Geist im jungen Urchristentum durch die amtskirchliche Entwicklung allmählich zum Schweigen gebracht wurde, verschwanden auch Grundlagen des urchristlichen Glaubens wie das Wissen um die Reinkarnation - im Jahr 389 ging zum Beispiel die große Bibliothek des Altertums in Alexandria in Flammen auf. Katholische Mönche der ägyptischen Kirche legten das Feuer im benachbarten "heidnischen" Serapis-Tempel und sowohl der Tempel als auch die Bibliothek brannten ab und mit ihnen wertvolle Dokumente des Urchristentums. So entwickelte die Kirche z. B. später eine so genannte Erbsündenlehre, wonach jeder Mensch die Sünde von Adam geerbt habe, obwohl die frühen Christen noch wussten, dass die Seele ihre Belastungen aus früheren Erdenleben wieder mit in weitere Leben nimmt.

Der Journalist: Gibt es hierfür weitere Belege?

Der Theologe: Ja. Und es machte die Urchristen auch barmherzig gegenüber ihren Mitmenschen. Denn einem fiel es vielleicht leicht, eine bestimmte Fehlhaltung zu lassen. Ein anderer jedoch hat auf diesem Gebiet eine massive Belastung aus Vorleben in dieses Erdenleben mitgebracht und er tut sich um vieles schwerer als sein Nächster. Wer das weiß, der wird seinen Nächsten nicht richten oder verurteilen, sondern er wird ihm mit Verständnis begegnen, wenn jener ehrlich darum ringt, ein neuer Mensch zu werden, aber wenn es bei ihm etwas länger dauert als bei anderen.
Ich möchte an dieser Stelle als weiteren Beleg noch auf ein anderes Dokument hinweisen, das die Kirche komplett verbrennen wollte, weil es für sie zu gefährlich war. Es handelt sich um die Interpretationen der Evangelien von Basilides, einem Mann, der in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts in Alexandria lebte und von der katholischen Kirche als "Gnostiker", das heißt als "Ketzer" angesehen wurde. Es bestand offenbar eine Verbindung von Basilides zu dem Jesusjünger Matthäus und über einen Schüler des Petrus, Glaucus, auch zu Petrus (Zeitenschrift Nr. 9/1995). Aus den Informationen außerhalb der Bibel, die nicht von der Kirche vernichtet werden konnten, wird deutlich, dass auch Basilides einiges über Reinkarnation wusste. G.R.S. Mead schreibt: "Die Menschen leiden, sagt Basilides, durch das, was sie in früheren Lebensläufen begangen haben" (a.a.O., S. 226). Das Leiden kommt also nicht durch eine "Erbsünde" in das Leben des Einzelnen, wie es in den Kirchen stattdessen geglaubt werden muss.

Der Journalist: Ist die Erbsündenlehre nicht auch ungerecht?

Der Theologe: Wie ist es, wenn ich gemäß dieser Lehre schon als Kind unter dieser finsteren Macht leben muss und eventuell leide, obwohl ich das gar nicht verursacht habe? Das zählt dann in den Kirchen zu den "Geheimnissen Gottes" und es haben schon viele deswegen an diesem Gott verzweifelt oder den Glauben an ihn abgelehnt.



GIBT ES EINE BIBELSTELLE GEGEN REINKARNATION?


 

Der Journalist: Es gab aber offenbar auch schon in früherer Zeit einzelne Glaubenssaussagen gegen eine mögliche Reinkarnation. In kirchlichen Schriften wird hierzu meist die Bibelstelle in Hebräer 9, 27-28a zitiert: "Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht; so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen". So hat es Martin Luther übersetzt. Das Wort "einmal" ist dabei von den Bibelherausgebern der Lutherübersetzung auch noch unterstrichen.

Der Theologe: Wenn hier etwas von deutschen Übersetzern unterstrichen wird, dann zeigt das doch schon, dass dieser Satz nicht so ohne weiteres verständlich ist oder mit ihm irgendetwas nichts stimmt. Sie können es in diesem Fall doch selbst leicht nachprüfen. Was glauben Sie, hat hier der Schreiber des Hebräerbriefes mit dieser Satzkonstruktion aussagen wollen?

Der Journalist: Das ist eben auf Anhieb nicht so klar. Ich muss es erst noch einmal lesen und mich da hinein denken. Die Unterstreichung der Luther-Anhänger soll den Leser wohl dazu bringen, dass er denken soll, es gehe hier möglicherweise darum, nur einmal zu sterben anstatt zweimal oder öfters. Ohne die Unterstreichung der deutschen Bibelgesellschaft würde ich den Satz aber anders lesen. Ich würde eher die Wörter Wort "sterben" und "geopfert" betonen. Also wörtlich dann: "Und wie es den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen." Denn jeder Mensch muss eben einmal sterben. Und "im Gericht", wie es dann weiter heißt, erntet er im Jenseits die Folgen seines Handelns. Es sei denn, Christus hätte ihm durch sein "Opfer" die Sünden zuvor weggenommen, was der Schreiber dieses Briefes glaubt. Doch über diese Sühnopferlehre im Hebräerbrief haben wir ja schon gesprochen, dass sie heidnisch ist und nichts mit Christus zu tun hat und dass sie nicht stimmt (siehe hier). Aber um dieses Thema würde es für mich bei diesem Satz hier gehen. Mit Reinkarnation oder Nicht-Reinkarnation hat das für mich nichts zu tun.

