DER THEOLOGE
Nr. 86


"Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen." (Jesus von Nazareth)

Wie die Kirche den Staat 20 Jahrhunderte lang
zur Verfolgung der Urchristen anstiftete


"Die Kirche hat kraft ihrer göttlichen Einsetzung die Pflicht, auf das gewissenhafteste das Gut des göttlichen Glaubens unversehrt und vollkommen zu bewahren und beständig mit größtem Eifer über das Heil der Seelen zu wachen. Deshalb muss sie mit peinlicher Sorgfalt alles entfernen und ausmerzen, was gegen den Glauben ist oder dem Seelenheil irgendwie schaden könnte. Somit kommt der Kirche aus der ihr vom göttlichen Urheber übertragenen Machtvollkommenheit nicht nur das Recht zu, sondern sogar die Pflicht, gleich welche Irrlehren nicht nur nicht zu dulden, sondern vielmehr zu verbieten und zu verurteilen, wenn das die Unversehrtheit des Glaubens und das Heil der Seelen fordern." (Aus: Josef Neuner, Heinrich Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung (offizielles Lehrbuch mit bis heute gültigen Dogmen und kirchlich verbindlichen Glaubenssätzen der römisch-katholischen Kirche), 13. Auflage, Regensburg 1992, Glaubenssatz Nr. 382)

 

Theologen und Priester trachteten Jesus nach dem Leben

Das frühe Christentum und seine Umpolung

In der Kirche werden heidnische Bräuche und Rituale gepflegt

Die ersten "Ketzerbewegungen"

Konstantin und die "neue Herrenschicht" – der Klerus

Verfolgung mit Hilfe des Alten Testaments

Die ersten Opfer: meist die Juden

Die Religionsgesetze des Theodosius

Die Ketzer – und ihre Jäger

Der erste Inquisitionsmord: Priscillian

"Verabscheut die Ketzer!" – Papst Leo "der Große"

"Verfolge, was du angebetet!" – Chlodwig

Der Klerus legt sich ins Zeug - Justinian

Taufe oder Tod - Karl der "Große"

Die Kirche beansprucht die Oberherrschaft

Die Ketzer kommen wieder

Die "Säuberungen" beginnen

"Verfahrt mit ihnen schlimmer als mit den Sarazenen!"

Die Schlinge der Inquisition zieht sich zusammen

Die "Hunde des Herrn" treten in Aktion

Der Staat muss mitspielen – Friedrich II.


Kirche "ernährt sich von Häretikern": Thomas von Aquin

Das Ziel: den Menschen Furcht einflößen

Wenn der Inquisitor kommt


Es gibt kein Entrinnen

Die spanische Inquisition

Todesstrafe wegen Reformversuchs: Hus und Savonarola

Luther: Zum Henker mit den Täufern!

Hexenverfolgung in ökumenischer Eintracht

Der absolute Staat unter dem Einfluss der Kirche

Gewissensfreiheit - für die Kirche "Wahnsinn"

"SA Jesu Christi" marschiert gegen religiöse Minderheiten

Fußnoten


 



Warum gibt es eigentlich die Inquisition? Was ist ihre tiefere Bedeutung? Welches sind weniger bekannte Hintergründe? Die Inquisition gehört zum Wesen der Kirche seit ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Und wer dieses Wesen verstehen möchte, der lese nachfolgende ausführliche Studie. Der Ausgangspunkt der Inquisition ist die Bekämpfung des Jesus von Nazareth durch die Priester und Theologen Seiner Zeit, und es waren seither immer wieder Priester, Pfarrer, Bischöfe, Päpste und Theologen, die auch die Nachfolger des Jesus von Nazareth verfolgen ließen sowie Menschen, die anders dachten und lebten als die kirchlichen Dogmen und Vorschriften es verlangt hatte.

Theologen und Priester trachteten Jesus nach dem Leben

Weshalb musste Jesus von Nazareth sterben? Wer hat Seinen Tod veranlasst? Es waren keineswegs "die Juden", wie es Kirchenführer in allen Jahrhunderten in antisemitischen Hetzreden dem Kirchenvolk einhämmerten. 2 Jesus war schließlich selbst ein Jude. Es war eine kleine Schicht von Schriftgelehrten, die in dem Mann aus Nazareth eine Bedrohung für ihre Macht sahen. Dieser Wanderprediger hatte großen Zulauf – und Er verkündete eine innere Religion, einen inneren Weg zu Gott, der die religiösen Grundlagen des Volkes Israel nicht aufhob, sondern sie im Gegenteil neu belebte: "Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen" (Mt 5,17). Jesus meinte damit freilich nicht die kleinliche Beachtung eines äußeren Buchstabengesetzes, sondern Er meinte die absoluten Gesetze Gottes, wie sie in mannigfacher Weise in den Aussagen der großen Gottespropheten des Volkes Israel zum Ausdruck kommen – auch wenn diese Aussagen in der Bibel vielfach überlagert und durchsetzt sind mit Beimischungen anderer Art, etwa durch das, was in der wissenschaftlichen Textkritik als "Priesterschrift" bezeichnet wird.

Jesus wurde zu einer Bedrohung für die Macht der Schriftgelehrten, der Theologen, weil Er die Missstände im Tempel offen legte, weil Er das Auseinanderklaffen von göttlicher Botschaft und priesterlicher Machtentfaltung bloßstellte. Er griff die Pharisäer offen an, bezeichnete sie als "übertünchte Gräber", als "blinde Blindenführer", als "Schlangen- und Otterngezücht". Er trieb die Händler aus dem Tempel, die dort Opfertiere zum Kauf feilboten, obwohl doch Gott durch Seine Propheten die Tieropfer abgelehnt hatte: "Die Widder, die ihr als Opfer verbrennt, und das Fett eurer Rinder habe ich satt; das Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke ist mir zuwider" (Jes 1,11). 3 Vor allem aber: Er zeigte in der Bergpredigt den Weg zu einem friedlichen Miteinander der Menschen auf, das ohne äußere Kirche und Priesterkaste auskommt.

Sehr bald schon trachteten bestimmte Tempelkreise Jesus nach dem Leben: "Da suchten die Hohepriester und der Hohe Rat falsches Zeugnis gegen Jesus, um ihn zu Tode zu bringen." Doch Israel war ein besetztes Land; selbst die religiöse Elite hatte nicht die Macht, ein Todesurteil zu verkünden und zu vollstrecken. Um den Anführer der "Sekte des Nazareners" zur Strecke zu bringen, musste man den römischen Statthalter dazu bringen, einen Justizmord zu begehen.

So ist es zu erklären, dass die Anführer des Hohen Rates je nach Adressat zwei verschiedene Beschuldigungen gegen den bei Nacht und Nebel verhafteten Jesus vorbrachten: Vor dem Hohen Rat selbst behaupteten sie, Er habe Gott gelästert. Vor dem römischen Statthalter Pilatus jedoch sprachen sie davon, dass der Nazarener im Begriffe sei, das Volk gegen die Römer aufzuhetzen.

