DER THEOLOGE
Nr. 2


Reinkarnation -
Urwissen der Menschheit und urchristlicher Glaube



Das Rad der WiedergeburtViele Spuren des Wissens um Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung finden sich auch in der Bibel. Der Jakobusbrief warnt beispielsweise davor, dass unsere Zunge einen "Brand" verursachen kann, der das "Rad der Geburt" erneut in Bewegung setzt (3, 6) (vgl. Foto links: "Das Rad der Wiedergeburt).
Die Lehre von der Reinkarnation steht in Verbindung mit dem "Gesetz von Saat und Ernte", das auch die Gerechtigkeit beinhaltet: "Was der Mensch sät, das wird er ernten". Auch dieser Satz steht in den Bibeln der Kirche (Galater 6, 7). Die Anwendung des Satzes "Was der Mensch sät, das wird er ernten" könnte zu einem entscheidenden Schlüssel werden, um den eigenen Lebensweg oder das eigene Lebensschicksal zu verstehen und um noch
vieles zum Guten hin verbessern zu können.

Jesus von Nazareth und den ersten Urchristen war dieses "Gesetz von Saat und Ernte" vertraut, wie in dieser Ausgabe des Theologen nachgewiesen wird. Das setzt wiederum voraus, dass es bereits ein "Leben" vor diesem irdischen Menschenleben gab und auch ein "Weiterleben" nach diesem irdischen Leben gibt. Und damit ist auch die Spur gelegt zu dem Urwissen der Menschheit über die Möglichkeiten der Reinkarnation. Und wer dieser Spur folgt, dem wird auch ein scheinbares "Geheimnis" nach dem anderen enthüllt.

Alles ist dabei von Bedeutung: jede Tat, jedes Wort, jeder Gedanke, jede Empfindung, denn alles kann auch als "Energie" bezeichnet werden. Was wir tun, reden, denken und empfinden, ist die Saat in den Acker unseres Lebens. Und keine Energie geht dabei verloren. So geht eine "Saat" entweder noch in diesem Leben auf oder später in den jenseitigen Welten oder in einem weiteren irdischen Leben. Haben wir Positives "gesät", wird dementsprechend wieder Positives auf uns zukommen. Haben wir Negatives "gesät", fällt dies jedoch meist nicht sofort auf uns zurück. Stattdessen bekommen wir immer wieder Hilfen, um umzukehren und diese Saat zu "bereinigen". Dazu gehört auch, wieder gut zu machen, was noch möglich ist, damit wir eben nicht einst selbst ernten müssen, was wir an Negativem verursacht haben. So erhält jeder Mensch und jede Gruppe von Menschen Fingerzeige und Warnungen, deren Botschaften ihnen helfen sollen, einen drohenden Schicksalsschlag rechtzeitig zu verhindern. Das ist die Barmherzigkeit Gottes. Werden diese Hinweise und Mahnungen jedoch ausgeschlagen, werden uns unsere negativen Ursachen gleich einem Bumerang früher oder später selbst treffen.
 

Jesus über vergangene Inkarnationen: "Heute, wenn Ihr Euer Ebenbild seht, freut Ihr Euch. Wenn Ihr aber Eure Bilder seht, die vor Euch geworden sind, wie viel werdet Ihr ertragen?" (Thomasevangelium, Vers 84)

 

 

Inhaltsverzeichnis:

               Gedicht

1.Teil:
Saat und Ernte, Reinkarnation

                 1.1. Es gibt kein "Geheimnis Gottes"

                1.2. Eine Grundregel der Physik
 
                1.3. Selbstachtung

                1.4. Die Hilfe Gottes

                1.5. Über den Zeitpunkt und die Art des Todes

                1.6. Das Prophetische Wort

                1.7. Spuren der Vergangenheit


                 1.8. An welchen Gott glaube ich?


                1.9. Vom gekreuzigten Christus

                1.10. Menschen im Bann der dunklen Mächte

                1.11. Ursachen erkennen

                1.12. Vergangenes Leben, heutiges Leben, zukünftiges Leben

                1.13. Wovon Pfarrer sprechen

                1.14. Warnungen

                1.15. Wenn sich jemand in Gedanken verstrickt

                1.16. Nach innen hören

                1.17. Vom Leiden der Tiere

                1.18. Es gibt keinen strafenden Gott


                 1.19. Vom so genannten "Sündenfall"


                1.20. Kein Pfarrer kann von Sünden lossprechen

                1.21. Vom Papst

                1.22. Bitte um Vergebung für kirchliches Handeln

                1.23. Versöhnung

                1.24. Pfarrer oder Prophet

                1.25. Das Karma der Priester und Pfarrer

                1.26. Lebensbuch, Lebensfilm
  


2. Teil:
Saat und Ernte, Reinkarnation bei Jesus von Nazareth, in der Bibel und im Urchristentum

                 2.1. Das Ringen um die Wahrheit

                2.2. Reinkarnation bei Origenes

                2.3. Origenes, Augustinus und der geistige Kampf

                2.4. Reinkarnation im Judentum und Urchristentum


                2.5. Zur Entstehung der Bibel

                2.6. Der Becher mit dem "Trunk des Vergessens"

                2.7. Reinkarnation in der Bibel

                2.8. Jesus über die "Auswechslungen des Körpers"

                2.9. Frühere Lebensläufe oder Erbsünde?

                2.10. Gibt es eine Bibelstelle gegen Reinkarnation?

                2.11. Vom blind Geborenen

                2.12. Hiob

                2.13. Wie die Bibel angepasst wurde


                2.14. Auge um Auge, Zahn um Zahn?

                2.15. Jesus lehrte das Gesetz von Saat und Ernte

                2.16. "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen"
   
          

Anhang:

            Die Antwort der Kirche

                Nachwort

                Die Tür des Glaubens (Porta Fidei) -
              
 Ein ernstes Hörspiel zur Religion

                Reinkarnationsbeweise (Buchbesprechung)

 


 


Ehe ich in dieses Erdenleben kam,
ward mir gezeigt, wie ich es leben würde.
Da war die Kümmernis, da war der Gram,
da war das Elend und die Leidensbürde.
Da war das Laster, das mich packen sollte,
da war der Irrtum, der gefangen nahm.
Da war der schnelle Zorn, in dem ich grollte,
da waren Hass und Hochmut, Stolz und Scham.

Doch da waren auch die Freuden jener Tage,
die voller Licht und schöner Träume sind,
wo Klage nicht mehr ist und nicht mehr Plage,
und überall der Quell der Gaben rinnt.
Wo Liebe dem, der noch im Erdenkleid gebunden,
die Seligkeit des Losgelösten schenkt.
Wo sich der Mensch, der Menschenpein entwunden,
als Auserwählter hoher Geister denkt.

Mir ward gezeigt das Schlechte und das Gute,
mir ward gezeigt die Fülle meiner Mängel,
mir ward gezeigt die Wunde, draus ich blute,
mir ward gezeigt die Helfertat der Engel.
Und als ich so mein künftig´ Leben schaute,
da hört´ ein Wesen ich die Frage tun:
Ob ich dies zu leben mich getraute,
denn der Entscheidung Stunde schlüge nun.

Und ich ermaß noch einmal alles Schlimme -
"Dies ist das Leben, das ich leben will!",
gab ich zur Antwort mit entschloss´ner Stimme
und nahm auf mich mein neues Schicksal still.
So ward geboren ich in diese Welt,
so war´s, als ich ins neue Leben trat.
Ich klage nicht, wenn´s oft mir nicht gefällt,
denn ungeboren hab´ ich es bejaht.

(Das Gedicht beschreibt die Entscheidung einer Seele im Jenseits für eine Reinkarnation. Die Seele ging freiwillig erneut auf die Erde, um als Mensch das in Ordnung zu bringen, was aus Vorinkarnationen noch auf der Seele lastete. Der Verfasser des Gedichts ist unbekannt. Es wird jedoch Hermann Hesse zugeschrieben)
 

   


1.TEIL:
SAAT UND ERNTE, REINKARNATION


 

Der Journalist: Der katholische und der evangelische Glaube kennen keine Wiederverkörperung bzw. Reinkarnation. Sie waren evangelischer Pfarrer und glauben heute an Reinkarnation. Wie ist das gekommen?

Der Theologe: Ich wollte als Christ leben und Jesus von Nazareth nachfolgen, und ich glaubte zunächst, die Lehre von der möglichen Reinkarnation sei nicht christlich. Als Theologiestudent und später als Pfarrer wurde mir aber auch immer mehr bewusst, wie groß die Spannungen und Widersprüche zwischen der evangelischen Lehre und Jesus von Nazareth sind, wie ich ihn aus der Bibel her kannte [siehe dazu Der Theologe Nr. 1]. Eine Zeitlang habe ich versucht, beides miteinander zu vereinbaren, doch eines Tages sah ich mich vor die Entscheidung gestellt: entweder lutherisch oder christlich. Beides zusammen konnte ich nicht mehr vereinbaren. Ich entschied mich dafür, den Pfarrerberuf niederzulegen und bin kurze Zeit später aus der Kirche ausgetreten. Heute arbeite ich als Freier Theologe bei Bestattungen und Hochzeiten, und ich lebe in einer urchristlichen Gemeinschaft, deren Anliegen das Leben nach den Zehn Geboten und der Bergpredigt des Jesus von Nazareth ist.
Seither hatte ich auch Schriften über Jesus und das Urchristentum außerhalb der Bibel kennen gelernt, von denen ich im Studium kaum etwas gehört hatte [mehr dazu unten im 2. Teil]. Demnach war Jesus und den ersten Christen auch die Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung bekannt. Das Ziel des Weges, den Jesus von Nazareth lehrte, ist aber nicht, dass die Seelen der Menschen immer wieder neu in menschliche Körper inkarnieren, sondern dass sie wieder "nach Hause" zurückkehren - in ihre ewige Heimat in der geistigen Welt, die sie einst verlassen hatten. So lehrte Jesus von Nazareth: "In Meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten" (Johannes 14, 2). Dies steht im Gegensatz zu manchen östlichen Religionen und Weltanschauungen, bei denen als Ziel die Auflösung aller Formen angestrebt bzw. gelehrt wird [vgl. hier]. Dort wird auch geglaubt, dass eine menschliche Seele zum Beispiel in ein Tier oder in eine Pflanze inkarnieren kann. Gemäß der urchristlichen Lehre ist die Inkarnation einer menschlichen Seele aber nur in einen neuen menschlichen Körper möglich. Und so wird es beispielsweise auch bei den islamischen Drusen gelehrt.

Der Journalist: Die Möglichkeit der Reinkarnation gilt als eine logische Folge eines Glaubenssatzes, der lautet "Was der Mensch sät, das wird er ernten." Demnach kann eine "Ernte" in diesem Leben die Folge einer "Saat" in einem vorherigen Lebens sein. Und was in diesem Leben gesät wird, kann unter Umständen erst im nächsten oder in einem der nächsten Leben aufgehen. Ist dieser Glaube so richtig wiedergegeben?

Der Theologe: Ja. Doch Säen und Ernten geschieht auch innerhalb nur eines irdischen Lebens. Oft erfolgt die Ernte unmittelbar nach der Saat. Manchmal aber auch erst Inkarnationen später. Grundsätzlich glaube ich, dass es keine Zufälle gibt. Ich glaube, dass alles, was auf uns zukommt, eine Ursache in der Vergangenheit hat.

Der Journalist: Hat dieser Glaube praktische Folgen?

Der Theologe: Ja. Es gibt zum Beispiel Lebenssituationen, die schmerzen. Ich frage mich dann: Warum hat mich das getroffen? Und: Was kann ich ändern, damit es sich nicht wiederholt? Wenn ich Ereignisse in meinem Leben als Wirkungen auf bestimmte von mir selbst gesetzte Ursachen verstehe, lerne ich mich besser kennen und übernehme die Verantwortung für alle Situationen meines Lebens. Darauf kommt es zunächst an. Und die nächsten Schritte sind: Das Beste daraus machen und Veränderungen einleiten. Das klingt in dieser allgemeinen Form natürlich sehr einfach. Wer damit Erfahrungen hat, weiß jedoch, dass er sich eine solche positive Lebenseinstellung manchmal auch erst mühsam errungen hat.

Der Journalist: Nun gibt es völlig unterschiedliche Lebenssituationen und Schicksale. Die einen leben im materiellen Wohlstand, andere müssen täglich ums Überleben kämpfen. Einer fühlt sich glücklich, ein anderer elend. Gilt diese Art zu leben, von der Sie eben gesprochen haben, für alle Situationen?

Der Theologe: Wenn es nicht so wäre, müsste man fragen: Bin ich für mein Schicksal nicht selbst verantwortlich, wer dann? Kann ich meinem Nächsten die Schuld geben? Oder Gott? Oder einer dunklen Schicksalsmacht?

 

1.1.     ES GIBT KEIN GEHEIMNIS GOTTES



Der Journalist:
Viele Menschen denken so. Andere sprechen von einem "Geheimnis Gottes". Auf die Frage nach dem Warum gebe es oft keine letzte Antwort, so heißt es.

Der Theologe: So habe ich es sinngemäß in den Kirchen immer wieder gehört. Dort wird vieles einem "Geheimnis Gottes" zugeschrieben. Demnach lassen sich für bestimmte Situationen zwar schon menschliche Ursachen finden. Manchmal handle es sich aber angeblich um ein so genanntes "unergründliches Geheimnis". Zur Bewältigung einer Not oder eines Schicksals werden dann vielfach äußere Handlungen angeboten, zum Beispiel so genannte "Sakramente" oder Zeremonien, was aber überhaupt nichts bringt. Der mystische Weg zu Gott im eigenen Inneren, der uns zunächst auch mit unseren Schatten konfrontiert, ist in der Kirche nicht mehr bekannt. Doch die Ursachen liegen in diesen Schatten, nicht bei Gott. Gott ist die Quelle der Kraft in jedem Menschen, und Er ist in allen Lebensformen gegenwärtig und Er hat keine Geheimnisse. Er hilft uns auch in jeder Situation, und man kann Ihm im innigen Gebet jedes Problem anvertrauen, weil Er dafür die Lösung kennt. Mit Seiner Kraft werden, allgemein gesprochen, die Schatten in Licht verwandelt. Mystiker sprechen manchmal davon, dass Er uns näher ist als unsere Arme und Beine.

Der Journalist: Es gibt also für alles eine Erklärung oder einen Sinn?

Der Theologe: Ja. Doch die Kirche hat die Menschheit seit ca. 1700 Jahren in Unwissenheit und Verzweiflung geführt. Und anstatt demütig einzugestehen, dass ihre Priester und Pfarrer den Zugang zu Gott  verloren haben, wird bis heute hochmütig weiter behauptet, niemand könne mehr wissen als die Kirche. Dabei gibt es kaum einen Ort größeren Irrtums als die Institutionen Kirche. Und man bezeichnet die eigene Ignoranz dann dreist als "Geheimnis Gottes". Dabei gehört es zum Urwissen der Menschheit, dass das Schicksal der Welt und der einzelnen Menschen von diesen selbst verursacht wurde. Und immer wenn Propheten oder weise Menschen in den letzten 1700 Jahren das "Geheimnis Gottes" lüften wollten, ging man aggressiv dagegen vor, um dies verhindern, weil es die kirchliche Macht- und Herrschaftsposition ins Wanken gebracht hätte. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Damit versucht die Kirche praktisch auch, Gotteserfahrungen zu verhindern, die den Menschen die Augen öffnen würden. Doch es gibt kein "Geheimnis Gottes", nur ein dunkles Geheimnis der Kirche, und dies ist dunkler als sich die meisten Menschen vorstellen können. Wer jedoch auf die Nähe Gottes in seinem Herzen vertraut, der kann Ihn ganz zwanglos erfahren. Gott ist zum Beispiel im Leid die innere Hilfe, und Er zeigt auch im äußeren Leben immer einen nächsten Schritt auf - über unsere Mitmenschen, über Geschehnisse in unserem Alltag, über Tiere und die Natur oder über unser Gewissen,  Wer Gott jedoch in Kirchen aus Stein oder gar in einer Hostie sucht, wird Ihn niemals finden.

Der Journalist: Haben Sie die innere Hilfe Gottes zwanglos so erlebt?

Der Theologe: Ich weiß es von eigenen Erlebnissen und ich weiß es auch von anderen, die Schlimmeres erlebten als ich. Vereinfacht gesagt machte ich mir immer bewusst: In jedem Negativen ist auch das Positive enthalten, in allem ist die Gegenwart Gottes. So habe ich immer wieder die Schritte heraus aus negativen Situationen gefunden.

 

1.2.     EINE GRUNDREGEL DER PHYSIK



Der Journalist:
In allen Lebenssituationen das "Gesetz von Saat und Ernte" anwenden, in allem Negativen das Positive finden und mit der Hilfe Gottes das Leben immer neu meistern. Das klingt so einfach, als ginge es dabei um eine einfache Grundregel der Naturwissenschaft. Doch Sie haben ja selbst angedeutet, dass es praktisch nicht immer so einfach ist.

Der Theologe: Dabei wäre es meist gar nicht so schwer. Das Gesetz von Ursache und Wirkung finden wir ja auch als Prinzip von Aktion und Reaktion in der Physik: Jede Aktion bringt eine Reaktion hervor, und jedes Geschehen wurde durch ein voraus gegangenes Geschehen bewirkt. Keine Energie geht dabei verloren. Was bei einfachen physikalischen Versuchen leicht nachweisbar ist, braucht man nur in den Bereich unserer Gedanken und Gefühle zu übertragen, denn diese sind ebenfalls Energie. Auch Gedanken und Gefühle können so als Wirkungen auf voraus gegangene Ursachen verstanden werden und gleichzeitig als neue Ursachen, die wiederum Wirkungen hervorbringen.
Dies ist auch Teil der christlichen Lehre. In der Bibel - bei Paulus - heißt es sogar wörtlich: "Irret Euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten" (Brief an die Galater 6, 7). Mit anderen Worten: Was jemand tut oder unterlässt, aber auch, was er spricht, denkt, fühlt und empfindet, hat Folgen. Und von der anderen Seite her gesehen: Alles, was einem geschieht, ist eine Folge von dem, was er vorher irgendwann verursacht hat, und sei es durch die meist massiv unterschätzte Kraft seiner Gedanken.
Deshalb führt die schlichte und einfache Frage "Warum?" immer weiter: Warum ist dies und jenes passiert? Oder warum ist zum Beispiel das eine misslungen, etwas anderes gelungen? Welche Gedanken und Empfindungen hat jemand in ein bestimmtes Tun hinein gelegt und es so zum Gelingen oder Misslingen beeinflusst?
Was es nicht immer einfach macht, sind oft vielfältige Ursachen, die alle einen bestimmten Anteil an einer Wirkung haben. Hier erfasst man vielleicht anfangs erst eine von mehreren Ursachen. Doch geht man nicht darüber hinweg, was sich Tag für Tag im eigenen Leben ereignet, kann man allmählich den ganzen Komplex aufschlüsseln und aufarbeiten. Es ist wie bei einem Wollknäuel. Hat man einmal ein Faden-Ende gefunden, lässt sich von daher das ganze Knäuel entwirren. Dazu bringt jeder Tag seine Hilfen. Denn immer gilt: Es gibt keinen Zufall. Warum ist mir also zum Beispiel heute dieser Mensch begegnet oder warum ist dieser Anruf gekommen oder warum denkt ein Mitmensch heute anders als vor einer Woche oder warum ist die Tasse vom Tisch gefallen usw. usw.?

 


1.3.     SELBSTACHTUNG


 

Der Journalist: Besteht nicht die Gefahr, dass jemand, der nach diesem Prinzip lebt, an sich selbst verzweifelt oder sich andauernd schlecht macht?

Der Theologe: Dann würde er etwas grundlegend missverstehen. Denn wer diesen Weg konsequent geht, für den wird das Leben zunächst richtig spannend. Und er lernt sich immer besser zu verstehen. Wichtig ist dabei, sich selbst nicht zu verurteilen, wenn man Negatives bei sich entdeckt, das man zuvor vielleicht noch nicht so wahrgenommen hatte. Denn wir alle haben noch unsere größeren oder kleineren Fehler. Und man könnte sagen: Wir sind hier auf der Erde, um zu lernen. Und das heißt dann praktisch auch: Ein Mensch wird glücklicher, wenn er die Ursachen, die zu einem "Unglück" führten, findet und aufarbeiten kann, so dass auf ein kleineres Unglück kein größeres folgt, sondern der Lebensweg zunehmend von Zufriedenheit und Glück gekennzeichnet ist. Dazu gehört auch, ein erkanntes Fehlverhalten nicht zu wiederholen, auch wenn es zwischenzeitlich dann doch einmal passiert, oder jemand sprichwörtlich einmal oder öfter "durch die Hölle" musste. Nur wer bereit ist, Verantwortung für seine Fehler zu übernehmen, auch wenn er alle Hintergründe oft noch nicht überblickt, kann sie auch Schritt für Schritt abbauen. Und es zählt zu den Erfahrungen auf diesem Weg, dass einem immer der jeweils nächste Schritt gezeigt wird. Denn alles auf einmal könnte meist gar nicht bewältigt werden. Und hier habe ich auch lernen müssen, nicht an sich selbst zu verzweifeln, die Geduld zu erlernen und sich auch selbst zu vergeben, wenn manches sich erst langsam besserte und nicht gleich auf Anhieb anders wurde. Notwendig war und ist jedoch immer die klare Entscheidung für das Ziel.

Der Journalist: Könnte man das als "Selbstachtung" bezeichnen?

Der Theologe: Ja. Und wenn jemand keine "Selbstachtung" hat, sich minderwertig fühlt oder in seinem Gemütszustand sehr abhängig von anderen, dann kann man auch hier fragen: Wer hat ihm die "Selbstachtung" und das "Wertgefühl" denn genommen? Oder: Wie ist er denn in diese gefühlsmäßige Abhängigkeit geraten? War nicht letztlich auch hier er selbst der Verursacher? Durch sein eigenes Verhalten und durch seine unaufgearbeiteten Schwächen?

Der Journalist: Das würde dann die Erfahrungen der Psychotherapie bestätigen, dass sich Minderwertigkeits- oder Abhängigkeitsgefühle nicht "auf Knopfdruck" abstellen lassen können. Sie müssen aufgearbeitet werden.

Der Theologe: Und es kommt auch hier auf die Ursachen an, ob es schneller geht oder eben seine Zeit dauert.
Es hat ja in der Regel mit einem oder mehreren unserer Mitmenschen zu tun, denen gegenüber wir uns z. B. innerlich unfrei fühlen. Diese Unfreiheit wäre dann hier der Schwachpunkt.
Dazu ein Beispiel: Wenn ich meinen Nächsten wegen jedes kleinen Fehlers um Vergebung bitte, dann will ich meist unterschwellig Zuspruch und Verständnis von ihm und damit eine Form von Energie. Und das ist dann das größere Problem, nicht so sehr die einzelnen Fehler; was man zum Beispiel daran merken kann, dass der andere einem diese gar nicht übel nahm.
Wer ein solches abhängiges Verhalten bei sich entdeckt und merkt, dass es ihn regelrecht drängt, unterwürfig auf den anderen zuzugehen, der könnte stattdessen einmal die Seele des Nächsten im stillen Gebet über Christus um Verzeihung bitten, falls es dafür wirklich einen Grund geben sollte. Denn letztlich kommt es nur auf die Seele an. Und gleichzeitig wird er innerlich stärker, weil er seine Minderwertigkeits- oder Zwangsgedanken zügeln konnte und sich nicht von ihnen steuern ließ.
Doch die weiterführende Frage wäre ja auch hier: Warum ist das überhaupt so gekommen? Was ist der Grund zum Beispiel einer charakterlichen Schwäche oder eines Minderwertigkeitsgefühls oder von ähnlichem? Und dieser liegt nicht immer, aber oft in dem, was wir aus vergangenen Leben mit in dieses Erdenleben gebracht haben. Eine Spur könnte zum Beispiel zu kirchlichen "Beichtspiegeln" führen, mit denen man einst drangsaliert wurde oder mit denen man andere drangsaliert hat und wo einem Schuld oft eingeredet und das Selbstwertgefühl genommen wurde. Irgendwann werden wir auf jeden Fall wieder mit allem konfrontiert, was wir noch nicht aufgearbeitet haben. Das war aber nur einmal ein Beispiel. Manche Menschen haben ganz andere Probleme, sind z. B. skrupellos, fühlen sich anderen überlegen, und geben immer ihrem Nächsten die Schuld.

Der Journalist: Hat das auch mit unterschiedlichen Gottesvorstellungen zu tun?

Der Theologe: Ja. So hat die Vorstellung von einem "zornigen Gott" in vielen Seelen und Menschen schon unsagbar viel Schaden angerichtet.
Wer sich demgegenüber aber immer wieder bewusst macht: "Ich bin von Gott geliebt" oder "Ich bin ein Sohn, eine Tochter des Allerhöchsten", bei dem wächst ganz allmählich auch das Bewusstsein des eigenen Wertes, ohne dass er dies mit Hochmut oder Ich-Sucht verwechselt. Je mehr man aus dieser Einstellung heraus eine Selbstachtung und innere Unabhängigkeit entwickelt, je leichter wird es auch, sich noch bestehende tatsächliche Fehler und Schwächen einzugestehen. Die nächsten Schritte sind dann: Die Wurzel finden und "bereinigen" und sich ein neues positives "Lebensprogramm" vorgeben und nach und nach verwirklichen. Ich tue das auch mit so genannten "Bewusstseinsstützen". Etwa: "Christus ist in mir. Christus ist in meinem Nächsten." Oder: "Christus hilft mir, in jedem Augenblick." Dies gilt auch für scheinbare Kleinigkeiten. Oder: "Ich möchte alleine Gott gefallen und keinem Menschen." Oder: "Was würdest Du, Christus, jetzt tun, in dieser Situation?"
Wer es so hält, der entwickelt immer mehr die Eigenschaften, die auch seinem unendlich großen inneren Wert entsprechen. Mir macht es große Freude, wenn ich auf diese Weise wieder ein kleines Stück freier geworden bin. Die dauerhaften Schwierigkeiten entstehen dadurch, dass die meisten Menschen manches Negative und letztlich ihr Ego lieber behalten möchten. Dazu gehören z. B. der Wunsch, Macht über andere auszuüben oder  die eine oder andere problematische Leidenschaft weiter ausleben zu wollen, die jedoch nicht frei macht, sondern im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder "Leiden" "schafft"; auch Hochmut und Selbstüberschätzung gehören hier dazu, letztlich die Maske, die man anderen gegenüber nicht ablegen will.
Es passiert auch sehr oft, dass man schwankt: Einmal möchte man sich selbst auf die Schliche kommen und frei werden, ein andermal aber wieder nicht. Auch diese Schwankungen können ein Leiden verlängern, und sie verhindern oft, dass Gott bzw. Christus einem wirklich helfen kann. Vor allem, wenn man Schwächen und Fehler längere Zeit nicht oder kaum angeht, obwohl man darum weiß, werden diese dann oft zu Einfallspforten für ein schwerwiegendes Schicksal. Mancher zweifelt dann an der Güte Gottes, obwohl er selbst es war, der sie jahrelang nicht an sich heran gelassen hat. Denn von Gott her gesehen bekommt jeder aufs Ganze gesehen die gleichen Hilfen, um sein Leben zu meistern, weil auch alle gleich wertvoll sind.



1.4.     DIE  HILFE  GOTTES


 

Der Journalist: Wenn Sie sagen: "Von Gott her bekommt jeder die gleichen Hilfen", setzen Sie sich dann nicht dem Vorwurf aus, schöne Worte zu machen, die der Wirklichkeit nicht standhalten?

Der Theologe: Für viele ist Gott ein "äußeres Wesen", und sie erwarten Hilfe immer von außen. Oder sie glauben: Wenn sie z. B. beim kirchlichen Abendmahl eine Hostie zerkauen oder im Mund zergehen lassen, würde alles besser. Doch dieser äußere Vorgang nützt überhaupt nichts. Denn Gott ist in einem Grashalm genauso wie in einer Backoblate - ob diese nun gesegnet und angeblich verwandelt wurde oder nicht oder was auch immer. Und es würde sich ja auch nichts dadurch bessern, wenn ich beginne, auf einem Grashalm zu kauen. Denn Gott ist uns am nähesten in uns selbst. Dort müssten wir Ihn vor allem suchen, nicht im Gaukelwerk von Priestern und Theologen. Wenn ich mir dann noch bewusst mache, dass Gott auch in jedem Problem ist, in jeder Situation, in jedem Menschen, in jedem Tier, in jeder Pflanze oder in jedem Gegenstand, dann kann sich eine Kommunikation aufbauen zwischen Gott in mir und Gott um mich herum, denn Gott ist auch die Einheit. Und aus dieser Kommunikation heraus ergeben sich vielfältige Hilfen im Alltag. Auf einmal weiß ich dann in meinem Inneren: "Das ist jetzt die Hilfe Gottes".
Dazu ist es auch eine Hilfe, wenn es mir gelingt, einmal still zu werden und auf diese Weise die vielen unruhigen Gedanken zum Schweigen zu bringen oder sie zuvor im innigen Gebet zu Christus in mein Inneres hin zu tragen und dort erst einmal zu belassen ohne weiter darüber nachzugrübeln. Eine Antwort oder Teilantwort lässt sich immer dann finden, wenn jemand aufrichtig bereit ist, die Lösung für das Problem bzw. den nächsten Schritt in der betreffenden Situation zu finden. Nach dem Motto: In jedem Problem steckt auch schon die Lösung. Der Ratgeber und Helfer ist - unabhängig von möglichen äußeren Hilfen - letztlich immer in uns. Denn da ich selbst das Problem irgendwann verursacht habe, kann ich es auch selbst irgendwann wieder lösen. Ja, anders geht es gar nicht. Gott bzw. Christus in uns ist dabei immer bereit, uns zu helfen. Er wartet immer auf uns. Man könnte die Situation mit einem Telefonhörer vergleichen, den ich nach innen auf mein Herz richte. Und ich bete "Christus in mir", und von dort, von innen, kommt dann ein Impuls, der weiter hilft.
Und wer sich damit schwer tut, der kann natürlich vermehrt auch darauf bauen, dass Gott durch viele andere Münder zu uns spricht. Und diese Münder sind alle um uns herum. So ergibt sich scheinbar zufällig ein Gespräch, und in diesem Gespräch sagt mir ein Mitmensch genau das, was mir gerade weiterhilft. Oder ich sehe - wiederum scheinbar zufällig - dies und das, und plötzlich ist mir klar: Das ist eine Antwort auf meine Frage, und ich merke es in meinen Empfindungen: Das ist für mich auch die Antwort Gottes. Man könnte auch sagen: Gott hilft allumfassend.
Davon kann aber keiner einen anderen überzeugen. Es geht darum, die Lebensregel von Saat und Ernte bei sich selbst anzuwenden und nicht bei anderen; und auf diese Weise positive Erfahrungen zu sammeln.

Der Journalist: Warum nicht bei anderen?

Der Theologe: Wenn sich jemand Gedanken darüber macht, wie das Gesetz von Saat und Ernte bei anderen wirkt, stellt sich für mich die Frage des Motivs. Steckt vielleicht Neugier oder Sensationslust dahinter, oder spielt vielleicht sogar Zynismus eine Rolle?

Der Journalist: Ein Motiv könnte ja auch sein, dem anderen zu helfen.

 

1.5.     ÜBER DEN ZEITPUNKT UND DIE ART DES TODES



Der Theologe:
Ja. Doch wie ist das möglich?
Als evangelischer Amtsträger war ich einmal für eine Bestattung nach einem Verbrechen verantwortlich. Eine hochschwangere junge Frau war bei einem Raubüberfall ermordet worden; auch das Kind im Mutterleib starb. Was löste nun dieses plötzliche Schicksal bei den davon betroffenen Menschen aus? Wie konnten sie damit weiterleben? Und wie weit berührte es mich selbst? War ich überhaupt in der Lage, ein hilfreicher Gesprächspartner für die Verwandten und Freunde zu sein?
Die Frau und ihr Mörder kannten sich. Doch soweit man das zurückverfolgen konnte bzw. mir bekannt war, hatte sie ihm nichts angetan, was einen Zusammenhang zu dem Überfall hätte herstellen können. Dem maskierten Mann ging es nach eigenen Aussagen um Geld, und er wurde zum grausamen Mörder, als ihn die Frau hinter seiner Maske erkannte.
Wie ist nach dieser furchtbaren Tragödie Hilfe für alle Beteiligten möglich? Ein erster Ansatz dazu könnte sein: Wenn wir davon ausgehen, dass die Seele des Ermordeten im Jenseits weiterlebt: Wäre es dann eine Hilfe für sie, wenn Verwandte und Freunde auf der Erde in Verzweiflung oder Hass fallen und nicht mehr aus dieser Verfassung herausfinden?
Mittlerweile kenne ich Menschen, die einen Schicksalsschlag erlitten haben und denen das Wissen um das Gesetz von Saat und Ernte und um die Reinkarnation ein wirkliche Trost ist, auch wenn sie nicht wissen, was es im Einzelnen für eine Vorgeschichte gibt; oder was an eigenen Ursachen zugrunde liegen mag.
Sie ahnen aber, dass alles einen bestimmten Sinn macht und dass es Zusammenhänge gibt, die sie noch nicht überblicken. Die Verwandten eines tödlich verunglückten Motorradfahrers können vielleicht ahnen, dass dessen innerer Lebensplan womöglich nur bis zu dieser Zeit reichte. Und möglicherweise ist vor dem Unglück keine gute Weichenstellung für die Zukunft erfolgt. Bzw. es bahnte sich eine Situation an, die er nicht hätte bewältigen können und die zum Auslöser neuer Leiden und neuer negativer Ursachen geworden wäre. Das muss nicht so sein, kann aber so sein. Keine Situation ist wie die andere.
Der Vater eines schwer behinderten Jungen sagte mir einmal, er wäre verzweifelt, wenn er nicht an eine Ursache und an einen Sinn dieses Schicksals hätte glauben können. So aber hat er diese Aufgabe, die ihm das Leben stellte, angenommen und ist mit ihr gewachsen.

Der Journalist:
Hat das Schicksal immer mit früheren Leben zu tun?

Der Theologe: Wenn wir von der Reinkarnation ausgehen, dann bringt jeder Mensch bereits sein Reisegepäck aus früheren Zeiten in dieses Erdenleben mit. Und dann kommt es eben darauf an, welchen Verlauf dieses Erdenleben nimmt. Negative Ursachen, die zu einem Schicksal führen, können also auch erst in diesem Leben gesetzt worden sein. Wenn aber nicht, dann folgerichtig in einem oder mehreren der früheren. Die Ursachen oder "Eingaben" in unserer Seele würden uns in diesem Leben an bestimmte Orte und zu bestimmten Menschen ziehen - aber immer unter den geistigen Vorzeichen, dass das Schicksalhafte oder Kausale unter den Beteiligten dieses Mal "bereinigt" wird durch gegenseitiges Einfühlen, Verstehen und Vergeben. Alle Begegnungen in einem Leben und auch der Zeitpunkt und die Art von Geburt und Tod hätten dann mit Vorleben zu tun. Und die Lebensumstände dazwischen haben natürlich auch mit dem Ziel zu tun, das sich zum Beispiel eine Seele im Jenseits für ihr nächstes Leben vorgegeben hat.
So kann auch ein relativ früher Tod eines Menschen zu den Vorgaben seiner Seele im Jenseits gehören, so dass der frühe Tod gar nicht auf eine schwerwiegende negative Ursache zurück zu gehen braucht, sondern auch im Lebensplan der Seele und des Menschen begründet liegen kann. Bemerkenswerte Untersuchungen zu den Vorleben bei Kindern (in 2600 Fällen) werden von dem kanadischen Professor für Psychiatrie Dr. Ian Stevenson (1918-2007) vorgelegt. Sein Buch heißt auf Deutsch sogar Reinkarnationsbeweise. Und im deutschsprachigen Raum ist 2011 auch das Buch Indizienbeweise für ein Leben nach dem Tod und die Wiedergeburt von Dieter Hassler erschienen.
Dabei würde dann grundsätzlich gelten: Nützt die Seele im jeweiligen Erdenleben die Chancen, um von Innen her glücklicher zu werden und andere glücklicher zu machen, oder fügt sie neue negative Ursachen hinzu und vergrößert damit den Komplex des Leides? In östlichen Religionen würde man hier von Karma sprechen, das abgebaut oder vergrößert werden kann. Und dabei kommt es ja weniger auf die äußere Länge des Lebens an, sondern mehr auf die Qualität innerhalb der gelebten Erdenzeit.

Der Journalist: Können unter diesen Voraussetzungen auch Ereignisse im Leben eines Menschen vorausgesagt werden?

Der Theologe: Das Leben entwickelt sich nach bestimmten Vorgaben, nämlich den eigenen Eingaben, der eigenen "Saat". Doch der Mensch hat ja immer mehrere Möglichkeiten, sich zu entscheiden. Demnach könnten zwar mögliche Entwicklungen in der Zukunft aufgezeigt werden, einzelne Ereignisse aber nicht exakt vorausgesagt werden. Denn kein Mensch kann im Voraus wissen, wie sich jemand anderes entscheidet. Und auch im Rückblick kann man als Mensch kaum erfassen, warum zum Beispiel ein bestimmter Tod auf diese Art und zu diesem Zeitpunkt eingetreten ist und warum das Schicksal keine anderen Wege gegangen ist. So umfangreich und vielfältig können die Zusammenhänge sein.

 

1.6.     DAS PROPHETISCHE WORT



Der Journalist:
Wenn der Mensch vieles kaum erfassen kann, wie würden Sie dann Ihre eigene Haltung heute verstehen? Haben Sie vieles erfasst oder eher wenig?

Der Theologe: Ein großer Teil dieser Darlegungen wurde im Laufe der Zeit sinngemäß durch Propheten an die Öffentlichkeit gebracht. Die Inhalte sind für diejenigen, die daran glauben, also Botschaften aus der "geistigen Welt". Die Propheten früherer Zeiten und von heute sind ein Thema für eine eigene Ausgabe dieser Zeitschrift [vgl. Der Theologe Nr. 20]. Als Theologe gebe ich hier das, was ich zuvor mit Herz und Verstand prüfte, mit meinen eigenen Worten wieder. Einiges habe ich dabei auch einige Jahre lang geprüft und dabei manches ausprobiert, so dass eigene Erfahrungen hinzu kommen.
Das war nicht immer so: Als Theologiestudent hatte ich von einem bestimmten Zeitpunkt an nicht mehr an "wahre Gottespropheten" und an "Offenbarungen" geglaubt. Und auch die Theologie selbst war für mich schon damals, vereinfacht gesprochen, nur das Studium der menschlichen Gedanken über Gott. Es gab für mich zu dieser Zeit nur verschiedene Gottesbilder, mit denen man bestimmte unterschiedliche Erfahrungen machen konnte. Auch Jesus von Nazareth hatte für mich während Zeiten meines Studiums lediglich ein bestimmtes Gottesverständnis, womit er zwar vielen Menschen helfen konnte. Doch über Gott selbst war für mich damit noch nichts ausgesagt. Ich fühlte mich während Zeiten des Theologiestudiums als materialistisch denkender Mensch, weil mir nur das sicher schien, was sichtbar vor meinen äußeren Augen lag, und zwischen "Christ sein" und "Atheist sein" gab es für mich nicht unbedingt einen Widerspruch.
Doch die Person des Jesus von Nazareth beschäftigte mich immer wieder. Auch hatte ich Respekt vor manchen Dingen, die ich mir damals noch nicht erklären konnte. Doch wenn sie mich bewegten, suchte ich weiter nach einer zufrieden stellenden Erklärung und begann, dies und jenes zu prüfen. So rückte allmählich die Realität hinter der sichtbaren Welt näher.
Wovon ich hier spreche, stammt dennoch zu einem großen Teil nur aus dem gehörten "geistigen Wissen", das ich allerdings auch vielfach erprobt habe. Es entstammt aber noch keinem inneren Einblick in unsichtbare Welten. Ich bin in dieser Hinsicht nur "Gottsucher", wie viele andere Menschen auch, und ich gebe unter Zuhilfenahme meines Fachwissens manche Informationen weiter, wie ich sie selbst erhielt. In diesem Zusammenhang möchte ich vor allem auf das Buch verweisen Das ist Mein Wort. Alpha und Omega. Das Evangelium Jesu. Die Christus-Offenbarung, welche die Welt nicht kennt, Würzburg 1991; ISBN
978-3-89201-271-9 (siehe auch hier).

 

1.7.     SPUREN DER VERGANGENHEIT



Der Journalist:
Was war mit dem Titel "Offenbarung, welche die Welt nicht kennt" gemeint?

Der Theologe: Viele Menschen wenden weder das Gesetz von Ursache und Wirkung auf ihr Leben an, noch wissen sie etwas von der Möglichkeit von Reinkarnationen. Sie stehen oft ratlos ihrem Schicksal gegenüber, ohne zu ahnen, wo die Spur zu finden ist, auf der sie dieses Leben meistern und letztlich zu einem glücklicheren und zufriedeneren Leben in der Gegenwart und in der Zukunft finden können.

Der Journalist: Führt die Spur, um das Leben zu meistern, also in die Vergangenheit?

Der Theologe: Die Vergangenheit zeigt sich früher oder später wieder in der Gegenwart, wenn sie nicht aufgearbeitet ist. Entscheidend ist also die Gegenwart.

Der Journalist: Was heißt das konkret?

Der Theologe: Wenn ich weiß, dass es für alles, was mich heute trifft, Ursachen in meiner Vergangenheit gibt, dann ist das eine Hilfe, nicht in Hader, Vorwürfe oder Selbstmitleid zu verfallen. So werden mir unter Umständen Teile meiner unbewältigten Vergangenheit bewusst, die zu der heutigen Lebenssituation beigetragen haben und ich habe die Chance, ein früheres falsches Verhalten heute zu ändern.
Grundsätzlich habe ich die Erfahrung gemacht: Finde ich die eigenen Ursachen nicht, so kann ich doch zumindest einen "Anteil" finden, den ich "bereinigen" kann, so dass es wieder aufwärts geht. Wenn Mitmenschen beteiligt sind und sie möglicherweise einen großen Anteil Schuld an der Situation haben, so gilt es dennoch, immer den eigenen Anteil zu finden. Das Vergeben, was den Schuldanteil anderer betrifft, ist eine weitere Aufgabe, auch wenn der andere noch nicht um Vergebung gebeten hat.