Der Theologe:
Diese Sühnopferlehre, wie sie hier geglaubt wird, kommt auch in der Bibel nur in diesem Hebräerbrief vor bzw. in Ansätzen bei Paulus (siehe dazu auch hier). Jesus hat, wie gesagt, solches nicht gelehrt, und mit Gott hat es auch nichts zu tun, denn der Schöpfergott braucht kein Menschenopfer zur angeblichen Besänftigung Seines Zorns wie dies in mörderischen Götzenkulten geglaubt wird. Und die Kirche weiß ja noch nicht einmal, wer diesen Hebräerbrief überhaupt geschrieben hat und in ihre Bibel hinein geschleust hat. Man ist sich in der theologischen Wissenschaft weit gehend einig, dass der Brief nur deshalb in die Bibel hinein gekommen sei, weil einige damalige Kirchentheologen glaubten, dass wohl Paulus der Verfasser sein müsste, was heute mehrheitlich bestritten wird.
Dann zu der Stelle in Kapitel 9, 27 selbst: Sie ist in der Tat gar kein Beleg gegen eine mögliche Reinkarnation, wie die kirchlichen Reinkarnationsleugner so gerne behaupten. Denn erstens: Die Betonung bzw. Unterstreichung des Wortes "einmal" kommt ja von den kirchlichen Theologen und sie steht überhaupt nicht im Urtext. Damit wird dem Verfasser des Hebräerbriefes von den Theologen in den Mund gelegt, er hätte hier gemeint, dass jede Seele nur "einmal" als Mensch auf der Erde lebe und folglich als Mensch "nur" einmal sterben müsse. So kann man das zwar schon zu interpretieren versuchen, es kann jedoch auch ganz anders gemeint sein. Denn die Bibelstelle ist insgesamt verworren. Kein normaler Mensch würde so reden. Deshalb gehen zweitens viele Theologen auch von einer Verstümmelung dieses Satzes bzw. einer späteren Überarbeitung aus.
Und es kommt für die Kirche drittens noch schlimmer: Die evangelisch-katholische Einheitsübersetzung der Bibel "übersetzt" den Beginn von Hebräer 9, 27 sogar mit den Worten: "Und wie es den Menschen bestimmt ist, ein einziges Mal zu sterben ..." Jetzt wird also von der Kirche kräftig in ihrem Sinne nachgelegt und die vermeintliche Bedeutung dieses Satzes wird noch weiter manipuliert. Wie schon bei der Stelle in Jakobus 3, 6, wo eindeutig vom "Rad der Geburt" die Rede ist (siehe hier), wird die Bibel auch hier durch die "Übersetzung" verfälscht. Im griechischen Urtext steht nämlich gar nicht "ein einziges Mal". Stattdessen haben die Kirchen mit dieser manipulierten "Übersetzung" offenbar hier gezielt einen Seitenhieb gegen das Urwissen der Reinkarnation anzubringen versucht. Doch diesem Hieb fehlt die sprachliche Grundlage. Das griechische Wort "hapax" heißt nämlich schlicht "einmal" und es könnte auch mit "erst" wieder gegeben werden. Deshalb übersetzte Luther hier richtig (siehe oben). Zwar könnte man das Wort in Ausnahmefällen auch mit "ein für allemal" übersetzen, doch diese Sonderbedeutung ist hier eben nicht gemeint, und sie würde der Kirchen wegen ihres kirchlichen Auferstehungsglaubens ja auch wieder nicht gefallen. Also "übersetzte" man einfach dreist mit "ein einziges Mal", obwohl das hier schlicht nicht steht. Daran sieht man einmal mehr, wie sich die Kirche ihre Bibel nach ihrem Gutdünken zurecht biegt.
Doch es gibt sogar noch ein viertes Argument gegen den kirchlichen Irrsinn. Selbst dann, wenn der Autor hier "einmal" im Sinne von "ein einziges Mal" gemeint hätte und selbst dann, wenn weiterhin dieser Satz tatsächlich ursprünglich so formuliert worden wäre, ist das noch immer keine Aussage gegen die Reinkarnation: Denn der Satz stimmt ja auf eine gewisse Weise sogar: Als der bestimmte Mensch XY muss dieser bestimmte Mensch XY ja tatsächlich nur "einmal" bzw. "ein einziges Mal" sterben. Und wenn seine Seele einmal einst in einem anderen Menschen wieder inkarniert sein sollte, dann muss dieser Mensch eben wiederum "einmal" sterben. Für den jeweiligen Menschen stimmt es so. Und die Seele ist ohnehin unsterblich - völlig unabhängig davon, ob sie nun einmal, zweimal, überhaupt nicht oder viele Male inkarniert.
Ich weiß nicht, ob man hier als normal denkender Mensch überhaupt noch folgen kann, und ich würde die Leute verstehen, wenn sie ärgerlich oder wütend werden, weil sie z. B. hier nicht mehr durchblicken. Doch das ist nicht unsere Schuld, sondern es liegt am Chaos der kirchlichen Bibelausleger, welche die Menschen in die Irre führen. Man kann denn Leuten nur raten, ihre Energie nicht mit solchem Unsinn zu vergeuden. Die Wahrheit ist einfach, nur die Lüge ist kompliziert.

Der Journalist: Ich betrachte die Auseinandersetzung um diese Bibelstelle schon als ein Ärgernis. Aber es zeigt mir vor allem eines: Was für die Kirche nicht sein soll, z. B. die Wiederverkörperung, das darf eben nicht sein. Dafür werden dann trickreich Argumente an den Haaren herbei gezogen.

Der Theologe: Doch wie immer dem auch sei. Zusammenfassend kann man sagen: Auch dieser in der Kirche besonders beliebte Bibelvers und sein Zusammenhang sind kein Dokument gegen das Urwissen um die Reinkarnation.

 

VOM BLIND GEBORENEN



Der Journalist:
Eine weitere Frage: Wie ist das beim Leiden von Kindern? Die Kirchenlehre, dies sei eben durch die Erbsünde bedingt und ein Geheimnis Gottes, halte ich für zynisch. Konsequent zu Ende gedacht würde die urchristliche Lehre der Reinkarnation auch darauf eine schlüssige Antwort geben. Das Leiden von Kindern hätte dann auch seine Wurzeln in früheren Leben.