Diese Vorgehensweise hat Modellcharakter für die nächsten zweitausend Jahre: Intern und gegenüber dem gläubigen Volk argumentiert die Priesterkaste gegen Jesus und später gegen die so genannten Sekten "theologisch" und gleichzeitig verächtlich machend – sie verleumden Jesus als Fresser und Säufer, Freund der Zöllner, Scharlatan, falschen Propheten, Gotteslästerer, Er stehe mit dem Teufel im Bunde. Gegenüber der staatlichen Obrigkeit jedoch zieht man andere Register der Verleumdung: Jesus und Seine Anhänger seien Staatsfeinde, Aufrührer, gefährliche Umstürzler.
Die Rechnung ging auf. So, wie die Priester und Schriftgelehrten immer wieder in der Geschichte Israels die großen Gottespropheten verleumdeten, verfolgten und zum Teil töteten – etwa Jesaja –, so erreichten sie nun das Todesurteil gegen den größten Gottespropheten der Menschheit. "Und damit", so Bernd Rill, "wurde der Gründer der Kirche auch zu ihrem ersten Ketzer, zumindest in den Augen derjenigen, die seine Kirchengründung als Ketzerei ansahen, also natürlich die Verwalter der bis dahin bestehenden Religion ..." 4

Das frühe Christentum und seine Umpolung

Doch das Ende der Bewegung erreichten sie nicht. Im Gegenteil: Der Glaube an den auferstandenen Christus verbreitete sich rasch unter Hebräern und Griechen. Diese "neue  religiöse Glaubensgemeinschaft" sah jedoch ganz anders aus als die heutigen großen Kirchen. Diese Tatsache ist von entscheidender Bedeutung, wenn man den nachfolgenden Kampf zwischen Kirche und "Sekten" in seiner geistesgeschichtlichen Tiefendimension verstehen will. Der russische Historiker Grigulevic, als Marxist jeglicher Parteinahme in Sachen Religion unverdächtig, stellt in seinem Buch über die Inquisition fest: "Die Kirche ver- band ihr Schicksal mit dem der Ausbeuterklassen der Gesellschaft und deren Staat und verwarf damit den Traum der Urchristen von der Errichtung eines ‚Gottesreiches auf Erden’." 5 Sieht man einmal davon ab, dass man den geistigen Kampf zwischen kirchlicher Hierarchie und "Ketzern" nicht auf den – sicherlich nicht unbedeutsamen – materiellen Aspekt der sozialen Ungleichheit beschränken sollte, so ist doch auffallend, mit welchem Scharfblick ein nicht-religiöser Historiker den roten Faden findet, der sich durch diese Auseinandersetzung zieht: Es ist der immer wiederkehrende Aufruf, zu den Wurzeln "des frühen Christentums zurückzukehren" 6, der stets aufs Neue die erbitterte Feindschaft der  etablierten Kirche hervorruft.

Offenbar lebte in den nachfolgenden Generationen ungeachtet allen Terrors, aller  Bücherverbrennungen 7 die Erinnerung fort, dass die ersten Christen diesem Traum von der  "Errichtung des Gottesreiches auf Erden" trotz aller menschlichen Unzulänglichkeiten ein ganzes Stück näher gekommen waren als ihre angeblichen Nachfolger, die Kirchen.

Schon beim aufmerksamen Lesen der Bibel kann man erkennen, dass die Institution Kirche anders lebt, als der Nazarener und Seine unmittelbaren Jünger es vorlebten – deshalb war die selbständige Lektüre der Bibel den Gläubigen auch über viele Jahrhunderte hinweg verboten. Uns Menschen des beginnenden 21. Jahrhunderts steht darüber hinaus ein Schrifttum zur Verfügung, das neues Licht auf das frühe Christentum wirft.

Selbst katholische Theologen wie Rupert Lay 8 oder Herbert Haag 9 stellen fest, dass der Nazarener weder eine hierarchische Kirche noch Priester als sogenannte Heilsvermittler zwischen Gott und den Menschen einsetzte. Die frühen urchristlichen Gemeinden waren, wie wir heute sagen würden, "basisdemokratisch" organisiert. Den Ton gaben, wie in den Paulusbriefen nachzulesen ist, Menschen mit natürlicher Autorität an: "Propheten", "Heiler" und "Lehrer", die über bestimmte "Geistesgaben" verfügten. Frauen waren in allen Belangen gleichberechtigt. 10 Geld und Macht spielten keine Rolle, denn man teilte den Besitz und half mit dem Überschuss der gemeinsamen Arbeit den Armen. Soldaten und auch Jäger konnten nicht Mitglieder der Gemeinden werden, denn die ersten Christen achteten die Zehn Gebote, wozu auch gehört: Du sollst nicht töten. Viele von ihnen waren nachweislich Vegetarier, so etwa Jakobus, der Bruder des Jesus, der nach dessen Tod die Urgemeinde in Jerusalem leitete, aber auch die Ebioniten und Nazoräer, zwei wichtige Strömungen innerhalb des frühen Christentums. 11 Zu den Glaubensüberzeugungen, die in der Lehre des führenden frühchristlichen Theologen Origenes (185-253) eine Hauptrolle spielten, gehören die Existenz der Seele vor der Zeugung des Menschen, die Wiederherstellung aller Dinge in ihrer ursprünglichen Vollkommenheit (also das Gegenteil der ewigen Verdammnis) sowie die Wiederverkörperung der Seele.
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In der Kirche werden heidnische Bräuche und Rituale gepflegt

Das Urchristentum in Reinform gab es allerdings auch damals nicht. Von Anfang an gab es Richtungskämpfe und Meinungsunterschiede. Paulus etwa (der Jesus nicht persönlich kennen gelernt hatte) war der Auffassung, die Frau solle in der Gemeinde schweigen, man solle der Obrigkeit untertan sein und man könne ohne Gewissensbisse alles verzehren, "was auf dem Fleischmarkt angeboten wird" (1 Kor 10, 25). Die zeitweilig harte Verfolgung durch die römische Staatsmacht führte dazu, dass Kompromisse gemacht wurden. Um möglichst viele Heiden zum Eintritt in die neue Religion zu bewegen, kam man den Glaubensanschauungen der Menschen entgegen, indem man z.B. Jesus einfach mit Gott gleichsetzte oder indem man Zeremonien und Rituale aus antiken Mysterienkulten übernahm.

Unter den vielen Projektionen eigener Fehler, die die Kirche den "Sekten" anzuhängen pflegt (wir werden noch darauf zu sprechen kommen), gehört der Vorwurf des "Synkretismus" (der Religionsvermischung) zu den dreistesten. Denn kaum eine Religion hat so viele Elemente anderer Glaubensrichtungen vereinnahmt und schamlos eingebaut wie die im Laufe der ersten nachchristlichen Jahrhunderte entstehende sogenannte christliche Kirche. Priester, Messgewänder, Altar, Weihwasser, Ministranten, Weihrauch, Wandlungsgebete, Heiligen- und Muttergottesverehrung samt spezieller Feiertage, Wallfahrten ..., all dies sind keine Elemente einer frühchristlichen Frömmigkeit, sondern sie stammen allesamt aus den damals populären Mysterienkulten. 13 Ist es da übertrieben, festzustellen, dass die katholische Religion letztlich eine heidnische Mysterienreligion ist – mit christlichem Mäntelchen? Der französische Theologe Alfred Loisy (1857-1940), der als einer der ersten diesen umfangreichen Transfer von Ritualen und Gebräuchen aus dem Heidentum ins Scheinchristentum herausarbeitete und der 1908 von seiner Kirche exkommuniziert wurde, traf den Nagel auf den Kopf, als er sagte: "Jesus verkündete das Reich Gottes, und gekommen ist die Kirche." Der Umschwung von einer Religion des Inneren zu einer äußeren Zeremonienreligion vollzog sich im Wesentlichen während des zweiten und dritten nachchristlichen Jahrhunderts. Aus einem gemeinsamen Gastmahl (der "agape") wurde eine rituelle Messfeier. Aus der feierlichen Aufnahme in die Gemeinschaft der Gläubigen wurde die Wassertaufe von Säuglingen. Aus einem ehrlichen Schuldbekenntnis vor der Gemeinschaft wurde die von Priestern vollzogene Ohrenbeichte. Gleichzeitig baute sich ein Machtgefüge auf: Die äußeren Organisatoren der Gemeinde, die Verwalter der Kasse und der Vorräte – Priester und Bischöfe (von griech. episkopus, der Aufseher) genannt – setzten sich an die Spitze. Es bildete sich eine Hierarchie heraus, die nicht nur Macht ausübte, sondern sich für ihre Funktion auch bezahlen ließ. Im dritten Jahrhundert verblieb ein Viertel der Einkünfte einer Diözese beim Bischof, ein Viertel erhielten die Priester, ein Viertel diente zum Erhalt und Neubau der Kirchengebäude -  und ein Viertel verblieb den Armen. "Der Bischof bekam also allein so viel wie sein ganzer Klerus oder seine sämtlichen Armen zusammen", schreibt Karlheinz Deschner. 14 Und Horst Herrmann kommentiert: "Dieses Prinzip hat sich in der Geschichte wacker bewährt: 75 Prozent für Kircheneigenes, 25 Prozent für andere. Noch heute ist es nicht überwunden." 15 Im Gegenteil, die Gewichte haben sich weiter verschoben: Nur etwa 8 % der Kirchensteuereinnahmen beider Großkirchen fließen heute öffentlich-sozialen Zwecken zu.

