DER THEOLOGE
Nr. 9


Exorzismus - Todesfalle Kirche

Warum musste
Anneliese Michel sterben?


Einleitung:
Die Opfer der Kirche, die in früheren Zeiten auf den Scheiterhaufen der Inquisition verbrannten oder anderweitig hingerichtet wurden, galten ihren Richtern meist als vom Teufel oder von Dämonen besessen. Unter Folter hatte man den Menschen zuvor entsprechende Geständnisse abgepresst. Und der Glaube, dass Andersgläubige mit dem "Teufel" im Bunde sein könnten, ist auch heute noch in der kirchlichen Bevölkerung lebendig - allerdings weniger als Vorstellung, dass die "Mächte des Bösen" hier personhaft, direkt und unmittelbar am Werk seien. Sondern man wähnt "Teufel" und "Dämonen" mehr im Hintergrund. Als jedoch die 23jährige Anneliese Michel aus Klingenberg am Main im unterfränkischen Landkreis Miltenberg am 1.Juli 1976 starb, glaubten viele Katholiken, diese junge Frau wäre tatsächlich vom "Teufel" und von leibhaftigen Dämonen besessen gewesen. Anders als die gefolterten und hingerichteten "Hexen" früherer Zeiten war Anneliese Michel jedoch eine überzeugte Katholikin. Und anders als bei den "Besessenen" früherer Zeiten, die man seither überwiegend in der Hölle vermutet, überwiegt im Hinblick auf Anneliese Michel der Glaube, sie hätte nach ihrem Tod die "ewige Seligkeit" erreicht. Und so kann man fragen: Was ist hier eigentlich passiert? Wie hat Anneliese Michel gelebt? Und wie ist sie gestorben?

Als die junge Frau starb, wog sie nur noch 31 kg. Zuletzt verweigerte sie die Nahrungsaufnahme. Als die Tragödie öffentlich wurde, fragten sich viele: Hätte sie verhindert werden können? Und nicht der "Teufel" geriet jetzt ins Visier der Ermittler, sondern diejenigen, die ihn "austreiben" wollten. So ist z. B. eine wesentliche Frage: Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Tod von Anneliese Michel und dem offiziellen römisch-katholischen Exorzismus, der in den Monaten vor ihrem Tod 67 mal an ihr durchgeführt wurde? Der Würzburger Bischof Josef Stangl hatte die Teufelsaustreibung an der Pädagogikstudentin genehmigt. Doch was als "Gottes" Hilfe gedacht war, hat offensichtlich alles nur noch schlimmer gemacht. Untersucht man die näheren Umstände dieses Schicksals, zeigt sich, dass der römisch-katholische Glaube der jungen Frau für sie eine Sackgasse war, aus der schließlich kein Weg zurück ins Leben mehr möglich war.

Dass in Klingenberg nur die Spitze eines Eisbergs sichtbar wurde, deutet der Exorzismus-Experte Pater Adolf Rodewyk an, der im Auftrag der römisch-katholischen Kirche die "Teufelsaustreibungen" an Anneliese Michel geprüft hatte und diese nicht beanstandete. Und der Jesuit gab weiterhin zu: "Sie können annehmen, dass es immer Fälle von Besessenheit gibt. Sie kommen wenig in die Öffentlichkeit, aber es läuft immer was" (Main-Echo, 7.4.1978). Und auf die Frage, ob es auch schon ähnliche Fälle mit tödlichem Ausgang gegeben habe, antwortete der Exorzist Rodewyk: "Ja, natürlich."
Im Ausland wird anscheinend offener über das Thema gesprochen. "In Frankreich werden allein im Großraum Paris jährlich etwa 1.500 Exorzismen durchgeführt
", so der Jesuit und ehemalige katholische Weltanschauungsbeauftragte des Bistums Würzburg, Alfred Singer, in einem Interview 31 Jahre nach dem Tod von Anneliese Michel (Main-Post, 9.7.2007). Doch auch in Deutschland finden weiterhin kirchliche "Teufelsaustreibungen" statt (siehe z. B. aktuell unten, auch im Protestantismus).

 

Bücher über Anneliese Michel und Exorzismus

Die unterschiedlichen Bücher über Anneliese Michel (1952-1976) - Die US-amerikanische Anthropologin Felicitas D. Goodman vertritt (trotz ihrer offiziell protestantischen Konfession) die Sichtweise der katholischen Exorzisten, während der deutsche evangelische Theologe Uwe Wolff die Ereignisse tiefenpsychologisch deutet. Das Heft Voodoo auf Katholisch der "Freien Christen" (als PDF-Datei siehe hier) veranschaulicht allgemein zahlreiche Parallelen zwischen dem Voodoo-Kult und den katholischen Lehren und Praktiken. Das 2014 erschienene Buch von Petra Ney-Hellmuth zum Thema entspricht der Sichtweise der Diözese Würzburg, verliert sich in mühsamen Details und ist nicht lesenswert.

PS: Das zweite Foto auf dem Umschlag des Buches von Felicitas D. Goodman zeigt den Würzburger Bischof Josef Stangl (1907-1979), der seine Genehmigung des Exorzismus nach dem Tod der jungen Frau verleugnete. Ein Dreivierteljahr später weihte er noch Joseph Ratzinger zum Erzbischof von München und Freising, und kurz darauf soll er in "geistige Umnachtung" gefallen sein. Die Stadt Würzburg ehrt ihn mit einem Bischof-Stangl-Platz.
Zwei weitere Fotos bzw. Bilder von Anneliese Michel siehe hier.

 

Inhalt:

Anneliese Michels seelische Traumatisierung

"Du bist verdammt, du bist verdammt, du bist verdammt"


Die "Muttergottes" und die Schlange

Selbstanklagen und Einwilligung zum Exorzismus

Das Ritual beginnt


Besessen, hysterisch oder hypnotisiert?

Die "Dämonen" wollen nicht in die Hölle

Anneliese Michel - ein Opfer des Dogmas der ewigen Verdammnis

Der katholische Exorzismus hat mit Jesus nichts zu tun

Religion des Todes

Umdeutung zur Heiligenlegende


"Sie haben sie umgebracht"

Das Ergebnis der Obduktion

Sündenbocksuche statt Aufarbeitung

Die Lüge des Bischofs und die Folgen


Die "Bauernopfer" der Bischofskonferenz

Was wusste Josef Ratzinger?

Anmerkungen und biografische Daten


Weitere Nachrichten zum Thema


Der Autor zu einem beabsichtigten Exorzismus an Britney Spears
 

 

Der Evangelische Theologe und Exorzismus-Forscher Uwe Wolff nannte sein Buch zu diesem Thema Das bricht dem Bischof das Kreuz – Die letzte Teufelsaustreibung in Deutschland 1975/76 (1). Doch ist dem für den Exorzismus verantwortlichen Würzburger Bischof tatsächlich im übertragenen Sinn das Kreuz gebrochen? Nur kurze Zeit nach den schicksalhaften Ereignissen in Klingenberg ist Bischof Josef Stangl zwar gestorben (1979), doch weder er noch die römisch-katholische Kirche wurden bis heute für den Tod der jungen Frau zur Verantwortung gezogen. Die nachfolgende Studie zeigt jedoch auf, wie Anneliese Michels römisch-katholischer Glaube und ihre Bindung an die römisch-katholische Kirche für sie zur Todesfalle werden. (10)

Anneliese Michels seelische Traumatisierung

Anneliese Michel wird am 21. September 1952 in Leiblfing bei Straubing in Niederbayern in der Heimat ihrer Mutter geboren. Sie entstammt einem streng katholischen Elternhaus und Milieu in dem Weinort Klingenberg am bayerisch-fränkischen Untermain. Ihr Vater sollte nach dem Wunsch seiner Mutter eigentlich Priester werden und drei ihrer Tanten sind Nonnen. Ihre Mutter Anna Michel, geborene Fürg, bringt das uneheliche Mädchen Martha mit in die Ehe, das gezeugt und 1948 geboren wurde, als sie schon mit Josef Michel verlobt war. Doch dieser ist nicht der Vater. Das Kind stirbt bereits 1956 im Alter von acht Jahren an einem Nierentumor. Der Vater des Kindes soll ein katholischer Priester sein. So wird es vermutet (Wolff, S. 48). Die Michels selbst geben darüber keine Auskunft. Dort gilt ja die uneheliche Zeugung des kleinen Mädchens als "schwere Sünde" bzw. "Todsünde", und Annelieses Mutter darf ihren Vater deshalb 1950 in der katholischen Kirche auch nicht "in Weiß", sondern nur mit schwarzem Schleier heiraten. Das erste gemeinsame und eheliche Kind Anneliese bringt sie dafür "Gott" als "Sühnopfer" für ihren vorehelichen "Fehltritt" dar – eine gewaltige Bürde für das neugeborene Kind, fast wie ein Fluch. "Anneliese" ist dabei eine Namenskombination aus den beiden Kirchenheiligen Anna (der Mutter Marias, der Mutter von Jesus) und Elisabeth (der Mutter Johannes des Täufers). Später werden drei weitere Mädchen geboren, G. (1954), B. (1956) und R. (1957). Als Jugendliche besucht Anneliese, die gerne Klavier spielt, das musische Karl-Theodor-von-Dalberg-Gymnasium in der Grünewaldstraße im nahe gelegenen Aschaffenburg. Dort gilt sie als hochintelligent, fällt aber bereits durch nervliche Probleme auf, wie sich manche ihrer früheren Lehrer erinnern. Ihr Elternhaus gilt dabei als sehr streng. "Öfter einmal fanden die Schwestern Anneliese weinend in ihrem Zimmer, weil die Mutter schon wieder verboten hatte, dass sie zum Tanzen gehe. ´Die anderen dürfen das alle`, schluchzte sie. ´Ich bin doch kein Kind mehr.`" Doch Annelieses Mutter hat Angst um ihre Tochter. "Ihre Töchter sollten unberührt in die Ehe gehen. Unberührt wie die Jungfrau Maria" (Goodman, S. 35). Und anders als sie, die Mutter, die ja bei ihrer kirchlichen Trauung von der Kirche für ihre vorehelichen sexuellen Erfahrungen mit einem schwarzen Schleier "abgestraft" wurde. 
 
Anneliese Michel scheut den Konflikt mit dem Elternhaus, bleibt anfangs jedoch noch einigermaßen souverän und hat einen ersten heimlichen Freund. Gleichzeitig vertieft sie sich jedoch weiter in den römisch-katholischen Glauben. So ist auch – anders als bei den meisten ihrer Altersgenossinnen – ihre Bindung an die Kirche besonders stark. Sie geht mehrmals wöchentlich zur Messe, betet regelmäßig Rosenkränze und versucht noch mehr als das zu tun, was die Kirche von ihren Gläubigen verlangt. So schläft sie z. B. zur "Sühne" für Rauschgiftsüchtige, die sie am Aschaffenburger Hauptbahnhof beobachtet hat, manchmal auf dem Fußboden, selbst im Winter; so als ob die "Sühnopfer"-Vorstellung ihrer Mutter tatsächlich auch in ihr wirksam ist. Dabei ist ihr Glaube für sie selbst auch wie eine Droge, von dem die Jugendliche mit der Zeit vollkommen abhängig wird, mit dem sie aber ganz offenbar alles andere als im Reinen ist.
Und hier liegen auch die Wurzeln für das weitere Geschehen: Bald gleiten dem Mädchen auch die Zügel seines eigenen Lebens mehr und mehr aus der Hand. Im Jahr 1968 beißt sie sich z. B. bei einem Krampfanfall in die eigene Zunge. Ein Neurologe diagnostiziert eine Epilepsie vom Typ Grand Mal (also einen schweren epileptischen Anfall), wogegen sie erstmals anti-epileptische Mittel erhält. Doch diese helfen nicht gegen eine religiöse Gedanken- und Bilderwelt, die sich immer mächtiger in ihr aufbaut und die Anneliese Michel immer weniger kontrollieren kann. So erscheinen ihr beim Gebet z. B. katholische "Heilige" oder "Dämonen", die sie schließlich bis kurz vor ihrem Tod quälen und verfolgen. Auch hört sie Stimmen, die ihr vorhersagen, sie werde in der ewigen Verdammnis landen, in der nach römisch-katholischer Lehre z. B. alle Menschen enden, welche wesentliche Glaubenslehren der katholischen Kirche nicht befürworten oder auch nur "beharrlich" daran zweifeln (siehe dazu Der Theologe Nr. 18 über den "Glauben der Kirche" oder Der Theologe Nr. 68 speziell über die Verdammungsflüche der Kirche).


An ihrem Todestag, dem 1. Juli 1976, ordnet der Staatsanwalt eine Obduktion der Leiche an, bei welcher die Ärzte zu dem Ergebnis kommen: "Annelieses Leben wäre zu retten gewesen, wenn man die Kranke vor den krankmachenden Faktoren ihrer Umwelt abgeschirmt hätte." (Wolff, S. 15)
Doch Anneliese Michel gelingt es nicht, sich aus ihrem streng katholischen Umfeld zu befreien – im Gegenteil: in ihren schwersten Krisen lässt sie sich nahezu hilflos in das Milieu hineinfallen, in dem die maßgeblichen Wurzeln der Tragödie liegen.
Der erste Exorzismus beginnt neun Monate vor ihrem Tod. Und kurz vor dem Tod wirkt sie selbstzerstörerisch und selbstverstümmelnd an ihrem (für dieses Leben) endgültigen Zusammenbruch mit. Ein Arzt hätte hierbei nicht zusehen dürfen. Doch der als Exorzist tätige katholische Priester Arnold Renz steigert sich mit dem Kruzifix in der Hand so in die katholische Exorzismus-Liturgie hinein, dass er einfachste Grundregeln der Ersten Hilfe nicht beachtet. Währenddessen erhoffen die Eltern bis zuletzt die entscheidende Hilfe von dem Mann bzw. den Männern der Kirche.
Doch wieso entwickelt sich das Geschehen bei Anneliese Michel in diese völlig verfahrene Richtung? Und warum geschieht Vergleichbares ausschließlich oder überwiegend bei Betroffenen aus dem kirchlichen Milieu? Bei den meisten anderen Menschen jedoch nicht? Wie lässt sich die Lebenssituation der jugendlichen Anneliese Michel charakterisieren?

"Du bist verdammt! Du bist verdammt! Du bist verdammt!"

Bei den Exorzismen kommen zunächst verstärkt die ungelösten Kindheits- und Jugendprobleme von Anneliese Michel zum Vorschein. Ein Beispiel: Jeden Morgen um 6 Uhr wird sie als Kind zur Frühmesse geweckt. "Die Oma hat sie in die Kirche hineingeschleift. Sie war sechs Jahre alt. Die Oma hat sie fast jeden Tag vom Bett herausgezogen", sagt einer der "Dämonen" durch Anneliese vorwurfsvoll im Jahr 1975 (Wolff, S. 53 f.). Die Bauersfrau und "Seherin" Barbara Weigand (1858-1943) aus dem benachbarten Rück-Schippach, die sich jeden Morgen zu Fuß in die Aschaffenburger Kapuzinerkirche aufmachte (Wolff, S. 39), jeden Tag ca. 25 km hin und 25 km wieder zurück, um dort die Hostie zu empfangen, gilt in der Familie als Vorbild (– was sich für einen Außenstehenden auch mit dem Verhalten eines Drogensüchtigen vergleichen lässt, der seine Zeit zu einem großen Teil damit verbringt, sich die für ihn notwendige Dosis "Stoff" zu besorgen bzw. zu "verdienen"). Doch was baut sich dabei in dem kleinen Mädchen, das trotz seiner Bereitschaft zum Kirchgang natürlich auch gerne ausgeschlafen hätte, innerlich auf? Anneliese wagt vieles im Laufe ihres kurzen Lebens nicht selbst auszusprechen, was dann später die "Dämonen" durch sie umso heftiger zum Ausdruck bringen. Der Konflikt bahnt sich früh an: Bereits dem kleinen Mädchen wird manchmal vom Weihrauch in der Messe übel, vielleicht, weil sie das alles sprichwörtlich "zum K... findet". Die Großmutter deutet dies jedoch als ungutes Zeichen dafür, dass der Teufel angeblich ihre "reine Mädchenseele" fangen will. (Wolff, S. 54 f.)

Katholische Kirche in Klingenberg am Main

Zur katholischen Kirche in Klingenberg muss man emporsteigen. Als Kind musste Anneliese Michel dort eine Zeitlang jede Frühmesse besuchen und manchmal wurde ihr bereits vom Weihrauch "übel".


Und an dieser Stelle entfaltet der Katholizismus besonders seine destruktiven Kräfte. Das Mädchen wird früh in dem Glauben erzogen, dass Abweichler später in eine "ewige Hölle" müssen. Kein Wunder also, dass die älteste von vier Schwestern besondere Anstrengungen unternimmt, um zeitlebens ein "liebes", gehorsames und korrekt-katholisches Kind zu sein. Sie kümmert sich oftmals rührend um andere Familienmitglieder und fügt sich ein in alle vorgegebenen Traditionen und Gebräuche. So wird beispielsweise der 13. eines jeden Monats in der Familie als "Tag der Jungfrau von Fatima" in Ehren gehalten. "Das ist ihr Scheiß-Tag", so später einmal ein "Dämon" aus Anneliese über den 13.10.1975 im Hinblick auf die Jungfrau von Fatima (Wolff, S. 46). In der Ich-Form hätte Anneliese Michel solches nicht zu sagen gewagt. Denn sie ist voller Angst, den Anforderungen des katholischen Glaubens nicht zu genügen. Also sucht sie mit ihrem Intellekt nach anderen Erklärungen für ihren Widerstand gegen diesen Glauben, der manchmal unvermittelt aus ihr heraus bricht; so z. B. auch bei einer Wallfahrt ins italienische San Damiano, als sie ein Glas mit "geweihtem Heilwasser" wegstößt.

Schon früh glaubt Anneliese deshalb, eine Verfluchung wäre angeblich der Grund für ihre Seelenkämpfe. Eine fremde Frau hätte diesen Fluch bei ihrer Geburt über sie ausgesprochen. Diese Vorstellung ermöglicht ihr, dass sie viele ihrer Gedanken, Gefühle und Empfindungen nicht zulässt und als ihre eigenen annimmt. Dann hätte sie nämlich daraus andere Schlussfolgerungen für ihr Leben ziehen können als die angebliche Wirksamkeit einer Verfluchung. So aber begleitet sie das Gefühl der Verworfenheit und Verdammnis, seitdem in ihrer Pubertät wie bei jedem Jugendlichen Gefühle verrückt gespielt haben und normalerweise auch rebellische Gefühle gegen die Welt der Erwachsenen auftreten. Von sich selbst sagt Anneliese Michel, dass sie etwa seit ihrem 13. Lebensjahr besessen gewesen sei, also zeitweise nicht mehr in der Lage, ihr Leben durch ihr Oberbewusstsein eigenverantwortlich kontrollieren zu können.
In einem Brief an Pfarrer Ernst Alt, einen der beiden Exorzisten, schreibt sie z. B. im Jahr 1974: "Ich heulte oft abends für mich ... Von Gott fühlte ich mich irgendwie total verlassen. Damals war ich schon ziemlich umsessen [Anmerkung: "Umsessen" sein kann als eine sinnvolle Umschreibung für eine Vorstufe zu einer denkbaren "Besessenheit" verstanden werden. In diesem Stadium spürt der Betroffene bereits die Nähe von als "fremd" erlebten Mächten, wird aber noch nicht von ihnen beherrscht].
Ich wollte mich immer umbringen. Dortmals hatte ich höllische Angst, wahnsinnig zu werden vor Verzweiflung ..." (Goodman, S. 91)
Offenbar hat hier der nicht eingestandene kindliche und jugendliche Widerstand gegen die katholischen Normen, mit denen sie aufgewachsen ist, bereits angefangen, sich zu verselbstständigen. Und dass der strenge katholische Gott ihrer Kindheit ihr nicht dabei hilft, ihre eigene innere Mitte zu finden und ein glücklicher junger Mensch zu werden, ergibt sich zwangsläufig daraus, dass dieser kirchliche Gott weder für Zweifel an ihm Verständnis hat noch für eventuelle "Sünden" aus jugendlichem Übermut, die bei einem Jugendlichen in der Sturm-und-Drang-Zeit eben vorkommen. Stattdessen hätte der "Heiland" ihr später das "Angebot" gemacht bzw. von ihr verlangt, für das, was sie anderen "angetan" habe, zu leiden, um dadurch "reiner" zu werden. So weist sie z. B. als Zehntklässlerin während einer Geburtstagsparty den Annäherungsversuch eines Mitschülers verständlicherweise zurück, da sie ihn "nicht leiden" konnte. Später schreibt sie aber darüber: "Ich spürte doch auch, dass er Hilfe suchte. Hier liegt mein Versagen. Ich wollte lieber mit einem anderen tanzen, statt dass ich mich Aug in Aug mit ihm unterhalten hätte" (Goodman, S. 161)
ein zwar edel gemeinter Gedanke, der sich aber bei Anneliese destruktiv gegen die eigene Person richtet, weil sie sich ihre eigenen Empfindungen nicht zugesteht bzw. ihre verständliche Abneigung gegenüber dem Annäherungsversuch nicht akzeptiert. Stattdessen bekämpft sie ihre Gefühle und verzweifelt schließlich aufgrund ihres katholischen Glaubens daran, wonach sie sich verpflichtet fühlt, dem jungen Mann durch ein Gespräch zu "helfen".
 
Offensichtlich hat Anneliese Michel also große Schwierigkeiten, diese unter Jugendlichen üblichen Erfahrungen richtig zu verarbeiten und verstrickt sich in überzogene katholische Schuld-Komplexe anstatt ein gesundes Selbstvertrauen trotz des Bewusstseins eigener Mängel zu entwickeln. Auch als Studentin ist dieses Thema gegenwärtig, und Mechthild Westiner, eine Kommilitonin, erinnert sich, dass Anneliese Michel im Unterschied zu zwei anderen überzeugten Katholikinnen hierbei auch ganz natürlich sein konnte. So erklären die beiden anderen einmal im Studentenwohnheim: "
´Unser Ziel ist, heilig zu werden`. Da hat sie [Anneliese] angefangen, [mir] mehr und mehr zuzuzwinkern zwischendrin. Sie hat schon gezeigt, dass sie nicht ganz einverstanden ist." (Satan lebt, WDR 2006)
Denkbar ist, dass Anneliese Michel dann aber dazu neigt, in eine gedankliche Harmoniewelt, also in eine Art heile Bilderwelt, zu flüchten anstatt die Probleme praktisch und im Einklang mit ihrem Gefühl bzw. ihrem inneren Wesen zu lösen und dafür auch die volle persönliche Verantwortung zu übernehmen. Und ein solches Ausweich- oder gar Fluchtverhalten ist nicht ungefährlich, wenn es zum Dauerzustand wird, und hier könnte mit eine Erklärung dafür liegen, wenn sich innere Widersprüche in einem Menschen allmählich verselbstständigen, wie dies schließlich bei Anneliese Michel geschieht.