Der Theologe: Konkret: Wie wäre es zum Beispiel bei einem Kind, das behindert auf die Welt kommt? Nach kirchlicher Lehre hätte Gott dieses Kind nun "behindert" geschaffen, wobei die behinderte Form seines Leibes der "Substanz" seiner Seele entspräche, die Gott so erschaffen hätte. So ja allgemein die Lehre der römisch-katholischen Kirche über das Verhältnis von Leib und Seele gemäß Neuner-Roos, Lehrsatz Nr. 329). Ein anderes Kind hingegen hätte Gott "gesund" erschaffen. "Was ist das nur für ein Gott?" könnte man auch hier wieder fragen.
Auch Jesus und seine Anhänger sprechen über dieses Thema. Ein Beispiel dafür findet sich in der Bibel, im Johannesevangelium, Kapitel 9. Die Stelle beweist, dass auch die Jünger von Jesus die Reinkarnation selbstverständlich voraussetzen. Es heißt: "Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist" (V. 2)? Wenn ein Blindgeborener möglicherweise deswegen dieses Schicksal trägt, weil er zuvor gesündigt hat, dann geht man eindeutig von einem Vorleben und einer Reinkarnation aus. Die Antwort, die Jesus laut Johannes gibt, richtet die Aufmerksamkeit aber nicht auf das Vorleben, sondern auf etwas anderes. Demnach sagt Jesus, weder dieser noch seine Eltern hätten gesündigt, "sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm" (V. 3).
Wären also noch andere Ursachen möglich? War die Seele dieses Menschen aus anderen Gründen bereit, dieses Schicksal auf der Erde freiwillig anzunehmen? War ihr bewusst, dass durch die Heilung die "Werke Gottes" verherrlicht würden?
In der Schrift Das ist Mein Wort ist das Jesuswort etwas anders überliefert als in der Bibel. Es heißt dort: "Was besagt es, ob dieser gesündigt hat oder seine Eltern, sofern die Werke Gottes offenbar werden an ihm." Und Christus erklärt darin wie folgt: "Ihr sollt nicht auf die Sünde blicken und nicht fragen, wer gesündigt hat. Keiner kann für den anderen abtragen - es sei denn, er kam als Dulderseele für einen anderen Menschen in diese Welt. Wenn jedoch Menschen durch Sünde aneinander gebunden sind, dann sind alle an der Sünde beteiligt, zum Beispiel Eltern und Kind" (Das ist Mein Wort, a.a.O., S. 612 f.).
Die Reinkarnation wird hier also nicht zum Hauptthema gemacht, während in der biblischen Version der Stelle dieses Wissen verdunkelt wird. Gegen Reinkarnation wird aber auch in der Bibelstelle nicht gesprochen.
Gemeinsam haben beide Versionen: Jesus befriedigt nicht die Neugier der Jünger, und er ermahnt sie, sich nicht über das "Karma" anderer Gedanken zu machen. "Es sollen die Werke Gottes offenbar werden", darum geht es.

Der Journalist: Was ist mit "Dulderseele" gemeint?

Der Theologe: Hier hilft eine Seele der anderen beim Tragen einer Seelenschuld. Auch dieses Christuswort macht deutlich, dass die Möglichkeiten im "Gesetz von Saat und Ernte" vielfältig sind.

Der Journalist: Jesus heilte den Blindgeborenen. Solche so genannte Wunder erleben aber die meisten Menschen nicht.

Der Theologe: Wenn jemand schon kein so genanntes Wunder erlebt, so kann ihm doch das Wissen um die geistigen Gesetzmäßigkeiten helfen.
Eine mir bekannte blinde Frau haderte als Jugendliche jahrelang und suchte nach einer Erklärung, dass ausgerechnet sie blind sei. Mit ihrem geschulten Verstand fragte sie auch nach der Logik darin. Als sie dann erstmals von Reinkarnation hörte, war es für sie wie eine Befreiung. Sie lernte ihr Schicksal anzunehmen, zu verstehen und zu meistern.
Und wer weiß, was morgen sein wird? Der Geheilte in der Geschichte war ja auch zuerst viele Jahre lang blind.

Der Journalist: Die Lehre von Saat und Ernte und von den Reinkarnationen erscheint auch logischer als die Lehre von einem unberechenbaren und willkürlichen Schicksal oder von einem angeblich "geheimnisvollen" Gott.

Der Theologe: Wichtig sind die Konsequenzen, die jemand aus einem bestimmten Glauben zieht. Deshalb noch einmal zur Klarstellung: Es entspricht nicht dem christlichen Glauben, wenn ein Außenstehender aus persönlichem Interesse über Vorleben seiner Mitmenschen spekuliert. Als Christ ist ihm die Aufgabe gegeben, sich in seinen Nächsten und seine Not einzufühlen, ihm in seiner Situation beizustehen und zu helfen. Dies gilt natürlich erst recht Kindern gegenüber, die sich noch nicht selbst helfen können. Oder denken Sie an Kinder, die ihre Eltern verloren haben, z. B. in einem Katastrophengebiet der Dritten Welt. Ein Christ entwickelt zuallererst das Mitgefühl und er weiß um die unendliche Liebe Gottes, die allen Menschen ohne Unterschiede gleich gilt.
Und dazu habe ich auch noch eine Frage: Könnte es nicht sein, dass eine Seele, die vielleicht schon sehr reif und nahe bei Gott ist, sich entscheidet, noch einmal in ein Kind zu inkarnieren, dessen Körper schon bald nach seiner Geburt hinscheidet? In der Kürze der Zeit kann die Seele womöglich ihre restliche Belastung tilgen und die Seele des Kindes kann frei in die himmlischen Welten zurück kehren.
Welch ein Trost könnte das für verzweifelte und trauernde Eltern sein, wenn das Kind gestorben ist! Stattdessen macht ihnen der Pfarrer weis, es sei ein "Geheimnis Gottes".

 

HIOB



Der Journalist:
Wie ist es in der biblischen Erzählung von Hiob?
Dort ist weder von Reinkarnation die Rede noch von "Saat und Ernte" noch von einer "Dulderseele". Hiob leidet gemäß der Bibel unschuldig und er ringt mit seinem Schicksal.

Der Theologe: Die Bibel gibt selbst eine Antwort darauf, warum er leidet. Er darf von der Finsternis angegriffen und geprüft werden (Kapitel 1 und 2). Es ist ähnlich wie bei Jesus. Und um Reinkarnation geht es in diesem Buch nicht.

Der Journalist: Leidet er dann aufgrund eines göttlichen Auftrags, wie wir das schon bei Jesus von Nazareth besprochen haben?

Der Theologe: Das ist möglich. Er wird auf jeden Fall als "Knecht" Gottes bezeichnet (z. B. Hiob 42, 7), was auf einen Auftrag hinweist. Und gleich im ersten Vers des Buches heißt es: Er "war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse" (1, 1). In den Kirchenlehren wird er deshalb als eine Art "Kronzeuge" gegen das "Gesetz von Ursache und Wirkung" missbraucht.