Die ersten "Ketzerbewegungen"

Über die Bischöfe, die "Episkopoi", schreibt Herrmann: "Die Zeit arbeitete von Anfang an für die Bischöfe, für die Aufseher über das Geld aller – und später auch für die Aufpasser über die wahren Worte." 16 Das aber stieß auch damals schon auf Widerstand. Immer wieder regte sich in religiös suchenden Menschen die Sehnsucht nach den ethischen und moralischen Werten, die Jesus von Nazareth in Seiner Bergpredigt den Menschen nahegebracht hatte. So etwa in dem griechischen Reeder Markion, eine "selbstlose, ethisch hochachtbare" 17 Persönlichkeit, der ca. 140 n. Chr. die römische Christengemeinde davor warnte, den "neuen Wein in alte Schläuche" zu gießen, d.h. das Evangelium Christi in die Strukturen eines veräußerlichten Priestertums zu zwängen. "Weder vermengte er das Evangelium mit heidnischer Mysterienweisheit, wie die Großkirchen, noch ersann er, wie zeitgenössische Gnostiker, spitzfindige Spekulationen. Er erinnerte mit Leidenschaft wieder an die Liebe als Mittelpunkt der evangelischen Botschaft. Er sah in den Seligpreisungen der Armen und Geschmähten das Eigentümliche der christlichen Verkündigung, in der Bergpredigt den Inbegriff der Lehre Jesu. Die Feindesliebe war geradezu das Charakteristische des markionitischen Christentums." 18 Markion wurde aus der Gemeinde ausgeschlossen und gründete eine eigene christliche Reformbewegung. Er lehnte das Alte Testament wegen der darin enthaltenen Vorstellung eines "strafenden Gottes" und wegen der zahlreichen  Textfälschungen ab und erarbeitete den ersten Kanon eines Neuen Testaments. Er wurde dadurch "zum Begründer der neutestamentlichen Textkritik, die sich, dank der kirchlichen Scheiterhaufen, voll erst im 19. und 20. Jahrhundert entfalten konnte". 19 Markions Bewegung verbreitete sich über den ganzen Orient und wurde möglicherweise in Gestalt der "Paulikianer" fast ein Jahrtausend später zum Ausgangspunkt der Bogumilen- und Katharerbewegung.

Ein weiterer Zeuge der Inneren Religion ist Montanus: Im zweiten Jahrhundert wollte er die bereits weitgehend versiegte Quelle der urchristlichen prophetischen Geistesgabe wieder zum Leben erwecken. Montanus und die Anhänger eines freien Geistes, "der weht, wo er will", wurden als "Teufelspack" aus der Kirche ausgeschlossen. Der von der Kirche heilig gesprochene Bischof Cyprian (auch ein furchtbarer Antisemit) hetzte gegen Markion, Montanus und alle "Ketzer": Ein gläubiger Kirchenchrist dürfe mit diesen "ruchlosen Anhängern der häretischen Verkommenheit" keinerlei Umgang pflegen, "nicht einmal Brot essen und Wasser trinken". Der "Heilige" stellte regelrechte "Ketzerlisten" auf 20 – freilich nicht die letzten in der Geschichte der Kirchen. Der Hass, mit dem solche Ketzerbewegungen verfolgt wurden, kannte schon damals keine Grenzen: Die Markioniten etwa, "vom Fischgenuss abgesehen strenge Vegetarier" 21, wurden vom "heiligen" Justin sogar beschuldigt, Menschenfleisch zu verzehren.

Die Kirche, selbst noch teilweise unter der Verfolgung des römischen Staates stehend,  entwickelte bereits ein umfangreiches Repertoire für den Rufmord, schmähte Abweichler mit allem, was die damalige Sprache an Schimpfwörtern zu bieten hatte. Um wie viel schlimmer musste es diesen Abtrünnigen ergehen, wenn die Kirche sich erst mit dem Staat verbündete.

Konstantin und die "neue Herrenschicht" – der Klerus

Eben dies trat im vierten Jahrhundert ein. Konstantin, zunächst einer von vier gleichberechtigten Herrschern im römischen Reich, erkannte als skrupelloser Machtpolitiker den Vorteil, der für ihn in einem Bündnis mit der zu diesem Zeitpunkt bereits hervorragend durchorganisierten kirchlichen Hierarchie lag: Er konnte sich im Kampf gegen seine drei Mitkaiser der weitverzweigten Verbindungen dieser relativ jungen Religion bedienen – für Intrigen aller Art, aber auch für die "Öffentlichkeitsarbeit", sprich: Stimmungsmache gegen seine Gegner. Und er etablierte an seiner Seite eine "neue Herrenschicht, den christlichen Klerus" 22, der hervorragend dazu geeignet war, seine Gewaltherrschaft religiös zu verbrämen und so in den Augen der Untertanen zu legitimieren.

Der Klerus ergriff diese Chance ohne jegliches Zögern und vollzog begeistert die "konstantinische Wende". Als "Morgengabe" an den neuen Kaiser, der sich in heimtückischen Bürgerkriegen seiner drei Rivalen entledigte, vollführte die Kirche bezüglich ihrer Einstellung zum Militärdienst eine rasante Kehrtwendung: "313 gewährte Konstantin den Christen volle Religionsfreiheit, 314 beschloss die Synode von Arelate die Exkommunikation fahnenflüchtiger Soldaten. Wer die Waffen wegwarf, wurde ausgeschlossen; vordem wurde ausgeschlossen, wer sie nicht wegwarf." 23 Konstantin bedankte sich, indem er die neuen Herren reich machte, sie mit Steuerprivilegien und Schenkungen überhäufte. Das Christentum, ursprünglich eine geistig revolutionäre Botschaft der Gleichberechtigung aller Menschen als Kinder Gottes, wurde so zu einer Staatsreligion, zu einem Feigenblatt für eine ausbeuterische Gewaltherrschaft.

Damit sie ihre privilegierte Stellung nicht mit anderen Glaubensrichtungen teilen mussten, begannen die Kleriker sehr bald, alle Andersgläubigen beim Kaiser anzuschwärzen. Dass dieser Kaiser auch vor Verwandtenmord nicht zurückschreckte 24, dass er selbst Zeit seines Lebens ein Heide blieb und sich erst 337 auf dem Sterbebett taufen ließ – und das auch noch von einem arianischen "Ketzer" – störte den Klerus nicht. Konstantin wurde später sogar heiliggesprochen – denn für die Kirche zählt nicht, wie jemand lebt, sondern, was er für die Kirche tut. Zum Beispiel, dass er ihr die "Häretiker" vom Leibe hält. Im Jahr 324 hatte Konstantin zwar noch verkündet: "Wie sein Herz es will, so soll es jeder halten." Doch im Jahr 331 verbot er die Zusammenkünfte und Gottesdienste der Novatianer, Markioniten, Montanisten und anderer urchristlicher Bewegungen, "konfiszierte ihre Grundstücke und ließ sogar ihre Versammlungshäuser zerstören". 25 In seinen letzten Regierungsjahren ging er auch gegen das Heidentum vor, ließ Tempel niederreißen und beschlagnahmte  Tempelländereien. Auch wenn diese Maßnahmen gegen christliche Außenseiter und Heiden noch nicht überall im Reich und zu jedem Zeitpunkt umgesetzt wurden – ein Anfang war gemacht.