 

1.8.     AN WELCHEN GOTT GLAUBE ICH ?



Der Journalist:
Hat das etwas mit dem Glauben an Gott zu tun?

Der Theologe: Der Weg zu Gott geht immer über den Nächsten, den Mitmenschen, indem ich mit ihm Frieden schließe; zum Beispiel, indem ich ihm verzeihe.
Wer das Gesetz von Saat und Ernte nicht kennt oder es nicht anwenden möchte, kann jedoch in Situationen kommen, in denen er stattdessen Gott für das Leid verantwortlich macht und nicht mehr an Ihn glauben kann. Wenn sich dann die Situation verfestigt oder verschlimmert, wird möglicherweise weiteres Negatives aufgebaut. Und der Betroffene fällt oft in Resignation oder Verzweiflung. Das muss nicht soweit kommen, wenn jemand die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung anwendet. Jesus von Nazareth wusste darum und auch Paulus, der einige Bücher der Bibel verfasst hat. Jesus hat nicht von einem "Geheimnis Gottes" gesprochen, wie es die Kirchen heute tun.

Der Journalist: Wenn es keine "Geheimnisse" gibt: Warum lässt Gott Leid und Not zu?

Der Theologe: Weil Gott nicht in den Willen des Menschen eingreift, sondern den Menschen einlädt bzw. eindringlich ermahnt, umzukehren und Seinen Willen zu tun. Man könnte auch sagen: Gott greift immer mit der Liebe ein. Doch Er braucht dazu Menschen, die diesen Seinen Willen in der Welt auch umsetzen. Und das läuft darauf hinaus, dass es allen gut geht und sie wieder so glücklich werden, wie sie waren, als Gott sie einst als reine Wesen schuf. Dazu ist zunächst wichtig, dass die Menschen zunächst zur Selbsterkenntnis geführt werden, damit sie erst einmal verstehen, wer sie im Laufe der Zeit geworden sind. Darüber haben wir ja bereits gesprochen. Daraus kann dann die Umkehr folgen, wenn jemand bereit ist, seine Belastungen bzw. sein "Sündhaftes" zu bereinigen. Gott hilft uns dabei, wir kommen Ihm dadurch näher und uns geht es besser.
So mancher glaubt nun, es wäre besser, wenn Gott in den freien Willen der Menschen eingreift, weil das Leid dann vermeintlich früher beendet wäre. Das glaube ich jedoch nicht. Es würde wenig nützen. Denn bei nächster Gelegenheit würde der auf diese Weise bedrängte Mensch dann doch wieder sein Fehlverhalten fortsetzen, weil er nicht zur Einsicht gekommen ist, dass es falsch ist. Und er würde auch nicht nach dem Weg suchen, auf dem er sich von allem Negativen befreien kann. Sehr viele schlimme Dinge müssen in ihren Auswirkungen leider wohl erst erlitten werden, bevor sie nicht mehr wiederholt werden. Das zeigen unzählige furchtbare Erfahrungen der Geschichte und auch aus einzelnen Lebensschicksalen. Und leider fangen sehr viele Menschen auch erst durch eigenes Leid an, etwas in ihrem Leben zu ändern.   

Der Journalist: Die Hilfe Gottes kann nach Ihren Worten ja auch von Innen kommen. Warum gibt es dann so viele Menschen, die in sich keine Hilfe Gottes spüren, sondern hauptsächlich Verzweiflung, obwohl sie zum Beispiel immer wieder beten?

Der Theologe: Die Hilfe ist ja auch eine positive "Ernte" auf die "Saat" eines ehrlichen positiven Herzensgebetes, wenn ich es einmal so darstellen möchte. Viele Menschen haben jedoch keine Geduld und pflügen die eigene gute "Saat" gleich wieder um, wenn sie nicht sofort Hilfe erfahren, die zum Beispiel gerade heran reifte. Auch kommt es darauf an, ob es ihnen wenigstens für einige Momente gelingt, einmal im Inneren etwas stiller zu werden. Oft sind es nur feine Empfindungen, aus denen sich Worte oder Bilder formen, welche den nächsten Schritt zeigen oder andeuten. Viele lassen die Hilfe Gottes aber gar nicht an sich heran, geschweige denn in sich spürbar werden. Sie drehen sich mit ihren Gedanken und Empfindungen trotz ihrer Gebete weiter in ihrem Unglück und in ihren Schuldzuweisungen. Und Gebete sind dann mehr Lippengebete als Herzensgebete und bringen nichts oder nicht viel. Auch hilft Gott nicht immer so, wie wir wollen. Und nicht jede Hilfe ist Gottes Hilfe.
Dazu fallen mir Berichte ein, wonach Gott dem einen Menschen angeblich zu geschäftlichem Erfolg geholfen habe, während ein anderer ermordet wird, obwohl er vielleicht kurz zuvor zu Gott gefleht hat. An einen Gott, der solche Unterschiede machen würde, kann und will ich nicht glauben, denn dies wäre nur ein furchtbarer Götze. Dem Schöpfergott, dem ich mich anvertraue, macht keine Unterschiede, und Er hilft in "großen" und in "kleinen" Angelegenheiten. Die angeblichen Unterschiede liegen allein im Menschen begründet.


1.9.     VOM GEKREUZIGTEN CHRISTUS


 

Der Journalist: Sie haben vorhin von einem schwerwiegenden Schicksal gesprochen [einer Frau, die bei einem Raubüberfall getötet wurde]. Was haben Sie damals [als evangelischer Theologe] den Angehörigen der ermordeten Frau gesagt? Und was würden Sie heute anders sagen, wenn Sie noch einmal in diese Situation kommen würden?

Der Theologe: Ich halte es für gut, wenn bei einer solchen Abschieds- oder Trauerfeier auch Menschen aus dem Verwandten-, Freundes- oder Bekanntenkreis zu Wort kommen können, falls sie das möchten und dazu in der Lage sind. In unserer Gesellschaft spricht allerdings meist nur ein Pfarrer oder anderer Redner. Damals als evangelischer Vikar verglich ich das Schicksal der jungen Frau mit Jesus von Nazareth, der unschuldig den Tod durch Kreuzigung erlitt und der sterbend rief: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" So wollte ich trösten, indem ich sinngemäß weitergab: "Auch ihm erging es nicht besser." Aber ein echter Trost ist das nicht. Denn wie viel nützt einem das, wenn man wieder glücklich und froh werden möchte, wenn man dann hört, ein anderer leidet genauso schlimm oder gar schlimmer?

Der Journalist: Die Worte von Jesus am Kreuz gehen dennoch vielen Menschen nahe.

Der Theologe: Je eindrücklicher man das Leiden von Christus vermitteln kann, so erhoffen sich gerade manche Theologen, desto eher könne das vielleicht trösten. Doch macht man sich dabei wirklich bewusst, wie es Jesus von Nazareth bei den entsetzlichsten und unverschuldeten Folterqualen erging? Oder projiziert man nur das eigene Leid, wie immer dies auch verursacht ist, nur in dieses Geschehen hinein? Das Schicksal von Jesus dient einem gemäß einer bestimmten Frömmigkeit dann vor allem als eine Art Spiegel für das eigenen Leid. Oder man sucht eben auf diese Weise eine Verbindung zu Gott, obwohl man eigentlich das Gefühl hat, Gott habe einen verlassen. Eventuell heißt es auch, Gott selbst sei in Jesus gefoltert, gequält oder ermordet worden. Damit soll eine bestimmte Art zu glauben vertieft werden, dass Gott bzw. Jesus einen aus deren eigener Erfahrung heraus verstehen. Doch vielen helfen solche Gedanken überhaupt nicht, und sie drehen sich weiter in ihren Schmerzen, ohne die Gründe dafür zu finden. Deshalb wird dann von Theologen noch hinzugefügt, dass Jesus später auferstanden sei, was von Betroffenen aber oft nur als Vertröstung empfunden wird. Denn es gibt ihnen wiederum nicht die Möglichkeit, hier und jetzt Hilfe oder Linderung zu erfahren, und die Verzweiflung bleibt.
Letztlich wird den Menschen von der Kirche nicht nur das Gesetz von Ursache und Wirkung verschwiegen, sondern auch, worin die Erlösung genau besteht, nämlich in der Übertragung des göttlichen Erlöserfunkens von Christus in alle Seelen und Menschen, und zwar als zusätzliche Kraft, Hilfe und Stütze [weitere Hintergründe siehe oben].
Das ist natürlich am Anfang Glaubenssache, lässt sich jedoch erfahren, so dass es sich jeder sogar selbst beweisen kann.

Der Journalist: Was aber hat nun Jesus mit den Worten "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" gemeint?

Der Theologe: Die Lehre von Jesus ist ja sehr schlicht und klar und für jedes Kind verständlich. Was seine letzten irdischen Lebensstunden betrifft, wird allerdings eine Dimension berührt, die man nicht so leicht in menschliche Worte fassen kann und wo besonders spürbar wird: Der menschliche Intellekt verfehlt das Geschehen, denn man sieht bekanntlich nur mit dem Herzen gut. Und in diesem Sinne kann zuallererst gesagt werden: Es ist etwas Entsetzliches, was hier geschah. Und als zweites würde ich dann ergänzen: Diese Worte von Jesus am Kreuz sind ein Symbol für die Situation der Menschen, die Gott verlassen haben und die an dieser Gottverlassenheit und furchtbarem Elend vielerlei Art leiden, wenn man nur an die Hungerkatastrophen und Kriege denkt.
In einer durch Prophetenwort übermittelten Christusoffenbarung  unserer Zeit erklärt Christus dazu selbst:
"So war Mein Ruf am Kreuz der Ruf vieler Generationen, die sich verloren glaubten und glauben. Denn Mein Leiden und Sterben war und ist ein Symbol für das Leiden und Sterben der Menschen. Meine Worte ´Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?` sind Worte der Menschen in allen Völkern und Generationen, die in ihrem Unglauben Gott für ihre Sünden anklagten und anklagen. Ich sprach diese Worte nicht für Mich, sondern als Symbol für viele" (Das ist Mein Wort, S. 886).

Der Journalist: Doch das Elend der Menschen und Völker gibt es ja auch ohne die Kreuzigung von Jesus. Hätte nicht wenigstens diese verhindert werden können? Oder anders gefragt: War dieses Symbol denn notwendig?

Der Theologe:
Wie schon gesagt: Die Kreuzigung war nicht notwendig. Bestimmte Menschen hätten sie aufgrund ihrer Macht verhindern können, wie vor allem der römische Statthalter Pontius Pilatus, aber andere Menschen wollten es so und letztlich auch Pilatus, auch wenn er seine Hände nach dem Urteil symbolisch angeblich in "Unschuld" wusch. Dieses Symbol ist bedeutungslos und entlastet ihn nicht von seiner Verantwortung. Er sprach das Urteil, um sich nicht bei den Gegnern von Jesus unbeliebt zu machen.
Gott hat den Gottessohn also den Menschen überlassen, die ihrerseits Gott verlassen haben, und Er hat in deren freien grausamen Willen nicht eingegriffen, weil Er solches niemals tut
. In diesem Sinne hat Er Jesus dieses Schicksal nicht erspart. Und Jesus wurde so auch zum Symbol für die vielen Menschen, die sich aufgrund ihrer Gottesferne weiterhin gegenseitig martern und kreuzigen.

Der Journalist: Dabei kam Christus doch laut christlichem Glauben auf die Erde, um den Menschen wieder den Weg zu Gott und zu Frieden und Glück zu zeigen?

Der Theologe: Ja. Und dazu musste er allein schon durch seine Inkarnation in einen menschlichen bzw. materiellen Körper auf der Erde äußerlich den Weg großer Gottferne wählen. Denn die Erde könnte man auch als den am weitesten von Gott entfernten Punkt des Kosmos bezeichnen. Und in seinem Erdenkörper selbst kam es dann zu einer weiteren negativen Steigerung, weil es die Menschen, die ihn bekämpften, so wollten: Jesus erlebte furchtbarstes Leiden, vor allem bei der Hinrichtung am Kreuz, was ja äußerlich auch als eine Steigerung der Gottferne gesehen werden kann, da Gott das Glück und die Herrlichkeit ist.
Jesus durchlitt also im Äußeren den extremsten Punkt der Gottferne, den Menschen sich selbst und anderen antun und den ein daran leidender Mensch in seiner Verzweiflung als "Gottverlassenheit" deuten kann. Natürlich ist man nie wirklich von Gott verlassen. Aber die Worte am Kreuz, unter unvorstellbaren und entsetzlichsten Schmerzen gesprochen, sind auch keine "rhetorische Frage".
Eine Antwort darauf lautet: Die Mächte der Finsterns haben alles, aber auch wirklich alles aufgeboten, um sich an Jesus zu messen und ihn zu Fall zu bringen - sei es durch einen Widerruf oder durch einen Zweifel oder eine Klage gegenüber Gott oder manches andere denkbare Szenario. Ihr Ziel war, dass die mächtige Erlöserkraft, die in Jesus pulsierte, durch ein Fehlverhalten von ihm beschädigt und in ihrer Wirkung damit neutralisiert würde.

Diese ganze schaurige Situation zeigt dabei auf: Dieses Leiden ist alles von Menschen gemacht, die ihrerseits Gott verlassen haben und die gegen ihren Nächsten wüten - hier auf bestialischste und hinterhältigste Art gegen einen wunderbaren Menschen, der ihnen nichts angetan hat, sondern auch ihnen die Befreiung brachte. Auf unsere heutige Zeit übertragen könnte man, auch sagen: Anstatt ihren eigenen Zustand zu begreifen, der ihnen durch das Mordopfer Jesus am Kreuz vor Augen gehalten wird, machen Menschen weiterhin Gott für ihr Leiden verantwortlich, oder sie suchen eine Antwort im angeblichen Verhalten Gottes anstatt bei sich selbst.
Doch die Tragödie von Golgatha macht unmissverständlich klar: Nicht Gott hat Jesus ans Kreuz gebracht, sondern die Menschen. Das Verhalten der Menschen ist also die Antwort auf die Frage Warum. Die Menschen sind es, die ihren Nächsten in die furchtbare äußere Gottferne treiben, in Leiden und grausamen Tod, obwohl Gott Herrlichkeit und Glück ist. Und hinter diesen Menschen steckten damals die stärksten Mächte der Dunkelheit, die Jesus besiegen wollten. Und diese Mächte stecken heute hinter denen, die das furchtbare Geschehen von damals als angeblich "heilsnotwendiges Opfer" verklären.


 


1.10.     MENSCHEN IM BANN DER DUNKLEN MÄCHTE



Der Journalist: Das heißt dann: Das reale Leiden von Jesus ist ein Symbol für das Leiden der Menschen, die im Banne der dunklen Mächte leben. Dazu passt dann auch das bekannte Wort des römischen Prokurators Pontius Pilatus angesichts der Folterungen von Jesus: "Ecce Homo", zu deutsch "Siehe, der Mensch" (Johannesevangelium 19, 5).

Der Theologe: So ist es. "Siehe, der Mensch!" So also müssen die Menschen und alle Kreatur weltweit unter ihren zu Bestien gewordenen Brüdern und Schwestern leiden; und unter den Feiglingen, wie Pilatus selbst einer war, da er die Kreuzigung nicht verhindert hat. So manchen ist dabei die Folter ihres Gegners noch nicht einmal genug, und sie verlangen sogar die Steigerung der Folter durch den Foltertod und eine angeblich ewigen Hölle für das Opfer wie manche "Heilige" der römisch-katholischen Kirche (siehe z. B. hier).
"Ecce homo", "siehe der Mensch", waren die Worte von Pilatus - symbolhafte Worte für die ganze Menschheit. Dabei hätte gerade Pilatus eine ganz andere Geschichte schreiben können, wenn er auf sein Gewissen gehört hätte und auf seine Frau, die ihn vor einem Todesurteil eindringlich gewarnt hatte, und wenn er nicht so feige gewesen wäre, dem Druck der Ankläger aus Angst um sein Ansehen nachzugeben. Er hätte diese Kreuzigung verhindern können und konnte seine Hände nicht in "Unschuld waschen", wie er es der Überlieferung nach versucht hat. Auch er stellte sich unter das Banner der Finsternis. Und so erfüllte sich auf diese Weise auch die Ankündigung des Propheten Jesaja: "Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen" (53, 4).
Im Anblick des gekreuzigten Jesus kann also jeder Mensch mit noch nicht erkaltetem Herz erkennen, was diesem Menschen angetan wurde und was sich Menschen untereinander und anderen Lebewesen auch sonst antun. Und sie könnten aus dieser Erschütterung heraus ihrem Leben, wenn sie möchten, eine neue Richtung geben.


Der Journalist:
Kann der gequälte Jesus einem also trotzdem helfen, dass es einem selbst bald wieder besser geht?

Der Theologe:
Wenn man dadurch ansatzweise das Mitfühlen lernt und sich das Herz für den Nächsten auf diese Weise mehr öffnet, dann schon.
Aber so ist es eben sehr oft nicht. Wenn jemand immer wieder auf das Kruzifix blickt und das Leid von Jesus bedenkt und dabei auch seine persönlichen Leidempfindungen vertieft, kann dies sogar dazu führen, dass sich das eigene Leiden verschlimmert, verbunden mit weiterhin um sich selbst kreisendem Selbstmitleid. Die meisten Menschen beschäftigen sich viel zu sehr mit sich selbst und verstärken dadurch noch das Leid.
Ich habe in einer Wohnung einmal eine Figur des gekreuzigten Jesus hängen sehen. Auf dieses so genannte "Kruzifix" aus Holz hatte der Bewohner eigenes Blut gerieben, so dass sein Blut zum Blut der Jesusfigur wurde. Oft wenn es ihm schlecht ging, schaute er dann auf diese Figur und suchte Trost im Gebet. Mit einem solchen Verhalten setzt man sich aber der Gefahr aus, dass das eigene Leid im Selbstmitleid sich sogar so weit verfestigt, dass man nur mit allergrößter Mühe wieder davon loskommt.
 
Heute erscheint mir das Kruzifix mit dem sterbenden oder toten Jesus auch wie ein Symbol für ein Verharren in Leid und Elend, obwohl es einen Weg heraus gibt. Auch der Mann, von dem ich hier erzähle, sagt heute, dass er auf diese Weise letztlich keine Hilfe fand. Und von manchen Menschen wird sogar berichtet, dass ihr Körper nach einer bestimmten Zeit an den Stellen blutete, an denen die Nägel den Körper des Jesus von Nazareth durchbohrten. Möglicherweise ist das eine noch viel weitergehende Form dieser gefährlichen Identifizierung, womit aber keinem geholfen ist.
Denn Jesus hängt schon lange nicht mehr als Sterbender am Kreuz. Er lebt, und er will, dass wir mit ihm leben und glücklich sind. Man könnte auch sagen: Er möchte in uns auferstehen und dafür gibt er uns doch die Kraft, und diese Kraft ist in uns. Ein Symbol dafür ist z. B. eine brennende Kerze oder ein Kreuz ohne Corpus.

Der Journalist:
Kreuz ohne Corpus oder Kruzifix mit Corpus - ist das wirklich ein so großer Unterschied?


Der Theologe: Ja. Denn das Kreuz mit dem sterbenden oder toten Körper, das Kruzifix, ist ein Todeszeichen, das unbewusst eine vermeintliche Niederlage des Mannes aus Nazareth symbolisiert. So wie es die Dämonen oder Mächte der Finsternis gerne gehabt hätten. Und es ist ja ein Zustand, der so bald wie nur irgendwie möglich beendet gehört. In der Kirche wird er jedoch verfestigt und immer wieder sogar gefeiert. Ein "leuchtendes" Kreuz ohne Corpus ist demgegenüber ein "Lebenssymbol", eine Art Auferstehungskreuz. Dessen Bedeutung ist dann: Auch diese grausame Hinrichtungsmethode konnte Jesus und das, wofür er einstand, nicht zur Strecke bringen. Nur der irdische Körper konnte getötet werden. Doch der Geist in Jesus, dem Christus, war stärker und ließ sich auch in dieser für uns gefühlsmäßig letztlich nicht nachvollziehbaren Situation nicht beugen. Und auch uns schenkt er diese Kraft.
Und, um auf das eingangs erwähnte Beispiel anlässlich einer Beerdigung zurück zu kommen: Die frohe Botschaft des christlichen Glaubens hat nichts damit zu tun, dass es Jesus wohl noch schlechter erging als einem selbst. Und sie liegt auch nicht darin, dass ich eines Tages in den Himmel auferstehe, wenn ich nur glaube, dass Jesus dorthin auferstanden ist. Die Frage ist nämlich: Bin ich dann wirklich im "Himmel"? Die Hoffnung, dass eines Tages alles Leid ohne unser Zutun weg gewischt sein könnte, ist sehr gefährlich, weil das so nicht möglich ist.


Der Journalist:
Wieso nicht?


Der Theologe:
Weil niemand außer Kraft setzen kann, was auch in der Bibel der Kirchen bezeugt ist: "Was der Mensch sät, das wird er ernten." Wer anderes lehrt, täuscht die Menschen und wiegt sie in falscher Sicherheit. Außerdem: Wenn ich glaube, dass das Leid spätestens nach dem Tod vorbei ist, dann gebe ich mir möglicherweise gar nicht die Mühe, die Ursache der jetzigen Leiderfahrungen bei mir selbst zu finden und die mir geschenkten Tage zu nützen, um an mir zu arbeiten, eventuell um Reue zu bitten, damit ich andere auch leichter um Vergebung bitten kann.
Und mehr noch: Wer glaubt, dass man alleine durch Glauben nach dem Tod plötzlich leidensfrei sein könne, für den ist auch das schreckliche Leid anderer Menschen auf dieser Erde nicht mehr ganz so schlimm. Und der wird sich auch weniger anstrengen, um mitzuhelfen, es aus der Welt zu schaffen. Er wird bestrebt sein, dem Leidenden den aus seiner Sicht richtigen Glauben zu bringen. Und zu diesem Zweck versucht er vielleicht auch, ihm im Äußeren zu helfen. Die Hilfe ist dann aber nicht selbstlos, sondern vielfach Teil einer Missionsstrategie und damit eine sehr zweifelhafte "Hilfe", die oft für viele Verstimmungen und Irritationen bei den zu Missionierenden sorgt.
Die falschen kirchlichen Vertröstungen begünstigen darüber hinaus, dass das Leiden sich sogar verschlimmert, wenn die noch nicht erkannten und noch nicht aufgearbeiteten Ursachen weiter wirken.
Dies gilt auch über den Tod hinaus.
So könnte man sagen: Wozu denn alle die vielen Worte über Kruzifixe und Kreuze, wenn ich nicht heraus finde, warum ich leide? Oder warum andere Menschen gequält werden? Oder Tiere? Und wozu die vielen Worte, wenn es nicht zu einer Verbesserung der Situation führt? Eine Erlösung vom Leid der Seele durch den Tod gibt es eben nicht. Der Tod nimmt uns nichts und er gibt uns nichts. Es gibt kein "Ruhe in Frieden", dieser Friedhofs- und Grabstein-Spruch ist total falsch. Es geht drüben an der Stelle weiter, wo es hier aufgehört hat. Und hier ist es angebracht, dass alle kleinlaut und demütig werden, man selbst eingeschlossen. Und jeder, der lautstark anderes verkündet, dem kann man letztlich nur in aller Bescheidenheit entgegen halten: Dann warten wir es halt ab.

 

1.11.     URSACHEN ERKENNEN




Der Journalist:
Was ist dann die "frohe Botschaft"?

Der Theologe: Dass wir geliebte Kinder Gottes sind und mit der Kraft von Christus in uns Schritt für Schritt aus dem Leid herausfinden können, indem wir uns selbst erkennen - vor allem das, was im Unterbewusstsein liegt -, indem wir bereuen, vergeben, um Vergebung bitten, etwas wiedergutmachen, so weit das möglich ist, und die alten Fehler nicht mehr tun. Dies kann man "Bereinigung" nennen. Wenn ich jemandem mit Worten oder Taten Schaden zufügte, bitte ich mit Worten um Verzeihung. Wenn es in Gedanken bzw. Empfindungen geschah, bitte ich über Christus in Gedanken und Empfindungen um Verzeihung. Gedanken bzw. Gedankenbilder sind ungeheure Kräfte, was manchen Menschen überhaupt nicht bewusst ist, und sie sind auch im Jenseits offenbar.

Der Journalist: Sie sagen, Christus hilft. Wie war es bei ihm selbst? Müsste man nicht schlussfolgern, dass auch er sein Leiden selbst verursacht habe?

Der Theologe: Das wäre ein Missverständnis. Jesus wurde nicht bekämpft und getötet, weil er zuvor negative Ursachen gesetzt hätte, sondern weil er uns helfen wollte, den Weg zu Gott wieder zu finden; weil er also einen göttlichen Auftrag in sich trug. Dieser Auftrag stieß auf den Widerstand der damaligen Priester und Theologen.
Das Beispiel von Jesus lässt sich aber meist nicht auf uns übertragen. Glaubt man der Jesaja-Prophezeiung, dann gilt: "Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünde zermalmt" (53, 5). Und das kann man sich ganz praktisch vorstellen: Judas hatte ihn verraten, die anderen Jünger haben - auch im übertragenen Sinn - geschlafen, und viele trauten sich in der zugespitzten Situation nicht, für ihn einzustehen: weder der römische Prokurator Pilatus, der überzeugt war, dass Jesus unschuldig ist, noch viele aus dem Volk, die sich vor der Übermacht der Priester und Theologen und ihrer Anhängerschaft fürchteten und die deshalb ihren Mund hielten. Oder wo waren diejenigen, die hätten rufen können: "Gebt Jesus frei"?

Der Journalist: Das kann man sich so vorstellen. Doch wie ist es mit anderen, zum Beispiel mit Märtyrern für eine gute Sache? Könnte es sein, dass auch andere leiden, weil sie einen göttlichen Auftrag in sich tragen?

Der Theologe: Jesus sprach davon in einem bestimmten Zusammenhang. Er sagte zum Beispiel: "Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden" (Bergpredigt, Matthäus 5, 10). So kann man schon fragen: Wer von uns wird "um der Gerechtigkeit willen" verfolgt? Wer folgt auf diese Weise Jesus nach? Es steht mir nicht zu, dies zu beurteilen. Für die meisten hat das Leiden aber wohl andere Ursachen, und die Chance liegt darin, diese zu finden und zu beheben anstatt sich in Gedanken in eine Märtyrerrolle zu flüchten.

Der Journalist: Fällt es vielen Menschen nicht sehr schwer, daran zu glauben, dass eigene Ursachen zugrunde liegen?

Der Theologe: Auch mir ist dieses Denken nicht zugefallen. Ich musste es mir in jeder bisherigen Situation wieder neu erarbeiten, denn je nach Situation tut es erst einmal weh. Doch immer war die Hilfe da, einen Schritt voranzukommen. Jesus hat gelehrt: "Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst" (Matthäus 7, 5).

 

1.12.     VERGANGENES LEBEN, HEUTIGES LEBEN, 
ZUKÜNFTIGES LEBEN




Der Journalist:
Wenn die Ursachen aus früheren Leben stammen, sind sie den meisten aber gar nicht bekannt.

Der Theologe: Oft ahnen sie aber einiges. Was für eine nicht aufgearbeitete Fehlhaltung früher war oder gewesen sein könnte, zeigt sich wieder in unseren heutigen Gedanken und Empfindungen, jetzt vielleicht nur in etwas anderen Lebensumständen als früher.
Durch viele Inkarnationen haben sich zahlreiche Möglichkeiten ergeben, wie die Fäden im Gesetz von Ursache und Wirkung verwoben sein können. Es genügt allerdings das Wissen, dass nichts zufällig und willkürlich geschieht. Ich kann daher immer von meinen heutigen Gedanken und Empfindungen ausgehen und kann mir bewusst machen, dass in jeder Situation die Hilfe Gottes da ist. Manchmal bitte ich auch in Gedanken um Vergebung für manches, was ich vermutlich in früheren Leben anderen angetan habe, weil ich es heute selbst erleide. Hatte ich also keinen Anhaltspunkt für die Ursachen von etwas Negativem gefunden, das mir zugestoßen ist, dann habe ich zum Beispiel sinngemäß gebetet: "Christus, Du kennst die Gründe. Ich bitte über Dich um Vergebung, wo ich anderen einst solches angetan hatte, was ich jetzt selbst erlebe."

Der Journalist: Ich erinnere noch einmal an die "Hinterbliebenen" im vorhin genannten Beispiel. Was würden Sie ihnen heute auf die Frage "Warum" antworten?

Der Theologe: Die Antworten auf die Frage nach dem Warum liegen immer in einem selbst, in den eigenen Empfindungen, Gefühlen und Gedanken. Ein Außenstehender kann sich hier leicht täuschen und sollte von daher sehr zurück haltend sein. Jeder kann auf eine bestimmte Frage auch andere Antworten finden, weil seine Belastung eine andere ist. So kann jeder seine Antworten finden. Sicher ist jedoch: Niemand braucht eine kirchliche Lehre vom "unergründlichen Geheimnis Gottes" hin zu nehmen. Dieser Glaube kann oft ein Leben lang unverdaut im Magen liegen bleiben, und daran können Menschen zerbrechen.

Der Journalist: Was bedeutet diese kirchliche Irreführung im "Gesetz von Saat und Ernte"? Sind dann hier die kirchlichen Lehrer schuld, oder sind es die Leute selbst?

Der Theologe: Wer die Chance seines Lebens nicht nützt, ist dafür, vereinfacht gesprochen, selbst verantwortlich, auch wenn es Anteile anderer gibt. Manchmal will man den eigenen Anteil gar nicht sehen. Wer zum Beispiel den kirchlichen Lehren zustimmt oder Kirchenmitglied ist oder sein Kind kirchlich taufen lässt, ist auch mitverantwortlich für die Irreführungen. Außerdem wurden diese Lehren ja auch irgendwann von Menschen entwickelt, und wer weiß, welche Rolle jemand früher dabei hatte. Und heute werden dann die kirchlichen Lehrsysteme weiter am Leben erhalten, indem bestimmte Menschen daran glauben und viel Geld in Form von Kirchensteuern, Subventionen oder Spenden dafür geben. Jeder kann sich selbst fragen, warum er daran festhalten will, und ob Verstand und Gefühl nicht eine andere Sprache sprechen.
Das Gesetz von Saat und Ernte kennt jedenfalls keinen "Sündenbock", sondern es wägt genau ab und wägt jedem Beteiligten seinen Anteil zu - dem Lehrer, der die Lehre weitergegeben hat, und dem Gläubigen, der gefolgt ist. Dass es unterschiedliche Anteile gibt, wird auch aus den Worten des Jesus von Nazareth deutlich, der zu den Theologen und Schriftgelehrten seiner Zeit sagte: "Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein, und die hinein wollen, lasst ihr nicht hineingehen" (Matthäus 23, 13).

Der Journalist: Wenn im Gesetz von Saat und Ernte auf jeden nur sein Anteil zukommt, ist dieses Gesetz ja gerecht. Ist es das wirklich?

Der Theologe: Die wichtigste Frage ist in diesem Zusammenhang ist zunächst eine andere: Geht mir das Leid anderer nahe, oder lässt es mich kalt? Denn wie kann ich als Christ einem anderen helfen, seine Last zu tragen, wenn ich kein Gefühl dafür entwickelt habe, was in dem anderen gerade vorgehen mag? Und darauf kommt es doch an, auf die Nächstenliebe. So hat es Jesus, der Christus gelehrt. "Alles, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen zuerst". Also: Wenn ich möchte, dass mir in der Not geholfen wird, dann beginne ich damit, anderen selbstlos in deren Not zu helfen. Es bringt doch überhaupt nichts, über das mögliche Vorleben von Menschen zu spekulieren, die gerade furchtbar leiden, während mir gleichzeitig dieses Leid überhaupt nicht nahe geht. Ein solches Verhalten hat mit Christus nichts zu tun. Sondern der christliche Weg besteht doch gerade darin, auch anderen Menschen zu einem Wegweiser für die Liebe Gottes zu werden. Und dafür ist es zu allererst notwendig, das Mitfühlen zu erlernen.
Pfarrer und Priester sagen hier manchmal, "Ich bete für Sie". Ja, aber was soll das denn für ein Gebet sein, wenn das innere Mitgefühl fehlt oder völlig unterentwickelt ist? Leider ist fast allen Menschen durch die dogmatischen und schöpfungsfeindlichen Kirchenlehren das Empfinden für die Einheit allen Lebens abhanden gekommen, so dass man erst wieder das kleine ABC lernen muss, wozu gehört: Der andere ist ein Teil von mir. Und ich bin ein Teil von ihm. Und das gilt auch gegenüber Tieren und der ganzen Natur. Erst unter diesen Voraussetzungen ist das Wissen um das Gesetz von Saat und Ernte kein intellektuelles Konserven-Wissen, sondern es beinhaltet das rechte Wort zur gegebenen Zeit.

Über die Gerechtigkeit, die Sie in Ihrer Frage angesprochen haben, könnte ich mir dann einmal Gedanken machen, was mein eigenes Leben betrifft, zum Beispiel in der Frage: Wäre es gerecht, wenn ich mich bequem dem Müßiggang hingeben kann oder mein Ego seine eigensüchtigen Ziele erfüllt bekommt und wenn ich dann schlussendlich "allein durch den Glauben" in den Himmel komme?
Beim Thema "Gerechtigkeit" fehlt den meisten Menschen auch ein gewisser Weitblick. Oft kreisen die Gedanken dann nur um einen kleinen Ausschnitt des aktuellen irdischen Lebens. Hier wäre es sehr hilfreich, zu lernen, in größeren Zusammenhängen zu denken.
Dazu gehört auch das Wissen, dass das Leben nie vergeht. Auf den letzten Atemzug des Menschen im Diesseits folgt sogleich der erste Atemzug der Seele im Jenseits. Das Leben geht also weiter. Beim Eintritt des Todes verlässt die Seele den Körper, und sie lebt für uns Menschen unsichtbar weiter in den jenseitigen Welten. Den Atem nimmt sie also mit. So lebt zum Beispiel auch die Seele eines Ermordeten weiter und es könnte eine ihrer Hauptaufgaben sein, dem Täter zu vergeben.
Welchen Weg sie dann im Jenseits geht, ob sie zum Beispiel wieder einen neuen Körper für eine weitere Inkarnation wünscht oder wählt und mit welcher Absicht, ist unter bestimmten Umständen ihr überlassen. Sie hat auch im Jenseits mehrere Möglichkeiten, sich zu entscheiden. Davon hängt auch ab, wann ihr welche eigene Schuld bewusst wird, und wie sie diese, vereinfacht gesprochen, "bereinigt".

 

1.13.     WOVON PFARRER SPRECHEN



Der Journalist:
Wären das alles auch mögliche Worte am Grab?

Der Theologe: Ich würde nie jemanden von meinem Glauben überzeugen wollen. Es ist eine Sache des Einfühlungsvermögens, den Nächsten in seiner momentanen Situation zu verstehen und auch die Worte zu finden, die ihm weiterhelfen. Also nicht zu wenig zu sagen, aber auch nicht zu viel. Wichtig ist für mich dabei, dass das Leben im Jenseits ohne Unterbrechung weitergeht und die Gedanken und Gebete von Trauernden auch bei der Seele im Jenseits ankommen.
Grundsätzlich lernte ich, mehr und mehr nur das auszusprechen oder zu schreiben, was ich in meinem Leben auch verwirklicht habe bzw. ich lerne zu sagen, wo das noch nicht der Fall ist.
Ein Pfarrer steht immer in Gefahr, zu reden, ohne dass seine Worte von Innen heraus gefüllt sind, weil es seine berufliche Pflicht ist, in bestimmten Situationen reden zu müssen. Den Berufsstand des Pfarrers oder Priesters hat Jesus von Nazareth außerdem überhaupt nicht gewollt. Es ist also kein christliches Amt, sondern es stammt aus antiken Götzenkulten.

Der Journalist: In den Kirchen wird er aber als eine Art besondere christliche Berufung verstanden.

Der Theologe: Auch ich hatte mit dem Theologiestudium begonnen, weil ich mich für Christus einsetzen wollte. Von Seiten der Kirchen ist der Pfarrerberuf sogar als lebenslange "Berufung" gedacht. Doch ich konnte ab einer bestimmten Zeit diesen Beruf nicht mehr mit der Nachfolge Jesu vereinbaren. Jesus von Nazareth hat nirgends davon gesprochen, dass er sich eine Kirche mit Theologen wünscht, die als Pfarrer und Priester arbeiten. Im Gegenteil: Die Theologen der damaligen Zeit, die so genannten "Schriftgelehrten", waren die erbittertsten Gegner des Jesus von Nazareth. Jesus verdiente seinen Lebensunterhalt demgegenüber als Zimmermann.
Und auch der von den Kirchen so hochgeschätzte Paulus ließ sich nicht wie die heutigen Theologen für ein "geistliches Amt" bezahlen, sondern er arbeitete als Zelt- bzw. als Teppichmacher (siehe Apostelgeschichte 18, 1-3; 20, 34; 1. Brief an die Korinther 4, 12; 1. Brief an die Thessalonicher 2, 9). Hier könnten sich die Kirchenmänner also wenigstens ein Beispiel an Paulus nehmen, wenn sie schon nicht das tun, was Jesus lehrte. Aber wenn es für die Kirchenmänner unbequem wird, ist ihnen auch Paulus einerlei.
Gemessen an der einfachen Botschaft des Jesus von Nazareth ist überhaupt keine "Theologie" notwendig. Vorübergehend sehe ich die Aufgabe des "Theologen" darin, die von der Theologie verursachte Verwirrung hinsichtlich der christlichen Botschaft wieder zu entwirren. Denn wenn die Worte der Theologen nicht der Wahrheit entsprechen, die Menschen also falsch belehrt werden, dann bürden sich diese immer neue Lasten auf, an welcher sie eines Tages unsäglich schwer zu tragen haben. Denn sie tragen dadurch erhebliche Mitschuld an den negativen Wirkungen im Leben ihrer Mitmenschen aufgrund ihrer falschen Lehre, und sie müssen deshalb selbst die darauf folgenden Wirkungen mittragen.
Das ist alles gar nicht kompliziert. Wenn zum Beispiel ein Bischof die Soldaten im Krieg segnet und ihnen vorgaukelt, sie würden als Soldaten Gottes Willen tun, dann trägt der Bischof einen großen, wenn nicht sogar den Hauptteil der Schuld am Tod derjenigen Menschen, die dann von diesen gesegneten Soldaten getötet wurden und an dem Leid der Angehörigen der Opfer. Dieses Leid, und das gilt natürlich je nachdem für jeden Menschen, muss dann, wenn es nicht rechtzeitig bereut, vergeben und wieder gut gemacht wird, von dem kirchlichen Würdenträger selbst erlitten und "abgetragen" werden

Der Journalist: Was verstehen Sie unter "Abgetragen werden"?

Der Theologe: Viele Ursachen wirken sich nicht sofort oder nach kürzerer Zeit aus, es dauert oft lange Zeit. Es gibt das bekannte Sprichwort: "Gottes Mühlen mahlen langsam." Irgendwann wird eine Schuld im Diesseits oder im Jenseits voll wirksam, wenn sie nicht rechtzeitig bereinigt bzw. wieder gut gemacht ist. Das ist dann die "Abtragung". Der Mensch erleidet bzw. "trägt" dann selbst die Not oder das Leid, das er zuvor anderen zufügte, zum Beispiel durch Irreführung. Und tritt ein Mensch hierbei als ein Kirchenoberhaupt auf, dem seine Kirche in Lehrfragen sogar "Unfehlbarkeit" zuspricht, dann ist die Abtragung eines Tages immens und gar nicht mehr in Worte zu fassen. Und die "arme Seele", die sich auf Erden einst in ein "unfehlbares" Lehramt wählen ließ, gehört letztendlich mit zu den bedauernswertesten Geschöpfen in der jenseitigen Welt, selbst wenn sie auch dort noch lange ihre alte Rolle spielen kann.
Wer also "abträgt", kann zwar in dieser Situation ebenfalls um Vergebung bitten, doch zuvor wurde die Chance vertan, der Wirkung zuvorzukommen und diese eventuell nicht erleiden zu müssen. Und ist es dann so leicht, zur Reue zu finden, wenn man selbst von starken Schmerzen gequält wird und sich vielleicht als "Opfer" des Schicksals fühlt?
Auch ist es im Jenseits nicht so leicht möglich wie auf der Erde, einer anderen Seele zu begegnen, mit der etwas zu bereinigen ist. Auf der Erde kann ich grundsätzlich auf jeden Nächsten zugehen, durch technische Hilfsmittel wie Flugzeug, Telefon oder Internet auch schneller als in früheren Jahrhunderten. Als Seele im Jenseits bin ich in der Regel unter "Meinesgleichen", das heißt unter denen, die einen ähnlichen Bewusstseinsstand und ähnliche Belastungen haben. Die Entwicklung bzw. Evolution ist viel langwieriger, weil man sich vielfach in den gegenseitigen Belastungen bestätigt statt diese aufzuarbeiten.

Der Journalist: Davon habe ich im Religionsunterricht nichts gehört. Die Kirchen lehren in ihren Dogmen und Bekenntnisschriften die "Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag" und eine Unterscheidung derer, die in den Himmel kommen, von denen, die in die Hölle kommen. Wie stehen Sie dazu?

