DER THEOLOGE
Nr. 30


Die "heilige" Elisabeth von Thüringen
und ihr kirchlicher Gebieter Konrad von Marburg


 Komplette Unterwerfung der deutsche "Nationalheiligen"
unter die Kirche und früher Tod


Im Jahr 2007 waren 800 Jahre vergangen, nachdem Elisabeth von Thüringen am 7. Juli als ungarische Königstochter wahrscheinlich in der Stadt Sárospatak in Ungarn geboren wird. Mit erst 24 Jahren stirbt sie am 17. November 1231 in Marburg. Zuvor hatte sie sich - zuerst freiwillig, später auf Anordnung ihres Seelsorgers Konrad von Marburg - vor allem um arme und kranke Menschen gekümmert. Von der römisch-katholischen Kirche wird Elisabeth bereits 1235 "heilig" gesprochen, nachdem sie zu Lebzeiten der Kirche und ihrem Beichtvater grenzenlosen und bedingungslosen Gehorsam versprochen hatte. Konrad von Marburg hat sie immer wieder geschlagen und auch seelisch gequält, und er trägt entscheidende Verantwortung für ihre letztlich tödlichen Erschöpfungszustände. Ein Widerspruch Elisabeths gegenüber Konrads Anordnungen wäre ein Bruch ihres verhängnisvollen Gehorsamsgelübdes gegenüber der Kirche gewesen und hätte wohl genügt, sie auf den Scheiterhaufen zu bringen - so wie zahllose andere Frauen und Männer in dieser Zeit.
Im Jahr 2007 wurde nun ein Gedenkjahr, ein Jubiläum, für Elisabeth von Thüringen gefeiert. Sie gilt dabei auch als "deutsche Nationalheilige des Mittelalters" und "Patronin der Caritas". Das Jahr 2007 war das Jahr ihres 800.Geburtstags, und man sprach in der Kirche deshalb von einem Elisabethjahr. Doch das Jubiläum trägt viele dunkle Züge. Das Leben und Sterben von Elisabeth von Thüringen ist nämlich auch eine stumme Anklage gegen die Kirche und ihren im Kern totalitären Anspruch, was
Der Theologe Nr. 30 nachfolgend im Einzelnen belegt. Als spezieller Gedenktag Elisabeths gilt der 19. November, zwei Tage nachdem sie im Jahr 1231 in Marburg im Alter von 24 Jahren an "Entkräftung"
gestorben ist.


Hinweis zur Quellen und Literatur: Viele allgemein anerkannte Fakten sind hier um der besseren Lesbarkeit willen nicht Satz für Satz bzw. Sinneinheit für Sinneinheit einer Quelle zugeordnet. Sie finden sich so oder so ähnlich in zahlreichen Publikationen und entstammen meist Niederschriften aus dem 13. Jahrhundert, v. a. der Summa vitae von Konrad von Marburg und der Biografie Leben und Legende der heiligen Elisabeth von Dietrich von Apolda. Eine genaue Zuordnung einzelner Informationen zu einer Quelle erfolgte in dieser Studie nur dort, wo dies als sinnvoll oder notwendig erachtet wurde. Bei Zitaten ist die jeweilige Quelle allerdings immer mit vermerkt. Manches wird hier allerdings anders gedeutet als in den kirchlichen Veröffentlichungen. Ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie die Zusammenfassung der einzelnen Lebensstationen von Elisabeth von Thüringen finden Sie z.B. bei http://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_von_Th%C3%BCringen.
 

Elisabeth und die Abgründe der Kirche

Das Urchristentum der Katharer in Südfrankreich

Kreuzzüge gegen Moslems und Urchristen

Der Verrat und der Missbrauch der Franziskaner

Die Scheiterhaufen beginnen zu lodern

Elisabeth, die Freundin der Armen

Das Unheil kommt näher

Elisabeths Gehorsamsgelübde gegenüber dem Großinquisitor

Elisabeth und Landgraf Ludwig als Opfer ihrer Religion

... noch vier Jahre zu leben

Das Martyrium

Elisabeth unterwirft sich ganz der Kirche

Fast doch noch Kaiserin

Elisabeths Vermögen und ihre Kraft im Dienst der kirchlichen Strategie

Das Wüten der Inquisition

Elisabeths Tod

Der Leichenkult

Die tote Elisabeth als Vorzeige-Frau der mörderischen Inquisition

Der Prozess gegen Elisabeths Verwandten Heinrich III.

Konrad von Marburg ereilt sein Schicksal

Der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter:
Konrad will seine Untaten durch Elisabeth absegnen lassen

 


Elisabeth und die Abgründe der Kirche

Das Leben und Sterben der jungen Elisabeth von Thüringen zeigt auf, welche Macht die Kirche über einen einzelnen Menschen gewinnen kann. Im Elisabeth-Gedenkjahr 2007 wurde dabei Elisabeths tatsächliches oder angeblich vorbildliches Verhalten hervorgehoben und damit auch ihr kirchlicher Glaube in positiver Weise dargestellt. Betrachtet man jedoch Elisabeths Leben und Sterben etwas genauer, tun sich Abgründe auf. So hat die Stadt Marburg, in der sie zuletzt lebte und starb, mit folgendem Satz von ihr geworben: "Wir wollen die Menschen froh machen." Doch selbst stirbt sie, wie der Philosoph Dr. Dr. Joachim Kahl darlegt, "als ausgebranntes Opfer ihrer Religion" (Oberhessische Presse, 17.2.2007), und "ihre froh machende Perspektive war eine jenseitsbezogene" (Marburger Magazin Express, Nr. 7/2007). Das heißt: "Die Freude Elisabeths bezieht sich" nach Dr. Kahl "nur auf die ungeduldig erwartete Erlösung im himmlischen Paradies" (zit. nach Oberhessische Presse, 17.2.2007). Um diesem Ziel vermeintlich näher zu kommen, hatte sich Elisabeth von Thüringen im 13. Jahrhundert der größten Machtorganisation des Kontinents unterworfen, der römisch-katholischen Kirche, während überall in Deutschland und Europa "Brüder und Schwestern des Freien Geistes" sich aus der kirchlichen Fesselung zu lösen versuchten und eine Nachfolge Jesu ohne Institution Kirche vorlebten. Diese Kirche hat ihren Glauben immer wieder in bis heute gültige Dogmen und  verbindliche Lehrsätze verfasst. Einer dieser Lehrsätze ist auch das nachfolgende Bekenntnis aus dem 19. Jahrhundert, als die Kirche in Deutschland mit Otto von Bismarck, dem preußischen Ministerpräsidenten (ab 1862) und späteren deutschen Reichskanzler (1870-1890), erstmals einen einflussreichen innenpolitischen Gegner in Deutschland hatte. Der Lehrsatz stammt vom mittlerweile "seligen" Papst Pius IX. und lautet:

"Die Kirche hat kraft ihrer göttlichen Einsetzung die Pflicht, auf das gewissenhafteste das Gut des göttlichen Glaubens unversehrt und vollkommen zu bewahren und beständig mit größtem Eifer über das Heil der Seelen zu wachen. Deshalb muss sie mit peinlicher Sorgfalt alles entfernen und ausmerzen, was gegen den Glauben ist oder dem Seelenheil irgendwie schaden könnte. Somit kommt der Kirche aus der ihr vom göttlichen Urheber übertragenen Machtvollkommenheit nicht nur das Recht zu, sondern sogar die Pflicht, gleich welche Irrlehren nicht nur nicht zu dulden, sondern vielmehr zu verbieten und zu verurteilen, wenn das die Unversehrtheit des Glaubens und das Heil der Seelen fordern" (Aus einem verbindlichen römisch-katholischen Lehrbrief von Papst Pius IX. an den Erzbischof von München-Freising aus dem Jahr 1862, zit. nach Neuner/Roos, Der Glaube der Kirche, Regensburg 1992, Lehrsatz Nr. 382).

Im 13. Jahrhundert, zu Lebzeiten Elisabeths, war dies nicht anders. Und damals konnte die Kirche ihre behauptete "Machtvollkommenheit" auch noch rigoros politisch durchsetzen. Elisabeth von Thüringen bildet in dieser Zeit eine Schicksalsgemeinschaft mit dem Großinquisitor Konrad von Marburg. Der katholische Mönch und Beauftragte des Papstes (9) war im Geiste dieses Lehrsatzes von einem Ausmerzungswahn gegenüber allem Nichtkatholischen getrieben, und seine Blutspur zieht sich Anfang des 13. Jahrhunderts quer durch das deutsche Land. Damit trägt er im Rückblick entscheidend dazu bei, dass sich die Kirche einmal mehr als massivste Gegnerin von Jesusnachfolgern entlarvte und damit - entgegen ihrem eigenen Selbstverständnis - als erbittertste Gegnerin von Jesus, dem Christus, selbst.

Elisabeth wird bereits früh praktisch entmündigt, und andere bestimmen über ihr damaliges und späteres Leben. Schon im Jahr 1211 als 4-Jährige bringt man das 2. Kind des Königspaares von Ungarn (sie hatte noch drei Brüder und eine Schwester) zur späteren Verheiratung an den Hof der Landgrafen von Thüringen in Eisenach - eine machtpolitische Entscheidung. Ihre Eltern Andreas II. und Gertrud von Andechs pflegen in Ungarn ein auf Vetternwirtschaft und unrechtmäßigen Vergünstigungen beruhendes Herrschaftssystem. Elisabeths Mutter wird deshalb im Jahr 1213, während sie selbst auf einer Jagd Tieren nachstellt, von wütenden Adligen ermordet. Bzw. ihr Ehemann hätte sie bei dieser Gelegenheit enthaupten lassen, wie es in anderen Berichten heißt.

Das Urchristentum der Katharer in Südfrankreich

In der Zwischenzeit geschieht vor allem in Südfrankreich etwas, was die Geschichte maßgeblich prägen wird. Dort erhält das wieder erwachte Urchristentum großen Zulauf und die Menschen einer ganzen Region wenden sich überwiegend ihm zu. Die Menschen ziehen sich in Scharen aus der Kirche zurück ab und möchten Jesus, dem Christus, ohne Dogma und Glaubenszwang nachfolgen. Man nennt die dortigen Urchristen später in Anlehnung an das Wort "katharoi" (= die Reinen) auch Katharer (mehr über die Katharer siehe hier). Und Südfrankreich bzw. Okzitanien erlebt mit den Katharern eine kurze hoffnungsvolle Blütezeit auf fast allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens. Der Vatikan hat deshalb große Angst, dass in dieser Situation immer mehr Menschen den historischen Betrug der Kirche durchschauen: Denn die katholische Kirche gibt sich zwar ebenfalls als Nachfolgerin von Christus aus, ist faktisch jedoch seine Gegenspielerin, insofern sie in dessen Namen das Gegenteil von dem tut, was Christus wollte und will (siehe dazu Der Theologe Nr. 25 - Die Kirche - ein totalitärer Götzenkult). Auf diese Weise, so vermuten viele kirchenkritische Christen, sollen Jesus, der Christus, und seine Friedensbotschaft letztlich ausgeschaltet werden. So lange die urchristlichen Ideale dabei nur als Theorie existieren, hält sich die Unruhe innerhalb der Kirchenmauern in Grenzen. Was aber, wenn es eine lebendige Alternative zum Kirchenchristentum gibt, bei der wieder an Jesus von Nazareth angeknüpft wird? Dann zeigte die Kirche zu allen Zeiten - von den Inquisitoren der Geschichte bis zu den "Sektenbeauftragten" der Gegenwart - ihr sonst eher verborgenes Gesicht. Das Urchristentum soll nach dem Willen der Kirche ausgerottet bzw. "ausgemerzt" werden (vgl. den verbindlichen katholischen Lehrsatz aus späterer Zeit oben), und damals waren es Tausende von Anhänger in Südfrankreich, die deshalb ermordet werden sollten.
Um dieses Ziel zu erreichen, rufen die Päpste in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts mehrere Kreuzzüge gegen die Katharer (die nach der Stadt Albi manchmal auch "Albigenser" genannt werden) aus, bis diese im Zeitraum von 1208 bis 1244 tatsächlich vollständig vernichtet bzw. "ausgemerzt" werden. Unter dem Motto "Erschlagt sie alle, Gott kennt die seinen", das der päpstliche Legat Arnold von Citeaux ausgegeben hat
(zit. nach Walter Nigg, Das Buch der Ketzer, Zürich 1986, S. 228), werden z. B. beim Massaker von Beziers im Jahr 1209 alle 20.000 Einwohner der Stadt ermordet. Später, im Jahr 1212, ist die Teilnahme von Pater Konrad von Marburg (geboren zwischen 1180 und 1190) an diesem Kreuzzug gegen die französischen Urchristen bezeugt, vielleicht schon in leitender Funktion. Konrad ist zumindest beteiligt, als in Straßburg 80 "Ketzer" verbrannt werden. Und bereits 1199 hatte Papst Innozenz III. in diesem Zusammenhang die Losung ausgegeben: "Es lasse sich niemand verleiten von falschem Mitleiden [mit den nichtkatholischen Christen] ... Treu und Glauben braucht einem Ketzer [gegenüber] nicht gehalten zu werden, und der Betrug, gegen ihn geübt, wird geheiligt" (zit. nach Der Theologe Nr. 86).