Verfolgung mit Hilfe des Alten Testaments

Wenige Jahre nach Konstantins Tod (337) sorgte der Kirchenvater Firmicus Maternus dafür, dass es mit den Verfolgungen Andersgläubiger weiterging. Er richtete an Konstantins Söhne und Nachfolger "eine einzige Hasstirade gegen das Heidentum: ‚Von Grund aus müssen solche Dinge, allerheiligster Kaiser, ausgemerzt und vernichtet werden und sollen durch schärfste Gesetze und Erlasse eurerseits geändert werden, damit nicht länger dieser  verhängnisvolle irrige Wahn den römischen Erdkreis beflecke, damit nicht diese ruchlosen, verpesteten Gebräuche erstarken, damit nicht länger, was immer einen Mann Gottes zu verderben sucht, auf der Erde herrsche’". 26 Man halte sich dabei vor Augen, dass diese "ruchlosen, verpesteten Gebräuche" zu diesem Zeitpunkt längst en gros und en detail in die kirchliche Liturgie Eingang gefunden hatten. "Als man noch machtlos war, hatte man  Religionsfreiheit und Feindesliebe gefordert. Jetzt ... reizt der Kirchenvater die Kaiser zur Plünderung der Tempel auf und verlangt mit Berufung auf den Gott des Alten Testaments, die alte Religion ‚in jeder Weise’ zu verfolgen." 27 Im Alten Testament, im angeblichen Gotteswort, das in Wirklichkeit durch die Priesterkaste verfälscht wurde, fand man die Rechtfertigung, "die Altäre der Heiden umzuwerfen, ihre Säulen zu zerbrechen, ihre geschnitzten Bilder zu verbrennen und sie selbst zu erschlagen ‚bis auf den letzten Mann’". 28 Bischof Optatus von Milewe beispielsweise nahm kein Blatt vor den Mund, wenn es galt, die Bekämpfung der "Ketzer" nötigenfalls auch durch das Militär zu rechtfertigen: "’Warum’, fragt der Heilige, ’sollte es verboten sein, Gott [!] durch den Tod der Schuldigen zu rächen? Will man Beweise? Das Alte Testament wimmelt davon.’" 29

Die ersten Opfer: meist die Juden

Die Berufung auf das Alte Testament hinderte die Kirche jedoch nicht daran, diejenigen besonders intensiv zu verfolgen, denen sie die Bibel verdankten: die Juden. Kaiser Konstantin hatte das Judentum zu Beginn seiner Regierungszeit noch als erlaubte Religion anerkannt, doch nach dem Konzil von Nizäa (325) übernahm er die hasserfüllte Propaganda der Kirchenväter gegen die Juden, nannte sie ein "verhasstes Volk" und unterstellte ihnen "angeborenen Wahnsinn". "Das Betreten Jerusalems, das er und seine Mutter mit Kirchen füllten, gestattete er Juden bloß an einem Tag im Jahr." 30 Er erneuerte ein Gesetz Trajans, wonach die Bekehrung eines Heiden zum Judentum mit dem Feuertod bestraft werden sollte.

Wer Ketzer verfolgte, verfolgte auch Juden – dies ist eine Konstante der Kirchengeschichte. Um den Umfang des Buches nicht zu sprengen – denn Judenverfolgungen gab es fast zu allen Zeiten –, wird darauf in der Folge nur sporadisch Bezug genommen.
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Die Religionsgesetze des Theodosius

Ihre volle Durchschlagskraft erreichte die kirchlich inszenierte Ketzerverfolgung durch den römischen Staat unter dem zunächst oströmischen, dann gesamtrömischen Kaiser Theodosius (Regierungszeit 379-395). "Theodosius erließ am 27. Februar 380 das berühmt-berüchtigte Religionsedikt von Thessalonich, das der heidnischen Toleranz den Todesstoß versetzte, indem es unter Androhung himmlischer und irdischer Strafen die Annahme des katholischen Glaubens für jeden römischen Bürger obligatorisch machte." 32 In diesem Edikt stand geschrieben: "Wir befehlen, dass diejenigen, welche dies Gesetz befolgen, den Namen ‚katholische Christen’ annehmen sollen; die übrigen dagegen, welche wir für toll und wahnsinnig erklären, haben die Schande zu tragen, Ketzer zu heißen." 33 Damit war der Katholizismus alleinige Staatsreligion. Doch dies war erst der Anfang. Der Historiker Grigulevic schreibt dazu: "Die christliche Kirche, die jetzt eine Bundesgenossin der kaiserlichen Macht geworden war, stützte sich auf deren Hilfe bei der Unterdrückung ihrer Rivalen, der heidnischen Kulte, und ihrer inneren Opposition, der zahlreichen häretischen Strömungen. Auf ihre Veranlassung verbot der römische Kaiser Theodosius ... die übrigen Religionen und konfiszierte den Landbesitz der heidnischen Tempel zugunsten der christlichen Kirche. Diese nannte ihn dafür dankbar den ‚Großen’. In den achtziger Jahren und zu Anfang der neunziger Jahre erließ Theodosius eine Reihe von Edikten über die Verfolgung der Heiden und Häretiker (Manichäer), in denen gegen sie der Verlust der staatsbürgerlichen Rechte, die Konfiskation der Güter und schließlich die Todesstrafe (Strafe für Majestätsverbrechen, 392) bzw. die Verbannung ausgesprochen wurden. Die Präfekten wurden verpflichtet, Inquisitoren (Untersuchungsrichter) sowie Denunzianten (Geheimagenten) zum Aufspüren verborgener Manichäer und anderer ‚Majestätsverbrecher’ zu ernennen." Grigulevic fährt fort: "Dieses Gesetz gegen die Manichäer ist eine Art Vorbild für die künftige Inquisition: Zum ersten Mal in der Geschichte des Imperiums wurden die Anhänger eines religiösen Kults in den Rang von Staatsverbrechern erhoben und es wurde ein spezieller geheimer Untersuchungsapparat mit uneingeschränkten Vollmachten zu ihrer Auffindung und Bestrafung geschaffen. In der Folge- zeit, als die Inquisition selbst bestand, beriefen sich alle kirchlichen Apologeten zu deren Rechtfertigung gerade auf dieses Gesetz." 34

Auch dies hat Methode: Die Kirche beeinflusst die Mächtigen in ihrem Sinne – und beruft sich dann später wiederum auf sie. In der heutigen Zeit wird ein ähnliches Spiel, wie wir noch sehen werden, mit den Massenmedien betrieben.
Theodosius und seine Nachfolger erließen zwischen 380 und 438 ungefähr achtzig Gesetze gegen "Ketzerei". Den Ketzern wurde jegliche Versammlung, jeglicher Gottesdienst, auch in Privathäusern, verboten. "Man untersagte den Nichtkatholiken ... jede Art von Lehrtätigkeit, die Ordination von Geistlichen und befahl die Vernichtung ihres Schrifttums. Man bedrohte sie mit Ausweisung, Verbannung und Konfiskation ihres Vermögens. Man sprach ihnen das Recht ab, sich Christen zu nennen, Testamente zu machen oder auf Grund von Testamenten zu erben; zuweilen erklärte man sie sogar für unfähig, irgendwelche rechtsgültigen Akte zu vollziehen." 35

All dies ist nicht bloße Geschichte. Wir werden in der jüngsten Vergangenheit wieder auf Versuche stoßen, religiösen Minderheiten das Christsein abzusprechen, ihnen Versammlungen unmöglich zu machen, sie zu enterben, ihnen Sorgerechte und Ähnliches abzuerkennen.