So können – allgemein gesprochen – längere gedankliche Abwesenheiten eine "Umsessenheit" vorbereiten. Und diese hat ein Betroffener unter Umständen eben dadurch selbst verursacht, dass er über Jahre hinweg immer wieder gedanklich in eine Phantasie- und Bilderwelt eingetaucht bzw. geflohen ist. So kann es passieren, dass sich die Persönlichkeit im Laufe der Zeit allmählich aufspaltet. Denn die Gedanken bzw. die Aufmerksamkeit des Menschen, der sich immer wieder in bildhafte Traumwelten flüchtet, befinden sich dann ja nicht bei seinem Körper und im Geschehen der Gegenwart, sondern eben in der selbst geschaffenen tagträumerischen Bilderwelt. Und nun kann man weiter fragen: Wenn ein Mensch immer häufiger gedanklich seinen Körper sozusagen "verlässt" und in eine Phantasie-Wunschwelt abtaucht, könnte es dann nicht sein, dass sich andere Kräfte mit der Zeit dieses Körpers bemächtigen können? Denn der Körper ist dann ja "frei", wenn ihn die Seele des Menschen, die ihn normalerweise durchdringt, gedanklich verlassen hat, um auf diese Weise der Wirklichkeit zu entfliehen. Dann wäre aus einer "Umsessenheit" eine "Besessenheit" geworden. Und so könnte man auch erklären, dass "Besessenheit" – vorausgesetzt, dass es sie gibt – einen Menschen nicht aus heiterem Himmel überfällt, sondern als langfristige Folge eigenen Verhaltens.

Nachweisbar ist, dass Anneliese Michel irgendwann nicht mehr in der Lage ist, die Abwesenheiten mit dem Oberbewusstsein zu kontrollieren und zu beenden. Dies könnte der Beginn der "Besessenheit" gewesen sein. Bei Anneliese Michel geht es schließlich so weit, dass sich dann z. B. Stimme, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und sogar der Körpergeruch verändert. Die Stimme wird tiefer bzw. gellend und ein anderes "Ich" beginnt zu reden. Die Augen bekommen einen bedrohlichen Glanz, der ganze Körper wird steif und beginnt, unangenehm zu riechen, begleitet von heftigen Schweißausbrüchen. Und die Hände formen sich krallenartig, wie Zeugen der Anfälle darlegen. Es ist offensichtlich, dass das andere "Ich" kein friedfertiges Wesen ist, sondern sich über den Körper der jungen Frau in einer Weise ausdrückt, welche die meisten Menschen nur aus Horror-Filmen kennen. Doch ist das andere "Ich" wirklich ein fremdes?

Die "Muttergottes" und die Schlange

Ein solches Szenario entsteht ja nicht über Nacht. Sondern es hat mit voran gegangenen Weichenstellungen im Leben zu tun.
Ein weiteres Beispiel: Wie alle junge Mädchen interessiert sich Anneliese Michel z. B. für die aktuelle Hitparade oder für Mode. Dass sie – wie andere junge Frauen – Hosen tragen darf, vor allem im Winter, wenn es draußen kälter ist, wird ihr jedoch von den Eltern nicht erlaubt. Anstatt entweder sich durchzusetzen und den Konflikt durchzustehen oder eben den Eltern durch eine bewusste Entscheidung nachzugeben, hält sich Anneliese harmoniebedürftig an einer angeblichen Marieneingebung fest.
Ihre Mutter erzählt: "Da hat die Muttergottes mit ihr gesprochen und hat gesagt, sie sollte keine Hosen tragen, da wär man wie ein Mann und sie möchte das nicht haben. Da hat Anneliese keine mehr angezogen." (Wolff, S. 69)

Marienstatue in Klingenberg am Main

Marienstatue in Klingenberg am Main - Die "Muttergottes" hatte zu Anneliese gesagt, sie solle keine Hosen anziehen. "Da wär man wie ein Mann ..."
 

So wird also dieser Konflikt durch eine angebliche Einsprache Marias "gelöst", und bereits hier ist es nicht mehr das Mädchen Anneliese, das selbst entscheidet, sondern eine dritte "Kraft". Und wer immer hinter dieser "Maria" auch steckte, die Seele der Mutter von Jesus von Nazareth war es wohl nicht. Als kirchlich ergebenes Kind gehorcht sie jedenfalls dieser "Einsprache", die sie als eine Weisung Marias deutet.
Doch auch andere Kräfte bzw. "Interessengruppen" entdecken wohl mehr und mehr diesen offenbar medialen "Kanal", durch den sie Einfluss auf das Mädchen nehmen können. Und so hat sie mit ihrem "gehorsamen" Verhalten vermutlich die Voraussetzung für weitere fremde Einflüsse auf ihre Person bzw. weitere Einflüsterungen geschaffen. Und in einigen Jahren werden deshalb noch ganz andere Instanzen auf diese Weise auf Anneliese einwirken als eine der Mode widersprechende "Muttergottes".
In einem Gespräch äußert sie im Jahr 1975: "Ich hatte oft Angst, die eigentlich unbegründet war, und war deshalb oft schweißgebadet. Ich hatte schon immer dunkle Vorahnungen und musste schon damals an Neujahr oder meinem Geburtstag weinen, da ich immer Schlimmes auf mich zukommen sah. Bereits 1973, als ich Abitur machte, hatte ich den Gedanken, verdammt zu sein." (Wolff, S. 191)

Auch von manchen anderen Menschen wird berichtet, dass sie dunkle Vorahnungen hatten. Wer dabei aber diese Ahnungen oder Ängste in erster Linie als Warnungen verstand, konnte sie oft überwinden, auch wenn es manchmal einige Zeit dauerte. Dies war möglich, weil insofern auf die Warnungen gehört wurde, als der Betroffene etwas in seinem Leben änderte.
Doch was auch für Anneliese Michel eine massive Warnung hätte sein können, um innezuhalten und die Botschaft ihrer Ängste und Ahnungen zu verstehen und manches noch rechtzeitig wenden zu können, wird nicht als eine solche Botschaft verstanden. Sie ist blockiert durch ihre Angst vor einer ewigen Verdammnis, welche ihr von der Kirche indoktriniert wurde und welche sie nicht hinterfragte. Und so bahnt sich tatsächlich von Tag zu Tag mehr ein schweres Schicksal an. Die höllische Drohbotschaft der Kirche an Sünder, Zweifler und mögliche Abtrünnige steckt dabei wie ein giftiger Pfahl in der Seele des Mädchens. Und dieser Umstand verhindert wohl, dass Anneliese Michel auch andere Seiten an sich entdeckt und praktisch erfährt als das "Idealbild" aus ihrem Oberbewusstsein, eine ergebene junge Katholikin zu sein, welche die Anforderung der Kirche an die Gläubigen sogar übertrifft. Ihr katholischer Glaube blockiert ihre Selbsterkenntnis, und sie glaubt, einer angeblich drohenden "ewigen Verdammnis" entgehen zu können, indem sie sich innerlich "zurecht" prügelt. Später übernehmen diese Rolle dann die Exorzisten.

Einmal während der Abiturprüfung kann die junge Frau Michel keinen klaren Gedanken mehr fassen. Stattdessen hört sie in ihrem Inneren in ständiger Wiederholung: "Du bist verdammt! Du bist verdammt! Du bist verdammt!" (Wolff, S. 97) Als ihr Freund Peter Himsel, der im selben katholischen Studentenwohnheim in Würzburg wohnt wie sie (im Ferdinandeum in der Schlörstraße 2, wo übrigens auch schon Bischof Josef Stangl, der bald den Exorzismus anordnen wird, als Student wohnte), rückblickend nach der Herkunft dieser bedrängenden Stimmen fragt, bezichtigt sich Anneliese Michel ohne Selbstbewusstsein selbst: "Ich hätte mehr beten müssen. Ich bin selbst daran mitschuldig" (Wolff, S. 190). Anneliese beklagt aber nicht, Warnungen verdrängt zu haben oder andere wichtige Hinweise aus ihrem Alltag, sondern sie klagt sich einmal mehr an, die katholischen Normen zu verfehlen und deshalb von der Hölle bedroht zu sein. Ein Mitstudent berichtet später über einen Besuch in ihrem Studentenzimmer: "Es brannten über 30 Kerzen, man ernährte sich von Apfelbrei und Mineralwasser ... Heute würde man sagen, sie war magersüchtig oder litt an Bulimie" (zit. nach Main-Echo, 23./24.7.2016). Und nach dem Besuch eines Nervenarztes notiert dieser: "Sie habe keine Entscheidungskraft" (Wolff, S. 99). Anneliese nennt sich selbst "Schlange". Und zu einer Bekannten sagt sie: "Wenn Sie wüssten, was ich alles gegen Gott getan habe! Ich kann nicht beichten. Wenn Sie wüssten, was ich für eine bin, was ich für eine Schuldige bin!" (Wolff, S. 116)

Selbstanklagen und Einwilligung zum Exorzismus

Hier ist sie nahe daran, das "Versteckspiel" aufzugeben und sich zu ihren Gedanken-Bildern, geheimen Wünschen oder verborgenen Taten bzw. unverarbeiteten Erfahrungen zu bekennen, was eine große Chance für einen verantwortlichen Umgang damit hätte sein können. "Wenn Sie wüssten", worum es sich dabei handelt, so Anneliese Michels Worte zu der Bekannten.
Nahe liegend ist der Bereich der Sexualität, wie z. B. auch die Selbstbezeichnung "Schlange" vermuten lässt.
Allgemein ist bekannt, dass immer wieder verdrängte sexuelle Wünsche in der Regel mit der Zeit heftiger werden. Und nicht immer wird dabei – allgemein gesprochen – der eigene Freund oder Partner begehrt, so dass "Schlange" auch das Thema "Untreue" beinhalten kann.
Ihre Mutter hatte sich ja einst auf eine sexuelle Affäre mit einem Mann eingelassen, der nicht ihr Verlobter war, eventuell war es der Dorfpriester, und Annelieses Halbschwester Martha ging aus dieser Verbindung hervor. Und ausgerechnet die eheliche Zeugung und Geburt von ihr, Anneliese, sollte diesen "Fehltritt" der Mutter "sühnen". Und jetzt ist sie, Anneliese, selbst im Alter des Sturm und Drang und – wie damals ihre Mutter – nicht verheiratet und hat einen festen Freund. Aber vor allem als Studentin ist sie auch von anderen jungen Männern umgeben und als strenge Katholikin auch immer wieder von Priestern, ausschließlich Männern, die vielfach selbst ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Sexualität haben, diese "Störung" jedoch nicht selten als besondere "Berufung" verbrämen.
Im Jahr 2016, 40 Jahre nach ihrem Tod, äußert die Regionalzeitung Main-Post, dann dazu einen Verdacht: "Gab es damals sexuellen Missbrauch?" (10.10.2016) Kurz zuvor war bekannt worden, dass ihre beiden Exorzisten gegenüber anderen Personen des sexuellen Missbrauchs beschuldigt werden. Im März 2016 dokumentiert der Missbrauchsbeauftragte der Diözese Würzburg, Professor Klaus Laubenthal, einen entsprechenden länger zurück liegenden Vorwurf gegen Exorzisten-Pater Arnold Renz. Und zu Ernst Alt heißt es dort: "Auch der zweite am Exorzismus beteiligte Pfarrer, der ein besonderes Vertrauensverhältnis zu Anneliese Michel gehabt haben soll, wird von einer anderen Frau des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Dieser Fall wurde aber nicht mehr von Laubenthal bearbeitet."
Und weiter: "Zu beiden zeitlich und örtlich völlig unabhängig voneinander vorgebrachten Vorwürfen meint Professor Laubenthal, dass künftige Forschungen zum Fall Anneliese Michel auch den Aspekt des sexuellen Missbrauchs in Erwägung ziehen sollte." Fakt ist auf jeden Fall, dass Anneliese Michel des Öfteren allein beim Priester und "Seelsorger" Ernst Alt im Pfarrhaus in Ettleben weilte - einem Gemäuer, in dem einer der Vorgänger von Pfarrer Alt, der mehrere uneheliche Kinder zeugte, auch gemordet und geschlagen hat. Über das innerkirchliche Verhör von Pfarrer Alt wurde jedoch bisher nicht berichtet.
 
Doch was immer auch Anneliese Michel ihrer Meinung nach "gegen Gott" getan hat, sie benutzt es zu ihrer Selbstverurteilung – auch wenn sie dabei womöglich nur einer weiteren Indoktrination aufgesessen ist.

Nach der katholischen Lehre verführte die Schlange – als Symbol für Satan, auch "Luzifer" genannt, bzw. die dunkle Macht – die Frau, die anschließend den Mann verführt. In der biblischen Sündenfallgeschichte, auf die sich die katholische Kirche beruft, steckt auch viel sexuelle Symbolik, z. B. in 1. Mose 3, 7, wenn es heißt, "... sie [Adam und Eva] wurden gewahr, dass sie nackt waren". Deshalb gilt die Schlange auch als Ur-Bild der sexuellen Verführung.
Und später wird "Luzifer", die personifizierte "Schlange", einer der "Dämonen" sein, der aus Anneliese spricht. Und es mutet wie eine makabre Fortsetzung der biblischen Geschichte an, wenn Anneliese sich unter seinem Einfluss später oftmals "gezwungen" fühlt, sich vor anderen nackt auszuziehen – eine Spätfolge womöglich von immer brutalerer Selbstkasteiung und gleichzeitig wohl ein gellender Hilferuf bzw. ein Protest und eine Anklage gegen die bigotte Prüderie bzw. sexuelle Verkorkstheit in ihrem katholischen Umfeld. Ebenfalls unter dem Einfluss dieses "Dämons" nimmt sie ihren Angaben zufolge in ihren Empfindungen z. B. einzelne sexuelle "Verfehlungen"
von Bürgern am Rande des Klingenberger Festplatzes während des Volksfestes wahr. Sie selbst hält sich in dieser Zeit aber in einiger räumlichen Entfernung zu den Geschehnissen in ihrer Wohnung auf.

Vielleicht spielen bei Anneliese Michels Selbstanklagen auch unausgesprochene Vorwürfe an ihre Eltern eine Rolle, die sie sehr gern hat, von denen sie sich jedoch kaum verstanden fühlt und die ihr Leben einschränken. Unter dem "Zwang" der "Dämonen" startet sie später manche wilde Kuss-Attacke auf ihren Vater, bzw. sie springt ihn mit "obszönen Gesten" an – auch hier Handlungsweisen einer völlig aus dem Ruder laufenden Körperlichkeit bzw. Sexualität. Dabei ist nahe liegend, dass es bei all´ den dramatischen Ereignissen umfassender um das Aufbegehren gegen den katholischen Kinderglauben geht, der ja immer auch mit einer sehr strengen Sexualmoral verbunden ist. In klaren Augenblicken ist sich Anneliese selbst bewusst, dass sie den Anforderungen des katholischen Glaubens und ihrer katholischen Erziehung vielfach nicht entspricht, während sie nach außen krampfhaft den Schein zu wahren versucht, was sich körperlich womöglich bis hin zu den unkontrollierten Verkrampfungen der epileptischen Anfälle zeigt, welche die Ärzte diagnostizieren [Anmerkung: "Besessenheit" oder "Epilepsie" sind für den Autor nicht zwei Alternativen, die sich bei der Deutung von Anfällen gegenseitig ausschließen müssen. Sie könnten unter Umständen – jedoch nicht generell – auch zwei unterschiedliche Aspekte des gleichen Komplexes sein; siehe dazu auch weiter unten].

Ob es also im wesentlichen diese hier dargelegten Komponenten sind, aus denen sich Anneliese Michels Schuldbewusstsein zusammensetzt oder ob es noch weitere gibt, kann man nicht genau wissen. Denn ihr Tagebuch, das einen detaillierteren Aufschluss über ihren Seelenzustand geben könnte, geht nach ihrem Tod in kirchlichen Kreisen "verloren". Wohl aus gutem Grund. Möglicherweise enthalten sie Aspekte des von Professor Laubenthal in Erwägung gezogenen "sexuellen Missbrauchs". Und zum anderen könnte man aus ihren Aufzeichnungen vielleicht noch mehr über ihre verschwiegenen Gefühle gegenüber der Kirche erfahren; und eventuell mehr über die mit ihrer Selbstverurteilung verbundene panische Angst vor der ewigen Verdammnis. Und das würde ein noch schlechteres Licht auf die römisch-katholische Kirche und ihre Amtsträger werfen, welche ihr das tödliche Gift dieser Vorstellung eingeträufelt hat.

Doch auch so scheint klar: Um diese grausamste aller Vorstellungen abzuwehren, spaltet Anneliese in sich das aufkeimende Nicht-Katholische mehr und mehr ab als nicht zu ihr gehörig, und sie liefert somit einen idealen Nährboden für die "Dämonen". Am Ende ihres Lebens ist Anneliese nicht mehr nur "schizoid", sondern wohl bereits innerlich geteilt, d. h. in mindestens zwei Hälften gespalten. In dieser Situation erlebt sie verstärkt, wie nun offenbar fremde Kräfte sich immer mehr der gegensätzlichen bzw. unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile in ihr bemächtigen. Und diese Kräfte kann sie immer weniger selbst steuern.

Und nicht nur das: Unter extremen Zwangsgefühlen vollzieht Anneliese zudem Perversitäten, bei denen man sich fragen kann, ob und wie viel dies noch mit Persönlichkeitsanteilen von ihr zu tun hat. Der Zusammenhang zu ihrem Leben ist zwar herstellbar, wenn sie z. B. "gezwungen" wird, endlos auf den Knien Rosenkränze zu beten oder sich die Kleider vom Leib zu reißen und nackt auf dem Boden zu schlafen. Doch wie ist es, wenn sie "gezwungen" wird, bis zum körperlichen Zusammenbruch Kniebeugen zu machen, zwei Tage lang unter dem Tisch zu jaulen oder zu bellen wie ein Hund?
Und schlimmer noch: Sie "muss" z. B. Spinnen essen, einem toten Vogel auf dem Dachboden den Kopf abbeißen, Kohlen kauen, sich im Kohlenstaub wälzen oder ihren eigenen Urin vom Boden aufschlürfen. So scheint sie fast nach Belieben gesteuert werden zu können. Doch warum entzieht sich die junge Frau nicht diesen monsterhaften "Zwängen" bzw. "Befehlen"? Weil sich ihr "Ich" wie gelähmt fühlt und sie nicht die Kraft in sich verspürt, sich dem zu widersetzen.
Selbst der Intellekt der jungen Frau weiß in wachen Stunden nicht mehr, wie er alles deuten soll. Während Anneliese Michel manchmal glaubt, der "Heiland" würde ihr diese und jene furchtbaren Befehle geben, wird sie von den Exorzisten belehrt, "dass der Teufel auch in der Gestalt des Engels erscheinen und natürlich auch dessen Stimme nachäffen kann" (Goodman, S. 193). Dies sagen die Priester jedoch nur, wenn der "Heiland" sich nicht in ihrem Sinne äußert. Falls er jedoch etwas sagt, was diese hören wollen, gilt der "Heiland" den Exorzisten als echt. Währenddessen nimmt die Tragödie der jungen Lehramtsstudentin ihren Lauf.

Anneliese Michel z. B. wörtlich über den Zwang, sich auszuziehen:
"Ich wollte mich ins Bett legen, und dann fing es an: ausziehen! Das ist plötzlich da: ausziehen! ... Und dann ging es noch los, dass ich da hinüber gehen soll ... Dann konnte ich mich wieder anziehen ... Ja, also, es ist wirklich wahr, da befiehlt ein anderer! Und zwar muss es deswegen von dort unten sein. Aber das Komische ist immer noch: Ich soll jetzt das und das machen, soll mich jetzt ausziehen, das merke ich erstens, und zweitens höre ich es auch ein bisschen. Und dann meine ich immer, das wäre der Heiland."
Welche Gedanken und Gefühle mögen hier bei einer streng gläubigen Katholikin ausgelöst werden, wenn vielleicht gar der "Heiland" selbst möchte, dass sich eine Frau auszieht; vielleicht gar, um Sex mit ihr zu haben und ihr so die "Jungfrauschaft" zu nehmen oder gar ein Kind mit ihr zu zeugen? Welche Empfindungen werden also ausgelöst, eventuell einmal mehr uneingestanden oder mehr schemenhaft oder ansatzweise? Etwa, indem der "Heiland" eine gläubige Katholikin einfach einmal in ihrer körperlichen Nacktheit betrachtet – ein Thema, das in Anneliese Michels familiärem und religiösem Umfeld ein angstbesetztes Tabu ist.
Hier ist also im konkreten Beispiel der Zusammenhang zwischen der Einsprache und den eigenen Persönlichkeitsanteilen sehr nahe liegend. Und wer kann schon wissen, welche Gedankenphantasien in den Jahren zuvor möglicherweise aufgebaut worden sind?

Ein andermal spricht Anneliese Michel auch über den Zwang, sich in viel zu engen Schuhen die Haut aufzuschürfen, was sie dann auch zwanghaft und masochistisch tut:
"Also, jedenfalls muss ich es so machen, ob es jetzt der Heiland ist oder der ´Andere` [= Luzifer]. Ich muss es machen! Da kann ich mich überhaupt nicht dagegen wehren. Ich wehre mich zwar, aber das hilft nicht ´die Bohne`. Je mehr ich mich dagegen wehre und sträube und will es absolut nicht machen, umso schlimmer wird es nämlich." (Goodman, S. 191 ff.)  

Das Ritual beginnt

Und Heilung bzw. Befreiung von diesen massiven Zwangsvorstellungen und "Befehlen" erhofft sich Anneliese Michel nun ausgerechnet von der römisch-katholischen Kirche, an deren Lehre sie innerlich erkrankt ist. Vermutlich hätte es ihr geholfen, wenn jemand rechtzeitig versucht hätte, ihr den Katholizismus – im übertragenen Sinne – "auszutreiben" und ihr die Möglichkeit gegeben hätte, einmal frei über ihre verdrängten Gefühle bzw. unverdauten Erfahrungen zu sprechen, ohne sie dabei allerdings zu drängen oder zu nötigen. Denn jeder Mensch soll ja frei in seiner Entscheidung sein. So aber willigt Anneliese Michel immer wieder ein, dass an ihr der römisch-katholische Exorzismus nach dem Rituale Romanum von 1614 durchgeführt wird, das von Papst Pius XII. im Jahr 1954 erweitert worden war. Und sie setzt sich dabei z. B. nachfolgendem Ritual aus:

"Ich beschwöre dich, unreiner Geist, jeden Einfluss des bösen Feindes, jedes Gespenst und jede teuflische Heerschar, im Namen unseres Herrn Jesus Christus: Verschwinde und fahre aus von diesem Geschöpf Gottes!" "Weichet von mir, ihr Verfluchten in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist! Du Gottloser, und deine Engel werden Würmer sein ... [Euch] wird ein unauslöschliches Feuer bereitet, da du der Anstifter des schimpflichen Mordes bist, der Meister der schlimmsten Frevel, der Lehrmeister aller Gotteslästerung, der Lehrer der Irrlehrer, du Unzüchtiger. Weiche also, Gottloser! Weiche, Verruchter! Weiche mit all deinen Täuschungen!" (Agape Satana! Das Brevier der Teufelsaustreibung mit Rituale Romanum, Genf 1975, S. 207; zit. nach Wendezeit Nr. 2/2006, S. 34)

Mit solchen Beschwörungsformeln versuchten katholische Exorzisten seit Jahrhunderten, "Dämonen" auszutreiben - nach dem Desaster von Klingenberg in Deutschland unter noch größerer Geheimhaltung als zuvor; umso häufiger jedoch auch öffentlich z. B. in Italien, Spanien und in Ländern der Dritten Welt. Nach der Intensivierung der katholischen Exorzismus-Ausbildung durch Papst Benedikt XVI. seit Sommer 2005 könnte sich dies aber auch in Deutschland bald wieder ändern. Denn die Ereignisse von Klingenberg liegen jetzt [2016] schon ca. 40 Jahre zurück.