Kreuzzüge gegen Moslems und Urchristen

"Mit peinlicher Sorgfalt alles entfernen und ausmerzen", was den römisch-katholischen Theorien zum Seelenheil "irgendwie schaden" könne. So schreibt es also sogar das Glaubensbekenntnis des "heiligen" Pius IX. (siehe oben) den Katholiken seit fast 150 Jahren vor, und viele Jahrhunderte lang zuvor wurden dabei auch die Leben von Menschen ausgemerzt. So fürchtet die Kirche zu Beginn des 13. Jahrhunderts eine ähnliche Entwicklung wie in Südfrankreich auch in Deutschland. Denn auch dort erhalten Brüder und Schwestern des Freien Geistes in vielen Regionen immer mehr Zulauf. Man spricht manchmal von Beginen bzw. Begarden, die ohne kirchliche Einbindung, jedoch auch ohne spezielle Kirchenkritik Werke der Nächstenliebe üben. Doch es mehren sich auch die Stimmen und die Gruppierungen, welche die Kirche in der Nachfolge der Schriftgelehrten und Priester sehen, die Jesus mit seinen Wehe-Rufen entlarvt.
Die Vatikankirche betraut deshalb ihren "Diener" Konrad von Marburg mit seiner Lebensaufgabe: der vollständigen Ausrottung aller "Ketzer" in Deutschland. Dazu wird der Beauftragte des Vatikan auch zur erbarmungslosen Hinrichtung aller derer ermächtigt, die auch nur verdächtigt werden, dem Urchristentum oder anderen Abweichungen von der katholischen Lehre nahe zu stehen oder diese zu tolerieren. Und hierbei werden in der Folgezeit auch die Häuser der Verdächtigen zerstört, und ihr Vermögen wird zwischen Kirche und Staat aufgeteilt. Vor allem mit finanziellen Versprechungen lockt die Kirche die lokalen staatlichen Behörden zur aktiven Teilnahme an der Inquisition. Konrad von Marburg gilt dabei als "angesehen", weil er sich offenbar nicht persönlich an seinen Opfern bereichert und sonst ebenfalls materiell asketisch lebt - im Unterschied zu anderen Kirchenführern, die offensichtlich wie die Maden im Speck leben. (1)
Als Vorstufe zu Hinrichtungen tut sich Konrad auch als Verleumder und Lügner hervor, etwa wenn er die Meinung vertritt, "Katharer" stamme von "Kater" ab, und die Urchristen, die auch Tierfreunde sind, würden mit diesen Geschlechtsverkehr pflegen (u.a. http://kops.uni-konstanz.de/). In Wirklichkeit entstammt dies nur seiner eigenen perversen Phantasie. In bisher kaum gekannten Ausmaß werden Nachfolger des Jesus von Nazareth von Konrad und Seinesgleichen verhöhnt, verteufelt und verfolgt.

Neben dem Krieg gegen Minderheiten in den von ihr beherrschten Ländern gibt es für die Kirche auch eine große außenpolitische Front. So will Papst Innozenz III., der als der bedeutendste Papst des Mittelalters gilt (1198-1216), den verlorenen 4. Kreuzzug in den Nahen Osten im Jahr 1198 nicht einfach hinnehmen. Deshalb ruft er im Jahr 1215, beim großen Laterankonzil der römisch-katholischen Kirche in Rom, zu einem neuen Kreuzzug gegen die Moslems in Palästina auf. Die Bevölkerung in Deutschland ist allerdings "kreuzzugsmüde", wie es manchmal in Geschichtsbüchern heißt. Doch das soll sich bald ändern. Denn: "Ausgerechnet in dieser Lage gelang es Konrad durch außergewöhnliche Rednerbegabung und das schöne Versprechen, durch Kreuzzugsteilnahme einige Monate Fegefeuer im Jenseits zu sparen, Volkes Meinung
umzustimmen"
(zit. nach www.uni-protokolle.de/Lexikon/Konrad_von_Marburg.html).

Der Verrat und der Missbrauch der Franziskaner

So ist also der spätere Beichtvater der Landgräfin Elisabeth von Thüringen in doppelter Mission unterwegs: Andersgläubige in Deutschland zu vernichten und die Bevölkerung gleichzeitig für einen neuen Kreuzzug in den Nahen Osten zu gewinnen und dafür Kreuzfahrer anzuwerben. Konrad von Marburg wirkt dabei entweder als dem Papst unmittelbar unterstellter Beauftragter oder als Franziskaner-Mönch und damit als Angehöriger eines Ordens, den es erst seit dem Jahr 1210 gibt. Genau lässt es sich nicht mehr ermitteln (9). Auf jeden Fall spielt der Franziskaner-Orden eine entscheidende Rolle bei den schicksalhaften Ereignissen in Deutschland im Allgemeinen und bei Elisabeth im Speziellen. Diesen Orden lässt der Vatikan zusammen mit dem Dominikaner-Orden (seit 1216) im Wesentlichen deshalb gründen, um die Menschen, die von der tätigen Nächstenliebe der Urchristen z. B. in Südfrankreich begeistert sind, in der Kirche zu halten. Den Dominikanern kommt dabei in erste Linie das Aufspüren und die Ermordung Andersgläubiger zu (siehe dazu Der Theologe Nr. 85), während die Franziskaner sich mehr um die kirchliche Alternative kümmern sollen.
Dazu muss der Vatikan notgedrungen christliche Verhaltensweisen nachahmen lassen, um die Kontrolle über die Menschen behalten zu können. Hierzu werden vor allem
Franz von Assisi und seine Anhänger mit ihren Idealen von Einfachheit und Naturverbundenheit benutzt und teilweise auch missbraucht (2). Doch Franz von Assisi und seine 11 Gefährten (eine Nachahmung der 12 Jünger) tragen für den Missbrauch ihrer Ideale selbst einen großen Teil der Verantwortung, da sie sich dem Papst unterworfen haben. Im Jahr 1208 kommt es in Rom dabei zu einer Art Kuhhandel: Papst Innozenz III. gibt Franz und seinen Freunden den päpstlichen Segen. Im Gegenzug verpflichten sich diese, Kleriker (also Priester) zu wählen und eine Hierarchie aufzubauen. Damit wird Jesus von Nazareth, der niemals Kleriker und eine Hierarchie wollte und sich nie einem Papst unterworfen hätte, auch von Franz von Assisi und seinen Anhängern schmählich verraten. Die folgende Entwicklung ist dann für den Vatikan mehr oder weniger Formsache: So wird z. B. im Jahr 1223 die "Gemeinschafts-Regel" der Franziskaner von Papst Honorius III. anerkannt. Und später werden sogar fünf Franziskaner selbst Päpste (Sixtus IV., Julius II., Sixtus V., Clemens XIV., Alexander V.). Und auch der "heilige" (seit 1690) Johannes Capistranus (oder Capestranus oder Capistrano) (1386-1456), "der als erster die Ausrottung der Juden in Zentraleuropa propagierte" (siehe dazu Der Theologe Nr. 6), war ein berühmter Franziskaner-Prediger (3).
Während die Kirche die urchristlichen Katharer in Frankreich im 13. Jahrhundert also bestialisch ausrottet, schafft sie sich selbst mithilfe der
Franziskaner einen Zweig, in dem sie einige urchristliche Ideale unter ihrer Gewaltherrschaft vereinnahmt. Daran zeigt sich beispielhaft die vielfach in der Geschichte bewährte kirchliche Doppelstrategie: Menschen außerhalb der Kirche vernichten und gleichzeitig das Beeindruckende in deren Leben in die Kirche zu integrieren suchen. Mit dieser Doppelstrategie täuscht die Kirche - seit ihren Anfängen als "frühkatholische Kirche" um das Jahr 100 bis in die Gegenwart - immer wieder zahllose Menschen guten Willens, die z. B. Jesus von Nazareth nachfolgen wollen und glauben, dass dies innerhalb der Kirche möglich sei.

Die Scheiterhaufen beginnen zu lodern

Ein Kind klammert sich verzweifelt an seine Mutter, die von den Häschern der Kirche auf den Scheiterhaufen gezerrt wird.

Der Vatikan ist von den Hetzpredigten von Konrad von Marburg hellauf begeistert. Papst Innozenz III. und später sein Nachfolger Gregor IX. verleihen dem mutmaßlichen Franziskaner (9) uneingeschränkte juristische Vollmachten für ganz Deutschland. Konrad von Marburg ist jetzt unmittelbar dem Papst unterstellt und kann an allen Kardinälen, Erzbischöfen und Bischöfen und ihren Gerichten vorbei urteilen und richten. Er braucht sich also nicht um die dem Papst nach geordnete Hierarchie zu kümmern. Er selbst darf nach eigenem Ermessen den päpstlichen Willen direkt vollziehen. Und Deutschland tritt auf diese Weise wieder einmal ein in eine seiner besonders dunklen Epochen. Es ist die Zeit um das Jahr 1224, als, erst unmerklich, aber bald stetig, in Deutschland die Scheiterhaufen zu lodern beginnen, die der Beauftragte des Vatikan in allen Orten, durch die er zieht, aufrichten lässt. Er beginnt seine "Wirksamkeit" im Elsass und zieht von dort zunächst rheinaufwärts bis Mainz und Köln. Sind Konrad und seine Helfer "gnädig", wird den Verdächtigen "nur" die Zunge abgeschnitten, oder sie werden zu lebenslanger Kerkerhaft unter grausamen Bedingungen verurteilt, was einem Todesurteil auf Raten gleichkommt. Die Kirche beginnt einmal mehr ein grausames Zerstörungswerk und stürzt Familien und Gemeinschaften, unzählige liebenswerte Menschen und ihre Verwandten und Freunde, in ein mit Worten nicht zu beschreibendes Elend. Das Land verwandelt sich nach und nach in ein Tränenmeer, und die Herren der Kirche triumphieren, und sie sprechen sich einmal mehr die "Machtvollkommenheit" (vgl. oben) zu.

Elisabeth, die Freundin der Armen

Elisabeth-Statue (Ausschnitt)Elisabeth von Thüringen - Statue in der Elisabethkirche in Marburg (Ausschnitt)

Währenddessen wächst in Eisenach das Kind Elisabeth allmählich zu einer sehr anmutigen und tatkräftigen jungen Frau heran. Ihr Verlobter stirbt, als Elisabeth erst 12 Jahre alt ist. So wird sie dessen Bruder versprochen. Und dieser tritt 1217 im Alter von 17 Jahren die Herrschaft als Landgraf Ludwig IV. an. Vier Jahre später, im Jahr 1221, kommt es zur Hochzeit mit Elisabeth. Elisabeth ist jetzt 14, ihr Mann Ludwig 21, und von der Ehe wird einigermaßen glaubhaft nur Positives berichtet. Sie soll sehr glücklich gewesen sein und auch mit einem gewissen Esprit. Allerdings zeigt sich bei Elisabeth auch bereits ein asketischer katholischer Fanatismus, der ihr später zum Verhängnis werden sollte. "Um dem ´sündigen Fleischestrieb` im Ehebett zu entkommen, hat sie sich wiederholt nachts wecken lassen und in einem ferner gelegenen Raum - damit der Ehemann nicht durch ihre Schreie gestört würde - von ihren Mägden auspeitschen lassen" (Der Philosoph Joachim Kahl, Marburger Magazin Nr. 7/2007). Doch möglicherweise übertriebene sexuelle Wünsche ließen sich noch nie aus einem Menschen heraus peitschen, sondern können allenfalls allmählich "veredelt" und verfeinert werden, damit der Mensch innerlich freier wird. Und umgekehrt: Das durch die Striemen der Peitsche Verdrängte und Kasteite würde zu einem bestimmten Zeitpunkt nur desto heftiger hervorbrechen, worauf auch die vielfach überlieferten und sogar sprichwörtlichen sexuellen Orgien im Verbindung mit sado-masochistischen Praktiken in Klöstern hindeuten.

Elisabeth fällt am Hof in Eisenach zudem durch ihre Demut auf. Diese zeigt sich auch darin, dass sie z. B. ihre Landgräfinnen-Krone später auf einem Altar ablegt. Und sie ist dabei, eine beim Volk sehr beliebte "Landgräfin der Herzen" zu werden. So beschwert sie sich über die Verschwendungssucht am Hof des Landgrafen und beginnt damit, bedürftige oder schwer kranke Menschen mit Nahrung, Kleidung oder Geld zu unterstützen, wie es z. B. auch die urchristlichen Katharer in Südfrankreich tun. Bereits als 14-jährige Landgräfin lässt sie ein erstes Hospiz bzw. Hospital für Arme in Eisenach errichten, und es heißt über sie: Sie weiß die Speisen "königlichen Gästen königlich vorzulegen. Aber mit noch größerem Vergnügen trug sie sie auf den Hof und bewirtete persönlich die Hungernden. Sie freute sich, wenn die für die Fürstentafel bereiteten Speisen ihren Gästen, reich wie arm, gut schmeckten." Dabei ist ihr vor allem das Brot eine "köstliche Speise"
(Herbert Hahn, Elisabeth von Thüringen, Dornach 1982, S. 30 f.), weswegen sie heute auch als "Patronin der Bäcker" gilt. Zudem isst Elisabeth nur von Speisen, "die von den rechtmäßigen Gütern ihres Gemahls oder ihren eigenen Besitzungen stammten" (Karfunkel, Zeitschrift für erlebbare Geschichte, Nr. 70/2007) und nicht von jenen, die man armen Untertanen abgepresst hatte.