Der Journalist: Können Sie das näher erläutern?

Der Theologe: Im gesamten so genannten "Alten Testament" gilt das "Gesetz von Saat und Ernte", im wissenschaftlichen Sprachgebrauch sagt man dazu auch "Tun-Ergehens-Zusammenhang". Nur bei Hiob gelte das Gesetz scheinbar nicht. Daraus haben viele Theologen sinngemäß abgeleitet, das Bewusstsein der Menschen in den übrigen Schriften wäre eben noch nicht so weit entwickelt gewesen. Wo die Menschen an "Saat und Ernte" glaubten, hätten sie noch in überschaubaren einfacheren Zusammenhängen gelebt und auch einfache Antworten auf ihre Fragen bekommen. Hiob sei dann so etwas wie ein Vorbote der Moderne, wo das Gesetz von Saat und Ernte angeblich nicht mehr greife, und das Buch Hiob sei damit eine Art Weiterentwicklung des "alttestamentlichen Glaubens". Doch kann das stimmen? "99-mal" ist das Gesetz von Saat und Ernte im "Alten Testament" eindeutig, nur einmal nicht. Und so kommt es auch der Wirklichkeit nahe: "99-mal" sind die Zusammenhänge klar, einmal scheinbar nicht. Hiob leidet offenbar nicht - wie andere - wegen eines Fehlverhaltens. Er leidet aufgrund von Angriffen, die das Ziel verfolgen, ihn zu Fall zu bringen, indem er sich gegen Gott wendet. Der Hintergrund: Wer auf der Seite Gottes steht, darf von der "Finsternis" geprüft werden. Solche Situationen sind bei echten Gottesboten vorgekommen und deshalb hat auch die eine Hioberzählung Platz neben den "99" anderen. Sie ist keine Kronzeugin gegen die anderen "99" Beispiele.

Der Journalist: Viele Theologen sagen, manches in der Bibel sei märchenhaft oder nur symbolisch verstehbar, zum Beispiel, wie der "Satan" über diese Prüfung Hiobs mit Gott verhandelt.

Der Theologe: Auch ich habe im Studium gelernt, dass um die "eigentliche" Hiobgeschichte nachträglich ein "erzählerischer Rahmen" gelegt worden sei.
Der "Rahmen" beinhaltet allerdings die schlüssige Erklärung, dass es sich um eine Prüfung Hiobs handelt. Sagt man, der Rahmen sei nicht ursprünglich, sondern märchenhaft und nachträglich hinzugefügt, öffnet man wieder die Türe für neue theologische Spekulationen um ein angebliches "Geheimnis Gottes" in der angeblich "eigentlichen" Hioberzählung.
Andere Theologen versuchen auch, das Leiden Hiobs auf soziale oder politische Gründe zurückzuführen, was man natürlich mit erwägen kann..
Der biblische "Rahmen" erklärt jedenfalls: Wer sich für ein Leben nach den Geboten Gottes entscheidet, darf von den Mächten der "Finsternis" geprüft werden.

 

WIE DIE BIBEL ANGEPASST WURDE



Der Journalist:
Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, wie die Interessen des Theologen bzw. des Bibellesers auf die Auslegung einwirken können. Wir haben ja schon darüber gesprochen, wie mit Interessen sogar Übersetzungen manipuliert werden. Gibt es noch mehr Beispiele dieser Art?

Der Theologe: Manche lesen aus einer bestimmten Bibelstelle das Gegenteil von dem heraus, was ein anderer darin findet. Oft genügt aber genaues Lesen, um zu verstehen, wie es gemeint ist.
Dazu möchte ich einmal einen Satz von Jesus von Nazareth zitieren. Als Petrus bei der Gefangennahme von Jesus mit dem Schwert einen Mann aus der Anhängerschaft der Hohenpriester schwer verletzt hat, heilt Jesus die Verletzung und ermahnt Petrus: "Steck Dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen" (Matthäus 26, 52). So ist die Stelle in der evangelisch-katholischen Einheitsübersetzung richtig wiedergegeben.
Damit erinnert Jesus den Petrus an das Gesetz von Saat und Ernte: Wer einen anderen tötet, der wird einst nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung - in diesem oder einem weiteren Leben - mit dem Schwert getötet werden. Es sei denn, die Tat würde zuvor bereinigt.
Der Theologe Martin Luther dreht den Sinn jedoch ins Gegenteil und macht daraus ein "Gesetz des Schwertes", eine Aufforderung von Jesus an den Staat zur Todesstrafe.
Das Wort von Jesus sei nach Luther "zu verstehen wie 1. Mose 9, 6: ´Wer Menschenblut vergießt` usw. [dessen Blut soll wieder durch Menschen vergossen werden] Ohne Zweifel verweist Christus mit diesem Wort auf jene Stelle und will damit jenen Spruch [neu] einführen und bestätigen", so Martin Luther (Die weltliche Obrigkeit und die Grenzen des Gehorsams, in: Luther Taschenausgabe, Band 5, Berlin 1982, S. 112).
Zur Begründung seiner Lehre gibt Martin Luther die Stelle im Matthäusevangelium in anderer Übersetzung wieder. Bei ihm heißt es nämlich: "Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen." Doch was ist nun richtig? Im griechischen Urtext steht Futur, was man in der Regel mit "wird umkommen" bzw. "werden umkommen" übersetzt, wie im Deutschen auch. Wäre "soll" das richtige Wort, könnte man dies durch einen griechischen Imperativ besser und unmissverständlich ausdrücken. Doch der steht nun mal nicht da.

Der Journalist: Martin Luther sagt sogar, "ohne Zweifel" sei das so zu verstehen, wie er es deutet, und er fühlt seine Deutung auch durch das Alte Testament bestätigt.