Die beiden Exorzisten, Pfarrer Ernst Alt aus Ettleben bei Schweinfurt, und Pater Arnold Renz aus dem benachbarten Rück-Schippach, der im Auftrag des damaligen Bischofs von Würzburg, Josef Stangl (1907-1979, Bischof seit 1957), den katholischen Exorzismus durchführt, bringen es auf 67 Sitzungen. Dabei gibt Pfarrer Alt offenbar maßgeblich die Strategie vor und führt auch die Verhandlungen mit dem Bistum Würzburg. Die erste Exorzismus-Sitzung dauert über viereinhalb Stunden. 42 Sitzungen werden auf Tonband aufgenommen, so dass die Prozeduren umfassend dokumentiert sind.
 
Die "Dämonen", die aus Anneliese sprechen, nennen sich Kain, Nero, Judas, Luzifer oder Hitler, wobei hauptsächlich "Luzifer" und "Judas" tätig geworden sein sollen. Zudem seien Vertreter der katholischen "Fraktion" anwesend wie der 1999 "selig" gesprochene Franziskanerpater Pio (1887-1968) oder die in der Familie verehrten Katholikinnen Barbara Weigand (1858-1943) und Therese von Konnersreuth (1898-1962). Oder es melden sich Seelen, die sich als "Joseph", "Maria" oder gar als der "Heiland" selbst ausgeben. Diese Seelen benützen ihrerseits die "Dämonen", indem sie diesen auftragen, was sie durch ihr Medium, Anneliese Michel, durchgeben sollen. So sind auch die "Dämonen" ihrerseits mehr oder weniger "Medien", wenn sie im Auftrag der "anderen Seite", in diesem Fall der katholischen, sprechen. Dabei müssen sie auch in Worte fassen, was die römisch-katholische Kirche über sie lehrt. Z. B.: "Ich bin verdammt in alle Ewigkeit, verdammt, verdammt." Oder "der Teufel muss bekennen, dass er an die unbefleckte Jungfrau Maria glaubt." (Pater Arnold Renz in einer Filmaufnahme aus dem Jahr 1976; Satan lebt, WDR 2006) (9)
Das gruselige Szenario hat auch starken Symbol-Charakter. Denn die beiden Seiten haben nicht irgendwelche "Vertreter" "geschickt", sondern jede Seite gibt vor, mit ihren "Spitzenkräften" anwesend zu sein, so wie dies im Katholizismus geglaubt wird. Auf der einen Seite der "Heiland" und "Maria", auf der anderen Seite "Luzifer" und "Judas", wobei auch die übrigen Gestalten sich als "hochkarätige" Instanzen vorstellen. Dies kann nun – unabhängig von der wahren Identität der "Dämonen" und angeblichen Lichtgestalten – vor allem als ein Symbol für die extrem gegensätzlichen Kräfte verstanden werden, die in Anneliese Michel mittlerweile wirken, wie es extremer gar nicht mehr vorstellbar ist. Die inneren Spannungen sind nun so stark, dass die junge Frau kurz davor steht, völlig zerrissen zu werden.
Anneliese Michel versteht sich bei diesen gespenstischen Sitzungen jeweils als Objekt fremder Kräfte. Zu ihrem Freund Peter sagt sie: "Ich spreche da überhaupt nicht mehr. Meine Stimme wird einfach benutzt. Ich höre mir praktisch zu. Ich bin das überhaupt nicht. Ich höre interessiert zu, und diese Bewegungen da und wie ich mich wehre, das mache ich auch nicht, das geschieht einfach mit mir. Ich stehe über der Sache und bin Beobachter" (Wolff, S. 218 f.).

Besessen, hysterisch oder hypnotisiert?

Was Anneliese Michel hier berichtet, klingt glaubhaft. Mittlerweile gibt es viele Erfahrungsberichte ähnlicher Art. Diese sind zumindest ein Indiz dafür, dass "Besessenheit" möglich ist und unter Umständen als geistiger Hintergrund auch mit dem Krankheitsbild einer Epilepsie in Verbindung stehen könnte, was jedoch nicht so sein muss. (Näheres dazu finden Sie hier.)
Anneliese Michels Schilderungen würden dann darauf hinweisen, dass sich ihre eigene Seele tatsächlich ganz oder teilweise außerhalb des Körpers befindet (und von dort das Geschehen an ihr
"beobachtet"), während hauptsächlich die fremden Seelen durch ihren Körper agieren und dabei die extrem gegensätzlichen Persönlichkeitsanteile in ihr benutzen, die sich bereits verselbstständigt haben.
Es greift ganz offensichtlich zu kurz, ihr Verhalten
ergänzend zur Epilepsie-Deutung als hysterisch bzw. als Hysterie oder "hysterische Psychose" diagnostizieren zu wollen.
Dies erfolgt von Seiten der Schulmedizin gelegentlich bei Menschen mit ähnlichem Verhalten (offenbar häufiger als die Diagnose Epilepsie); und vor allem dann, wenn man die Möglichkeit einer Besessenheit ausschließt. Zwar sind einige mögliche Ursachen bei beiden Deutungen identisch (so z. B. eine übersteigerte Religiosität, eine starke Empfänglichkeit für Suggestion, verdrängte Sexualität, ausgeprägte Schuldgefühle und starke Gewissenskonflikte), aber es ist eben ein entscheidender Unterschied, ob man selbst eine Art
"Inszenierug" durchführt wie bei einer Hysterie oder ob man sich als Opfer einer Fremdsteuerung erlebt wie bei einer Besessenheit, wobei es nahe liegend ist, dass beides miteinander zu tun hat. Dabei ist auch die Möglichkeit fließender Übergänge sehr wahrscheinlich. Demnach würde es Phasen geben, wo das menschliche Ich agiert und am ehesten ein Psychotherapeut oder ein Psychiater bzw. Nervenarzt ein helfender Begleiter sein könnte. Doch diese Phasen wechseln sich ab mit anderen, wo bereits andere Kräfte das eigene Ich bzw. einzelne Komponenten des Ichs beherrschen und das medizinische Wissen nicht ausreicht.

So mag man als schulmedizinisch orientierter Zeitgenosse mit mehr oder weniger Recht Überlegungen zu Hysterie oder zu stark schizoiden bis schizophrenen Verhaltensweisen (oder auch zu Epilepsie oder zu neuropsychiatrischen Erkrankungen) anstellen und kann doch alleine damit die dahinter stehenden geistigen Kräfte nicht erfassen.
Umgekehrt kann der in religiösen oder esoterischen Kategorien denkende Mensch von Besessenheit, negativer Telepathie, schwarzer Magie, von Dämonen oder Seelen sprechen und landet doch letztlich bei einer psychologischen Problematik des betroffenen Menschen, die den Phänomenen als deren Wurzel zugrunde liegt.
Dabei kann der eine Bereich nicht vom anderen isoliert werden, und es wird hier die These aufgestellt: Das menschliche Ich steht immer in der Gefahr, von anderen Kräften manipuliert oder gesteuert zu werden. Und umgekehrt: Der manipulierte oder gesteuerte (bzw. besessene) Mensch muss, um gesunden zu können, früher oder später zu den psychischen Wurzeln zurückgeführt werden, die dieser Manipulation oder Besessenheit einst den Weg geebnet hatten. Dabei gibt es eben nicht nur die beiden Typen
"Selbst handelnd" und "Besessen", sondern auch verschiedene Mischformen.
 
Zu diesen Mischformen würden auch die Handlungen gehören, die Menschen in einer Art Trance durchführen. So konnten durch Hypnose-Experimente z. B. körperliche Reaktionen beim Menschen hervor gerufen werden, die den Phänomenen bei einer Besessenheit teilweise gleichen, wobei auch Kräfte frei gesetzt wurden, über die der betreffende Mensch normalerweise nicht verfügt.
Lehnt man die Möglichkeit einer Besessenheit ab, würde sich der Betroffene nach diesem Erklärungsmuster in einer Art Selbstsuggestion bzw. Selbsthypnose in das Phänomen der
"Besetzung" hinein steigern, was dann durch die Beschwörungsformeln des Exorzisten noch weiter verfestigt würde.
Diese Deutung kommt dem Sachverhalt auch um einiges näher als die Hysterie-Theorie, weil es den völlig anderen Bewusstseinsstand des Betroffenen im Zustand der
"Besessenheit" berücksichtigt. Doch lässt sich vieles, was der "Besessene" tut und sagt, eben nicht mit Selbstsuggestion erklären, weil eine Suggestion mit diesen Inhalten in diesen Fällen schlicht nicht stattgefunden hat (z. B. wenn ein "Besessener" in einer Sprache redet, die er nie gelernt hat und vieles mehr). Und außerdem wird damit nicht erklärt, dass "Anfälle" eben auch ohne vorherige Suggestion erfolgen, so dass man auch von aktiven Kräften ausgehen kann, die zwar wie bereits oben beschrieben in enger Beziehung zum "Besessenen" stehen, aber nicht identisch mit ihm sind.
Betrachtet man die unterschiedlichen Deutungen, lässt sich
allgemein gesprochen zudem feststellen, dass ein möglicherweise identisches Phänomen von verschiedenen Schulrichtungen mit unterschiedlichen Interpretationen belegt wird. So kennt man in der Medizin mittlerweile auch die "multiple Persönlichkeit"
(aus einem Menschen sprechen unterschiedliche Ichs bzw. verschiedene Personen, die abwechselnd den Menschen steuern), was offenbar identisch mit einer "Besessenheit" ist.

Die möglichen geistigen Hintergründe hinter den vordergründigen Phänomenen könnten dann allgemein und in aller Kürze wie folgt skizziert werden:
Man würde zunächst davon ausgehen, dass beim Tod eines Menschen jeweils die unsterbliche Seele ihre sterbliche Hülle, den Körper, verlässt. Die unsterbliche Seele lebt im Jenseits dann in dem Bewusstsein weiter, in dem der Mensch, in dem sie inkarniert war, verstorben ist. Dabei suchen manche Seelen wieder den Kontakt zur Erde und ihren Bewohnern. Und über Menschen, die sich für solche Einflüsse freiwillig oder unfreiwillig öffnen, so genannte Medien, kann eine Seele aus dem Jenseits nun auch mit unserer diesseitigen Welt Kontakt aufnehmen. Dies ist jedoch den Erfahrungsberichten zufolge nicht beliebig möglich. Die jenseitigen Kräfte werden vor allem dort tätig, wo sie bei einem Menschen bereits Gleiches oder Ähnliches vorfinden wie das, was sie dann durch ihr Medium durchgeben. Es handelt sich also um eine Art "geistigen Magnetismus" nach der Art "Gleiches zieht zu Gleichem".
Dies würde erklären, warum Annelieses "Dämonen" teilweise genaue Anweisungen geben, welchen Kurs die römisch-katholische Kirche einzuschlagen hat, was sich in diesen Fällen mit Annelieses eigenen Anschauungen oder denen ihrer Eltern oder der Exorzisten deckt. Z. B. fordert ein Dämon, die Hostie dürfe dem Gläubigen beim Abendmahl nicht in die Hand gegeben werden (die so genannte "Handkommunion"), sondern müsse ihm wie die Jahrhunderte zuvor weiterhin in den Mund gesteckt werden (die so genannte "Mundkommunion"), so wie es der Exorzistenpater Arnold Renz auch glaubt. Die Gläubigen im Umfeld von Anneliese Michel deuten die Geschehnisse dann so wie die Freundin Thea Hein (12), die von einem Exorzismus u. a. berichtet: "Der Teufel hat gesagt, er muss noch allerhand sagen im Auftrag des Nazareners" (Satan lebt, WDR 2006).

Doch mit dem Mann aus Nazareth haben diese Besessenheits-Phänomene nichts zu tun, und es wird hier klar verneint, dass eine der beteiligten Seelen tatsächlich Christus bzw. der "Heiland" gewesen sein könnte, wie er manchmal genannt wird. Denn Jesus, der Christus, nötigt weder einen "Teufel" noch einen "Dämon", irgendetwas in seinem Auftrag mithilfe eines furchtbar leidenden Mediums zu sagen, und solches ist auch nirgends im Neuen Testament zu finden. Und schon gar nicht vertritt er konservativ-katholische Vorstellungen, die mit ihm nichts bzw. nicht viel zu tun haben (vgl. z. B. Der Theologe Nr. 25).
Hier stecken andere Kräfte dahinter, und darunter eben auch ein falscher "Heiland". Und auch bei den "Dämonen" muss bezweifelt werden, dass es sich bei ihnen wirklich um die Seelen von Adolf Hitler, Kaiser Nero, Judas, Kain oder Luzifer handelte, als die sie sich ausgegeben haben. Hier könnte es sich zumindest überwiegend um Wichtigtuerei handeln. Sehr wahrscheinlich könnte sich jedoch tatsächlich die Seele von Pfarrer Valentin Fleischmann bemerkbar gemacht haben, die sich auch als solche vorstellte. Valentin Fleischmann war einer der Vorgänger des Exorzisten Ernst Alt auf der Pfarrstelle in Ettleben,
der mehrere uneheliche Kinder zeugte. (8)
 
Dabei scheint hier eines gewiss, auch für den, der diese mögliche Deutung nicht befürwortet:
Die "Dämonen" aus Anneliese äußern sich nicht beliebig. Sondern sie spiegeln die mittlerweile extrem gegensätzlichen Persönlichkeitsanteile der jungen Frau wieder, sowohl die katholischen als auch die der katholischen Kirche gegenüber zutiefst feindlichen und aggressiven. So lehren die "Dämonen" im Auftrag ihrer katholischen "Hintermänner" einerseits: "Theologen müssen sich bessern", sprich "bessere" Katholiken werden. Und andererseits zerreißt ein "Dämon" dann in eigener Sache durch Anneliese immer wieder Rosenkränze, oder er wehrt sich mit unflätigen Sprüchen oder wütendem Schreien gegen den Exorzisten, oder er tut es mit der Selbstbehauptung "Ich bin nicht unrein".
Einen solchen Widerspruch gegen die katholische Lehre hätte die junge Frau Michel in Ich-Form niemals gewagt, weil sie Angst vor den Konsequenzen eines Widerspruchs hatte. Denn dann hätte sie sich aus ihrem von der Kindheit her vertrauten sozialen Umfeld ausgeschlossen und hätte nach römisch-katholischer Lehre später ewig in die Hölle gemusst. Und genau in dieser indoktrinierten Furcht davor liegt die Hauptwurzel des ganzen Übels.
Und so scheinbar menschlich hart das in diesem Zusammenhang auch klingt: Welche andere Möglichkeit hatten die aus dieser Furcht heraus abgespaltenen Persönlichkeitsanteile Annelieses, um sich Gehör zu verschaffen? So verbündeten sie sich eventuell mit fremden Seelen bzw. Mächten, um dann durch diese aus der jungen Frau mit aller Wucht zu schreien. Anneliese Michel gibt diesen Empfindungen in ihr womöglich keine andere Chance und muss einen grausamen Preis dafür zahlen. So zwängt sie sich – trotz gegensätzlicher Empfindungen – immer wieder in das enge Korsett ihrer römisch-katholischen Glaubenswelt zurück. Und damit schafft sie vermutlich die Voraussetzung, dass sich auch "die jenseitigen Vertreter des Katholizismus" dieser "Dämonen" bedienen können, die sich bei Anneliese Michel den medialen "Kanal" geschaffen haben, durch den sie sich mitteilen können.

Die "Dämonen" wollen nicht in die Hölle

Und hier treiben nun einige der "Dämonen" mit der Angst der engagierten Katholikin, der Kirche zu widersprechen, sich mit ihrem sozialen Umfeld zu überwerfen und am Ende ewig verdammt zu werden, ihre makabren und obszönen Spiele (Dauerkniebeugen, jaulen, nackt herumtoben, Spinnen essen und Urin trinken usw.; siehe oben). Und Anneliese Michel gehorcht immer – ein Leben lang und bis zum bitteren Ende. Ob bei klarem Bewusstsein oder unter dem von ihr als "Zwang" erlebten "Besessen-Sein". Sie gehorcht – sowohl der Kirche und ihren Drahtziehern als auch ihren "Dämonen".

Anneliese Michels Wohnhaus in Klingenberg am Main

In diesem Haus im malerischen fränkischen Weinland versuchten die beiden katholischen Priester Renz und Alt, die "Dämonen" aus der Studentin auszutreiben.
Und einen Tag nach dem 67. Exorzismus ist Anneliese Michel dort gestorben.


Die Austreibungsformeln des kirchenamtlichen Rituale Romanum, gesprochen durch den Exorzisten Arnold Renz, der mal auf Deutsch, mal auf Latein beschwört, tun ihr Übriges und geben der Studentin ganz offenbar den Rest. Und so wie in nachfolgendem Beispiel geht es während des Exorzismus schier endlos hin und her.

"Pater Renz: ´Wir werden die drei Mächte bitten, dass sie euch in die Hölle stoßen. Wir werden zu den Armen Seelen beten, zu den Schutzengeln, zu den Heiligen ...` Pater Renz beginnt mit dem Vater Unser.
´Nein, nein, nein, nein, nein!`, schreit es aus Anneliese.
´Heiliger Erzengel Michael ... du Fürst der himmlischen Heerscharen, wolltest du den Satan und die anderen bösen Geister, die zum Verderben der Seelen in der Welt umherschweifen, mit Gottes Kraft in die Hölle hinab stoßen ...`
"
Felicitas D. Goodman, aus deren Buch Anneliese Michel und ihre Dämonen (2) diese Zitate stammen, schreibt weiter:
"Endlich wehren sich die Dämonen:
´Wir bleiben noch!` knurrt einer.
´Wer erlaubt euch das?`
´Die Dame!`, bellt er.
Pater Renz fängt von neuem an zu beten und versucht eine andere Taktik: ´Es muss euch doch eine Qual sein, hier zu bleiben! Ihr solltet doch eigentlich mit Freuden ausfahren!`
´Nein!`
´Warum geht ihr nicht?`
´Weil´s dort viel schlimmer ist!`
"
(Goodman, S. 165 f.)

Diese makabren Dialoge offenbaren dem, der es wahrnehmen will, eine einfache Wahrheit. Vorausgesetzt, Anneliese Michel wurde tatsächlich als Folge ihrer schizoiden Lebenshaltung von jenseitigen Seelen besessen, nämlich "ihren Dämonen", dann ist es doch verständlich, dass diese nicht in eine angeblich ewige Hölle wollen. Dahin hatte sie die katholische Kirche schon oft zu schicken versucht, und dahin wollen sie die kirchlichen Amtsträger nun einmal mehr wieder verbannen.
Doch wer will schon freiwillig in ein unendliches Grauen, in ewige Qualen? Niemand will dorthin. Und eventuell ist es für diese Seelen ein jenseitiges Aha-Erlebnis, dass man auch keineswegs dorthin muss! Lieber besetzen sie weiterhin ihr Opfer und schreien ihren Protest durch ihr Medium heraus – ein Protest, der für die kirchlichen Exorzismus-Vollstrecker natürlich gotteslästerlich klingt. Dabei sind die Schreie der "Dämonen" manchmal nichts anderes als eine Fundamental-Kritik an dieser scheinheiligen und furchtbaren römisch-katholischen Kirchenlehre, die aus den von ihr verdammten Seelen – durch das Medium – heraus bricht!

So weit eine mögliche Deutung. Doch selbst wenn man voraussetzt, es würde sich gar nicht um Seelen handeln, sondern "nur" um Persönlichkeitsanteile Annelieses, die im Kampf mit den Exorzisten liegen, dann wäre das im Ergebnis nicht viel anders. Auch hier ist es verständlich, dass diese Anteile Annelieses nicht in die "Verdammnis" wollen. Sie wollen als Teil der Persönlichkeit erkannt werden, so dass ein gesunder Mensch entscheiden kann: Lebe ich das aus, was sich in mir an Gefühlen und Vorstellungen auftut? Oder gestehe ich es mir ehrlich ein, gebe dem aber nicht nach, sondern bearbeite die aus meiner Sicht negativen Ursachen dafür?
Oder finde ich einen goldenen Mittelweg? Bzw. beginne ich allmählich aufzuarbeiten, was mir eventuell andere einst angetan haben?
Doch bis zu dieser Fragestellung ist es bei Anneliese Michel gar nicht mehr gekommen. Die "Dämonen" hatten sie in ihren letzten Monaten schon zu sehr im Griff.

Vor allem der "Dämon" mit dem Namen Judas war beteiligt. Und auch er hat verständlicherweise kein Interesse an der Hölle:
"Wo soll ich denn hinfahren?"
"In die Hölle!"
"Nein!"
"Da gehörst du hin!"
"Nein ... nein ... nein ... nein!"
"In die Hölle gehörst du! Nur weil du´s verdient hast, bist du dort. Du wolltest ja nicht dienen!"
(Goodman, S. 170)
 
Neben Judas gibt es – wie bereits berichtet – v. a. den "Dämon" mit dem Namen Luzifer. Pater Arnold Renz wiederholt den exorzistischen Befehl unzählige Male. Dann heißt es bei der Buchautorin Felicitas Goodman:
"Pater Renz wendet sich an die Heiligste Dreifaltigkeit, an Jesus, an die allerseligste Jungfrau Maria, den Erzengel Michael es nützt nichts. Der Dämon muss sich fast erbrechen und dennoch sagt er immer wieder: ´Nein!` Nach drei weiteren exorzistischen Befehlen, er solle ausfahren und nie wiederkommen, scheint er endlich im Rückzug begriffen:
´Ich bin verdammt ... weil ich nicht ... weil ich Gott nicht dienen wollte ... ich wollte selber herrschen ... obwohl ich nur Geschöpf war.`
Dann wehrt er sich wieder und fügt hinzu: ´Ich geh nit!`
Wie Hagel prasseln ihm die vielen Befehle des Priesters auf den Buckel, aber er gibt sich nicht geschlagen. Er würgt furchtbar, mit übermenschlicher Kraft, viermal hintereinander. Einige seiner Schreie ertönen doppelt, so als habe er zwei Mäuler.
´Du wolltest dich dem Himmel nicht unterwerfen, nun musst du in die Hölle!`

´Nein ... nein ... nein ... nein!`"
(Goodman, S. 171)

Die "Dämonen" wehren sich auf solche Weise erfolgreich gegen die Versuche der kirchlichen Amtsträger, sie in eine ewige Verdammnis zu verbannen.
Wenn man solches liest und sich bewusst macht, dass all dies eben nicht nur auf die "Dämonen", sondern auch auf die junge Studentin "niederprasselt", dass sie, die Studentin, sich erbrechen muss und vieles mehr – wundert es da noch, dass sie diese Prozedur des römisch-katholischen Exorzismus letztlich in völlige Hilflosigkeit und schließlich mit in den Tod treibt?

 Anneliese Michel -
ein Opfer des Dogmas der ewigen Verdammnis

Das Schicksal Anneliese Michels kann so zum Zeugnis dafür werden, was das römisch-katholische Dogma von der ewigen Verdammnis bei Menschen anrichten kann, wenn man diese Lehre und ihre allergrässlichsten Folgen tatsächlich Ernst nimmt (siehe dazu auch Der Theologe Nr. 19 - Es gibt keine ewige Verdammnis - auch nicht in der Bibel). Und Anneliese Michel hat diese Lehre Ernst genommen. Es ist eine Lehre, die zu einer völligen Vergiftung der Seele führen kann, zu nicht endenden Schuldgefühlen und unaufhebbarer Angst. Und damit können Gläubige lebenslang beherrscht und in Abhängigkeit gehalten werden, weil sie nicht wagen, etwas zu tun, was vielleicht dem Innersten ihrer Seele entspricht, was jedoch nach römisch-katholischem Glauben in die angeblich ewige Hölle führt.