Das Unheil kommt näher

Als eines Tages Kaiser Friedrich II. die Wartburg besucht und die Tischgespräche der Männer beginnen, bleibt sie lange schweigend. Dann fällt auch ihr etwas ein, was sie beitragen könnte. Sie spricht von einem "elenden" Kind, das sie jeden Morgen besucht. "Der Gang führt durch ein reifendes Weizenfeld. Von diesem begann Elisabeth zu erzählen. Und wie sie von ihren Halmen sprach, wurde das Herz ihr wieder frei" (Hahn, a.a.O., S. 36). So soll sie, vergleichbar den Mystikern aller Religionen, eine innige Verbindung zu Menschen, Tieren und anderen Geschöpfen Gottes haben. All das bringt sie in lebensgefährliche Nähe zu den urchristlichen "Ketzern".
Doch das Unheil naht für sie auf etwas andere Weise
. Im Jahr 1223 tauchen die ersten Franziskaner-Prediger in Thüringen auf, die argwöhnisch darauf achten, dass alle Regungen der Nächstenliebe unter der Oberherrschaft der Kirche zu geschehen hätten. Elisabeth freut sich, wie sich offenbar auch die Kirche für Notleidende einsetzt und begünstigt als Landgräfin nun die missionierenden Franziskaner. Rom und die Massaker an den Urchristen in Südfrankreich scheinen weit weg. Doch weiß Elisabeth denn nichts von den planmäßigen Folterungen und Ermordungen, die ihre Günstlinge in Frankreich durchführen? Und hat sie nichts von den Hinrichtungen auf Veranlassung der Franziskaner, Dominikaner und anderer Kirchenmänner gehört, die nun auch in Deutschland begonnen haben? Oder sieht sie bewusst weg? Oder unterstützt sie umgekehrt gar die Hinrichtungen? Denn viele der Opfer möchten sich ja nicht mehr der römisch-katholischen Kirche unterwerfen - ganz anders als sie es bald tut. Doch ob ungewollt und gezwungenermaßen oder ob aus indoktrinierter Überzeugung und freiwillig: Sie steht auf Seiten der Inquisitoren. Und von nun an entwickelt sich auch Elisabeths Schicksal selbst zur Katastrophe.

Elisabeths Gehorsamsgelübde gegenüber dem Großinquisitor

Elisabeths Leben erfährt seinen schicksalhaften Einschnitt, als das thüringische Herrscherhaus (allen voran Elisabeths Gatte und dessen Brüder) ausgerechnet den Beauftragten des "Heiligen Stuhls", Konrad von Marburg, an den Hof nach Eisenach holt. Konrad ist der Kopf der kirchlichen Inquisition und der Kreuzzugsbewegung. Und es scheint so, als hätte das thüringische Adelsgeschlecht dadurch den Pakt mit dem Teufel geschlossen. Denn was nun geschieht, macht hoffnungsvolle Ansätze für eine Blütezeit in Thüringen, die vielleicht dank Elisabeth ähnlich wie diejenige im französischen Okzitanien hätte sein können, in wenigen Jahren zunichte.

Etwa zeitgleich mit der Ankunft der inquisitorischen Franziskaner wird Thüringen zunächst jedoch von Hunger, Pest und Überschwemmungen heimgesucht; als ob die Naturgewalten den Menschen ein Zeichen geben wollen, dass man die Tore des Landes nun für Elend und Verderben geöffnet hatte. Während Elisabeth die Not im Land zu lindern sucht, indem sie z. B. die gräflichen Kornkammern öffnen lässt, hat die Kirche überwiegend anderes im Sinn: So überredet Konrad von Marburg Elisabeths Mann, Landgraf Ludwig IV., zum Kreuzzug nach Palästina aufzubrechen. Und als nächstes ist Elisabeth selbst im Visier der Kirche. Ihr guter Wille, die Bescheidenheit und Demut noch besser zu erlernen, wird ihr nun zum Verhängnis. Sie glaubt nämlich, sie könne diese Tugenden besonders gut erlernen, wenn sie sich ausgerechnet den "strengen" Konrad von Marburg als "Beichtvater" wählt. Auch sind die von ihr anscheinend als großes Problem betrachteten sexuellen Wünsche natürlich unterschwellig weiter wirksam, wodurch sie sich also von den meisten Menschen nicht unterscheidet. Und offenbar aufgrund ihres Alters wird Konrad jetzt nicht nur der Seelsorger, sondern auch der Vormund für die jetzt 18-jährige Landgräfin - das allerletzte, was die reife junge Frau gebraucht hätte. Doch es sollte noch schlimmer kommen: Denn der kirchliche Bevollmächtigte über Leben und Tod, der zahllose Menschen in Deutschland per päpstlicher und kaiserlicher Vollmacht nur per Verdacht verbrennen lässt, ist bereit, noch massiver über das Leben Elisabeths bestimmen zu können. Und Elisabeth, die eigentlich lernen wollte, demütiger zu werden, obwohl sie es bereits mehr als andere war, geht in die Falle.
Im Beisein ihres Mannes Ludwig, der bereits mit Kreuzzugsvorbereitungen beschäftigt ist, nimmt Konrad von Marburg im Jahr 1226 Elisabeth das Gelübde ab, ihm, dem Mann der Kirche, zeitlebens "Gehorsam" zu leisten; zudem gelobt Elisabeth "immerwährende Keuschheit" für den Fall des Todes ihres Mannes; und weiterhin für diesen Fall auch "unbedingten, durch nichts mehr eingeschränkten Gehorsam" gegenüber ihm, Pater Konrad (zit. nach Wikipedia-Enzyklopädie; Stand: 23.12.2006; dort ist auch ein ausführliches Literaturverzeichnis zu Elisabeth von Thüringen aufgeführt; siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_von_Th%C3%BCringen).
Dazu ein Beispiel: Konrad von Marburg forderte Elisabeth einmal auf, "zu einer seiner Predigten zu erscheinen, als Elisabeth überraschend Besuch von der Markgräfin von Meißen erhielt. Als Elisabeth seinem Ruf nicht folgte, kündigte Konrad seine Stellung als geistlicher Begleiter umgehend und nahm sie erst wieder auf, nachdem Elisabeth sich ihm zu Füßen geworfen hatte, und er die Gelegenheit erhielt, ihre Dienerinnen zu züchtigen [also zu schlagen], die er für ihr Nichterscheinen mit verantwortlich machte"
(Karfunkel, Zeitschrift für erlebbare Geschichte, Nr. 70/2007).
Weder Elisabeth noch ihr Mann Ludwig getrauen sich, dem "Seelsorger" und Inquisitor zu widersprechen, und sie binden sich und ihr ganzes Leben an seine Person und an seine schier grenzenlose Macht. Und Elisabeths ehrlicher Wunsch nach Demut wird in der Folgezeit pervers missbraucht. Zudem lässt sich Konrad von Marburg von Landgraf Ludwig IV. auch wesentliche Regierungsvollmachten für die Zeit seiner Abwesenheit übertragen.
In diesem Zusammenhang kann man fragen: Hat Ludwig vielleicht geahnt, dass er nie zurück kehren wird? Und hatte er dabei am Ende mehr Angst vor den Einschüchterungen der Kirche als vor dem Tod? Im Ergebnis kann der "Sektenbeauftragte" des Vatikan jetzt auch ohne adlige Herkunft nahezu unbeschränkt über Stadt und Land herrschen. Und bald auch total über Ludwigs Frau.

Elisabeth und Landgraf Ludwig als Opfer ihrer Religion

Welche Macht die Kirche über die Seelen dieser Menschen hat, ist kaum in Worten auszudrücken. Schon indem er Ludwig zum Kreuzzug missionierte, hat Konrad praktisch die Ehe und Familie mit drei kleinen Kindern auseinander gerissen. Am 24.6.1227 ist es dann auch im Äußeren so weit, nachdem Ludwig seine Teilnahme am Kreuzzug zuvor noch drei Jahre hinaus gezögert hatte: Landgraf Ludwig bricht nun in kriegerischer Absicht in Richtung Palästina auf. Für Elisabeth ist dies ein furchtbarer Einschnitt in ihrem Leben. Der Dominikaner Dietrich von Apolda berichtet in seinen Lebensbeschreibungen über Elisabeth (entstanden von 1289-1297), wie die Landgräfin ihren Mann über die thüringischen Landesgrenzen hinaus begleitet: "Als es Zeit zur Umkehr war, hielten ihre große Liebe und der Abschiedsschmerz sie zurück und drängten sie, noch eine schwere Tagesreise weiter zu folgen. Aber auch diese Zugabe genügte ihr nicht: Zur Trennung unfähig, fügte sie nochmals eine volle Tagesreise hinzu" (zit. nach Karfunkel, Zeitschrift für erlebbare Geschichte,  Nr. 70/2007). Elisabeth hat in ihrem Inneren wohl gewusst oder geahnt, dass der Abschied endgültig ist. "Die Landgräfin kehrte zurück, weinend wie eine Witwe und [mit] Tränen auf den Wangen. Sie zog ihre Freudengewänder aus und legte das Kleid der Witwenschaft an."
Und um seine Bindung an die Kirche im Vorfeld des Krieges noch mehr zu festigen, tritt ihr Mann Ludwig IV. jetzt in den Deutschen Orden ein - neben den Johannitern bzw. Maltesern und den Templern einer der drei "großen" kirchlichen Kreuzfahrerorden. Doch noch ehe der Ehemann Elisabeths wie andere Kreuzfahrer einem Moslem den Hals durchschneiden kann, ist er selbst tot. Er stirbt bereits auf dem Weg nach Palästina am 11.9.1227, offenbar an einer Seuche. Kurz nachdem er von Italien aus auf See aufgebrochen war, erkrankt er schwer und wird deshalb im italienischen Otranto wieder an Land gebracht. Einem Bericht zufolge hätte er dann dort in Gegenwart der erst 15-jährigen Kaiserin Isabella II. "einen schedlichen tranc" zu sich genommen
(zit. nach Hahn, a.a.O., S. 40), der ihm den Rest gegeben haben soll (PS: Auch Kaiserin Isabella stirbt ca. ein Jahr später bei der Geburt ihres Kindes). Als man Elisabeth die Todesnachricht überbringt, bricht sie zusammen. Doch der eigene Tod hat Ludwig immerhin davor bewahrt, ein vielfacher Mörder im Krieg zu werden, wie es seine kirchliche Bestimmung hätte sein sollen. Seine Frau Elisabeth gehört seither aber Konrad ganz allein, denn für den Fall von Ludwigs Tod hatte sie ja bereits entsprechende vorsorgliche Gelübde abgelegt. Sie ist dem vatikanischen Inquisitor nun grenzenlosen Gehorsam schuldig und damit total ausgeliefert. Und Konrad verhält sich dabei auch als Machtpolitiker, denn er hat sich diesen uneingeschränkten Macht-Status über Elisabeth sogar vom Papst persönlich bestätigen lassen. Offiziell gilt Konrad nun als vom Papst beauftragter "Defensor" von Elisabeths Rechten gegenüber dem Hof von Eisenach. Dort herrscht nun als Nachfolger ihres Mannes ihr Schwager Heinrich Raspe. Praktisch ist Elisabeth jedoch wie Konrads Sklavin.

... noch vier Jahre zu leben

Von nun an hat Elisabeth von Thüringen noch vier Jahre zu leben - vier Jahre, in denen sie für die römisch-katholische Kirche zur "Heiligen" wird. Doch während ihr früheres Engagement für die Bedürftigen noch freiwillig war, handelt sie von nun ab nur noch als willenloses Werkzeug des vatikanischen Beauftragten, der mehr und mehr seinen Sadismus an seinem Opfer auslässt und der sie schließlich maßgeblich mit in den Tod treibt. Da sich Elisabeth in ihr Schicksal fügt und sich nicht wehrt, erfüllt sie die kirchlichen Voraussetzung für die spätere katholische "Heiligsprechung". Vermutlich hätte ihr jeglicher versuchte Widerstand, jeder Versuch, aus diesem seelischen Gefängnis auszubrechen, ohnehin den Scheiterhaufen gebracht. Denn sie hat ja gesehen, wie ihr Gebieter nur mit Wimpernschlag Folter und Tod befehlen kann und davon auch tausendfach Gebrauch macht. Elisabeth wäre dann noch etwas früher gestorben, hätte sich aber nicht mehr als katholische "Heilige" geeignet. So aber dient sie bis heute als Vorzeige-Frau der römisch-katholischen Kirche, ihrer Machthierarchie und ihrem Zwangssystem, und sie gebraucht diese Macht hier und da auch selbst. So schreiben ihre Dienerinnen: "Einmal forderte sie eine arme, alte Frau zur Beichte auf. Als dies nichts nützte, und weil sie da lag, wie wenn sie schliefe, keine Lust zum Beichten zeigte und die Ermahnung nicht achtete, züchtigte die selige Elisabeth sie mit Ruten und brachte so die Widerwillige schließlich doch zum Beichten" (Libellus [Büchlein über ihre "Wunder"], zit. nach Karfunkel, Zeitschrift für erlebbare Geschichte, Nr. 70/2007). Doch wer andere dazu nötigt, das zu tun, was man selbst für richtig hält, zeigt damit nur die eigene Charakterschwäche und seelische Labilität. Wenn es also heißt, dass sich Elisabeth zeitlebens für Arme und Bedürftige "aufgeopfert" hätte, so sind doch ihre Motive vor allem in ihren späteren Lebensjahren sehr fragwürdig (mehr dazu siehe später in den Kapiteln Elisabeths Vermögen und Kraft im Dienst der kirchlichen Strategie und Elisabeths Tod). So tut sie dies als eine Frau, die dabei immer der Kirche stumm gehorcht und die den freien Willen ihrer Mitmenschen zumindest nicht immer respektiert. Insgesamt verhält sie sich so, wie sich die Kirche eben auch noch im "Elisabethjahr" 2007 eine "heilige" Frau vorstellt. Rückblickend auf Elisabeths Leben heißt es bei Wikipedia (a.a.O.) über Konrad von Marburg (Stand: 23.12.2006): "Sein seelsorgerliches Amt gegenüber der späteren Heiligen übte er in grausamer Weise aus; er nahm ihr die Kinder weg ebenso wie ihre Freundinnen, er ließ sie häufig auspeitschen und bespitzeln. Die Gesundheit der jungen Frau war dem nicht lange gewachsen. Elisabeth starb mit nur 24 Jahren."
Dabei hatte Elisabeth selbst die Voraussetzungen dafür mitgebracht, dass Konrad von Marburg und die Kirche überhaupt diese totale Macht über ihr Leben gewinnen konnten. Doch auch diese Voraussetzungen, vor allem eine gefährliche Neigung zur fanatischen Askese, lassen sich auf den bis dahin erfolgten negativen Einfluss der Kirche auf ihr junges Leben erklären. Und nach ihrem Gehorsamsgelübde gegenüber der Kirche hat Konrad diese problematische Haltung Elisabeths weiter verstärkt. So hat er bei der jungen Frau fast bis zum Psychopathischen auf die Spitze getrieben, was sich in einem anderen Umfeld in eine andere, glücklichere Richtung hätte entwickeln können. Und das Resümee des Philosophen Joachim Kahl, Elisabeth von Thüringen sei letztlich als "Opfer ihrer Religion" gestorben, erweist sich von daher als sehr nahe liegend, was auch die nachfolgenden Konkretisierungen belegen.