Der Theologe: Hier hat er den Sinn genauso uminterpretiert. Auch bei der hebräischen Zeitform in 1. Mose 9, 6 gäbe es grundsätzlich zwei Übersetzungsmöglichkeiten.
Die seltenere Möglichkeit lautet: Das Blut "möge ... vergossen werden" (Hebräisches "Jussiv" als Ausdruck eines Wunsches). Die nahe liegende Möglichkeit heißt jedoch: Das Blut "wird vergossen" (Hebräisches "Imperfekt"), also auch hier Saat und Ernte.
Für diese Übersetzung wird sich auch im wissenschaftlichen Standardwerk für Übersetzungen, dem hebräischen und aramäischen Handwörterbuch von Wilhelm Gesenius (Berlin/Göttingen/Heidelberg 1962) entschieden.
Das hebräische "Imperfekt" bringt den Aspekt des Unvollendeten, Dauernden, Werdenden zum Ausdruck. Und das passt hier genau: Im Augenblick des Mordes beginnt für den Mörder die Zeit nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung zu laufen. Noch ist die Wirkung "nicht vollendet", doch die Ursache wirkt, wenn sie nicht bereinigt ist, "dauernd" und "wird" früher oder später die Wirkung bringen. In dem noch Unvollendeten liegt die Chance der Reue, der Bitte um Vergebung und der Wiedergutmachung. Wichtig ist hierbei, dass die Seele des Ermordeten, die im Jenseits weiterlebt, ihrem Mörder verzeiht.
Während die Wirkungsweise des Gesetzes von Saat und Ernte bis in solche Feinheiten hinein im hebräischen Text angelegt ist, entscheidet sich Martin Luther für die andere Möglichkeit und damit für einen ganz anderen Sinn und er schießt bei seiner Übersetzung auch noch über das Ziel hinaus. Aus dem abwägenden "möge vergossen werden" wird bei ihm ein forderndes "soll vergossen werden". Das ist nicht mehr der biblische Text. Das ist Martin Luther, der seine maßlosen Forderungen nach Todesstrafen (siehe dazu Der Theologe Nr. 3) in die Bibel hinein deutet. So wie es auch die alttestamentlichen Priester vor ihm gemacht haben, die ihre Todesurteile gegen unzählige Menschen aus diesen Wehe-Worten abgeleitet haben.

Der Journalist: Es ist also nicht unbedeutend, in welcher Bibel man liest. Kann man sagen: Bibel ist nicht gleich Bibel?

Der Theologe: Das stimmt. Doch die evangelisch-katholische Einheitsübersetzung verdreht dafür eine andere Stelle entscheidend, die bei Luther zutreffend wiedergegeben ist. Ich denke an das 5. Gebot.
Das 5. Gebot heißt "Du sollst nicht töten" (2. Mose 20, 13).
In der Einheitsübersetzung wurde es jedoch verändert in "Du sollst nicht morden" - offenbar, um doch ein Schlupfloch zu lassen für eine kirchliche Tötungserlaubnis, zum Beispiel im Krieg.
Das stärkere Wort "morden" für "töten" könnte nun in der hebräischen Sprache ebenfalls zum Ausdruck gebracht werden. Von dieser Möglichkeit, nämlich der Verdopplung des mittleren von drei Buchstaben (hebräische "Piel"-Form), macht aber der in dem wissenschaftlichen Standardwerk Biblia Hebraica Stuttgartensia wiedergegebene Urtext gerade keinen Gebrauch, so dass dessen Übersetzung mit "Du sollst nicht töten" auch von daher zutreffend ist. Das bedeutet: Nicht töten, ohne Ausnahme.

 

AUGE UM AUGE, ZAHN UM ZAHN ?



Der Journalist:
Übersetzungen der Bibel sind also manchmal Fälschungen.

Der Theologe: Schon Luther klagte, es sei ein "beschwerliches Werk, die hebräischen Erzähler zu zwingen, Deutsch zu reden. Wie sträuben sie sich, ... gleich als ob man eine Nachtigall zwänge, ihren melodischen Gesang aufzugeben und den Kuckuck nachzuahmen, dessen eintönige Stimme sie verabscheut" (zitiert nach Pinchas Lapide, Ist die Bibel richtig übersetzt?, Gütersloh 1986, S. 19).
Doch es geht eben nicht nur um veränderte Melodien. Hinzu kommen Bedeutungsverschiebungen durch Überlieferungen und Übersetzungen, je nach Bewusstsein zum Beispiel des Übersetzers. Außerdem wurden verschiedene Schriften durch Priester und Theologen plump gefälscht, die zum Beispiel ihre Opfervorschriften Gott in den Mund schoben
(vgl. dazu auch "Der Theologe Nr. 8" - Wie der Teufel in der Bibel hauste).

Der Journalist: Wie ist es mit der Stelle "Auge um Auge, Zahn um Zahn"?

Der Theologe: Auch diese Stelle (2. Mose 21, 24) ist ein Beleg für das Gesetz von Ursache und Wirkung. Das heißt, dieses Gesetz rechnet früher oder später exakt ab. Doch die Bibelstelle wurde in eine Erlaubnis zur Vergeltung uminterpretiert und der Inhalt damit ebenfalls verfälscht.
Diese Vergeltungstheorie weisen übrigens auch jüdische Wissenschaftler zurück und deuten die Stelle im Sinne von Entschädigung und Wiedergutmachung bei Körperverletzung. Der bekannte jüdische Philosoph Martin Buber übersetzt in diesem Sinne "Augersatz für Auge; Zahnersatz für Zahn" (zitiert nach Lapide, a.a.O., S. 68).
Martin Luther verwendet auch hier "soll" statt "wird": "Schaden um Schaden, Auge um Auge, Zahn um Zahn; wie er einem Menschen verletzt hat, so soll man ihm auch tun ... wer aber einen Menschen erschlägt, der soll sterben" (3. Mose 24, 19.20, Lutherübersetzung; vgl. auch 2. Mose 21, 12 ff.).

Der Journalist: Martin Luther fordert ja Todesurteile und Tötungen gegenüber zahlreichen Bevölkerungsgruppen, darunter Andersgläubige, auch wenn diese friedfertig sind.