Auffallend ist die seelische Grausamkeit, die Freude am psychologischen Detail, mit der diese Gesetze verfasst wurden. Im vierten Gesetz steht z.B. zu lesen: "Wir hätten sogar befohlen, sie in die Ferne zu stoßen und weiter weg zu verbannen, wäre es nicht offensichtlich eine größere Strafe, unter den Menschen zu leben, aber ihre Unterstützung zu entbehren. Sie sollen also als Ausgestoßene in ihrer Umgebung wohnen bleiben. Die  Möglichkeit, in ihren früheren Status zurückzukehren, ist ihnen verwehrt. Für sie gibt es keine Buße; sie sind keine ‚Gefallenen’, sondern ‚Verlorene’." Hochgestellte Ketzer hätten einen "unsagbar verworfenen Charakter", so das letzte der Gesetze, sie seien daher "ständiger Ächtung (infamia) auszusetzen und nicht einmal zur niedrigsten Klasse zu zählen. Die  gesellschaftliche Existenz dieser Menschen ist damit vernichtet." 36

Es gab damals zwar noch keine Massenmedien – doch die Möglichkeit, den Andersgläubigen nicht durch Mord, sondern (eleganter) durch Rufmord zu vernichten, wurde hier bereits klar artikuliert. Das schafft keine Märtyrer – und macht der Häresie doch auf sehr nachhaltige Weise den Garaus.
Wer hat sich so etwas ausgedacht? Dreimal dürfen wir raten. "Die kaiserliche Kanzlei gebraucht bei ihrer antihäretischen Gesetzgebung regelmäßig das von den katholischen Bischöfen des Westens entwickelte Anti-‚Ketzer’-Vokabular. Es beeinflusste ‚nicht nur die Abfassung, sondern auch den Inhalt der Texte’ ... Denn hinter Theodosius stand natürlich die katholische Kirche – ‚Die göttliche Vorsehung half dabei nach’ ..." 37

Die Ketzerjäger späterer Jahrhunderte (darunter übrigens auch Luther) beriefen sich nicht von ungefähr auf Theodosius und seine Nachfolger. Mit Hilfe von Konstantin und Theodosius gelang der Institution Kirche innerhalb eines knappen Jahrhunderts ein beispielloser Aufstieg: Von einer zeitweise noch verfolgten Minderheit nicht nur zur alleinigen Staatsreligion, sondern in der Folge sogar zur einzig noch erlaubten und öffentlich praktizierten Religion überhaupt. Ein "Idealzustand", der aus katholischer Sicht sicher noch Jahrhunderte lang so hätte bleiben können. Erst der Zusammenbruch des römischen Reiches und die Aufspaltung in Ost- und Westrom machten neue strategische Manöver der römischen Kurie notwendig, um dann im Spätmittelalter eine ähnliche (oder gar noch größere) Macht wieder zu erringen.

Die Ketzer – und ihre Jäger

Man muss berücksichtigen, dass zur Zeit des Theodosius die Kirche noch keineswegs unangefochten den religiösen Ton angeben konnte. Neben Heiden und Juden gab es ausgesprochen vitale christliche Richtungen.

– Da waren, um nur die wichtigsten zu nennen, die in den Edikten des Theodosius erwähnten Manichäer, die der Perser Mani (216-276) ein inneres Christentum gelehrt hatte. Es ging ihm um die Befreiung des inneren Menschen durch die Kraft Christi, den "Kern des inneren Lichtes", der den Menschen hilft, das Böse in der Welt durch das Gute zu überwinden.  – Da waren die Arianer, die man nach dem Priester Arius aus Alexandria benannte, einem Anhänger der Lehre des Origenes, der sich bis zu seinem Tod gegen die dogmatischen Verfälschungen der ursprünglich christlichen Lehre durch die entstehende Amtskirche gewehrt hatte. – Da waren schließlich die Donatisten in Nordafrika, die die Säuglingstaufe und die vielfach sichtbare ethische Dekadenz des katholischen Klerus ablehnten. Sie verbündeten sich  teilweise mit den Circumcellionen gegen die feudal-katholische Schicht der Großgrundbesitzer. Bischof Cäcilian von Karthago hatte schon zu Beginn des vierten Jahrhunderts Kaiser Konstantin zur Bekämpfung der Donatisten um Hilfe gebeten, woraufhin dieser Truppen schickte – "die erste, im Namen der Kirche durch den Staat geführte Christenverfolgung". 38

Auf der anderen Seite sehen wir innerhalb der Kirche zahlreiche raffinierte und rhetorisch hochbegabte Vordenker, die sich ganz in den Dienst des Kampfes gegen die Häretiker stellten:

– So etwa der "heilige" Kirchenlehrer Hieronymus (ca. 347-420), der z.B. dazu aufrief, "Vigilantius, einen Priester aus Aquitanien, zu töten, dem er vorwarf, dass er die Reliquienverehrung der Heiligen und Märtyrer ablehne. Hieronymus suchte zu beweisen, dass eine solche Bezeugung des Eifers für die Verteidigung der ‚göttlichen Sache’ keine Grausamkeit sei, denn die Bestrafung des Sünders sei die beste Form der Frömmigkeit; sie führe durch den Tod des Leibes zur Rettung der unsterblichen Seele". 39 – Oder der "heilige" Kirchenlehrer Augustinus (354-430), der als zwanzigjähriger Nordafrikaner zum Manichäer geworden war, doch offenbar dort aufgrund seines Charakters keine Einweihung in höhere Stufen erlangen konnte. Augustinus versuchte zunächst "mit den Mitteln der Propaganda – auf dem Wege theologischer Polemik" 40 die verschiedenen Häresien zu bekämpfen, verfasste dazu auch ein eigenes "Sektenbuch" – De haeresibus -, in dem er 88 Häresien "darstellte". (Auch heute noch verfasst jeder "Sektenjäger", der etwas auf sich hält, ein eigenes Sektenbuch.) Als dies alles erfolglos blieb, empfahl er, gegen sie mit "gemäßigter Strenge" vorzugehen – also mit Repressionen und Schikanen, doch ohne körperliche Gewalt. Schließlich jedoch riet er zu einer Bekämpfung mit allen Mitteln,  einschließlich Folter und Todesstrafe. "Nach Augustinus, der sich den ‚Ruhm’ des ersten Theologen der Inquisition verdiente, ist die Bestrafung der Häresie kein Übel, sondern ein ‚Akt der Liebe’." 41 Die Folter sei, vergleicht man sie mit der ewigen Hölle, geradezu eine "Kur" für den Ketzer, "wenn er sich bessert". Und die Todesstrafe? "Sie (die Häretiker) töten die Seelen der Menschen, während die Obrigkeit nur ihre Leiber der Folterung unterwirft; sie rufen ewigen Tod hervor, aber beklagen sich dann, wenn die Behörden sie dem zeitlichen Tod überantworten." Die Behörden ... als ob sie dies aus eigener Entscheidung täten, unbeeinflusst von der Kirche!
– Schließlich der ebenso "heilige" Kirchenlehrer Ambrosius (ca. 339-397): Er betätigte sich erfolgreich als "geistlicher Chefsouffleur dreier Kaiser". 42 Zunächst beeinflusste er den erst 16-jährigen weströmischen Kaiser Gratian (375-383), der zunächst fast allen Religionsgemeinschaften Duldung versprochen hatte. Doch kaum war der junge Kaiser 379 einer Einladung des Bischofs Ambrosius an dessen Amtssitz gefolgt, annullierte er das ein Jahr zuvor erlassene Toleranzedikt. Er verbot nunmehr jeglichen Gottesdienst außer dem katholischen, denn: "Alle Häresien" sollten "in Ewigkeit verstummen". 43 Im Jahr nach der Ermordung des Gratian (383) wiederholte sich dasselbe Spiel mit dem erst 13-jährigen Nachfolger Valentinian II. Der berühmte Literat Aurelius Symmachus rührte den jungen Kaiser, als er ihn um die Genehmigung zur Wiederaufstellung eines heidnischen Altars bat: "Wir schauen zu denselben Sternen auf, ein Himmel wölbt sich über uns, eine Welt umschließt uns. Was macht es aus, dass jeder mit anderer Einsicht nach der Wahrheit sucht?" Sogar die Christen im Kronrat stimmten für dieses Anliegen. Doch der Kirchenmann Ambrosius reagierte sofort und "erklärte die zustimmenden Heiden für inkompetent, die jasagenden Christen für schlechte Christen. ... Er drohte dem jungen Regenten schroff mit der Verstoßung ins Jenseits. ... Er kündigte ihm unverhohlen die Exkommunikation an. Bei einer ungünstigen Entscheidung sei für ihn kein Platz mehr in der Kirche. Erstmals drohte damit ein Bischof einem Kaiser mit Ausschluss. Ja, Ambrosius behauptete, die Wiederherstellung des Altars wäre ein Religionsverbrechen und käme einer Christenverfolgung gleich!" 44 Kaiser Valentinian ließ sich einschüchtern, gab nach und geriet in der Folgezeit immer mehr unter den Einfluss des ebenfalls von Ambrosius beeinflussten oströmischen Kaisers Theodosius. Ambrosius seinerseits richtete seinen ganzen Eifer auf die Vernichtung des Arianismus, der vor allem unter den Germanen stark verbreitet war. Als die Mutter des Kaisers Valentinian eine einzige Kirche in seiner Bischofsstadt Mailand für die Arianer beanspruchte, lehnte Ambrosius ab: Wie könne er einen Tempel Gottes dem arianischen Bischof Mercurinus ausliefern, einem "Wolf im Schafspelz", der "blutgierig und maßlos suche, wen er verschlingen könne". Ein mit solchen Tönen von Ambrosius aufgehetzter katholischer Mob prügelte sich schließlich die Kirche frei und besetzte sie – worauf der "Heilige" beteuerte, nicht er habe die Menge aufgeputscht. (Man merke sich, auch für die Gegenwart: Kirchenvertreter sind grundsätzlich nie für die praktischen Folgen ihrer Hetzreden verantwortlich.) Ambrosius weigerte sich jedoch, friedensstiftend einzugreifen. Und der junge Kaiser konnte sich nicht durchsetzen, zumal Ambrosius allen Soldaten, die gegen die Kirche vorgehen würden, die Exkommunikation androhte. 45 Hier erlebt zum ersten Mal eine schwache Staatsmacht, wozu die Machtkirche fähig ist. In einem Brief an den jungen Kaiser stellte Ambrosius die Sicht der Kirche klar: "Der Kaiser war nicht nur in seiner Person Christ, sondern hatte auch kraft seines Amtes die Verpflichtung, die Kirche zu schützen. Natürlich war er dann auch an Gottes Gebote gebunden – und die legte ihm das kirchliche Lehramt aus. ... Bei Ambrosius regte sich der Wille zur weltumspannenden Herrschaft der Kirche."
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Der erste Inquisitionsmord: Priscillian

In die Zeit des Theodosius, Ambrosius und Augustinus fiel auch der erste Mord an einem "Häretiker": Der Spanier Priscillian, 381 zum Bischof von Avila geweiht, wurde mit sechs seiner Anhänger 385 in Trier zum Tode verurteilt und hingerichtet. Sein "Vergehen": Er strebte ein ethisch hochstehendes Christentum an, war Vegetarier und schätzte die Prophetie. Priscillian wurde es zum Verhängnis, dass sein spanischer Landsmann Maximus 383 Kaiser Gratian ermorden und sich in Trier, der damaligen Hauptstadt des weströmischen Reiches, zum Kaiser ausrufen ließ. Dies geschah zu dem Zeitpunkt, als der Streit um den bereits aus Àvila vertriebenen, kurz darauf wieder eingesetzten Priscillian am Hof in Trier verhandelt werden sollte. Gratian stand zwar unter dem Einfluss des Ambrosius, hatte sich aber in dieser Sache noch keineswegs entschieden. Maximus hingegen wollte sich als Thronräuber eine Hausmacht aufbauen und beim gallischen und spanischen Klerus Eindruck verschaffen. Hinzu kam, dass der Todfeind des Priscillian, Bischof Ithacius von Ossonoba (heute: Faro, Portugal), sich bereits in Trier aufhielt und es ihm gelang, bei Maximus "eine Audienz zu bekommen und ihn vor Priscillian und seiner Sekte zu warnen." 47 Maximus ließ die sieben "Ketzer" sofort nach ihrem Eintreffen in der Stadt foltern – und sie "gestanden", Unzucht und magische Künste ausgeübt zu haben. Wenig später wurden sie geköpft.

Die Rechnung des Usurpators Maximus ging zwar nicht auf. Denn Ambrosius, der zuvor allerdings den Unterstützung suchenden Priscillian abgewiesen hatte, missbilligte nun das Verfahren, und der Papst forderte die Prozessakten an. Vielleicht ahnte man auf katholischer Seite, wie so häufig in der Geschichte, schon den nächsten Umschwung: Der oströmische Kaiser Theodosius duldete keinen Rivalen (außer schwachen Kinderkaisern) und besiegte (und beseitigte anschließend) den Maximus im Jahr 388. Doch ein Anfang war gesetzt: Was Augustinus und Hieronymus bereits gerechtfertigt hatten – die Verfolgung Andersgläubiger auch durch Folter und Todesstrafe – war erstmalig praktiziert worden. Und in Rom war man, bei allem gespielten Stirnrunzeln "doch eigentlich froh, die lästigen moralischen Mahner von jenseits der Pyrenäen losgeworden zu sein. Papst Leo der Große sagte es im Jahre 447 ... ganz offen: ‚Zu Recht haben unsere Vorgänger ... darauf gedrängt, dass die gottlose Raserei von der Gesamtheit der Kirche abgewehrt werde.’" 48 Ob und wie rasch man solche Ketzer loswurde, hing freilich noch vom Ermessen und der Beeinflussbarkeit der jeweiligen Herrscher ab. Es "bestanden zwar Ketzergesetze, aber ihre Durchführung war der weltlichen Verwaltung anvertraut. Kirchliche Einflussnahme auf die Verwaltung musste durchaus nicht immer erfolgreich sein", so der Historiker Bernd Rill. Und er fährt fort: "Die Kirche musste das öffentliche Leben noch weitaus nachhaltiger in die Hand bekommen als in der Spätantike, um eine wirkungsvolle Ketzerverfolgung in eigener Regie durchführen zu können." 49 Das allerdings dauerte noch ein paar Jahrhunderte.