Das Martyrium

Denn worin besteht das Martyrium Elisabeths praktisch? Es wird berichtet, wie der Beauftragte der Kirche die junge Frau "körperlich brutal disziplinierte" (www.tempora-nostra.de/artikel/zeittafel/lexi_p.shtml) oder wie er sie "mehrfach blutig schlug" (www.rheindrache.de/heinrich.html). Der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Hubertus Mynarek schreibt. Er verlangte von ihr, "da sie ihm noch zu ungeistig erschien, sie solle sich nackt ausziehen, damit er sie geißeln könne. Und er geißelte sie, bis das Blut floss. Immer und immer wieder" (Die neue Inquisition, Marktheidenfeld 1999, S. 46). Zudem spioniert er ihr nach und verordnet ihr qualvolle "Gebetsübungen" ohne Ende, z. B. stundenlanges Knien auf einem harten Schemel. Zu den körperlichen Schmerzen kommen die seelischen, und hier hat Konrad von Marburg mehrfach Steigerungen veranlasst. So verlangt er von Elisabeth, ihre drei kleinen Kinder Hermann, Sophie und Gertrud im Stich zu lassen und stattdessen öffentlichkeitswirksam im Namen der Kirche Aussätzigen und Armen zu helfen. Auch jeglichen Kontakt mit ihren Freundinnen muss sie abbrechen. Unter dem Lobgesang "ihrer" Franziskaner zieht sie im Spätherbst 1227 kurz nach dem Tod ihres Mannes aus der Wartburg in Eisenach aus und lässt die Mönche dabei ein "Te deum laudamus" (= "Wir loben dich, Gott") singen. Heutigen kirchlichen Berichten zufolge hätte man sie angeblich wegen ihrer Mildtätigkeit von dort "vertrieben", doch anderen Überlegungen zufolge ist sie selbst auf Veranlassung bzw. Anordnung von Konrad ausgezogen. Nachdem Konrad bei den Erbauseinandersetzungen mit der Landgrafen-Familie ein erhebliches Vermögen "für Elisabeth" heraus geholt hatte (man spricht von "beträchtlichen Witwengütern", über die Konrad seither uneingeschränkt verfügen darf), könnte allerdings die Stimmung auf der Wartburg auch nicht besonders freundlich gegenüber der jungen Witwe unter kirchlicher Vormundschaft gewesen sein.
Wohin Elisabeth unter den Klängen des lateinischen Gesangs zieht, ist nicht ganz klar, und womöglich wohnt sie zumindest zeitweise mit Konrad zusammen. Praktisch ist der Auszug auf jeden Fall ein erheblicher Einschnitt in ihrem Leben. Denn während das familiäre und höfische Umfeld bis dahin ein gewisses Gegengewicht bzw. einen Ausgleich zum kirchlich-asketischen Fanatismus bieten, ist Elisabeth von nun an auch im alltäglichen Leben ganz in der Hand von Konrad und der Kirche.

Elisabeth wirft es jetzt aus der Bahn. Zeitweilig soll sie in Eisenach sogar in einem Schweinestall gewohnt bzw. gehaust haben. Der Beauftragte des Papstes zieht dabei seine Vormundschaft über sie weiter radikal durch. So verbietet er ihr einerseits, etwas zu erbetteln, während er andererseits ihr umfangreiches Vermögen hütet. Der Religionswissenschaftler Hubertus Mynarek schreibt über den Einfluss von Konrad auf Elisabeth: "Furchtsamer hat er sie auf jeden Fall gemacht"
(Die neue Inquisition, a.a.O., S. 46). Und der ehemalige Dekan des renommierten katholischen Corpus Christi College in London, Peter de Rosa, zitiert in diesem Zusammenhang Elisabeth von Thüringens eigene Worte über Konrad von Marburg: "Wenn ich einen solchen Mann fürchte, wie muss dann Gott sein?" (Peter de Rosa, Gottes erste Diener, Droemer-Knaur-Verlag, München 1989, S. 227) Die Gottesvergiftung der römisch-katholischen Kirche hat also jetzt auch von Elisabeth voll Besitz ergriffen. Und die Kirche hat damit offenbar nicht nur dem Menschen Elisabeth das Rückgrat gebrochen. Sie hat wohl auch ihren Glauben an einen liebenden Gott zerstört.

Nachdem sich Elisabeth einmal ein Herz gefasst hat und zeitweilig zu ihren Verwandten Heinrich III. von Sayn und seiner Frau Mechthild in den Westerwald in die Nähe von Koblenz reist, zieht Konrad seine stärkste Trumpfkarte: Er verklagt Heinrich III. vermutlich zu Unrecht als "Ketzerfreund" und will ihn auf diese Weise ausschalten und auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen. Doch gibt es wirklich eine "Anschuldigung" gegen Heinrich? Oder duldet Konrad einfach niemanden mehr in der Nähe "seiner" Elisabeth? Mit seinem Vorgehen leitet er allerdings sein eigenes Ende ein, wie sich bald erweisen wird.

Elisabeth unterwirft sich ganz der Kirche

Die Nachstellungen Konrads gegenüber Elisabeth entbehren wahrscheinlich jeder Grundlage. Denn Elisabeth verfällt ihm offenbar in Hörigkeit. Und in einer monströsen Sitzung in der Eisenacher Franziskanerkirche macht die junge Landgräfin jetzt einen weiteren Schritt in Richtung Elend. Sie entsagt dort im Jahr 1228 allem weltlichen Besitz (über den sowieso Konrad verfügt), nochmals ihren drei Kindern und, als Höhepunkt, ihrem eigenen Willen. Fortan will sie nur noch "Gott" zu Willen leben. Praktisch unterwirft sie sich jedoch nicht Gott, sondern - im Gegensatz zum Glauben an einen gütigen Gott - Konrad und der römisch-katholischen Kirche. Sie gilt als dreifache Mutter für die Kirche jetzt als "Terziarin" (bzw. Tertiarin), als Angehörige eines so genannten "Dritten Ordens" neben den ausschließlich zölibatären Männerorden ("Erster Orden") und den ausschließlich zölibatären Frauenorden ("Zweiter Orden") (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Dritter_Orden). Die Vorgeschichte dieser bald lebensgefährlichen Zuspitzung der Situation kann man nur erahnen: Wahrscheinlich ist es ihr schwer gefallen, sich nicht mehr um ihre kleinen Kinder zu kümmern, deren Erziehung die Kirche dafür direkt übernimmt. Z. B. kommt ihre Tochter Gertrud (sie trägt denselben Namen wie Elisabeths Mutter) als Zweijährige in ein Kloster und wird dort zur Nonne heran gezogen. Oder Elisabeth muss einzelne eigene Willensregungen beichten. So wären es für sie ja "Versuchungen", wenn sie der Kirche und ihrem Gebieter nicht komplett untertan sein wollte, wie sie es geschworen hat. Hinzu kommen wohl die bei fast allen Menschen auftretenden sexuellen "Anfechtungen". Nach kirchlichen Berichten hätte ausgerechnet Konrad von Marburg den Zölibat gehalten und sich damit von zahllosen seiner sexuell aktiven Priester-Kollegen unterschieden. Denkbar ist das zwar schon, so dass sein Treiben und, parallel dazu, sein tausendfaches Morden an Andersgläubigen, dann z. B. auch als Ausgeburt einer extrem kasteiten Sexualität verstehbar wäre. Doch wer kann schon sagen, wie sich ein Kirchenmann verhält, wenn ihn niemand beobachtet? So ist es genauso denkbar, dass es - mit oder ohne Elisabeth - zu sexuellen Handlungen kommt. In diesem Zusammenhang gibt es - ganz allgemein gesprochen - auch viele Erfahrungsberichte, wie sich massiv aufgestautes Drängen wie durch ein Ventil entlädt. Oder es kommt in konkreten Situationen zumindest zu sexuellen Erregungen, während etwa der Beauftragte des Vatikans auf die nackte und schreiende Elisabeth einschlägt und seine Augen dabei ja auf ihren schönen Körper gerichtet sind. Dies ist in vielen sado-masochistischen Beziehungen so belegt (vgl. dazu auch (5)).

Kasteite Sexualität kann aber auch, wie eingangs erwogen, durch Brutalität in Schach gehalten werden. Psychologische Gutachten über Gewaltverbrecher legen z. B. dar, wie Täter durch rohe Gewalt z. B. ihr feindliches und zerstörerisches Verhältnis gegenüber dem eigenen Körper zu kompensieren versuchen. In der Internet-Enzyklopädie Wikipedia (a.a.O.) heißt es über Konrad von Marburg: "Heute, würden derartige Taten bekannt, sprächen psychologische Gutachter von Sadismus und Gefühlsroheit sowie Machtbesessenheit und Missbrauch" (Stand: 23.12.2006).
Diejenige, die einen großen Teil von dem weiß, was wirklich passierte, ist Elisabeth selbst. Doch ihre zeitnahe "Biografie" wird damals - wie könnte es jetzt anders sein - natürlich von ihrem Peiniger Konrad geschrieben. Bereits im Jahr 1232, ein Jahr nach Elisabeths Tod, erscheint seine Lebensbeschreibung
Summa vitae. Und Konrad hat natürlich nur das veröffentlicht, was seiner Sichtweise und seinen Absichten entspricht. Die Summa vitae gilt deshalb sogar in kirchenfreundlichen Publikationen als "zweckorientiertes Dokument", dessen ausschließliches Ziel es ist, "der Kanonisation [= Heiligsprechung] der verehrten Landgräfin zu dienen" (Karfunkel, Zeitschrift für erlebbare Geschichte, Nr. 70/2007).

Bild rechts: Gemälde von Philip Hermogenes Calderon (1833-1898) - Völlige Unterwerfung Elisabeths unter die Kirche 1228 in Gegenwart von Konrad von Marburg und von zwei Nonnen. Konrad schlug auch mit der Peitsche auf die nackte Elisabeth zur Buße für ihr "Sünden" ein (Gemälde gemeinfrei nach Wikimedia Creative Commons. Public Domain in den USA (http://commons.wikimedia.org/wiki/Template:PD-US))

Im Hinblick auf Sadismus, Folter und Inquisition kann vielleicht auch ein Satz des bekannten Schauspielers Peter Ustinov weiterhelfen, der einmal über den Hass sagte: "Meine Lebenserfahrung sagt mir, dass der Hass auf andere Menschen Selbsthass ist, getarnter Selbsthass" (zit. nach Horst Eberhard Richter, Folter und Humanität, siehe unten).