Der Theologe: Und er beruft sich dabei auf seine eigenen Bibelübersetzungen bzw. Bibeldeutungen (vgl. zu diesem Thema: "Der Theologe Nr. 1" - Wer folgt Luther nach, und wer folgt Christus nach? und "Der Theologe Nr. 3" - So spricht Martin Luther - so spricht Jesus von Nazareth).
Luther fordert, vereinfacht gesagt, einen "totalitären" Staat, das so genannte "Reich zur Linken Gottes". Daneben soll es ein "Reich zur Rechten Gottes" geben, das von der Kirche repräsentiert wird. Dort gibt man dem "Reich zur Linken" die Ethik vor, sagt also, was die Politiker zu tun haben. Nach dieser Lehre kann also die Kirche den Staat "lenken", obwohl Staat und Kirche äußerlich getrennt sind. Diese Staatslehre hat Luther auch in die Bibel hineininterpretiert. Das wäre ein Thema für eine eigene Ausgabe dieser Zeitschrift (vgl. dazu den Aufsatz in "Der Theologe Nr. 4").
Entscheidet man sich für die nahe liegendste und korrekte Übersetzung der Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Stelle, erkennt man die Bedeutung: Es ist hier Aufforderung an einen Staat zum Töten ausgesprochen, sondern auch hier wird auf das Gesetz von Saat und Ernte hingewiesen: "Wie er einen Schaden zugefügt hat, so wird ihm zugefügt werden ... wer einen Menschen erschlägt, der wird getötet werden." Ohne rechtzeitige Bereinigung durch Bitte um Vergebung und Vergebung "wird" er einst getötet werden - und zwar durch das Gesetz von Saat und Ernte.

 

JESUS LEHRTE DAS GESETZ VON SAAT UND ERNTE



Der Journalist:
Wie hat es Jesus mit der Lehre von Saat und Ernte gehalten? Wenn es so klar ist, dann müsste man das doch auch in der Lehre von Jesus so wiederfinden.

Der Theologe: Ja. So ist es auch. Auch Jesus lehrt das Gesetz von Saat und Ernte bzw. er setzt es bei allen seinen Lehren selbstverständlich voraus. Nur einige wenige Beispiele dafür:
In der Bergpredigt, so wie sie im Matthäusevangelium überliefert ist, sagt er unter anderem: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden" (Matthäus 7, 1-2).
Bei Krankenheilungen weist Jesus auf den Zusammenhang zum Glauben des Betroffenen hin und sagt: "Dein Glaube hat dich gesund gemacht" (Markus 5, 34). Offensichtlich ist bei Jesus der Zusammenhang zwischen Heilung und Sündenvergebung. Einem Gelähmten vergibt er zuerst die Sünde. Und danach ist auch der Weg für eine körperliche Heilung frei (z. B. Markus 2, 1-12). Und einem anderen Geheilten sagt er: "Siehe du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht Schlimmeres widerfahre" (Johannes 5, 19). Oder es heißt in einem Gleichnis: "Vertrage dich mit deinem Gegner sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist, damit dich der Gegner nicht dem Richter überantworte und der Richter dem Gerichtsdiener und du ins Gefängnis geworfen werdest. Wahrlich, ich sage dir: Du wirst nicht von dort herauskommen, bis du auch den letzten Pfennig bezahlt hast" (Matthäus 5, 25-26). Hier geht es darum, sich mit dem "Gläubiger" bzw. "Gegner" zu versöhnen bzw. zu einigen, bevor die Schuld exakt abgegolten werden muss.
Es ließen sich Dutzende von weiteren Beispielen aufzählen, wo Jesus das Gesetz von Saat und Ernte in immer neuen Varianten erklärt. Nach einem Unglücksfall mit 18 Toten - ein Turm war eingestürzt - sagt Jesus zum Beispiel, die Opfer seien nicht etwa schuldiger als die übrigen Einwohner der Stadt. Dann fügt er aber hinzu: "Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen" (Lukas 13, 4-5). Mit anderen Worten: Bei den 18 Opfern trat zu diesem Zeitpunkt eine Wirkung bereits als Schicksal ein, bei den anderen bahnt sich ein ähnliches Schicksal an, wenn sie nicht bereinigen. Und so erfüllte es sich leider auch: Einige Jahre später, im Jahr 70, wird Jerusalem von den Römern erobert. Tausende Menschen kommen dabei ums Leben.

 

"AN IHREN FRÜCHTEN SOLLT IHR SIE ERKENNEN"



Der Journalist:
Kann man also sagen, das Unglück von Siloah war für viele Überlebende ein Fingerzeig, eine Warnung? Und Jesus hatte die Deutung gleich mitgegeben?

Der Theologe: Wer nicht vom Unglück betroffen war, konnte sich wieder die "Gnadenzeit" bewusst machen, die ihm geschenkt war, um sein Leben erneut nach dem Geboten Gottes auszurichten und eine gute Saat in den "Acker des Lebens" zu säen.
In einem der Gleichnisse vergleicht Jesus sein Wort auch mit einer Saat, die auf unterschiedlichen Boden fällt. Je nach Bodenqualität, sei es ein Weg, ein felsiger Boden, seien es Dornen oder ein guter Boden, wird die Ernte sein (z. B. Markus 4, 1-20).
Die Ausgangsbedingungen bei der Saat bestimmen also die Ernte. Oder in einem anderen Bild gesprochen: Die Früchte eines Baumes entsprechen der Qualität des Baumes bzw. seines Standorts. Jesus weist auch in der Bergpredigt darauf hin: "So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen" (Matthäus 7, 17-18).
Die Schlussfolgerung daraus im Hinblick auf die Menschen ist: "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" (V. 20).
Gute Früchte, also gute Ernten, weisen auf einen entsprechenden Baum bzw. eine entsprechende Saat hin, schlechte Früchte ebenfalls.

Der Journalist: Spricht Jesus nicht von den "Früchten", um echte von falschen Propheten zu entscheiden?

Der Theologe: Es gilt für Propheten. Es gilt aber auch für jeden, der sich ehrlich bemüht, als Christ zu leben. Entscheidend ist nicht das Wissen, sondern die Antwort auf die Frage: Was hat mein Nächster davon?

 

Anhang:
REINKARNATION - DIE LEUGNUNG DES URWISSENS DER MENSCHHEIT
DURCH DIE KIRCHE

Wir leben in einer mächtigen Umbruchszeit. In dieser Zeit berührt auch das geistige Wissen immer mehr Menschen, und diese können sich in ihrem Leben auf eine gute Art und Weise neu orientieren. Doch die Kirche, die weiterhin ihr abstruses Dogmengebäude als "heilsnotwendig" betrachtet, stemmt sich dagegen - wie in allen früheren Zeiten auch, wenn eine positive Entwicklung einsetzte (z. B. Aufklärung, Menschenrechte, Gleichberechtigung der Frau, Abschaffung der Sklaverei, Religionsfreiheit und Toleranz, Pazifismus und in neuerer Zeit: Tierrechte, Einheit der Schöpfung usw.). Und so stellt sie sich auch bis heute gegen das Urwissen um die Reinkarnation.
 