Johannes Daniel Breit, der "Parochus Klingenbergiensis"

Johannes Daniel Breit, der römisch-katholische "Parochus Klingenbergiensis" im Heimatort von Anneliese Michel. Bei Aussteigern, Abweichlern und "beharrlichen" Zweiflern kennt die Kirche keine Gnade ...
 

Anneliese Michel will ja eine besonders gute und folgsame Katholikin sein. Deshalb trifft es sie besonders hart.
Gerade empfindsame und sensible Gläubige sind für seelische Einflussnahmen besonders empfänglich. Dadurch werden sie jedoch zwangsläufig krank – ekklesiogene, d. h. kirchenbedingte Neurose heißt der Fachausdruck. Denn die Vorstellung einer Verworfenheit in alle Ewigkeit sowie die Vorstellung nie endender grausamer Schmerzen und Qualen widerstrebt fundamental der Sehnsucht jedes Menschen nach Glück und nach einem Gott der Liebe, der keines Seiner Kinder auf ewig verdammt. Demgegenüber verweigert der Gott der katholischen Kirche seine Barmherzigkeit selbst dann, wenn eine "verdammte" Seele nach katholischer Vorstellung im Jenseits ihre Vergehen bitter bereut und sich von Herzen danach sehnt, alles wieder gutzumachen, was sie an Negativem verursacht hat. "Das hätte sie eben machen sollen, solange sie noch als Mensch auf der Erde war", so sinngemäß die kirchliche Antwort, wenn das Urteil zuvor auf "Verdammnis" gelautet hat. Jetzt gebe es nur noch allergrausamste Dauerfolter ohne die geringste Aussicht einer Linderung. Wenn man sich das nur einmal ansatzweise vorzustellen versucht ... Was für ein "Gott"!

Was Anneliese Michel betrifft, kann man diesen ihren Glauben und seine Auswirkungen wie folgt zusammenfassen:
Aus Angst vor der ewigen Verdammnis wagt sie nichts zu fühlen, zu denken oder zu tun, was sie ihrer Meinung nach in Gefahr bringen könnte, dort zu enden. Und die Bedingungen der Kirche können knallhart sein (siehe z. B. Der Theologe Nr. 18). Gleichzeitig glaubt sie daran, dass Verfluchungen oder Verwünschungen ihr etwas anhaben können, und sie öffnet ihr Bewusstsein zusätzlich für diese weiteren Ängste anstatt ihnen die Stirn zu bieten. So fühlt sie sich auch von daher ziemlich nahe an dem angeblich endgültigen grässlichen Abgrund, so wie in die römisch-katholische Kirche lehrt.
Nun ist sie aber auch eine natürlich denkende und empfindende und zudem intelligente und anmutige junge Frau mit einem großen positiven charakterlichen Potenzial. Nur kann sie aber nicht beides zugleich leben. Die beiden Bereiche geraten immer wieder in Spannung und Widerspruch zueinander. Und auch bei realen Fehlern und "Sünden", die sie – wie alle Menschen – bei sich erlebt, bieten beide Lebensentwürfe ganz unterschiedliche Antworten an, um damit umzugehen bzw. etwas an sich zu verändern.
Anneliese Michel bleibt dabei ihrem römisch-katholischen Glauben verhaftet, obwohl sich ihre natürlich empfindende Seele mit Macht dagegen wehrt. Die junge Frau wird von diesem Konflikt schließlich zerrissen und auf diese Weise auch zum Spielball dunkler Kräfte. 
Der Exorzismus ist dabei der Versuch des einen Bereichs (der ja auch ein geistiges Energiefeld darstellt), den immer verworreneren Konfliktherd mit magischer Gewalt zu vernichten. Die obersten Instanzen der Kirche (angeblicher "Heiland", angeblich Maria und Josef, Kirchenheilige usw.) schlagen sich in Annelieses Inneren dabei mit den "niedersten" Instanzen (amgeblich Luzifer, Judas, Kain usw.) herum, bis die junge Frau unter entsetzlichen Qualen daran stirbt.
Und auch dafür konstruiert der Katholizismus noch eine scheinheilige Erklärung, mit der die "Kirchenschafe" weiter im Pferch gehalten werden sollen, in diesem Fall eine angebliche "Sühnebesessenheit", was weiter unten noch etwas ausgeführt wird.
Hätte Anneliese Michel nicht an das römisch-katholische Dogma von der ewigen Verdammnis geglaubt, wäre sie mit hoher Wahrscheinlichkeit frei geworden. So aber ist sie zu einem Opfer der Kirche und deren Lehre der ewigen Verdammnis geworden.

Dabei ist diese Lehre nicht von Anfang an Glaubensgut der Kirche gewesen. Bis ins 6. Jahrhundert war der Glaube an eine einstige Rückkehr aller gefallenen Wesen zurück zu Gott sogar in der Kirche noch weit verbreitet. Erst auf dem Konzil von Konstantinopel im Jahr 553 wurde der Glaube an die schlussendliche Rückkehr aller Seelen und Menschen zu Gott aus der kirchlichen Lehre gestrichen und durch das neue Dogma von der ewigen Verdammnis ersetzt. Und ausgerechnet die Erfinder dieser Lehre bieten nun an, allein ihr Glaube könne auch vor ihrer Erfindung bewahren. So heißt es bereits drohend beim Kirchenlehrer Cyprianus (3. Jahrhundert): "Extra ecclesia nulla salus = Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil", d. h. keine Rettung.
Diese Lehre wurde vom Laterankonzil im Jahr 1215 bekräftigt und zählt heute zu den "unfehlbaren" Glaubenssätzen der Kirche (siehe Neuner-Roos, Der Glaube der Kirche, Nr. 375). Also ohne die Kirche nur niemals endende, ewige Höllenqualen?

"Die Teufel und die anderen Dämonen wurden zwar von Gott ihrer Natur nach gut geschaffen, sie wurden aber durch sich böse" (4. Konzil im Lateran 1215: DS [Dogmensammlung Denzinger-Schönmetzer] 800) ... Wegen des unwiderruflichen Charakters ihrer Entscheidung und nicht wegen eines Versagens des unendlichen göttlichen Erbarmens kann die Sünde der Engel nicht vergeben werden. "Es gibt für sie nach dem Abfall keine Reue, so wenig wie für die Menschen nach dem Tode" (Johannes von Damaskus, f. o. 2, 4) ... Die Lehre der Kirche sagt, dass es eine Hölle gibt und dass sie ewig dauert. Die Seelen derer, die im Stand der Todsünde [Anmerkung: wozu z. B. der Abfall vom katholischen Glauben gehört] sterben, kommen sogleich nach dem Tod in die Unterwelt, wo sie die Qualen der Hölle erleiden, "das ewige Feuer".

Aus: Katechismus der Katholischen Kirche 1992, Nr. 392, Nr. 393 und Nr. 1035; maßgeblich verfasst von Joseph Kardinal Ratzinger, autorisiert von Papst Johannes Paul II.

Mit dieser tödlichen Drohung, die heute meist subtiler gehandhabt und verbreitet wird, versucht die Kirche bis in die Gegenwart, ihre Gläubigen zu disziplinieren, was übrigens auch in verschiedenen Varianten in evangelischen Kirchen geschieht. Nicht ins Kalkül passen dabei natürlich solche "Betriebsunfälle" wie bei Anneliese Michel, die – getreu der kirchlichen Ethik – nicht nur sich selbst, sondern auch andere Menschen vor der ewigen Hölle retten möchte.
"Ich habe immer gedacht, ich will auch für die anderen Leute leiden, damit die nicht in die Hölle kommen, aber dass das so schlimm ist und so grausam, und so furchtbar! ... dann will man keinen Schritt mehr", bekennt sie gegenüber Pater Arnold Renz (Goodman, S. 190). Dennoch schreitet sie weiter auf ihre Peiniger zu.

Deshalb zeigt Anneliese Michels Leiden und Sterben, wenn man so schlussfolgern will, auch ein gescheitertes Aufbegehren gegenüber dieser Religion des Todes. Gescheitert letztlich, weil die nach Befreiung Ringende voller Angst an ihren Peinigern und deren Lehren festhält und diese nicht zu hinterfragen wagt. Dabei hätte sie dazu mehrfach Gelegenheit gehabt.
So ist sie z. B. irritiert, dass sie unter anderem zum Beten gezwungen wird:
"Ich muss sehr viel beten. Das ist alles so widersprüchlich. Ich mache das schon freiwillig, aber trotzdem ist manchmal ein Druck dahinter ... Dann wieder musste ich stundenlang knien und bis nachts um zwölf oder ein Uhr einen Rosenkranz nach dem anderen beten. Der Papa hat mitgebetet. Das musste ich. Das war furchtbar! Oh, Pater Arnold, ich habe ein Grauen bekommen, ... dass ich überhaupt nichts mehr wissen wollte von heiligen Dingen ..."
Schüchtern begründet sie diese zeitweise Abneigung gegen den römisch-katholischen Glauben damit, dass der Heiland
"zugelassen hat, dass das so grausam war" (Goodman, S. 194 f.). Einen weiter gehenden Widerspruch wagt sie in der Ich-Form jedoch auch hier nicht. Das ist dann wieder die Sache der "Dämonen".
Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass diese Zwangshandlungen nicht durch einen Exorzismus zu
"heilen"
sind, sondern dass dieser den Irrsinn nur verstärkt. 

Der katholische Exorzismus hat mit Jesus nichts zu tun

Besetzung und Umsetzung, d. h. Besessenheit und Umsessenheit von Menschen, scheinen zu allen Zeiten Realität, und von solchen Phänomenen wird auch aus verschiedenen Kulturkreisen berichtet.
Doch die dauerhafte Heilung einer solchen Besessenheit kann niemals durch ein Exorzismusritual erfolgen
. Es kommt allenfalls zu einem kurzzeitigen Zurückdrängen dieser Kräfte, die – lange bevor sie sich auf diese schlimme Weise verselbstständigten – hätten als Botschaften erkannt und seelisch aufgearbeitet werden müssen.
Genauso wenig erfolgreich wie ein Exorzismus ist allerdings auch eine Medizin, welche die geistig-seelischen Vorgänge hinter den körperlichen Symptomen leugnet oder davon nichts wissen will.
Am hilfreichsten wäre wohl eine rechtzeitig beginnende Psychotherapie, die sich der Hilfe zur Selbsterkenntnis und einer verantwortbaren Ethik verpflichtet weiß.
Sind die Besetzungs-Phänomene jedoch schon ausgeprägt und verfestigt, wird eine mögliche Heilung äußerst schwer. Hierzu bedürfte es neben der Einsicht des Betroffenen in seine Situation einer humanen Medizin in Verbindung mit sehr viel therapeutischem Geschick. Dabei bekäme es der Arzt oder der Therapeut je nachdem entweder mit dem Betroffenen selbst und seiner nach Befreiung ringenden Seele zu tun oder den ihn bedrängenden "fremden Mächten".
Der katholische Exorzismus hingegen besteht darin, die angeblichen oder tatsächlichen Dämonen mit einem erniedrigenden Wort-Ritual zu attackieren, wodurch man den Ursachen des Leidens nicht auf die Spur kommt und wodurch sich die Situation des Betroffenen meist noch weiter verschlimmert.

Wenn die Kirche in Sachen Dämonenaustreibung auf Jesus von Nazareth verweist, so ist das, bemessen an ihrem Tun, unredlich. Denn Jesus schickte die "bösen Geister" nicht in eine ewige Verdammnis – weil es eine solche bei einem Gott der Liebe, den Jesus lehrte, und der jedem Verlorenen nachgeht (vgl. die Gleichnisse vom verlorenen Sohn, Schaf bzw. Groschen), nicht gibt. Solches steht auch nirgends in der Bibel geschrieben. Das dort in diesem Zusammenhang manchmal gebrauchte Wort aionios bezeichnet einen "Äon", eine sehr lange Zeit, aber nicht die Unendlichkeit (vgl. dazu Der Theologe Nr. 19).

Als Jesus offenbar einmal einen Besessenen heilte, warfen ihm die damaligen Theologen vor, er vollbringe die Austreibung mit Beelzebub, dem Obersten der "Teufel". Doch dies war nichts anderes als eine Projektion ihrer eigenen erfolglosen Austreibungspraxis.
Und die heutigen katholischen Theologen tun das Gleiche wie die damaligen Theologen. Sie sind es, die "den Teufel mit dem Beelzebub" auszutreiben versuchen, wie es im Sprichwort heißt, also: Das Teuflische verbirgt sich, indem es vorgibt, den "Teufel" auszutreiben. Und es stellt sich hier auch die Frage, ob die angeblichen "Teufelsaustreiber" nicht eher "Teufelseintreiber" sind (siehe dazu auch unten).
Mit Ritualen und einem unheimlichen monotonen Gebets-Murmeln versuchen also auch die heutigen Theologen, die Dämonen auszutreiben. Und der Hilfe suchende Gläubige bleibt dabei meist auf der Strecke.
Im Gegensatz dazu hatte Jesus wohl die oben dargelegten Fähigkeiten, zu der Wurzel der Besessenheit vorzudringen und auch zu der Lebenssituation der beteiligten fremden Seelen, womit die Voraussetzung für eine dauerhafte Lösung der Problematik gegeben war. Denn er wusste dank seiner offenbar ungebrochenen inneren Verbindung zu Gott bzw. zum Göttlichen in ihm, was beim Betroffenen zugrunde lag und wer ihn warum "besetzte".
Dass Jesus einmal "Dämonen" ersatzweise in Schweine geschickt haben soll, die sich darauf hin in einen See in den Tod gestürzt haben sollen, ist sehr wahrscheinlich eine antike Exorzismus-Legende mit heidnischem Tieropfer-Motiv und keine tatsächliche Begebenheit (Matthäus 8, 28 ff.). Denn Jesus hat auch sonst nie Menschen geholfen, indem er anderen Menschen oder Tieren schadete. Und selbst in der biblischen Legende wird nicht ausdrücklich gesagt, dass Jesus die "Dämonen" aktiv in die Tiere umgeleitet hätte. Seine Vollmacht bestand demnach darin, dass er die Menschen und Seelen durchschaute und folglich auch schwierige Situationen richtig einschätzen und entsprechend handeln konnte.

Anders die kirchlichen Exorzisten, welche zur Verstärkung ihrer Austreibungspraxis auch so genannte Reliquien benutzen. Auch das hat nicht das Geringste mit Jesus zu tun, sondern mehr mit dem Voodoo-Kult, wo bei den Exorzismus-Ritualen ebenfalls zahlreiche Reliquien benutzt werden.
Der Exorzismus-Forscher Uwe Wolff schreibt: "Am Freitag, dem 21. November, benutzt Pater Renz einen Splitter vom Kreuze Christi, Reliquien des Vinzenz von Paul, des im Kampf gegen den Teufel erprobten Pfarrer von Ars, und vor allen Dingen eine Reliquie von Papst Pius X ..." (Wolff, S. 235)
Die unmittelbare Folge: "Anneliese wird durch diese Sitzung so weit aus der Bahn geworfen, dass sie die kommende schulpraktische Prüfung für die Missio canonica [die kirchenamtlichen Befähigung zur katholischen Religionslehrerin] nur unter großen Schwierigkeiten besteht."
Und ihr Freund Peter Himsel muss eingestehen: "Man hat ja gemerkt, wenn man hinkommt, betet den Exorzismus, da wird´s ja eigentlich schlimmer. Das war ja irgendwie das Tragische daran, jedenfalls in der letzten Zeit." (Wolff, S. 243)

Religion des Todes

Und damit das Ganze nicht ans Tageslicht dringt, muss diese unselige Prozedur natürlich möglichst im Verborgenen vollzogen werden. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum der Würzburger Bischof Josef Stangl zunächst zögert, die Erlaubnis zum Exorzismus an Anneliese Michel zu erteilen. "Die gebotene Diskretion soll auf jeden Fall gewahrt werden – keinerlei Medien dürfen während des Exorzismus zugelassen werden und weder vor noch nach der Exorzismushandlung dürfen sie darüber öffentlich informieren", heißt es in dem neuen Exorzismusdekret des Vatikan aus dem Jahre 1999.
Zudem soll im Vorfeld eines möglichen Exorzismus die Situation intensiver medizinisch und psychologisch durchleuchtet werden. So beschwichtigt der Jesuit Alfred Singer im Hinblick auf die aktuellen Anwendungen: "Der Exorzismus ist Liturgie, ist Gebet für einen kranken Menschen". (Main-Post, 9.7.2007)
Die Männer der Kirche in Rom werden wissen, warum sie hinsichtlich der Inhalte des Exorzismus derzeit lieber etwas leiser treten, vor allem in Deutschland.

Denn es wird natürlich nicht nur "gebetet". So wird bei einem Exorzismus den Betroffenen mitunter auch das Kruzifix mit dem zu Tode geschundenen Jesus vor die Nase gehalten, so wie Inquisitoren es in der Vergangenheit den verbrennenden Frauen und Männern auf dem Scheiterhaufen entgegen streckten. Und so wie viele Opfer der Kirche noch im Todeskampf standhaft blieben und sich von dem Kruzifix abwandten, so wehrt sich auch ein "Dämon" in Anneliese: "Weg mit dem Ding!"

Einer, der die Kirche sehr gut kennt, der ehemalige Dekan der römisch-katholischen Fakultät der Universität Wien und Religionswissenschaftler Professor Hubertus Mynarek, weist auf die tiefenpsychologische Bedeutung des Kruzifix in der Kirche hin, die eine ganz andere ist als die vordergründige Bedeutung, wonach das Kruzifix auf ein angebliches stellvertretendes Sühneleiden von Christus für die Menschheit hinweisen soll.
Die Kirchen-Oberen, so Mynarek, "stellen immerfort den malträtierten, misshandelten, gequälten, blutüberströmten Leichnam dar. Warum? Weil sie eine Religion des Todes und nicht des Lebens sind! Da kann der Papst noch hunderte Male von der Kultur des Lebens sprechen, die die katholische Kirche versinnbildlichte, und sie der Kultur des Todes entgegen stellen. In Wirklichkeit ist die Kirche die Kultur des Todes, des gequälten Leichnams, und glaubt selber nicht an das Leben." (3)
Man könnte den Gedanken des Religionswissenschaftlers noch weiterführen: Mit dem toten Mann am Kreuz würde unterschwellig und entgegen den oberflächlichen theologischen Erklärungen etwas ganz anderes symbolisiert. Nämlich: "Jesus ist tot, wir haben ihn besiegt."
Religionsphänomenologisch ist das Kruzifix demnach vergleichbar den barbarischen Trophäen archaischer Kriegsvölker, welche die Köpfe bzw. Skalps ihrer hingerichteten Gegner triumphierend vor sich hertragen. Besonders drastisch veranschaulicht wird diese katholische Dauer-Todesdemonstration z. B. durch das Handkruzifix von Papst Johannes Paul II., an dem er den furchtbar gekrümmten Körper des sterbenden Jesus demonstrativ vor sich hertrug. Und ein gutes Beispiel ist auch der Sendemast von Radio Vatikan, an dem ein besonders geschundener Jesus-Körper hängt
(siehe das 2. Foto auf der Seite
http://www.dw-world.de/dw/article/0,,1233273,00.html).

Wer es so sehen möchte, der erkennt darin eine tiefere Botschaft, die im Gegensatz zur oberflächlich verkündeten Botschaft eines angeblichen Sühneleidens steht: Die Kirche wäre demnach die Gegenspielerin von Jesus. Und sie bedient sich nur seines Namens, um ihr eigentliches Wesen zu verbergen.
Es wäre ähnlich, wie es der große russische Literat Fjodor Dostojewski (1821-1881) in seinem Werk Die Brüder Karamasov darlegte, als der Kirchenmann, der Großinquisitor, gegenüber dem wieder gekommenen Jesus erklärte: "Wir haben deine Tat verbessert." Und während Jesus nicht vor dem Versucher niederfiel, hat es die Kirche getan und dafür vom Versucher als Belohnung die irdische Macht erhalten. "Wir sind schon seit langer Zeit nicht mehr mit dir im Bunde", so der Großinquisitor, "sondern mit ihm, schon acht Jahrhunderte lang. Acht Jahrhunderte ist es her, dass wir von ihm das annahmen, was du unwillig zurückwiesest: Wir haben von ihm Rom empfangen und das Schwert des Kaisers und haben uns selbst als die Herren der Erde, als ihre einzigen Herren erklärt."
Und so hat es auch die Kirche zu ihrem "unfehlbaren" Lehrsatz gemacht, dass sich jeder Mensch und "alle Völker" dem Stuhl Petri, dem Papst unterwerfen müssen. (Neuner-Roos, Der Glaube der Kirche, Nr. 368, 430 und 434)

Umdeutung zur Heiligenlegende

Anneliese Michel wird anfangs unfreiwillig, später bewusst zur Zeugin dieser machtvollen Todesreligion. Denn als sich mehr und mehr heraus stellt, dass das katholische Exorzismus-Ritual die "Dämonen" nicht nur nicht vertreibt, sondern die grausame Situation verschärft, gräbt sich die junge Studentin noch tiefer in die katholische Kruzifix-Lehre ein und versucht, bestärkt durch die beiden Exorzisten, die katholische Jesusvorstellung nachzuahmen.
So deutet sie ihre unsäglichen Leiden schließlich als Sühne für andere, womit sie an die makabren Umstände nach ihrer Geburt anknüpft, als sie bereits von ihrer Mutter zum "Sühnopfer" erklärt worden war – damals für die uneheliche Zeugung und Geburt ihrer Halbschwester Martha. Der "Fluch", den angeblich bei ihrer Geburt eine fremde Frau über sie ausgesprochen haben soll, erscheint harmlos gegenüber der fluchartigen Bestimmung, "Sühnopfer" sein zu sollen, die ihr aus den Reihen der eigenen Familie aufoktroyiert wurde und die sie am Ende ihres Lebens in ihre eigene religiöse Vorstellungswelt übernimmt.

Diese neue Deutung der unsäglichen magischen Rituale stellt den entscheidenden Einschnitt bei den Exorzismus-Sitzungen dar.
Anfangs war sich Anneliese Michel noch sehr unsicher und voller Zweifel im Hinblick auf die Identität einzelner Stimmen und den Sinn des ganzen Leidens. Und dabei kalkulierte sie ursprünglich auch mit ein, dass sie von den monströsen Mächten getäuscht würde. Doch unter dem Druck des dauernden Misserfolgs bei den "Austreibungsversuchen" kristallisierte sich bei den Exorzisten auf einmal die neue Deutung heraus, die "Besetzungen" würden nun Gottes Willen entsprechen, damit Anneliese Michel auf diese Weise ihr "Sühnopfer" bringen könne.
Und nun beginnt sich der Horror-Kreislauf allmählich zu schließen. Die letzte Phase ist eingeleitet.
Dabei sind die jenseitigen katholischen "Instanzen" bzw. "Seelen", welche die "Dämonen" als Vermittler ihrer Botschaften benutzen, die eigentlichen Inspiratoren dieser neuen Theorie.