Fast doch noch Kaiserin

In dieser Situation versucht ihre Familie, Elisabeths Schicksal zu wenden und greift endlich ein. Verwandte holen sie im Jahr 1228 kurz nach ihrer Total-Unterwerfung unter die Kirche aus Thüringen heraus und bringen sie nach Schloss Pottenstein in Oberfranken. Und die Tragödie hätte dort eine fast märchenhafte Wendung nehmen können. Denn ausgerechnet der - wie sie - mittlerweile verwitwete Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen hat ein Auge auf die trotz der Selbstquälereien weiterhin schöne und anmutige Frau geworfen. Und der Kaiser geht nun aufs Ganze und macht Elisabeth einen Heiratsantrag. Es wird vermutet, dass Friedrich II. sich bereits bei einem früheren Besuch auf der Wartburg in Elisabeth verliebt hatte (siehe oben). Doch beide waren zu diesem Zeitpunkt gebunden. Nun sind beide verwitwet.
Doch alles gute Zureden der Verwandten an Elisabeth, den Heiratsantrag anzunehmen und deutsche Kaiserin zu werden, nützt nichts. Elisabeth fühlt sich an Konrad, an die römisch-katholische Kirche und an ihre monströsen Gelübde gebunden. Auf diese Weise hat Elisabeth wahrscheinlich eine historische Chance für das ganze Land nicht genutzt. Denn beide, Friedrich und Elisabeth, hätten wohl gemeinsam die Stärke gehabt, die todbringende Macht der Kirche über Deutschland auf längere Sicht zurück zu drängen und den unter dem Vatikan leidenden Menschen ein großes Stück Freiheit zu bringen. Denn Kaiser Friedrich II. ist alles andere als ein Freund der Kirche. Er wird von Papst Gregor IX. im Jahr 1227 sogar offiziell gebannt (was er übersteht) und im Jahr 1239 gar als "Antichrist" beschimpft - eine für die Kirche typische Projektion eigener Wesensmerkmale auf andere.
Der Hintergrund: Friedrich hatte zuvor einige Kreuzfahrer gefangen nehmen lassen. Und der "Heilige Stuhl" in Rom betrachtet es zudem als Hochverrat, dass Friedrich lieber mit den Moslems verhandelt statt sie niederzumetzeln. Doch der Kaiser vertieft sich sogar in die moslemische Kultur und Wissenschaft, lernt die arabische Sprache und erhält wegen seines Engagements gar den Beinamen "der Sarazene". Darüber hinaus verfügt Friedrich auch über ein modern wirkendes "hoch entwickeltes Individualitätsbewusstsein"
(Wikipedia, a.a.O., Stand: 23.12.2006), und selbst vom Bann des Papstes und der Kirche lässt er sich nicht einschüchtern.
Doch eben dieser Kaiser Friedrich II. versucht, seine kirchenkritische Haltung wenigstens dadurch zu kompensieren, dass er den "Stuhl Petri" bei der Inquisition unterstützt. So zählt ausgerechnet, er, der Kaiser, auch als größter Fürsprecher von Konrad von Marburg, und er überzieht - zusammen mit der Kirche - Deutschland nun immer engmaschiger mit dem finsteren Netz der Inquisition
(mehr dazu siehe Der Theologe Nr. 85). Dieses Verhalten kann auch damit erklärt werden, dass er sich vom Papst womöglich die Kaiserkrone dadurch "erkauft" habe, dass er sich zur Verfolgung religiöser Minderheiten verpflichtete. So war er genauso ins Netz der Kirche verstrickt wie Elisabeth. In dieser Situation hätte es eine große gemeinsame Aufgabe von Friedrich und Elisabeth sein können, ihre jeweilige Gefangenschaft und ihre Fesseln gegenüber der Kirche zum Wohle von Tausenden von Menschen zu lösen
. Doch anstatt damit zu beginnen, das mittelalterliche Deutschland aus der totalitären Gewaltherrschaft der römisch-katholischen Priesterkaste heraus zu führen, bleiben beide doch im Spinnennetz des Vatikan und seiner politischen Macht sowie seiner Macht über die Seelen von Menschen hängen. Eine mögliche Blütezeit für Deutschland wird vertan.

Nach langwierigen Kleinkriegen mit dem Vatikan stirbt der Kaiser im Jahr 1250, wie Elisabeths Mann Ludwig, an einer Seuche. Bis dahin standen wenigstens die Muslime in Europa und ihre Gelehrten noch unter dem kaiserlichen Schutz. Doch nach Friedrichs von der Kirche herbei gesehntem Tod schürt diese auch wieder verstärkt den Hass gegen die Moslems. Gleichzeitig lässt man aber alle wissenschaftlichen Werke aus dem islamischen Kulturkreis (wo man damals viel weiter fortgeschritten war als in Europa), derer man habhaft werden konnte, abschreiben. Man unterschlägt jedoch deren Herkunft und schreibt sich selber die Erkenntnisse zu - eine Lüge mehr in einer schier unendlichen Kette der kirchlichen Geschichtslügen.

Elisabeths Vermögen und ihre Kraft
im Dienste der kirchlichen Strategie

Und wie ist Elisabeths Leben weiter gegangen? Vielleicht hat es zu ihrer Ablehnung des kaiserlichen Heiratsantrags beigetragen, dass gerade zu dieser Zeit die Leiche ihres Mannes aus seinem italienischen Grab geholt und in Richtung Thüringen überführt wird. Dadurch hat Elisabeth einen Grund, ihren Aufenthalt in Schloss Pottenstein in Franken zu beenden und nach Thüringen zurück zu reisen. Denn dort würden noch einmal Beisetzungsfeierlichkeiten für Ludwig IV. organisiert. Und so kommt es fast zwangsläufig dazu, dass sie nach diesen Feiern wieder in der unmittelbaren Gewalt von Konrad ist. Dieser zieht jetzt Elisabeth mit zu sich nach Marburg und richtet dort von ihrem Geld ein Hospiz für arme und pflegebedürftige Menschen ein, in dem Elisabeth auf seine Weisung hin selbst als Pflegerin arbeiten "darf". Elisabeths Vermögen, das Konrad aus dem thüringischen Hof heraus löste, wird also jetzt ganz im Sinne der kirchlichen Strategie verwendet. Denn um der praktizierten Nächstenliebe der von ihr verfolgten Urchristen etwas entgegen zu setzen, tut die Kirche, wie oben bereits dargelegt, zweierlei: Zum einen die "Ketzer" töten und möglichen Erben die finanziellen Mittel und damit auch die Hilfsmöglichkeiten entziehen. Und zum anderen etwas Ähnliches wie die von ihr Verfolgten, nämlich sich um Arme kümmern. Und die Kirche tut es in einer für sie über Jahrhunderte typischen Weise: Sie verwendet für "ihr" Tun nicht ihr eigenes Geld. Denn während sie selbst ein Vermögen aufhäuft, bezahlt sie bis heute ihre "Wohltaten" vor allem mit dem Geld anderer (4).
So ist es auch im 13. Jahrhundert. Das von Elisabeths Vermögen errichtete Hospital in Marburg ist ein Grundstein für ein Sozialwesen in der Stadt, das später dem katholischen Kreuzzugsorden "Deutscher Orden" übereignet wird. Hier verlebt Elisabeth, die allmählich zum Mythos wird, ihre letzte Lebenszeit, bis sie zusammenbricht und stirbt. Womöglich hat sie die Not leidenden Menschen nicht nur auf Befehl, sondern auch aus ihrem Inneren heraus gepflegt, da ihr die Linderung von Not bereits ein Anliegen war, bevor sie unter die komplette Vormundschaft der Kirche geriet. Durch ihre Unterwerfung unter Konrad und die Franziskaner wird sie mit ihren positiven Eigenschaften jedoch zu einem idealen "Feigenblatt" für die inquisitorische Kirche
(siehe dazu unten die Stellungnahme des Psychoanalytikers Horst Eberhard Richter).
Allerdings wurde ihr pflegerisches Tun und seine Motivation im Elisabeth-Jahr 2007 auch hinterfragt. "Elisabeth küsste Wunden von Aussätzigen und riskierte damit bewusst eine Ansteckung", schreibt z. B. der Philosoph Dr. Joachim Kahl
(zit. nach Oberhessische Presse, 17.2.2007). Und auf die Frage nach dem Warum spricht der Philosoph vom "Heilsegoismus" Elisabeths, einer religiösen Variante des in der heutigen Psychologie bekannten "Helfer-Syndroms", einem letztlich egoistischen "Helfen", das nicht aus freier Selbst- und Nächstenliebe, sondern aufgrund eigener Probleme erfolgt. Denn "welchen medizinisch-therapeutischen hilfreichen Zweck soll das [Küssen von infektiösen Wunden] haben? Keinen. Es dient nur ihrer eigenen, exaltierten, irregeleiteten Religiosität", um ihren eigenen "Weg zum Herrn im Himmel" zu "beschleunigen" (Joachim Kahl, zit. nach Marburger Magazin, Nr. 7/2007).
Was letztlich genau zugrunde liegt, kann man als Außenstehender natürlich nicht wissen. Doch Dr. Kahl trifft wohl mehrere wunde Punkte. Und dies trifft auch zu, wenn er schreibt: "Was hätte sie ... noch zugunsten der Leidenden tun können, wenn sie Nächstenliebe mit Sinn und Verstand praktiziert hätte! Und sich auch selbst geliebt hätte". Aber "Nächstenliebe mit Sinn und Verstand" - "das gab es bei Elisabeth nicht"
(zit. nach Oberhessische Presse, 17.2.2007).
Denn sie ließ eben nicht "Sinn und Verstand" zum Zuge kommen, sondern lebte als Gefangene unter dem Diktat der Kirche. Deshalb konnte ihr als "positiv" dargestelltes Tun im Elisabeth-Jahr 2007 von der Kirche ja auch so massiv vereinnahmt werden.

Das Wüten der Inquisition

Mittlerweile hat Konrad von Marburg deutschlandweit Berühmtheit als unerbittlicher Inquisitor erlangt, und Elisabeth muss gesehen haben, welchem furchtbaren Mordbrenner sie sich unterworfen hat. Doch Papst Gregor IX. sieht das natürlich anders. Für ihn ist Konrad der "Brautführer der Kirche" und der "Diener des Lichts". So schreibt der Papst ca. fünf Wochen vor Elisabeths Tod am 11.10.1231 an Konrad nach Marburg: "Du kämpfest mit all deiner Kraft gegen die [ketzerische] Schlechtigkeit so erfolgreich, dass zahlreiche Ketzer durch dich vom Acker des Herrn ausgerottet worden sind" (zit. nach Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums, Band 7, Reinbek 2002, S. 256). Und damit Konrad sich in Zukunft nicht mehr mit langwierigen "Untersuchungen" abgeben muss, darf er von nun an ohne jegliche Prüfung der jeweiligen Anschuldigungen sofort auf Verdacht hinrichten. Und allen seinen Helfern wird vom Vatikan der Erlass von Kirchenstrafen versprochen. Wer als Inquisitionshelfer bzw. Denunziant ums Leben komme, würde von nun an sofort und ohne Fegefeuer ins himmlische Paradies einziehen.
In den
Annales Colonienses maximi heißt es, es geht von nun an durch Konrad "eine ungezählte Zahl von Menschen ... zugrunde", und bei den betroffenen Städten werden u. a. auch Erfurt und Marburg genannt - also grausame Hinrichtungen Unschuldiger unmittelbar vor den Augen Elisabeths, die aber der Überlieferung zufolge auf dieses Elend nicht reagiert. Womöglich fiebert die junge Frau, die in dieser Zeit einflussreiche Kaiserin hätte sein können, schon ihrem eigenen Tod entgegen. Die Zeiten werden dabei immer finsterer.
Die
Sächsische Weltchronik bemerkt jetzt "in dutschen Landen vil Keczerie ... darumme ward an deme Rine von Meister Conrade von Marpurg des Predigers wegen vil Ketzere gebrant." Und Konrads Gehilfe, der Dominikaner Bruder Konrad Dorso hat "wol dusend gebrant" (zit. nach Deschner, a.a.O., Seite 256 f.). Als dritter im Bunde der führenden Inquisitoren gesellte sich ein fanatischer Kirchenhelfer im Laienstand (also kein Priester) namens Johannes dazu, der nur noch einen Arm und ein Auge hatte - markanter könnten die "Rollen" auch in einem apokalyptischen Kino-Epos (wie z. B. Der Herr der Ringe oder Star Wars) nicht verteilt sein.
Und die
Annales Colonienses schreiben weiter über die drei Haupt-Inquisitoren, Pater Konrad von Marburg, den Dominikanerpater Konrad Dorso und über Johannes "den Einäugigen": "Sie ließen in den Städten und Dörfern verhaften, wen sie nur wollten". Und die weltlichen Richter sind gezwungen, die Verdächtigen noch am selben Tage hinzurichten, auch wenn die Opfer noch in den Flammen ihren "reinen" römisch-katholischen Glauben unter grässlichen Qualen heraus schreien. Dabei verkehren die Inquisitoren das Jesuswort "So wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte" (Lukas 15, 7) in: "Es sei besser, dass von hundert Angezeigten neunundneunzig unschuldig sterben, wenn dabei nur ein einziger Ketzer getroffen werde" (Annales colonienses, max., I., S. 2, zit. nach www.bendorf-geschichte.de/bdf-0075.htm).
Was hier in Deutschland einmal mehr passiert, zeigt drastisch auf, wohin das Wirken der Kirche führt bzw. führen kann, wenn diesem freier Lauf gelassen wird. Und die mahnenden Worte des deutschen Philosophen Karl Jaspers sollte sich heute jeder Politiker zu Herzen nehmen. Demnach steht der "biblisch fundierte Ausschließlichkeitsanspruch" der Kirchen nach wie vor "ständig auf dem Sprung, von neuem die Scheiterhaufen für Ketzer zu entflammen"
(Der philosophische Glaube, 9. Auflage, München 1988, S. 73). Und es sind damals eben nicht nur aus katholischer Sicht die "Ketzer", die zu Opfern der Kirche werden, sondern man verbrennt viele überzeugte, aber wenig einflussreiche Katholiken "sicherheitshalber" gleich mit.