Die Lehrsätze der Kirche

Lehrsatz Nr. 891 - "Wer sagt oder glaubt: die Strafe der bösen Geister und gottlosen Menschen sei nur zeitlich und werde nach bestimmter Zeit ein Ende nehmen, und dann komme eine völlig Wiederherstellung (Apokatastasis) der bösen Geister und gottlosen Menschen, der sei ausgeschlossen."

Lehrsatz Nr. 895 - "Die Strafe für die Erbsünde ist der Ausschluss von der Anschauung Gottes, die Strafe für die persönliche Sünde aber ist die Pein der ewigen Hölle."

Zitiert nach: Josef Neuner, Heinrich Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung, Regensburg 1991, 13. Auflage; siehe hier
 

In der Zeitschrift für Religion und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen in Berlin, Nr. 6/2009, ist dazu ein Grundsatzartikel von Dr. phil. Christian Ruch veröffentlicht. Der in der Schweiz lebende deutsche Intellektuelle ist Mitglied der römisch-katholischen Arbeitsgruppe "Neue religiöse Bewegungen" der Schweizer katholischen Bischofskonferenz. In dieser Funktion arbeitet er praktisch als offizieller römisch-katholischer Sektenbeauftragter, und er reist mit Vorträgen durch Deutschland und die Schweiz.

Kirchliche Dogmatik: Das "unsägliche Leiden" theologisch "aushalten"

In seinem Beitrag Reinkarnationsglaube als Alternative? versucht er eine kirchliche Antwort auf die Reinkarnation zu formulieren. Er zitiert in seinem Artikel das offizielle römisch-katholische Handbuch der Dogmatik von Theodor Schneider, Band 1, Düsseldorf 2002, Seite 219. Darin ist von einer Tendenz in der Kirche die Rede, "das zu allen Zeiten bestehende, unsägliche Leiden der Kreatur nicht theologisch rechtfertigen zu wollen, sondern statt dessen die dunkle Ratlosigkeit dieser Frage auszuhalten und in die Klage und Trauer der Betroffenen einzustimmen".
Und wörtlich heißt es weiter: "In ihrer Solidarität mit den Leidenden und mit den im Leben vom Tod Bedrohten [Anmerkung der Redaktion: was leider allzu oft nur ein scheinheiliges Wortgeflimmer ist] wissen sich die Christen in Gemeinschaft mit Gott, der in Jesus Christus alles Widersinnige annehmend erlöst, ins Gute gewendet hat."
"Alles Widersinnige annehmend erlöst"? Was diese komplizierte Redewendung nun aber praktisch für den Einzelnen bedeuten soll, erfährt man dann nicht. Und der Theologe hat natürlich gut reden, wenn er in seiner gutbürgerlichen Studierstube das "unsägliche Leiden der Kreatur" außerhalb dieser Stube theologisch "aushält". Die Betroffenen sollten sich damit aber nicht abspeisen lassen.

Dr. Christian Ruch versucht die ablehnende Sicht der Kirche zur Reinkarnation auch mit einer anderen Stelle aus dem Handbuch der Dogmatik zu erklären, in der es darum geht, dass sich der Blick nicht allein auf die Frage "fokussieren" dürfe, so wörtlich, "welchen Sinn etwa ein einzelnes kategorial-geschichtlich erfahrbares Ereignis im planerischen Denken Gottes haben könnte. Das jeweilige Einzelgeschehen entzieht sich vielmehr aufgrund seiner Mehrdeutigkeit der Möglichkeit, in seiner Bedeutung adäquat erfasst zu werden" (S. 217). Was soll nun das wieder bedeuten? Hier wird mit viel rhetorischem Drumherum wieder von einem angeblichen "Geheimnis Gottes" gesprochen - wie es die Kirche immer tut, wenn sie von einem Sachverhalt nichts weiß bzw. keine Ahnung hat.

Der römisch-katholische Sektenbeauftragte macht sich diese Sichtweise aus dem Dogmatik-Lehrbuch dann selbst zu eigen und ergänzt sie mit eigenen Worten wie folgt: "Das heißt nichts anderes, als dass der Bedeutung und dem Sinn einer Handlung Gottes - also Gottes Handeln generell - Kontingenz zugebilligt wird ... Kontingenz ist etwas, was nicht notwendig ist - und damit ist Kontingenz das genaue Gegenteil vom Karma als Gesetz der notwendigen Wirkung einer Ursache. Wo die Kontingenz sagt, dass auf die Ursache A die Wirkung B, C, D oder vielleicht sogar Z folgen kann, behauptet das Gesetz des Karmas: wenn Ursache A, dann notwendigerweise Wirkung B, sei dies nun im Negativen oder im Positiven. Im Karma findet also die Kontingenz [für welche der Kirchenmann plädiert] zumindest theoretisch ihre Aufhebung."

Die heuchlerischen Fremdwörter der Theologen
und die Lebenserfahrung der Großmutter