"Verabscheut die Ketzer!" – Papst Leo "der Große"

Doch die Kirche ist es gewohnt, in großen Zeiträumen zu denken und entsprechend zu handeln. Im fünften Jahrhundert sorgte Papst Leo I. (Amtszeit 440-461) zunächst einmal dafür, dass das unter dem Ansturm der Germanen allmählich zusammenbrechende weströmische Reich so lange wie möglich ketzerfrei blieb. "Der Große" – das ist nach Karlheinz Deschner fast immer ein "historischer Steckbrief"; es verbirgt sich meist nichts Gutes dahinter. Auch Leo hielt sich an die Grundregel: Zuerst die eigenen Leute gegen die Häretiker aufhetzen, dann den Staat gegen sie einspannen. Oder beides zugleich. Leo verbot den Katholiken "jeden Umgang" mit Nichtkatholiken. "Er fordert zu ihrer Verachtung, zu der ihrer Lehren ausdrücklich auf. Er befiehlt, sie zu fliehn ‚wie todbringendes Gift! Verabscheut sie, weicht ihnen aus und vermeidet es, mit ihnen zu sprechen’. ‚Keine Gemeinschaft mit denen, die Feinde des katholischen Glaubens und nur dem Namen nach Christen sind!’." 50 Der nächste Schritt: Die so aufgehetzten Gläubigen sollen die Andersgläubigen bei ihren Priestern denunzieren! "’Entfaltet also den heiligen Eifer, den die Sorge für die Religion von euch verlangt!’, rief er und ... gebot, ‚dass ihr die Manichäer, die sich überall versteckt halten, bei euren Priestern zur Anzeige bringt’; verlangte ‚die Schlupfwinkel der Gottlosen aufzudecken und in ihnen ... den Teufel niederzukämpfen’." "Denunzieren, Schnüffeln, Angeben", fürwahr ein "Geschäft, das dann in der mittelalterlichen Kirche, beim Vernichten der Andersgläubigen, von ‚Hexen’, so segenstiftend blühen sollte". 51

Doch das war noch nicht alles. Immer wieder fordert Leo die Herrscher seiner Zeit auf, "für den Glauben zu handeln" (pro fide agere). "Er wünschte die Vertreibung Andersgläubiger aus Amt und Würden, wünschte insbesondere ihre Verbannung, rechtfertigte aber auch leidenschaftlich die Todesstrafe für sie, verlangte, ihnen unmöglich zu machen, ‚mit einem solchen Bekenntnis weiterzuleben’." 52 Wer die Ketzer am Leben lasse, befördere das schnelle Ende der menschlichen und göttlichen Ordnung. Der Kaiser als "verlängerter Arm Gottes" solle daher die Ketzer sowohl mit "dem Schwert der Zunge" als nötigenfalls auch mit dem "blanken Schwert" verfolgen – was den katholischen Theologen Stockmeier noch 1959 zu dem Kommentar veranlasste: "Der Staat wird aufgerufen, mit allen Mitteln und Möglichkeiten an der Vollendung des Idealzustandes [!] mitzuarbeiten." 53 Auf dem Weg zu diesem katholischen "Idealzustand" durfte man nichts dem Zufall überlassen. So wurde denn auch ein kaiserlicher Erlass zur Verfolgung der Manichäer (445) im päpstlichen Sekretariat aufgesetzt. 54 Vor allem aber gelang es Leo, die Lausch- und Hetzarbeit seines Klerus eng mit der staatlichen Gerichtsbarkeit zu verzahnen. Auch hier war Leo seiner Zeit weit voraus, nahm er doch damit die Inquisitionspraxis des Hochmittelalters vorweg. All dies war jedoch – laut Leo – "wahrer Gottesdienst"; schließlich wurde nicht umsonst in der katholischen Liturgie der damaligen Zeit das Gebet an Gott gerichtet: "Hostes Romani nominis et inimicos catholicae religionis expugna" – "Vernichte die Gegner des römischen Namens und die Feinde des katholischen Glaubens!"
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"Verfolge, was du angebetet!" – Chlodwig

Doch zunächst waren die Feinde auf dem Vormarsch. Die Germanenstämme, in ihrer Mehrzahl arianische Christen, also "Ketzer", eroberten Stück für Stück des westlichen Römerreiches – und legten zugleich eine im Vergleich zu den Katholiken erstaunliche Toleranz an den Tag. Das römische Papsttum war in die Defensive geraten. Um nicht völlig unterzugehen, klammerte sich die römische Kirche an den vergehenden Glanz des römischen Weltreiches und trat sozusagen dessen kulturgeschichtliches Erbe an. Die Kirche übernahm aus dem Römerreich dessen Verwaltungseinheiten (Provinzen, Diözesen) und Gremien (Synoden), Rechtsbegriffe und Ämter – und nicht zuletzt den Titel des obersten heidnischen Priesters, des Pontifex maximus für den Papst. Papa ist übrigens eine Kurzform von pater patrum, "Vater der Väter" – der Titel des obersten Priesters des Mithras-Kultes. 56 Mit römischem Prunk- und Machtgebaren im Rücken suchte die Romkirche inmitten einer ketzerischen und zeitweise chaotischen Welt nach neuen Verbündeten – und fand sie. Die Franken, der kriegerischste aller Germanenstämme, waren noch nicht zum Arianertum bekehrt worden. Man sorgte dafür (wahrscheinlich, so Deschner, betätigten sich zwei "Heilige", Avitus und Remigius, als Heiratsvermittler 57), dass der Frankenführer Chlodwig 493 eine katholische Braut, Chlotilde, bekam – und ca. 498 nach Christus ließ er sich in Reims katholisch taufen. Bischof Remigius, so berichtet Gregor von Tours, sprach bei der Taufzeremonie die Worte: "Beuge still deinen Nacken! Bete hinfort an, was du verfolgt, und verfolge, was du bisher angebetet!" 58 Das soll heißen: Fördere die katholische Kirche, bewahre ihren Besitz, und schädige alle anderen Glaubensrichtungen, vor allem aber die arianische, wo du kannst. Und in der Tat: Die Franken unterwarfen in der Folgezeit in heimtückischen Angriffskriegen fast alle anderen germanischen Stämme.

Der Klerus legt sich ins Zeug - Justinian

Einen Teil dieser schmutzigen Arbeit nahm den Franken und der Kurie im 6. Jahrhundert das oströmische (byzantinische) Reich ab. Kaiser Justinian wollte das alte römische Reich unter katholischem Vorzeichen wieder vereinigen, doch den entscheidenden Druck zum Krieg zunächst gegen die Wandalen in Nordafrika, dann gegen die Ostgoten in Italien übten die Priester aus – ganz im Sinne von Papst Gelasius I. (492-496): "Toleranz gegen Ketzer ist verderblicher als die schrecklichsten Verwüstungen der Provinzen durch die Barbaren." 59 Als der Kaiser 531 ob der fraglichen Erfolgsaussichten zunächst zauderte, "legte sich der katholische Klerus ins Zeug, der lebende, der tote, Gott selber, ... hetzten die Priester weithin von den Kanzeln und verbreiteten beredt die wirklichen oder angeblichen Gräuel der ‚Ketzer’". 60 Byzantinische Heere verwüsteten während der darauffolgenden zwanzig Jahre erst Nordafrika, dann Italien, so dass es dort aussah wie in Deutschland nach dem 30-jährigen Krieg. Von den Wandalen und Ostgoten blieb kaum eine Spur übrig – sie waren ausgerottet worden. Zuvor hatte Justinian auf einer Synode der Ostkirche im Jahr 543 noch die arianische Religion seiner Kriegsgegner öffentlich verfluchen lassen, indem er die Lehre des Origenes (der zu diesem Zeitpunkt seit etwa dreihundert Jahren tot war) in neun Bannflüchen verbieten ließ: Die Lehre von der Entstehung der Erde durch den Sturz der Engel aus dem Himmel, die Präexistenz der Seele 61, die Wiederherstellung aller Dinge in ihrer ursprünglichen Vollkommenheit ... Damit wurde auch die bis dahin noch bekannte Lehre von der Wiederverkörperung der Seele verboten – Erbsünde und ewige Verdammnis traten in der Folgezeit an ihre Stelle.