Der Theologe: Wäre das gerecht, wenn die Einen 100 % "Weiß" erwartet und die Anderen 100 % "Schwarz" und das in alle Ewigkeit? Und was wäre das für ein Gott, der bei Schmerzensschreien und Hilferufen seiner höllisch gequälten Kinder in Ewigkeit nicht mehr reagieren kann oder will?
Das erinnert mich daran, wie zum Beispiel Kirchenobere zu den Vorgängen in den Konzentrationslagern im nationalsozialistischen Deutschland geschwiegen haben oder wie sie heute zum Alltag der Tiere in den Schlachthöfen oder Tierversuchslabors überwiegend schweigen. Oder wie Kirchenführer heute für ihre Institutionen die Millionen scheffeln, während hingenommen wird, dass täglich Zehntausende von Menschen an Hunger und Unterernährung sterben. Mit Gott hat das alles aber nichts zu tun.
Und gäbe es einen Ort der ewigen Gottferne ohne Umkehrmöglichkeit, wie die Institutionen Kirche behaupten, dann wäre die gottferne Macht stärker als die Liebe Gottes.
Bei diesem Thema entlarven sich die Kirchen sehr deutlich: Denn was dort geglaubt werden soll, ist im Endzustand eine für immer geteilte Schöpfung: mit Menschen bzw. Seelen, die auf der Erde gläubige Katholiken oder Protestanten waren und einigen weiteren, die angeblich mit diesen zusammen in der so genannten Seligkeit leben dürfen. Und auf der anderen Seite gäbe es angeblich die vielen anderen, die sich für alle Ewigkeit an einem Ort nie endender Gottferne und Qualen befinden sollen. Und was nur wenigen bekannt ist. Laut kirchlichen Lehren müssen auch die meisten Katholiken und Protestanten später in die ewige Hölle, sofern sie vom Gesamtpaket der kirchlichen Lehre abweichen. Es muss immer das Ganze geglaubt werden. Schon eine Abweichung, ein einziges Dogma, das nicht geglaubt wird, führt zum Beispiel zur katholischen Verfluchung des Menschen angeblich in alle Ewigkeit [Mehr dazu in Der Theologe Nr. 69 - Ewige Hölle für alle? 100 Verdammungen der römisch-katholischen Kirche].
Der Schöpfergott, den Jesus von Nazareth uns nahe brachte, hat sich aber so etwas nicht ausgedacht. Er ist ein anderer Gott als der Gott der Kirche. Der Schöpfergott reicht jedem Seiner Kinder zu jedem Zeitpunkt die Hand, im Diesseits und im Jenseits und jeder kann aus seiner selbst geschaffenen Hölle früher oder später herausfinden. Es liegt allein an ihm selbst. So mag es zwischenzeitlich für so manchen eine so genannte "Hölle" geben. Doch nur, damit er erkennt und bereut, wie er anderen das Leben zuvor auf gleiche Weise zur "Hölle" gemacht hat, und damit er umkehrt.
Noch am Rande dazu bemerkt: Das in der Bibel an wenigen Stellen im Zusammenhang von "Verdammnis" bzw. Seligkeit genannte griechische Wort "aionios" bezeichnet eine lange Zeit, einen "Äon", aber keine Ewigkeit im Sinne einer Unendlichkeit. Und das andere in der Bibel dafür verwendete Wort "asbestos" kann auch mit "unermesslich" übersetzt werden.
[Ausführliche Besprechung dieses Themas in Der Theologe Nr. 19 - Es gibt keine ewige Verdammnis - auch nicht in der Bibel] Das Leiden kann also sehr lange dauern, aber es wird irgendwann beendet sein. Und wann, dafür trägt jeder letztlich selbst die Verantwortung.

 

1.14.     WARNUNGEN



Der Journalist:
Einige Menschen verstehen ihr Schicksal auf der Erde bereits als eine Art "Hölle". Und andere berichten über Leid und Freude in ihrem Leben im Wechsel, ohne dass allerdings große Schicksalsschläge eingetreten sind.

Der Theologe: Sie sagen "ohne dass große Schicksalsschläge eingetreten sind". Doch was wird eventuell noch kommen?
Eine Saat reift ja langsam zur Ernte. Und bevor geerntet wird, kann man das Wachstum der Saat beobachten. Auf den Menschen bezogen bedeutet das: Bevor ein Schicksal eintritt, wird der Mensch mehrfach gewarnt, um mögliche Wirkungen einer Saat durch Bereinigen rechtzeitig zu verhindern. Das steht übrigens auch sinngemäß in der Bibel, auch wenn dort fälschlicherweise im Buch Weisheit behauptet wird, dass sich mancher "böse" Mensch "niemals mehr ändern würde" (12, 10b). Im Buch Weisheit heißt es aber zum Beispiel auch: "Womit jemand sündigt, damit wird er auch bestraft" (Weisheit 11, 16). Das entspricht dem Urwissen der Menschheit von Saat und Ernte. Doch es muss nicht so weit kommen. Im Buch Weisheit heißt es weiter: "Darum bestrafst du die, die fallen, nur leicht und warnst sie, indem du sie an ihre Sünden erinnerst, damit sie von ihrer Schlechtigkeit loskommen und an dich, Herr, glauben" (Weisheit 12, 2). Und: "Du richtest sie nur nach und nach und gabst ihnen so Gelegenheit zu Buße ..." (V. 10a) [Das Buch Weisheit ist Teil der römisch-katholischen Bibeln, bei den Evangelischen zählt es zu den so genannten "Apokryphen"] Hier wird zwar fälschlicherweise Gott als Urheber der Ernte bzw. als Richter genannt. Abgesehen von diesem schwerwiegenden Fehler wird aber zumindest deutlich, dass kein Schicksal vom Himmel fällt, sondern dass es zuvor immer Warnungen gibt.
Auch kleinste Begebenheiten können uns in diesem Zusammenhang helfen und uns auf unsere negativen Ursachen hinweisen, wenn wir wachsam im Tag leben. Erkennen wir uns in den Situationen des Alltags, verstehen wir die Warnungen und ziehen daraus die richtigen Konsequenzen, dann müssen wir ein bestimmtes Schicksal nicht erleiden bzw. können wenigstens einen Teil davon abwenden.

Der Journalist: Was sind zum Beispiel solche Warnungen?

Der Theologe: Wachsam können wir immer sein, wenn uns etwas ärgert oder erregt, zum Beispiel das Verhalten eines unserer Mitmenschen. Die Erregung kommt ja aus uns selbst heraus. Die Botschaft ist: Ganz gleich, was beim Nächsten vorliegt - ob er sich wirklich negativ verhalten hat oder ob ich nur etwas Negatives in sein Verhalten hineingelegt habe: Das, worüber ich mich errege, "entspricht" mir, wir können deshalb auch "Entsprechung" dazu sagen. Die entscheidende Frage ist also zuerst: Wo verhalte ich mich so oder so ähnlich wie der Mitmensch, eventuell auch "nur" in Gedanken?
Denn würde in mir nicht Gleiches oder Ähnliches vorliegen, dann könnte ich in der jeweiligen Situation innerlich gefasster bleiben und aus der inneren Stärke das Rechte tun. So aber erregt mich die Situation und bringt mich aus dem Gleichgewicht. Das ist eine mögliche Warnung.
An diesem Beispiel können wir auch verstehen, was Jesus von Nazareth meinte, als er mahnte: "Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge" (Bergpredigt, Matthäus 7, 3).
Das Verhalten des Mitmenschen ist dann der "Splitter", der uns auf unseren Balken hinweist.

Der Journalist: Wenn ich den Balken erkenne, aber keine Kraft habe, ihn zu entfernen?

Der Theologe: Für das Balkenstück, das ich heute erkenne, ist mir heute auch die Kraft gegeben, es zu entfernen, wenn ich es gleich tue bzw. noch am selben Tag und es nicht aufschiebe oder ganz darüber hinweggehe. Diese Kraft können wir "Tagesenergie" nennen.

Der Journalist: Ich habe mich beispielsweise über eine bestimmte Person geärgert. Wie finde ich jetzt zum eigenen Balken?

Der Theologe: Dann frage ich nach dem Grund für den Ärger. Ein Beispiel: Vielleicht ist es der nicht erfüllte Wunsch, von dieser Person ernst genommen zu werden oder Aufmerksamkeit zu erhalten. Dann kann ich umgekehrt fragen: Wen nahm ich nicht ernst oder schenkte ihm keine Aufmerksamkeit? Und warum? Fällt mir dazu eine Situation ein? Wie kann ich sie "bereinigen" und mich in Zukunft anders verhalten?
Schließlich kann ich - auf die ursprüngliche Situation bezogen - weiterfragen: Warum war es mir so wichtig, in dieser Situation beachtet zu werden? Was liegt darunter? Vielleicht die Eifersucht? Oder die Angst, die Aufmerksamkeit oder Zuwendung dieser Person zu verlieren? Und warum diese Angst? In welchen Punkten habe ich mich von einem Menschen abhängig gemacht?
So komme ich allmählich zu der Wurzel für mein Verhalten. Kann ich diese dann bereinigen und mir ein neues Zielbild vorgeben? Zum Beispiel: "In Gott werde ich immer freier". Oder: "Ich gebe meinem Nächsten, ich erwarte nichts von ihm."
Wenn zu einem späteren Zeitpunkt wieder der Ärger hochkommt, dann kann ich mich gedanklich zügeln: "Halt, Stopp! Was habe ich mir vorgegeben?" In diesem Augenblick werde ich schon ruhiger. Ich reagiere nicht mit Vorwürfen, sondern versuche, den Nächsten zu verstehen. Die Erfahrung zeigt: Die Beziehung verbessert sich zunehmend.
Habe ich meine eigenen Schwächen, den Balken, bereinigt, dann kann ich auch dem Nächsten helfen, seine Schwächen, den Splitter, zu erkennen und zu bereinigen, wenn er dies möchte, und es kann zu einem viel besseren Miteinander kommen.

Der Journalist: Bei diesem Beispiel hat ein Ärger sehr viel ausgelöst und innerlich in Bewegung gebracht. Hat wirklich alles, was mir täglich begegnet oder was mich bewegt, eine tiefere Bedeutung?

Der Theologe: Es kommt immer auf einen selbst an. Wir brauchen in Situationen nichts hinein zu interpretieren, doch wenn wir unsere Umwelt aufmerksam wahrnehmen, dann kann uns auch der Flug eines Vogels eine Botschaft übermitteln oder etwas in uns anstoßen, denn Gott spricht zu uns aus vielen Mündern.
Daneben gibt es zahlreiche Gedanken, die uns im Laufe eines Tages immer wieder anfliegen. Fliegen sie uns allerdings nur an und verschwinden wieder, ohne dass wir uns erregen, dann ist es nicht sinnvoll, sie zu analysieren. Das ist meine Erfahrung. Umgekehrt leiden viele Menschen ja aber nicht darunter, dass sie Situationen überinterpretieren, sondern sie sind abgestumpft und nehmen nur wenig von dem wahr, was um sie herum geschieht und was ihnen eigentlich etwas sagen möchte.
Werden zum Beispiel einige kleinere Warnungen übersehen, die uns auf ein sich unter Umständen anbahnendes Schicksal hinweisen, dann können die Mahnungen stärker werden, eventuell erste Wirkungen bereits hereinbrechen. Ich denke zum Beispiel an einen kleineren Autounfall, bei dem jemand mit einem "Schrecken" oder einem kleinen Blechschaden davongekommen ist. Die entscheidende Frage ist die Frage nach dem "Warum" des Unfalls.

Der Journalist: Oft lag doch nur eine Unkonzentriertheit zugrunde?

Der Theologe: Ja, doch auch die Unkonzentriertheit hatte ja ihre Ursachen. Wo waren meine Gedanken? Was hatte ich also gerade gedacht? Womöglich oder gar wahrscheinlich hat es ja mit der tieferen Ursache für den Unfall zu tun? Oder ich weiß genau, was in meinem Leben derzeit nicht in Ordnung ist, und wovor mich der kleine Unfall warnen möchte. Es ist nicht nötig, weit in die Ferne zu schweifen.

 

1.15.     WENN SICH JEMAND IN GEDANKEN VERSTRICKT



Der Journalist: Spielen die Gedanken also eine wesentliche Rolle?

Der Theologe: Ja. Bei jemandem, der beispielsweise Angst hat zu versagen, kann allein deswegen ein Versagen eintreten, weil er immer wieder innere Versagens-Bilder als Ursache zugelassen hat, ohne nach dem Warum zu fragen und es mit der Hilfe von Christus zu ändern.

Der Journalist: Wird die Wichtigkeit der Gedanken auch in den Kirchen gelehrt?

Der Theologe: Nein. Die kirchlichen Lehren lenken das Bewusstsein des Menschen stark auf das Äußere oder auf Vordergründiges; auf "Sakramente" und Zeremonien, auf das Hören von Predigten, auf den "Glauben allein", auf das eine oder andere "gute Werk". Vor allem in konservativen Kreisen der evangelischen Kirche, bei den so genannten Pietisten, Evangelikalen oder Charismatikern, wird immer wieder hervor gehoben, Christus sei für alle unsere Sünden gestorben, und wir würden allein durch den Glauben daran gerettet. Diese Lehre verhindert immer wieder, dass Menschen genauer und aufmerksamer ihren Alltag betrachten und Schritt für Schritt Gott näher kommen. Dann können sie Problemen unter Umständen nicht auf den Grund kommen, und die Hilfe Gottes in vielen Situationen des Alltags wird gar nicht wahrgenommen. So trifft manchen Menschen ein Schicksal, das ihn gar nicht hätte treffen müssen. Eine Hauptverantwortung dafür tragen dann die Männer und Frauen der Kirche.

Der Journalist: Kommt ein Schicksal auf jemanden zu, heißt es dann in der Kirche oft: "Das ist der unergründliche Ratschluss Gottes".

Der Theologe: Dabei hatte Gott immer wieder versucht, sich Gehör zu verschaffen und das Schicksal zu verhindern. Wir brauchen doch nur das Wort vom "Splitter und Balken" aus der Bergpredigt von Jesus ernst zu nehmen und uns einmal in den Situationen des Tages selbst beobachten. Jeder Tag gibt uns viele Hilfen.
Wer sich, anstatt bewusst im Tag zu leben, lieber viele theologisch-intellektuelle Gedanken macht, der kann leicht in Gedankenverstrickungen geraten. Sein Bewusstsein steht in der Gefahr, stumpf zu werden und sich von den möglichen lebendigen Gotteserfahrungen im Alltag immer mehr zu entfernen.
Auch dazu fällt mir ein Beispiel ein: Als ich einmal aus Versehen eine kleine Katze mit dem Auto überfuhr, spürte ich in dieser Situation wie selten zuvor das Leiden eines Tieres. Die Katze bewegte sich noch einige kurze Augenblicke, bevor sie starb, und ich stand verzweifelt daneben und wollte helfen, war aber hilflos.
In manchen anderen Situationen hatte ich aber das Leid anderer nicht oder kaum wahrgenommen. Und hat das nicht mit den Knäueln von Gedanken, hauptsächlich egoistischen Gedanken, zu tun, in die sich Menschen einspinnen können?

 

1.16.     NACH INNEN HÖREN



Der Journalist:
Könnte der Unfall mit der Katze nicht darüber hinaus noch eine Warnung beinhalten?

Der Theologe: Ich könnte mich später zum Beispiel auch fragen: Wer kommt sonst noch "unter meine Räder"? Andere Tiere? Menschen? Vielleicht trifft es eines Tages einen selbst, wenn man die Warnung nicht erkennt und etwas ändert.
Doch nicht alles, was der Tag bringt, hat mit Negativem zu tun. Die Hinweise des Alltags helfen uns zum Beispiel auch im Positiven, die beste Spur für unser Leben zu finden. Alles spricht zu uns. Vor Entscheidungen kommt es zum Beispiel zu bestimmten Begebenheiten oder es finden Gespräche statt, deren Inhalt mir die Entscheidung erleichtern. Die Hilfe Gottes ist pausenlos zu meinem Wohl aktiv, und Gott kann aus allem zu mir sprechen. Das macht man sich manchmal viel zu wenig bewusst.

Der Journalist: Einige fragen dabei nach "Gottes Willen".

Der Theologe: Gott lässt uns immer die Freiheit, zu entscheiden. Er entscheidet nicht für uns und gibt uns in einer konkreten Situation auch keine "richtige" Entscheidung vor. Gott will, dass wir nach Seinen Geboten leben, und Er hilft uns, unsere Motive zu finden, damit wir Entscheidungen treffen können, die auch von ihrer Motivation her im Einklang mit den Geboten stehen.
Ich denke hier an Fragen, ob jemand eine bestimmte Person heiratet oder nicht, welchen Beruf jemand wählt, ob er lieber in den Süden oder in den Norden zieht oder ob er bleibt, wo er ist. Wir entscheiden selbst, doch Gott hilft uns dabei. Oft kommen auch Impulse, die wir plötzlich in unserem Inneren wahrnehmen können; irgendein Gedanke, der zur Situation passt oder eine Empfindung, in welche Richtung man tätig werden könnte. Ich erlebe das manchmal, wenn ich mich bemühe, still zu werden und wenn ich mich in diesen stillen Momenten auf Gott in mir "ausrichten" möchte. Ob der Gedanke, die Empfindung dann wirklich aus dem Gottesgeist in mir kommt oder aus anderen Einflüssen oder aus meinen eigenen Schatten, sei an dieser Stelle vorerst dahin gestellt. Er wird auf jeden Fall zunächst von meinem Bewusstsein so aufgenommen, und ich kann darauf hin ja auch Gutes und weniger Gutes wägen und die entsprechenden Schlüsse daraus ziehen.
Wichtig ist, überhaupt zu üben, nach Innen zu hören und das eigene Lebensruder nicht nur grob mit dem Intellekt zu steuern. Damit zeige ich meine Bereitschaft, auch von Innen zu empfangen, und - sofern ich das möchte - immer besser nach Gottes Willen leben zu können. Gott will nicht, dass wir auf dem Weg zu Ihm Umwege gehen, doch Er bleibt auch auf unseren Umwegen bei und in uns.

 

1.17.     VOM LEIDEN DER TIERE



Der Journalist:
Wenn ich es recht verstanden habe, geht es um eine innere Führung in bestimmten Situationen, wobei äußere Anlässe helfen können, diese wahrzunehmen.
Eine weitere Frage zu dem Beispiel mit der Katze: Wie verhält es sich mit den Tieren? Gilt auch für sie "Saat und Ernte"?

Der Theologe: Beim Leiden der Tiere geht es, was die Tiere selbst betrifft, nicht um "Saat und Ernte". Die Tiere haben im Unterschied zu den Menschen nicht negativ gesät, sondern viele wurden durch negative menschliche Verhaltensweisen, zum Beispiel Aggressionen, so geprägt, wie sie heute sind. Dies hat sich über unvorstellbar lange Zeiträume hinweg so entwickelt, also über Äonen, vor allem bei so genannten "Raubtieren". Dass diese Entwicklungen im Tierreich aber nicht ursprünglich sind, wird auch an der großen Friedensreich-Vision des Propheten Jesaja deutlich, in der es unter anderem heißt: "Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern ... Kühe und Bären werden zusammen weiden ... und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder" (11, 6-7). So war er einst, und so wird es wieder werden, wenn zuerst die Menschen ihr Verhalten untereinander und gegenüber den Tieren komplett ändern. Dann werden auch aggressive Tiere ihr Verhalten wieder allmählich ändern.

Bis dahin ist jedoch das grausame Leiden der Tiere in Tierversuchen, bei Massentierhaltung, in Schlachthöfen, bei Tiertransporten, in verseuchter Umwelt, bei der Jagd und auch bei Unfällen unmittelbar oder mittelbar auf menschliche Ursachen zurückzuführen. Und so könnte das derzeitige furchtbare Leid der Tiere auch ein Vorbote sein für das, was eines Tages auf Menschen zukommt, wenn diese ungesühnten und sich immer unheilvoller auftürmenden Ursachen als Wirkungen auf den Verursacher, den Menschen, zurückfallen. Ist uns überhaupt bewusst, was wir den Tieren antun?

Der Journalist: Gehört zu dem, was auf die Menschen zurückfällt, auch die Krankheiten, die durch den Fleischgenuss hervorgerufen werden?

Der Theologe: Das Gesetz von Saat und Ernte gilt auch für unsere Essgewohnheiten, so dass man aus Sicht der Tiere sagen könnte: "Ihr Menschen habt uns krank gemacht, jetzt esst ihr unsere Krankheiten." Für Menschen, die sich von den Körpern anderer Menschen ernähren, gibt es das Wort "Kannibalen". So dürften sich Menschen, die Tiere essen, nicht beschweren, wenn man sie als "Tierkannibalen" bezeichnen würde.

In der Schöpfungsordnung war das jedenfalls nicht vorgesehen. Nach dem biblischen Schöpfungsbericht ist der Mensch Vegetarier (1. Mose 1, 29-30). In der Bibel ändert sich das erst nach der "Sintflut". Angeblich stamme diese Veränderung auch von Gott. Doch wenn in diesem Zusammenhang nun plötzlich von "Furcht und Schrecken" "über allen Tieren auf Erden" durch den Menschen gesprochen wird (1. Mose 9, 1 ff.), dann ist das keine "Erlaubnis Gottes", sondern ein "Weheruf" über die Menschen. Der bekannte alttestamentliche Theologe Walter Zimmerli nannte es den "Fluch der Urzeit".
Und das damit verbundene Ja zum Fleischkonsum ist dann kein "göttlicher Wille", sondern ein "göttliches Wehe". Immer mehr Menschen verzichten auf Fleisch, weil sie wissen, dass auch alles Leiden, das wir den Tieren antun, auf die Menschen zurückfällt, je nach ihrem Anteil; und weil sie immer empfindsamer für das Leid der Tiere werden [vgl. dazu: Der Theologe Nr. 7 - Jesus und die ersten Christen waren Vegetarier und www.brennglas.com].

 

1.18.     ES GIBT KEINEN STRAFENDEN GOTT



Der Journalist:
In der Bibel heißt es über Gott im Zusammenhang dieser Stelle weiter: "Auch will ich euer eigen Blut, das ist das Leben eines jeden unter euch, rächen ..." (1. Mose 9, 5)

Der Theologe: Das Wort vom Rächen macht deutlich, dass man Gott in der Bibel manche Menschenworte und -gedanken zugeschrieben hat. Gott ist kein Rächer und fordert kein Blut. Es ist das Gesetz von Ursache und Wirkung, welches die Ernte "einfordert", wenn die Saat nicht vor ihrem Aufgehen korrigiert wird. Diesem Gesetz entgeht kein Blutstropfen, den Menschen vergossen haben und kein menschlicher Rachegedanke.

Der Journalist: Gehen wir davon aus, dass das "Gesetz von Saat und Ernte" gilt. Doch weder diese Gesetzmäßigkeit und seine Auswirkungen werden den Menschen bekannt gemacht, noch wie man damit umgeht. Dann bleibt vieles beim Alten. Es ist dann unter Umständen ein schmerzhafter Kreislauf von immer wieder denselben oder ähnlichen Problemen ...,

Der Theologe: ... die sich irgendwann zu einem schweren Schicksal hier auf der Erde oder im Jenseits zusammenballen können.
Es sind vor allem die Institutionen Kirche, welche diese Gesetzmäßigkeiten verwässern oder verleugnen. An deren Stelle treten dann der "unergründliche Ratschluss Gottes", die "Geheimnisse Gottes" oder das Aushalten, Beten oder Klagen im Leiden - ohne den Grund dafür finden zu können. Dann ist es auch schwerer, sein Leben in die Hand zu nehmen und Negatives in Positives wandeln zu können.

Der Journalist: Sie sprechen immer wieder von "Gesetzmäßigkeiten" bzw. von einem "Gesetz". Aus den Kirchenlehren kenne ich das Wort "Evangelium"? Es wird dort als "frohe Botschaft" verstanden. Wenn das nicht zu weit vom Thema wegführt, vielleicht eine kurze Antwort: Was genau ist "Evangelium" und was ist "Gesetz"?

Der Theologe: Das Wort "Gesetz" hat vor allem durch die lutherische Lehre einen völlig zu Unrecht negativen Beigeschmack bekommen. Dort wird in Anlehnung an Paulus - vereinfacht gesprochen - zwischen dem, was man tun soll unterschieden, was man "Gesetz" nennt, und dem, was die christliche Botschaft einem angeblich schenkt, was "Evangelium" genannt wird. Und angeblich würde es für das Seelenheil ausreichen, an dieses so genannte von Gott geschenkte Heil, so wie es die Kirche als "Evangelium" definiert, zu glauben. Doch diese Unterscheidung ist nur eine an den evangelischen Fakultäten der Universitäten gelehrte intellektuelle Kopfgeburt, die nicht stimmt und welche die Leute nur noch diffuser macht.
Die kosmischen Gesetze sind von Beginn der Schöpfung an allumfassend und gerecht, das Wort "Gesetz" ist von daher ein Wort mit positivem Inhalt. Die kosmischen Gesetze - man könnte auch sagen "das absolute Gesetz" - beinhalten, dass alles in allem enthalten ist und dass alles menschliche Tun, Fühlen und Denken auch in einer gigantischen kosmischen "Buchhaltung" gespeichert ist, die nach dem Gesetz von Saat und Ernte funktioniert. Diese Gesetze beinhalten aber auch die Barmherzigkeit Gottes, der dem Menschen bzw. der Seele immer wieder Chancen und Handreichungen gibt, damit dieser seine Lebenssituation jede Sekunde neu im positiven Sinne aktualisieren kann. Das ist, wenn man es so nennen will, die "frohe" Botschaft, wozu auch gehört, dass niemand in Leid und Verzweiflung verharren oder gar enden muss.
Mit dem Wort "gesetzmäßig" meine ich schließlich, sich entsprechend den kosmischen Gesetzen im positiven Sinne zu verhalten: also etwas Gutes zu tun, was wieder Gutes hervor bringt.
Und was von Gott kommt, ist immer ausschließlich gut und dient der Reifung der menschlichen Seele. Ich spreche jedoch als Theologe und Gottsucher nicht mehr von "Evangelium", weil das Wort durch die Institutionen Kirche völlig korrumpiert und mit vielen Unwahrheiten aufgeladen ist.

Der Journalist: In den kirchlichen Lehren ist oft auch von einem zornigen und strafenden Gott die Rede, den Jesus hätte versöhnen müssen.

Der Theologe: Ja. Das wird dort so geglaubt. Doch Gott hat nie gestraft und straft nicht, und Er war und ist auch nie zornig im menschlichen Sinne, dass Er sich wie ein Mensch erregen würde. Die komplette Kirchenlehre ist Ausdruck einer kaum mehr zu überbietenden Gottferne. Es gibt aber den göttlichen Ernst.

Der Journalist: Wenn das so ist, dann kann es folglich auch nicht stimmen, dass ein Zorn Gottes gesühnt werden musste?

Der Theologe: Die Lehre vom "Opferlamm" Christus, mit dem angeblich ein Zorn Gottes gesühnt wurde, ist nur eine menschliche Vorstellung, die aus heidnischen Mysterienkulten und aus dem Opferkult der jüdischen Priester stammt. Jesus wollte mit den Menschen das Friedensreich auf dieser Erde aufbauen. Zum "Sühnopfer" bzw. "Opferlamm" wurde er erst, als die Menschen ihn im Stich ließen. Von Gott her war die Erlösung nicht als blutiges Ereignis geplant, weil in Seiner Welt überhaupt kein Blut fließt [weitere Hintergründe siehe hier]. Gott straft auch keinen. Er kann nicht strafen, weil es bei Ihm überhaupt keine Strafe gibt. Auch einen Zorn Gottes, so wie es in den Kirchen gelehrt wird, gibt es nicht und hat es nie gegeben. Das sind alles intellektuelle bis sadistische Vorstellungen aus den Köpfen von Gott getrennter Menschen.
Es gibt nur das ernste Ringen Gottes um die Menschen, das durch prophetische Worte auch in klaren, kraftvollen und manchmal scharf klingenden Worten zum Ausdruck gekommen ist, wenn sanftere Worte zuvor nichts bewegten. Gute Beispiele dafür finden sich in vielen Prophetenworten im "Alten Testament", aber auch in den Weherufen von Jesus über die Schriftgelehrten und Pharisäer, die Theologen und Religionsführer der damaligen Zeit (Matthäusevangelium, Kapitel 23).
Anstatt in den unbeschönigten Jesus-Worten über die Theologen seiner Zeit aber die Liebe Gottes zu entdecken, aufzuwachen und umzukehren, interpretierten viele Menschen lieber einen angeblichen "Zorn Gottes" in die Worte hinein. Sie glaubten an "Strafen Gottes" anstatt in negativen Ereignissen die menschliche Selbstbestrafung im "Gesetz von Saat und Ernte" zu erkennen.
Dieses Gesetz beinhaltet immer auch die Gerechtigkeit, die allem Geschehen über Inkarnationen, ja Äonen, zugrunde liegt. Doch daneben gibt es immer die Liebe und Barmherzigkeit Gottes, die uns in jedem Augenblick beisteht, wieder aus dem Negativen herauszufinden. Das geht unter Umständen nicht von heute auf morgen, sondern bedarf mehr oder weniger vieler Schritte, so dass wir von einer Evolution zurück zu Gott sprechen können, so wie es einst eine Entwicklung weg von Gott gegeben hat, man spricht manchmal vom so genannten "Fallgeschehen".

 

1.19.     VOM SO GENANNTEN "SÜNDENFALL"



Der Journalist: Wie kann man sich das vorstellen? Wie ist es zum Beispiel zu diesem "Gesetz von Saat und Ernte" gekommen? Hat Gott es geschaffen?

Der Theologe: Nein, Gott hat es nicht geschaffen. Es ist durch die Menschen gekommen, die als freie Geistwesen im "Himmel" nicht mehr nach den Gesetzen und Ordnungen Gottes bzw. des Kosmos leben wollten. Sie wollten nicht nur - wenn man so sagen will - "Geschöpfe" sein, sondern eine eigene Welt mit eigenen allzumenschlichen Gesetzen erschaffen.

Der Journalist: In der Bibel steht etwas von einem Sündenfall.

Der Theologe: Man könnte auch von einem "Fallgeschehen" sprechen, da vielen einzelnen Vergehen eine lang andauernde Fehlhaltung zugrunde lag. Es waren also nicht nur ein paar Minuten, in denen eine Schlange die Ur-Frau Eva ermunterte, eine gefährliche Frucht zu pflücken und Adam, der Ur-Mann, in die Frucht hinein biss. Diese Erzählung beinhaltet die Wahrheit, ist jedoch vor allem symbolisch zu verstehen. Sie beschreibt den Ausbruch aus der Ordnung Gottes und einen Versuch, eine zweite Schöpfung nach eigenen Regeln neben die bereits geschaffene zu setzen. In der biblischen Geschichte vom "Sündenfall" von Adam und Eva, die auch im Einzelnen viele Bilder und Symbole enthält, erscheint dies als die Versuchung, "sein" zu wollen "wie Gott" (1. Buch Mose 3, 5).
Und die Versuchung bestand eben darin, nicht mehr bescheiden und glücklich seinen Platz in einem vollkommenen Gefüge auszufüllen, sondern sich selbst gegenüber anderen Geschöpfen hervor heben zu wollen, selbst Schöpfer eigener Welten sein zu wollen, zur eigenen Ehre zu leben und zu diesem Zweck auch in Konkurrenz zu anderen zu treten. Damit sind die "Fallwesen" aus der ursprünglichen Einheit der Schöpfung ausgebrochen.
Das Essen von bestimmten Früchten entgegen dem göttlichen Gebot, wie es in der Bibel erzählt wird, kann dann als Symbol dafür angesehen werden, wie jemand aus dieser Einheit mit Gott heraus tritt, um eine neue, eine zweite Ordnung zu schaffen. Und die Möglichkeit dieses Handelns liegt immer in der "Freiheit" der Geschöpfe begründet, was ja auch in den Kirchenlehren so gesehen wird. Diese Freiheit wäre also vor sehr langer Zeit von einem Teil der Geistwesen "im Himmel" dazu benutzt worden, um die göttliche Ordnung massiv zu verändern und mehr und mehr eine Gegenordnung aufzubauen. Diese "Rebellion" aus dem Motiv des Hochmuts war demzufolge eine erste negative Ursache, die eine entsprechende negative Wirkung hervorbrachte. Und im Verlauf dieses "Falls" kamen nun immer weitere Ursachen und Wirkungen hinzu. Deshalb kann das "Gesetz von Saat und Ernte" eben auch als "Gesetz von Ursache und Wirkung" oder als "Kausalgesetz" oder in seinen negativen Aspekten auch als "Fallgesetz" bezeichnet werden. Und der Stand dieser Entwicklung weg von den großen kosmischen Ordnungen wird am Zustand dieser Welt deutlich.

Der Journalist: Sie haben bisher alle Fragen beantwortet und Sie berufen sich bei ihren Antworten auch auf Botschaften von Christus, die er nach Ihren Worten auch in unserer Zeit durch Prophetisches Wort selbst gegeben hat. Wurde in diesen Botschaften über alle Themen gesprochen oder blieben wesentliche Fragen offen?

Der Theologe: Die Botschaften lösten das Versprechen ein, das Jesus nach den Worten des Johannesevangeliums gegeben hatte: "Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten" (Johannes 16, 12-13).
Alles Wesentliche liegt heute offen. Und die heute auch durch Prophetenwort verdeutlichte Botschaft von Christus löste genauso Widerspruch aus wie die Botschaft des Jesus von Nazareth vor 2000 Jahren tat. Und so war es auch in allen den Jahren seither.

Der Journalist: Was meinen Sie mit dem "Widerspruch"?

Der Theologe: Wenn ich noch einmal beim Vaterunser anknüpfe und der Bitte "Dein Reich komme", dann kann man das ja auch so sehen: Der Himmel soll auf die Erde kommen. Es gibt allerdings Kräfte, die das verhindern wollen und welche die Welt so erhalten wollen, wie sie in der Folge des "Sündenfalls" bis heute entstanden ist: Mit der Herrschaft von Menschen über andere Menschen, mit dem Oben und dem Unten, mit der Ausbeutung der Schöpfung für ichsüchtige Zwecke und einigem mehr. Kurz: Mit allem dem Negativen, das manche für ihre persönlichen Zwecke und für ihr Ego-Wohlleben ausnützen. Diese Kräfte betrachten den Planeten Erde als ihren Stützpunkt, den sie sich im Laufe des äonenlangen Fallgeschehens zum Eigenwohl eingerichtet haben und den sie teilweise mit Zähnen und Klauen zu verteidigen versuchen.
Diesem Ziel dienen letztlich auch die Institutionen Kirche. Denn wenn Jesus, der Christus, tatsächlich noch einmal auf die Erde kommen würde, wie dort ja geglaubt wird, dann würden die kirchlichen Obrigkeiten ihm mit Sicherheit nicht folgen, denn dann wäre ja ihre Macht dahin und sie wären keine Kirchenführer mehr. Sie würden deshalb am Papstkult und dem ganzen Dogmengebäude, das sie sich in vielen Jahrhunderten ausgedacht haben, und an all´ dem äußeren Schaugepränge festhalten und ihre Gläubigen weiterhin einzuschüchtern versuchen. Und dass sich Jesus den Kirchenmännern unterordnen würde, ist völlig ausgeschlossen - der Gegensatz könnte krasser kaum sein.

Der Journalist: Sie erwähnen das Dogmengebäude. In den katholischen Dogmen und auch in den evangelischen Bekenntnisschriften wird, wie wir bereits besprochen haben, ja auch von Verdammnis, Hölle oder ewiger Gottferne gesprochen. Die Schöpfung würde nach kirchlicher Vorstellung auch immer geteilt bleiben, also der Versuch, den Sündenfall-Gedanken zu verewigen, wenn ich es recht verstehe.

Der Theologe: Genau. Und durch diese Drohungen mit der ewigen Gottferne wurden ja unzählige Menschen eingeschüchtert, in Angst versetzt und von den scheinbaren Rettungsangeboten der Kirche abhängig gemacht. Doch diese Angebote sind in Wirklichkeit Teil der Gottferne, so dass sich kirchenabhängige Menschen wie in einem dunklen Kreis drehen.

 

1.20.     KEIN PFARRER KANN VON SÜNDEN LOSSPRECHEN



Der Journalist: Welches sind die Rettungsangebote der Kirchen?

Der Theologe: Vereinfacht gesprochen der "rechte" Glaube und die Teilnahme an angeblich von Gott eingesetzten kirchlichen Handlungen, so genannten Sakramenten, in denen angeblich Gott wirken soll. Dabei geht es zum Beispiel um Sündenvergebung. Nach dem kirchlichen Glauben werden die Menschen durch Pfarrer oder Priester von den Sünden los gesprochen. Das ist aber gar nicht möglich. Jesus hat auch überhaupt nicht gewollt, dass seine Nachfolger überhaupt Theologen, Priester oder Pfarrer werden.

Der Journalist: Was geschieht bei diesen kirchlichen Handlungen?

Der Theologe: In der katholischen Kirche gibt es die Formulierung "Dieser selbe Gott vergebe durch mich Sünder", gemeint ist der Priester. Das Wort "Sünder" ist zwar offensichtlich zutreffend und klingt demütig, doch der hier damit verbundene Anspruch ist ein Hohn. Was daran stimmt, ist nur der "Sünder", und oft sind bekanntlich Priester und Pfarrer die schwersten Sünder, wenn man beispielsweise an unzählige Kinderschänder-Verbrechen der jüngeren Zeit denkt. Und wie bei allen Sündern kann auch der Pfarrer nur denjenigen Menschen die Sünden vergeben, die an ihm, dem Sünder im Talar, schuldig geworden sind, die also dem Pfarrer als Person Unrecht getan haben. So ist es bei allen Menschen, und Priester sind keine Ausnahmen. Alle sind von Jesus, dem Christus, aufgerufen, sich untereinander zu vergeben und sich in Zukunft anders zu verhalten.
Was jedoch steckt hinter der Formulierung "Dieser selbe Gott vergebe durch mich Sünder"? Es ist der Anspruch, durch ein menschliches Amt eine Art "Mittler" zwischen Gott und Mensch zu sein, doch so etwas gibt es nicht, denn Gott wirkt unmittelbar in allen Lebensformen.
Und welches Bild ergibt sich darüber hinaus, wenn man den so genannten Ablass einbezieht, wie es im Katholizismus geschieht? Der Ablass gilt als der angebliche "Erlass einer zeitlichen Strafe vor Gott für Sünden, die hinsichtlich der Schuld schon getilgt sind" (Katechismus der Katholischen Kirche, München 1993, Nr. 1471). Hinter diesen Worten verbirgt sich zunächst die kirchliche Theorie, dass eine Schuld bereits durch das von der Kirche durchgeführte "Bußsakrament" getilgt sein könne; aus meiner Sicht eine aus dem klerikalen Hochmut geborene Vorstellung, welche die Menschen massiv in die Irre führt, weil in Wirklichkeit gar nichts getilgt ist.
Die nächste Frage aus kirchlicher Sicht wäre dann, wie mit möglichen "Nachwirkungen" dieser Schuld umgegangen werden soll. Auch hier spricht sich die Kirche selbst eine Verfügungsvollmacht zu, indem sie vorgibt, aus dem "Schatz der Genugtuung Christi und der Heiligen" über den Erlass oder Teilerlass für "zeitliche Sündenstrafen" "autoritativ" verfügen zu können. Dies geschieht dann "unter genau bestimmten Bedingungen" und sei sogar für Verstorbene im Jenseits möglich, deren Läuterungsweg dadurch verkürzt würde.
Vielleicht an dieser Stelle eine kurzer Gedanken-Einschub zum Innehalten: Ein Außenstehender tut sich möglicherweise sehr schwer, überhaupt zu begreifen, was die Kirche hier von sich behauptet. Aber Katholiken werden mit diesen Behauptungen von Kind auf "erzogen".
Doch es geht noch weiter: Das kirchliche Tun beim "Bußsakrament" bekomme zusätzliches Gewicht dadurch, dass es heißt, es sei "nach wie vor der einzige ordentliche Weg der Versöhnung mit Gott und der Kirche, wenn ein solches Sündenbekenntnis nicht physisch oder moralisch unmöglich ist" (Ordo poenitentiae 31, Katechismus, Nr. 1484).
Das alles aber ist nicht nur eine schwere Kost für das Gehirn, es ist schlicht Humbug. Und auch bei diesem Thema nennen die Amtskirchen "Gott" und "Kirche" in einem Atemzug, was ein weiterer schwer wiegender Missbrauch des Namens Gottes ist, denn mit Gott hat das alles nichts, aber auch gar nichts zu tun. Und was die Kirche hier praktiziert, dient auch dazu, um die kosmische Gesetzmäßigkeit zu vernebeln, welche lautet: "Was der Mensch sät, das wird er ernten."

Der Journalist: Die Entstehung der evangelischen Kirche begann im 16. Jahrhundert mit dem Kampf gegen den Ablass der katholischen Kirche. Was ist aus dieser Auseinandersetzung um die "Buße" geworden?

Der Theologe: In der evangelischen Kirche neigt man heute immer mehr dazu, den Ablass zu tolerieren, was man etwa an den evangelischen Reaktionen auf den Jubiläumsablass im Jahr 2000 gesehen hat. Proteste blieben fast ganz aus. Und auch in der evangelischen Kirche blieb ja der angebliche geistige Vollmachtsanspruch der Pfarrer auf diesem Gebiet erhalten.
Mehrmals im Jahr habe ich als evangelischer Pfarrer zum Beispiel an einer so genannten "Gemeinsamen Beichte" teilgenommen. Dabei ist folgendes geschehen:
Zunächst betete ich als Pfarrer laut einige vorbereitende Gebetsworte, die in die Frage an die Anwesenden mündeten: "Vor dem heiligen Gott frage ich einen jeden von euch: Bekennst du, dass du schuldig geworden bist, und bereust du deine Schuld? Begehrst du die Vergebung deiner Schuld im Namen Jesu Christi? Glaubst du auch, dass die Vergebung, die ich dir zuspreche, Gottes Vergebung ist, so antworte: Ja."
Die Teilnehmer antworteten laut mit "Ja", woraufhin ich als Pfarrer fortsetzte: "Wie ihr glaubt, so geschehe euch. In Kraft des Befehls, den der Herr seiner Kirche gegeben hat, spreche ich euch frei, ledig und los: euch ist eure Schuld vergeben. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." Aus meiner heutigen Sicht war das ein ungeheure und gefährliche Irreführung der Menschen.
Die Teilnehmer antworteten schließlich mit "Amen", und der Pfarrer sagte darauf hin: "Gehet hin in Frieden!"

Der Journalist: In den Pfarrerworten ist die Rede von einem "Befehl", der der Kirche gegeben ist, so zu handeln. Wer hat der Kirche einen solchen Befehl gegeben?