In einer Exorzismus-Sitzung fragt etwa Pater Renz:
"´Und mit dem Büßen, da kann sie Sünden abbüßen für andere?`
Anneliese: ´Ja, ja, ja!`
Renz: ´Damit kann sie Seelen retten, damit kann sie andere Seelen retten?`
... ´Die muss dir [Luzifer] noch viele Seelen abspenstig machen. Drum dürft ihr sie piesacken?!`
Anneliese: ´Bääh!`
Renz: ´Je mehr ihr sie piesackt, um so mehr Seelen werden gerettet. Stimmt das? Ja?
...`
Anneliese: ´Ja, nein, nein, nein.`
"
(Wolff, S. 223)

Drei Nein bei nur einem Ja könnten eigentlich auch eine klare Botschaft sein. Doch die Würdenträger hören nur, was sie hören wollen, nämlich das eine "Ja". Und der Exorzistenpater Arnold Renz will durch solche suggestive Fragen seine Theorie der Sühnebesessenheit bei Anneliese Michel bestätigt sehen. Und diese geht notgedrungen darauf ein. Sie sitzt in der Todesfalle und flüchtet nun immer mehr in die Identifikation mit dem leidenden und sterbenden Jesus, so wie es die römisch-katholische Lehre für die Kranken und Sterbenden vorsieht.
So ist im Katechismus der katholischen Kirche von der "Vereinigung des Kranken mit dem Leiden Christi" die Rede, und es wird das Sakrament der "Letzten Ölung" z. B. mit folgenden Worten erklärt:
"Durch die Gnade dieses Sakraments erhält der Kranke die Kraft und die Gabe, sich mit dem Leiden des Herrn noch inniger zu vereinen. Er wird gewissermaßen dazu geweiht, durch die Gleichgestaltung mit dem erlösenden Leiden des Heilands Frucht zu tragen. Das Leiden, Folge der Erbsünde, erhält einen neuen Sinn; es wird zur Teilnahme am Heilswerk Jesu." (Nr. 1521)
Leiden, Krankheit und Not sollen demnach bei einem gläubigen Katholiken nicht mittelbar oder unmittelbar mit eigenem Fehlverhalten in Beziehung stehen, sondern werden als "Heil" interpretiert. Und von dieser allen kranken Katholiken angebotenen Deutung der "Gleichgestaltung mit dem erlösenden Leiden des Heilands" ist es nur noch ein kleiner Schritt zur speziellen katholischen Deutung, dass auch der einzelne kranke Katholik stellvertretend zur Sühne für die Sünden anderer leiden könne.

Und mit ihrem Intellekt konstruiert Anneliese Michel genau eine solche Deutung ihres Leidens auf die hier dargelegte extrem-katholische Weise. Dadurch versucht sie, den Schlund des Abgrunds doch irgendwie zu schließen, der sich aufgetan hatte, und sie reißt ihn doch nur noch ein großes Stück weiter auf. Dabei fühlt sie sich im Vorfeld ihres Todes sowohl durch Pater Arnold Renz bestätigt als auch durch eine der vielen Stimmen, die sie vernommen hat und die sie fälschlicherweise als "Heiland" deutet. Diese Stimme sagt ihr am 20. Oktober 1975: "Du wirst eine große Heilige werden." (Wolff, S. 232)
 

Die Hohkreuzkapelle - ein Ursprung des Wahns der Sühnebesessenheit?

Ein Ursprung des Wahns der "Sühnebesessenheit", nur wenige Meter entfernt von Anneliese Michels Elternhaus in Klingenberg ein überlebensgroßes Kruzifix mit der Inschrift über dem Balken: "O´ alle, die ihr diesen Weg vorbeigeht, sehet, ob nicht ein Schmerz sei wie mein Schmerz." Kurz vor ihrem qualvollen Tod deutet die junge Studentin ihren Schmerz tatsächlich wie "seinen" Schmerz.
Die so genannte Hohkreuzkapelle zählt zu den ältesten katholischen Feldkapellen Frankens.

 

Ein solches Deutungsmuster entsteht nicht von einem Tag auf den anderen. Anneliese Michel wollte schon als Jugendliche mehr tun als das, was die Kirche vom einzelnen Katholiken verlangt (siehe oben). Nun schließt sich am Ende ihres irdischen Lebens der kirchliche Teufelskreis. Sie wähnt sich gar im Glauben, ähnlich wie angeblich Jesus ihr Leben als "Sühnopfer" bringen zu sollen [PS: Die Kirche lehrt ja, dass der Tod von Jesus ein "Sühnopfer" gewesen sein soll, was eine Vorstellung ist, die aus antiken Götzenkulten stammt; vgl. zum Thema hier]. Sie möchte ihr "Sühnopfer" dabei unter anderem für Priester bringen, die das Zölibat brechen – auch hier wieder die sexuelle Dimension des Geschehens, und wer weiß, ob hier nicht auch Ereignisse aus der eigenen Biografie oder der anderer Familienmitglieder eine wichtige Rolle spielen. Es kann vermutet werden.

Der Exorzismus-Experte Uwe Wolff erklärt dazu: "Wie ihr himmlischer Bräutigam will sie ein Sühneopfer sein" (S. 250). Und durch eine solche Verbrämung ihres am Ende in einer Sackgasse endenden Lebens versucht sie, ihre letzten Lebenswochen irgendwie zu ertragen. Es ist vergleichbar einer starken Droge, deren Dosierung auf höchstem Niveau gehalten wird. In den letzten Tagen vor ihrem Tod scheint Anneliese Michel vollends in dem Identifikationsversuch mit dem gekreuzigten Jesus aufzugehen.
Uwe Wolff schreibt: "Anneliese ist tief eingetaucht in das Geheimnis ihres am Kreuz leidenden Bräutigams und zitiert immer wieder dessen Todesworte: ´Bringt mir Wasser!`" (S. 258)
Angesichts des Ausmaßes ihres Leidens kann man dieser letzten Lebenslüge, die sie von ihrem Exorzisten Renz übernommen hatte, großes Verständnis entgegenbringen. Eine Lebenslüge bleibt es dennoch, denn Jesus war eine klare und geradlinige Persönlichkeit und wurde von seinen Gegnern gefoltert und umgebracht. Anneliese hingegen scheiterte an dem tödlichen Gift ihrer Kirche und an sich selbst.
Auch beinhalten die Todesumstände von Jesus nicht die Aufforderung oder Einladung zur äußeren Nachahmung.
 
Etwas völlig anderes ist im Vergleich dazu die schlichte Nachfolge Jesu, indem man dessen friedvolle Botschaft der Nächsten- und Feindesliebe ohne Dogmen, Sakramente und Zeremonien beherzigt.
Da diese Nachfolge unbequem ist, können daraus zwar auch sehr leidvolle Konflikte entstehen. Eine Nachahmung des Leides von Christus oder eine Identifikation von selbstverschuldetem Leid mit dem Leid von Christus oder gar eine masochistische Leidenssehnsucht sind demgegenüber Perversionen der Nachfolge Jesu.
Der bekannte Psychotherapeut Carl Gustav Jung hat den Unterschied einmal mit den Worten kommentiert: "Christus kann bis zur Stigmatisierung nachgeahmt werden, ohne dass der Nachahmende auch nur annähernd dem Vorbild und dessen Sinn nachgefolgt wäre."
Letztlich wird dabei versucht, den einen Irrsinn – das Dogma der ewigen Verdammnis – durch einen anderen Irrsinn – die materielle Nachahmung des Leidens Christi (das diesem jedoch andere zugefügt hatten) – zu überwinden.

"Sie haben sie umgebracht"

Spätestens jetzt ist der Horror nicht mehr zu stoppen. Wurde in der ersten Phase der Exorzismen versucht, die "Dämonen" auszutreiben, soll jetzt der "Heiland" umgekehrt wollen, dass die Dämonen in Anneliese drin bleiben, weil sie auf diese Weise ihr "stellvertretendes Leiden" bzw. ihr "Sühneopfer" angeblich noch vergrößern könne. Diese Deutung des Geschehens kann in seiner wahnhaften Zuspitzung nun nicht mehr überboten werden: Jetzt sind es nämlich die "Dämonen", die immer häufiger freiwillig "ausfahren" wollen, doch nun soll es ausgerechnet der "Heiland" sein, der dies wegen der gerade beschriebenen Strategieänderung verhindern möchte. Und eine solche Deutung beinhaltet auch eine Steigerung der Verhöhnung des großen Friedens- und Weisheitslehrers Jesus von Nazareth.

"Bei der ist es nicht mehr zum Aushalten. Die hockt den ganzen Tag in der Kirche ... Wir wollen raus, und der da oben lässt uns nicht!" klagen jetzt neuerdings die "Dämonen" (19.12.1975, zit. nach www.najukorea.de), und die Exorzisten deuten den "da oben" als "Heiland" bzw. "Gott".
Zudem wollen die Dämonen verständlicherweise auch die "Hölle" verlassen, doch das wird ihnen nach der grausamen römisch-katholischen Lehre von der ewigen Verdammnis niemals erlaubt.
"Dann schreien die Stimmen aus der Tiefe in unendlichen Variationen: ´Wir wollen raus, raus, raus, raus! Wir wollen raus, raus, raus, raus!`" (Wolff, S. 237) "´Wollt ihr aus der Hölle raus oder aus Anneliese?`, fragte der Pater. ´Aus beiden` ist die Antwort." (Goodman, S. 196) 
Doch die Vertreter der römisch-katholischen Kirche lassen es jetzt nicht mehr zu, dass ihr Medium nun in letzter Minute womöglich doch noch eine große Chance bekommt, ein großes Stück frei zu werden. Sondern sie benutzen jetzt das Medium Anneliese Michel, um noch möglichst viele "dämonische" bzw. "jenseitige Anweisungen"
aus ihr heraus zu holen - und zwar bis zuletzt. Und das immer brutalere Leid und der rasante körperliche Verfall der jungen Frau wird von nun an von den Priestermännern mit in ihre Theorie der "Sühnebesessenheit" eingebunden.
Und von vernünftigen Ärzten, welche das tödliche Ende der Tragödie vielleicht noch hätten stoppen können, wird die Studentin abgeschirmt und fern gehalten.

Im April 1976 bietet sich für Anneliese Michel dann eine der letzten Chancen, noch lebend aus dem Grauen heraus zu kommen.
Dem Exorzisten Ernst Alt erzählt sie: "Ich hab so furchtbare Angst davor. Ich fürchte mich. Ich glaube, ich durchsteh das nicht." "Ich habe keine Kräfte mehr, ich will nicht mehr." (Satan lebt, WDR 2006)
Und der Exorzist gibt seine Antwort an Anneliese Michel im Interview mit den Worten wieder: "Fräulein Anneliese, wenn sie jetzt den Willen Gottes, der sich ja offensichtlich zeigt bei ihnen, ausschlagen und sie würden später einsehen, was sie versäumt haben dadurch, wär´ ihnen das Recht?" Damit suggeriert der Theologe der jungen Frau praktisch ihr Todesurteil. Und unter seinem Einfluss antwortet sie einmal mehr gehorsam: "Nein, das wär mir nicht recht. Dann mach ich weiter."


Anneliese Michel erklärt also trotz ihres körperlichen Verfalls, der Kirche weiterhin als Medium zur Verfügung zu stehen. Und die Exorzisten versuchen – wie bereits darauf hingewiesen – nun überhaupt nicht mehr, die "Dämonen" aus dem Medium auszutreiben, sondern sie bemühen sich stattdessen, diese bei den Sitzungen extra herbei zu holen und auszufragen.
Und obwohl sich die "Dämonen" in den letzten Lebenswochen Annelieses dann tatsächlich seltener und irgendwann gar nicht mehr melden – was verständlich ist, denn sie wollen ja schließlich "raus" und vielleicht haben sie jetzt auch Mitgefühl und Erbarmen mit der jungen Frau –, fährt der vom Bischof von Würzburg beauftragte Pater Arnold Renz im klerikalen Rausch bis zuletzt mit seinen suggestiven Beschwörungen erbarmungslos fort. Und die beiden Exorzisten sind damit von erfolglosen "Teufelsaustreibern" im wahrsten Sinne des Wortes zu erfolgreicheren "Teufelseintreibern" geworden.
Als der jungen Frau der Exorzistenpater Alt zwischenzeitlich einmal die "Gnade, Liebe und Vergebung Gottes" zuspricht, reagiert Anneliese Michel spontan mit den Worten: "Das war gut! Das war besser als der ganze Exorzismus!" (Wolff, S. 257) Unmittelbar danach bricht sie jedoch in Verzweiflung aus, da ihr in einzelnen wachen und geistig klaren Momenten möglicherweise bewusst ist, was sich hinter dem römisch-katholischen Schein verbirgt und dass sie sich in eine furchtbare Situation hinein manövriert hat. "Mir macht keiner mehr was vor. Ich weiß jetzt, wo´s hingeht," so ihre eigenen eindringlichen und verzweifelten Worte.
Die Falle scheint zugeschnappt, und es ist nun leider nur noch eine Frage der Zeit, bis die darin Gefangene vollends zugrunde gegangen ist.

In ihrer Examensarbeit zum Thema "Angstbewältigung" hat sie ihre Lebenssituation jedoch noch einmal verbrämt dargestellt und offiziell in folgende Worte gefasst: "Zum Schluss sei noch gesagt, dass es Fälle gibt, wo einer, obwohl er gebeichtet hat und im Inneren im Frieden mit Gott lebt, von einer merkwürdigen Angst geplagt wird, einer Leidens- und Todesangst, von dem man einen Menschen nicht befreien darf. Man kann, wenn das einem Menschen auferlegt ist, nur schweigend stehen und beten, dass er auch durch diese Angst hindurch geführt wird. Es gibt das besondere Teilhaben am Kreuz Christi und seiner Todesangst. Die wichtigste Grundhaltung für das seelsorgerische und ärztliche Bemühen ist die Ehrfurcht vor dem Geheimnis der Geschichte eines Menschen mit Gott." (Wolff, S. 264)
Das sind hehre und monumental klingende Worte. Doch was steckt wirklich dahinter? Auf diese Weise
konstruiert der Intellekt der gehorsamen Katholikin eine Deutung für ihre Todesängste, bei der sie Gott und Christus mehr oder weniger mit dafür verantwortlich macht. Und dies ist trotz des Verständnisses, das man ihrer gedanklichen Konstruktion gegenüber aufbringen kann, nur eine Variante der Gottesvergiftung.


Und entsprechend schlecht geht es ihr auch dabei. Von einem
"Frieden mit Gott" "im Innern" zeugen nachfolgende Worte jedenfalls nicht, die sie auf ein Manuskript-Papier für eben diese Examensarbeit geschrieben hat. Das sind die ehrlichen Worte, tief aus ihrer Seele, im Unterschied zu den katholisch-korrekten Worten in ihrer Examensarbeit von einem angeblichen "Frieden mit Gott":
"Mut verlässt, das zu sagen, was ich wollte. Ich bin ein Sünder, das habe ich heute in der Kapelle klar erkannt, auch wenn ich mir etwas anderes eingebildet habe. Ich hab keinen Mut, verzweifelt. Ich habe Angst, ... kein Vertrauen, ich stehe am Scheideweg; entweder Leben oder Tod. Tief verletzt, all die Jahre durch, (hab mich nicht mehr) gewehrt, jetzt auch nicht. Ich bin nach der hl. Kommunion verzweifelt, im Geiste u. im Herzen; eine eiserne Kette hält mein Herz umklammert. Angst, Entsetzen. Mein Geist ist gelähmt, wird er freier(?) - gleich steigt Verzweiflung hoch; das schlimmste ist, dass ich keine Wahl mehr habe, das sehe ich manchmal blitzartig klar. Hoffnungslosigkeit sitzt an der Wurzel, wo das Leben ist, sie ist ein Zustand geworden. Stolz unsäglicher gibt mich nicht mehr frei. Wenn ich rede, redet mein Herz nicht mit. Ich hab Angst, dass man an mir verzweifelt. Lähmung ... gefesselt; es wird von Tag zu Tag schlimmer, wenn nicht ein Damm gebaut wird." (siehe Goodman, S. 106)

Dies ist ein letzter Hilferuf, bei dem jedes Wort sitzt. Doch wer hätte den Damm denn bauen sollen? Sie selbst schafft es nicht und verrät auch den Grund dafür: "Ich hab keinen Mut". Das klingt wie eine Schlussabrechnung über ihr eigenes Leben. Denn sie hatte auch in all den Jahren zuvor nie den Mut, sich von dem frei zu machen, was sie in die Krankheit und in den Tod trieb. Anneliese Michel ruft stattdessen immer wieder nach dem Bischof. Und Bischof Josef Stangl wird auch im Detail über die Situation informiert, doch er schweigt (siehe unten). Und Pater Renz hält sich währenddessen weiter unbeirrt am römisch-katholischen Exorzismus-Ritual fest. Und er quält die immer wehrlosere junge Frau auch dann mit seinen Beschwörungsformeln, wenn bzw. obwohl sich gar keine "Dämonen" bemerkbar machen. Denn die Studentin könne ja bei diesen Torturen wenigstens weiter für andere Menschen sühnen, so die Beschwichtigung bzw. Lebenslüge der Exorzisten und der in diesem Sinne Gläubigen.
Durch diese Theorie sind nun auch die beiden Kirchenmänner zu gnadenlosen "Besessenen" geworden, welche die ihnen Anbefohlene immer weiter in Richtung Tod treiben.
Uwe Wolff schreibt: "Unterdessen setzt Pater Renz in Klingenberg sein Werk fort, obwohl Anneliese immer wieder klagt: ´Ich kann nicht mehr!`" (Wolff, S. 262)
Beim letzten Exorzismus am 30. Juni 1976, nur wenige Stunden vor ihrem Tod, ist Anneliese Michel bereits völlig abgemagert. Sie hat eine Lungenentzündung und hohes Fieber. Trotzdem quält sie sich noch einmal – auf "Befehl" der "Dämonen" bzw. in selbstmörderischem Wahn – mit zwanghaften und schnellen Kniebeugen. Ihre Eltern stützen sie dabei. "Bitte um Lossprechung", stöhnt sie Pater Renz zu. Sie bittet nun wirklich ein allerletztes Mal darum. Denn es ist bereits der Todeskampf (Zwei Fotos von Anneliese Michel siehe unter http://blogultura.com/cine/historia-original-de-la-pelcula-el-exorcismo-de-emily-rose/
– oben ein Bild aus dem Studentenwohnheim in Würzburg und unten, schwer gezeichnet, kurz vor ihrem Tod).

Anneliese Michel ist damit bis zuletzt diesem katholischen Gott verhaftet geblieben, der "in Klingenberg mal richtig auf den Putz gehauen hat", wie es der kirchliche Exorzismus-Beauftragte Adolf Rodewyk in Worte gefasst hatte. 
Doch Anneliese Michel wird diese "Gottesvergiftung", deren Opfer sie letztlich geworden ist, nicht als Lehrerin an Kinder im römisch-katholischen Religionsunterricht weiter geben. Viereinhalb Wochen, nachdem sie ihre Examensarbeit an der Würzburger Universität eingereicht hat, ist sie tot. Als sie sich am Abend des 30. Juni 1976 nach dem 67. Exorzismus schlafen legen will, bittet sie ihre Mutter Anna Michel, bei ihr zu bleiben: "Mutter bleib da, ich habe Angst." Das sind ihre letzten Worte. Schließlich löst ihr Vater ihre Mutter ab "und beobachtete, wie sich Anneliese von einer Seite zur anderen warf und sehr lange schrie" (Goodman, S. 218). Irgendwann nach Mitternacht hört sie auf zu schreien und schläft. Als es dann Morgen ist, liegt sie in ihrem Bett und ist tot.

Das Grab von Anneliese Michel

Das Grab Anneliese Michels in Klingenberg. Zahlreiche katholische Pilger verehren sie dort wie eine Selige oder Heilige.

Weil Anneliese Michel selbst zuletzt ihr Leiden und Sterben als Sühneopfer verstanden hat, ist es nicht verwunderlich, dass interessierte Kreise aus ihrer Geschichte eine Heiligenerzählung machen wollen. Ein solches Deutungsmuster hält die katholische Kirche in der Tat für viele, die an ihrer Lehre zerbrochen sind, bereit.
"Ich hatte einfach den Eindruck, sie haben ihr das Leben genommen. Die erste Reaktion, als ich von ihrem Tod erfahren hab, war, sie haben sie umgebracht", sagt die ehemalige Kommilitonin Mechthild Westiner aus dem Studentenwohnheim in Würzburg (Satan lebt, WDR 2006). Und: "Dieses religiöse Treiben geht einfach weiter, und es gibt niemanden mehr, der von ihr auch berichtet, wie sie eigentlich gewesen ist." Die ehemalige Mitstudentin kennt Anneliese Michel nämlich auch ganz anders.
Doch im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht zu Beginn des 21. Jahrhunderts erneut der Exorzismus, welcher derzeit einen großen Aufschwung erfährt – mit allen seinen Seitentrieben und verqueren Vorstellungen und unzähligen Varianten konfusen "religiösen Treibens". Die Kommilitonin sagte: "Sie haben sie umgebracht."

Und worin besteht das "religiöse Treiben" nach dem Tod von Anneliese Michel?
Etliche ihrer Verehrer wünschen zunächst ihre Seligsprechung und stricken unter anderem an der Legende, ihr Körper verwese nicht. Eine Nonne aus einem Allgäuer Karmeliterkloster berichtet von einer "Erscheinung" Annelieses. Demnach hätte die Seele von Anneliese Michel der Nonne aus dem "Himmel" folgende Botschaft mitgeteilt: "Mein Tod war ein Sühnetod für die Rettung und Umkehr meines deutschen Volkes" (Wolff, S. 23). Zum Zeichen der Macht "Gottes" sei ihr Leichnam unverwest, und "man solle den Sarg am Samstag, dem 25. Februar 1978, öffnen".
Aus diesem Grund werden nun Annelieses Michels sterbliche Überreste tatsächlich am 25. Februar 1978 auf amtliche Anordnung und im Beisein ihres Vaters Josef Michel hin ausgegraben und überprüft. Dabei zeigt sich, dass die Verwesung sogar weiter fortgeschritten ist als üblich, weil – so das Bestattungsunternehmen Kraus aus dem nahen Aschaffenburg bzw. der Bestatter Emil Schweibert und der Klingenberger Bürgermeister Walter Riermaier – die Frau zum Todeszeitpunkt nur noch Haut und Knochen war.
Die Exhumierung hat gläubige Katholiken allerdings nicht davon abgehalten, weiterhin folgende Verschwörungstheorie zu verbreiten: Der Leichnam wäre tatsächlich unverwest gewesen (wie übrigens auch der Leichnam Marias nach offizieller römisch-katholischer Lehre bis zu ihrer leiblichen Auferstehung unverwest im Grab gelegen haben soll; siehe dazu Neuner-Roos, Der Glaube der Kirche, Nr. 483 und Nr. 485), weswegen die Augenzeugen die Zulassung weiterer Zeugen angeblich zu verhindern suchten. Vor allem der Sachverhalt, dass der Exorzisten-Pater Arnold Renz nicht zu den Leichenresten vorgelassen wurde, nährt diese Theorie bis heute. Doch selbst wenn man Pater Renz oder andere fanatische Anhänger dieser Theorie mit als weitere Zeugen der Verwesung hinzu gebeten hätte, wären wohl anschließend andere aufgetreten, die den Sachverhalt doch bestritten hätten. So klammern sich Gläubige bis heute auch an das Gerücht, einer der damaligen Bestatter hätte später Anneliese Michels Mutter aufgesucht und ihr gebeichtet, dass deren Leichnam nach der Exhumierung unverwest gewesen sei. Die Aschaffenburger Staatsanwaltschaft hätte ihn jedoch "gezwungen, die Unwahrheit zu sagen". Nachprüfbar ist freilich nichts, da dieser Bestatter ausgerechnet kurz darauf verstorben sei.