Karlheinz Deschner schreibt in der Kriminalgeschichte des Christentums: "Gregor [der Papst] gestattete ´Ketzern` keine Berufung. Anwälte, Notare, die ihnen beistanden, verloren, so befahl er, ´für immer ihr Amt`. Ja, sie gerieten in Gefahr, gleichfalls verbrannt zu werden; ebenso ´Ketzer`, die sich weigerten, Mitschuldige zu nennen. Sie verklagten Leute, ´ohne sie verklagen zu wollen; Dinge aussagend, von denen sie nichts wussten. Auch wagte es niemand, für jemand, der verklagt war, Fürsprache zu erheben oder auch nur Milderungsgründe vorzubringen, denn dann wurde er als Verteidiger der Ketzer betrachtet, und für diese und die Hehler der Ketzer waren vom Papste die gleichen Strafen wie für die Ketzer selbst bestimmt. Hatte jemand der Sekte abgeschworen und wurde rückfällig, so wurde er, ohne noch einmal widerrufen zu können, verbrannt` (Gesta Treverorum) - bald ein allgemeiner Grundsatz" (a.a.O., S. 257).
Konrad von Marburg badet förmlich im Blut seiner Opfer, und die Kirche triumphiert und erlebt in Deutschland einen neuen grausigen Höhepunkt ihrer Macht.

Elisabeths Tod

In dieser Situation hält Elisabeth der Kirche die Treue, oder anderweitige Äußerungen von ihr werden von ihrem Gebieter Konrad von Marburg verschwiegen. Oder sie wird dafür zur Buße gezwungen, was durchaus denkbar ist. Elisabeth von Thüringen hatte ja ihren eigenen Willen und ihr eigenes natürliches Empfinden der Kirche geopfert, und sie pflegt in Marburg nun "rechtgläubige" Bedürftige, von denen sie deswegen zunehmend verehrt wird. Dabei hat sie große Mühe, ihren eigenen Alltag konzentriert zu regeln, und sie kann - ihren Dienerinnen zufolge, die sie auch in Marburg noch teilweise hatte, - weder kochen noch nähen. So berichten diese z. B. in ihrer Lebensbeschreibung über Elisabeth: "Diese an sich erbärmliche Speise, die sie wegen ihres Betens [auch noch] unaufmerksam zubereitete, schmeckte dann auch noch angebrannt." Oder: "Da geschah es dann manchmal, dass sie bei der Arbeit ihrer Hände in Gebet oder Beschauung versunken mit Augen und Herz mehr dem Himmel zugewandt war und eine Flamme oder ein Funke ihre armseligen Kleider ergriff, große Löcher hinein brannte und sie verdarb" (Libellus [Büchlein über ihre "Wunder"], zit. nach Karfunkel, Zeitschrift für erlebbare Geschichte, Nr. 70/2007). Da es jedoch anders lautende Berichte aus ihrer Zeit auf der Wartburg gibt, wonach sie neben dem Nähen auch anderweitig handwerklich tätig war, wird hier vermutlich ihr zunehmender innerer und äußerer Verfall in Marburg geschildert. Elisabeth hatte offenbar bereits auf der Wartburg psychische Probleme, die sich dann gegen Ende ihres kurzen Lebens mehr und mehr bis zum religiösen Wahn und zu Umnachtungs-Zuständen hin steigerten. Und vermutlich hatte sie sich in Marburg auch schon länger innerlich aus dem Leben verabschiedet, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie früh stirbt, was dann auch tatsächlich geschieht. So kann z. B. ihr medizinisch extrem fahrlässiges Küssen von ansteckenden offenen Wunden (siehe oben) auch als eigene Todessehnsucht gedeutet werden oder gar als versteckter Selbstmordversuch bzw. als "Fluchtversuch" in die jenseitige Welt. Denn in ihrer leidenden Seele haben sich, gleich einem Tumor, die von der Kirche indoktrinierten Vorstellungen ausgebreitet, im Jenseits wäre sie ihre irdischen Schwierigkeiten los, und dort würde sie glücklich sein - ein wohl verhängnisvoller Trugschluss. (Gemäß dem geistigen Wissen in vielen Religionen nimmt man alle seine Probleme mit; vgl. auch Der Theologe Nr. 2 zum Thema Reinkarnation.)

Zunächst wird noch berichtet, dass Elisabeth durch ihre Fürsorge ein stummes Kind zum Sprechen gebracht habe
(Hahn, a.a.O., S. 49). Sie selber wählt jedoch genau den entgegen gesetzten Weg und verstummt mehr und mehr. Es scheint tatsächlich fast wie ein Selbstmord auf Raten, womöglich aus der tiefen Verzweiflung in ihrer Seele über ihr von der Kirche missbrauchtes und gefangenes Leben. Dies wurde von den kirchlich Verantwortlichen im Elisabeth-Gedenkjahr natürlich bestritten. Demnach hätte sie sich "nur" überarbeitet und ihre Gesundheit nicht geschont. Doch selbst für diesen Fall wäre zu bedenken: Sie hat ihr Arbeitspensum ja nicht selbst festgelegt, sondern es wird für sie durch Konrad von Marburg so angeordnet bzw. von ihm kontrolliert. Ihr ganzes Tun wird ihr spätestens seit 1228 von der Kirche geboten - bei direkter oder indirekter Androhung von diesseitigem Scheiterhaufen und jenseitiger "ewiger Verdammnis" (vgl. dazu Der Theologe Nr. 19 - Es gibt keine ewige Verdammnis). Es gibt jedoch auch die kirchenfreundliche Sichtweise, dass Konrad umgekehrt versucht hätte, den Fanatismus von Elisabeth zu bremsen und "sie zur Mäßigung anzuhalten" (Karfunkel, Zeitschrift für erlebbare Geschichte, Nr. 70/2007). Demnach hätte Elisabeth ihre wahnhaften katholischen Vorstellungen verinnerlicht, und Konrad hätte diese in einigermaßen geordnete Bahnen zu lenken versucht. Unumstritten ist jedoch, dass Konrad Elisabeth kurz vor ihrem Tod noch alle Freundinnen entzog. Und das ist selbst für die fanatische Landgräfin zu viel: "Mit ihren Freundinnen traf sie sich heimlich. Schließlich hielt sie der Fülle der Belastungen jedoch nicht mehr stand" (Karfunkel, Zeitschrift für erlebbare Geschichte, Nr. 70/2007).
Elisabeth wird nun ernsthaft krank und steht nicht mehr auf. Zwölf Tage spricht sie in dieser Situation kein einziges Wort mehr, ist jetzt also völlig stumm; als ob sie darauf wartet, mit ihrem Körper nicht mehr einatmen zu müssen. Kurz vor ihrem Tod soll dann im Geist eine Gestalt an ihr Bett getreten sein, und Elisabeth richtet sich noch einmal auf und ruft ihr zu: "Flieh, flieh!"
(Herbert Hahn, Elisabeth von Thüringen, Dornach 1982) Wer diese Gestalt für Elisabeth ist und was die Landgräfin ihr genau mitteilen will, ist nicht bekannt. So läuft beim Sterben oft das bisherige Leben wie in einem Film zurück, und der Sterbende kann noch einmal für sich wägen, was er in seinem Leben richtig und was er falsch gemacht hat. Auch gewinnt er manchmal schon einen Einblick in das, was ihn im Jenseits als nächstes erwartet. So sieht er unter Umständen Verstorbene, die ihm aus der anderen Welt entgegen kommen. Die Gestalt könnte deshalb ihr im Vorfeld des Kreuzzugs ums Leben gekommene Mann Ludwig gewesen sein. Denkbar wäre aber auch, dass Elisabeth in einer Vision schon das tödliche Attentat auf Konrad von Marburg voraus sieht (siehe unten), und sie würde ihn dann vielleicht mit ihrem Rufen warnen wollen (5).
In diesem Fall wäre sie auch im Sterben noch dem katholischen Großinquisitor und seiner Schreckensherrschaft treu ergeben. Denkbar ist natürlich auch, dass sie in dieser Vision den in sie verliebten Kaiser Friedrich warnen will, aus den Fängen der Kirche zu "fliehen". Eine Deutung, so aufschlussreich sie wäre, wenn sie stimmt, bleibt Spekulation. Man weiß nicht, was in ihrem Unterbewusstsein und in ihrer Seele hier wirklich vorging. 
Am 17.11.1231 ist Elisabeth von Thüringen dann tot und nicht 3 1/2 Jahre später "heilig".
Das entspricht dem Wesen der Kirche: Denn wer an ihr zerbricht, ohne sich jedoch gegen sie zu erheben, dem kann es passieren, von ihr später völlig vereinnahmt zu werden: als "Heiliger" oder "Heilige". Und Elisabeth bleibt ein gehorsames und zuletzt ganz verstummtes "Kind" der aufs Ganze gesehen wohl brutalsten Machtorganisation der Weltgeschichte
(siehe Zitat oben). Doch wenn der Mensch sich nicht wehrt bzw. sich noch nicht wehrt, fangen vielleicht irgendwann die Steine an zu schreien.

Der Leichenkult

Gleich nachdem Elisabeths Leiche aufgebahrt wird, fällt der nach Reliquien gierige katholische Mob über sie her. Es werden Stücke der Tücher abgerissen, mit denen ihr Körper bedeckt ist. Andere Katholiken reißen ihr Haare aus oder schneiden sie ab oder ihre Finger- und Fußnägel; und wieder andere schneiden ihr sogar die Brustwarzen, Teile ihrer Ohren und einen Finger ab. Und Konrad von Marburg setzt sofort alle Hebel für die "Heiligsprechung" in Bewegung - was zur Folge hat, dass Marburg bald zum Wallfahrtsort wird. Die Sozialeinrichtungen werden dank weiterer Unterstützung von Elisabeths Schwager und jetzigem Thüringer Landgrafen Heinrich Raspe erweitert und bald dem Deutschen Orden geschenkt (6). Ein "Wunder" nach dem anderen wird jetzt an Elisabeths Grab berichtet, und neben zahllosen Krankenheilungen soll die Verstorbene auch acht Totenerweckungen vollbracht haben. Die Legenden blühen. Im Jahr 1235 wird zudem mit dem Bau der mächtigen Elisabethkirche begonnen, die im Jahr 1283 als erster oder - neben der Liebfrauenkirche in  Trier - zweiter gotischer Kirchenbau in Deutschland fertig gestellt wird.

Für einen skurrilen Höhepunkt des Andenkens an Elisabeth sorgt
Kaiser Friedrich II., der verschmähte Liebhaber, der Elisabeth gerne zur Ehefrau und Kaiserin gemacht hätte. Im Jahr 1236 lässt er ihr Skelett auf dem Altar der neuen Elisabethkirche in Marburg ablegen. Dann lässt er ihren Totenschädel vom übrigen Körper abtrennen. Nachdem sich die lebende Elisabeth nicht neben ihn gelegt hatte, nimmt er dafür jetzt ihren Schädel in Besitz. Er legt ihr Haupt anschließend auf einen wertvollen Becher und setzt dem Schädel Elisabeths eigenhändig eine von ihm gestiftete Kaiserinnen-Krone auf.
Diese makabre, bizarre und zugleich rührige Inszenierung ist auf ihre Weise zumindest ehrlich. Gegenüber dem Geheuchel der Kirche zeigt der Kaiser hier noch einmal seine innigen Gefühle gegenüber Elisabeth und betrauert damit seinen gescheiterten Lebenstraum einer Ehe mit ihr und einem gemeinsamen Leben als Kaiser und Kaiserin. So führt dieses gespenstische Szenario auch drastisch vor Augen:
Es hätte sein können, wenn Elisabeth gewollt hätte, doch diese Vision des Kaisers ist jetzt endgültig gescheitert. Elisabeth hatte es nicht gewollt.
Ungeklärt bleibt dabei die Frage, ob die Gefühle nicht vielleicht doch beidseitig waren und Elisabeth sie nur nicht zugegeben hat. Und ungeklärt bleibt auch die kühne Spekulation, ob Friedrich II. beim Tod beider Ehepartner (von Elisabeths Ehemann, Landgraf Ludwig und seiner eigenen Ehefrau, Kaiserin Isabella) vielleicht ein wenig nachgeholfen haben könnte
(siehe oben). Gegen eine Verbindung von Friedrich und Elisabeth standen auf jeden Fall die Gelübde von Elisabeth von Thüringen, deren Bruch eventuell dazu geführt hätte, dass Konrad die Kaiserin dann zum Tode verurteilt und sie auf diese Weise wieder in seine Gewalt zu bekommen versucht. Maßgeblich waren aber vermutlich auch Elisabeths gefühlsmäßige Bindungen an ihren "Beichtvater" Konrad, so dass die Gelübde in diesem Fall auch ein Spiegelbild ihrer inneren Abhängigkeit von Konrad und von der Kirche wären (vgl. (5))
.
Und ob es Friedrich und Elisabeth als Kaiserpaar wirklich zusammen geschafft hätten, die totalitäre Schreckensherrschaft der Kirche in Deutschland wenigstens einzudämmen, bleibt nicht mehr als eine These. Denn offenbar tat Elisabeth nichts Nachweisliches, um wenigstens in ihrem Umfeld die Menschen vor den kirchlichen Massakern zu schützen. Und Konrad von Marburg steigert nach Elisabeths Tod sogar noch einmal den Vernichtungsfeldzug gegen die nicht "rechtgläubigen" Teile der deutschen Bevölkerung - im Auftrag von Papst Gregor IX. und auch im Auftrag von Kaiser Friedrich II.