Der Theologe: In den Kirchen wird gesagt, Jesus von Nazareth. Doch es gibt keinen Auftrag oder Befehl des Jesus von Nazareth an eine Kirche, so zu handeln. Worauf sich die Kirchen beziehen, ist die so genannte "Schlüsselgewalt", die ihr nach ihrer Lehre von Jesus angeblich verliehen wurde. Als Grundlage dafür dienen die Worte von Jesus an Petrus: "Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; alles was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein" (Matthäus 16, 19).
Was Jesus hier speziell dem Petrus sagte, ist aber eine allgemeine Gesetzmäßigkeit, die jeder Mensch für sein Leben anwenden kann, so eben auch Petrus, und die Jesus jedem anderen Menschen auch gesagt hatte. Deshalb heißt es im Matthäusevangelium auch einige Zeilen weiter, eben genau in dieser allgemeinen Form: "Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein" (18, 18) [mehr dazu in Der Theologe Nr. 51].
Hier ist also weder von Priestern die Rede noch von einer Kirche, auch von Petrus nicht mehr, sondern Jesus spricht vom Gesetz von Saat und Ernte, und mit dem Wort "Himmel" ist in diesem Fall das Jenseits gemeint. Die Worte von Jesus erklären, dass sich das Leben im Diesseits im Jenseits fortsetzt: Die Menschen, die sich auf der Erde an etwas "binden", sich also Lasten auferlegen, die sie unfrei machen, werden auch als Seelen im Jenseits genau an diese Lasten gebunden und unfrei sein. Was aber auf der Erde gelöst, also bereinigt wird, davon wird der Mensch auch als Seele im Jenseits frei sein. Das ist die Bedeutung des Jesuswortes. Das Gesetz von Saat und Ernte erfährt also durch den Tod des Menschen keine Unterbrechung. Das Leben geht weiter, und eventuell mündet es in eine oder viele neue Inkarnationen

 

1.21.     VOM  PAPST



Der Journalist:
Das ist etwas anderes als die Deutung dieses Wortes in den Kirchen. Die katholische Kirche hat aus dem Wort an Petrus sogar die Macht des Papsttums abgeleitet.

Der Theologe: Von einem Papst sprach Jesus erst recht nicht, auch nicht von einem "Heiligen Vater" auf Erden. Im Gegenteil, in der Bibel heißt es: "Ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist" (Matthäus 23, 9). Und als Jesus einmal die Anrede "Heiliger Vater" (Johannes 17, 11) verwendete, meinte er damit Gott, seinen Vater "im Himmel". Welch eine Verhöhnung Gottes, wenn die Kirche trotz dieses Jesuswortes ihren Papst ebenfalls "Heiliger Vater" nennt und ihn damit praktisch als Gott anspricht.
Jesus, der Christus, wollte keinen Papst und er hat keinem Menschen eine Macht über andere verliehen, weder eine weltliche noch eine geistige. Auf "weltlichem" Gebiet sollen sich die Menschen untereinander auf Regeln des Zusammenlebens einigen. Und in geistiger Hinsicht hat Christus jedem Menschen die "Schlüssel des Himmelreichs" übergeben, das heißt: Sich mit seiner Hilfe im Gesetz von Saat und Ernte zu erkennen, zu bereuen, um Vergebung zu bitten, zu vergeben und das erkannte und bereinigte Negative mit seiner Kraft nicht mehr zu tun.

Der Journalist: Was ist dann die Funktion des Papstes, wenn Jesus ihn nicht wollte?

Der Theologe: Ein Papst ist ein Verkünder von Dogmen und theologischen Spitzfindigkeiten, der die schlichten Worte von Jesus verändert, verfälscht und vielfach in ihr Gegenteil verkehrt hat. Und nicht zufällig sind die Päpste meist hochintellektuelle Theologen. Der vorletzte Papst Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, war Theologieprofessor. Und auch sein Nachfolger, Dr. Jorge Mario Bergoglio, war Theologiedozent und sogar Rektor der katholisch-theologischen Fakultät in Buenos Aires.
Und der Papst ist weiterhin ein Lenker einer machtvollen Institution, die mit ihren Dogmen und Inszenierungen die Menschen letztlich in die Irre führt und einschüchtert. Ein Papst lässt sich von den Gläubigen als angeblicher Stellvertreter von Christus verehren. Doch Christus wird von ihm mit Sicherheit nicht "vertreten", denn Christus ist ja "vertreten" in jedem von uns, nämlich in unserem Inneren. Der Sohn eines Zimmermanns braucht also keinen in viel Brimborium eingebetteten Papst, und jeder kann sich selbst eine Antwort geben, wer anders vielleicht eine solches Amt und eine solche Institution für seine Zwecke benützt.
Gemessen am Gesetz von Saat und Ernte trifft den Papst eine besonders schwere Schuld an der Irreführung der Menschheit durch die Kirche, worauf ich vorhin bereits hingewiesen habe. Ich möchte es noch einmal wiederholen:
Tritt ein Mensch als Kirchenoberhaupt auf, dem seine Kirche in Lehrfragen sogar "Unfehlbarkeit" zuspricht, dann sind die negativen Wirkungen aufgrund der Irreführung der Menschheit eines Tages immens und gar nicht mehr in Worte zu fassen. Und die "arme Seele", die sich auf Erden einst in ein angeblich "unfehlbares" Lehramt wählen ließ, gehört letztendlich zu den bedauernswertesten Geschöpfen in der jenseitigen Welt, selbst wenn sie auch dort noch lange die alte Rolle spielen kann.

Jesus war ein Mann des Volkes und nicht der Kirche. Und wer ihm nachfolgt, bleibt ebenfalls ein Mann oder eine Frau des Volkes: Er stellt dann keine Ansprüche, etwas Besonderes zu sein oder vielleicht zu werden, und er inszeniert kein kultisches Gaukelspiel und keine mediengerechten Zeremonien, bei denen fehlerhafte Menschen gefeiert oder gar "heilig" gesprochen werden. Auch schmückt ein Nachfolger von Jesus sein Haupt nicht mit allerlei Spezialhüten oder Mützen und er trägt als Mann als Zeichen seiner Nachfolge auch keine "Frauengewänder" oder dergleichen.
Nach kirchlicher Lehre müssten sich derzeit [2014] 265 Päpste im "Himmel" aufhalten oder dorthin unterwegs sein, was für viele Seelen wohl ein Grund ist, den betreffenden Ort im Jenseits schon von daher zu meiden und möglichst weiträumig zu umgehen. Geht man von einer Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung aus, werden dort aber wohl deutlich weniger ehemalige Päpste sein, denn wenn eine Seele einmal in einem Menschenkörper inkarniert war, der auf Erden Papst war, dann will sie das vielleicht bald wieder werden, solange ihr im Jenseits das Ausmaß ihrer Schuld noch nicht bewusst wurde und sie noch nicht bereut. Man würde mit dem entsprechenden Bewusstsein dann im Jenseits auch sehen, welche dunkle Seele es bisher am häufigsten auf den Papstthron geschafft hat.

 


1.22.     BITTE UM VERGEBUNG FÜR KIRCHLICHES HANDELN



Der Journalist:
Haben Sie dafür um Verzeihung gebeten, dass Sie als Pfarrer noch nach der kirchlichen Beicht- und Bußlehre handelten?

Der Theologe: Ich habe zum Beispiel alle Menschen in Gedanken um Verzeihung gebeten, die an den von mir verantworteten "Beichten" teilgenommen haben. Ich weiß nicht, wie viele Menschen sich damals in der falschen Sicherheit wogen, es sei dadurch etwas vergeben worden, was noch nicht vergeben war.

Der Journalist: Können Sie das näher erläutern?

Der Theologe: Ich kann dazu ein Beispiel erzählen: Nehmen wir an, jemand empfindet Schuldgefühle seinem von ihm geschiedenen Ehepartner gegenüber. Beide gehen nun getrennte Wege, doch vieles aus der Vergangenheit ist nicht aufgearbeitet. Eventuell überlagern Vorwürfe an den anderen die volle Erkenntnis der eigenen Schuld. Mit gemischten Gefühlen nimmt der Mensch jetzt an der Gemeinsamen Beichte teil. Ihm wurde nicht gelehrt, dass eine Schuld zum Beispiel erst vergeben sein kann, wenn auch der an dieser Schuld Leidende dem Betreffenden vergibt. Davon ist der ehemalige Partner aber eventuell noch weit entfernt.
Bei der kirchlichen Beichte spricht der Pfarrer im Namen Gottes nun den Beichtenden "frei, ledig und los". Dieser glaubt vielleicht daran und betrachtet die Angelegenheit damit als bereinigt. Mögliche spätere Gewissensbisse bringt er in sich zum Schweigen, auch eventuell tiefer gehende Empfindungen über seinen Anteil Schuld. Ihm sei ja von Gott vergeben worden. Möglicherweise wurde ihm vom Pfarrer in einem Einzelgespräch sogar noch empfohlen, einfach fester zu glauben, dass ihm doch jetzt vergeben sei.
In der Zwischenzeit gerät sein ehemaliger Partner aber immer mehr auf die schiefe Bahn und setzt weitere negative Ursachen. In seinen Gedanken und Gefühlen macht jener nun immer heftiger seinen früheren Partner dafür verantwortlich, dessen Schuld ja scheinbar mithilfe des Pfarrers vergeben worden sei.
Kann dieser nun sagen: "Ich habe mit dem heutigen Leben des ehemaligen Partners nichts mehr zu tun, denn mir ist dank des kirchlichen Sakraments vergeben worden, für mich ist die Sache in Ordnung"? In der Bergpredigt spricht Jesus von einer ähnlichen Situation und sagt: "Darum: Wenn Du Deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt Dir in den Sinn, dass Dein Bruder etwas gegen Dich hat, so lass dort vor dem Altar Deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne Dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere Deine Gabe" (Matthäus 5, 23 f.).
Sinngemäß heißt das: Wenn Du Dich Gott zuwenden willst und Du spürst, dass es in der Beziehung zu einem Menschen von Deiner Seite her nicht stimmt, dann gehe zu dem Menschen und bringe das Verhältnis in Ordnung. Diese Zusammenhänge bei der Vergebung finden sich auch im Text des Vaterunser, wie es in den Kirchen gebetet wird: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern". Also: Erst wenn die Menschen sich untereinander vergeben haben, kann die jeweilige Schuld weggenommen werden. Gott könnte uns nach einer echten Reue zwar sofort vergeben, und Er ist sofort dazu bereit. Doch es kommt auch auf unseren Nächsten an. Denn Gott liebt alle gleich, und auch in unserem Nächsten ist Gott.
Wie wäre es nämlich, wenn demjenigen komplett vergeben ist, der einem anderen zum Beispiel mit Absicht Schaden zugefügt hatte und der hinterher einfach gebetet hatte ´Gott vergib mir`? Ist für den Täter dann alles in Ordnung? Obwohl der Geschädigte in seiner Not noch nicht vergeben kann und vielleicht deswegen in der Folgezeit selbst schwer schuldig geworden ist? Zum Beispiel, indem er etwas Böses tat, was er ohne das Leid, was ihm zuvor angetan wurde, nicht getan hätte? Wäre das gerecht, wenn diesem zum Beispiel wegen dessen mangelnder Einsicht nicht vergeben ist, dem ursprünglichen Täter jedoch schon? Die feinen Zusammenhänge von Saat und Ernte können niemals durch ein kirchliches "Sakrament" oder eine Zeremonie, ein religiöses Erleben eines Beteiligten oder gar einen Ablassbrief einfach aufgelöst werden. Es muss von allen Beteiligten Schritt für Schritt wieder in Ordnung gebracht werden.

 

1.23.     VERSÖHNUNG



Der Journalist:
Kann derjenige, der sich ehrlich versöhnen will, noch etwas tun, damit auch der andere zur Versöhnung bereit wird?

Der Theologe: Wer sich versöhnen will, schaut seinen eigenen Schuldanteil schonungslos an und bereinigt ihn, ohne zu erwarten, dass dies der Nächste auch tut. Wer es so hält, dem hilft Gott auf vielfache Weise. Und auch der noch nicht zur Versöhnung Bereite bekommt immer wieder Hilfen, Schritte zur Versöhnung tun zu können; nicht nur im Diesseits, sondern auch im Jenseits.

Der Journalist: Die Versöhnung würde ja auch zu einer größeren inneren Freiheit führen.

Der Theologe: Es ist eine riesige Chance, von Innen heraus freier zu werden und neue Wege gehen zu können. Umgekehrt: Wie große Schuld können sich Pfarrer aufladen, wenn sie scheinbar im Namen Gottes vergeben, obwohl weder ernsthaft bereut noch wirklich vergeben wurde. Wer kann schon in den Nächsten hinein schauen? Und welche weitere Schuld lädt sich derjenige auf, der sich durch sein selbst gewähltes Amt in einer Art "Mittlerposition" zwischen Gott und Mensch sieht, obwohl er weder echte Gotteserfahrung hat noch versteht, was bei einem Menschen wirklich los ist. Das kirchliche Beichtsakrament ist nichts als eine gefährliche Scharlatanerie. Man muss es einmal so deutlich sagen.

 

1.24.     PFARRER ODER PROPHET?



Der Journalist:
Wie erklären die katholische und die evangelische Kirche ihr Handeln selbst?

Der Theologe: Nach der katholischen und evangelischen Lehre gilt zunächst Christus und nicht ein Pfarrer oder Priester als "Mittler" zu Gott (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1546; Evangelische Bekenntnisschriften, Apologie XXI). Dennoch: Verhält sich ein bestimmter Mensch nicht exakt wie ein "Mittler", wenn er bestimmte Handlungen kraft seines kirchlichen Amtes als "Handlungen Gottes" ausgibt?
Im katholischen Katechismus heißt es dazu: "Christus selbst ist im kirchlichen Dienst des geweihten Priesters in seiner Kirche zugegen ... Die Kirche bringt dies zum Ausdruck, indem sie sagt, dass der Priester kraft des Weihesakramentes in der Person Christi, des Hauptes" handelt (Nr. 1548). Oder: "Das Amtspriestertum kann die Kirche deshalb repräsentieren, weil es Christus repräsentiert" (Nr. 1553).
Der Bischofsweihe wird darüber hinaus die "Fülle des Weihesakramentes" zuerkannt, weswegen jeder Bischof auch als "Stellvertreter Christi" (Nr. 1560) bezeichnet wird, was eine Beleidigung - um nicht zu sagen, eine Verhöhnung - von Christus darstellt. Damit maßen sich die Bischöfe und Priester die Mittlerfunktion zwischen Mensch und Gott an, auch wenn sie es mit ihren raffiniert geschliffenen theologischen Formulierungen verschleiern.

Und auch im evangelischen Katechismus heißt es: "Indem der Amtsträger Wort und Sakrament verwaltet, handelt Christus durch ihn. Die Apologie, eine lutherische Bekenntnisschrift von 1531, sagt, dass die Pfarrer ´die Person Christi um der Berufung der Kirche willen, nicht ihre eigenen Personen vergegenwärtigen, wie Christus bezeugt: ´Wer euch hört, hört mich`. Wenn sie das Wort Christi, wenn sie die Sakramente darreichen, reichen sie sie dar in Stellvertretung Christi`" (Evangelischer Erwachsenenkatechismus, Hannover 1975, 4. Auflage, S. 1164).
Bei der Zitierung dieses Bibelwortes wird die Lehre des Jesus von Nazareth einmal mehr verfälscht, denn Jesus sprach nie von Pfarrern und Priestern, sondern meinte alle seine Nachfolger. Doch die Kirche vereinnahmt seine Worte für eine Amts-Lehre, die zum Beispiel auch bei Taufen angewendet wird, wo es heißt, Gott taufe angeblich durch den Pfarrer - was inhaltlich vergleichbar der Theorie ist, dass Gott durch den Pfarrer angeblich Sünden vergeben würde. Also auch hier eine angemaßte Mittlerfunktion der Pfarrer, die nichts mit der Realität zu tun hat.

Und diese ganzen kirchliche Lehren, ob katholisch oder evangelisch, haben auch nicht das Geringste mit Jesus, dem Christus, zu tun. Jesus setzte niemals eine Institution ein, in der man aufgrund eines bestimmten Amtes plötzlich über bestimmte geistige Fähigkeiten verfügen könne. Das ist Unsinn. Das ist, wenn man es so nennen will, heidnischer vorchristlicher Götzenkult! Aber es wird präsentiert als angeblich "christlich", und das macht alles noch schlimmer als alle Kulte aus vorchristlicher Zeit und schlimmer als alle gegenwärtigen Kulte, die sich nicht auf Christus berufen; weil man auf diese Weise auch noch den großen Menschheitslehrer Jesus, den Christus, vereinnahmt und verfälscht und seine wirkliche befreiende Lehre den Menschen vorenthält.

Der Journalist: Handelt Gott überhaupt durch Menschen?

Der Theologe: Ja. Er handelt immer durch uns, wenn wir Seinen Willen tun, aber das hat mit einem kirchlichen Amt überhaupt nichts zu tun.

Der Journalist: Ist es grundsätzlich möglich, dass ein Mensch im Namen Gottes einem anderen etwas zuspricht, zum Beispiel ein Prophet?

Der Theologe: Auch ein Prophet spricht einem bestimmten Menschen eher selten etwas zu, obwohl das möglich wäre und bei den Gottespropheten des so genannten "Alten Testaments" auch hin und wieder geschah. Bei einem echten Gottespropheten sprechen Gott oder bestimmte Geistwesen, die in Einheit mit Gott leben, meist in allgemeiner Form durch das "Mundstück", den Propheten. Und meist wird der Prophet dann von Zuhörern verspottet, die nicht glauben, dass er, der Prophet, nur der Dolmetscher ist, nicht derjenige, der sich selbst ausgedacht hat, was er spricht.
Prophet kann man auch nicht aus menschlichem Wollen bzw. aus eigener Entscheidung heraus werden. Ein Prophet wird aus der geistigen Welt bzw. von Gott aufgerufen, so, wie es von vielen Propheten im "Alten Testament" berichtet wird. Und der Prophet vernimmt diese Berufung in seinem Inneren, wenn er weitgehend im Einklang mit den Geboten Gottes lebt. Der Gottesprophet führt Menschen dabei nie zu sich selbst oder zu einer Institution, sondern immer zu Gott bzw. zu Christus, der ja in den Menschen selbst wohnt sowie in allen Lebensformen der ganzen Schöpfung.
Bei einem Zusprechen, wie in den Kirchen üblich, passiert etwas völlig Anderes. Dort ernennt eine kirchliche Institution bestimmte Menschen aufgrund ihrer Berufsentscheidung und ihrer theologischen und kirchlichen Ausbildung zu stellvertretenden Sprechern für ein angebliches Handeln oder Sprechen Gottes, obwohl es mit Gott nichts zu tun hat. Denn Gott ist der freie Geist, nicht der institutionalisierte Kirchengott. Dieser Missbrauch gehört zur "Schuld, Schuld, übergroßen Schuld", wie es in manchen Klöstern und evangelischen Kommunitäten auch dauernd und nicht ohne triftigen Grund gebetet wird.
 


1.25.     DAS KARMA DER PRIESTER UND PFARRER


 

Der Journalist: Ist die Schuld wirklich so groß? Man hat sich in unserer Mediengesellschaft an viele "Gottesprediger" gewöhnt hat, obwohl ihr Reden und Tun mit Ihm nichts oder nicht viele zu tun hat.

Der Theologe: Es gibt viel Scharlatanerie in der Welt und absurde Meinungen, wobei die Belastung größer ist, wenn man das alles noch zusätzlich mit "Gott" verbrämt und am allergrößten, wenn man als Kirchenführer als der angebliche "Stellvertreter Gottes" handelt. Wenn die Großkirchen zugeben würde, dass sie von Gott im Prinzip keine Ahnung haben und auch nicht christlich sind, sondern dass sie einfach nur ihre katholischen oder evangelischen Meinungen verbreiten, dann könnten sie diese Schuld wenigstens etwas verkleinern. Was bleibt, ist trotzdem noch ein unermesslicher Koloss an Schuld und Leid. Um es auf den Punkt zu bringen:
Die Kirche hat das Wissen um das Gesetz von Saat und Ernte und die Reinkarnation in den ersten sechs Jahrhunderten nach Christus aus dem Christentum gestrichen (siehe Teil 2 dieser Schrift). Dadurch führte und führt sie unzählige Menschen in Verzweiflung und in die Irre, und sie bringt die Menschen bis heute um große Chancen ihres Lebens. Die Kirche hatte diese kosmischen und gerechten Gesetzmäßigkeiten ersetzt durch ein angebliches "Geheimnis Gottes", was wiederum zu einer "Gottesvergiftung" ohnegleichen geführt hat. Denn die Menschen rebellieren mit Recht gegen einen solchen angeblich geheimnisvollen Gott, der von solchen Großinstitutionen quasi verwaltet wird. Denn diese behaupten zu allem Überdruss auch noch bis heute, ihre Pfarrer und Priester könnten gar das Seelenheil vermitteln, ja es gäbe angeblich auch gar keine andere Möglichkeit. Auf diese Weise wurden unzählige Menschen von der - ich möchte sagen - "Priesterkaste" mit ihren unseligen Höllendrohungen abhängig und gefügig gemacht. Und es gibt weitere enorm negative Folgen dieses Missbrauchs von Gott und Christus und der Verfälschung des Urwissens der Menschheit: Wie viele Kriege, Gewalttaten und persönliche Katastrophen hätten verhindert werden können, wenn die Menschen um die Reinkarnation und um die Gesetzmäßigkeiten von Saat und Ernte gewusst hätten! Die Schuld der Kirche am Zustand dieser Welt ist auch aus diesem Grund unermesslich und lässt sich in Worten nicht annähernd wiedergeben.
Doch ganz allmählich wird die Rechnung präsentiert und für den Einzelnen gilt: "Rette sich, wer sich retten lassen möchte". Und im Hinblick auf die endzeitliche Kirche gilt im Hinblick auf Kirchenmitglieder: "Tretet aus aus ihr, Mein Volk, dass Ihr nicht teilhabt an ihren Sünden und nichts empfangt von ihren Plagen. Denn ihre Sünden reichen bis an den Himmel" (Offenbarung 18, 4-5).


Der Journalist:
Sie sprechen in diesem Zusammenhang vor allem von der Schuld der Pfarrer. Doch welchem Pfarrer ist diese Schuld bewusst?

Der Theologe: Jeder Pfarrer stabilisiert mit seinem Tun dieses Gebäude von Irreführung und hochmütiger Ignoranz. Und ich weiß auch nicht, warum sich so wenige Pfarrer fragen: "Was ist, wenn das, was ich lehre, nicht der Wahrheit entspricht?" Der Nächste glaubt oft nur deshalb daran und geht in die Irre, weil der Pfarrer behauptet habe, seine Lehre käme von Gott. Doch was gibt dem Pfarrer die Sicherheit, dass es wirklich so sei? Sein Examenszeugnis? Seine Priesterweihe oder seine Bestellung zum Pfarrer, in der evangelischen Kirche "Ordination" genannt? Doch was hat das mit Gott zu tun? Es ist nichts als Menschenwerk.
Oder, um auf die Anmaßung der Pfarrer zurück zu kommen, angeblich Sünden im Namen Gottes vergeben zu können: Was ist, wenn der Pfarrer im Namen Gottes etwas zu vergeben vorgibt, was noch gar nicht vergeben ist? Kann jemand wirklich guten Gewissens glauben, dass die Schuld, die er als Pfarrer vermeintlich vergibt, "Gottes Vergebung" ist? Woher weiß er denn das? Ist das nicht eine Parallele zur "Geschichte vom Sündenfall", wo der Mensch damit versucht wird, angeblich sein zu können wie Gott? Genau das passiert hier aber: Der Pfarrer setzt sich eigenmächtig an die Stelle Gottes. Doch worauf ist sein Anspruch gegründet? Einzig auf die blutige Kirchengeschichte. Auf sonst nichts. Auf Gott kann er sich nie und nimmer berufen.
Mancher Pfarrer mag nun einwenden, er müsse eben von Amts wegen so handeln. Doch seine Verantwortung kann er deswegen nicht auf andere abschieben, und das Amt kann ihn auch nicht schützen. Er hat diesen Beruf ja selbst gewählt. Und jedem Pfarrer wird deshalb sein Anteil zu gewogen, für den er als Person verantwortlich ist, wenn Menschen in die Irre geführt und um große Chancen ihres Lebens gebracht werden

Der Journalist: Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Der Theologe: Um beim vorhin genannten kleinen Beispiel einer gescheiterten Ehe zu bleiben: Der in der Kirche scheinbar "Losgesprochene" könnte sich später, eventuell im Jenseits, auf den Pfarrer berufen, wenn negative Wirkungen aus der ehemaligen Partnerschaft auf ihn zukommen. Der Pfarrer habe ihm doch im Namen Gottes vergeben, warum werde jetzt im Jenseits alles wieder aufgewühlt?
Der Pfarrer seinerseits kann sich nicht einmal mehr an diesen Menschen erinnern, denn nur bei der einen "Gemeinsamen Beichte" zum Beispiel in einer evangelischen Kirche sind über 100 Menschen aufgestanden und haben vom Pfarrer die "Vergebung Gottes" bekommen - jeder in einer anderen Lebenssituation, die meisten davon dem Pfarrer völlig unbekannt.
Wie ist es also nun, wenn sich eines Tages herausstellt, dass die "Beichte" und die "Absolution" bzw. "Lossprechung" des einen Partners mitverantwortlich dafür war, dass es zu keiner wirklichen Aufarbeitung und Versöhnung der beiden gekommen ist? Und das ist jetzt nur ein einziges kleines Beispiel. Unter Umständen hat ein Pfarrer, wie es seine berufliche Pflicht ist, bei Tausenden "die Beichte abgenommen". Dazu kommen die vielen Predigten. Und die kirchliche "Lehre von der Beichte" ist wiederum nur ein kleiner Ausschnitt des kirchlichen Lehrwerkes, in dem ein Irrtum in den anderen greift. Und für jede einzelne Irreführung wird der Pfarrer gemäß seines Anteils durch das Gesetz von Saat und Ernte eines Tages zur Rechenschaft gezogen. (siehe dazu unten das Hörspiel Die Tür des Glaubens über einen Pfarrer, der nach seinem Tod im Jenseits ankommt)

Der Journalist: Eventuell über mehrere Inkarnationen?

Der Theologe: Oder in den jenseitigen Welten, ...

Der Journalist: ... wo die Pfarrer und Priester gemäß ihres eigenen Glaubens nach dem Tod in den Himmel eingehen würden.

Der Theologe: Irgendwann, wenn sie keine verkopften und hochmütigen Theologen mehr sind, sondern zu Kindern Gottes geworden sind und alles bereut und wieder gutgemacht haben und ihnen auch von allen ihren unzähligen Opfern vergeben wurde (siehe auch hier). Mögliche Folgeschäden alleine durch das "Sakrament" der Beichte sind ja, wie gesagt, nur ein Detail. Denken Sie vor allem an die zahllosen Verbrechen kirchlicher Würdenträger, die noch nicht gesühnt sind, zum Beispiel an die Hinrichtung von Andersgläubigen, an Glaubenskriege, Kreuzzüge, an so genannte Hexenverbrennungen, an die Judenverfolgungen oder daran, dass man Tieren heute noch abspricht, eine unsterbliche Seele zu haben, und dass man Tierversuche und den Mord an Tieren erlaubt und vieles, vieles mehr. In den Seelenreichen ist alles offenbar, was heute noch verborgen ist, wovon vieles aber durch den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Pfarrer und Priester seit dem Jahr 2010 verstärkt an die Öffentlichkeit dringt. Und alle Verbrechen fallen, so sie nicht rechtzeitig vergeben und wieder gut gemacht sind, früher oder später auf die Verantwortlichen zurück, und dazu zählt nach meiner Überzeugung auch das Leid, das wir den Tieren angetan haben und täglich weiter antun.

Der Journalist: Ist das vielleicht einer der Gründe, warum in den Kirchen das Gesetz von Saat und Ernte und das Wissen um die Reinkarnation nicht mehr gelehrt wird? Dann müssten die kirchlichen Obrigkeiten ja lehren, dass sie auch selbst darunter fallen und dass sich die zahlreichen ungesühnten Verbrechen der Kirchengeschichte noch auswirken, sofern die Wirkung nicht schon eingetreten wäre?

Der Theologe: Allgemein geantwortet: Jemand, der um das Gesetz von Saat und Ernte weiß, wird sich anders verhalten als jemand, der glaubt, unter dem Deckmantel einer sofort alles verzeihenden "Gnade" möglichen Wirkungen entgehen zu können. Doch die Zukunft bringt alles bald an den Tag.

 

1.26.     LEBENSBUCH, LEBENSFILM



Der Journalist:
Es gibt Berichte von Menschen, die einmal dem Tod sehr nahe waren, dann aber doch nicht gestorben sind. In vielen Berichten ist die Rede von einem Lebensfilm. Im Angesicht des Todes werden dem Sterbenden wie im Schnelllauf eines Filmes noch einmal viele Stationen seines Lebens bewusst. Kann man sagen, alle Saat des Lebens wird aufgedeckt?

Der Theologe: Auch der Rücklauf des Lebensfilms ist noch einmal eine große Chance, hier und da auch beim Sterben des irdischen Leibes noch zur Reue zu finden und um Vergebung zu bitten. In dieser Phase ist die Seele meist hochsensibel, auch wenn sie sich nicht mehr über ihren Körper artikulieren kann. Doch was lehrt die Kirche? Sie gibt die sterbenden Menschen zur Organtransplantation frei, was unsägliche Schmerzen, die nicht in Worte zu fassen sind, auslöst und den Sterbenden, die eine liebevolle Begleitung bräuchten, auch noch diese Chancen nimmt. Man reißt ihnen buchstäblich die angebliche "Nächstenliebe" aus dem Leib, um ein anderes irdisches Leben mit diesen Fremdkörper-Stücken in seelische Konfusion zu stürzen. Denn jedes Organ im menschlichen Leib ist individuell durch die im Körper innewohnende Seele geprägt und keines ist ohne Schaden für den Empfänger austauschbar, auch wenn es vordergründig manchmal eine Zeitlang anders ausschauen mag. Organtransplantation bedeutet also letztlich schwerwiegendes Leid für Organspender und Organempfänger. Wie wird schon zu Lebzeiten in der Kirche gebetet? "Meine Schuld, meine Schuld, meine übergroße Schuld". Besser wäre es, sie würden endlich umkehren, denn die Schuld wird ihnen nicht so ohne weiteres weg genommen. Alles wird sich zeigen. Und früher oder später wird alles offenbar. Jeder dreht ja täglich weiter an seinem Lebensfilm und er speichert in diesem Film, was er jeweils tut, sagt, denkt, fühlt und empfindet. Im Jenseits ist dies alles sichtbar, was im Diesseits noch verborgen werden kann. Wesentliches davon wird auch im "Lebensbuch", in der Seele, aufgezeichnet. Und dieses Buch ist gleichzeitig der geistige Magnet, der nach dem Prinzip funktioniert: Gleiches zieht immer wieder Gleiches an. Positives zieht zu Positivem, Negatives zu Negativem. So kann man das Gesetz von Saat und Ernte auch von diesem Bild her gut erfassen.

Der Journalist: Zieht beim physikalischen Magnetismus nicht der positive Pol zum negativen?

Der Theologe: Ja, klar. Im Geistigen gibt es auch eine vergleichbare Polarität, nämlich die Anziehung von männlichem und weiblichem Pol. Wie beim physikalischen Magnetismus Positiv-Negativ zieht hier das Männliche zum Weiblichen und umgekehrt. Beim Satz "Gleiches zieht zu Gleichem" geht es aber hier nicht um diese Art der Polarität, sondern um die Mentalität bzw. um den Grad der Reinheit oder Belastung der Seele. Das ist eine andere Form der Anziehung, aber trotzdem auch logisch und entsprechend den geistigen Gesetzen bzw. den Naturgesetzen.

Der Journalist: Wenn auf jemanden etwas Negatives zukommt, so ist in seinem Lebensbuch also etwas entsprechend Negatives aufgezeichnet gewesen?

Der Theologe: Sowohl eine negative als auch eine positive Aufzeichnung wirken als ein Magnet, der wieder Ähnliches anzieht. Tritt zum Beispiel ein negatives Ereignis in mein Leben, dann war im Lebensbuch, in meiner Seele, ein entsprechender negativer Magnet aufgezeichnet. Ich erleide also jetzt, was in meinem Lebensbuch bzw. in meinem Lebensfilm bereits aufgezeichnet war, weil ich es zuvor einem anderen angetan habe und nicht bereinigt habe. So wirkt zugleich die Gerechtigkeit.
Mit diesem Bild kann man das Gesetz von Saat und Ernte und die möglichen Konsequenzen noch einmal gut zusammenfassen. Vergrößere ich das Schicksal, indem ich zum Beispiel im Leid Vorwürfe gegen andere aufbaue? Oder bereinige ich den zugrunde liegenden Magneten, indem ich mir zunächst bewusst mache: Was mir heute widerfuhr, habe ich einst anderen angetan? Das war der Magnet.
Das war der Schatten, der sich auf meine Seele gelegt hat. Oft spüre ich heute in meiner Empfindungswelt, was in meiner Seele, in dem Lebensbuch, geschrieben steht. Ich brauche dabei aber nicht zu wissen, inwiefern dies eventuell aus der einen oder aus mehreren vergangenen Inkarnationen stammt. Entscheidend sind die inneren Inhalte, die mir bewusst sind, nicht die äußeren Details. Und für den, der Christus nachfolgen möchte, gilt in dieser Situation: Ich kann Christus um Hilfe bitten. Christus steht mir bei als Bruder bzw. als die innere Erlöserkraft. Das ist auch die Barmherzigkeit, die mir immer angeboten wird.
Viele Menschen, die von Christus nichts wissen oder nichts wissen wollen, vielleicht, weil sie gegenüber dem Kirchen-Christus eine Abneigung haben, haben dennoch einen Bezug zu dieser Kraft in sich.
Für alle gilt: Habe ich etwas Negatives erkannt, besteht die Chance darin, dies heute zu bereinigen. Nütze ich die Chance, dann werden die Seiten meines Lebensbuches bzw. die neuen Spulen des Lebensfilmes immer heller und klarer und mir geht es zunehmend besser.

 


2.TEIL:

SAAT  UND  ERNTE,  REINKARNATION 
 BEI JESUS  VON NAZARETH,  IN  DER  BIBEL
UND  IM  URCHRISTENTUM

"Es spricht Jesus: ´Ich stand inmitten der Welt, und im Fleisch erschien ich ihnen und fand alle trunken, und keinen fand ich durstig unter ihnen, und es müht sich meine Seele um die Menschenkinder, weil sie blind sind in ihrem Herzen und nicht sehen ...`" (Papyrus Oxyrhynchus 1, Logion 28; aus den Schriften von Nag Hammadi)


 


2.1.     DAS RINGEN UM DIE WAHRHEIT



Der Journalist:
Im zweiten Teil des Gesprächs geht es vor allem darum, was Jesus von Nazareth und die ersten Christen zum Thema "Saat und Ernte" und "Reinkarnation" bzw. "Wiederverkörperung" lehrten. Doch zunächst die Frage: Was sagen die katholische und die evangelische Kirche zu dem von Ihnen so genannten "Gesetz von Saat und Ernte"?

Der Theologe: Obwohl das Gesetz von Saat und Ernte in ihren Bibeln steht, sogar wörtlich im Paulusbrief an die Galater (6, 7), wurde in den Kirchen dieser Glaube relativiert. Das heißt: Es wird nicht mehr gelehrt, dass dieser Satz immer gilt und nicht nur hin und wieder. Stattdessen lenken die Kirchen die Aufmerksamkeit auf den "alleinigen" Glauben [vgl. Der Theologe Nr. 35] oder auf angebliche äußerliche "Gnadenmittel" bzw. "Sakramente" oder andere kirchliche Handlungen. Dazu gehört das Kirchensakrament der Beichte [vgl. Der Theologe Nr. 55]. Durch die kirchliche Beichte würde angeblich die Schuld einer negativen Saat hinweg genommen und auch Teile oder gar die ganze Ernte, was aber überhaupt nicht stimmt. Darüber haben wir ja schon gesprochen.

Der Journalist: Und wie ist es mit dem Wissen um die Reinkarnation?

Der Theologe: Die Grundlage dafür wurde im Jahr 543 auf der Synode zu Konstantinopel und im Jahr 553 auf dem Konzil von Konstantinopel aus dem kirchlichen Glauben verbannt, nachdem es zuvor Auseinandersetzungen darüber gegeben hatte.
In Konstantinopel wurden dann konkret zwei Lehrsätze des "Kirchenvaters" Origenes (185/186-254) "verflucht", die Voraussetzung bzw. Ziel einer Wiederverkörperung bzw. Reinkarnation sind.
Bei den Lehrsätzen handelt es sich um ...

1.) ... den Glauben, dass die Seele eines Menschen bereits vor der Zeugung und Geburt dieses Menschen existiert.

2.) ... den Glauben, dass einst alle Menschen wieder den Weg zu Gott finden.

Das erste nennt man in der Theologie "Präexistenz der Seele", das zweite "Allversöhnung".
Origenes, der solches lehrte, war nach den Worten seines Anhängers Rufin jemand, der darauf bedacht war, "nur das als Wahrheit [zu] glauben, was in nichts von der kirchlichen und apostolischen Überlieferung abweicht". (Rufin in Peri Archon I, Praefatio 2)
Im Canon 9 des gegen Origenes gerichteten Dokuments der Synode von Konstantinopel im Jahr 543 werden einige seiner Glaubenssätze jedoch verworfen (Denzinger-Schönmetzer, Enchiridion Symbolorum, Freiburg 1965, 34. Auflage, Nr. 403 und Nr. 411 bzw. Neuner-Roos, Der Glaube der Kirchen in den Urkunden der Lehrverkündigung, Regensburg 1971, 13. Auflage 1992, Nr. 325 und Nr. 891). Stattdessen setzte sich in der Kirche die neue Lehre durch, dass eine Menschenseele bei der Zeugung des Menschen parallel dazu durch Gott neu erschaffen werde und dass ein großer Teil und letztlich der allergrößte Teil der Menschen nach dem Tod ewig verdammt werd.e (z. B. Neuner-Roos, a.a.O., Nr. 895-899, v. a. der als "unfehlbar" geltende Lehrsatz Nr. 896)
Schon ca. 150 Jahre zuvor hatte der Kirchen-Patriarch Theophiles von Alexandria Origenes zum ersten Mal verdammt.
Und etwa ab dem Jahr 397 hatte er damit begonnen, die Vernichtung der ca. 2000 Schriften des Origenes zu organisieren. "Kirchenvater" Hieronymus (345-420) schildert zum Beispiel, wie die Truppen des katholischen Patriarchen urchristliche Gruppen überall in Palästina überfallen und die dort befindlichen Origenes-Schriften sofort verbrennen. (Epistula 86; nach Robert Sträuli, Origenes, der Diamantene, Zürich 1987, S. 317).
Dort, wo die Kirche keine Einwände hatte, zitiert sie Origenes jedoch bis heute in ihren Dokumenten, allein im aktuellen Katholischen Katechismus an zehn Stellen.
 


2.2.     REINKARNATION BEI ORIGENES



Der Journalist:
Hat Origenes auch an Reinkarnation geglaubt?

Der Theologe: Ja, es wurde aber auf dem Konzil von Konstantinopel im Jahr 553 nicht mehr unmittelbar mit verdammt. Man begnügte sich damit, die Voraussetzung für die Reinkarnation und ihr Ziel zu verfluchen. Allerdings findet sich noch ein Beweis für diese Weltanschauung im ursprünglichen Edikt von Kaiser Justinian aus dem Jahr 543, in welchem ein katholischer Lehrsatz gegen Origenes lautet: "Von den geistigen Wesen ist ein Teil, wie er meint, in Sünde gefallen, und zur Strafe in Leiber gebannt; nach dem Maße ihre Sünden werden sie sogar zum zweiten oder dritten Male und noch öfter in einem Leib eingekerkert, um nach vollendeter Reinigung in ihren früheren sünde- und leiblosen Zustand zurückzukehren." (zitiert nach Franz Diekamp, Die origenistischen Streitigkeiten im 6. Jahrhundert und das fünfte allgemeine Concil, Münster 1899, S. 46)

Der Journalist: Das ist doch eindeutig. Warum heißt es dann manchmal: Ob der Kirchenvater an Reinkarnation geglaubt hat, sei umstritten.

Der Theologe: Kirchliche Theologen verweisen demgegenüber auf den Kommentar von Origenes zum Matthäusevangelium, in dem unter anderem von der "irrigen Lehre von der Seelenwanderung" die Rede sei (Comm in Mat X, 20). Weiterhin kritisiert Origenes dort die "offenbar falsche" Lehre des Basilides, wonach die "Wiedereinkörperung der Seelen nach dem Tod" die angeblich einzige Strafe für die Sünden sei. (Comm in Mat III)
Dabei ist eine Kritik an Basilides aus urchristlicher Sicht völlig korrekt, aber nicht, weil er an Reinkarnation geglaubt hat, sondern weil er die Umstände anders gedeutet hat. So ist die Wiederverkörperung tatsächlich weder eine "Sündenstrafe" noch gar "die einzige" "Sündenstrafe", sondern eine riesige Chance der Läuterung, Bereinigung und Wiedergutmachung. Und unter "Seelenwanderung" verstand man damals, dass eine menschliche Seele in einer anderen Inkarnation auch in einen Tierkörper "wandern" könne, was aus urchristlicher Sicht tatsächlich "irrig" ist.
Doch führen die kirchlichen Leugner der Reinkarnation noch eine dritte Stelle in diesem Kommentar an, wo sich vermeintlich auch Origenes gegen das Wissen um die Reinkarnation wenden soll.
Diese lautet: "Ich möchte nämlich nicht in die Lehrmeinung von der Wiedereinkörperung verfallen, welche der Kirche Gottes fremd ist ..." (Comm XIII I) und angeblich auch weder von den Aposteln überliefert sei noch "irgendwo in den Schriften" erscheine [was aber nicht stimmt; siehe dazu die nachfolgenden Kapitel].

Hier besteht aber der ganz starke Verdacht, dass der Origenes-Kommentar nachträglich gefälscht wurde. Der Origenes-Schüler Rufin hatte nämlich im Jahr 398 bereits zugegeben, die Schriften seines Lehrers Origenes dem kirchlichen Dogma entsprechend "zurecht gelegt" zu haben, um diesen vor der kirchlichen Anklage zu schützen, ein Irrlehrer zu sein (Praefatio, a.a.O.). So hat Rufin dort, wo er in diesem Sinne tätig wurde, offenbar nur die so genannte "Präexistenz der Seele" und die "Allversöhnung" belassen, die bis in die Jahre 543 und 553 kirchlich noch erlaubt war.

Der Journalist: Das klingt sehr spannend. Und ganz offensichtlich zeigt sich hier der geistige Kampf um diese Lehre im 3. und 4. Jahrhundert. Gibt es Beweise oder zumindest Indizien, welche diese These von der Fälschung in den Origenes-Schriften belegen?