Das Ergebnis der Obduktion

Doch Anneliese Michels Körper ist schon in den letzten Monaten vor ihrem Tod zunehmend verfallen, und sie hat diesen Prozess durch Selbstgeißelungen (z. B. Blutergüsse oder Selbstverletzungen an den Körperstellen, an denen Jesus am Kreuz festgenagelt war) und Nahrungsverweigerung beschleunigt, so dass man auch von einem indirekten Selbstmord auf Raten sprechen könnte. Auch diese Verhaltensweise kann als Ausfluss des zwangsneurotischen Systems der katholischen Kirche verstanden werden, in dem nicht selten gilt: Wer sich selbst niedermacht, wer sich geißelt, kommt dadurch Gott näher. Ein nicht eingestandenes Aufbegehren gegen die krankmachende Lehre der Kirche oder gegen einzelne ihrer seelisch kranken Lehrer würde sich dann selbstzerstörerisch gegen die eigene Person richten anstatt gegen die Verursacher. Dies geschieht vor allem dann, wenn sich kirchliche Indoktrination, verbunden mit Angst und Schuldgefühlen, in der eigenen Seele als übermächtig erweist. Die Selbstzerstörung nimmt dann ihren Lauf, und der Exorzismus kann diesen Prozess in schlimmer Weise verstärken bzw. er trägt zu seiner Vollendung bei wie bei Anneliese Michel. Da ein bewusster Selbstmord für einen gläubigen Katholiken aber einmal mehr die ewige Verdammnis nach sich ziehen würde und deshalb nicht in Frage kommt, können Gewalteinwirkungen von anderen oder "Befehle" von "Dämonen" hier zu makabren Erfüllungsgehilfen der eigenen Selbstzerstörung werden.
Daran ändert sich auch nichts, wenn man als zeitlich letzte Todesursache eine zu hohe ärztliche Dosierung eines krampflösenden Medikaments annimmt, worauf man natürlich spekulieren kann und womit das katholische Umfeld von Anneliese Michel sowohl die amtlich ermittelten als auch die tiefer liegenden Todesursachen ausblenden möchte. Der Obduktionsbericht der Gerichtsmedizin schließt jedoch ausdrücklich aus, dass die junge Frau Michel an Medikamenten gestorben ist. Weil sich jedoch die katholischen Befürworter des Exorzismus an Anneliese Michel bis heute vehement an diese These klammern, soll zum Abschluss noch einmal etwas ausführlicher darauf eingegangen werden.

Zur allgemeinen Information: Jeder Obduktionsbericht enthält neben einer "unmittelbaren Todesursache" die "vorangegangenen Ursachen", z. B. "Krankheiten, welche die unmittelbare Todesursache herbeigeführt haben" sowie andere "wesentliche Krankheiten".
 
Nun spielt in dem gerichtsmedizinischen Bericht eine Medikamentendosierung aber überhaupt keine Rolle. Als Todesursache sind "Abmagerung", "Lungenentzündung" und "extreme körperliche Beanspruchung während der letzten Lebenstage" angegeben. Es heißt, ihre Verfassung "lasse sich am ehesten vergleichen mit der getöteter Lagerinsassen im Zweiten Weltkrieg" (S. 14). Und im Gerichtsurteil heißt es auf Seite 40 sogar ausdrücklich: "Jede andere Todesursache ist ausgeschlossen" (zitiert bei Goodman, S. 295). In der öffentlichen Berichtserstattung ist in diesem Sinne manchmal auch "Unterernährung" zu lesen. (z. B. Main-Echo, 5.4.2014)
 
Im Gegensatz dazu beharrt die Autorin und Anthropologie-Professorin Felicitas D. Goodman (2) auf ihrer These, dass Anneliese Michel durch das anti-epileptische Mittel Tegretal "umgebracht" worden sei (das ihre roten Blutkörperchen geschädigt habe), wobei sie auch durch Entzugserscheinungen, nachdem sie nicht mehr richtig schlucken konnte, erheblich geschwächt gewesen sei.
Doch bereits bei Felicitas D. Goodmans Versuch, dies seriös darzulegen, kommen einem unvoreingenommenen Leser erhebliche Zweifel. So muss auch die Professorin z. B. zugeben, dass Anneliese Michel Ende 1973 nach der medikamentösen Umstellung auf Tegretal sich "einige Zeit sehr wohl" fühlte.
Und gar aus dem Ruder laufen die Deutungen der Autorin, wenn sie z. B. den großen Exorzismus vom 31.10.1975 mit den Worten beschreibt: "Die große Austreibungsszene wurde zu einem gigantischen Kampf zwischen der jugendlichen Kraft von Annelieses Gehirn und der Wirkung des Medikaments" (S. 291). Eine kraftvolle Jugendliche kämpfte demnach gegen ein schlimmes Medikament.
Obwohl ein unpassendes Medikament natürlich grundsätzlich ein bestehendes Chaos noch vergrößern kann, spürt man hier sehr deutlich den Beginn der Legendenbildung. Und diese wirkt sich auch auf andere Teile des Buches von Frau Goodman aus, z. B. bei der beschönigenden Darstellung des katholischen Milieus, in dem Anneliese Michel aufgewachsen ist oder durch Verschweigen von Äußerungen von Anneliese Michel, die nicht so gut zu diesem Milieu passen.
Eine weitere Studienfreundin Anneliese Michels aus der Würzburger Zeit drückt ihre Wut über die Verbrämung und Beschönigung der kirchlichen Schuld mit drastischen Worten aus, indem sie sagt, die Studie der Anthropologin Felicitas D. Goodman sei "keine wissenschaftliche Arbeit", sondern ein "Schund-Roman" und Anneliese Michel werde darin "missbraucht". (Satan lebt, WDR 2006; vgl. dazu eine andere Stellungnahme oben)

Doch selbst wenn man annimmt, dass der Obduktionsbericht der Gerichtsmedizin falsch oder unvollständig sei und die Nebenwirkungen eines Medikaments als "ursächlich" oder "mit-ursächlich" für den Tod ergänzt werden müssten – was würde sich dadurch an den in dieser Studie dargelegten Zusammenhängen ändern und an den Einwirkungen des religiösen Milieus? Es würde sich nichts ändern.
Denn es geht nicht nur um den zeitlichen Schlusspunkt der furchtbaren Ereignisse, sondern um die gesamte Tragödie, die lange vor der Einnahme von Tegretal und von anderen Medikamenten begonnen hatte. Zudem: Mediziner und dabei vor allem die als sehr penibel bekannten Gerichtsmediziner, die in der Regel alles Denkbare untersuchen und jedem Mikrogramm eines Stoffes Bedeutung beimessen, ziehen diese Theorie nicht einmal in Erwägung.

 Sündenbocksuche statt Aufarbeitung

Es deutet also nahezu alles darauf hin, dass es hier von Seiten von Exorzismus-Befürwortern darum geht, einen nichtkirchlichen Sündenbock zu finden (hier einen Arzt) bzw. ein – im wahrsten Sinne des Wortes – "Totschlag"-Argument, um von den tatsächlichen Mordverdächtigen abzulenken (siehe oben). Damit wir versucht, die Aufarbeitung der ganzen Last von Schuld und Verstrickungen abzublocken bzw. sie wird dem zuletzt behandelnden Arzt zugeschoben oder auch seinen Vorgängern, wenn man die anderen Medikamente ebenfalls mit heranzieht.

Es formt sich dann etwa folgende zusammenfassende Sichtweise, die einer Legendenbildung die Wege bereitet:
Eine engagierte junge Katholikin wäre ohne eigenes Verschulden von Dämonen besetzt worden, um dadurch die sexuellen "Sünden" ihrer Umgebung und einiges mehr sühnen zu können. Anschließend hätte sie durch den großen Exorzismus des Rituale Romanum der römisch-katholischen Kirche wieder von diesen Dämonen befreit werden können. Leider hätten aber ungläubige Ärzte dies verhindert, indem sie ihr zerstörerische Drogen einflößten, die ihre Widerstandskraft gegenüber den Dämonen geschwächt bzw. gebrochen haben, so dass der heilsame Exorzismus sein Ziel nicht erreichen konnte. Schließlich wäre sie durch ein solches Medikament sogar, wenn auch unabsichtlich, umgebracht worden.
So oder so ähnlich würden viele gläubige Katholiken die Geschichte gerne deuten, und wer das tut, bezeugt einfach nur, was er gerne glauben möchte. Und wenn Anneliese Michel in einigen Jahren oder Jahrzehnten deswegen "selig" oder gar "heilig" gesprochen wird, nachdem sich genügend Geldgeber für eine solche Prozedur im Vatikan gefunden haben, braucht das auch niemanden mehr zu wundern. Einen Gefallen täte man damit aber am allerwenigsten Anneliese Michel selbst.
 
Dennoch offenbart das Schicksal der Pädagogik-Studentin auch ein Versagen der Schulmedizin.
Anneliese Michels Eltern und sie selbst hatten nämlich auf diesem Gebiet zunächst kaum etwas unversucht gelassen, um zu einer Heilung oder Besserung zu kommen. Doch Nervenärzte, Psychiater und medizinische Experten aller in diesem Zusammenhang denkbaren Fachrichtungen bissen sich an der jungen Studentin aus Klingenberg genauso die Zähne aus wie später die katholischen Exorzisten (vgl. dazu einige Hinweise zur Epilepsie). Die ärztlichen Verordnungen, Therapien und Medikamentendosierungen führten zwar immerhin zu zwischenzeitlichen Besserungen (vgl. demgegenüber die Aussage von Anneliese Michels Freund über die Wirkung des Exorzismus: "Man hat ja gemerkt, wenn man hinkommt, betet den Exorzismus, da wird´s ja eigentlich schlimmer", S. 243), aber nicht zu einer dauerhaften. Dies ist aber bei der hier dargelegten seelischen bzw. "ekklesiogenen" bzw. kirchlichen Krankheitsgeschichte auch kein Wunder. Dieser Zusammenhang wurde offenbar von manchen Medizinern nicht oder zu wenig berücksichtigt oder völlig unterschätzt.
Im Unterschied dazu sind den Medizinern Gefahren und mögliche Nebenwirkungen einzelner Medikamente bekannt, und kein Arzt kann einfach "auf Teufel drauf los" verordnen. So ist es auch selbstverständlich, dass man nicht ausschließen kann, dass ein Medikament im Einzelfall das Chaos bei der ausgemergelten Studentin noch vergrößerte, da schließlich eine Vielzahl unterschiedlicher Kräfte, Interessen und Inhaltsstoffe von Medikamenten auf sie einwirkte. Und es kommt ja auch sonst häufig vor, dass man eine eventuell falsche Medizin für ein Leiden verantwortlich machen will. In diesem Fall soll damit aber wohl bewusst oder unbewusst verhindert werden, dass man den wahren Ursachen für das Leiden und den Tod der jungen Frau auf den Grund kommt.
Und hier bieten sich Mediziner als Sündenböcke geradezu an, und so ist es fast zwangsläufig, dass es auch in diesem Fall passierte.
Doch eines sollte in diesem Zusammenhang klar gestellt werden, bei aller berechtigten Kritik an der Psychiatrie oder der Schulmedizin: Unter der Obhut von Ärzten wäre Anneliese Michel wohl kaum wie "ein Lagerinsasse im 2. Weltkrieg" abgemagert, und sie wäre am Leben geblieben. Unter der Obhut der Beauftragten der Kirche ist ihr Körper jedoch extrem verfallen, was schließlich mit ihrem Tod endete.
Man stelle sich die öffentliche Reaktion vor, wenn unter der Betreuung durch irgendeine andere Institution in unserer Gesellschaft solches geschehen wäre. Sie wäre noch um einiges heftiger ausgefallen.

Zusammenfassend kann man sagen: Fast jedes Medikament hat eine erwünschte positive Wirkung und eine oder mehrere unerwünschte Nebenwirkungen, und das wird bei den Medikamenten, die Anneliese Michel einnahm, nicht anders gewesen sein. Die erwünschte Wirkung wird dabei zur Dämpfung mancher Ausnahmesituation beigetragen haben. Doch selbst hilfreiche bzw. beruhigende Medikamente können nichts ausrichten, wenn der Wahn, der letztlich in die Katastrophe führte, parallel dazu auf die Spitze getrieben wird.

Natürlich gibt es heute auch Menschen, die bekennen, dass ihnen ein römisch-katholischer Exorzismus geholfen habe, um von ihren "Dämonen" frei zu werden.
Hier kann zunächst bezweifelt werden, ob dies dauerhaft anhält. Und weiter handelt es sich hierbei offenbar ausnahmslos um Zeitgenossen, die sich wieder in das römisch-katholische Glaubenssystem integrieren ließen, was die innerlich gespaltene Seele der ja schon als Kind hochintelligenten Anneliese Michel im Grunde ihres Wesens und mit ihrer Gefühls- und Empfindungswelt aber nicht mehr konnte. Deshalb ändern diese einzelnen Stellungnahmen gläubiger Katholiken auch nichts an den Schlussfolgerungen dieser Studie.

Diese deckt sich auch mit dem Ergebnis eines weiteren wissenschaftlichen Untersuchungsberichts. Auch dieser macht den katholischen Exorzismus nach dem Rituale Romanum für die ausbleibende Genesung von Anneliese Michel entscheidend mitverantwortlich. Der Bericht von Johannes Mischo und Prof. Dr. Ulrich J. Niemann S. J., einem Jesuiten, ist unter dem Titel Die Besessenheit der Anneliese Michel in interdisziplinärer Sicht in der Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie Nr. 25, 1983 erschienen.
Darin heißt es auf Seite 186: "Besessenheit und Großer Exorzismus gemäß dem Rituale Romanum von 1614 (in Vollmacht von Papst Pius XII. 1954 neu angeordnet und erweitert, Anm. der Verfasserin) sind geeignet, die nach dem heutigen Stand medizinischer, psychiatrischer und psychologischer Erkenntnis als wahrscheinlich anzunehmenden Krankheiten und Krankheitsursachen zu verdecken, zu verstärken und zu perpetuieren und damit eine mögliche Heilung zu erschweren oder gar auszuschließen." (zitiert bei Goodman, S. 342) (13)

Anneliese Michel hat also nicht den Teufel besiegt, wie die an ihrem Grab Rosenkranz betenden Pilger glauben – sie wurde eher das Opfer einer "Teufelsreligion". Und diese weist u. a. beim Exorzismus eine große Nähe zum Voodoo-Kult auf.
Der ehemalige katholische Theologieprofessor und Religionswissenschaftler Hubertus Mynarek schreibt hierzu grundsätzlich: "Das Opfer spielt in der katholischen Religion fast dieselbe Rolle wie in der Voodoo-Religion. Es muss Blut fließen und es muss ein Opfer sein" (Voodoo auf katholisch, a.a.O. (3), S. 40). Und es gibt noch zahlreiche weitere Parallelen. Neben den in beiden Kulten verwendeten Reliquien, wie oben schon dargelegt, betet man auch im Exorzismus des Voodoo-Kultes zu Maria. Oder der Priester verwendet eine Fetisch-Flasche mit geweihtem Wasser ähnlich dem katholischen Weihwasser. Und auch beim Voodoo führen geweihte "Mittler", die in Kontakt zur Geisterwelt stehen oder stehen sollen – ähnlich den katholischen Priestern – den Exorzismus durch. Dabei verwenden sie ritualisierte Wiederholungsgebete vergleichbar den katholischen Rosenkränzen oder anderen katholischen Exorzismus-Formeln.

Die Lüge des Bischofs und die Folgen

Juristisch wird der Tod Anneliese Michels am 21. April 1978 abgeschlossen. Die Eltern Anna und Josef Michel, die auf ihre Weise ebenfalls Opfer ihrer Kirche sind, und die von ihrem Bischof Josef Stangl beauftragten Exorzisten Arnold Renz und Ernst Alt werden wegen "fahrlässiger Tötung" und "unterlassener Hilfeleistung" von der ersten großen Strafkammer des Landgerichts Aschaffenburg zu Freiheitsstrafen von je sechs Monaten verurteilt, die auf je drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden. Der verantwortliche Bischof und mit ihm die römisch-katholische Kirche als Institution kommen jedoch völlig ungeschoren davon. Hier stellt sich die Frage, wie ihnen das in der für ihr Ansehen und ihre Machtstellung nicht ungefährlichen Situation gelungen ist. Man wählte dabei einen schnellen und effektiven Weg, die plumpe Lüge.
Durch seinen Sprecher lässt der Bischof von Würzburg nämlich kurz nach dem Tod Anneliese Michels verlauten: "Wir haben von allem nichts gewusst! ... Uns wurde der Fall erst nach dem Tode des Mädchens bekannt. Ich habe niemanden die Genehmigung zu den Exorzismus-Gebeten erteilt." (Welt am Sonntag, 25.7.1976)
Tatsächlich hatte Bischof Stangl aber in seinem offiziellen Brief an Pater Arnold Renz vom 16. September 1975 geschrieben: "Hiermit beauftrage ich nach reiflicher Überlegung und guter Information H. H. P. Renz, Salvatorianer, Superior in Rück-Schippach, bei Fräulein Anna Lieser [= Deckname für Anneliese Michel ("Anna Lieser" als Verfremdung von "Anneliese") aus Gründen der weitmöglichsten Geheimhaltung] im Sinne von CIC can. 1151 § 1 zu verfahren. Mein Gebet gilt seit längerer Zeit diesem Anliegen
. Möge Gott uns helfen! Ich danke aufrichtig für diesen Einsatz. Mit herzlichen Segenswünschen; gez. Josef Bischof von Würzburg" (nach Kaspar Bullinger, Anneliese Michel und die Aussagen der Dämonen, zit. bei www.anneliese-michel.de.ms; auch bei Wolff, S. 21; (4)). Und aufgrund der eindeutigen Beweislage wird dies mittlerweile auch offiziell zugegeben. So heißt es unmissverständlich in einer offiziellen Presseerklärung der Deutschen Bischofskonferenz vom 15. November 2005, kurz vor dem Kinostart von Der Exorzismus von Emily Rose: "Pfarrer Alt ersuchte im Sommer 1975 um die Erlaubnis zum Großen Exorzismus. Der damalige Bischof von Würzburg Josef Stangl erteilte diese nach Vorlage eines Gutachtens des Jesuiten P. Adolf Rodewyk, und P. Arnold Renz erhielt die Erlaubnis zur Durchführung." Im Jahr 1976 log man jedoch noch: "Wir haben von allem nichts gewusst" (siehe oben).

Foto rechts: Denkmal von Bischof Josef Stangl im Würzburger Dom. Seine linke Hand erhebt er dabei wie zum Schwur.

Dies ist insofern sogar von krimineller Dreistigkeit, da auf diese Weise ein mögliches Ermittlungsverfahren und eine eventuelle Bestrafung des Bischofs von vorne herein vereitelt wurde. Und tatsächlich haben die Exorzisten den Bischof immer wieder bis ins Detail über den Zustand von Anneliese Michel und die Wirkungen des Exorzismus informiert. Ein Beispiel dafür ist der Brief von Pfarrer Ernst Alt vom 24. Juni 1976, eine Woche vor dem Tod der Studentin:
"Anneliese ist bis zu einem Skelett abgemagert".
"Anneliese sagte öfters ´Ich kann nicht mehr`".
"Mit dem Kopf ging sie durch die Scheibe der Korridortür."
"Mit den Zähnen hat sie ein Loch in die Wand gebissen, so dass ein Teil der Vorderzähne abbrach. Immer wieder biss sie sich selbst in den Arm."
"Es ist uns nicht gelungen, den Teufel wieder zum Reden zu bringen. Mir scheint es bewiesen zu sein, dass es sich hier um den typischen Fall einer Sühnebesessenheit handelt."
"Zur Zeit wird sie meistens gefesselt auf der Couch an den Händen und Füßen. Das hat den Vorteil, dass sie sich nicht wesentlich verletzen kann."
Sie "hat sich hin und her geworfen", "das Gesicht zerschlagen, die Nase blutig".
"Anneliese richtet sich so zu, dass ihre beide Augen so aussehen, als ob man sie mit Fäusten rot, blau und schwarz geschlagen hätte"
(Satan lebt, WDR 2006).
Das also und noch weit mehr wusste der Bischof, der gegenüber dem Staatsanwalt "von allem nichts gewusst" haben wollte.

Ein Besuch von Bischof Josef Stangl war schließlich die allerletzte und einzige Hoffnung, an die sich die sterbenskranke junge Frau noch klammerte. Und auch ihre Familie, alle ihre Freunde und die Exorzisten hofften immer wieder auf den Bischof. Doch Josef Stangl saß den Exorzismus der Anneliese Michel bis zum bitteren Ende aus und lässt dann dreist verlauten: "Wir haben von allem nichts gewusst." So könnte man dem Bischof hier symbolisch die Worte aus dem 1. Buch Mose in der Bibel zusprechen, die lauten: "Kain, wo ist dein Bruder? Wo ist deine Schwester?"
Vielleicht ahnte der Bischof schon das tödliche Ende seiner Anordnung und organisiert bereits vorab den Versuch einer kirchenpolitischen "Schadensbegrenzung". Denkbar ist zwar auch, dass Drahtzieher im Hintergrund ihm einige Briefe und Hilferufe vorenthalten haben. Dass er aber von nichts gewusst haben will, ist auf jeden Fall eine nachgewiesene Lüge, denn er schrieb ja am 16.9.1975 anlässlich der Genehmigung des Exorzismus an Pater Renz: "Mein Gebet gilt seit längerer Zeit diesem Anliegen".

Die "Bauernopfer" der Bischofskonferenz

Schließlich versuchte man von Seiten der römisch-katholischen Kirche auch, den aufgrund der Ereignisse irritierten Katholiken Sand in die Augen zu streuen, als es um die genauen Vorgänge geht, die zur Genehmigung des Exorzismus führten. Anneliese Michel wäre ja gar nicht "besessen" gewesen, sondern nur seelisch krank, und die Exorzisten einschließlich des katholischen Chef-Dämonologen und kirchlich weltweit anerkannten Experten, Pater Rodewyk, hätten mit ihren Diagnosen eben geirrt. Wieder glaubt man als Außenstehender fast, seinen Augen und Ohren nicht mehr trauen zu können. Betonen doch die Kirchenführer sonst bei jeder passenden Gelegenheit die Existenz von Teufel und Dämonen und die Möglichkeit ihrer Austreibung. Und stimmt doch der Sachverhalt bei Anneliese Michel in Klingenberg ganz mit den allgemeinen Darlegungen der römisch-katholischen Kirche zu diesem Thema überein.
Doch das Bistum Würzburg distanziert sich schon bald nach dem Tod Anneliese Michels von den Exorzismus-Sitzungen, und die Deutsche Bischofskonferenz zieht in diesem Sinne nach. Man setzt eine Kommission zur "Untersuchung" der Vorgänge ein, die dann zu dem Ergebnis kommt, dass bei Anneliese Michel "keine Besessenheit vorgelegen habe" (Rheinischer Merkur Nr. 15, 14.4.1978, zitiert bei Goodman, S. 322 (5)) - eine an Verlogenheit und Heuchelei nicht mehr zu überbietende Stellungnahme. (zur weiteren Tätigkeit der Kommission siehe (14))
Wohlgemerkt: In ähnlichen Fällen ohne tödlichem Ausgang sind nach katholischer Lehre die Dämonen echt. Geht die Sache schief wie in Klingenberg, sind die Dämonen im Nachhinein eben nicht echt gewesen, und einige "Bauernopfer" müssen den Kopf hinhalten.
Anneliese Michel wird auf diese Weise nach ihrem Tod noch ein weiteres Mal ein Opfer der trickreichen Kirchenführung – jetzt zusammen mit ihren Eltern und den kirchlichen Helfern. Anna und Josef Michel, Ernst Alt und Arnold Renz – sie alle werden am 21. April 1978 vom Landgericht Aschaffenburg verurteilt. Obwohl sie ihrer Kirche treu ergeben waren und nur das taten, was die Kirchenleitung ihnen auftrug, riet und erlaubte, werden sie von den Kirchenführern auf dem Altar der Justiz und der öffentlichen Meinung (die z. B. die unterlassene medizinische Hilfeleistung in der Endphase der Exorzismus-Sitzungen zurecht massiv anklagt) geopfert, während die geistig Verantwortlichen und Auftraggeber im Hintergrund, gleichzeitig die "Garanten" der kirchlichen Exorzismus-Lehre, einmal mehr unbehelligt bleiben. Die Agierenden und Betroffenen im Vordergrund werden demgegenüber fallen gelassen, denn die "Heiligkeit" der Kirche soll ja bekanntlich so wenig wie möglich "behindert" werden (vgl. Katholischer Katechismus, Nr. 829).
Und hier ist die Kirche auch im Einzelfall brutal: "Kein Wort des Trostes kommt aus Würzburg, kein Schuldbekenntnis, kein Eingeständnis, die Situation zumindest falsch beurteilt zu haben, nicht einmal Solidarität in der Trauer", schreibt Uwe Wolff (S. 33).
 