Die tote Elisabeth als Vorzeige-Frau der mörderischen Inquisition

So hatte zunächst der Papst die Inquisition bereits erheblich verschärft (siehe oben). Jetzt folgt auch noch der Kaiser. Auch Friedrich II., so heißt es, wolle jetzt noch "schärfer gegen die Ketzer in Deutschland vorgehen". Die ihm von der Kirche indoktrinierte Begründung lautet dabei: "Ketzer stellten die Ordnung in Frage, und damit auch seine Autorität". Und "ausgerechnet der Kaiser, der selbst alles und jedes in Frage stellte, erließ nun Gesetze, die man modern als Notstandsgesetze bezeichnen würde: das bisher gültige Untersuchungs- und Bekehrungsverfahren wurde aufgehoben, dafür konnten die Inquisitoren nach eigenem Ermessen und mit aller Vollmacht handeln - auch gegen Helfer und Verteidiger von Ketzern … Außerdem werden Belohnungen und Privilegien für das Denunzieren von Ketzern zugesagt" (www.rheindrache.de/heinrich.html). Und um Andersdenkende in Deutschland komplett auszurotten, weitet der Beauftragte der Kirche, Konrad von Marburg, auch den Einsatz der grauenhaften Folter noch einmal aus (Zum Einsatz der Folter bei der Inquisition siehe www.theologe.de/LInquisition.htm). Es ist tiefschwarze Nacht in Mitteleuropa, und Elisabeth soll jetzt als neue "Heilige" dem monströsen Grauen der Kirche wenigstens eine glänzende Fassade verschaffen. Am 27. Mai 1235 wird sie in Perugia in Rekordzeit "heilig" gesprochen. Und Papst Gregor IX. erläutert in der Urkunde zur Heiligsprechung, "er hoffe, die Heilige werde zur Mehrung des rechten Glaubens beitragen, den Ungläubigen den Weg der Wahrheit vor Augen führen und die Ketzer verwirren" (Norbert Ohler, Vom Hoffen auf ein Wunder, in: Damals - Das Magazin für Geschichte und Kultur, Nr. 7/2007). Neben den urchristlichen Katharern sind dies vor allem die Waldenser, die sich wie die Katharer bzw. Albigenser an Jesus von Nazareth orientieren und ihr damaliges Zentrum im französischen Lyon haben.
Professor Dr. Ohler schreibt: "Nachdem die hochverehrte Landgräfin offiziell heilig gesprochen war, konnte man den Waldensern und Albigensern entgegenhalten: ´Schaut, wir verehren eine wahrhaft christliche Frau.`" Im Umkehrschluss wird den Urchristen das "Christentum" abgesprochen, und sie werden unter der Führung von Konrad von Marburg grausam verfolgt.
Die wahnhafte und zynische Bösartigkeit des Vertrauten der "heiligen Elisabeth" bestätigt auch Professor Dr. Alexander Patschovsky von der Universität Konstanz. Er schreibt: "Man warf Konrad vor, nicht nur Ketzer, sondern auch massenhaft unschuldige Christgläubige [Anmerkung: also hörige und folgsame Katholiken] auf den Scheiterhaufen gebracht zu haben, weil er ... dem Angeklagten nur die Wahl zwischen entehrendem Geständnis [was die Todesstrafe nach sich zog] und dem Tod ließ [wenn er nicht gestand]. Dabei wusste Konrad wohl, was er tat: Wer [aus kirchlicher Sicht] unschuldig starb, weil er nicht gestand, was er nicht getan hatte, ... dem soll Konrad das Martyrium versprochen haben - also die Korrektur des Urteils im Jenseits"
(Prof. Dr. Alexander Patschinsky, Der erbarmungslose Inquisitor, in: Damals - Das Magazin für Geschichte und Kultur, Nr. 7/2007)
.

Der Prozess gegen Elisabeths Verwandten Heinrich III.

Eine kurzfristige Veränderung zum Positiven erreicht dann 1233 der von Konrad für den Scheiterhaufen vorher gesehene Heinrich III. von Sayn, ein Verwandter Elisabeths von Thüringen. Heinrich reagiert empört auf die Anklage Konrads, ein "Ketzerfreund" zu sein, da man ihm aus römisch-katholischer Sicht wohl tatsächlich nichts vorwerfen kann. Doch Konrad kann den Grafen ja mittlerweile auch ohne Untersuchung hinrichten lassen, und eventuell hat er dafür ein privates Motiv. Heinrich III. und seine Frau Mechthild stehen nämlich im Verdacht, dass ihnen Elisabeth möglicherweise intime Details über sich und ihn, den Großinquisitor, erzählt haben könnte. Doch Konrads mögliche Angst vor Enthüllungen oder vor Berichten über Elisabeths Leben, die nicht in sein "Heiligenbild" passen, ist offenbar unbegründet. Dennoch will er Heinrich auf jeden Fall umbringen lassen. Vielleicht einfach "sicherheitshalber". Doch Heinrich kämpft um seine kirchliche Anerkennung. So erreicht er es, dass der Mainzer Erzbischof Siegfried III. ein Sendgericht im Mainzer Dom einberuft, bei dem über die Anklage Konrads gegen Heinrich verhandelt werden soll. Die Chancen für Heinrich III. von Sayn sind dabei ungewiss. Einerseits ist Konrad zwar den deutschen Erzbischöfen mittlerweile zu mächtig, und sie überlegen, vom Papst eine Korrektur von dessen Vollmachten zu ihren eigenen Gunsten zu erwirken. Doch andererseits sitzt Konrad von Marburg als heimlicher Herrscher Deutschlands zu diesem Zeitpunkt immer noch auf dem hohen Ross. So reist er zwar zum Mainzer Sendgericht, stellt jedoch "von Anfang an klar, dass er im Auftrag des Papstes und des Kaisers handele, dass es keine höhere Instanz als sein Gericht gäbe, und dass ein Sendgericht seine Vollmachten nicht einschränken und sein Urteil nicht aufheben könne" (www.rheindrache.de/heinrich.html). Konrad von Marburg redet auf diese Weise Klartext und unterstreicht seinen Anspruch, unter den Anwesenden unangefochten der mächtigste Mann zu sein. Und erwartungsgemäß fordert er im Mainzer Dom dann auch die Todesstrafe für Graf Heinrich III. Dabei bemüht er sich nicht einmal, die Rechtsvorschriften eines Sendgerichts zu respektieren, da er sich selbst ja sowieso "höher stehend" wähnt.
Während Heinrich III. nämlich krampfhaft zahlreiche Zeugen aufbietet, die seine "Unschuld" bestätigen, erklärt Konrad von Marburg heuchelnd, seine Zeugen möchten aus Angst vor Graf Heinrich und seinen Rittern anonym bleiben, und auch er selbst, Konrad, möchte "im Haus Gottes" nicht diese "ungeheuerlichen Dinge" wiederholen, die Heinrich III. angeblich gesagt habe und weswegen er jetzt hingerichtet werden soll (7). Dabei wird Konrad als der "Sektenbeauftragte" des Vatikan auch von König Heinrich VII., dem Sohn von Kaiser Friedrich II., unterstützt. Und da Konrads absolutistische juristische Vollmachten ja ohnehin höher stehen als die Macht des Mainzer Sendgerichts, scheint die Macht des Inquisitors doppelt abgesichert. So rechnet Konrad von Marburg aufgrund dieser klaren "Rechtslage" zu seinen Gunsten mit der sofortigen Verbrennung Heinrichs III. von Sayn, und dessen Leben scheint verloren. Doch vielleicht ist es die bodenlose Dreistigkeit, mit der Konrad glaubt, sich sogar das Verlesen einer Anklage ersparen zu können, die den König irritiert, während der Beschuldigte verzweifelt um sein Leben kämpft. Womöglich ist das Gewissen des Königs berührt, und so gibt König Heinrich VII. am Ende der Verhandlung plötzlich zu bedenken, dass aus seiner, des Königs Sicht, Heinrichs III. Schuld noch nicht erwiesen sei. Als Sohn des Kaisers schlage er deshalb vor, dass der Fall direkt Papst Gregor IX. in Rom vorgetragen werden solle, bevor ein endgültiges Urteil gesprochen und vollzogen würde. Dieser Vorschlag bedeutet die unerwartete Wende im Prozess.
Konrad von Marburg ist über diesen Vorschlag zerknirscht und irritiert. Doch kann er sich vor allen versammelten kirchlichen und staatlichen Gewalten die Blöße geben, sich einer Anfrage an den Papst, den "Lenker des Erdkreises", zu widersetzen?  Auch wenn er, Konrad, unter allen Anwesenden über die absoluten Machtbefugnisse verfügt? Er kann es wohl nicht. Denn wäre der Papst selbst anwesend, stünde dieser in der Hierarchie eben noch über Konrad.

So wird durch diesen klugen Schachzug von König Heinrich VII. das Leben von Graf Heinrich III. von Sayn in letzter Minute wenigstens vorerst gerettet. Doch der gerade noch dem Scheiterhaufen entronnene Graf weiß genau, dass er letztlich nur einen Aufschub erwirkt hat und sein Leben weiterhin am seidenen Faden hängt. Denn der Inquisitions-Beauftragte des Vatikan könnte jederzeit andernorts durch ein Standgericht zuschlagen und ihn trotzdem umbringen lassen - und zwar standgerichtlich, bevor eine Antwort des Papstes aus Rom eingetroffen sein würde. So entschließt sich Heinrich III. unter diesem Umständen zu einer Art Notwehr und erteilt offenbar einigen von seinen Rittern einen Auftrag, um möglichen hinterhältigen Plänen Konrads zuvor zu kommen ...

Konrad von Marburg ereilt sein Schicksal

Auf dem Rückweg von Mainz nach Marburg ahmt Konrad wie immer den Ritt von Jesus auf einem Esel nach, und er reist mit seinen Begleitern auf Maultieren. Diesmal wird aber - anders als sonst - seine Rückkehr schon mit innerer Anspannung erwartet. Es ist der 30.7.1233, als kurz vor Marburg nahe dem Ort Beltershausen sechs Reiter mit ihren Pferden auf der Lauer liegen und nach Konrad Ausschau halten. Denn die Reiseroute von Konrad von Marburg soll hier vorbeiführen. Schließlich tauchen die Maultiere mit Konrad und seinen Begleitern tatsächlich in der Ferne auf, und die letzten Augenblicke im Leben des Inquisitors beginnen. Als Konrad gerade am Versteck der Reiter vorbei ziehen will, stürmen diese aus ihrer Tarnung heraus und greifen an. Konrad von Marburg soll um sein Leben gefleht haben. Doch so wie Konrad den Ruf Tausender um Gnade ignoriert hat, so wird auch ihm keine Gnade gewährt. Die Männer schlagen Konrad und wahrscheinlich auch seine Begleiter (darunter der Franziskaner Gerhard Lutzelkolb) zusammen, bis sie sich nicht mehr rühren.

Nur kurze Zeit später wird auch der Dominikaner-Inquisitor, Pater Konrad Dors, in Straßburg erschlagen (fuit occisus), während der dritte Inquisitor, Johannes "der Einäugige", von einer wütenden Menge in Friedberg/Hessen aufgehängt wird (suspensus)
(Wormser Bischofschronik, editio Boos, S. 169, 33 f.).
 
Als man Gregor IX. den gewaltsamen Tod von Konrad von Marburg meldet und der Papst einsehen muss, dass ihm der kurz zuvor noch hoch gelobte "Brautführer der Kirche" und der "Diener des Lichts" nun nichts mehr nützt, lässt er ihn sofort nachträglich fallen. Mit heuchlerischen Worten über das Verhalten Konrads schreibt er an den Erzbischof von Mainz: "Ein solches Elend, wie Ihr uns geschildert habt, dulden wir nicht!": Und er "zieht" in diesem Brief zudem die absolutistischen Vollmachten für Konrad von Marburg "zurück". Wohlgemerkt: nach dessen Tod. Unmittelbar zuvor waren die Machtverhältnisse noch ganz anders.
So ist die Anfrage des Mainzer Sendgerichts an den Papst in Sachen Heinrich III. von Sayn z. B. nie im Vatikan angekommen, und das Misstrauen des Grafen und seiner Freunde war folglich nur allzu berechtigt. Doch unmittelbar nach dem Tod von Konrad von Marburg erfolgt nun der für die Kirche typische Seitenwechsel. Er erfolgt in der Geschichte immer dann, wenn es für ihren umfassenden Herrschaftsanspruch nützlich bzw. notwendig ist (8).

Das Skelett von Konrad von Marburg wird heute ausgerechnet neben dem Skelett von Elisabeth von Thüringen in der evangelischen Elisabethkirche (bzw. Elisabethenkirche) in Marburg in "Ehren" gehalten. An Elisabeths Skelett fehlt jedoch der Kopf, den damals Kaiser Friedrich II. hat abtrennen lassen und der heute in Wien in der Klosterkirche zur Heiligen Elisabeth aufbewahrt wird. Irgendjemand riss auch noch einmal irgendwann einen Arm von Elisabeths Leiche ab. Dieser wird heute im Schloss der Fürsten zu Sayn-Wittgenstein in Sayn im Westerwald bei Koblenz als Reliquie aufbewahrt. Die übrigen Leichenteile legte man im Jahr 1249 in einen eigens dafür angefertigten Reliquienschrein aus Gold.