Der Theologe: Ja. Man kann dazu zunächst Folgendes voraus schicken: Da der urchristliche Glaube des Origenes ab Mitte des 6. Jahrhunderts eben von der Kirche bekämpft und teilweise verdammt wurde, sind leider auch nur noch geringe Reste seines Werkes erhalten. Aber die haben es vielfach in sich.
Als man im 20. Jahrhundert, genauer im Jahr 1941, während des 2. Weltkriegs, in Toura in Nordägypten 28 Papyrusblätter einer griechischen Originalschrift von Origenes fand - seines Kommentars zum Paulusbrief an die Römer -, war der Beweis einer gravierenden Fälschung erbracht. Denn ein Vergleich dieses Fundes mit der späteren Überarbeitung des Origenes-Textes durch seinen Schüler Rufin ergab folgendes Ergebnis, und ich zitiere aus dem Fachkommentar von Jean Scherer: "Ein persönlicher, tief greifender und vielfältiger Eingriff in den Text" (Jean Scherer, Le Commentaire d´Origène sur Rom. III.5-V.7, Institut Francais d´ Archéologie, Kairo 1952).
Konkret: Rufin fügte ein, ließ weg, vereinfachte, stellte um und änderte Wesentliches ab. Und dass er dies, wo er konnte, vor allem dort tat, wo es um Reinkarnation geht, ist eine an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit, denn bei diesem Thema "drohte" Origenes am ehesten die Verurteilung durch die katholischen Kirche.
Und dass es wohl wirklich so war, zeigt sich auch darin, dass es weitere klare Aussagen gibt, die sein Wissen um die Reinkarnation beweisen. Doch dies wird von kirchlichen Theologen meist verschwiegen.
So ist eine Textstelle von Origenes überliefert, die - wie zu erwarten - bei den von Rufin bearbeiteten bzw. gefälschten Ausgaben fehlt, allerdings in den Origenes-Schriften nachzulesen ist, wie sie dem Kirchenheiligen Hieronymus vorgelegen haben.
Dort schreibt Origenes über den Menschen: "Dabei wechselt er seinen Leib ebenso oft, wie er beim Abstieg vom Himmel zur Erde seinen Wohnsitz wechselt." (Peri Archon I, 5,3 zitiert nach Origenes, Vier Bücher von den Prinzipien, Hrsg.: Herwig Görgemanns / Heinrich Karpp, Darmstadt 1976, S. 203-205)

Der Journalist: Das hört sich an wie die Entschlüsselung eines Geheimnisses, das den Menschen von der Kirche seither vorenthalten wird.

Der Theologe: Bedenkt man die Folgen für das Handeln von Menschen, je nachdem, ob man dies oder jenes glaubt, dann wurde hier im zugrunde gehenden alten Imperium Romanum tatsächlich um eine wesentliche Weichenstellung von welthistorischem Rang gekämpft.
Dieser Satz des Origenes vom Menschen, der seinen Leib mehrfach wechselt, erklärt auch einen weiteren, zitiert aus seinem Werk De Principiis:
"So meinen die Törichten und die Ungläubigen, unser Fleisch verginge nach dem Tode in der Weise, dass nichts von seiner Substanz übrigbleibe; wir aber, die wir an seine Auferstehung glauben, erkennen, dass im Tod nur eine Umwandlung geschieht, seine Substanz aber, das steht fest, bleibt und wird durch den Willen seines Schöpfers zu einer bestimmten Zeit wieder ins Leben gerufen, und dann geschieht eine neue Umwandlung." (S. 659)
Und bei Hieronymus ist auch die Frage des Patriarchen Theophiles nachzulesen, der Origenes bereits um das Jahr 400 verdammt hatte. Er lautet: "Was aber soll es bedeuten, wenn er [Origenes] erklärt, die Seelen würden wiederholt an Körper gefesselt und wieder von ihnen getrennt." (Epistula 98, 11, zitiert nach De Principiis I, 8, Anh. I, a.a.O., S. 279)


2.3.     ORIGENES, AUGUSTINUS UND DER GEISTIGE KAMPF




Der Journalist: Das Befund ist also klar genug. Warum sehen das die Institutionen Kirche nicht ein?

Der Theologe: Würde die Romkirche auch nur einen Irrtum zugeben, würde ihr ganzes System und Dogmen und Glaubensartikeln wie ein Kartenhaus in sich zusammen fallen. So heißt es beispielsweise in den Dogmensammlungen der römisch-katholischen Kirche über den kirchlichen Glauben: "Wer diesen nicht in seinem ganzen Umfange und unverletzt bewahrt, wird ohne Zweifel ewig verloren gehen (zit. nach Neuner-Roos, Der Glaube der Kirche, Lehrsatz Nr. 915). Und auch Papst Franziskus hat sich kurz nach seinem Amtsantritt im Jahr 2013 in diesem Sinne geäußert.
Im konkreten Einzelfall, bei der Frage also, ob der Kirchengelehrte Origenes an Reinkarnation glaubte, hängt manches allerdings auch mit einer weiteren Sachfrage zusammen. Es geht unter anderem darum, dass einiges in der vorliegenden Textfassung entweder schon von Origenes selbst oder von dem fälschenden Rufin nur vorsichtig oder in Frageform formuliert ist.
Man müsse, so ein Beispiel, "aufmerksam und tiefer studieren und sehen, ob es möglich ist oder nicht, dass sie [die Seele] ein zweites Mal in einen Leib eintritt ..." (Johanneskommentar VI, Kap. 7)
Oder: Wenn jemand bestimmte Voraussetzungen nachweisen könne, dann, so Origenes, "folgt daraus zwingend, dass das körperliche Sein nicht ursprünglich ist, sondern in zeitlichen Abständen ins Dasein tritt ... und dies geschieht immer fort". (Peri Archon IV, 4, 8)
Ein drittes Beispiel: Die Geschichte von Jakob und Esau im 1. Mosebuch der Bibel (Kap. 25 ff.) kommentiert Origenes wie folgt: "Wir müssen so annehmen, dass er [Jakob] aufgrund von Verdiensten eines früheren Lebens ... dem Bruder vorgezogen wurde." (Peri Archon II, 9, 7)
Und an einer anderen Stelle, Beispiel Nr. 4, erläutert Origenes die Möglichkeit, "dass jemand infolge irgendwelcher früherer sittlicher Leistungen jetzt [in diesem Leben] ein Gefäß der Ehre wird, und dann, wenn er nicht tut, was einem Gefäß der Ehre entspricht und angemessen ist, für eine andere Lebensperiode ein Gefäß der Unehre wird". (Peri Archon III, 1, 23)

Kirchliche Theologen, die Origenes seinen Glauben an die Reinkarnation unbedingt absprechen wollen, um das Urwissen der Reinkarnation auch heute besser verbannen zu können, deuten seine Aussagen über frühere und spätere Leben jedoch um. Sie sagen zum Beispiel sinngemäß, ein früheres Leben müsse auf ein früheres Leben der Seele im Jenseits bezogen werden, nicht auf ein früheres Erdenleben. Oder sie behaupten dreist, Origenes hätte damit ein Leben vor einem angeblichen "Urzustand" der Schöpfung gemeint bzw. ein Leben in "neuen" Zeitaltern nach dem Ende dieser "Weltzeit". Bei diesen kruden Interpretationen bleibt dann offen, was überzeugte katholische oder evangelische Theologen jeweils in diese Vorstellung hinein fabulieren.

Der Journalist: Der geistige Kampf dauert also an.

Der Theologe: Und er wird an vielen Fronten geführt. Dabei wird zum Glück das Interpretations-Monopol der Kirche nicht mehr anerkannt, das diese für sich beansprucht. So erläutert zum Beispiel der Schweizer Forscher Robert Sträuli am Beispiel des Origenes-Schülers Didymos (313-398), "wie selbstverständlich an der Christenschule zu Alexandria damals die Lehre von der Wiedergeburt noch Bestandteil der christlichen Lehre war". (Sträuli, a.a.O., S. 229 ff; 312 f.)
Wogegen sich Origenes allerdings tatsächlich wandte, ist der Glaube an eine Seelenwanderung (Metempsychosis) von einer menschlichen Seele in Tiere oder Pflanzen. Und damit gibt er auch korrekt die urchristliche Lehre wieder, denn diese Vorstellung war und ist nicht Teil des Urchristentums. Stattdessen galt und gilt dort: Eine menschliche Seele kann nur wieder in einen menschlichen Körper inkarnieren, nicht mehr in ein Tier oder in eine Pflanze. Dies hat mit dem Glauben an Christus als Erlöser zu tun. Aber das wäre ein anderes Thema, es würde hier zu weit führen.

Der Journalist:
Ich möchte noch einmal auf das Origenes-Zitat zurück kommen, wonach er darauf bedacht war, "nur das als Wahrheit [zu] glauben, was in nichts von der kirchlichen und apostolischen Überlieferung abweicht" (Rufin in Peri Archon I, Praefatio 2). Ich glaube, manchen Kirchenmitgliedern geht es heute ähnlich wie Origenes. Sie sind in der Kirche aufgewachsen und wären durchaus bereit, die Kirchenlehren zu befürworten, wenn diese stimmen würden. Doch sobald sie sich selbst auf die Suche nach der Wahrheit machen, kommen sie zu ganz anderen Ergebnissen.

Der Theologe: Ja. Die Kirche weist deshalb gerne auf Leute wie "Kirchenvater" Augustinus (354-430) hin, der sich bewusst für den katholischen Glauben entschied, obwohl er die Lehre der Reinkarnation gekannt hatte. So hatte er zum Beispiel gebetet: "So sage mir, o Gott, mir, der dich anfleht in heißem Gebet, sage es in göttlichem Erbarmen, ob meine Kindheit einem schon vergangenen Leben gefolgt sei oder ob jenes dasselbe ist, welches ich im Mutterleib zubrachte? ... Doch was war ich noch vor jener Zeit, meine Wonne, mein Gott; war ich überhaupt irgendwo oder irgendwer?" (Confessiones 1, 6, 9 in der Übersetzung von O. Bachmann, Atlas-Verlag Köln, o. J., S. 9)
An der Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung störte Augustinus, dass dann Folgendes denkbar sei: In einem irdischen Leben sind zwei Menschen die Mutter und ihr Sohn. Die Mutter stirbt, und ihre Seele inkarniert später wieder in einem Mädchen. Dieses wächst zur Frau heran und wird später die Frau des Sohnes (De Civitate Dei, X.30) - was durchaus möglich ist.
Gerade Verwandte inkarnieren oft mehrfach immer wieder in die gleiche Familie, wobei sie jedoch nach der Gesetzmäßigkeit von Saat und Ernte die "Rollen" innerhalb der Familie bzw. Sippe wechseln können. Behandelt etwa ein Vater seinen Sohn nicht gut, kommt er womöglich in einem späteren irdischen Leben als Sohn dieses Sohnes zur Welt. Und er muss nun am eigenen Leib erleben, was aus dem Sohn geworden ist, den er einst schlecht behandelt hatte und der nun selbst zum Vater geworden ist, zu seinem Vater.
Intellektuelle, verkopfte und sadistische Kirchenmänner wie Augustinus sträuben sich natürlich gegen diese möglichen Aspekte von Gerechtigkeit, doch auch Augustins Suche war ja mit seinem Tod noch nicht abgeschlossen.


2.4.     REINKARNATION IM JUDENTUM UND IM URCHRISTENTUM



Der Journalist:
Können Sie über das eben Gesagte hinaus noch ausführlicher begründen, wieso das Wissen um die Reinkarnation zu den Grundlagen des christlichen Glaubens gehört?

Der Theologe: Dieses Wissen kann man bei allem, was Jesus lehrte, voraussetzen, und vielen Zeitgenossen war das auch klar.
Ich zitiere dazu zunächst einige Zeilen aus dem Buch Bruder Jesus - Der Nazarener aus jüdischer Sicht des bekannten jüdischen Religionswissenschaftlers Schalom Ben Chorin:
"Der Gedanke der Wiedergeburt ist im Judentum der Zeit Jesu offensichtlicher Volksglaube ... So hielten die Leute Jesus für einen der alten Propheten, der wiedergekommen ist (Luk. 9, 8 u. 19). Im Talmud finden sich oft merkwürdige Notizen, die auf einen Seelenwanderungs- oder Wiedergeburtsglauben schließen lassen, wie etwa die Bemerkung: ´Mordechai, das ist Samuel.` Hier will gesagt sein, dass der Jude Mordechai, der Onkel der Königin Esther, eine Wiedergeburt des Propheten Samuel war ..." (dtv-Taschenbuch, München 1977, S. 25)
Wer hier die Kompetenz des jüdischen Wissenschaftlers anzweifeln will, kann einwenden, dass der griechische Text des Lukasevangeliums von einer möglichen "Erscheinung" bzw. einer "Auferstehung" eines alten Propheten spricht und dass man daraus nicht zwingend auf eine Reinkarnation zurück schließen muss. Doch was wäre denn eine "Erscheinung" bzw. "Auferstehung" in einem neuen Körper anders als eine Reinkarnation? Es sei denn, man erklärt stattdessen, auf welche womöglich andere Weise der ursprüngliche und lange verweste Körper wieder jung und kraftvoll geworden wäre.
Damit ist zwar noch kein biblischer Beweis für die Reinkarnation im Urchristentum geführt, doch die Indizien sind umfangreich und zielen alle in diese Richtung.
So gibt etwa der jüdische Feldherr und Historiker Flavius Josephus (37/38-100) im ersten Jahrhundert ebenfalls Hinweise auf den Glauben an Reinkarnation bei der einflussreichen Gruppe der Pharisäer. Josephus war fast ein Zeitgenosse von Jesus. Außerdem schreibt später auch Origenes (ca. 185-254), der sehr gründliche Studien durchführte, dass die Jerusalemer Juden, mit denen Jesus sprach, offenbar an Reinkarnation geglaubt hatten (Johanneskommentar VI, Kapitel 7).

Der Journalist: Sie sagten, Josephus war fast ein Zeitgenosse von Jesus, und er schrieb über die Pharisäer. Das interessiert mich. Was hat Flavius Josephus genau geschrieben?

Der Theologe: Über den Glauben der Pharisäer hat er geschrieben, "zwar sei" demnach "jede Seele unvergänglich, es gingen aber nur die der guten in einen anderen Leib über, die der schlechten würden jedoch durch ewige Bestrafung gezüchtigt". (Flavius Josephus, Der jüdische Krieg, heraus gegeben von Otto Michel und Otto Bauernfeind, München 1962, 2. Auflage, S. 213 ff.)
Dazu kann man zunächst sagen: Die näheren Umstände einer möglichen Reinkarnation wären hier pervertiert, da ja gerade die so genannten "Schlechten" in einer oder mehreren weiteren Inkarnationen ihr früheres Fehlverhalten wieder gut machen sollen. Die so genannten "Guten" jedoch bräuchten nicht mehr zu inkarnieren, wenn sie wieder zum Leben im Geiste Gottes zurück gefunden haben. Außerdem wird von kirchlichen Theologen erwartungsgemäß bestritten, dass mit dem "anderen Leib" im pharisäischen Denken ein irdischer Leib gemeint sei.
Doch Josephus selbst versteht es wahrscheinlich als "irdischer Leib", und er war ja Jude, der die Pharisäer gut kannte.
In einem anderen Zusammenhang legt er dann seinen eigenen Glauben dar, der mit dem pharisäischen sehr verwandt ist. Dort warnt Josephus die jüdischen Soldaten davor, angesichts der Übermacht der römischen Truppen Selbstmord zu begehen, und er schreibt über jene, die sich nicht umbringen: "... ihre Seelen bleiben rein und gehorsam, sie erhalten den heiligsten Platz im Himmel, von wo sie im Umlauf der Zeiten wieder heilige Leiber beziehen dürfen. Wer aber im Wahn selbst Hand an sich legt, dessen Seele nimmt ein besonders finsterer Ort in der Unterwelt auf." (Der jüdische Krieg, a.a.O., S. 373)
So weit Josephus. Doch was heißt das? Sich am heiligsten Platz im Himmel befinden und von dort aus einst "wieder heilige Leiber beziehen dürfen", was soll das wohl nach dem Glauben von Josephus für ein "Leib" sein? Noch einmal eine gesteigerte Form eines weiteren "himmlischen" Leibes, obwohl man sich schon zuvor am "heiligsten Platz im Himmel" befinden solle? So würden vielleicht durch kirchliche Theologie verschrobene Gehirne denken. Die Alternative ist klar: Josephus meint wieder einen aus seiner Sicht "heiligen" "irdischen" Leib.
Es handelt sich hier summa summarum zumindest um ein weiteres Indiz für den Reinkarnationsglauben im damaligen Judentum. Und solche und ähnliche Vorstellungen gehörten mehr oder weniger zum damaligen "Volksglauben", wie der jüdische Religionswissenschaftler Schalom Ben Chorin es ja bestätigt [siehe oben]. So konnte Jesus hier manches bei seinen Zeitgenossen voraus setzen, was durch die kirchliche Tradition dann später völlig verschüttet worden ist.

Der Journalist: Sehen das kirchliche Theologen genauso?

Der Theologe: Diese Entwicklung im kirchlichen Christentum bestätigt unter anderem der evangelische Theologieprofessor Dr. Hans Schwarz, der nach intensiven Recherchen über die Glaubensvorstellungen im 1. Jahrhundert schreibt: "Anscheinend war der Glaube an Reinkarnation so bekannt, dass seine Bilder dazu benutzt werden konnten, den weit weniger verbreiteten Glauben an die Auferstehung zu illustrieren" (Hans Schwarz, Wir werden weiterleben, Die Botschaft der Bibel von der Unsterblichkeit im Lichte moderner Grenzerfahrungen, Freiburg 1984, S. 51) - auch hier wieder das typisch verkorkste kirchliche Denken. Denn praktisch sagt Professor Dr. Hans Schwarz hier einfach und schlicht: Die Leute glaubten an Reinkarnation.
Und über das 2. Jahrhundert schreibt der evangelische Theologe dann auch weniger verklausuliert: Wir müssen "erstaunt feststellen, dass die Reinkarnation eine weit verbreitete Idee war" (S. 50).


So kann man zusammenfassen:
Das Wissen um Reinkarnation ist in der Umwelt von Jesus in manchen Varianten bekannt, so dass es Jesus bei seinen Lehren voraus setzen konnte. Das ist auch eine von mehreren Erklärungen dafür, warum nicht so viel zu diesem Thema unmittelbar überliefert ist.
Die zweite Erklärung ist, dass diese Überlieferung nicht im Interesse der Kirche war und ist, was für dem Einzelnen, der daran glaubte, Todesgefahr bedeutete, weshalb die meisten Zeugnisse nur außerhalb der Bibel in den so genannten "Apokryphen" (= verborgenen Schriften) erhalten blieben.
Und hinzu kommt noch etwas Drittes, ganz Praktisches: Eine Gemeinschaft, die einem Friedensreich bzw. einem "Reich Gottes" auf der Erde zum Durchbruch verhelfen will, wird sich nicht allzu viel mit Reinkarnation beschäftigen, weder auf die Vergangenheit noch spekulativ auf die Zukunft bezogen. Sondern man wird sich mit aller Kraft um die Aufgaben der Gegenwart kümmern.

Doch bei allem, was die Gegenwart für den Einzelnen und für eine Gemeinschaft bringt, wendet Jesus ganz selbstverständlich immer wieder das "Gesetz von Saat und Ernte" an [siehe z. B. Jesus lehrte das Gesetz von Saat und Ernte]. Und Tatsache ist nun einmal, dass dieses "Gesetz von Saat und Ernte" nur dann stimmig ist, wenn man frühere bzw. spätere Leben einbezieht, so dass das Thema "Reinkarnation" immer im Hintergrund steht. Zwar könnten frühere Leben rein theoretisch ausschließlich frühere Leben im Jenseits sein. Dass die Menschen jedoch nicht in diesseitigen, sondern angeblich nur in spekulativen jenseitigen Vorleben Fehler gemacht haben sollen, wirkt sehr konstruiert, frei nach dem Motto, dass nicht sein darf, was kirchlich nicht sein soll. Und eine solche Denkweise wird auch nirgends sonst bestätigt. Nahe liegend ist auch bei diesem Thema klar die Reinkarnation.

Und wenn in der vormittelalterlichen Kirche Methoden entwickelt werden, wie man den Glauben an die "Präexistenz der Seele" bekämpft, der in den urchristlichen Gemeinden gelehrt wird, so zielt dieser Angriff letztlich auf das Wissen um die Wiederverkörperung. Und wenn dann weiterhin dieser Glaube an die "Präexistenz der Seele" auf dem Konzil von Konstantinopel (553) von der Kirche verdammt wurde, was die Todesstrafe für den so Glaubenden nach sich zog, so wird das Wissen um die Reinkarnation damit unausgesprochen, aber gezielt mit verdammt.
 
Interessant ist noch ein weiteres Beispiel dazu. So setzt sich auch Kirchenvater Hieronymus (347-419) in seinem Brief an Demetrias mit dieser vermeintlichen "Irrlehre" auseinander, die "sozusagen in gewissen Natterhöhlen viele heimliche Anhänger" habe (Kapitel 16, V.11-12), wie Hieronymus schreibt. Doch warum "heimliche" Anhänger? Die Antwort dazu ist ganz klar, und ich möchte es noch einmal wiederholen:
Ab dem Jahr 380 stand eben auf abweichende Glaubensvorstellungen vom Katholizismus bereits die Todesstrafe. Wer also an Reinkarnation glaubte, schwebte deshalb in höchster Lebensgefahr. Und das ist im Rückblick sogar das einleuchtendste Argument dafür, dass die Urchristen, die darum wussten, damals, vorsichtig tastend, manchmal "nur" von der "Präexistenz der Seele" sprachen. Denn auf diesen Glauben stand ja bis zum Konzil von Konstantinopel noch nicht die Todesstrafe, sondern er wurde bis zu den Jahren 543 bzw. 553 vom totalitären katholischen Zwangsstaat noch toleriert.
 


2.5.     ZUR ENTSTEHUNG DER BIBEL


 

Der Journalist: Sie haben im Zusammenhang der Reinkarnation auch Hieronymus erwähnt. War Hieronymus nicht maßgeblich an der Entstehung der Bibel beteiligt?

Der Theologe: Ja. In ihrer heutigen Form entstand die Bibel ja erst im späten 4. Jahrhundert. Hieronymus erhielt vom damaligen Papst den Auftrag, aus verschiedenen Bibelversionen einen einheitlichen lateinischen Text herzustellen. Und er hat anscheinend die Reinkarnation nicht befürwortet, was möglicherweise auch die Abfassung der Bibel entscheidend beeinflusste.

Der Journalist: Welche Einflussmöglichkeiten hatte denn Hieronymus auf den Bibeltext? Oder wer hat sonst Einfluss genommen oder bestimmt, was dann letztlich in der Bibel stehen sollte?

Der Theologe: Da muss zuerst Papst Damasus I. genannt werden, der den Auftrag für die einheitliche Bibel gegeben hatte. Damasus I. hatte in den Jahren 366 und 367 nach blutigen Kämpfen zwischen seinen Anhängern und seinen Gegnern den Papstthron erobert. An einem Tag hat man in einer Kirche 137 Tote gefunden, die dort von den Anhängern des Damasus erschlagen wurden.
Ich sage das deshalb, weil viele Menschen glauben, die Bibel sei vom "Geist Gottes" eingegeben, ohne zu wissen, welche "Geister" und Hintermänner bei ihrer Entstehung nachgewiesenermaßen beteiligt waren.
Als Papst war Damasus I. bekannt für seine Prunksucht und "Schmäuse", "dass seine Tafel selbst ein Königsmahl in den Schatten stellt" (Ammianus Marcellinus, Röm. Geschichte 27, 3, 4, zitiert nach A. M. Ritter, Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen, Band 1, S. 173).
Dieser Papst vergab nun also die Auftragsarbeit einer einheitlichen Bibel an Hieronymus. Und sein neuer Text, die so genannte Vulgata, ist von der katholischen Kirche auf dem Konzil von Trient (1545-1563) - also viel später - als "fehlerlos" erklärt worden (mehr dazu siehe in Der Theologe Nr. 14).
Dabei hatte Hieronymus an Papst Damasus I. in einem Brief folgendes geschrieben:
"Wird sich auch nur einer finden, sei er gelehrt oder ungelehrt, der mich nicht lauthals einen Fälscher oder Religionsfrevler schilt, weil ich die Kühnheit besaß, einiges in den alten Büchern zuzufügen, abzuändern oder zu verbessern? Zwei Überlegungen sind es indes, die mich trösten und dieses Odium auf mich nehmen lassen: zum einen, dass du, der an Rang allen anderen überlegene Bischof, mich dies zu tun heißest; zum anderen, dass, wie auch meine Verleumder bestätigen müssen, in differierenden Lesarten schwerlich die Wahrheit anzutreffen ist." (Evangelienrevision, Vorrede, MPG 29, Sp. 525 ff., zitiert nach Adolf Martin Ritter, Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen, Band 1, S. 181; siehe auch Der Theologe Nr. 14 - Hieronymus und die Entstehung der Bibel)

Der Journalist: Der Herausgeber der Bibel ist also selbst nicht vom Wahrheitsgehalt überzeugt.

Der Theologe: Hieronymus kritisiert einige seiner Vorgänger als "unzuverlässige Übersetzer". Auch schreibt er von "Verschlimmbesserungen inkompetenter Textkritiker" oder über "Zusätze oder Änderungen unaufmerksamer Abschreiber" (Evangelienrevision, a.a.O., Vorrede).
Zwar gibt der "Kirchenvater" hier nur Einblick in die Entstehungsgeschichte der "lateinischen" Bibel, also der lateinischen Übersetzungen. Dennoch halte ich es für wichtig, auf seine Kritik hier einmal deutlich hinzuweisen. Denn auch bei der griechischen "Urtext"-Überlieferung gab es vor allem in der Anfangszeit zahlreiche Überarbeitungen und Neuformulierungen.
Weil die biblischen Evangelisten ihnen vorliegende Quellen nachweislich auch bearbeitet, also verändert haben, nennt man sie deshalb ja auch zurecht "Redaktoren". So wie es eben heute "Redakteure" bei einer Zeitung gibt, welche die eingesandten Manuskripte der Journalisten in ihrem Sinne überarbeiten, so dass manchmal etwas ganz Anderes dabei heraus kommt als der erste Schreiber noch in einen ursprünglichen Text hinein gelegt hatte.

Zusammenfassend kann man sagen: Die biblischen Texte sind alles in allem das Werk der entstehenden Amtskirche mit ihren sich herausbildenden Dogmen.
Die "Sorge um die Revision der lat. Bibelübersetzungen" wird zum Beispiel in unserer Zeit "das größte Verdienst" von Papst Damasus I. genannt (Ritter, a.a.O., S. 181). So enthalten die Texte der Bibel zwar viele authentische Anhaltspunkte über das Leben von Jesus, gelten für die Wissenschaft aber nicht als geschichtlich zuverlässige Quellen.
Und vergleicht man damit einmal alle erhaltenen Zeugnisse über Reinkarnation, dann kann man sagen: Sie blieben trotz der sich ganz anders entwickelnden Kirchenlehre erhalten oder wurden wiedergefunden. So gesehen ist dieser Befund sehr gut und beweiskräftig. Welche mögliche Fülle jedoch aufs Ganze betrachtet verloren ging, vernichtet oder nicht weitergegeben wurde, wissen wir nicht.
Doch kann man hier auch noch einmal an etwas Anderes erinnern: Das Thema ist für Jesus nicht so wesentlich wie andere Themen gewesen.

Der Journalist: Was ist für ihn dann wesentlich?

Der Theologe: Jesus weist auf das kommende Friedensreich, das Reich Gottes, hin, das auf der Erde entstehen soll, wie es im Vaterunser heißt: "Wie im Himmel, so auf Erden". Dafür braucht es Menschen, die bereit sind zur Umkehr im eigenen Leben, zur "Buße", zum Ablegen ihrer Fehlhaltungen, damit es nicht bei Worten bleibt, sondern auch entsprechende Taten sichtbar werden. Deswegen heilt Jesus zum Beispiel selbst viele Krankheiten. Auch lädt er die Menschen ein, sich Gott anzuvertrauen. Dies ist möglich, da Gott ein liebender Vater ist, der den Menschen in jeder Situation hilft, die Schritte hin zu Ihm tun zu können.

Der Journalist: Welche Rolle spielt dabei die Reinkarnation?

Der Theologe: Dieses Wissen hilft dem Menschen zur Selbsterkenntnis und zur Umkehr. Und wenn der Mensch dann Jesus nachfolgt, findet er früher oder später aus dem "Rad der Wiedergeburt" heraus.
Wer sich über dieses grundlegende Wissen hinaus jedoch sehr viel mit Details des Themas Reinkarnation beschäftigt, begibt sich in Gefahr, sich in Spekulationen über frühere Leben zu verwickeln oder sich damit wichtig zu machen, anstatt die Chance dieses jetzigen Lebens zu nützen. Und nur auf das gegenwärtige Leben kommt es an, alles andere ist Vergangenheit. Da aber ja alles, was aus früheren Leben nicht bereinigt ist, nach dem Gesetz von Saat und Ernte zur rechten Zeit in neuer Einkleidung wiederkommt, damit es dieses Mal bereinigt wird, bedarf es nur der Wachsamkeit in diesem Leben. In diesem Sinne hat es auch Jesus gelehrt.

 

2.6.     DER BECHER MIT DEM "TRUNK DES VERGESSENS"



Der Journalist:
Einige Menschen lassen sich allerdings durch Hypnose in frühere Leben zurückversetzen. Man versteht solche Rückführungen als eine Reinkarnationstherapie. Und Menschen versprechen sich einen inneren Gewinn von dieser Erfahrung.

Der Theologe: Ich weiß allerdings auch von vielen gegenteiligen Erfahrungen. Das genaue Wissen um Situationen aus früheren Leben kann sehr belasten, kann den Menschen von den Aufgaben der Gegenwart ablenken, kann ihn sogar in Verzweiflung führen, wenn er das, was dann aufbricht, nicht auf einmal bewältigen kann.
So spricht Jesus im Zusammenhang der Rückkehr einer Seele aus dem Jenseits zurück in einen neuen menschlichen Körper - ähnlich wie auch der Philosoph Platon - von einem "Becher mit dem Trunk des Vergessens" (Das Evangelium der Pistis Sophia, herausgegeben von C. M. Siegert, Bad Teinach-Zavelstein 1991, 2. Auflage, S. 234).
In der griechischen Mythologie hat diese Funktion der Fluss Lethe. Wenn eine Seele wiedergeboren wird, so einige Überlieferungen, dann muss sie zuvor aus dem Fluss Lethe trinken, damit sie sich nicht an ihre früheren Leben erinnern kann. Der "Trunk des Vergessens" zählt also zum Urwissen der Menschheit. Die fehlende Rückerinnerung dient dem Menschen als Schutz und hilft ihm, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Das "Sündhafte" wird zeitweilig "vergessen". Doch seine Inhalte werden im Laufe dieses Erdenlebens in dem Maße bewusst bzw. aktiv, in dem sie bewältigt werden können. Dies ist dann in der Regel nicht mit konkreten Rückerinnerungen an frühere Leben verbunden, doch man kommt in Situationen, die den nicht bewältigten Ereignissen früherer Leben ähnlich sind oder ihnen gleichen. Teilweise begegnen sich sogar wieder die gleichen Seelen, nur in neuen menschlichen Körpern und - je nachdem, welche Lebensaufgabe ansteht - in ähnlichen oder eben völlig unterschiedlichen Lebenskonstellationen.

Der Journalist: Das steht so aber nicht in der Bibel.

Der Theologe: Die meisten Informationen zur Lehre der Reinkarnation finden wir, wie schon erwähnt, in so genannten "apokryphen" Schriften, die von der entstehenden Großkirche nicht in die Bibel aufgenommen wurden, und deshalb dort als "verborgen" (= apokryph) gelten.
Dieses Jesuswort vom "Becher mit dem Trunk des Vergessens" entstammt einem Evangelium, das im 2. Jahrhundert entstanden ist und damit älter ist als die ältesten bekannten Handschriften der biblischen Evangelien aus dem 4. Jahrhundert. Sein Inhalt ist dadurch zwar nicht automatisch glaubwürdiger, und gerade dieses Evangelium verliert sich teilweise in zweifelhaften esoterischen Spekulationen; doch kann es - genauso wie die biblischen Schriften - eben sowohl Wahres als auch Falsches enthalten. Zudem finden sich weitere Informationen oder Spuren zur Reinkarnation bei den so genannten "Kirchenvätern", deren Schriften ebenfalls älter sind als die biblischen Handschriften. Und das bedeutet eben auch: näher am Urchristentum.
Manche sprechen vom "Umgießen der Seelen", zum Beispiel der bekannte und auch in der Kirche anerkannte Kirchenvater Clemens von Alexandrien (um 200; Stromateis III, 13, 3).

Die Seele braucht übrigens einige Zeit, um sich in dem jeweils neuen Körper zurecht zu finden und sie formt diesen in der Folgezeit gemäß ihren Speicherungen aus ihren Vorleben.
Die Frage, ob eine menschliche Seele auch in einen Tierkörper inkarnieren kann, war dabei auch schon in der damaligen Zeit Anlass für Spott und Streit. So wie es heute auch heute ein beliebtes Spott-Thema ist. "Kirchenlehrer" Justin (ca. 110-165) verneint zum Beispiel diese Frage wie auch eine weitere Frage, ob die Seele nach ihrem Gang ins Jenseits Gott schauen kann.

Der Journalist:
Die Antwort wäre, wenn ich Sie recht verstanden habe, dass der Tod nichts daran ändert, ob jemand mehr oder weniger Gott schaut.

Der Theologe: Ja. Wir können den Tod mit dem Schlaf vergleichen. Auch er bringt uns Gott weder näher noch rückt er Ihn weiter weg.
Zum Vergleich: Die Seele verlässt auch im Schlaf den menschlichen Körper, bleibt aber durch ein geistiges "Silberband" mit ihm verbunden. Beim Tod wird dieses Silberband dann durchtrennt, was zur Folge hat: Eine Rückkehr der Seele in diesen Körper ist dann nicht mehr möglich. Aber diese Vorgänge beim Schlaf oder beim Sterben ändern nichts am Charakter des Menschen und an dem, was er gesät hat und folglich ernten wird.
Das Silberband oder die Silberschnur wird übrigens auch in der Bibel erwähnt. Im Buch Prediger (oder Kohelet) heißt es: "Denk an deinen Schöpfer in frühen Jahren, ehe die Tage der Krankheit kommen, ... ja, ehe die Silberschnur zerreißt, ..." (12, 1.6a). Auch die Bibel enthält also dieses wertvolle geistige Wissen. Im hebräischen und aramäischen Handwörterbuch von Wilhelm Gesenius (17. Auflage, Berlin 1962) wird die Silberschnur auch als "bildliche Bezeichnung f. d. Lebensfaden" erklärt. Und das Buch Prediger gibt den Menschen hier eine eindringliche Warnung mit: "Lebt schon als junge Menschen nach den Geboten des Schöpfergottes! Denn wenn eines Tages ´die Silberschnur zerreißt`, ist die Chance vertan." Und wer weiß, wann das sein wird?

Der Journalist: Von der Bibel noch einmal zu den "Apokryphen": Das Evangelium der Pistis Sophia, aus dem Sie vorhin zitierten, wird von der kirchlichen Geschichtsschreibung nicht zum Urchristentum gerechnet, sondern zur so genannten "Gnosis". Im Deutschen übersetzt man das Wort "Gnosis" mit "Erkenntnis".

Der Theologe: "Gnosis" ist ja heute kein gebräuchliches Wort mehr, und man könnte es am ehesten mit dem vergleichen, was heute "Esoterik" genannt wird. Die entstehende Amtskirche grenzte sich damals von einzelnen Bewegungen ab, von denen sich manche damals selbst "gnostisch" nannten und die auch die Lehre von Jesus als "Gnosis" bezeichneten. Daher also dieses Wort.
Doch das Urchristentum ist etwas anderes als diese so genannte "Gnosis". Die Urchristen sind eine eigene Bewegung, die immer in Gefahr stand, von der Kirche vereinnahmt zu werden. Auf der anderen Seite bestand aber auch die Gefahr, von so genannten "Gnostikern" vereinnahmt zu werden. Beiden Richtungen ging es vor allem um eine bestimmte Lehre und erst in zweiter Linie um das praktische Tun. Und damit dieses Tun Hand und Fuß hat und nicht scheinheilig ist, braucht es eben auch eine echte Selbsterkenntnis, die auch das Unterbewusstsein mit einbezieht und das eigene Ego nicht schont. Jesus von Nazareth führte die Menschen deshalb immer auch zur Selbsterkenntnis, wenn sie dafür bereit waren. Das war unbequem, wie vor allem seine Weherufe an die damaligen Pharisäer und Schriftgelehrten zeigen. Diese haben nicht angenommen, was Jesus ihnen vorgehalten hat und haben sich stattdessen über ihn empört und haben seine Hinrichtung voran getrieben.

Der Journalist: Könnten Sie noch einmal verdeutlichen, inwiefern sich dann seine Nachfolger sowohl von der sich heraus bildenden Kirche als auch von der esoterischen Gnosis abgegrenzt haben.

Der Theologe: Es war für das Urchristentum immer eine Gratwanderung. Man hat der kirchlichen Vereinnahmung zum Beispiel widerstanden, indem man sich gegen alle Ansätze einer Institutionalisierung und Veräußerlichung wehrte. Damit ist die Einführung von starren Ämtern und so genannten Sakramenten gemeint, indem man dort Symbolhandlungen zu angeblich heilsnotwendigen Riten umfunktionierte. Wo das gelungen ist, ist es dann jedoch passiert, dass die entstehende Machtkirche urchristliche Bewegungen und Gruppen mit bei der so genannten "Gnosis" eingeordnet hat, die man kirchlicherseits genauso bekämpfte wie das Urchristentum. Denn auch die so genannten Gnostiker akzeptierten die entstehenden kirchlichen Hierarchien und Kulte nicht.

Doch zwischen "Gnosis" und urchristlichem Leben bestehen auch bei der Lehre teilweise erhebliche Unterschiede. Zum Beispiel unterscheidet sich die urchristliche Lehre, dass die materielle Welt als Folge des "Sündenfalls" aus der geistigen Welt entstanden ist, von "gnostischen" Lehrsystemen. Nach gnostischen Vorstellungen gebe es einen speziellen Schöpfergott der Materie, der nicht mit dem gütigen Erlösergott identisch sei.
Weiterhin waren die "Gnostiker" manchmal weltfremde Theoretiker. Dies hängt stark mit manchen Quellenschriften der "Gnosis" zusammen, oftmals detailreichen Schilderungen aus astralen jenseitigen Bereichen, die eher eine Philosophie-Lesung gleichen statt eine praktische Lebensschule für ehrliche Gottsucher zu sein.
Echte Urchristen waren demgegenüber praktisch, natürlich und schlicht denkende Menschen, die auch in sehr lebensnahen Berufen ihren Lebensunterhalt verdienten, zum Beispiel als Handwerker.
Was den Wahrheitsgehalt betrifft, gilt dabei für die "Apokryphen" aufs Ganze gesehen das Gleiche wie für die biblischen Schriften: Sie können Christliches und Nichtchristliches bzw. zutreffende Darstellungen oder eben Fehler enthalten. Für den urchristlichen Glauben kommt es zudem gar so sehr nicht auf das geistige Wissen an, insofern sich man sich dabei penibel in Details verlieren kann. Doch was hat mein Mitmensch, meine Umgebung davon? Das praktische Tun steht im Mittelpunkt, zusammengefasst, das Leben nach den Zehn Geboten und der Bergpredigt des Jesus von Nazareth.

 

2.7.     REINKARNATION IN DER BIBEL



Der Journalist:
Welche Spuren für Reinkarnation oder welche Reste dieses Wissens gibt es noch in der Bibel? Sie haben vorhin im Zusammenhang mit Origenes ja schon von möglicherweise wieder inkarnierten Propheten gesprochen?

Der Theologe: Ja. Jesus von Nazareth fragte einmal seine Jünger: "´Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?` Sie sprachen: ´Einige sagen, du seiest Johannes der Täufer, andere, du seiest Elia, wieder andere, du seiest Jeremia oder einer der Propheten`" (Matthäusevangelium 16, 13b-14). Mit anderen Worten: Einige glaubten, der kurz zuvor hingerichtete Johannes sei entweder von den Toten auferstanden oder er sei womöglich gar nicht tot. Und andere glaubten, einer der Gottespropheten, womöglich Elia oder Jeremia, sei in Jesus wieder inkarniert.
Und dies glaubten die Menschen auch schon von Johannes dem Täufer. Jesus von Nazareth bestätigt gemäß den biblischen Worten zum Beispiel den Glauben, Johannes sei der reinkarnierte Elia. So sagt Jesus laut dem Matthäusevangelium: "Und wenn ihr es annehmen wollt: er ist Elia, der da kommen soll. Wer Ohren hat, der höre." (11, 14)
Später entwickelt sich zu diesem Thema erneut ein Dialog, und es heißt in der Kirchenbibel wie folgt: "Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: ´Warum sagen denn die Schriftgelehrten, zuerst müsse Elia kommen?` Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Elia soll freilich kommen und alles zurecht bringen. Doch ich sage euch: ´Elia ist schon gekommen, aber sie haben ihn nicht erkannt, sondern haben mit ihm getan, was sie wollten.`" (17, 12)

Der Journalist: Die Kirchenlehren deuten diese Stellen aber anders. Das Leben des Johannes sei demnach mit Elia vergleichbar.

Der Theologe: So steht das aber ausdrücklich nicht in ihrer Bibel. Es heißt dort, "Elia ist schon gekommen".
In der von mir vorhin genannten prophetischen Botschaft mit dem Titel Das ist Mein Wort wird allerdings auch erklärt: Nicht das Geistwesen, das einst in Elia inkarniert war, sei in Johannes einverleibt gewesen, "sondern der Geist des Elia überstrahlte Johannes. Das Wesen, das in Johannes einverleibt war, ist im Geiste ein unmittelbarer Nachkomme ..." (a.a.O., S. 60)
Übrigens glauben auch viele islamische Gelehrte an die Reinkarnation und sie sagen unter anderem, in Maria, der Mutter von Jesus, sei jene Seele wieder inkarniert, die schon in Miriam, der Schwester von Mose und Aaron, unter den Menschen war. Diese Details sind aber nicht so wichtig und sie mögen stimmen oder auch nicht.

Der Journalist: Gibt es weitere Hinweise auf die Reinkarnation in der Bibel?