"Kontingenz"! Das soll also in diesem Zusammenhang die Botschaft der Kirche sein. Es ist nun nicht unsere Aufgabe, die Fremdworte, die der Mann der Kirche hier benutzt, um die kirchliche Sicht der Dinge darzulegen, dem Leser zu erklären. Doch Gottes Handeln ist ausschließlich selbstlose Liebe und nicht "Kontingenz" oder irgendein anderes Fremdwort, das der kirchliche Theologe auf der Universität gelernt hat, wo man Gott niemals studieren kann.
Wir können jedoch insofern darauf antworten, dass wir auf folgendes hinweisen: Bei seiner Kritik an dem "Gesetz von Ursache und Wirkung" berücksichtigt der römisch-katholische Geheimnis-Experte Dr. Christian Ruch überhaupt nicht, dass Ursachen sehr vielfältig sein können. Deshalb kann man das "Gesetz von Ursache und Wirkung" eben gerade nicht plump mit einem "Auf A folgt B" karikieren, wie es der Kirchenmann hier tut. Die Gesetzmäßigkeit von Ursache und Wirkung ist viel präziser und feiner, und jede Tat, jedes Wort, jeder Gedanke, ja jede Empfindung wird registriert. Keine Energie geht also verloren. Und alles, einschließlich von Gedanken und Empfindungen in allen Inkarnationen, wird in der großen Buchhaltung der Schöpfungsordnung Gottes gerecht gewogen. Für ein grobes Gehirn eines theologisch Intellektuellen ist dies jedoch nicht nachvollziehbar und er erschlägt diese Lebenserfahrung, die an Präzision einem Uhrwerk gleicht, deshalb mit seinem Fremdwort "Kontingenz". Dabei handelt es sich nicht um ein angebliches "Geheimnis" wie die Kirchenlehren, sondern um Lebensweisheit und Gotteserfahrung in allen Kulturen und Generationen. Als Beispiel möchten wir hier auf die Großmutter einer unserer Bekannten hinweisen, die ihre Kinder lehrte: "Tust Du nichts Böses, dann widerfährt Dir nichts Böses." Und wer sich darauf einlässt, der kann sich diese Wahrheit Schritt für Schritt selbst beweisen.

Der kirchliche Glaube, dass menschliches Leben nicht "perpetuierbar" sei

Und was die Reinkarnation betrifft, kommt der Schweizerische katholische Sektenbeauftragte in der evangelischen Fachzeitschrift schließlich noch zu folgender zusammenfassender Beurteilung: "Die christliche Seelsorge sollte sich dennoch oder vielleicht gerade deshalb damit auseinandersetzen, dass es Menschen gibt, die mit dem Hier und Jetzt so unzufrieden sind und mit der quantitativen und qualitativen Einmaligkeit ihrer Biografie offenbar nur noch wenig anfangen können, dass sie sich nach weiteren Leben durch Wiedergeburt sehnen bzw. dass sie das vermeintliche Wissen um frühere Existenzen brauchen, um ihrem Leben Halt und Sinn zu geben. Die Verbissenheit, mit der viele Anhänger der Reinkarnation ihren Glauben verteidigen, gibt oft einen Hinweis darauf, dass es psychosoziale Defizite sind, die ein solches Glaubensgut fördern. Natürlich werden die Defizite durch das Postulat der Wiedergeburt nicht wirklich beseitigt ... Was eine christliche Seelsorge dagegenzusetzen hat, ist nicht nur die Freude an der Einmaligkeit, sondern auch der Mut zur Endgültigkeit, der Mut zur Einsicht, dass menschliches Leben begrenzt und gerade nicht durch Wiedergeburten perpetuierbar ist" (S. 225-228).

Liebe Leserinnen und liebe Leser! Dies ist also eine typische Antwort der Kirche auf das in dieser Ausgabe des Theologen dargelegte Urwissen der Menschheit. Schon oft in ihrer Geschichte hat sie Andersdenkende für erbärmlich oder verrückt erklärt. Oder die Kirche ist gegen diese Menschen schließlich mit Gewalt vor gegangen, wenn z. B. eine Verleumdung nicht die erwünschte Wirkung zeigte, und weise Menschen wurden hingerichtet. Im heutigen Sprachgebrauch nennt man die Abwertung deser Menschen dann vielleicht "psychosoziale Defizite".

Für welchen "Mut" wollen Sie sich also entscheiden? Für den kirchlichen "Mut zur Endgültigkeit", Begrenzung und "dunklen Ratlosigkeit"? Wenn ja, dann sollten Sie sich aber auch fragen, wie viel Kirchensteuer Sie für diesen Mut bezahlen wollen. Oder Sie entscheiden sich für den Mut, dem kirchlichen Gedankengut und seinen dunklen Geheimnissen und Bedrohungen den Rücken zu kehren und die Spuren des großen Menschheitslehrers Jesus von Nazareth inmitten des zunehmenden in Chaos dieser Welt zu suchen und zu finden? Wir zeigen nur auf. Sie entscheiden selbst.
 

 

Nachwort:
Die Kirche hat das Wissen um die Reinkarnation aus dem Christentum gestrichen (siehe Teil 2 dieser Schrift). Dadurch führte und führt sie unzählige Menschen in Verzweiflung und in die Irre und bringt sie bis heute um die großen Chancen ihres Lebens.
Die Kirche hatte das "Gesetz von Saat und Ernte" und die "Reinkarnation" in den ersten sechs Jahrhunderten ersetzt durch ein angebliches "Geheimnis Gottes" und durch die angebliche Vermittlung des Heils durch Pfarrer und Priester. Die Folgen dieser Fälschungen sind enorm: Wie viele Kriege, Gewalttaten und persönliche Katastrophen hätten verhindert werden können, wenn die Menschen um die Reinkarnation und um die Gesetzmäßigkeiten von Saat und Ernte gewusst hätten! Die Schuld der Kirche am Zustand dieser Welt ist auch aus diesem Grund unermesslich und lässt sich in Worten nicht annähernd wiedergeben. Doch ganz allmählich wird die Rechnung präsentiert und für den Einzelnen gilt: "Rette sich, wer sich retten lassen möchte". Und im Hinblick auf die endzeitliche Kirche gilt: "Tretet aus aus ihr, mein Volk, dass ihr nicht teilhabt an ihren Sünden und nichts empfangt von ihren Plagen. Denn ihre Sünden reichen bis an den Himmel" (Offenbarung 18, 4-5)
.

 

 

Der Text  kann wie folgt zitiert werden:
Zeitschrift "Der Theologe", Hrsg. Dieter Potzel, Ausgabe Nr. 2: Reinkarnation - Urwissen der Menschheit und urchristlicher Glaube, 8. Auflage, Wertheim 2006, zit. nach http://www.theologe.de/theologe2.htm, Fassung vom 15.8.2010.
Sie ist leider als Druckschrift nicht mehr erhältlich.
Dafür empfehlen wir: "Reinkarnation - eine Gnadengabe des Lebens. Wohin geht die Reise meiner Seele?" - http://www.das-wort.com/deutsch/leben-nach-dem-tod/reinkarnation.php

 

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