 

Der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter
über Konrad von Marburg und Elisabeth von Thüringen
:

Konrad will seine Untaten
durch Elisabeth absegnen lassen

Nachfolgend einige Ausschnitte aus einem Vortrag  des bekannten Psychoanalytikers Dr. Horst Eberhard Richter am 6.11.2006 in der Urania in Berlin. Horst Eberhard Richter ist Mitbegründer der bundesdeutschen Sektion des IPPNW (Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, Ärzte in sozialer Verantwortung), die 1985 den Friedensnobelpreis erhielt. In seinem Vortrag zum Thema "Folter und Humanität" zitiert der Psychoanalytiker Papst Innozenz III., der Anfang des 13. Jahrhunderts zugibt: "Jede Verderbnis im Volk geht in erster Linie vom Klerus aus." Horst Eberhard Richter folgert aus diesem Satz des Papstes weiter:
 
"
Da besinnt sich die Kirche auf ein alterprobtes Herrschaftsmittel, indem sie sich selbst durch Ablenkung des allgemeinen Unmuts auf Sündenböcke aus der Schusslinie bringt. Als solche Sündenböcke bieten sich Scharen der Glaubensabweichler an. Unter diesen erscheinen die Katharer besonders gefährlich, weil sie sich von der katholischen Kirche gerade wegen deren Verweltlichung und Ausschweifungen abgewandt haben. So ziehen sie gewissermaßen als lebendiger Vorwurf besonderen Hass des Klerus auf sich."

"
Das Startsignal für die europäische Inquisition gibt Papst Gregor IX. im Jahre 1231. Da ernennt er den Magister Konrad von Marburg offiziell zum Aufspüren von Ketzern und stattet ihn mit einer Vollmacht für eine Sondergerichtsbarkeit aus. Dieser Konrad wütet fortan mit Anklagen und Verbrennungen im Lande. Er entfacht, wie es heißt, einen regelrechten Feuersturm. Seine Gnadenlosigkeit stößt bald auf Kritik, nicht aber bei Papst Gregor, der ihn konsequent deckt. Gregor IX., eine der herausragenden Papstgestalten des hohen Mittelalters, ist von gleicher schonungsloser Härte wie Konrad. Sie zeigt sich in seinen brutalen Anordnungen bei der Organisation der Inquisitionspraxis. Rechtsanwälte und Notare dürfen den Beschuldigten nicht beistehen. Diese dürfen nicht mehr testamentarisch über ihren Besitz verfügen. Kinder und Enkel werden in Sippenhaft einbezogen."

"Zu allen Zeiten suchten und suchen die Verantwortlichen für organisierte Grausamkeit nach Legitimation durch den Allerhöchsten. Das Bild der Barbarei wird mit Beweisen christlichen Edelsinns übermalt, etwa durch demonstrative Bindung an allerseits verehrte Heilsfiguren.
So tut sich Konrad von Marburg mit der später heilig gesprochenen Elisabeth zusammen und wacht als Beichtvater über ihre strenge Askese und über ihre bedingungslose Hingabe als karitative Wohltäterin. Dabei verrät sein fanatischer erzieherischer Eifer, den er dabei an den Tag legt, dass er eigentlich für sich selbst kämpft. Er will Elisabeth dem Himmel und seiner Umgebung als sein eigenes besseres Selbst vorzeigen und seine Untaten durch sie absegnen lassen."

"Papst Gregor hat sich nach demselben Muster gleich zwei Entlastungszeugen besorgt. Es sind Franziskus und Klara von Assisi
(vgl. unten) ... Helmut Feld, der bekannte Franziskus-Forscher, erkennt hier den schlichten Versuch des Papstes, bei Klara so etwas wie eine eigene Rechtsschutzversicherung für das Jüngste Gericht abzuschließen ... Papst Gregor vergießt bei der Beerdigung von Franziskus einen Strom von Tränen und spricht diesen 1228 und Klara 1235 heilig, ohne die Verfolgung von Glaubensabweichlern im geringsten abzumildern."

(zit. nach http://www.psychanalyse.lu/articles/RichterFolter.htm; dort ist der gesamte Vortrag veröffentlicht)

PS: Unser Vorschlag für die Zeit nach dem Elisabethjahr 2007:
Ein Mahnmal für die Opfer der Kirche in Marburg
(vgl. dazu Der Theologe Nr. 60)


Anmerkungen:

(1)
PS: Der deutsche Staat zahlt bis heute die Gehälter der katholischen und evangelischen Kirchenoberen und subventioniert den innerkirchlichen Betrieb zudem mit jährlichen Milliardenzahlungen; vgl. dazu www.stop-kirchensubventionen.de.

(2) Vgl. dazu den Klassiker von Arnold Toynbee, Menschheit und Mutter Erde, Die Geschichte der großen Zivilisationen, Propyläen-Verlag, 1972. Darin heißt es: "Dem heiligen Franz wäre viel seelische Qual erspart geblieben, wenn er bei seinem ersten Zusammenstoß mit der Kurie den Märtyrertod gestorben wäre. Statt dessen musste er erleben, wie seine nun vom Heiligen Stuhl institutionalisierte Bruderschaft in den Händen des Kardinals Ugolino und des Bruders Elias eine Gestalt annahm, die mit seiner ursprünglichen Vorstellung von einem christusgleichen Leben nur noch wenig Ähnlichkeit zeigte" (S. 397).Man sieht ihm an, dass er Finsteres im Sinn hat

(3) Der franziskanische Wanderprediger Johannes Capistranus (Foto rechts) war Kreuzzugs-Prediger gegen Moslems, Hussiten (bei denen es Gemeinsamkeiten zum Urchristentum gab) und Juden. So fanden Judenermordungen unmittelbar nach Predigten von Capistranus statt. In Jawor in Polen wurden als Reaktion auf eine Predigt des Franziskaners z. B. 17 Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Capistranus wurde 1690 heilig gesprochen, und er gilt seither als Schutzpatron für die römisch-katholischen Anwälte. Zu seinen Ehren ist auch die Capistrangasse in Wien benannt.

(4) So sind beispielsweise die heutigen kirchlichen Sozialdienste in Deutschland zu fast 100 % staatsfinanziert, während die beiden Großkirchen auf der anderen Seite ein Vermögen von hochgerechnet ca. 500 Milliarden Euro hüten (Carsten Frerk, Finanzen und Vermögen der Kirche in Deutschland, Aschaffenburg 2002). Die Kirchen lassen sich aber gerne als soziale Wohltäter loben, weil die meisten Menschen nicht wissen, woher das Geld für die Sozialleistungen wirklich kommt.
Zur Entwicklung des kirchlichen Reichtums siehe auch die Schrift:
Der Reichtum der Kirche ist Blutgeld

(5) Bei einem sadomasochistischen Verhältnis wie bei Elisabeth von Thüringen (der Geschlagenen und Gequälten) und dem Inquisitor Konrad von Marburg (dem Schläger und Peiniger) gibt es unterschwellig oft eine extreme gegenseitige Abhängigkeit mit starken beidseitigen Gefühlen. Verklärend schreibt die bekannte US-Schauspielerin Angelina Jolie in ihrer gleichnamigen Autobiografie dazu sogar: "SM [Sadomaso] kann leicht als Gewalt missverstanden werden. Aber in Wahrheit geht es dabei um Vertrauen" (zit. nach Bild, 24.3.2007). So ist es denkbar, dass auch Elisabeth von Thüringen ihrem Gebieter und Peiniger Konrad von Marburg bis in die Todesstunde hinein in diesem Sinne "vertraute".

(6) Der Deutsche Orden wäre 2001 pleite gewesen; er wurde aber durch eine Rechtsbeugung des Freistaats Bayerns vom Staat, d. h. den bayerischen Steuerzahlern, aufgefangen; mehr dazu hier; wie meistens zahlte der Staat wieder einmal für die Kirche.

(7) Auch hier eine erschreckende Parallele zur Gegenwart: Verleumder von religiösen Minderheiten sagen oft anonym und im Fernsehen mit dem Rücken zur Kamera bzw. mit verzerrt dargestelltem Gesicht oder mit verzerrter Stimme aus; angeblich aus Angst vor denen, die sie beschuldigen. Mit einer solchen Vorführung in den Medien versuchen die Kirche und ihre Helfer, eine angebliche "Bedrohung" durch eine "Sekte" noch zu steigern. Manchmal ist das ganze Szenario zusätzlich mit düsterer Musik unterlegt.

(8) Vgl. der Seitenwechsel im Mai 1945, als aus kirchlichen Unterstützern für Adolf Hitler von einer auf die andere Woche plötzlich ehemalige "Widerstandskämpfer" wurden.

(9) Die Ordenszugehörigkeit von Konrad von Marburg gilt als umstritten, doch am ehesten war er Franziskaner - ein Orden, der erst im Jahr 1210, also zu Lebzeiten von Konrad (ca. 1180-1235) gegründet wurde. Dafür spricht z. B.: Es waren Franziskaner, die in Missionsabsicht nach Deutschland und auch an den Hof nach Eisenach kamen. Dabei rief man von Anfang an zum Kreuzzug auf und engagierte sich in der Inquisition. Elisabeth von Thüringen wurde schließlich von Konrad und den Franziskanern in Eisenach in den "Dritten Orden" der Franziskaner aufgenommen. Hinzu kommt die extrem asketische "franziskanische" Lebensführung Konrads. Dazu passt auch ein mittelalterliche Abbildung, auf der er am ehesten eine franziskanische Bekleidung tragen könnte. Und am Rande bemerkt: Zumindest ein nachgewiesener Franziskaner, Gerhard Lutzelkolb, wurde auch als Begleiter Konrads zusammen mit diesem erschlagen.
In
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_bedeutender_Franziskaner wird Konrad von Marburg passend dazu in der "Liste der bedeutenden Franziskaner" aufgeführt.
Da die Beurteilung Konrads in jüngerer Zeit immer kritischer wurde, gibt es allerdings auch den Wunsch, die Franziskaner von ihm zu "entlasten". Bzw. es gibt unabhängig davon andere Überlegungen: So wird er gelegentlich als "Prämonstratenser" bezeichnet (ein Orden, der 1120 von Norbert von Xanten gegründet worden war). Diese Einschätzung beruht auf dem Sachverhalt, dass er "gute Kontakte" zum Prämonstratenserinnen-Kloster Altenburg (deren spätere Äbtissin Elisabeths Tochter Gertrud wurde) hatte, und weil es eine entsprechende umstrittene Notiz aus dem 15. Jahrhundert gibt. Andere vermuten, er wäre Dominikaner gewesen, der Hauptorden der Inquisition. Doch beides ist eher unwahrscheinlich.* Eventuell gehörte Konrad von Marburg überhaupt keinem Orden an. Denkbar ist auch, dass Konrad zunächst im Auftrag der Franziskaner predigte und dann vom Papst in dessen unmittelbaren Dienst gestellt wurde, wobei man auch in dieser Funktion zumindest theoretisch in seinen Orden eingebunden bliebe.
In vielen Publikationen wird die Ordenszugehörigkeit von Konrad von Marburg aufgrund dieses nicht eindeutigen Befunds deshalb gar nicht thematisiert.

* PS: Professor Alexander Patschovsky von der Universität Konstanz schreibt dazu: "Zu Einzelfragen von Konrads Vita, namentlich seiner Ordenszugehörigkeit, vgl. Karl Hermann May, Zur Geschichte Konrads von Marburg, Hessisches Jb. für LG 1 (1951) S. 87-109, dessen Eintreten für Zugehörigkeit Konrads zum Prämonstratenserorden, in der Hauptsache aufgrund eines späten Zeugnisses aus dem 15. Jahrhundert, mich nicht überzeugt (mit guten Gründen ablehnend zuletzt auch W. M. Grauwen, Was de inquisiteur Koenraad van Marburg [1233] een premonstratenzer?, Analecta Praemonstratensia 52, 1976, S. 212-224)." (Alexander Patschovsky, Zur Ketzerverfolgung Konrads von Marburg, Deutsches Archiv für  Erforschung des Mittelalters, Band 37, Köln 1981, S. 641 ff., zit. nach http://www.uni-konstanz.de/FuF/Philo/Geschichte/Patschovsky/aufsaetze/Inhalt/v/v.html)
 

"Nach intensiver Beschäftigung mit der Geschichte des Christentums kenne ich in Antike, Mittelalter und Neuzeit, einschließlich und besonders des 20. Jahrhunderts, keine Organisation der Welt, die zugleich so lange, so fortgesetzt und so scheußlich mit Verbrechen belastet ist wie die christliche Kirche, ganz besonders die römisch katholische Kirche."
(Der Historiker Karlheinz Deschner in: Die beleidigte Kirche, Freiburg 1986, S. 42 f.)

"Und ein Engel rief mit mächtiger Stimme: ´Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die Große, und ist eine Behausung der Teufel geworden und ein Gefängnis aller unreinen Geister ...` Und ich hörte eine andere Stimme vom Himmel, die sprach: ´Ziehet aus aus ihr, mein Volk, dass ihr nicht teilhabt an ihren Sünden und nichts empfangt von ihren Plagen! Denn ihre Sünden reichen bis an den Himmel.`"

(Bibel, Offenbarung 18, 2.4 f. über "Babylon", eine symbolische Bezeichnung für die Stadt Rom, denn die Stadt Babylon war damals längst untergegangen. Nach Auslegung vieler Bibel-Experten ist mit Babylon die endzeitliche Kirche gemeint, die ihren Hauptsitz in Rom hat.)

 

Der Text  kann wie folgt zitiert werden:
Zeitschrift "Der Theologe", Hrsg. Dieter Potzel, Ausgabe Nr. 30: Die "heilige" Elisabeth von Thüringen und ihr kirchlicher Gebieter Konrad von Marburg, Wertheim 2006, zit. nach http://www.theologe.de/elisabeth_von_thueringen.htm, Fassung vom 14.1.2015,
Copyright © und Impressum siehe hier.

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