Der Theologe: Ja. Im Jakobusbrief der Bibel wird etwa davor gewarnt, dass unsere Zunge das "Rad der Geburt" in Brand setzen kann (3, 6; vgl. Prediger 12, 6). Die Stelle lässt sich am treffendsten so erklären: Böse Worte können einen solchen "Brand" verursachen, dass der geistige Brandstifter deswegen erneut inkarnieren muss, um den Schaden zu beheben und wieder gut zu machen.

Der Journalist: Warum verschweigt die Kirche denn, dass hier in ihrer eigenen Bibel vom "Rad der Geburt" die Rede ist?

Der Theologe: Das ist eine gute Frage.
In der Luther-Übersetzung von 1984 wird das Wort "trochos tes geneseos" (= "Rad des Entstehens" bzw. "Rad der Geburt") überhaupt nicht übersetzt und stattdessen mit drei anderen Wörtern wieder gegeben, nämlich "die ganze Welt".
Die Zunge könne, so die Luther-Bibel, "die ganze Welt" in Brand setzen - eine monumentale Aussage, über die man durchaus nachdenken kann, aber trotzdem eine glatte Bibelfälschung.
Vergleicht man nun die Übersetzung von 1984 mit der Übersetzung in der Luther-Bibel von 1545, erlebt man die nächste Überraschung: Nach der Original-Übersetzung von Martin Luther aus dem 16. Jahrhundert hatte die Zunge noch "allen unseren Wandel" angezündet - ebenfalls eine klare Fälschung, wenn auch nicht ganz so plump im Vergleich zu "die ganze Welt". Und "allen unseren Wandel" heißt es dann auch in den nächsten über 400 Jahren einschließlich der Lutherübersetzung von 1956. Zur Erinnerung: In Wirklichkeit steht hier "Rad des Entstehens" bzw. "Rad der Geburt", also Wiedergeburtsrad.
Doch für die maßgebliche Luther-Übersetzung von 1984 entstellten die von der Kirche autorisierten Theologen den Bibeltext dann noch weiter. Aus "allen unseren Wandel" ist nun "die ganze Welt" geworden. Damit wird hier nicht nur die Bibel gefälscht, sondern auch die ursprüngliche Lutherübersetzung. Und die von der Kirche autorisierten Übersetzer taten es in einer Weise, dass der ursprüngliche Sachverhalt nicht einmal ansatzweise mehr erkennbar ist.

In der evangelisch-katholischen Einheitsübersetzung heißt es an dieser Stelle wenigstens noch "Rad des Lebens". Diese Formulierung ist näher am Urtext dran. Doch auch diese Übersetzung ist falsch. Denn sie streicht einfach den Aspekt der "Genesis", also des "Lebensbeginns" durch die Geburt, wie es im griechischen Urtext im Wort "geneseos" (= Genitiv von "genesis") eindeutig zu lesen ist. In einer "erklärenden" Fußnote wird es dann noch falscher - vermutlich, weil man befürchtete, jemand könnte über das Wort "Rad des Lebens" doch die Spur zur Reinkarnation finden, was die Kirche ja offenbar verhindern will. So heißt es in einer Fußnote dazu: "Mit ´Rad des Lebens` (oder: ´Kreis des Werdens`) ist wohl der ganze Lauf des Lebens und der Umkreis der menschlichen Existenz gemeint" (Katholische Bibelanstalt, Stuttgart 1980).
Auf diese Weise wurde in der Einheitsübersetzung also aus dem "Rad der Geburt" der "Umkreis der menschlichen Existenz" - ein sehr gutes Beispiel für Bibelfälschung durch Übersetzung. Denn diese Übersetzung hat eben nichts mehr mit der griechischen Formulierung im Urtext zu tun. Am Ende steht auch hier, wie bei Martin Luther, eine Fälschung des Sachverhalts.
Und in der Neuen Jerusalemer Bibel (2. Auflage, Herder-Verlag, Freiburg 1985), welche den Text der Einheitsübersetzung enthält, gleicht man die Interpretation der Lutherübersetzung an, indem es heißt: "Der Ausdruck ["Rad des Lebens"] ... bezeichnet die geschaffene Welt". Zur Erinnerung: Es geht in Wirklichkeit um den Ausdruck "Rad der Geburt", so die nahe liegendste Übersetzung. Doch die Spur zum Rad der Wiedergeburt durch Reinkarnation ist von den konfessionellen Theologen jetzt auch hier völlig beseitigt.
 
Immerhin: Bei dieser Bibelstelle, Jakobus 3, 6, kann man alles sehr gut nachweisen. In zahllosen anderen Fällen ist das leider nicht mehr so leicht möglich.
Dennoch reichen die Beweise auch so aus, um festzustellen: Theologen haben biblische Hinweise auf die Reinkarnation gezielt verdunkelt, und einige Menschen glauben deshalb, das Wissen vom "Rad der Geburt" sei nicht biblisch-christlich, sondern wäre aus östlichen Religionen übernommen.

Der Journalist: Was mir das Beispiel der Einheitsübersetzung zeigt: Schon kleine Veränderungen in der Übersetzung können dazu führen, dass Leser einen anderen Sinn in die Worte hinein legen. Steckt dahinter eine Absicht? Ihre Vermutung, so haben Sie es bereits sinngemäß gesagt, ist, dass die Spuren zur Reinkarnation verwischt werden sollen.

Der Theologe: Was glauben Sie? Was oder wer steckt hinter der Kirche? Und wer hilft bewusst oder unbewusst mit? Ich habe diese scheinbar "kleinen" Veränderungen der Wahrheit selbst erlebt, als ich die Kirche verlassen hatte. Damals haben mich manche Menschen nachträglich hier und da in ein schlechtes Licht stellen wollen. Dazu wurden frühere Aussagen von mir nachträglich ein "wenig" verändert.
Bei dem Beispiel aus dem Jakobusbrief lässt sich wenigstens nachprüfen, was Luther und die Einheitsübersetzung aus der ihnen vorliegenden Quelle gemacht haben. Was aber ist mit der Überlieferung aus den ersten Jahrhunderten nach Christus, die heute niemand nachprüfen kann, weil die Quellen vernichtet wurden oder als "nicht mehr erhalten" gelten? Wie sorgfältig sind kirchliche Theologen, die eine bestimmte Absicht hatten, mit dem Material umgegangen? Was haben sie gemacht, wenn es nicht mit ihrer Lehre übereinstimmte?

Der Journalist: Gibt es dennoch weitere Spuren für die Reinkarnation bzw. Wiederverkörperung in der Bibel?

Der Theologe: Eventuell ging es auch im Gespräch von Jesus mit dem Pharisäer Nikodemus (Johannes 3, 1-11) um Reinkarnation. Das erklärt jedenfalls der Aramäisch-Forscher Günther Schwarz in dem Buch Das Jesus-Evangelium (München 1993, S. 22 f.). Dr. Schwarz erforschte ca. 30 Jahre lang die Muttersprache von Jesus und übersetzte die griechisch überlieferten Jesusworte zunächst zurück ins Aramäische und von dort neu ins Deutsche.

Weitere Spuren sind aber auch ohne solche Hintergrundüberlegungen zu finden. Über den Propheten Jeremia lautet zum Beispiel ein Prophetisches Wort, bei dem Gott zu Jeremia sprach: "Ich ... sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest und bestellte dich zum Propheten für die Völker." (Jeremia 1, 5)
Die Seele des Menschen existiert demnach schon vor der Geburt - eine biblische Lehre, welche eine Voraussetzung für die Reinkarnation ist und die übrigens von der katholischen Kirche später verdammt wurde (siehe vorne Das Ringen um die Wahrheit).
So könnte man weiter überlegen: Wenn es das Geistwesen bzw. die Seele also schon vor der Geburt gab,
existierte es dann nicht auch schon vor der Zeugung des Körpers? Oder schafft Gott im Augenblick des menschlichen Zeugungsaktes eine neue Seele, wie es die Kirche stattdessen lehrt?
Und wenn wir von der Richtigkeit der Bibelstelle ausgehen, eine weitere Frage: Liegt es nicht näher, dass Gott ein "reifes Geistwesen" in einer "anderen Welt" zum Propheten aufruft als eine angeblich bei der Zeugung ihres Körpers neu geschaffene Embryo- bzw. Baby-Seele? Gott beachtet bei den alttestamentlichen Gottespropheten außerdem den freien Willen, so dass es der Zustimmung des künftigen Propheten zu seinem Auftrag bedarf. Darauf erfolgte dann eine Inkarnation seiner Seele in einen menschlichen Körper.

Der Vorgang der Inkarnation eines Geistwesens in einen menschlichen Körper ist übrigens auch am Beispiel von Christus selbst belegt. Jesus von Nazareth sagt, "ehe Abraham war, bin ich" (Johannes 8, 58), und in einem bekannten urchristlichen Hymnus heißt es von Christus:
"Er, der in göttlicher Gestalt war, ... entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an und ward den Menschen gleich" (bei Paulus, Brief an die Philipper 2, 6-7). Daraus hat die Kirche im Jahr 451 auf dem Konzil von Chalzedon abgeleitet, dass Christus "wahrer Mensch" war.
So weit, so gut. Wenn Christus aber als Jesus von Nazareth "wahrer Mensch" war, warum sollte er dann als einziger als Geistwesen aus einer anderen Welt in einen menschlichen Körper inkarniert sein, während für die Seelen der anderen Menschen nach römisch-katholischer Lehre etwas völlig anderes gelten soll.
Da lautet dann die katholische Lehre: Diese Seelen würden angeblich parallel zum Körper und in ihrer "Substanz" gleich der "Form des menschlichen Leibes" neu geschaffen (Neuner-Roos, a.a.O., Nr. 329) - eine weitere abstruse kirchliche Lehre. Denn das würde ja auch bedeuten: Bei jedem menschlichen Zeugungsakt würde Gott eine neue Seele schaffen. Und es käme laut Kirchendogma noch schlimmer: Die spätere ewige Seligkeit oder angebliche spätere ewige Verdammnis würde Gott laut Dogma bei diesem Akt zudem vorher bestimmen bzw. vorhersehen [vgl. dazu hier in "Der Theologe Nr. 1"]. Das alles wäre ein einziger Schöpfungswahn, keine Schöpfungsordnung.

Der Journalist: Das alles ist absurd, das sehe ich auch so. Doch diese Christus-Hymne "Er war göttlicher Gestalt und wurde Mensch" ist noch kein Beleg für die Reinkarnation.

Der Theologe: Aber es ist ein dazu passender Hinweis, was bei einer Geburt geschieht: Ein Geistwesen oder eine Seele "geht" oder "schlüpft" in einen menschlichen Körper "hinein" und beginnt diesen mehr und mehr auszufüllen und zu durchdringen. Der Körper ist für die Seele so etwas wie ein Fahrzeug, mit dem sie sich auf dem Planeten Erde bewegen kann.

Der Journalist: So hätten Jesus und Jeremia bereits im Jenseits ihren Auftrag angenommen. Und auf der Erde ist dann ein Körper gezeugt worden, in welchen das Geistwesen bzw. die Seele inkarniert ist.

Der Theologe: Ja. Wobei in der Bibel nichts darüber steht, ob das Geistwesen, das in Jeremia inkarniert war, schon vorher einmal oder mehrere Male auf der Erde war. Bei Christus war es nicht so.
Ein deutlicher Hinweis auf die Reinkarnation steht zudem im biblischen Buch Weisheit. Der Verfasser sagt dort von sich: "Ich war ein wohlgestalteter junger Mann und ... da ich edel war, kam ich in einen unbefleckten Leib" (8, 20). Man kann fragen: Wann oder wo war der Mann denn "edel"? Und wie "war" dann umgekehrt "einer", dessen Leib schon von Geburt an "Flecken" des Leides trägt? Der ganze Zusammenhang deutet auf Reinkarnation hin, ebenso wie noch eine weitere Stelle des biblischen Buches.
Die dem Verfasser zufolge falsche Überzeugung mancher Menschen wird dort beschrieben mit den Worten: "Unsre Zeit geht vorbei wie ein Schatten, und wenn es mit uns zu Ende ist, gibt es keine Wiederkehr; denn es steht unverbrüchlich fest, dass niemand wiederkommt" (2, 1.5) - so nach dem Verfasser des Buches Weisheit das falsche Denken. Was also ist dann nach der Überzeugung des Buches Weisheit das "richtige" Denken? Dass es eben doch eine Wiederkehr gibt und dass man doch wiederkommt.
Das Buch Weisheit ist fester Bestandteil der katholischen Bibeln, in den evangelischen gehört es wiederum zu den "Apokryphen".

 

2.8.     JESUS ÜBER DIE AUSWECHSLUNGEN DES KÖRPERS



Der Journalist:
Sie sprechen den so genannten "Kanon" der Bibel an, also den von der Kirche vereinbarten Inhalt dieses Buches. Gibt es weitere Stellen zur Reinkarnation in diesen Apokryphen außerhalb der Bibel?

Der Theologe: Ja, zum Beispiel im Thomasevangelium, das 1945 von Bauern beim Pflügen in der Nähe von Nag Hammadi am Nil gefunden wurde. Dieses Evangelium und weitere Schriften aus dem 1. und 2. Jahrhundert waren sehr wahrscheinlich Teil einer Klosterbibliothek und mussten von den Mönchen dort im 4. Jahrhundert versteckt werden, nachdem sie von der Kirche als "häretisch" bezeichnet wurde und ihr Besitz von nun an lebensgefährlich für den Besitzer war. Das Thomasevangelium gilt mittlerweile als das bekannteste Evangelium außerhalb der Bibel.
Dort heißt es: "Jesus sprach: Heute wenn ihr euer Ebenbild seht, freut ihr euch. Wenn ihr aber eure Bilder seht, die vor euch geworden sind, ... wie viel werdet ihr ertragen?"
(V. 84)

Der Journalist: Unterscheiden sich diese Bilder so sehr von dem heutigen "Bild"?

Der Theologe: Es kommt darauf an, welche Inhalte aus der Seele unser heutiges Erscheinungsbild prägen. Möglicherweise gibt es auch Inhalte, die erst zu einem späteren Zeitpunkt oder in einer späteren Inkarnation aktiv werden und auch auf unser Aussehen einwirken. Dieses verändert sich ja auch durch bestimmte Lebenserfahrungen.

Es gibt aber noch viele weitere Beispiele. Im vorhin schon genannten Evangelium der Pistis Sophia spricht Jesus vom "Kreislauf" (S. 239) oder über "Kreisumläufe der Auswechslungen des Körpers" (S. 222) bzw. von einer Situation, da es einer Seele "nicht möglich wird, in die Höhe zum Licht zu gehen, und sie zurückkehren muss zum Auswechseln des Körpers". (S. 239)
Bei einer Reinkarnation würde ein Mensch, so Jesus, "wiederum in die Welt zurückgeworfen, übereinstimmend mit der Art der Sünden, die er begangen hat". (S. 186)
Dabei erhält die Seele einen Körper, "der ihren begangenen Sünden angepasst ist" (S. 201).

In diesem Zusammenhang fragt Maria zum Beispiel nach einem Menschen, der "keine Reue gefunden" hat, "obwohl er seine Anzahl von Kreisläufen im Auswechseln der Körper vollendet hat". (S. 227) 
Hinter dieser Formulierung steht offenbar das Wissen, dass Reinkarnationen nicht unbegrenzt möglich sind. In das Friedensreich, das einmal auf der Erde entstehen wird - wovon schon der Prophet Jesaja sprach [vgl. Jesaja 11, 6-9] -, können sich keine schwer belasteten Seelen mehr inkarnieren [siehe "Das ist Mein Wort. Das Evangelium Jesu. Die Christus-Offenbarung, welche die Welt nicht kennt", a.a.O., S. 157]. Und das könnte wiederum ganz konkret bedeuten: Viele der heute auf der Erde lebenden Menschen haben wohl kaum mehr eine Chance für eine neue spätere Inkarnation. Denn Wissenschaftler zeigen uns ja gerade in unserer Zeit, dass die Erde bald immer weniger Menschen ernähren kann und dass uns ein großer Kollaps bevorsteht. Viele Seelen im Jenseits können danach nicht mehr zurück auf die Erde.

Jesus erläutert jedoch in diesem Beispiel, dass die Seele des damals Betroffenen, anders als Maria dachte, eventuell doch die Chance einer weiteren Inkarnation bekommt, in welcher der Mensch auf der Erde den Weg zum "Lichtreich" finden kann (S. 228). Und es heißt wörtlich: "Bei dieser Seele, für die ihr beten werdet, wenn sie sich im Drachen der äußersten Finsternis befindet, wird er seinen Schwanz aus seinem Maul ziehen und diese Seele freigeben." Oder aber: Boten "werden sie aus allen Gebieten entführen, wo sie auch ist" (S. 229). Doch selbst wenn laut diesem Beispiel keine Inkarnation mehr möglich sei, können Boten des Lichts immerhin die Seele "prüfen" und sie "zum Lichtschatz" "führen" (S. 229). Das Wissen um eine mögliche Reinkarnation ist jedoch immer voraus gesetzt.

Der Journalist: Diese vielen Aussagen von Jesus sind leider nur wenigen Menschen bekannt. Gibt es noch weitere Details?

Der Theologe: Interessant ist beispielsweise das Wissen, dass manche Seelen ihre Schuld in einer einzigen Inkarnation abtragen können. So haben offenbar Menschen gedacht, die von ihren kirchlichen Gegnern nach einem Mann namens Karpokrates "Karpokrater" genannt wurden. Leider ist nur der Spottbericht von "Kirchenvater" Irenäus, ihres Gegners überliefert, wonach sie angeblich lehrten, man müsse in einem Leben alle möglichen Sünden begehen, um nicht mehr reinkarnieren zu brauchen - also gerade das Gegenteil der Wahrheit. Die Vorwürfe von Irenäus gründen sich nach Worten des Religionswissenschaftlers G. R. S. Mead "augenscheinlich auf ein völliges Missverstehen, wenn sie nicht einfach aus wohlüberlegter Bosheit entsprangen" (G. R. S. Mead, Fragmente eines verschollenen Glaubens, Berlin 1902, S. 190). Irenäus gilt ja auch als der Vorläufer der späteren kirchlichen Inquisition, die Millionen von Opfern auf dem Gewissen hat, die vor ihrer Hinrichtung teilweise auch noch grausam gefoltert wurden.

 

2.9.     FRÜHERE LEBENSLÄUFE ODER ERBSÜNDE?



Der Journalist: Gab es in der Frühzeit des so genannten Christentums bereits viele solcher Kämpfe?

Der Theologe: Ja. Während der prophetische Geist im jungen Urchristentum durch die amtskirchliche Entwicklung allmählich zum Schweigen gebracht wurde, verschwanden auch Grundlagen des urchristlichen Glaubens wie das Wissen um die Reinkarnation. Im Jahr 389 ging zum Beispiel die große Bibliothek des Altertums in Alexandria in Flammen auf. Katholische Mönche der ägyptischen bzw. koptischen Kirche legten das Feuer im benachbarten "heidnischen" Serapis-Tempel und sowohl der Tempel als auch die Bibliothek brannten ab und mit ihnen wertvolle Dokumente des Urchristentums. Dafür erfand die Kirche neue Lehren. So entwickelte sie später zum Beispiel eine so genannte Erbsündenlehre, wonach jeder Mensch die Sünde von Adam geerbt habe, obwohl die frühen Christen noch wussten, dass die Seele ihre Belastungen aus früheren Erdenleben wieder mit in weitere Leben nimmt. Also keine Erbsünde. Sondern Belastungen und Prägungen aus Vorleben.

Der Journalist: Gibt es hierfür weitere Belege?

Der Theologe: Ja. Und es machte die Urchristen auch barmherzig gegenüber ihren Mitmenschen. Denn einem fiel es vielleicht leicht, eine bestimmte Fehlhaltung zu lassen. Ein anderer jedoch hat auf diesem Gebiet eine massive Belastung aus Vorleben in dieses Erdenleben mitgebracht und er tut sich um vieles schwerer als sein Nächster. Wer das weiß, der wird seinen Nächsten nicht richten oder verurteilen, sondern er wird ihm mit Verständnis begegnen, sofern jener ehrlich darum ringt, ein neuer Mensch zu werden, auch wenn es bei ihm länger dauert als bei anderen.

Ich möchte an dieser Stelle als weiteren Beleg noch auf ein anderes Dokument hinweisen, das die Kirche komplett verbrennen wollte, weil es für sie zu gefährlich war. Es handelt sich um die Interpretationen der Evangelien von Basilides, einem Mann, der in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts in Alexandria lebte und von der katholischen Kirche als "Gnostiker", das heißt als "Ketzer" angesehen wurde. Es bestand offenbar eine Verbindung von Basilides zu dem Jesusjünger Matthäus und über einen Schüler des Petrus, Glaucus, auch zu Petrus (Zeitenschrift Nr. 9/1995). Aus den Informationen außerhalb der Bibel, die nicht von der Kirche vernichtet werden konnten, wird deutlich, dass auch Basilides einiges über Reinkarnation wusste. G.R.S. Mead schreibt: "Die Menschen leiden, sagt Basilides, durch das, was sie in früheren Lebensläufen begangen haben" (a.a.O., S. 226). Das Leiden kommt also nicht durch eine "Erbsünde" in das Leben des Einzelnen, wie es in den Kirchen stattdessen geglaubt werden muss.

Der Journalist: Ist die Erbsündenlehre nicht auch ungerecht?

Der Theologe: Wie ist es, wenn ich gemäß dieser Lehre schon als Kind unter dieser finsteren Macht leben muss und eventuell leide, obwohl ich das gar nicht verursacht habe? Das zählt dann in den Kirchen zu den "Geheimnissen Gottes", und es sind schon viele deswegen zurecht an diesem Kirchengott verzweifelt oder lehnen den Glauben an einen solchen Gott klar ab.



2.10.     GIBT ES EINE BIBELSTELLE GEGEN REINKARNATION?


 

Der Journalist: Aber gab es in früherer Zeit nicht auch einzelne Glaubenssaussagen gegen eine mögliche Reinkarnation? In kirchlichen Schriften wird hierzu sehr oft die Bibelstelle in Hebräer 9, 27-28a zitiert: "Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht; so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen". So hat es Martin Luther übersetzt. Das Wort "einmal" ist dabei von den Bibelherausgebern der Lutherübersetzung noch speziell unterstrichen.

Der Theologe: Sehen Sie: Wenn hier etwas von deutschen Übersetzern extra unterstrichen wird, was im Urtext nicht unterstrichen ist, dann weist das doch schon darauf hin, dass dieser Satz nicht so ohne weiteres verständlich ist; oder dass mit ihm irgendetwas nicht stimmt. Und so ist es auch: Es gibt in der Bibel viele Spuren der Reinkarnationen, worüber wir ja gerade gesprochen haben. Das steht fest. Aber nirgends steht, dass es keine Reinkarnation gibt, auch in diesem Satz im Hebräerbrief nicht. Er wird aber sehr uneinheitlich interpretiert, und eine dieser Interpretationen ist eben, dass es demnach keine Reinkarnation gebe.
Ich kann hier gerne noch mehr zu den unterschiedlichen Interpretationen dieser vereinzelten Stelle sagen, möchte davor aber jeden ehrlichen Gottsucher warnen: Hier geht es um intellektuelle Spitzfindigkeiten.

[Anmerkung der Redaktion: Und wer sein Gehirn nicht damit beschweren will, sollte lieber die weiteren Darlegungen in Kapitel 2.10, überspringen und gleich im nächsten Kapitel weiter lesen.]

Der Journalist: Mich würde es schon interessieren, was hier gemeint ist. Steht jetzt hier wenigstens an dieser einzigen Stelle der Bibel, dass es keine Reinkarnation gibt, während es sonst mehrere Stellen gibt, wo auch laut Bibel auf die Reinkarnation hingewiesen wird?

Der Theologe: Es steht hier klar und definitiv nichts, aber auch gar nichts contra Reinkarnation. Der betreffende Satz im Hebräerbrief ist aber nicht eindeutig formuliert und lässt deshalb Raum für Spekulationen. Von mir aus können wir einmal näher hinsehen: Es heißt dort: "Wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, so ist Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen".
Machen wir, wenn Sie sich darauf einlassen wollen, zunächst einmal ein kleines Experiment! Sie sind jetzt der normale Bibelleser und haben keinen Wissenschaftler an Ihrer Seite. Was glauben Sie, hat der Schreiber des Hebräerbriefes mit dieser Satzkonstruktion aussagen wollen?

Der Journalist: Ich muss erst noch einmal lesen und mich da hinein vertiefen. Jesus, das ist immer einfach und klar! Doch Paulus und die Theologen, das ist oft etwas Kompliziertes und Unlogisches. Aber ich werde mich einmal in diesen Satz hinein denken, um vielleicht verstehen zu können, was wohl gemeint sein könnte (längere Pause) ...
Also: Die Unterstreichung des Wortes "einmal" durch die lutherischen Übersetzer soll den Leser anscheinend dazu bringen, dass er denken soll, es gehe hier darum, eben nur einmal zu sterben anstatt zweimal oder öfters. Ohne die Unterstreichung dieses Wortes durch die Deutsche Bibelgesellschaft würde ich aber an etwas anderes denken. Mir sind in diesem Satz vor allem die Wörter "sterben" und "geopfert" aufgefallen. Diese beiden Wörter würde ich betonen, und ich überlege, wie sie zusammenhängen.
Mit dieser Betonung klingt der Satz so: "Und wie es den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen."
Ich verstehe es so, dass der Autor hier ein kleines Wortspiel gemacht hat: So wie jeder Mensch eines Tages stirbt und dann ins Gericht muss, so ist, sozusagen als Gegenpol, auch Christus eines Tages gestorben, indem er geopfert wurde. Er kam im Unterschied zu den anderen Menschen jedoch nicht ins Gericht, sondern er habe im Gegenteil Sünden, also Belastungsmaterial vor Gericht, weggenommen. So ungefähr. Aber ich würde mich niemals so ausdrücken. Das klingt alles sehr verkopft. Eben so, wie Intellektuelle schreiben.

Der Theologe: Ja, so ist dieser komplizierte Satz möglicherweise gemeint, mit Christus als positivem Gegenpol zum sündigen Menschen. Doch selbst wenn man in diesem Satz das Wort "einmal" betont, wie es die Deutsche Bibelgesellschaft dem Leser vorschlägt, ist es kein Satz contra Reinkarnation. Er bedeutet dann: Jeder Mensch müsse einmal sterben, und das sei dann auch ein für alle Mal das Ende dieses irdisches Lebens. Daran würde man hier erinnert. Und "im Gericht", wie es weiter heißt, erntet er im Jenseits dann die Folgen seines Handelns. Es sei denn - und jetzt kommt die Theorie des Hebräerbriefes, und die lautet wie folgt: Christus hätte ihm ein für allemal durch sein "Opfer" angeblich die Sünden weggenommen.
Das würde der Schreiber hier mitteilen wollen, nämlich, wie er den Tod von Jesus interpretiert. Über diese Sühnopferlehre im Hebräerbrief haben wir ja schon gesprochen, dass es eine heidnische Götzenopfer-Vorstellung ist, die es auch bei Schriftgelehrten und Priestern im Judentum gab. Dass Jesus ein Sühnopfer gewesen sein soll, hat aber, wie sich heraus arbeiten lässt, nichts mit dem Jesus, dem Christus zu tun, der unter uns lebte (siehe hier). Und auch mit Reinkarnation oder Nicht-Reinkarnation hat das alles hier überhaupt nichts zu tun. Wenn das Thema "Reinkarnation" hier eines der Themen sein sollte, dann könnte man erwarten, dass der Schreiber dies auch in einem normal verständlichen Satz schreibt und dass er nicht in einem verschachtelten Halbsatz so um den heißen Brei herum tüftelt.

Der Journalist:
Jetzt verstehe ich besser, warum Sie an dieser Stelle vor intellektueller Spitzfindigkeit gewarnt haben. Und noch komplizierter wird es ja dadurch, dass die hier angesprochene Sühnopferlehre offenbar nicht stimmt. Kann man da noch einmal kurz darauf eingehen?

Der Theologe:
Diese Sühnopferlehre, wie sie hier behauptet wird, kommt auch in der Bibel nur in diesem Hebräerbrief vor bzw. in Ansätzen bei Paulus [siehe dazu auch hier]. Jesus aber hat, wie gesagt, solches nicht gelehrt, und mit Gott hat es auch nichts zu tun. Denn der Schöpfergott braucht kein Menschenopfer zur angeblichen Besänftigung Seines Zorns, wie dies in mörderischen Götzenkulten geglaubt wird. Und die Kirche weiß ja noch nicht einmal, wer diesen Hebräerbrief überhaupt geschrieben hat und wer ihn in ihre Bibel hinein geschleust hat. Man ist sich in der theologischen Wissenschaft nämlich weit gehend einig, dass der Brief nur deshalb in die Bibel hinein gekommen sei, weil einige damalige Kirchentheologen glaubten, dass wohl Paulus der Verfasser sein müsste, was heute aber mehrheitlich und zurecht bestritten wird. Der Brief verdankt seine Stellung also entweder einem Betrug oder einem entstandenen falschen Eindruck. So viel noch dazu.

Der Journalist: Und das mit dem falschen Eindruck gilt dann ja auch speziell für den berüchtigten Satz in Kapitel 9, 27, den bibelgläubige Menschen immer wieder als Schein-Argument gegen die Reinkarnation nennen.

Der Theologe:
Ich möchte hier noch einmal wiederholen: Kein normaler Mensch würde so reden. Deshalb gehen viele Theologen auch von einer Verstümmelung des ursprünglichen Satzes aus bzw. von einer späteren Veränderung gleich Verfälschung des Briefes. So legt etwa der Altphilologe Hermann Bauer aufgrund einer sprachwissenschaftlichen Untersuchung dar, dass der "wahrscheinlich ursprüngliche Text" in der griechischen Ur-Version ganz anders gelautet habe (Wiedergeburt, Würzburg 1982, S. 66). Doch da brauchen wir jetzt nicht mehr ins Detail zu gehen. Letztlich bleibt alles spekulativ und niemand muss das wissen.

Doch auf eines möchte ich schon noch eingehen. Das ist die Unverfrorenheit der kirchlichen Bibelübersetzer, die sich immer wieder als Manipulations-Jongleure betätigen. Wir hatten bei diesem Beispiel die Lutherübersetzung zugrunde gelegt, bei der die deutschen Übersetzer ein bestimmtes Wort unterstrichen haben, das im griechischen Urtext gar nicht unterstrichen ist. Schon das könnte man als Irreführung bezeichnen, wenn beim normalen Bibelleser der Eindruck erweckt werden solle, die Betonung wäre bereits Teil des griechischen Ur-Textes. Eine noch schwerwiegendere Manipulation = Lüge ist es jedoch, wenn die Kirchen-Theologen einfach etwas anderes "übersetzen" als das, was tatsächlich in ihrer Bibel zu lesen ist - so geschehen bei dieser Stelle in der evangelisch-katholischen Einheitsübersetzung. Dort wird Hebräer 9, 27 mit den Worten wieder gegeben: "Und wie es den Menschen bestimmt ist, ein einziges Mal zu sterben ..."
Nun kann ja ein Wort immer mehrere Bedeutungs-Varianten haben, deshalb die vielen uneinheitlichen und teils verwirrenden Bibelinterpretationen. Hier wird aber von den kirchlichen "Übersetzern" ein Wort des Satzes einfach verfälscht, von "einmal" hin zu "ein einziges Mal". Damit wird der Text aber nicht mehr übersetzt, sondern im kirchlichen Sinne interpretiert, deshalb ist es eine Fälschung. Denn das hier stehende griechische Wort "hapax" heißt eben nicht "ein einziges Mal". Sondern es heißt "einmal", wie es auch in der Lutherübersetzung in diesem Fall richtig wieder gegeben ist. Der normale Bibelleser weiß dies alles aber nicht. Er denkt, ihm liege auch bei der Einheitsübersetzung eine Übersetzung vor und keine Interpretation. Dabei ist es nur eine Deutung der Kirche, und ich möchte hinzufügen: Eine falsche Deutung.
Und warum, so könnte man weiter fragen? Der Grund ist nahe liegend: Die kirchlichen Fälscher haben mit dieser weiteren Bibel-Manipulation gezielt einen Seitenhieb gegen das Urwissen der Reinkarnation anzubringen versucht.

Der Journalist: Das ist schon starker Tobak, wie der einfache Bibelgläubige hier den Priestern und Schriftgelehrten ausgeliefert ist. Das erinnert mich an die Worte von Jesus: "Weh euch, Ihr Schriftgelehrten!" So verstehe ich jetzt noch besser, dass jeder Mensch Gott in seinem eigenen Herzen finden soll, indem er lernt, die Menschen, die Tiere und die ganze Schöpfung Gottes selbstlos zu lieben, und dass er dazu weder Bibel noch Kirche noch Theologen braucht.

Der Theologe:
Deshalb sollte auch jeder wachsam sein, wenn irgendwo sehr auf der Bibel herum geritten wird oder auf Dogmen, die man angeblich glauben müsse. Mit solchen Äußerlichkeiten wird oft Herzenskälte übertüncht. Von mir aus empfehle ich die Bibel keinem mehr. Es sei denn, jemand möchte sie von sich aus lesen, dann sage ich sinngemäß: "Ja, man kann darin vieles von der Wahrheit finden. Und wenn man das, was man als Wahrheit für sich erkannt hat, dann hinterher auch tut, dann ist es ja gut."
Aber als Nachschlagewerk für die Frage, ob es Reinkarnation gibt, ist sie für jemanden, der die alten Sprachen nicht beherrscht, nicht geeignet. Ich denke hier vor allem auch an die
Bibelstelle in Jakobus 3, 6, wo das "Rad der Geburt" in den deutschen Übersetzungen sogar dreist totgeschwiegen wird [siehe hier]. An diesem Beispiel sieht man besonders gut, wie sich die Priester und Theologen ihre Bibel nach ihrem Gutdünken zurecht biegen. Und so macht das jede Gemeinschaft, die an die Bibel glaubt. Jeder schneidert sich seine Interpretationen so zurecht, wie es die jeweilige Gemeinschaft verlangt.

Der Journalist: Ich merke, ich bin immer noch etwas durcheinander von diesem ganzen Interpretations-Chaos. Aber ich habe dazu auch einen weiteren eigenen Gedanken.
Ich lese gerade den Satz in Hebräer 9, 27 noch einmal, und mein hoffentlich abschließender Gedanke dazu ist folgender: Selbst dann, wenn der Bibel-Autor hier "einmal sterben" im Sinne von "ein einziges Mal sterben" gemeint hätte, wie es die Einheitsübersetzung falsch übersetzt, dann wäre das deswegen doch keine Aussage gegen die Reinkarnation! Denn ein bestimmter Mensch XY muss ja tatsächlich nur "einmal" bzw. "ein einziges Mal" sterben. Und beim Sterben verlässt dann die unsterbliche Seele diesen Menschenkörper, und dieser Menschenkörper ist dann tatsächlich ein für allemal gestorben.
Aber für die Seele geht es doch weiter, so das Urwissen der Menschheit. Und wenn die Seele einst in einem anderen Menschenkörper wieder inkarniert sein sollte, dann muss dieser Mensch NN eben wiederum "einmal", "ein einziges Mal" oder von mir aus "ein für allemal" sterben. Dieser Halbsatz stimmt selbstverständlich für den jeweiligen Menschen.
Aber damit ist doch keine Aussage über die unsterbliche Seele und die Reinkarnation gemacht! Und "wenn es den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben" oder von mir aus "ein einziges Mal zu sterben", wie es sich die Kirche zurecht biegt, dann ist das doch völlig unabhängig davon, ob die Seele nun einmal, zweimal, überhaupt nicht oder viele Male in einen neuen Menschenkörper inkarniert. Was jeweils "ein für alle Mal" stirbt, ist doch immer nur der einzelne Mensch. Seine Seele ist jedoch unsterblich. Könnte man das alles auch so betrachten?

Der Theologe:
Ja, auf jeden Fall. Das ganze theoretische Hickhack um diese Bibelstelle Hebräer 9, 27 ist also bei genauem Hinsehen überflüssige Schaumschlägerei. Doch was damit bezweckt wird: Beim einfachen "Kirchenschaf" soll die Botschaft hängen bleiben, in der Bibel werde angeblich der Reinkarnation widersprochen.
Das ganze Chaos kann aber manchem, der sich näher damit befasst hat, auch helfen, da er dann selbst sieht, was hier alles um unklare Worte herum gesponnen wird. Es sind alles nur Spekulationen von kirchlichen Theologen, die mit ihrem beschränkten Intellekt dies und vieles mehr in dieser Welt durcheinander gebracht haben und die für dieses Chaos auch die Verantwortung tragen. Man kann jedem ehrlichen Gottsucher nur raten, seine Energie nicht mit Bibel-Spekulationen zu vergeuden. Steht es nun drin oder steht es nicht drin? Was soll es letztlich? Die Wahrheit ist einfach, und außerhalb der Bibel manchmal viel leichter zu finden. Nur die Verschleierung, die Vertuschung und die Lüge ist kompliziert und muss entsprechend entschleiert, aufgedeckt und entlarvt werden.
Ich betrachte die Auseinandersetzung um diese Bibelstelle aufs Ganze betrachtet als ein Ärgernis. Aber sie zeigt auch deutlich Folgendes, und das dient dann wiederum der Entlarvung: Was für die Kirche nicht sein soll, wie die Möglichkeiten der Wiederverkörperung, das darf eben nicht sein. Dafür werden dann trickreich Argumente konstruiert oder an den Haaren herbei gezogen und natürlich auch die Bibeln entsprechend verbogen.

Der Journalist: Zusammenfassend könnte man vielleicht sagen: Auch dieser in der Kirche besonders beliebte Bibelvers von den "einmal" sterbenden Menschen ist kein Dokument gegen das Urwissen um die Reinkarnation.

Der Theologe: Und er zeigt in seiner Unklarheit auch beispielhaft auf, wie unklar und verwirrend die Bibel insgesamt ist - vor allem, weil man die Briefe des Schriftgelehrten Paulus und seiner Schüler zum 100 %igen Gotteswort erhoben hat, wie es die Großkirchen tun. Auch das ist eine Entlarvung: Wenn die Kirche die Paulusworte zu 100 % als "Gottesworte" definiert, dann ist es Paulus, welcher der Gott der Kirche ist. Jesus, der freie Geist, hat keine solchen biblischen angeblichen "Gottesworte" niedergeschrieben wie Paulus.

 

2.11.     VOM BLIND GEBORENEN



Der Journalist:
Kommen wir noch zu einem anderen Thema. Dazu eine Frage, die viele Menschen beschäftigt: Wie ist das beim Leiden von Kindern? Die Kirchenlehre, dies sei eben durch die Erbsünde bedingt und ein Geheimnis Gottes, halte ich für zynisch. Konsequent zu Ende gedacht würde die urchristliche Lehre der Reinkarnation auch darauf eine schlüssige Antwort geben. Das Leiden von Kindern hätte dann auch seine Wurzeln in früheren Leben.

Der Theologe: Konkret: Wie wäre es zum Beispiel bei einem Kind, das behindert auf die Welt kommt? Nach kirchlicher Lehre hätte Gott dieses Kind "behindert" geschaffen, wobei die behinderte Form seines Leibes der "Substanz" seiner Seele entspräche, die Gott so erschaffen hätte. So die erneut hanebüchene Lehre der römisch-katholischen Kirche über das Verhältnis von Leib und Seele gemäß dem Lehrwerk von Neuner-Roos, Lehrsatz Nr. 329. Gott hätte also eine behinderte Seele neu erschaffen. Ein anderes Kind hingegen hätte Gott "gesund" erschaffen. "Was ist das nur für ein Gott?" könnte man auch hier wieder fragen.

Auch Jesus und seine Anhänger sprechen einmal über dieses Thema. Ein Beispiel dafür findet sich in der Bibel, im Johannesevangelium, Kapitel 9. Die Stelle beweist, dass auch die Jünger von Jesus die Reinkarnation selbstverständlich voraussetzen. Es heißt dort: "Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist" (V. 2)?
Wenn ein Blindgeborener möglicherweise deswegen dieses Schicksal trägt, weil er zuvor gesündigt hat, dann geht man eindeutig von einem Vorleben und einer Reinkarnation aus. Die Antwort, die Jesus laut Johannes gibt, richtet die Aufmerksamkeit dann aber nicht auf das Vorleben, sondern auf etwas anderes. Demnach sagt Jesus, weder dieser noch seine Eltern hätten gesündigt, "sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm" (V. 3). Sind also folglich noch andere Ursachen möglich? War die Seele dieses Menschen eventuell aus anderen Gründen bereit, dieses Schicksal auf der Erde freiwillig anzunehmen? War ihr vielleicht bewusst, dass durch die spätere Heilung die "Werke Gottes" verherrlicht würden und die Menschen auf Jesus, den Christus aufmerksam werden?

In der Schrift Das ist Mein Wort ist das Jesuswort etwas anders überliefert als in der Bibel. Es heißt dort: "Was besagt es, ob dieser gesündigt hat oder seine Eltern, sofern die Werke Gottes offenbar werden an ihm." Und Christus erklärt dann durch Prophetenwort wie folgt: "Ihr sollt nicht auf die Sünde blicken und nicht fragen, wer gesündigt hat. Keiner kann für den anderen abtragen - es sei denn, er kam als Dulderseele für einen anderen Menschen in diese Welt. Wenn jedoch Menschen durch Sünde aneinander gebunden sind, dann sind alle an der Sünde beteiligt, zum Beispiel Eltern und Kind." (Das ist Mein Wort, a.a.O., S. 612 f.).
Die Reinkarnation wird hier also nicht zum Hauptthema gemacht, während in der biblischen Version der Stelle dieses Wissen verdunkelt wird. Gegen Reinkarnation wird aber auch in der Version der Bibel nicht gesprochen.
Gemeinsam haben beide Versionen: Jesus befriedigt nicht die Neugier der Jünger, und er ermahnt sie, sich nicht über das "Karma" anderer Gedanken zu machen. "Es sollen die Werke Gottes offenbar werden", darum geht es.

Der Journalist: Was ist mit "Dulderseele" gemeint?

Der Theologe: Hier hilft eine Seele der anderen beim Tragen einer Seelenschuld. Auch dieses Christuswort macht deutlich, dass die Möglichkeiten im "Gesetz von Saat und Ernte" vielfältig sind.

Der Journalist: Jesus heilte hier den Blindgeborenen. Solche so genannte Wunder erleben aber die meisten Menschen nicht.