Doch geht es hier nicht nur um eine weitere kriminelle oder zumindest moralisch-sittliche Verfehlung der Kirchenoberen. Deren Verhalten hat hier auch unmittelbare Folgen für die Rechtssprechung. Denn im Strafverfahren gegen die Eltern von Anneliese Michel und die beiden Exorzisten hätte es berücksichtigt werden müssen, wenn sich Bischof Josef Stangl und die römisch-katholische Amtskirche zu ihrer tatsächlichen Verantwortung bekannt hätten. Auch hätte die Staatsanwaltschaft wohl ein Ermittlungsverfahren gegenüber Bischof Josef Stangl einleiten müssen.
So aber lässt die Kirche entgegen den Tatsachen mitteilen, Exorzisten und Eltern hätten sich nach römisch-katholischer Lehre grundsätzlich falsch verhalten. (6) Dahinter steckt eine in der Kirchengeschichte vielfach erprobte trickreiche strategische Manöverleistung, die man mit den Worten zusammenfassen kann: Die Kirche steht immer auf allen Seiten. Und im Konfliktfall steht sie immer auf der Seite, die der Zeitgeist gerade erfordert, um den kirchlichen Einflussbereich auf die Gesellschaft und die Seelen der Menschen erhalten und vergrößern zu können. (7)
Und Bischof Josef Stangl widmet sich bald auch wieder "Höherem". So weiht er z. B. am 28. Mai 1977 den späteren Papst Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, zum Erzbischof von München und Freising.

Doch wenigstens Anneliese Michels gute Bekannte, die Katholikin und Organisatorin der Wallfahrten nach San Damiano, Thea Hein (12), nimmt das Verhalten der römisch-katholischen Amtskirche nicht duldsam hin. So verweigert sie z. B. eine Hausdurchsuchung, wodurch die Vertreter der Kirchenführung in den Besitz von Tonbändern Annelieses kommen wollten. Weiterhin bringt sie die Lüge von Bischof Josef Stangl in einen Zusammenhang mit seinem weiteren Schicksal: "Da habe ich gesagt: ´Gebt acht, das bricht dem Bischof das Genick!` Und genau ein Jahr danach war er tot. Er hat ja den Verstand verloren; das werden Sie ja wissen," so Thea Hein, die Nachbarin Annelieses (Wolff, S. 21), und der Autor Uwe Wolff entlehnt aus ihrer Stellungnahme seinen Buchtitel.

Was wusste Joseph Ratzinger?

Was ist mit Bischof Josef Stangl kurz darauf passiert? Das Gehirn des Bischofs wird seit 1978 "nicht mehr richtig durchblutet", so die medizinische Umschreibung des Leidens. "Und der Tod der beiden Päpste Paul VI. und Johannes Paul I. im August und September 1978 setzen dem Bischof zusätzlich zu", glaubt der Pressedienst des Ordinariats Würzburg. (POW, 24.3.2004)
Schließlich glauben die beiden Nonnen Gottwalda Fahrmeier [+ 1.6.1997] und Alberadis Schüßler [*1926] am Morgen des 8. April 1979: "Heute wird Bischof Josef in das himmlische Jerusalem einziehen" (Main-Post, 7.4.2004). Gegen Mittag ist er dann tot.
Drei Tage später, am 11. April 1979, kommt der ihm vertraute spätere Papst Benedikt XVI., Erzbischof Joseph Ratzinger, der von Stangl 1977 zum Erzbischof von München und Freising geweiht worden war, eigens nach Würzburg. Erzbischof Ratzinger würdigt Bischof Stangl im Requiem im Würzburger Dom nun als "großen Seelsorger, der sein Bistum durch das Beispiel seines Glaubens und seine überzeugende Güte gelenkt hatte" (Main-Post, 6.9.2006). Er war der 86. Bischof von Würzburg. Josef Stangl wurde am 12.8.1907 geboren (weswegen die Kirche im Jahr 2007 ein Stangl-Jahr feierte), und er "residierte" als Bischof vom 12.9.1957 bis zum 8.1.1979. Zum Vergleich: Anneliese Michel lebte vom 21.9.1952 bis zum 1.6.1976. Beide Lebensläufe sind also schicksalhaft verwoben.

Foto links: Das Stangl-Grab im Würzburger Dom - Hat sich der Würzburger Bischof mit Joseph Ratzinger über den Exorzismus an Anneliese Michel beraten?

Die Rolle von Joseph Ratzinger bei den Exorzismus-Sitzungen an Anneliese Michel ist dabei bis heute ungeklärt. Der einstige Theologie-Professor könnte z. B. zu den Beratern von Josef Stangl gehört haben. "Ratzinger hat Stangl persönlich hoch geschätzt", so die Würzburger Main-Post (6.9.2006) mit einem gewissen Stolz, und sie schreibt über eine "tiefe Beziehung" der beiden Würdenträger zueinander. Auch von daher ist es sehr unwahrscheinlich, wenn der spätere Papst (der schon damals als Experte für alle kirchlich wesentlichen Themen galt) von den Exorzismus-Sitzungen ebenfalls "nichts gewusst" hätte, so wie es der Sprecher von Josef Stangl entgegen der Wahrheit von seinem Bischof behauptete.

Die offizielle Distanzierung der damaligen Kirchenleitung und der Kommission der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz von Anneliese Michels Eltern und dem kirchenamtlich beauftragten Exorzisten Renz und seinem Kollegen Alt hat dabei aber nicht nur die hier dargelegten moralischen und juristischen Dimensionen, sondern eine noch tiefere existenzielle. Denn ein solches kirchenamtliches Handeln kann in einem gläubigen Katholiken auch Seelenängste auslösen, die wohl nur der wirklich erahnen kann, der selbst dieses Milieu erfahren hat.
"Der sei ausgeschlossen", heißt es bis heute in zahlreichen kirchlichen Lehrdokumenten gegenüber in Einzelfällen Andersdenkenden oder Zweiflern, und damit verbunden ist nach angeblich unfehlbarer Kirchenlehre die wiederum angebliche ewige Verdammnis (vgl. dazu Der Theologe Nr. 68).
Mit einer kirchenamtlichen Distanzierung schließt man den Gläubigen zwar noch nicht aus. Man rückt ihn aber gefährlich nahe an den Abgrund heran, vor dem jeder gläubige Katholik bis ins Mark Angst haben soll und vor dem auch Anneliese Michel zeitlebens in unfassbarer panischer Angst lebte, von der sie sich nicht befreien konnte. "Ich habe Angst", das waren dann ja auch ihre letzten Worte. Sie hatte immer Angst.

Doch kein Opfer der Kirche muss ein Opfer bleiben. Und für jeden Menschen, der die Wurzeln dafür findet, warum er zum Opfer geworden ist, kann sich ein neuer Weg zum Leben auftun – im Diesseits und, wer daran glauben möchte, warum nicht auch im Jenseits? Das ist auch die gute Hoffnung für Anneliese Michel.
Und ohne dass sie es plante oder wusste, hat die Aufarbeitung ihres Lebens schon heute dazu beigetragen, dass unzählige Menschen die höllischen Abgründe der kirchlichen Lehre besser erkennen und verstehen können. Ihr Leiden und Sterben ist nicht vergeblich gewesen.
 



Anmerkungen und biografische Daten:

(0) Pater Adolf Rodewyk (* 1894 in Mülheim) hat mehrere Studien zum Thema Exorzismus geschrieben, darunter das römisch-katholische Standardwerk Dämonische Besessenheit heute. Tatsachen und Deutungen, Aschaffenburg, Imprimatur 1966. Aufgrund der persönlichen Kontakte mit Anneliese Michel und ihrer Familie diagnostizierte er 1975 zunächst "einen Verdacht auf Besessenheit". Der Verdacht wurde für ihn mit der Zeit aber zur Gewissheit. Während des späteren Prozesses gegen die Exorzisten und die Eltern von Anneliese Michel erklärte er, dass er ohne jede Einschränkung von der Besessenheit von Anneliese Michel überzeugt sei (Goodman, siehe unten unter (2), S. 321). Er ist am 9.11.1989 im Alter von 95 Jahren in Münster/Westfalen verstorben.

(1) Uwe Wolff: Das bricht dem Bischof das Kreuz - Die letzte Teufelsaustreibung in Deutschland, TB rororo, Reinbek 1999. Der Autor (geboren 1955 in Münster) wohnt in Bad Salzdetfurth und ist Fachleiter für Evangelische Religionslehre am Studienseminar in Hildesheim. Im Jahr 2006 erschien die Neuauflage seines Buches unter dem Titel Der Teufel ist in mir - Der Fall Anneliese Michel, die letzte Teufelsaustreibung in Deutschland, München 2006. Von einer "letzten Teufelsaustreibung" kann allerdings nicht die Rede sein, siehe hier.

(2) Felicitas D. Goodman: Anneliese Michel und ihre Dämonen, Christiana-Verlag, Stein am Rhein/Schweiz, 3. Auflage, 1993; Felicitas Goodman (1914-2005) standen alle 42 Tonbandprotokolle der Exorzismussitzungen zur Verfügung. Die Anthropologin lebte zuletzt in Cuyamungue/New Mexico/USA.

(3) Voodoo auf Katholisch, Freie Christen für den Christus der Bergpredigt, Marktheidenfeld 2004; im Internet als PDF-Datei siehe hier. Als Druckschrift gratis erhältlich über den "Theologen".

(4) Nach der 3. Auflage des CIC (Codex Iuris Canonici) von 1983 handelt es sich mittlerweile um Can. 1172 § 1: "Niemand kann rechtmäßig Exorzismen über Besessene aussprechen, wenn er nicht vom Ortsordinarius eine besondere und ausdrückliche Erlaubnis erhalten hat."

(5)  Da der Artikel im
Rheinischen Merkur zu Prozessbeginn 1978 erschien, kann der Beschluss der Kommission nicht 1979 erfolgt sein, wie Frau Goodman auf S. 321 schreibt. Oder die Jahreszahl der Quellenangabe ist fehlerhaft. Für eine Rückmeldung zu den exakten Datumsangaben bin ich dankbar. Der Verfasser.

(6) Der Haupt-Exorzist, der Salvatorianerpater Arnold Renz, starb am Pfingstsamstag, den 17.5.1986, "unbemerkt von der Öffentlichkeit" (Goodman, S. 305). 30 Jahre später werden gegen ihn von einer Frau Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs erhoben.

Pater Ernst Alt konnte später "unter dem Schutz des Erzbischofs Josef Stimpfle" in Augsburg untertauchen. Im Jahr 1994 sprach er mit dem Autor Uwe Wolff nur telefonisch, nicht persönlich, da Wolff ihm mitteilte, dass er nicht katholisch sei. "Die persönliche Begegnung", so Wolff, "scheute er deshalb mit der Begründung: ´Der Exorzist muss sich rein halten`"
(Wolff, S. 268 f.). Noch in jüngerer Zeit [2011] war er offenbar als Exorzist tätig. So schrieb uns Frau Klara H. aus Nürnberg im Jahr 2008 von einer römisch-katholischen Säuglingstaufe, bei der Pfarrer Ernst Alt auf Latein exorzistische Formeln über dem wehrlosen Kind murmelte (nach kirchlicher Lehre ist bereits der Säugling mit der Erbsünde "befleckt" und der "Teufel" müsse auch aus ihm "ausgetrieben" werden). Im Jahr 2016 wird bei ihm auch wegen des Vorwurfs sexuellen Missbrauchs ermittelt.

Von Anneliese Michels Vater Josef Michel (* 1917 in Klingenberg) ist bekannt, dass er 1983 in den Ruhestand ging und die Firma an die "nächste Generation" übergeben hat. Er richtete auf eigenem Grund auch eine Privat-Kapelle für seine Tochter Anneliese ein und ist offenbar um das Jahr 2000 verstorben, ebenso nach dem Vater die Mutter Anna Michel, geb. Fürg (* 1920 in Leiblfing; + 16.6.2012 in Klingenberg im Alter von 91 Jahren). Die Erben, die Geschwister von Anneliese Michel, haben nach dem Tod der Mutter die Privat-Kapelle dauerhaft geschlossen.

(7) Anmerkung am Rande: Auf ähnliche Weise ist es der Kirche auch gelungen, z. B. mit zahlreichen Diktaturen im Bunde zu sein (z. B. 1976-1983 mit der Militärjunta in Argentinien) und nach deren Fall sofort auf Seiten der neuen Machthaber zu stehen. Entweder indem man zum richtigen Zeitpunkt einfach die Seiten wechselte. Oder indem man auf allen Seiten seine Leute hatte und hat. Und je nach den Erfordernissen des Zeitgeistes werden die einen hochgehoben und die anderen lässt man bedeckt oder umgekehrt.

(8) Pfarrer Valentin Fleischmann war von 1552-1575 der Priester der römisch-katholischen Kirchengemeinde in Ettleben bei Schweinfurt. Er galt als sehr gewalttätig und hat u. a. einen Mann in seinem Pfarrhaus erschlagen. Und einer Frau fügte er durch Schläge schwere Verletzungen zu. Bei vier Kindern ist seine außereheliche Vaterschaft unbestritten. Der katholische Priester soll einer der "Dämonen" gewesen sein, die durch Anneliese Michel gesprochen haben. So z. B. am 24.10.1975, als "Fleischmann" durch Anneliese Michel von den Priestern die Einhaltung des Zölibats forderte. Wörtlich:
"Es darf kein Priester heiraten. Er ist Priester auf ewig. Und mit den Ordensleuten ist es nicht anders. Sie müssen ihrem Beruf treu bleiben." Nach einer anderen Anmerkung hätte er zudem "in seinem Pfarrhaus ein Mädchen umgebracht, nachdem er es verführt hatte" (Dr. Harald Wiesendanger in "Das Große Buch vom Geistigen Heilen", zit. nach Wendezeit Nr. 2/2006). Vielleicht liegt hier aber eine Verwechslung mit dem Mord des Priesters an dem Mann vor.

(9) Der WDR-Film Satan lebt - Die Rückkehr des Exorzismus von Helge Cramer wurde erstmals am 27.3.2006 in der ARD gezeigt (http://www.wdr.de/tv/diestory/sendungsbeitraege/2007/0709/index.jsp).

(10) Ein Hintergrund der Ereignisse von Klingenberg ist die innerkirchliche Auseinandersetzung zwischen den "Reformern", die sich vom 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) ermuntert sehen und den "Traditionalisten", welche Reformen der Kirche beargwöhnen. Das religiöse Umfeld von Anneliese Michel und ihrer Exorzisten wird den "Traditionalisten" zugerechnet. So sind z. B. die Marienerscheinungen in San Damiano bzw. Assisi in der Toskana, an denen auch Anneliese Michel mehrmals teilnahm, bis heute kirchenoffiziell nicht "bestätigt". Sie sind jedoch fest in der katholischen Volksfrömmigkeit verwurzelt. Der damalige Würzburger Bischof Josef Stangl wird hingegen zu den "Reformern" gezählt. Praktisch überschneiden und ergänzen sich jedoch beide Flügel. Dies gilt auch für den Exorzismus an Anneliese Michel. So handelten die beiden Exorzisten Renz und Alt ganz offiziell im kirchenamtlichen Auftrag und mit dem offiziell dafür vorgesehenen Rituale Romanum. Und die Kritik an diesem Exorzismus sowie seiner Vorgeschichte und seinen Folgen trifft nicht nur einen Flügel der Kirche, sondern die römisch-katholische Kirche und ihre Dogmen in ihrer Substanz.

(11) Zwei Fotos von Anneliese Michel siehe unter
http://blogultura.com/cine/historia-original-de-la-pelcula-el-exorcismo-de-emily-rose/
oben im Studentenwohnheim in Würzburg und unten, schwer gezeichnet, kurz vor ihrem Tod.

(12) Thea Hein, Pilgerleiterin und Freundin von Anneliese Michel, misstraute dem Umgang der Kirche mit Anneliese Michel und kritisierte offen das Verhalten von Bischof Josef Stangl. Sie wohnte in Ebersbach, Gemeinde Leidersbach, einige Kilometer von Klingenberg entfernt. Thea Hein (* 29.6.1927) starb am 12.8.2008 im Alter von 81 Jahren
. Sie war im Besitz von Tonbändern der Exorzismus-Sitzungen. Wo sich diese heute befinden, ist uns nicht bekannt.

(13) Prof. Dr. med. Ulrich Niemann, Jesuit, der ein Gutachten über Anneliese Michel verfasst hatte, starb am 30.6.2008 im Alter von 73 Jahren.

(14) Eine von der Deutschen Bischofskonferenz aufgrund des öffentlichen Drucks im Jahr 1979, drei Jahre nach dem Tod von Anneliese Michel, eingesetzte Kommission leitete acht Jahre nach ihrem Tod, im Jahr 1984, auch ein "Gesuch" beim Vatikan ein, das die Bitte enthielt, den Exorzismus gemäß dem Rituale Romanum von 1614 in "Liturgie zur Befreiung vom Bösen" umzubenennen. Weitere 15 Jahre später, im Jahr 1999, hatte die vatikanische "Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung" dann in dieser für vatikanische Verhältnisse typischen Geschwindigkeit das Rituale Romanum von 1614 dann tatsächlich überarbeitet und die Einbeziehung von Psychologen und Medizinern vorgeschrieben. Man spricht dabei jedoch weiterhin von "Exorzismus".

 


 

Neuere Hinweise zum Thema ab ca. 2008:

Das Hamburger Abendblatt und Die Welt berichteten am 20.5.2008 von Teufelsaustreibungen in Deutschland.
http://www.abendblatt.de/daten/2008/05/20/883131.html
http://www.welt.de/vermischtes/article2015668/Die_dunkle_Macht_des_Exorzismus_greift_um_sich.html

Dabei wurden bei Exorzismen im Erzbistum Paderborn eigens ein erfahrener "Priester aus Bayern" eingesetzt. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass in diesem Zusammenhang auch Pfarrer Ernst Alt weiterhin tätig ist, einer der beiden Exorzisten von Anneliese Michel, der nach Zeugenaussagen bei einer Säuglingstaufe einen Exorzismus auf Lateinisch durchführte.

Mindestens ein Exorzist für jede Diözese

 Vermeintlich liberaler deutscher Katholizismus hält sich zurück

Teufelseintreiber

Doppelzüngigkeit und Scheinheiligkeit

Einfallspforten der Beeinflussung

Sprunghafte Zunahmen beim Exorzismus in Südeuropa

Mindestens ein Exorzist für jede Diözese

Weiteren Presseberichten zufolge stand 2008 die Berufung eines Exorzisten für jede römisch-katholische Diözese unmittelbar bevor. Papst Benedikt XVI. wollte zu diesem Zweck 3000 neue Exorzisten berufen (siehe z.B. http://www.derwesten.de/nachrichten/wp/2008/3/12/news-30164870/detail.html). Das dies tatsächlich geschehen ist, bestätigt Ägidius Engel, Sprecher des Erzbistums Paderborn im Jahr 2014 (Focus Nr. 2/2014). Ihre Tätigkeiten seien im "erzbischöflichen Geheimarchiv" dokumentiert.

Die Zeitung Bild veröffentlichte am 21.5.2008 schließlich das Protokoll eines Exorzismus an der 22-jährigen Heike H. in einem Kloster bei Ingolstadt.
http://www.bild.de/BILD/news/vermischtes/2008/05/22/exorzismus/exorzismus-in-deutschland,geo=4604686.html
Dabei versuchte Pfarrer Otto Maurer - ähnlich wie die Exorzisten bei Anneliese Michel - die dabei wirkenden Kräfte in die angeblich ewige Verdammnis zu schicken ("Ab in die Hölle mit dir"). Die junge Frau schrie, während sie mit Weihwasser besprengt wurde. Am 24.5.2008 wurden weitere Details ergänzt:
http://www.bild.de/BILD/news/vermischtes/2008/05/25/exorzismus/frau-wurde-25-mal-der-teufel-ausgetrieben.html

 Vermeintlich liberaler deutscher Katholizismus hält sich zurück

Entwicklung in Deutschland - Im PM-Magazin Nr. 2/2009 wird berichtet, dass der liberale deutsche Katholizismus - mit verursacht durch das Desaster um Anneliese Michel - nur noch sehr selten einen Exorzismus durchführt. "Pro Jahr melden sich etwa 50 Menschen, die glauben besessen zu sein", sagt Markus Roentgen vom "Arbeitskreis Exorzismus" des Erzbistums Köln. Und: Allen wurde mitgeteilt, "dass ein Exorzismus für sie nicht infrage kommt". Und beim "Münchner Kreis" von katholischen Ärzten, Priestern und Psychologen gab es im Jahr 2008 350 Anfragen nach Exorzismen - doch nur fünf Mal seien diese Leute mit exorzistischen "Heilgebeten" behandelt worden. Dazu der Pallotinerpater Jörg Müller (Autor des Buches Verwünscht, verhext, verrückt oder was?): "Die meisten Menschen, die sich an uns wenden, sind psychisch krank. Sie fühlen sich fremdgesteuert, sehen Schatten, fühlen sich berührt."

Die kirchlichen Ansprechpartner in Deutschland verzichten demnach bei weitaus den meisten Anfragen auf das Exorzismus-Ritual, weshalb unzählige Deutsche, Österreicher und Schweizer zum Exorzismus ja auch nach Italien fahren, wie auch das PM-Magazin schreibt. Doch davon darf man sich nicht täuschen lassen. Denn die Vorgänge in Deutschland sind nicht die Richtung, die der Vatikan und Papst Benedikt XVI. vorgegeben haben, wonach der Exorzismus stark ausgeweitet wird (siehe dazu unter http://www.theologe.de/theologe16.htm#Exorzismus).