Der Theologe: Auch wenn die meisten Menschen keine solchen Erfahrungen machen, so kann ihnen doch das Wissen um die geistigen Gesetzmäßigkeiten helfen.
Ein Beispiel: Eine mir bekannte blinde Frau haderte als Jugendliche jahrelang und suchte nach einer Erklärung, dass ausgerechnet sie blind sei. Mit ihrem geschulten Verstand fragte sie auch nach der Logik darin. Als sie dann erstmals von Reinkarnation hörte, war es für sie wie eine Befreiung. Sie lernte ihr Schicksal anzunehmen, zu verstehen und zu meistern.
Und wer weiß, was morgen sein wird? Der Geheilte in der Geschichte war ja auch zuerst sehr viele Jahre lang blind, bis es dann doch zu einer Heilung gekommen ist.

Der Journalist: Die Lehre von Saat und Ernte und von den Reinkarnationen erscheint auch logischer als die Lehre von einem unberechenbaren und willkürlichen Schicksal oder von einem angeblich "geheimnisvollen" Gott.

Der Theologe: Es kann zwar keiner einem anderen sein Verständnis von Gott und vom Schicksal beweisen. Doch wozu ist uns allen auch ein gesunder Menschenverstand mit in die Wiege gelegt worden? Und warum wohl warnte Papst Jorge Bergoglio im Jahr 2013 ausgerechnet vor diesem Gottesgeschenk des gesunden Menschenverstands?
Wichtig sind aber vor allem die Konsequenzen, die jemand aus einem bestimmten Glauben zieht.
Deshalb noch einmal zur Klarstellung: Es entspricht nicht dem christlichen Glauben, wenn ein Außenstehender aus persönlichem Interesse heraus über Vorleben seiner Mitmenschen spekuliert. Als Christ ist ihm die Aufgabe gegeben, sich in seinen Nächsten und in seine Not einzufühlen, ihm in seiner Situation beizustehen und zu helfen.
Dies gilt natürlich erst recht Kindern gegenüber, die sich noch nicht so gut selbst helfen können. Oder denken Sie an Kinder, die ihre Eltern verloren haben, vielleicht in einem Katastrophengebiet der Dritten Welt. Ein Christ entwickelt zuallererst das Mitgefühl und er weiß um die unendliche Liebe Gottes, die allen Menschen ohne Unterschiede gleich gilt.

Und dazu habe auch ich noch eine Frage: Könnte es nicht sein, dass eine Seele, die vielleicht schon sehr reif und nahe bei Gott ist, sich entscheidet, noch einmal in ein Kind zu inkarnieren, dessen Körper schon bald nach seiner Geburt hinscheidet? In der Kürze der Zeit kann die Seele womöglich ihre restliche Belastung tilgen und die im Kind inkarnierte Seele kann dann frei in die himmlischen Welten zurück kehren. Das ist nur eine Überlegung. Doch welch ein Trost könnte das für verzweifelte und trauernde Eltern sein, deren Kind gestorben ist! Stattdessen macht ihnen der Pfarrer weis, es sei ein "Geheimnis Gottes" und er zementiert dann oft ein lebenslanges Leid der Eltern, die dieses angebliche Geheimnis dann nicht ergründen können.

 

2.12.     HIOB



Der Journalist:
Wie ist es in der biblischen Erzählung von Hiob? Dort ist weder von Reinkarnation die Rede noch von "Saat und Ernte" noch von einer "Dulderseele". Hiob leidet gemäß der Bibel unschuldig und er ringt mit seinem Schicksal.

Der Theologe: Die Bibel gibt selbst eine Antwort darauf, warum er leidet. Er darf von der Finsternis angegriffen und geprüft werden (Kapitel 1 und 2). Es ist ähnlich wie bei Jesus. Und um Reinkarnation geht es in diesem Buch nicht.

Der Journalist: Leidet er dann aufgrund eines göttlichen Auftrags, wie wir das schon bei Jesus von Nazareth besprochen haben?

Der Theologe: Das ist möglich. Er wird auf jeden Fall als "Knecht" Gottes bezeichnet (z. B. Hiob 42, 7), was auf einen Auftrag hinweist. Und gleich im ersten Vers des Buches heißt es: Er "war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse" (1, 1). In den Kirchenlehren wird er deshalb als eine Art "Kronzeuge" gegen das "Gesetz von Ursache und Wirkung" missbraucht.

Der Journalist: Können Sie das näher erläutern?

Der Theologe: Im gesamten so genannten "Alten Testament" gilt das "Gesetz von Saat und Ernte", im wissenschaftlichen Sprachgebrauch sagt man dazu auch "Tun-Ergehens-Zusammenhang". Nur bei Hiob gelte das Gesetz laut Kirche scheinbar nicht. Daraus haben viele Theologen dann sinngemäß abgeleitet, das Bewusstsein der Menschen in den übrigen Schriften wäre eben noch nicht so weit entwickelt gewesen. Wo die Menschen an "Saat und Ernte" glaubten, hätten sie noch in überschaubaren einfacheren Zusammenhängen gelebt und auch einfache Antworten auf ihre Fragen bekommen. Hiob sei dann so etwas wie ein Vorbote der "Moderne", wo das Gesetz von Saat und Ernte angeblich nicht mehr greife, und das Buch Hiob sei damit eine Art Weiterentwicklung des "alttestamentlichen Glaubens". So weit sinngemäß die kirchlichen Theorien zu Hiob.
Doch kann das im Hinblick auf die Bibel stimmen? "99-mal" ist das Gesetz von Saat und Ernte im "Alten Testament" eindeutig, nur einmal nicht. Und so kommt es auch der Wirklichkeit nahe: "99-mal" sind die Zusammenhänge klar, einmal scheinbar nicht. Hiob leidet offenbar nicht - wie andere - wegen eines Fehlverhaltens. Er leidet aufgrund von Angriffen, die das Ziel verfolgen, ihn zu Fall zu bringen, indem er sich gegen Gott wendet.
Der Hintergrund dazu: Wer auf der Seite Gottes steht, darf von der "Finsternis" geprüft werden. Solche Situationen sind bei echten Gottesboten vorgekommen und deshalb hat auch die eine Hioberzählung Platz neben den "99" anderen. Sie ist keine Kronzeugin gegen die anderen "99" Beispiele, wie es die kirchlichen Durcheinanderbringer an dieser Stelle versuchen.

Der Journalist: Viele Theologen sagen, manches in der Bibel sei märchenhaft oder nur symbolisch verstehbar, zum Beispiel, wie der "Satan" über diese Prüfung Hiobs zuvor mit Gott verhandelt.

Der Theologe: Auch ich habe im Studium gelernt, dass um die "eigentliche" Hiobgeschichte nachträglich ein "erzählerischer Rahmen" gelegt worden sei.
Der "Rahmen" beinhaltet allerdings die schlüssige Erklärung, dass es sich eben um eine Prüfung Hiobs handelt. Behauptet man nun, der erzählerische Rahmen sei gar nicht ursprünglich, sondern märchenhaft und nachträglich hinzugefügt, öffnet man wieder die Türe für neue theologische Spekulationen um ein angebliches "Geheimnis Gottes" in der dann angeblich "eigentlichen" Hioberzählung.
Am besten versteht man die Hiob-Geschichte, wenn man sie so nimmt, wie sie auch in der Kirchenbibel steht.
Manche Theologen versuchen auch, das Leiden Hiobs auf soziale oder politische Gründe zurückzuführen, worüber man natürlich zusätzlich nachdenken kann. Doch in der biblischen Erzählung heißt es schlicht und klar: Wer sich für ein Leben nach den Geboten Gottes entscheidet, darf von den Mächten der "Finsternis" geprüft werden. Darum geht es hier.

 

2.13.     WIE DIE BIBEL ANGEPASST WURDE



Der Journalist:
Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, wie die Interessen des Theologen bzw. des Bibellesers auf die Auslegung einwirken können. Wir haben ja schon darüber gesprochen, wie mit Interessen sogar Übersetzungen manipuliert werden. Gibt es noch mehr Beispiele dieser Art?

Der Theologe: Ja. Manche lesen aus einer bestimmten Bibelstelle das Gegenteil von dem heraus, was ein anderer darin findet. Oft genügt dann genaues Lesen, um zu verstehen, wie es wirklich gemeint ist.
Dazu möchte ich einmal einen Satz von Jesus von Nazareth zitieren. Als Petrus bei der Gefangennahme von Jesus mit dem Schwert einen Mann aus der Anhängerschaft der Hohenpriester schwer verletzt hat, heilt Jesus die Verletzung und ermahnt Petrus: "Steck Dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen" (Matthäus 26, 52). So ist die Stelle in der evangelisch-katholischen Einheitsübersetzung richtig wiedergegeben.
Damit erinnert Jesus den Petrus an das Gesetz von Saat und Ernte: Wer einen anderen tötet, der wird einst nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung - in diesem oder einem weiteren Leben - mit dem Schwert getötet werden. So weit. Es sei denn, so könnte man hinzu fügen, die Tat würde zuvor bereinigt. Doch dieser weitere Aspekt ist hier nicht genannt.
Der Theologe Martin Luther dreht den Sinn des Jesusworte jedoch völlig ins Gegenteil und macht daraus ein "Gesetz des Schwertes", eine angebliche Aufforderung von Jesus an den Staat zur Todesstrafe.
Das Wort von Jesus sei nach Luther "zu verstehen wie 1. Mose 9, 6: ´Wer Menschenblut vergießt` usw. [dessen Blut soll wieder durch Menschen vergossen werden] Ohne Zweifel verweist Christus mit diesem Wort auf jene Stelle und will damit jenen Spruch [neu] einführen und bestätigen", so Martin Luther (Die weltliche Obrigkeit und die Grenzen des Gehorsams, in: Luther Taschenausgabe, Band 5, Berlin 1982, S. 112).
Zur Begründung seiner Interpretation gibt Martin Luther die Stelle im Matthäusevangelium in einer ganz anderen Übersetzung wieder. Bei ihm heißt es nämlich: "Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen." Doch was ist nun richtig? "Wird durchs Schwert umkommen" oder "Soll durchs Schwert umkommen"? Das ist nicht das Gleiche, sondern etwas völlig anderes.
Schaut man näher hin, ergibt sich folgender Sachverhalt: Im griechischen Urtext steht Futur, was man in der Regel mit "wird umkommen" bzw. "werden umkommen" übersetzt, wie im Deutschen auch.
Wäre "soll" die richtige Übersetzung, könnte man dies durch einen griechischen Imperativ besser und unmissverständlich ausdrücken. Doch der steht nun mal nicht da.
Auch hier gilt also: Die Wahrheit ist einfach. Die Lüge des Theologen Martin Luther kompliziert und im Endeffekt grausam.

Der Journalist: Martin Luther sagt sogar, "ohne Zweifel" sei das so zu verstehen, wie er es deutet, und er fühlt seine Deutung auch durch das Alte Testament bestätigt.

Der Theologe: Weil er dort den Sinn genauso uminterpretiert bzw. gefälscht hat wie im Neuen Testament.
Schaut man auch hier näher hin, dann stellt sich heraus: Bei der hebräischen Zeitform in 1. Mose 9, 6 gäbe es grundsätzlich zwei Übersetzungsmöglichkeiten.
Die seltenere der beiden Möglichkeit lautet: Das Blut "möge ... vergossen werden". Für Insider: Es wäre die hebräische "Jussiv"-Form als Ausdruck eines Wunsches.
Die nahe liegende Übersetzungsmöglichkeit heißt jedoch: Das Blut "wird vergossen". Wiederum für Insider: Im Hebräischen nennt man das "Imperfekt", weil der Vorgang noch nicht stattgefunden hat.
Sicher ist dabei: Auch hier geht es dann um Saat und Ernte.
Für diese nahe liegende Übersetzung wird sich auch im wissenschaftlichen Standardwerk für Übersetzungen, dem hebräischen und aramäischen Handwörterbuch von Wilhelm Gesenius (Berlin/Göttingen/Heidelberg 1962) entschieden. Noch ein letztes Mal für sprachwissenschaftlich Interessierte: Die hebräische "Imperfekt"-Form bringt den Aspekt des Unvollendeten, Dauernden, Werdenden zum Ausdruck. Und das passt hier genau: Im Augenblick des Mordes beginnt für den Mörder die Zeit nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung zu laufen. Noch ist die Wirkung "nicht vollendet", doch die Ursache wirkt, wenn sie nicht bereinigt ist, "dauernd" und "wird" früher oder später die Wirkung bringen. In dem noch "Unvollendeten" liegt bis zum Eintritt der Wirkung die Chance der Reue, der Bitte um Vergebung und der Wiedergutmachung. Wichtig ist hierbei, dass die Seele des Ermordeten, die im Jenseits weiterlebt, ihrem Mörder verzeiht.

Während die Wirkungsweise des Gesetzes von Saat und Ernte bis in solche Feinheiten hinein im hebräischen Text angelegt ist, entscheidet sich der bornierte Martin Luther für die andere Möglichkeit und damit für einen ganz anderen Sinn, und er schießt bei seiner Übersetzung dann auch noch über das Ziel hinaus. Aus dem abwägenden "möge vergossen werden" wird bei ihm ein forderndes "soll vergossen werden".
Doch das ist hier nicht mehr Bibel. Das ist Martin Luther, der seine maßlosen Forderungen nach Todesstrafen [siehe dazu Der Theologe Nr. 3] in diese Bibelstelle hinein deutet. So wie es auch die alttestamentlichen Priester vor ihm gemacht haben, die ihre Todesurteile gegen unzählige Menschen aus diesen Worten abgeleitet haben.

Der Journalist: Es ist also nicht unbedeutend, in welcher Bibel man liest. Kann man sagen: Bibel ist nicht gleich Bibel?

Der Theologe: Das stimmt. Doch die evangelisch-katholische Einheitsübersetzung verdreht dafür eine andere Stelle entscheidend, die bei Luther einmal zutreffend wiedergegeben ist. Ich denke an das 5. Gebot.
Das 5. Gebot heißt "Du sollst nicht töten." (2. Mose 20, 13)
In der Einheitsübersetzung wurde es jedoch verändert in "Du sollst nicht morden" - offenbar, um doch ein Schlupfloch zu lassen für Ausnahmen, zum Beispiel für unzählige kirchliche Tötungserlaubnisse im Krieg, für Blutbäder ohnegleichen, zuletzt in zwei großen Weltkriegen des 20. Jahrhunderts.
Das stärkere Wort "morden" für "töten" könnte nun in der hebräischen Sprache ebenfalls anderweitig zum Ausdruck gebracht werden, was aber an dieser Stelle zu weit führt. Die Bedeutung ist: Nicht töten, ohne Ausnahme. Und es gilt auch hier: Die Wahrheit ist einfach, die vermeintliche Ausnahme kompliziert und bestialisch grausam.

 

2.14.     AUGE UM AUGE, ZAHN UM ZAHN ?


 

Der Journalist: Übersetzungen der Bibel sind also manchmal Fälschungen.

Der Theologe: Schon Luther klagte, es sei ein "beschwerliches Werk, die hebräischen Erzähler zu zwingen, Deutsch zu reden. Wie sträuben sie sich, ... gleich als ob man eine Nachtigall zwänge, ihren melodischen Gesang aufzugeben und den Kuckuck nachzuahmen, dessen eintönige Stimme sie verabscheut" (zitiert nach Pinchas Lapide, Ist die Bibel richtig übersetzt?, Gütersloh 1986, S. 19).
Doch es geht eben bei Übersetzungen nicht nur um veränderte Melodien. Hinzu kommen Bedeutungsverschiebungen durch Überlieferungen und Übersetzungen, je nach Bewusstsein des Übersetzers. Außerdem wurden verschiedene Schriften durch Priester und Theologen auch plump gefälscht, die zum Beispiel ihre Opfervorschriften Gott in den Mund schoben [vgl. dazu auch Der Theologe Nr. 8 - Wie der Teufel in der Bibel hauste].

Der Journalist: Wie ist es mit der Stelle "Auge um Auge, Zahn um Zahn"?

Der Theologe: Auch diese Stelle (2. Mose 21, 24) ist ein Beleg für das Gesetz von Ursache und Wirkung. Das heißt, dieses Gesetz rechnet früher oder später exakt ab. Doch die Bibelstelle wurde in eine Erlaubnis zur Vergeltung uminterpretiert und der Inhalt damit ebenfalls verfälscht.
Diese Vergeltungstheorie weisen übrigens auch jüdische Wissenschaftler zurück und deuten die Stelle im Sinne von Entschädigung und Wiedergutmachung bei Körperverletzung. Der bekannte jüdische Philosoph Martin Buber übersetzt in diesem Sinne "Augersatz für Auge; Zahnersatz für Zahn." (zitiert nach Lapide, a.a.O., S. 68)
Martin Luther verwendet auch hier "soll" statt "wird": "Schaden um Schaden, Auge um Auge, Zahn um Zahn; wie er einem Menschen verletzt hat, so soll man ihm auch tun ... wer aber einen Menschen erschlägt, der soll sterben" (3. Mose 24, 19.20, Lutherübersetzung; vgl. auch 2. Mose 21, 12 ff.). Damit landet er auch hier wieder bei seinen Todesstrafen-Forderungen.

Der Journalist: Martin Luther fordert ja Todesurteile und Tötungen gegenüber zahlreichen Bevölkerungsgruppen, darunter Andersgläubige, auch wenn diese friedfertig sind.

Der Theologe: Und er beruft sich dabei auf seine eigenen Bibelübersetzungen bzw. Bibelfälschungen [vgl. zu diesem Thema: Der Theologe Nr. 1 - Wer folgt Luther nach, und wer folgt Christus nach? und Der Theologe Nr. 3 - So spricht Martin Luther - so spricht Jesus von Nazareth].
Luther fordert, vereinfacht gesagt, einen "totalitären" Staat, das so genannte "Reich zur Linken Gottes". Daneben soll es ein "Reich zur Rechten Gottes" geben, das von der Kirche repräsentiert wird. Dort gibt man dem "Reich zur Linken" die Ethik vor, sagt also, was die Politiker zu tun haben. Nach dieser Lehre kann also die Kirche den Staat "lenken", obwohl Staat und Kirche äußerlich getrennt sind. Diese Staatslehre hat Luther auch in die Bibel hinein interpretiert. Das wäre aber ein Thema für eine eigene Ausgabe dieser Zeitschrift [vgl. dazu den Aufsatz in "Der Theologe Nr. 4"].
Entscheidet man sich für die nahe liegendste und korrekte Übersetzung der Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Stelle, erkennt man auch hier die Bedeutung: Es ist keine Aufforderung an einen Staat zum Töten ausgesprochen, sondern auch hier wird auf das Gesetz von Saat und Ernte hingewiesen: "Wie er einen Schaden zugefügt hat, so wird ihm zugefügt werden ... wer einen Menschen erschlägt, der wird getötet werden." Ohne rechtzeitige Bereinigung durch Bitte um Vergebung und Vergebung "wird" er einst getötet werden - und zwar durch das Gesetz von Saat und Ernte.
Jeder Mensch ist also immer sein eigener Richter.

 

2.15.     JESUS LEHRTE DAS GESETZ VON SAAT UND ERNTE



Der Journalist:
Wie hat es Jesus mit der Lehre von Saat und Ernte gehalten? Wenn es so klar ist, dann müsste man das doch auch in der Lehre von Jesus so wiederfinden.

Der Theologe: So ist es auch. Auch Jesus lehrt das Gesetz von Saat und Ernte bzw. er setzt es bei allen seinen Lehren selbstverständlich voraus. Nur einige wenige Beispiele dafür:
In der Bergpredigt, so wie sie im Matthäusevangelium überliefert ist, sagt er unter anderem: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden." (Matthäus 7, 1-2)
Bei Krankenheilungen weist Jesus auf den Zusammenhang zum Glauben des Betroffenen hin und sagt: "Dein Glaube hat dich gesund gemacht" (Markus 5, 34). Offensichtlich ist bei Jesus der Zusammenhang zwischen Heilung und Sündenvergebung. Einem Gelähmten vergibt er zuerst die Sünde. Und danach ist auch der Weg für eine körperliche Heilung frei (z. B. Markus 2, 1-12). Und einem anderen Geheilten sagt er: "Siehe du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht Schlimmeres widerfahre." (Johannes 5, 19)
Oder es heißt in einem Gleichnis: "Vertrage dich mit deinem Gegner sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist, damit dich der Gegner nicht dem Richter überantworte und der Richter dem Gerichtsdiener und du ins Gefängnis geworfen werdest. Wahrlich, ich sage dir: Du wirst nicht von dort herauskommen, bis du auch den letzten Pfennig bezahlt hast" (Matthäus 5, 25-26). Hier geht es darum, sich mit dem "Gläubiger" bzw. "Gegner" zu versöhnen bzw. zu einigen, bevor die Schuld exakt abgegolten werden muss.
Es ließen sich noch Dutzende von weiteren Beispielen aufzählen, wo Jesus das Gesetz von Saat und Ernte in immer neuen Varianten erklärt.
Nach einem Unglücksfall mit 18 Toten - ein Turm war eingestürzt - sagt Jesus zum Beispiel, die Opfer seien nicht (!) etwa schuldiger als die übrigen Einwohner der Stadt. Dann fügt er aber hinzu: "Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen" (Lukas 13, 4-5). Mit anderen Worten: Bei den 18 Opfern trat zu diesem Zeitpunkt eine Wirkung bereits als Schicksal ein, bei den anderen bahnt sich ein ähnliches Schicksal an, wenn sie ihr Fehlverhalten nicht bereinigen. Und so erfüllte es sich leider auch: Einige Jahre später, im Jahr 70, wird Jerusalem von den Römern erobert. Nun kommen Tausende Menschen ums Leben.

 


2.16.     "AN IHREN FRÜCHTEN SOLLT IHR SIE ERKENNEN"


 

Der Journalist: Kann man also sagen, das Unglück von Siloah war für viele Überlebende ein Fingerzeig, eine Warnung? Und Jesus hatte die Deutung gleich mitgegeben?

Der Theologe: Wer nicht vom Unglück betroffen war, konnte sich wieder die "Gnadenzeit" bewusst machen, die ihm geschenkt war, um sein Leben erneut nach dem Geboten Gottes auszurichten und eine gute Saat in den "Acker des Lebens" zu säen.
In einem der Gleichnisse vergleicht Jesus sein Wort auch mit einer Saat, die auf unterschiedlichen Boden fällt. Je nach Bodenqualität, sei es ein Weg, ein felsiger Boden, seien es Dornen oder ein guter Boden, wird die Ernte sein. (z. B. Markus 4, 1-20)
Die Ausgangsbedingungen bei der Saat bestimmen also die Ernte. Oder in einem anderen Bild gesprochen: Die Früchte eines Baumes entsprechen der Qualität des Baumes bzw. seines Standorts. Jesus weist auch in der Bergpredigt darauf hin: "So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen." (Matthäus 7, 17-18)
Die Schlussfolgerung daraus im Hinblick auf die Menschen ist: "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." (V. 20)
Gute Früchte, also gute Ernten, weisen auf einen entsprechenden guten Baum bzw. eine entsprechende gute Saat hin, schlechte Früchte auf einen schlecht gewordenen Baum bzw. eine schlechte Saat. So einfach ist das. Die Früchte zeigen es auf, und die Früchte kann jeder erkennen.

Der Journalist: Spricht Jesus nicht von den "Früchten", um echte von falschen Propheten zu entscheiden?

Der Theologe: Es gilt für Propheten. Es gilt aber auch für jeden anderen Menschen. Entscheidend ist nicht das Wissen, das jemand hat oder die Worte, die er macht. Sondern das, was er tut und was er in sein Tun hinein legt. So könnte eine wichtige Frage immer lauten: Wenn ich das und das tue, was hat mein Nächster davon?

Der Journalist: Und das ist auch ein guter Merksatz und Schlusspunkt zu diesem Thema. Vielen Dank für das Gespräch.

 


 

Anhang:
REINKARNATION - DIE LEUGNUNG
DES URWISSENS DER MENSCHHEIT DURCH DIE KIRCHE

Wir leben in einer mächtigen Umbruchszeit. In dieser Zeit kommen auch immer mehr Menschen mit dem geistigen Wissen in Berührung, das die Kirche Jahrhunderte lang verflucht hatte. Diese können sich in ihrem Leben dadurch auf eine gute Art und Weise neu orientieren. Doch die Kirche, die weiterhin ihr abstruses Dogmengebäude als "heilsnotwendig" betrachtet, stemmt sich erneut dagegen - wie in früheren Zeiten auch, wenn eine positive Entwicklung einsetzte (z. B. Aufklärung, Menschenrechte, Gleichberechtigung der Frau, Abschaffung der Sklaverei, Religionsfreiheit und Toleranz, Pazifismus und in neuerer Zeit: Tierrechte, Einheit der Schöpfung usw.). Und so stellen sich die konfessionellen Machtkirchen auch heute gegen das Urwissen um die Reinkarnation und versuchen mit Raffinement, die Menschen um die Chance ihres Lebens zu bringen. Wie das u. a. geschieht, lesen Sie in diesem Anhang.

Die Lehrsätze der Kirche

Hier zunächst die bis heute  verbindliche Lehre der Kirche am Beispiel der römisch-katholischen Kirche:
   Lehrsatz Nr. 891 - "Wer sagt oder glaubt: die Strafe der bösen Geister und gottlosen Menschen sei nur zeitlich und werde nach bestimmter Zeit ein Ende nehmen, und dann komme eine völlig Wiederherstellung (Apokatastasis) der bösen Geister und gottlosen Menschen, der sei ausgeschlossen."

   Lehrsatz Nr. 895 - "Die Strafe für die Erbsünde ist der Ausschluss von der Anschauung Gottes, die Strafe für die persönliche Sünde aber ist die Pein der ewigen Hölle."

(Zitiert nach: Josef Neuner, Heinrich Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung, Regensburg 1991, 13. Auflage; siehe hier)

In der Zeitschrift für Religion und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen in Berlin, Nr. 6/2009, ist zu diesem Thema ein Grundsatzartikel von Dr. phil. Christian Ruch veröffentlicht. Der in der Schweiz lebende deutsche Intellektuelle ist Mitglied der römisch-katholischen Arbeitsgruppe "Neue religiöse Bewegungen" der Schweizer katholischen Bischofskonferenz. In dieser Funktion arbeitet er praktisch als offizieller römisch-katholischer Sektenbeauftragter, und er reist mit Vorträgen durch Deutschland und die Schweiz.

Kirchliche Dogmatik: Das "unsägliche Leiden" theologisch "aushalten"

In seinem Beitrag Reinkarnationsglaube als Alternative? versucht der Kirchen-Beauftragte eine kirchliche Antwort auf das Urwissen der Reinkarnation zu formulieren. Er zitiert in seinem Artikel das offizielle römisch-katholische Handbuch der Dogmatik von Theodor Schneider, Band 1, Düsseldorf 2002, Seite 219. Darin ist in typisch theologisch verquerer Sprache von einer Tendenz in der Kirche die Rede, "das zu allen Zeiten bestehende, unsägliche Leiden der Kreatur nicht theologisch rechtfertigen zu wollen, sondern statt dessen die dunkle Ratlosigkeit dieser Frage auszuhalten und in die Klage und Trauer der Betroffenen einzustimmen".
Wörtlich heißt es weiter: "In ihrer Solidarität mit den Leidenden und mit den im Leben vom Tod Bedrohten [Anmerkung der Redaktion: was leider allzu oft nur ein scheinheiliges Wortgeflimmer ist] wissen sich die Christen in Gemeinschaft mit Gott, der in Jesus Christus alles Widersinnige annehmend erlöst, ins Gute gewendet hat."

"Alles Widersinnige annehmend erlöst"? Was diese komplizierte Redewendung nun praktisch für den Einzelnen bedeuten soll, erfährt man dann nicht. Und der Theologe hat natürlich gut reden, wenn er in seiner gutbürgerlichen Studierstube das "unsägliche Leiden der Kreatur" außerhalb dieser Stube theologisch "aushält". Die Betroffenen sollten sich damit aber nicht abspeisen lassen.

Dr. Christian Ruch versucht die ablehnende Sicht der Kirche zur Reinkarnation auch mit einer anderen Stelle aus dem Handbuch der Dogmatik zu erklären, in der es darum geht, dass sich der Blick nicht allein auf die Frage "fokussieren" dürfe, so wörtlich, "welchen Sinn etwa ein einzelnes kategorial-geschichtlich erfahrbares Ereignis im planerischen Denken Gottes haben könnte. Das jeweilige Einzelgeschehen entzieht sich vielmehr aufgrund seiner Mehrdeutigkeit der Möglichkeit, in seiner Bedeutung adäquat erfasst zu werden" (S. 217).
Doch was sollen dieses intellektualistischen Worte - kunstvoll ausgefeilt wie aus einem Wortvibrator - nun bedeuten? Hier wird mit viel rhetorischem Drumherum einmal mehr von einem angeblichen "Geheimnis Gottes" gesprochen, wie es die Kirche immer tut, wenn sie von einem Sachverhalt nichts weiß bzw. keine Ahnung hat.

Der römisch-katholische Sektenbeauftragte macht sich diese Sichtweise aus dem Dogmatik-Lehrbuch dann selbst zu eigen und ergänzt sie mit eigenen Worten wie folgt: "Das heißt nichts anderes, als dass der Bedeutung und dem Sinn einer Handlung Gottes - also Gottes Handeln generell - Kontingenz zugebilligt wird ... Kontingenz ist etwas, was nicht notwendig ist - und damit ist Kontingenz das genaue Gegenteil vom Karma als Gesetz der notwendigen Wirkung einer Ursache. Wo die Kontingenz sagt, dass auf die Ursache A die Wirkung B, C, D oder vielleicht sogar Z folgen kann, behauptet das Gesetz des Karmas: wenn Ursache A, dann notwendigerweise Wirkung B, sei dies nun im Negativen oder im Positiven. Im Karma findet also die Kontingenz [für welche der Kirchenmann plädiert] zumindest theoretisch ihre Aufhebung."

Die heuchlerischen Fremdwörter der Theologen
und die Lebenserfahrung der Großmutter

"Kontingenz"! Das soll also in diesem Zusammenhang die "Froh"-Botschaft der Kirche sein. Also eine Art göttliche Lotterie, bei welcher der einzelne Mensch gewinnen oder verlieren könne und eben Glück oder Pech haben könne. Doch Gottes Handeln ist ausschließlich selbstlose Liebe und nicht "Kontingenz" oder irgendein anderes Fremdwort, das die Kirchenbeauftragten an der Universität gelernt haben, wo man niemals Gott studieren kann, sondern nur die Abgründe der theologischen Sumpfgebiete.

Wir können auch insofern auf diese kirchliche Stellungnahme antworten, dass wir noch auf Folgendes hinweisen: Bei seiner Kritik an dem "Gesetz von Ursache und Wirkung" berücksichtigt der römisch-katholische Geheimnis-Experte Dr. Christian Ruch überhaupt nicht, dass Ursachen sehr vielfältig sein können. Deshalb kann man das "Gesetz von Ursache und Wirkung" eben gerade nicht plump mit einem "Auf A folgt B" karikieren, wie es der Kirchenmann hier tut. Die Gesetzmäßigkeiten von Ursache und Wirkung sind viel feiner und berücksichtigen alle Aspekte eines Geschehens. Und jede Tat, jedes Wort, jeder Gedanke, ja jede Empfindung wird registriert. Keine Energie geht also verloren. Und alles, einschließlich von Gedanken und Empfindungen in allen Inkarnationen, wird in der großen Buchhaltung der Schöpfungsordnung Gottes gerecht gewogen.

Für ein im Laufe der "Evolution nach unten" grob gewordenes Gehirn eines theologisch Intellektuellen ist dies jedoch nicht nachvollziehbar, und der Theologe versucht diese kosmische Ordnung, die an Präzision einem Uhrwerk gleicht, deshalb mit seinem Fremdwort "Kontingenz" zu erschlagen. Dabei handelt es beim Gesetz von Ursache und Wirkung eben nicht um ein angebliches "Geheimnis" wie die Kirchenlehren, sondern um Lebensweisheit und Gotteserfahrung in allen Kulturen und Generationen.
Als Beispiel möchten wir hier auf die Großmutter einer unserer Bekannten hinweisen, die ihre Kinder lehrte: "Tust Du nichts Böses, dann widerfährt Dir nichts Böses." Und wer sich darauf einlässt, der kann sich diese Wahrheit Schritt für Schritt selbst beweisen und braucht sich weder mit Theologie noch mit Kirche zu beschäftigen.

Der kirchliche Glaube, dass menschliches Leben nicht "perpetuierbar" sei

Und was die Reinkarnation betrifft, kommt der Schweizerische katholische Sektenbeauftragte in der evangelischen Fachzeitschrift schließlich noch zu folgender zusammenfassender Beurteilung:
"Die christliche Seelsorge sollte sich dennoch oder vielleicht gerade deshalb damit auseinandersetzen, dass es Menschen gibt, die mit dem Hier und Jetzt so unzufrieden sind und mit der quantitativen und qualitativen Einmaligkeit ihrer Biografie offenbar nur noch wenig anfangen können, dass sie sich nach weiteren Leben durch Wiedergeburt sehnen bzw. dass sie das vermeintliche Wissen um frühere Existenzen brauchen, um ihrem Leben Halt und Sinn zu geben. Die Verbissenheit, mit der viele Anhänger der Reinkarnation ihren Glauben verteidigen, gibt oft einen Hinweis darauf, dass es psychosoziale Defizite sind, die ein solches Glaubensgut fördern. Natürlich werden die Defizite durch das Postulat der Wiedergeburt nicht wirklich beseitigt ... Was eine christliche Seelsorge dagegenzusetzen hat, ist nicht nur die Freude an der Einmaligkeit, sondern auch der Mut zur Endgültigkeit, der Mut zur Einsicht, dass menschliches Leben begrenzt und gerade nicht durch Wiedergeburten perpetuierbar ist" (S. 225-228).

Liebe Leserinnen und liebe Leser! Dies ist also eine typische Antwort der Kirche auf das in dieser Ausgabe des Theologen dargelegte Urwissen der Menschheit, das man aber in bestimmten Situationen gezielt verschweigt. Denn bei Opfern von großen Katastrophen kommen die "Freude an der Einmaligkeit" und der "Mut zur Endgültigkeit" gar nicht gut an.
Trotzdem war es diese machtvolle Götzenkult-Institution, die in ihrer Geschichte immer wieder Andersdenkende für erbärmlich oder verrückt erklärt hat.

Oder sie ist gegen diese Menschen schließlich mit Gewalt vorgegangen, wenn zum Beispiel eine Verleumdung nicht die erwünschte Wirkung zeigte, und viele weise Menschen wurden hingerichtet, wenn man sie nicht durch Einschüchterung und Folter zum Schweigen hat bringen können.
I
m heutigen Sprachgebrauch nennt man die Abwertung und Verurteilung dieser Menschen dann "psychosoziale Defizite" oder dergleichen.

Für welchen "Mut" wollen Sie, lieber Leser, sich also entscheiden? Für den kirchlichen "Mut zur Endgültigkeit", Begrenzung und "dunklen Ratlosigkeit"? Wenn ja, dann sollten Sie sich aber auch fragen, wie viel Kirchensteuer Sie für diesen Mut bezahlen wollen und ob ihnen dafür nicht zu viel Geld abgenommen wird.
Oder Sie entscheiden sich für den Mut, dem kirchlichen Gedankengut und seinen dunklen Bedrohungen den Rücken zu kehren und die Spuren des großen Menschheitslehrers Jesus von Nazareth inmitten des zunehmenden in Chaos dieser Welt zu suchen und zu finden.
Damit dies möglich wird, helfen wir bei der Aufklärung.
 

 

Nachwort:
Die Kirche hat das Wissen um das Gesetz von Saat und Ernte und um die Reinkarnation aus dem Christentum gestrichen (siehe Teil 2 dieser Schrift). Dadurch führte und führt sie unzählige Menschen in Verzweiflung und in die Irre und bringt sie bis heute um die großen Chancen ihres Lebens. Sie hat dieses Urwissen der Menschen ersetzt durch ein angebliches "Geheimnis Gottes" und durch die angebliche Vermittlung des Heils durch Pfarrer und Priester. Die Folgen dieser Fälschungen sind enorm:
Wie viele Kriege, Gewalttaten und persönliche Katastrophen hätten verhindert werden können, wenn die Menschen um die Reinkarnation und um die Gesetzmäßigkeiten von Saat und Ernte gewusst hätten! Die Schuld der Kirche am Zustand dieser Welt ist auch aus diesem Grund unermesslich und lässt sich in Worten nicht annähernd wiedergeben
.
Doch ganz allmählich wird die Rechnung präsentiert, und für den Einzelnen gilt: "Rette sich, wer sich retten lassen möchte".
Und im Hinblick auf die endzeitliche Kirche gilt: "Tretet aus aus ihr, mein Volk, dass ihr nicht teilhabt an ihren Sünden und nichts empfangt von ihren Plagen. Denn ihre Sünden reichen bis an den Himmel." (Offenbarung 18, 4-5)

 


 


 

 Die Tür des Glaubens
Ein ernstes Hörspiel zur Religion

Sprecher 1
In der Region, in der er lebte, war der Kirchenführer und Oberpriester ein bekannter und öffentlich sehr geschätzter Mann gewesen. Und auch nach Eintritt seines Ruhestands bestieg er immer wieder die Kanzel und predigte zu den Gläubigen. Nun ist er gestorben, und - so hieß es in mehreren Zeitungsanzeigen - dürfe er schauen, was er geglaubt hat. Das sind hoffnungsfrohe Worte, auch wenn keiner wirklich weiß, was sie konkret bedeuten sollen. Denn dieses vermeintliche Schauen geschieht eben im Jenseits, und es ist den Menschen auf der Erde meist verborgen. Doch wie wäre es, wenn wir für einige Augenblicke einmal den Schleier vor dem Jenseits auf die Seite ziehen könnten? Vielleicht könnten wir dann solches oder ähnliches miterleben, was in der nun folgenden Geschichte erzählt wird.
 
Sprecher 2
Als der verstorbene Kirchenführer nach seinem Tod in die jenseitige Welt gelangt ist, weiß er gar nicht so recht, wo er sich jetzt befindet. So schaut er sich unsicher und zögerlich um. Denn er hatte sich das Weiterleben nach dem Tod irgendwie anders vorgestellt.
Auch ist seine Aufmerksamkeit im Jenseits weiterhin vor allem auf das Diesseits gerichtet, das er vor kurzem verlassen hat, und er beobachtet mit Interesse die Menschen in seiner ehemaligen Umgebung auf der Erde. Er kann jetzt sogar erfassen, was sie denken und fühlen, was ihm zuvor nicht möglich war, als er selbst noch als Mensch unter ihnen lebte. Von denen, die er aus dem Jenseits beobachtet, wird er selbst jedoch nicht mehr wahrgenommen. Für sie ist er, der Kirchenführer, jetzt tot. Dabei ist er ihnen jetzt sogar näher als zuvor, sie wissen es nur nicht. Denn kein Gedanke eines Menschen auf der Erde ist dem Kirchenführer jetzt ein Geheimnis, wenn er sich als Seele im Jenseits darauf konzentriert. Und keine verschlossene Tür im Diesseits ist ihm ein Hindernis, wenn er hören möchte, was dahinter getan, gesprochen oder gedacht wird. Ist diese neue Fähigkeit vielleicht eine Belohnung für das, was er als Kirchenführer alles Gutes getan habe, so überlegt er?

Sprecher 1
In dieser Überlegung fühlt er sich bestärkt, als er, im Jenseits auf und ab gehend, mit Genugtuung die Dankesworte, Lobesbekundungen und vielen positiven Nachrufe in Zeitungen und Kirchenblättern anlässlich seines Todes vernimmt. Und er kommentiert in Selbstgesprächen, welche Formulierung er sich noch etwas anders gewünscht hätte oder mit welchen Sätzen er voll und ganz einverstanden ist. Auch schaltet er sich gerne dazwischen, wenn zwei oder gar mehrere Menschen über ihn und seinen Tod sprechen, und er beteiligt sich nun am Gespräch; vor allem dann, wenn etwas gesagt wird, was aus seiner Sicht anders war. Er wird aber - wie gesagt - von den anderen gar nicht mehr wahrgenommen, was auf Dauer dann doch ein sehr beklemmendes Gefühl für ihn ist. Ach, könnte er doch noch dieses und jenes Missverständnis klären, wodurch einzelne durchaus auch kritische Stimmen zu seinem Leben gar ganz verstummen könnten! Er steht zwar neben diesen Menschen und doch auch wieder nicht. Und so fühlt er sich in seiner ehemaligen irdischen Umgebung zunehmend nicht mehr zugehörig und deshalb fehl am Platz.

Sprecher 2
"Diese neue Fähigkeit, die Gespräche und sogar Gedanken von Menschen auf der Erde wahrnehmen zu können, hat auch ihre Kehrseite", so denkt er sich. Und auch im Jenseits weiß er immer noch nicht, wo er eigentlich hingehört, er hat ja noch nicht einmal eine vernünftige Orientierung. Er könne ja nicht ständig, gleichsam wie auf einer jenseitigen Wolke schwebend, sich immer nur wieder mit jener Welt beschäftigen, aus der er sich doch eben erst verabschiedet habe.
Im Sarg hatte man ihm extra noch seine Kirchenmütze aufgesetzt, die er immer bei den Kirchenveranstaltungen getragen hat. Und diesen Hut trägt er jetzt wieder im Jenseits - und zwar bewusst und mit einem gewissen Stolz und natürlich auch mit dem Quantum an Demut, wie er es in seiner Ausbildung zum Kirchenhirten gelernt hat. Und wie er sich selbst so betrachtet, so kommt ihm der Gedanke: "So viel scheint sich durch den Tod gar nicht geändert zu haben."

Sprecher 1
Als die Ehrerbietungen aus seiner früheren Umgebung dann allmählich nachlassen, konzentriert sich der Kirchenmann verstärkt darauf, seine neue Umgebung zu erkunden. So entschließt er sich, hier nun endlich die "Türe des Glaubens" zu finden, durch die er in den Himmel einzugehen wünscht. In seiner letzten Predigt auf der Erde hatte er noch über diese Türe gesprochen, welche auch den würdevoll klingenden lateinischen Namen "Porta fidei" trägt, auf Deutsch eben "Die Tür des Glaubens". Unter hinter dieser Tür, dieser Porta fidei, so hatte er damals mit eindringlichen Worten gepredigt, hinter dieser Türe würde sich das Mysterium, das Geheimnis des Glaubens, in seiner ganzen Fülle entfalten. Vermutlich ist diese Porta, diese Tür also, ja unmittelbar in seiner Nähe. Doch habe er sich wohl durch sein nochmaliges Umherschweifen auf der Erde so ablenken lassen, dass er sie noch nicht gefunden hat und dass sich das Geheimnis folglich noch nicht habe in seiner Tiefe entfalten können, so wie er es gepredigt hatte.