Die Teufelseintreiber

Und der römisch-katholische Exorzismus, der außerhalb Deutschlands weiterhin zehntausendfach angewandt wird und dessen Anwendung derzeit weiter sprunghaft zunimmt (vor allem in Südeuropa und in der Dritten Welt), richtet dabei kurz- bzw. langfristig auch noch mehr Schaden an als ohnehin schon erkennbar ist. Der Grund dafür sind die damit verbundenen destruktiven Glaubensvorstellungen, z.B. die katholischen Höllenlehren oder eine katholische Bewertung von "Gut" oder "Böse", die nicht mit den Wertvorstellungen der Hilfesuchenden übereinstimmt, die sich z. B. am "gesunden Menschenverstand" orientieren (siehe oben unsere Studie). Kritiker bezeichnen im Volksmund deshalb katholische Exorzisten manchmal ja auch als "Teufelseintreiber".

Das andere Extrem innerhalb der römisch-katholischen Kirche ist nun also der vom Vatikan noch geduldete liberale - vor allem deutsche - Katholizismus. Dieser bezieht bei seinen Diagnosen den möglichen Einfluss von jenseitigen "Seelen" auf unzählige Menschen nach den bekannt gewordenen Berichten nicht einmal ein. Doch viele Menschen spüren intuitiv, dass sie von bestimmten Kräften beeinflusst bis nahezu gesteuert werden, die nicht ihre eigenen seien.
Und geht man von dieser Möglichkeit auch aus (siehe dazu oben), kann den davon betroffenen Menschen folglich in nicht kirchenoffiziellen liberal-katholischen Beratungsgesprächen keine Einsicht in ihre Situation vermittelt werden.
So spricht der liberal-katholische Journalist Marcus Wegner (Autor der Rundfunksendung Beten auf Teufel komm raus. Exorzismus in Deutschland heute, WDR 2008; Buchautor von Exorzismus heute, Gütersloh, März 2009) auch nur über "austherapierte, psychisch kranke Menschen, die lieber besessen sein wollen als verrückt". Fahren sie deshalb zum "Exorzismus" nach Italien oder Spanien, geraten sie jedoch vom Regen in die Traufe, und die "Dämonen" werden dort wohl noch weiter entfesselt.

Doppelzüngigkeit und Scheinheiligkeit

Die Zeitschrift Focus Nr. 2/2014 vom 4.1.2014 bestätigt diese Entwicklung, wobei Scheinheiligkeit und Doppelzüngigkeit noch zugenommen haben, um die gegensätzlichen Extreme im Katholizismus zu übertünchen. Doch auch so mancher als "liberal" geltende kircheninterne Experte wie Jörg Müller sagt heute, in manchen Fälle helfe nur der "Ex" = "der große Exorzismus". Dabei testet er zuvor die Hilfesuchenden. "Er stellt zwei Schüsseln Wasser auf den Tisch. Dann will er von ihnen wissen, in welcher das Weihwasser sei." Brüllt oder zuckt der Notleidende bei der falschen Schüssel, gelte er offenbar als "Lügner", der eine Besessenheit nur vortäusche. Was für ein Kriterium!
"Dadurch, dass über hundert Exorzisten sich in Deutschland verstecken müssen und die Bischöfe so tun, als gäbe es sie nicht, gerät das Ganze in die Hände von zwielichtigen Gestalten." (Die Kirchenhistorikerin und Vatikan-Mitarbeiterin Alexandra von Teuffenbach, zit. nach Focus Nr. 2/2014)
"Zwielichtige Gestalten", das sind dann diejenigen römisch-katholischen Exorzisten, die man kirchenamtlich wieder nach vorne schiebt und von denen man sich offiziell distanziert, wenn etwas "schief" geht, so wie 1976 bei den kirchenamtlich bestellten Exorzisten Renz und Alt.
Dass der katholische Exorzismus nichts bringt, erklärt z. B. Sarah Pohl  von der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg. "Denn auf Dauer könne kein Exorzist helfen", so wird sie von Focus wiedergegeben. "Letztlich blieben sie [die Hilfesuchenden] aber mit ihren Dämonen allein".

Einfallspforten der Beeinflussung

Der mögliche Einfluss von jenseitigen Seelen lässt sich also weder durch ein "weichgespültes" katholisches Beratungsgespräch (vom Vatikan noch geduldeter liberaler deutscher Katholizismus) noch durch einen Exorzismus abschütteln (klassischer Katholizismus, Katholizismus in Südeuropa und in der Dritten Welt, Papst, Vatikan). Sondern dies wäre, wenn, dann nur durch strengste Selbstdisziplin einschließlich Gedankendisziplin möglich, um "Einfallspforten" der Beeinflussung (die sich im Extremfall eben bis zu einer Besetzung ausweiten könne) Zug um Zug zu schließen (siehe dazu die ausführlichen Überlegungen in unsere Studie oben). Solche "Einfallspforten" wären beispielsweise massive Schwachpunkte in der Persönlichkeitsentwicklung, über die der Hilfesuchende immer wieder in Extremzustände "abkippt". Doch ob der Betroffene dazu noch ganz oder wenigstens teilweise in der Lage ist? Oder ist die Persönlichkeit schon gespalten, was dann z. B. zu der Diagnose "Schizophrenie" führt? Wenn der Hilfesuchende die Zügel seines Lebens überwiegend nicht mehr selbst in die Hand nehmen kann, besteht nach Expertenberichten nur die Möglichkeit, ihn dann medikamentös ruhig zu stellen.

Sprunghafte Zunahmen beim Exorzismus in Südeuropa

2013/2014 - Katholische Kirche forciert Exorzisten-Ausbildung - Der Erzbischof von Madrid, Antonio Maria Rouco Varela, spricht von einem "noch nie vorgekommenen Zuwachs" dämonischer Besessenheiten in unserer Zeit (Frankfurter Allgemeine, 24.2.2014). Derzeit lässt er acht Priester zu katholischen Exorzisten ausbilden. Nach Kardinal Rouco sei durch die katholische Taufe das Katholische zwar zum Teil "unserer DNS" geworden, also des genetischen Erbguts, was jedoch nicht ausreichend vor dem Teufel schütze. Im Namen von Papst Bergoglio, der auch sehr viel vom Teufel spricht, "intensiviert die Kirche vor allem im Süden Europas die Ausbildung von Teufelsaustreibern. Die Diözese Mailand ließ jetzt sieben Priester zu Exorzisten ausbilden. In Neapel sind es drei. Aus Sardinien haben gerade drei Priester ihren Kurs abgeschlossen" (FAZ, 24.2.2014). Auch Anneliese Michel ist mehrfach nach Italien gefahren, um am Kult um den "heilig" gesprochenen Pater Pio zu huldigen.
 



KLINGENBERG UND WÜRZBURG AKTUELL: 2013 - 2016

15.6.2013 / 30.4.2014 -
Klingenberg und die "Dämonen" der Anneliese Michel kommen auch im 21. Jahrhundert nicht zur Ruhe. Am 6.6.2013 ging das Sägewerk ihres Vaters in Flammen auf, das zuletzt eine Schwester Anneliese Michels und deren Mann betrieben hatten, das aber bereits still gelegt war. Auch die benachbarte Villa brannte mit ab. Auf Fotos von dem verheerenden Großbrand (z.B. http://www.main-netz.de/_/tools/diaview.html?prev=true&_CMTREE=316349&_CMELEM=6) glauben manche Betrachter, rechts auf dem Balkon im Feuer schemenhafte Konturen einer menschlichen Seele zu sehen. Auch rechts unter dem Balkon könne man in den lodernden Flammen Konturen wie die eines Menschen sehen, woraus manche Betrachter schließen, dass eine Seele auch dort anwesend war, die normalerweise unsichtbar sei, durch das Feuer jedoch schemenhaft sichtbar hatte werden können.

Erst am 18.5.2013 war eine Garage in unmittelbarer Nähe zum Grab Anneliese Michels abgebrannt. Der Brand wurde Angaben der Kriminalpolizei zufolge von einem Grablicht verursacht, das dorthin verbracht wurde. Und in der Nacht zwischen 2.00 Uhr und 3.00 Uhr am 13.6.2013 wurde dann der Auto-Anhänger der Klingenberger Musikanten abgefackelt, also eine Woche nach dem Großbrand. Auch hier ist eine inhaltliche Parallele dem Grauen der 70er-Jahre herstellbar: Eine mutmaßliche Seele, die Anneliese Michel "besetzte" und durch sie sprach, hatte einst "sexuelle Verfehlungen" von Bürgern beim Klingenberger Volksfest angeprangert, wo natürlich auch Musikanten im Einsatz sind.

 
Am Donnerstag, den 13.6.2013 - nach dem dritten Brand und ca. eine Woche nach der Zerstörung des einstigen Betriebs von Anneliese Michels Eltern reagierten auch Katholiken,
"die sich vor der Brandruine wieder und wieder bekreuzigten und den Rosenkranz beteten" (Main-Echo, 15.6.2013). Viele möchten eine Heiligsprechung der nach den Exorzismen gestorbenen Studentin erreichen.
Die Anwohnerin Birgit Simon, die in der gleichen Straße wohnt wie einst Anneliese Michel, "erzählt von Gerüchten, am Abend vor dem Großfeuer sei ein Kreuz vom Grab Michels gestohlen worden"
(Main-Echo). Und so mancher fragte sich, ob das Grablicht, das zuvor die Garage in Brand gesetzt hatte, vielleicht auch von dort genommen wurde.

Im September 2013 wurde schließlich ein 19-jähriger Jung-Feuerwehrmann aus Klingenberg als Täter festgenommen, vermutlich auch ein Katholik, wie die meisten Einwohner der Stadt. Sein Motiv wurde nicht öffentlich bekannt gemacht. Auch nicht, ob er sich mit den Geschehnissen in den 70er-Jahren einmal näher beschäftigt hatte.
So manches wird dabei als purer Zufall abgetan, und Querverbindungen zu früheren Geschehnissen als Hirngespinste nicht ernst zu nehmender Zeitgenossen. Wer jedoch davon ausgeht, dass die Verstorbenen in der jenseitigen Welt keineswegs in "Frieden ruhen", sondern dass unbereinigte Dramen dort weiter eskalieren (und einst "Besessene" nun selbst zu "Besetzenden" werden können), der wird nicht über vermeintliche Gespenster spotten. Er wird eher nachdenklich werden und vielleicht den Leidtragenden einige gute Gedanken zukommen lassen.
Das Gelände wurde mittlerweile [2014] eingeebnet und steht als Fläche für Gewerbeansiedlung zur Verfügung. Der Täter bekam eine Bewährungsstrafe.



10.4.2014 / 1.7.2016 -
2014: "Wissenschaftliche" Untersuchung des Todes von Anneliese Michel im Dienst der "Entlastung" der Amtskirche - Im April 2014 erschien die im Jahr 2012 von der Universität Würzburg als "Doktorarbeit" angenommene Ausarbeitung der evangelischen Universitätsabsolventin im Fach Geschichte, Petra Ney-Hellmuth, als Buch. Der Titel: Der Fall Anneliese Michel - Kirche, Justiz, Presse, Würzburg 2014.
Frau Dr. Ney-Hellmuth "stieß ... allerdings nicht auf fundamental neue Erkenntnisse über das Geschehen im Jahr 1976", heißt es dazu in der Lokalzeitung Main-Echo vom 7.4.2014.
Und die Autorin zeigt sich auf dem zugehörigen Foto anlässlich der Buchvorstellung zusammen mit dem kurz darauf verstorbenen römisch-katholischen Generalvikar Dr. Karl Hillenbrand (+ 22.11.2014) und mit Dr. Johannes Merz, Leiter des Diözesanarchivs Würzburg.
Das wortreiche Buch hat die klare Tendenz, die Amtskirche und den damaligen Bischof Josef Stangl zu entlasten, was die Autorin indirekt auch zugibt:
"Generalvikar Dr. Karl Hillenbrand und Diözesanarchivdirektor Professor Johannes Merz mussten also keine Angst haben", da das Interesse der Autorin Petra Ney-Hellmuth angeblich "wissenschaftlich" sei und nicht "populär oder sensationsheischend".
(Mainpost, 3.5.2014)

Den "konservativen Reformkritikern", aus deren Reihen Anneliese Michel selbst stammte, wird stattdessen von der Autorin vorgehalten, den Tod der "an Epilepsie erkrankten" jungen Frau für ihre Interessen zu "instrumentalisieren".
(welt.de, 10.4.2014)
Weiterhin gibt die Autorin zu: "Ich war ja dort [im Bistum] auch bereits bekannt, weil ich an der Ausstellung über Bischof Stangl mitgearbeitet habe."
Zur Verdeutlichung
: Das Bistum Würzburg hatte anlässlich des 100. Geburtstag der Exzellenz das Jahr 2007 zum "Stangl-Jahr" ausgerufen und den Bischof mit der besagten Ausstellung geehrt.

 
Von einer Autorin, die also einen Teil ihres Arbeitslebens - offenbar, ohne Anstoß daran zu nehmen - bereits der Ehrerbietung von Bischof Stangl gewidmet hat, kann man auch nicht erwarten, dass sie bei ihren "Untersuchungen" etwas "findet", was diese klerikalen Selbstbeweihräucherungen in Frage stellt. Man sollte es dann aber nicht als Maß der "Wissenschaft" betrachten - gerade, wenn man weiß, was "Wissenschaft" für die Kirchenmänner und ihr Gefolge in Wirklichkeit bedeutet.
So wird dann von Frau Ney-Hellmuth auch die nachweisliche Lüge des Bischofs, womit er u. a. seine Genehmigung des Exorzismus abstritt, auch 2016 wieder mit den Worten schöngeredet:
"Man kann Stangl nicht unterstellen, dass er sich ausmalen konnte, was da in Klingenberg passierte" (zit. nach main-echo.de, 1.7.2016).
Zur Erinnerung: ... obwohl er darüber fortlaufend informiert wurde.



3.5.2014 - Weitere Anmerkung zur "Dissertation" von Petra Ney-Hellmuth über Anneliese Michel: Tod nach Beten? Als "erste wissenschaftliche Analyse" (Mainpost, 3.5.2014), als "Dissertation", welche "die Fakten richtig" stellt (neue bildpost, 19.4./20.4.2014) oder als Doktorarbeit über den Fall, der auf diese Weise "erstmals wissenschaftlich aufgearbeitet worden sei" (Main-Echo, 25.4.2014) wurde das Buch der evangelischen Autorin Petra Ney-Hellmuth in der Öffentlichkeit "verkauft" - ein Etikettenschwindel, wie so vieles, bei dem die Kirche ihre Hände im Spiel hat. Es läuft letztlich darauf hinaus, dass sich die römisch-katholische Kirche hier nun auch noch das Mäntelchen "wissenschaftlich" umzuhängen versucht.
Auf die Frage, ob sie auch mit den Betroffenen gesprochen hat, verneinte die kirchenkonforme evangelische Autorin. "Ich saß allein ein Jahr lang im Staatsarchiv und im Diözesanarchiv und habe die Akten gesichtet" (Mainpost, 3.5.2014). Vorschläge, mit "Leuten aus dem Spessart zu reden", die über "spezielle Informationen" verfügten, lehnte sie als "nicht von Nutzen" von vorne herein ab. Auch überging sie die betroffene Familie.
Helge Cramer, der Autor des informativen WDR-Beitrags Satan lebt - Rückkehr des Exorzismus (2006), findet in seinem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung (28.4.2014) dann dazu auch deutliche Worte. Am Ende seines Briefes heißt es:
"Es wird nicht mal die Frage untersucht, wieso der über Inhalte und Ziel des Treibens fortlaufend unterrichtete Bischof denn diesen neun Monate (!) währenden Spuk nicht frühzeitig beendet hat. Stattdessen lesen wir, dass der Bischof bestimmt ganz lautere Motive hatte, genauso wie das bischöfliche Ordinariat, als es den bischöflichen Auftrag leugnete, und zuletzt das eindringlich wiederholte wissenschaftliche Resümee dieser Forschungsarbeit: dass Teufelsaustreibung ´im eigentlichen Sinne` doch nicht mehr ist als ´das Sprechen von Gebeten` in einer ´seelsorgerlichen Betreuungssituation`. Der Fall Anneliese Michel - Tod nach Beten? Hätte eine der in den letzten Jahren vorgelegten Forschungsarbeiten über die NS-Vergangenheit deutscher Unternehmen vergleichbare Qualitäten gezeigt - die Empörung der Medien könnte kaum lauter sein. Und hier?"



3.7.2014 -
Vatikan erkennt Exorzisten-Verein von Padre Amorth offiziell an - Die International Association of Exorcists (IAE) wurde vom Vatikan am 13.6.2014 voll kirchenrechtlich anerkannt, so der L´Osservatore Romano am 1.7.2014. Der IAE wurde von dem berüchtigten Vatikan-Exorzisten Gabriele Amorth in den 90er-Jahren gegründet und hat 2014 250 Mitglieder.
Der Exorzist Amorth zählt mit ca. 160.000 Exorzismen zu den erfahrensten vermeintlichen Teufelsaustreibern der Romkirche. Er ist auch ein Harry-Potter-Gegner, eine Roman- und Filmfigur, die für Amorth ein "Werkzeug des Satans" sei. Passend dazu gibt es umgekehrt Parallelen zwischen dem Papsttum und dem Potter-Gegner Lord Voldemort.



21.4.2015 - Täglich zahlreiche Teufelsaustreibungen in Deutschland / Deutscher Exorzismus-Experte der Vatikankirche: "Ich denke, ein Exorzismus sollte so normal sein wie die Kommunion" - "In der Bundesrepublik gibt es täglich zahlreiche Teufelsaustreibungen. Viele verlaufen brutal und können schlimme Folgen für die Betroffenen haben", schreibt focus.de am 18.4.2015. "Da gehen Menschen zugrunde", warnt der Journalist Marcus Wegner vor allem im Hinblick auf Exorzismen im evangelisch-evangelikalen Bereich. Er schätzt zwei bis drei katholische und sechs bis sieben evangelikale Exorzismen pro Tag.
Der Exorzismus Experte der Romkirche Pater Helmut Moll versucht hingegen, den Menschen, die Angst vor dem Praktiken der Kirche zu nehmen, da es klare "Faktoren" für eine Besessenheit gebe: "Ich denke, ein Exorzismus sollte so normal sein wie die Kommunion."
(http://www.focus.de/panorama/welt/da-gehen-menschen-zugrunde-experte-warnt-in-deutschland-gibt-es-taeglich-zahlreiche-teufelsaustreibungen_id_4621660.html)


31.7.2015 -
Auch im Protestantismus gibt es den Exorzismus - Nicht nur in der Vatikankirche, auch in evangelischen Freikirchen ist der Exorzismus weit verbreitet, und er ist in diesen Varianten vor allem über die USA nach Deutschland gelangt. Die Austreibungsformeln wurden dabei "individuell" je nach Gemeinschaft erfunden. Auch hier wird sich zu Unrecht auf Jesus von Nazareth berufen und man hat es ebenfalls mit jenseitigen Seelen zu tun. Weit verbreitet sind Exorzismus-Praktiken vor allem in so genannten "Pfingstkirchen" oder "charismatischen" Kirchen.
Im Dezember kam eine Frau aus Korea bei einem Exorzismus von ihren Verwandten in einem Hotel in Frankfurt ums Leben.



1.7.2016
- Die Lokalzeitung Main-Echo veröffentlicht anlässlich des 40. Todestags von Anneliese Michel ein Dossier mit sieben Artikeln zum Thema. Wesentlich Neues ist dort aber nicht zu lesen. Aktuell erscheint eine kurze Reportage über Olof Dahl Bjurwill, Kirchenmusikstudent und Priesteramtskandidat aus Schweden, der zu diesem Anlass direkt von Rom aus nach Klingenberg ans Grab von Anneliese Michel gepilgert ist.


 



Tipps zum Weiterlesen
:

Das Thema "Exorzismus" sorgt immer wieder für Schlagzeilen. Als Beispiel der Artikel in Bild vom 9.2.2008 über die US-amerikanische Sängerin Britney Spears

 

 

Auch die Zeitung die aktuelle berichtete am 22.2.2008 über die Sorge der Mutter der Sängerin Britney Spears - um den Artikel zu lesen, bitte auf das Bild rechts klicken)

Sind auch Sie nach römisch-katholischer Lehre bereits ewig verdammt? Sie glauben nicht? Machen Sie zur Sicherheit den Glaubenstest !

Filmbesprechung zum Film "Der Exorzismus von Emily Rose"


Hier lesen Sie einen kurzen Hinweis auf den Film "Requiem", dessen Handlung sich an den wahren Ereignissen um Anneliese Michel orientiert. Der Trailer zum Film bei http://www.requiem-der-film.de/trailer.html?size=medium

Anneliese Michel soll nach dem Willen von ihren Anhängern irgendwann "heilig" gesprochen werden.
Zum Vergleich: Im 13. Jahrhundert lebte eine Frau, die nicht viel älter wurde als sie. Elisabeth von Thüringen starb mit 24 Jahren und wurde "heilig" gesprochen. Lesen Sie dazu Der Theologe Nr. 30 -
Elisabeth von Thüringen - wie die Kirche zerstört und "heilig" spricht.

Der Theologe Nr. 65 - Hildegard von Bingen, Gottesprophetin - zur "Kirchenlehrerin" degradiert

 

Der Text kann wie folgt zitiert werden:
Zeitschrift "Der Theologe", Hrsg. Dieter Potzel, Ausgabe Nr. 9: Exorzismus - Todesfalle Kirche: Warum musste Anneliese Michel sterben? Wertheim 2004, zit. nach http://www.theologe.de/theologe9.htm, Fassung vom 27.10.2016;
Copyright © und Impressum siehe hier.

Zum Autor dieser Studie:
Dieter Potzel, geboren 1959, Theologe, Studium der Evangelischen Theologie in Mainz und Göttingen mit dem Schwerpunkt "Neues Testament und Urchristentum", Studien im Westjordanland, zwei theologische Examina der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (1984 und 1986), sprachwissenschaftliche Ausbildung im Bereich Antike Philologie (Hebraicum, Graecum, Großes Latinum). Evangelisch-lutherischer Pfarrer in Bamberg von 1988-1992. Im Jahr 1992 Austritt aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche. Von 1992-2004 als theologischer Journalist für mehrere Zeitschriften tätig, seither als Freier Theologe bei Bestattungen (Begleitet von Jesus, dem Christus - Würdige Bestattung ohne Kirche) und Trauungen. Buchautor und Herausgeber der Online-Zeitschrift "Der Theologe" seit 1997.
Der Autor war u. a. Schüler von Herbert Braun (1903-1991)* und Luise Schottroff (1934-2015) und in Arbeitskreisen zum Thema "Sozialgeschichtliche ´Exegese` (= Bibelauslegung)" tätig. In der Folgezeit Studien vor allem zum Thema "Biblische Prophetie" und zum Unterschied zwischen Prophetie und medialen Einsprachen in Geschichte und Gegenwart.


* Herbert Braun war seit 1953 Ordinarius bzw. Professor für Neues Testament an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz; Veröffentlichungen u.a.: "Jesus - der Mann aus Nazareth und seine Zeit" (1978); "Gesammelte Studien zum Neuen Testament und seiner Umwelt" (1967)

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"Ihr Völker der Erde, holt die Lehre des Jesus von Nazareth, des Freien Geistes, vom Kreuz herab". Dies ist die zentrale Botschaft der Broschüre Brüder und Schwestern, fürchtet euch nicht - der Geist unseres himmlischen Vaters ist mit uns. - Christus, der Freie Geist, außerhalb der Kirche. Die Broschüre enthält den Text der Lesung, die man sich auch als Video-Aufzeichnung ansehen kann. Sie ist gratis erhältlich in den Sprachen Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch und Portugiesisch bei info@der-freie-geist.de. Der Text ist auch als PDF-Datei einsehbar.