Sprecher 2
Doch ehe er sich neu entscheidet, ob er jetzt mehr links oder mehr rechts oder eher vorne oder vielleicht hinten suchen soll, werden seine Gedanken bereits unterbrochen. Denn auch diese Welt, in der er sich jetzt befindet, ist bewohnt. Und es hat eine Zeitlang gedauert, bis er begriffen hat, welches jetzt seine neuen Mitbewohner in dieser Welt sind, die ihn - anders als die Menschen auf der Erde - weiterhin sehen und hören, so wie umgekehrt auch er sie sieht und hört. Es handelt sich, wie ihm aufgrund seiner Schlussfolgerungen klar wird, um Menschen, die - wie er - auf der Erde einst verstorben waren. Und allen gemeinsam ist: Ihr Leib hat nun keine feste und undurchdringliche materielle Form mehr wie auf der Erde. Die Körpermasse scheint durchlässig zu sein, fast gasförmig, aber dennoch zu einer gewissen Dichte komprimiert. "Aha", denkt sich der Kirchenführer. "So ist das also." Und alles das ist hier für die Bewohner des Jenseits völlig normal und real, weil ausnahmslos jeder nun einen solchen Leib besitzt.

Sprecher 1
Und während also der verstorbene Kirchenmann noch über seine neue Lebenssituation und seinen neuen Seelenkörper grübelt, haben mehrere Bewohner der jenseitigen Welt den Neuankömmling wahrgenommen und beginnen, sich ihm zu nähern. Dieser jedoch hat nun seine Augen geschlossen und seine Hände wie bei einer kirchlichen Weihehandlung zur Seite geöffnet, während er, einmal lauter, ein andermal leiser, einige auswendig gelernte Sätze über das "Geheimnis des Glaubens" vor sich hin spricht. Erst als der erste jenseitige Mitbewohner in einiger Entfernung in Sichtkontakt stehen bleibt, wird er von dem Kirchenmann wahrgenommen, welcher nun seine Augen wieder öffnet und seine Hände in seinen Schoß legt. Und dann sieht er auch andere Bewohner langsam auf ihn zukommen und er beginnt, an den Gesichtszügen zu erkennen, um wen es sich dabei wohl handelt. Es sind allesamt Seelen von Menschen, mit denen er auch im vergangenen Erdenleben zu tun hatte und die vor ihm verstorben waren.

Sprecher 2
Doch während es für ihn zuletzt noch einigermaßen angenehm war, als Seele aus dem Jenseits unerkannt unter den weiter auf der Erde lebenden Menschen zu schweifen, so verschlechtert sich die Stimmung nun von Augenblick zu Augenblick mehr, je näher ihm diese Wesen kommen. Und obwohl er die Menschen, die jetzt als Seelen auf ihn zukommen, in guter Erinnerung hat, beruht diese Erinnerung offenbar nicht auf Gegenseitigkeit. Denn ein ernster Blick nach dem anderen kommt Meter für Meter näher auf ihn zu.

Sprecher 1
"Was ist hier denn nur los?" spricht er unsicher über die Köpfe der Näherkommenden hinweg. Einigen dieser Leute hatte er einst als Kirchenführer versichert, dass sie, die Menschen, später in den Himmel kommen. Doch nun begegnet er ihnen wieder an einem Ort, der ganz offensichtlich nicht der Himmel ist. Keine Spur von Glanz und Herrlichkeit, nur eine beklemmende und für ihn zunehmend bedrohlicher werdende Stimmung. Denn diese Seelen von Menschen, die ihn früher mit Schmeicheleien umgarnten, ihm Spendengelder in die Hand drückten und die ihn an den Sonntagen und Feiertagen mit Festbraten und Kuchenstücken verwöhnten, scheinen all ihre Unbeschwertheit und Fröhlichkeit verloren zu haben.

Sprecher 2
"Wo ist denn bloß die Tür des Glaubens"? ruft der Kirchenführer ihnen nun mit nervöser und hektischer Stimme zu, so, als wolle er sie noch in einiger Distanz zu ihm aufhalten. "Wisst ihr, wo wir hin müssen? Ihr seid doch schon länger hier. Wo ist die Tür?" Keiner antwortet, und die Beklemmung wandelt sich für den Kirchenführer deshalb mehr und mehr in Angst, die sich noch einmal steigert, als er sieht, dass die Leute mittlerweile von allen Seiten gekommen sind, ihn regelrecht umzingelt haben. "Das wollten wir Sie gerade fragen", so die Antwort einer der Gestalten. "Wir haben nichts von dem hier gefunden, was Sie uns auf der Erde erzählt haben", so die nächste Stimme. "Aber wir wissen jetzt mehr als früher auf der Erde. Wir wissen jetzt, dass man uns betrogen hat. Und einer der Betrüger waren Sie."

Sprecher 1
Diese Worte schienen den ganzen Seelenleib des Kirchenführers wie ein Blitz zu durchdringen, und es verschlägt ihm zunächst die Sprache.
Jeder dieser vielen Bekannten tritt nun der Reihe nach vor ihn hin, und einer nach dem anderen stellt den Kirchenführer zur Rede und klagt ihn an. Und fast jeder beginnt seine Anklage mit den Worten:

Sprecher 2
"Sie haben mich in die Irre geführt und mich um die Chance meines Lebens gebracht!"

Sprecher 1
Dann zählen die ehemaligen Weggefährten des Kirchenführers auf, was sie auf der Erde falsch gemacht haben, was sie versäumt haben zu tun und was sie nicht erfassten und erkannten, weil der Kirchenmann es sie falsch gelehrt hatte. Und die ehemals Gläubigen klagen nun den Oberpriester an.

Verschiedene Sprecher der Reihe nach. Der Kirchenführer wird im Jenseits angeklagt:
"Sie haben mich nicht aufgeklärt, dass jeder Mensch erntet, was er gesät hat und dass es keine Zufälle gibt. Sie haben mir nicht gesagt, was meine Lernaufgabe auf der Erde gewesen wäre."
"Sie haben immer wieder von Christus gesprochen, uns aber etwas ganz anderes gelehrt und vorgelebt."
"Sie haben mir immer wieder eine Hostie in die Hand gegeben und mich Falsches gelehrt, als Sie sagten, das sei der verwandelte Leib von Christus. Es war nur eine normale Oblate und sie hat nichts bewirkt."
"Sie haben mich gesegnet, als ich in den Krieg gezogen bin und Sie haben mir vergeben, als ich einen Menschen getötet habe. Doch dieser Mensch hat mir nicht vergeben. Er verfolgt mich jetzt und will sich rächen. Ich hätte niemals in den Krieg ziehen dürfen und niemals schießen dürfen. Warum haben Sie mich nicht gewarnt?"
"Sie haben mich nicht gelehrt, dass ich schon mehrmals auf der Erde war und wieder dort war, um dieses Mal ein besseres Leben zu führen. Doch ich versagte noch mehr, weil Sie mir nicht die Wahrheit sagten."
"Sie haben mir nicht gesagt, was der Grund meiner Krankheit war, und so wurde ich immer kränker und bin an der Krankheit gestorben."
"Sie haben mir nicht gesagt, was mein Schicksal mich lehren wollte, und so musste ich weitere schwere Schicksale erleiden und am Ende den zu frühen Tod."
"Sie haben mir verschwiegen, wie sehr Tiere leiden und dass wir sie nicht schlachten sollen. Ich war Schlachter, und jetzt spüre ich selbst das Messer an meinem Hals."
"Sie haben mir gesagt, ich müsse einfach nur fester glauben, beichten und zum Abendmahl gehen. Und jetzt stehe ich mit leeren Händen und mit leerem Herzen da."
"Sie haben versprochen, mir die Wahrheit beizubringen, und ich habe ihnen geglaubt. Doch Sie überzeugten mich von einer Lüge nach der anderen. Hätte ich nur rechtzeitig zu zweifeln begonnen und Ihnen den Rücken gekehrt!"
"Sie haben mir immer wieder nach dem Munde geredet in meinem Ehestreit. Dadurch habe ich überhaupt nicht erkannt, was mein eigenes Versagen war. Ich hätte meine Ehe retten können, aber so ist sie zerbrochen, und ich muss nun hier erleiden, was ich meinem Partner angetan habe, aber damals gar nicht merkte."
"Sie haben mir gesagt, dass ich in den Himmel komme. Doch mir geht es überhaupt nicht gut. Ich bin nicht im Himmel. Das hier ist niemals der Himmel. Hören Sie! Ich bin nicht im Himmel. Aber wo bin ich dann? Sagen Sie es mir, Hochwürden! Sie haben doch immer behauptet, Sie wüssten über diese Dinge Bescheid!"
"Ich dachte immer, Sie seien ein geweihter Mann, aber Ihre Gedanken und heimlichen Taten sind ja noch viel schmutziger als meine."

Sprecher 1
Der Kirchenführer hat sichtlich Mühe, das alles zu erfassen, was geschieht, ja geradezu auf ihn einstürzt, und er macht dabei unruhige Verrenkungen und versucht, sich irgendwo festzuhalten. Doch er greift immer wieder ins Leere. "Das ist hart, sehr hart", so murmelt er. "Vielleicht nur ein böser Traum?"
Und so könnte man noch einige Klagen mehr aufzählen, die sich der Oberpriester nun anhören musste, denn er hatte viele, ja sehr viele Jahre in seinem Beruf gewirkt. Und vor allem, als ein Kläger seine, des Kirchenmannes Gedanken und heimliche Taten angesprochen hatte, erschrickt er sehr, und gleichzeitig geht ihm ein Licht auf. Natürlich: Wenn er jetzt die Gedanken der anderen sehen kann, dann können die anderen wohl auch seine sehen!

Sprecher 2
Und so muss der Kirchenmann immer wieder schlucken und setzt oftmals mit der Stimme an, um sich zu verteidigen, zu erklären oder gegebenenfalls zu widersprechen. Doch immer, wenn er mit ein paar bedauernswerten Sätzen antworten will, hört er von irgendwoher eine Stimme, die ihm zuruft:

Sprecher 1
"Schweig!"

Sprecher 2
Und sogleich kommt der nächste ehemalige Mensch nun als Seele mit seinem Seelenkörper auf ihn zu, der seinen Predigten und Belehrungen auf der Erde einst Glauben geschenkt hatte, und auch jener beginnt dann mit seiner Klage. Einer nach dem anderen.
 
Sprecher 1
Vielleicht, so überlegt der Kirchenmann, während er halb zuhört und halb nachdenkt, ist das ja schon das "Jüngste Gericht" oder nein; es sei sicher das "Fegefeuer", das seiner Reinigung von allen Sünden dienen soll. Und es würde nun anschließend die Zeit folgen, in der sich das Geheimnis des Glaubens in der Tiefe zu seinem Heil erschließe, wie er es ja hundertfach immer wieder gepredigt hatte.
Die vielen Kläger, die wahrnehmen, wie der Priester die Klagen überhaupt nicht wirklich an sich heran lässt und wie er in seinen Gedanken nur noch um sich selbst kreist, weichen langsam zurück, und sie verlassen den Ort durch verschiedene Türen, die plötzlich am Rand des Geschehens sichtbar werden.

Sprecher 2
In diesem Augenblick stürzt eine dunkle Gestalt schreiend aus einer dieser Türen auf den Kirchenführer zu und versucht, mit eine Keule seinen Kopf zu treffen. Doch im letzten Moment weicht der Würdenträger geschickt aus, so dass der Angreifer ihm nur den Kirchenhut vom Kopf schlägt. Dann ist die Gestalt so plötzlich wieder hinter der Türe verschwunden, wie er aus ihr aufgetaucht war. Furchtsam und schockiert schaut der Würdenträger von einer Türe zu anderen, bückt sich und setzt sich dann seine Priestermütze wieder auf. Dann beginnt er zu rufen: "Hilfe, Hilfe, Hilfe!"
Als niemand antwortet, fasst er den Entschluss, nun unverzüglich durch eine der Türen zu gehen, um diesem zunehmendem Grauen zu entgehen. Eine davon werde schon die "Tür des Glaubens" sein, die in den Himmel führt soll. Nur: Welche ist die richtige? Eine ist es sicher nicht, so denkt er. Diejenige, hinter welcher der Angreifer wieder verschwunden ist. Am besten die entgegen gesetzte, so seine Überlegung. Doch er verspürt auf einmal einen quälenden Schmerz in den Beinen, der ihn lähmt, und er stöhnt:

Kirchenführer
"Was ist denn nun schon wieder? Warum komme ich nicht vom Fleck? Ich habe Angst. Hilfe!"

Sprecher 2
Darauf hin kommt ein weiterer Mann vorbei, den er auch von früher auf der Erde kannte, der aber keine Klage vorzutragen scheint und der auch weniger vorwurfsvoll blickt. Dies empfindet der Kirchenführer augenblicklich als ein Zeichen dafür, das Schlimmste vielleicht jetzt überstanden zu haben; wenn nur die Angst vor der dunklen Gestalt mit der Keule und dieser Schmerz in den Beinen nicht wären, die ihn jetzt voll in Beschlag nehmen, so dass er gar nicht wahrnimmt, dass auch dieser einstige Bekannte mit ihm ins Gespräch kommen möchte. Und der Bekannte sagt:

Bekannter
"Auch mich hätten Sie einst fast um die Chancen meines Lebens gebracht. Doch ich habe Ihnen zum Glück nicht geglaubt, und ich habe meinen Weg auf der Erde noch rechtzeitig gefunden."
 
Sprecher 2
Doch der Kirchenführer hört gar nicht richtig zu, denn er ist weiterhin mit sich selbst beschäftigt und er spricht nun seine Gedanken an den einstigen Bekannten heran:

Kirchenführer
"Wer war der brutale Mann mit der Keule? Und warum habe ich plötzlich Schmerzen in den Beinen und kann mich nicht von hier fortbewegen, so dass ich nicht einmal bis zu den Türen gehen kann, die ich hier sehe? Können Sie mir eine Antwort geben? Was ist das hier für ein mysteriöser und furchtbarer Ort? Ich möchte weg von hier. Ich suche die Tür des Glaubens, die Porta fidei, falls Sie Latein verstehen, die Türe zum Himmelreich."

Sprecher 2
Der Bekannte schweigt einige Augenblicke, weil er merkt, dass es dem Priester völlig gleichgültig ist, wer er, der Bekannte, ist und warum er nun hier steht. Doch dann beginnt er mit sehr ernster Stimme zu sprechen.

Bekannter
"Latein verstehe ich nicht. Es ist die Sprache der Mächte, denen Sie auf der Erde gedient haben. Aber es gibt eine Sprache, die wir beide verstehen. Und in dieser Sprache sage ich: Zuerst runter mit dem Hut.

Sprecher 2
Der Kirchenführer ist irritiert.

Kirchenführer
"Was reden Sie so geheimnisvoll? Der Mann mit dem Schlagstock hatte mir ja schon meine Priestermütze vom Kopf geschlagen. Doch dieser Hut weist mich aus als geweihter Mann der Kirche. Das könnte für mich noch einmal wichtig werden. Und können Sie mir vielleicht sagen, ob eine dieser Türen hier die ´Tür des Glaubens` ist, die ich zu finden hoffe? Dann werde ich unverzüglich dort hindurch gehen, wenn Sie mir vielleicht helfen und mich ein wenig stützen könnten wegen der Schmerzen in den Beinen."

Bekannter
"
Ich weiß, dass Sie oft über diese Türe gepredigt haben. Deshalb glauben auch viele Menschen daran, die noch im Diesseits leben."

Sprecher 2
Und der Mann zeigt mit ausgestreckter Hand Richtung Erde.

Bekannter
"
Diese vielen Menschen werden ihre gute Meinung über Sie aber bald ändern. Wie die anderen, die vorhin da waren. Spätestens dann, wenn sie ebenfalls hier in dieser Welt sind. Und wenn auch diese schließlich erkennen, dass sie die Chancen ihres Lebens auf der Erde nicht genützt haben. Wie die anderen, die schon da waren.
Und Sie, ja Sie, haben alle in die Irre geführt mit Ihrem Hochmut, dass Sie die Wahrheit kennen würden. Deshalb möchte ich noch einmal wiederholen: Runter mit dem Hut.
In Wirklichkeit wussten Sie noch weniger als die meisten anderen.
Doch der Hochmut, der immer noch aus Ihnen spricht, wird Ihnen hier bald vergehen. Die vielen Türen hier stehen Ihnen alle offen. Gehen Sie der Reihe nach hindurch und stellen Sie sich nun Ihrem Leben!"


Sprecher 1
Der Kirchenführer hat Mühe, das alles zu erfassen, was ihm der Bekannte nun eindringlich vorgehalten hat, und er versucht, seine Unsicherheit und Irritation mit einer lockeren Rede zu überspielen.

Kirchenführer
"Sie scheinen da mehr zu wissen als ich und als die vielen anderen, die eben da waren und die bei ihrer Klage deutlich über das Ziel hinaus geschossen sein dürften. Dennoch bin
ich geneigt, auf Sie zu hören und nehme hiermit meinen Hut ab (nimmt die Priestermütze in seine Hand). Doch warum beantworten Sie mir nicht meine Frage nach der ´Tür des Glaubens`? Ich möchte nicht durch alle Türen gehen, sondern nur durch diese eine, verstehen Sie?  Denn ich bin trotz der ganzen Vorhaltungen ein gläubiger Mensch, und ich will so schnell wie möglich in den Himmel. Aber das hier kann unmöglich schon der Himmel sein. Einer meiner ehemaligen Gemeindeglieder hat es vorhin richtig gesagt: ´Ich bin nicht im Himmel`. Aber wo sind wir dann? Es geht mir nicht gut hier. Und ich habe Angst. Das können Sie mir glauben. Welche Türe hier führt am schnellsten in den Himmel?"

Bekannter
"Nicht so schnell. Haben Sie gut zugehört, was die Menschen gerade eben vorgetragen haben?"

Kirchenführer
"
Natürlich, und ich wollte mich auch verteidigen!"

Bekannter
"Sich verteidigen? Diesen Menschen ergeht es noch um ein Vielfaches schlechter als Ihnen. Und ha
ben Sie immer noch nicht verstanden? Wieso rief wohl immer wieder eine Stimme ´Schweig`? Und wieso haben Sie plötzlich Schmerzen in den Beinen? Und wieso bin ich wohl hier, um mit Ihnen zu sprechen?"

Sprecher 2
Der Kirchenführer wird nun etwas kleinlauter.

Kirchenführer
"
Ich weiß es nicht. Ich bin irritiert."

Bekannter
"Wir meinen es gut mit Ihnen. Die Stimme, die ruft ´Schweig`. Und ich. Und die Schmerzen in den Beinen sollen Sie nur daran hindern, weitere falsche Schritte zu tun. Wir wollen Ihnen helfen, wenigstens hier und jetzt die richtige Richtung einzuschlagen, was Sie in Ihrem Erdenleben immer wieder versäumten. Und wir könnten Ihnen einen guten Rat mit auf den Weg geben, wenn Sie das möchten." (Pause)

Kirchenführer
"Bitte!"

Bekannter
"Es kommt zuallererst darauf an, zu bereuen. Und sich zumindest um diese Reue zu bemühen. Sonst sind alle unsere Mahnungen umsonst."

Kirchenführer
"Mahnungen? Was meinen Sie damit genau? Mahnungen wovor und wozu? Welche Schuld ich an diesen ganzen Schicksalen habe, das müsste man erst einmal gründlich untersuchen, um zu einer gerechten Beurteilung zu kommen. Oder sehe ich das falsch?"

Bekannter

(wird nun lauter) "Da kann ich Sie beruhigen: Es gibt keinen gründlicheren und keinen gerechteren Ort als diesen.
Und was Ihr Leben auf der Erde betrifft, da machen Sie sich etwas vor. Haben Sie denn nicht gefühlt, was diese Menschen, die Sie anklagten, durchgemacht haben, als sie Ihnen ihre Klage vortrugen? Und wissen Sie, was der Mann, der Sie schlagen wollte, durchgemacht hat?"

Kirchenführer
"
Das alles kann man ja nicht einfach so an sich abprallen lassen. Es beschäftigt mich selbstverständlich sehr. Auch, dass jemand zuschlagen wollte ohne zuvor zu reden."

Bekannter
(fast schreiend) "Ja, glauben Sie denn, das war´s dann schon? Bald, ja sehr bald schon, werden Sie am eigenen Seelenleib spüren, was alle diese zuvor erleiden mussten und noch erleiden."

Sprecher 2
Der Kirchenführer erschrickt. Erstmals scheint er wirklich im Mark getroffen zu sein und sein Gesicht erbleicht.

Kirchenführer
"
Nein. Das will ich nicht erleiden. Das würde für mich zur Hölle werden. Mir ist nicht gut. Mir ist wirklich nicht gut."

Bekannter
"Beginnen Sie jetzt zu fühlen?" (Pause)

Sprecher 2
Doch der Kirchenführer versucht, noch einmal auszuweichen und er
schweift mit seinen Augen nun zu einer der Türen am äußeren Rand des Geschehens.

Kirchenführer
"Was ist mit der Türe dort hinten? (zeigt mit der Hand dorthin) Wohin führt diese Tür? Sie schaut besonders schön aus. Könnte das nicht die "Tür des Glaubens" sein?

Sprecher 2
Der Bekannte zwingt sich ein Lächeln ab. 

Bekannter
"Haben Sie es noch nicht verstanden? Alle Türen hier sind die Türen Ihres Glaubens. Und Sie werden sie auch der Reihe nach öffnen. Eine nach der anderen. Keine Sorge. Sie verpassen nichts. Doch Sie können auch nicht ausweichen.
Ich kann Ihnen sagen, was Sie hinter der Türe erwartet, auf die Sie zeigten. Dahinter warten unzählige Tiere, denen Sie die unsterbliche Seele abgesprochen haben. Darunter die Rehe, die Sie zuletzt für das Kirchenfest erschießen und ausweiden ließen; auch die gequälten Tiere aus dem Versuchslabor, das Sie gesegnet haben; die vielen Kälbchen, die ihren Müttern weggenommen wurden und die Sie in Ihrem letzten Erdenleben verzehrt haben. Sie wissen schon: Zartes Kalbfleisch war ja Ihre Lieblingsspeise. Und viele Tiere mehr, die hinter dieser Türe darauf warten, dass Sie, Kirchenführer, deren einstigen Schmerz fühlen."

Sprecher 2
Dem Kirchenführer wird nun noch mehr bange, und er wird noch unruhiger und in seiner Verzweiflung nun auch lauter.

Kirchenführer
"Das kann ich mir nicht vorstellen. Menschen, na gut. Das werde ich wohl nicht verhindern können. Aber auch Tiere? Wo bin ich denn bitte hier? Das darf doch nicht wahr sein."

Sprecher 2
Der Bekannte ist nun wieder ganz ruhig und er bemüht sich, das Innere des ehemaligen Kirchenmannes in sein Herz aufzunehmen und selbstlos zu lieben. Und er antwortet verständnisvoll und geradlinig:

Bekannter
"Dann warten Sie es eben ab und gehen vorerst noch nicht durch diese Tür. Sie können auch durch eine der anderen Türen gehen, wo Sie das Leid von Menschen spüren. Dort werden Sie den Menschen wieder begegnen, die vorhin da waren und wieder gegangen sind und noch vielen anderen mehr. Sie können alle Türen öffnen und es wird Ihnen nichts unbekannt sein. Sie befinden sich hier in Ihrer Welt, die Sie sich selbst geschaffen haben."

Kirchenführer
"Dann waren die Anklagen vorhin wohl erst ein Vorgeschmack für das, was mich hier erwartet?"

Sprecher 2
Der Bekannte schaut ihm in die Augen, und als er merkt, dass eine ehrliche Antwort von ihm erbeten wird, sagt er schlicht und voll Mitgefühl:

Bekannter

"Sie ahnen es selbst, nicht wahr?"

Sprecher 2
Doch nach diesen Worten bäumt sich das alte Ego des Kirchenmannes noch einmal mächtig auf.

Kirchenführer
"
Kann ich denn nicht wenigstens hinter einer dieser vielen Türen hier meine gesamte Schuld abladen und dann in den Himmel gehen? Und mir die anderen Türen dann ersparen? Kommt denn nicht wenigstens eine dieser vielen Türen der ´Tür des Glaubens` nahe, so wie ich einst daran geglaubt habe, die Porta fidei?
Vielleicht sind Sie ja nur der Versucher, der mich von meinem Glauben abbringen und verhindern will, dass sich mir das Geheimnis des Glaubens, das mysterium fidei, nun endlich in seiner vollen Tiefe offenbart?"

Sprecher 2
Der Bekannte weiß nun mittlerweile, die Worthülsen und Gefühlsschwankungen seines Gegenübers richtig einzuordnen, und er bleibt ganz ruhig.

Bekannter
"Ich sagte Ihnen doch schon. Ich verstehe Ihr Latein nicht. Und ob Sie meinen Rat, zur Reue zu finden, befolgen oder nicht, oder ob Sie mich gar für den Versucher halten, das alles belastet mich nicht. Es ist ausschließlich Ihre Sache
, ob Sie mir glauben.
Doch damit ich es nicht vergesse: Der Versucher wird auch noch irgendwann kommen und er wird Ihnen Honig um den Mund schmieren, um Sie damit in weitere Abgründe zu locken. Und er versteht Latein und verwendet ähnliche Vokabeln wie Sie: Tür des Glaubens, Mysterium, Entfaltung des Geheimnisses, Rechtfertigung des Sünders und so weiter."

Kirchenführer
"Wenn Sie nicht der Versucher sind, was soll ich Ihrer Meinung dann als nächstes tun?"

Sprecher 2
Der Kirchenmann atmet nun schwer und unruhig, und er klammert sich innerlich an seinem Gesprächspartner fest; so, als ob dieser doch irgendeine Möglichkeit kennen müsste, um ihn, den Kirchenführer, augenblicklich aus seiner misslichen Lage zu befreien. Und der Bekannte des Kirchenmannes spürt, dass seine Worte nun doch schon einiges bewirkt haben.

Bekannter
"Beten Sie um Reue und bitten Sie dann die vielen Menschen mit offenem Herzen um Vergebung! Und auch die Tiere. Ja, flehen Sie um Vergebung! Aber beten Sie nicht mehr zu dem Gott, über den Sie auf der Erde predigten und rufen Sie auf keinen Fall nach denen, die Ihre lateinischen Wörter verstehen! Vergessen Sie alle Ihre Gebetbücher, Ihr Taufwasser, Ihre Hostien undsoweiter! Beten Sie einfach zum gerechten und barmherzigen Schöpfergott, der auch in Ihrem Herzen wohnt. Und Er zeigt Ihnen den nächsten Schritt."

Foto rechts: Kirchenführer mit Kirchenhut im Jenseits; Ursprüngliche Aufnahme: Dr. Meierhofer (2006), bearbeitet gemäß GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Sprecher 2
Der Kirchenführer atmet tief durch und denkt ernsthaft über das Gehörte nach und er scheint allmählich zu verstehen. Und noch einmal wendet er sich stumm und mit seinen Augen um Hilfe flehend an sein Gegenüber, worauf dieser seinen Worten noch einige Sätze hinzufügt:

Bekannter
"Und noch etwas: Fragen Sie, wenn Sie dem nächsten Kläger begegnen, wie es ihm geht. Und ob Sie etwas wieder gut machen können, was Sie an ihm verschuldet haben. Diesen Rat kann ich Ihnen zum Schluss noch geben. Vielleicht kann dann so manche Türe schneller durchschritten werden. Aber jetzt muss ich gehen."

Sprecher 2
Der Kirchenführer hat Angst und will den Bekannten nicht ziehen lassen.

Kirchenführer
"Warten Sie! Eine Frage habe ich noch": (kurze Pause) "Gibt es nicht vielleicht auch eine Türe zurück zur Erde?" (Pause) "Reinkarnation. Sie verstehen? Re-in-kar-na-tion. Noch einmal neu beginnen auf der Erde. (Beschwörend) Reinkarnation! Sie verstehen doch, was ich meine?"

Bekannter
"Ich will ganz ehrlich sein: Ob es für Sie noch einmal eine solche Türe gibt, ist sehr fraglich. Aber was wollen Sie denn schon wieder auf der Erde, solange Sie in Ihrem Herzen noch kein anderer geworden sind? Sie würden dort unser Gespräch und die Erlebnisse hier schnell wieder vergessen haben und auf der Erde alles nur noch weiter verschlimmern! Eigentlich wollten Sie doch schon im abgelaufenen Erdenleben alles anders machen. Aber als Sie die Weichen hätten anders stellen können, blieben Sie dennoch der alte. So, nun wissen Sie auch das. Und das war bei weitem noch nicht alles."

Sprecher 2
Der Kirchenmann merkt allmählich, dass er dem, was er verursacht hat, wirklich nicht ausweichen kann und dass auch sein Intellekt ihm nicht weiter hilft.
Er breitet wieder seine Arme aus und ruft ein weiteres Mal:

Kirchenführer

"Und was soll ich jetzt tun?"

Bekannter
"Was Sie tun können, das habe ich Ihnen doch schon gesagt. Und ich muss jetzt wirklich gehen. Bereuen Sie. Und setzen Sie den lächerlichen Hut nie mehr auf! Nie wieder. Weiter kann ich Ihnen nicht helfen."

Sprecher 2

Und der Mann verschwindet und geht seines Weges. (Pause)

Sprecher 1
Nun ist der Kirchenmann also erst einmal wieder alleine. Und an dieser Stelle könnte man die Schleier vor dem Jenseits auch wieder zuziehen. 

Sprecher 2
Mittlerweile ist eine sehr, sehr lange Zeit verstrichen, seitdem der Kirchenführer und Oberpriester einst gestorben war und vom Diesseits ins Jenseits gegangen war. Und vieles hat sich seither getan. Im Diesseits und im Jenseits. Seelen gingen wieder zur Inkarnation oder sie gingen ihren Weg weiter in den jenseitigen Bereichen. Viele von ihnen sind Gott und ihrem Nächsten näher gekommen, viele andere jedoch haben sich noch schlimmer belastet als je zuvor. Und in manchen Bereichen des Universums hausen noch immer jene Kräfte, die in lateinischer Sprache vom Mysterium des Glaubens sprechen und denen der Kirchenführer einst diente.

Sprecher 1
Was aber im Laufe dieser Zeit aus dem Kirchenführer wurde, durch welche Türe er wann ging, was er hinter dieser Türe erlebte und erlitt und wo er sich jetzt aufhält, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob er den Verführungen der Mächte noch einmal erlegen ist, die sein Latein verstehen.
Oder ob er den Rat des Helfers befolgte und bereute und ob er sich immer wieder um die Reue bemühte; und ob er dann um Vergebung bat und ob er ein neuer Mensch wurde. Es ist nicht bekannt. Auch nicht, ob seine Seele vielleicht doch noch einmal einen neuen Körper auf der Erde in Besitz nahm und was er dann auf der Erde getan hat.

Sprecher 2
Nur eines weiß man,
und es wurde durch eine undichte Stelle im Schleier zum Jenseits erspäht: Seine Kirchenmütze liegt immer noch völlig verstaubt und von Motten angefressen an der Stelle, an der er sie einst abgesetzt hatte. Und es besteht die gute Hoffnung, dass er nie wieder zu jenem Platz zurück kehrt, um sie zu holen.

Fassung vom 29.9.2014

FREIGABE - Das Hörspiel "Die Tür des Glaubens" ist für jedermann bei nichtkommerzieller Aufführung oder Lesung frei gegeben, wenn die Quelle schriftlich oder mündlich genannt wird. Bei Wunsch nach kommerzieller Nutzung oder Veröffentlichung bitte mit uns in Verbindung setzen!

 


 

"Reinkarnationsbeweise" (Buchbesprechung)

Vor allem in Völkern, die um die Reinkarnation wissen - Inder, Burmesen, Aleviten u. a. - erinnern sich Kinder oftmals an frühere Leben. Immer häufiger berichten die Medien über solche Fälle. In seinem Buch Reinkarnationsbeweise konstatiert der amerikanische Reinkarnations-Forscher Ian Stevenson: "Geburtsnarben und Muttermale belegen die wiederholten Erdenleben des Menschen."

Wenn die 12jährige Jasemin mit ihrem "Sohn" spricht, nimmt sie wie selbstverständlich die Rolle der Mutter ein. Der "Sohn" ist 41 Jahre alt und zweifelt nicht daran, dass Jasemin im vorhergehenden Leben tatsächlich seine Mutter war. Sie hieß damals Fathma. Mit 60 wurde Fathma von ihrem Ehemann mit einer Sichel erstochen, weil sie "vom Zigarettenholen zu spät nach Hause kam." (Mona Lisa, ZDF, 31.10.1999)

Wie oft hat uns die alte Linde schon gesehen?

Sobald Jasemin laufen konnte, wollte sie unbedingt zu Fathmas Wohnung und zu den Kindern. Sie führte ihre Eltern hin: "Das ist das Haus, in dem ich gestorben bin." Doch sie sehnt sich nach dem früheren Leben nicht zurück.
Es sind meist tödliche Unfälle oder Gewalttaten, über die Kinder, die sich an ihr vorhergehendes Leben erinnern können, berichten. Es ist, als ob das Ereignis seelisch nicht verarbeitet wurde und daher die Bewusstseinsschranke zur Vergangenheit offen blieb.

"Ich habe zwei Väter"

Der elfjährige Özan S. erinnert sich, dass er von einer einstürzenden Mauer erschlagen wurde. Damals, in seinem vergangenen Leben, war er 20 Jahre alt und hieß Mithat. Als Säugling war sein Rücken voll von merkwürdigen blauen und grünen Flecken. Es kam der Tag, an dem Özan sagte: "Große Steine sind auf mich gefallen." Später sprach er eine fremde Frau auf der Straße mit "Tante" an. Als diese antwortete: "Ich bin nicht deine Tante", entgegnete Özan: "Doch, du bist Tante Hülya." Die Frau hieß tatsächlich Hülya. Durch sie fand Özan seine frühere Familie wieder. Heute sagt er: "Ich habe zwei Väter, zwei Mütter, ich habe zwei Familien." (Süddeutsche Zeitung, 6.8.1999)
Özan und Jasemin sind Aleviten - eine vor allem in der Türkei verbreitete religiöse Gemeinschaft, die stark schiitisch-islamische Züge trägt und deren Angehörige die Wiedergeburt für selbstverständlich halten.
Immer häufiger berichten die Medien über solche Ereignisse. Und vor kurzem brachte auch die auflagenstarke Boulevard-Zeitung Bild einen Artikel über Reinkarnation und fragte: "Hat dieser Mensch schon einmal gelebt?"
Der amerikanische Psychiater Ian Stevenson, der fast 40 Jahre lang solche Fälle gesammelt hat, fand heraus, dass in etwa der Hälfte der Fälle ein gewaltsamer Tod vorlag mit entsprechenden Verletzungen des Körpers. Die körperlichen Spuren solcher Verletzungen traten in vielen Fällen im neuen Leben wieder auf - in Narben, Missbildungen und Muttermalen. Stevenson versuchte nun, solche körperlichen Merkmale im Vorleben der Betroffenen nachzuweisen. Die vielen Übereinstimmungen, die er fand, hält er für geradezu objektive Kriterien für das Vorliegen einer Reinkarnation.

"Körperlose Persönlichkeit"

Dr. Ian Stevenson hat insgesamt 2.600 Fälle von Reinkarnation dokumentiert. In seinem Buch Reinkarnationsbeweise stellt er 225 Fälle vor, in denen körperliche Erkennungsmerkmale vorliegen. Er argumentiert, dass Missbildungen bei Neugeborenen nur zum Teil auf Erbfaktoren, Virusinfektionen oder chemische Stoffe zurückzuführen seien. Bei 43 % bis 70 % der Fälle sei die Ursache aus medizinischer Sicht nicht zu erklären. Hier setzt seine These an: Eine verstorbene Person könne als "körperlose Persönlichkeit" die Form eines später geborenen Kindes beeinflussen. Stevenson verwendet nicht das Wort "Seele" und prägt stattdessen einen neuen Begriff: "Psychophore", wörtlich Seelenträger. Die Psychophore sei eine Art Schablone, die die Attribute des letzten physischen Körpers enthalte, darunter auch Missbildungen und Muttermale. Diese Schablone präge dem Embryo die Erinnerung an "die Wunden, Male oder anderen Charakteristika des früheren physischen Körpers" auf. Sie bestehe jedoch nicht aus der uns vertrauten Materie. "Woraus sie gemacht ist, weiß ich nicht", so Stevenson. Er meint, "dass die Psychophore die Eigenschaft eines Feldes oder einer Sammlung von Feldern besitzt, mittels derer von ihnen gespeicherte Erinnerungen oder anderer Aspekte des früheren Lebens mehr oder weniger reproduziert werden, indem sie auf den Embryo oder den Fötus des neuen Körpers einwirken". Was Stevenson hier beschreibt und mit seiner Theorie zu erklären versucht, entspricht dem geistigen Wissen über die Unsterblichkeit der Seele. Demnach verbindet sich die unsichtbare und unsterbliche Seele mit den Genen im materiellen Körper und formt diesen nach ihren Vorgaben.

Auch im Westen gibt es immer häufiger Fälle, in denen sich Menschen an frühere Leben erinnern. Nicht selten machen sie sich dann auf die Suche, ihre frühere Familie zu finden. Einen solchen Fall beschreibt Jenny Cockell. Sie ist, seit sie denken kann, davon überzeugt, dass sie schon einmal gelebt hat - als Mary, eine junge Irin. Diese starb 20 Jahre vor Jennys Geburt und hinterließ mehrere Söhne und Töchter. Nun möchte Jenny unbedingt wissen, was aus ihnen geworden ist. Es fiel ihr damals - so erinnert sie sich - sehr schwer, ihre Kinder bei einem gewalttätigen und alkoholabhängigen Mann zurückzulassen. Sie setzt Mosaiksteine aus Träumen und Erinnerungen zusammen und findet nicht nur das Dorf, sondern auch ihre einstige Familie. (Jenny Cockell, Unsterbliche Erinnerung, 1999)

Schwarze Vögel - Symbol für die belasteten Seelen der Menschen - Sie laufen (unten im Bild) in ein Ei aus Stein - Symbol für die Eingeburt in den menschlichen Körper. Sie fliegen mehrmals hinein und heraus - und schließlich davon. Wollte Hieronymus Bosch damit das Freiwerden vom Rad der Wiedergeburt versinnbildlichen?

Durch ihre Recherchen fand sie heraus, dass es den Kindern nach ihrem Weggang keineswegs so schlecht ging, wie sie befürchtet hatte: Dem Vater wurde das Sorgerecht entzogen; die Kinder wurden gut versorgt, besser als es vorher der Fall war; alle erhielten eine gute Schulbildung. Daraus wird deutlich: Unser Bewusstsein ist oftmals nicht in der Lage, die Chancen, die in einer für uns zunächst negativen Situation liegen, abzuschätzen und zu erkennen.
Zum Ärger der Institutionen Kirche, die mit ihren Lehren über das Leben nach dem Tod die Menschen weiter in Abhängigkeiten von ihren veräußerlichten Religionskulten halten will, gibt es auch in westlichen Ländern immer mehr "Reinkarnationsbeweise", welche die Kirchenlehren mehr und mehr ad absurdum führen. So war z. B. in der Adventszeit 2015 zu lesen:
http://www.focus.de/panorama/welt/angebliche-wiedergeburt-fuenfjaehriger-erzaehlt-von-seinem-frueheren-leben-als-hollywoodstar_id_5132441.html

Ich bin es selbst

Die Möglichkeit zur wiederholten Einverleibung ist ein Aspekt im Gesetz von Ursache und Wirkung, von Saat und Ernte. Dieses Wissen soll nicht eine Neugier befriedigen, wer oder was ich in einem Vorleben war. Frühere Erdenleben sind in der Regel abgedeckt. Denn wir sollen unbefangen die Lernmöglichkeiten und Chancen des neuen Erdenlebens ergreifen und nützen. Und auch bei Erinnerungen oder Ahnungen an Unerledigtes in Vorleben entspricht es nicht den Gesetzen Gottes, dort durch Recherchen wieder anzuknüpfen.

Gott führt anders, als der Mensch denkt. Wäre dies den Menschen bewusst, dann würden sie ihre Schicksale annehmen - als Lerngelegenheit, um daran seelisch zu reifen. Gleichzeitig ist es unsere Aufgabe, unserem Nächsten dabei zu helfen, sein Schicksal zu tragen und zu bewältigen.
Der Glaube an die Reinkarnation stellt jeden Einzelnen in die Verantwortung für sein Leben, für alles, was ihm widerfährt. Er kann vor allem ein Hadern mit dem eigenen Schicksal beenden, in der oftmals schmerzlichen Erkenntnis: Ich bin oder war es selbst. Dies kann zur Annahme und zur Aussöhnung mit dem eigenen Schicksal führen.
Durch die Tagesenergie, vor allem durch das Gesetz der Entsprechung, bekommen wir jeden Tag das, was wir an eben diesem Tag aufarbeiten können. Und tun wir es, dann werden wir frei von dem, was wir uns zuvor - in diesem oder einem anderen Leben - an Negativem selbst eingegeben haben. Dadurch erweitern wir unser Bewusstsein, um eines Tages vom Rad der Wiedergeburt frei zu werden.
 


 

Der Text  kann wie folgt zitiert werden:
Zeitschrift "Der Theologe", Hrsg. Dieter Potzel, Ausgabe Nr. 2: Reinkarnation - Urwissen der Menschheit und urchristlicher Glaube, Wertheim 1997, zitiert nach http://www.theologe.de/theologe2.htm, Fassung vom 4.12.2015.
Sie ist leider als Druckschrift nicht mehr erhältlich. Copyright © und Impressum siehe hier.
Dafür empfehlen wir das Buch: "Reinkarnation - eine Gnadengabe des Lebens. Wohin geht die Reise meiner Seele?", Gabriele-Verlag Das Wort, 09391/504-135



In der Gesprächsrunde zum unaufhaltsamen
Klimakollaps geht es auch um das Thema
"Klimawandel und Reinkarnation"
 

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