Was bei den Germanenstämmen noch arianisch geblieben war, das beseitigte später im 8. Jahrhundert Winfrid, genannt Bonifatius (685-754), ein von früh auf im Kloster erzogener und dem Papst höriger Mönch. Er zog im Schutze fränkischer Waffen durch die deutschen Lande und bekämpfte unerbittlich den Arianismus sowie das Iroschottentum, ebenfalls eine freiere, nicht romabhängige Form des Christentums. Bonifatius brachte also nicht etwa das Christentum nach Deutschland, sondern im Gegenteil: den Katholizismus.

Taufe oder Tod - Karl der "Große"

Die äußere und innere Verwüstung, die die Ausrottung jedweder "Ketzerei", sei sie donatistisch oder arianisch, in Nordafrika hinterlassen hatte, machte diesen Landstrich wenig später, im 7. Jahrhundert, zu einer leichten Beute der islamischen Wüstenkrieger. Lieber muslimisch als katholisch, hieß für viele die Devise. Der Islam überrollte in seinem Siegeszug zahlreiche vorher katholische Gebiete – von Nordafrika über Ägypten bis Kleinasien. Doch gerade dadurch stieg die Bedeutung Roms, das bis dahin, entgegen späterer Geschichtsfälschung, nur ein kirchliches Patriarchat unter vielen gewesen war.

Und Roms Bedeutung wuchs weiter – weil die Päpste mit untrüglichem Machtinstinkt immer rechtzeitig die Seite wechselten und ihre jeweiligen Verbündeten zu immer neuen Kriegen antrieben: die Langobarden gegen Ostrom, die Franken gegen die Langobarden, später die Staufer gegen die Normannen und umgekehrt. Von Pippin dem Jüngeren, der in einem dynastischen Streit Unterstützung suchte – sein Vater Karl Martell war ein Thronräuber –, ließ sich Papst Stephan II. 754 erhebliche Gebiete in Italien schenken – obwohl diese Pippin gar nicht gehörten. Für diesen "Grundstock" des Kirchenstaates bedankte sich der Papst  umgehend, indem er Pippin sowie seine Söhne Karlmann und Karl (den späteren "Großen") zu Königen der Franken salbte. Als Papst Leo III. Karl zu Weihnachten 800 zum Kaiser krönte, war dies der Beginn des mittelalterlichen Kaisertums im Abendland. Eine durch Thronraub an die Macht gekommene Dynastie fränkischer Hausmeier verschaffte sich auf diese Weise die herrschaftliche Legitimation – und der Papst legte seinerseits den Grundstein für noch  größere Machtentfaltung seiner Nachfolger.

Die Kirche lebte gut damit. Bereits Pippin hatte den Kirchenzehnt als Staatsgesetz eingeführt (und damit einer Kirche in den Sattel geholfen, die sich bis heute ungeniert aus allen möglichen Steuertöpfen bedient und auf diese Weise den Staat förmlich aussaugt). Karl wiederum führte seine Kriege gegen die Sachsen (und nicht nur diese), um die katholische Religion zu verbreiten. Die Blutgesetze gegen die Sachsen geben davon grausames Zeugnis: Todesstrafe, wenn ein Sachse ungetauft bleibt, wenn er die Fastenregeln nicht einhält, wenn er nach alter Väter Sitte einen Verstorbenen verbrennt ... Karl war das Fasten zwar selbst "zuwider; es sei seinem Körper, klagte er, nicht zuträglich". 62 Aber Karl wusste, ebenso wie seine Prälaten: An die Regeln, die er selber aufgestellt hat, braucht ein Feudalherr sich nicht zu halten.
Wenn ausgerechnet Karl "der Große" heute als Vorbild, als Ahnherr Europas, als Urvater der Europäischen Union gefeiert wird, so spricht das für sich. Es zeugt von einem kollektiven historischen Gedächtnisverlust – oder, schlimmer noch, von der völligen Abwesenheit eines historischen Gewissens. Karl führte in fast jedem Jahr seiner Regierungszeit einen blutigen Angriffskrieg. Er ließ 782 in Verden an der Aller 4500 gefangene Sachsen einfach abschlachten; ihre Leichen trieben die Weser hinunter. Und die Kaiserkrönung war in Wahrheit keine Einigung Europas, sondern im Gegenteil dessen Spaltung – denn bis dahin hatte es in Europa nur einen Kaiser, den byzantinischen, gegeben.
Doch Karl wurde heilig gesprochen – warum wohl? Weil die Kirche es ihm dankte, dass er das neue Kaiserreich unter die religiöse Oberaufsicht der Romkirche gestellt hatte.

Die Kirche beansprucht die Oberherrschaft

Das "Heilige Römische Reich Deutscher Nation" war auch sonst ein Staat nach dem Geschmack der Prälaten. Viele Staatsbeamte waren Mönche oder Priester, die Erzieher der Kaiser ohnehin. Bistümer und Klöster erhielten reichlich Grundbesitz und Einnahmen – die Kirche des Mittelalters besaß in fast allen Ländern Europas ein Drittel oder mehr des  Grundbesitzes. (Noch heute sind die Kirchen größte private Grundbesitzer in Deutschland. Dass dieser Besitz zu großen Teilen durch Ausbeutung entrechteter Bauern, durch Erbschleicherei und Urkundenfälschung zustande gekommen ist, interessiert bis heute kaum jemanden.) Öffentlicher Appelle zur Vernichtung der Ketzer bedurfte es da bald nicht mehr. Die Kaiser gehorchten auch so. So gab Kaiser Heinrich II. (auch er ein "Heiliger") 1007 in Frankfurt auf einer Kirchensynode bekannt, er werde ein neues Bistum in Bamberg einrichten. Als einen der Hauptgründe für diese Tat vermerkt das Protokoll: " ... dass das Heidentum der Slawen vernichtet werden und der Name Christi dort für immer in feierlichem Andenken stehen soll." 63 In der Bamberger Gegend lebten damals noch viele Slawen.
Muss man sich wundern, wenn es in Deutschland heute wieder eine starke rechtsradikale und fremdenfeindliche Bewegung gibt – in einem Land, in dem die Vernichtung von Fremden und Andersgläubigen (die Slawen waren überwiegend "Heiden") die Heiligsprechung des  Verantwortlichen und dessen bis heute andauernde Belobigung zur Folge hat?

Doch die Kirche wäre nicht die Kirche, wenn sie sich mit einer einflussreichen Stellung gegenüber den Herrschenden begnügen würde. Sie strebte nach mehr. Noch betrachtete nämlich der jeweilige Kaiser die Bischöfe seines Landes als seine Gefolgsleute, die ihm zu Diensten zu sein hatten. Doch Papst Gregor VII. (1075-1085) wollte diese Rechtslage verändern und begann deshalb den Investiturstreit mit dem Kaiser: Er wollte über die Einsetzung neuer Bischöfe selbst entscheiden. Er war sogar von seinem Recht überzeugt, die weltlichen Fürsten nach Belieben ein- und absetzen zu können. Bischöfe, Priester und Mönche hetzen nun in Deutschland gegen Kaiser Heinrich IV. (1065-1106) und die zu ihm haltenden Kleriker, und sie treiben das Land in einen blutigen Bürgerkrieg. Nur der Gang nach Canossa (1077), ein politisch kluger Schachzug, rettet Heinrich vor dem völligen Untergang. Das Wormser Konkordat (1122) brachte einen weiteren Machtverlust für den Kaiser – er hatte keinen Einfluss mehr auf die Wahl der Bischöfe, durfte sie gerade noch als weltliche Lehensnehmer in ihr Amt einführen. Als dann Papst Innozenz III. (1198-1216) dem Patriarchen von Konstantinopel schrieb, der Herr habe "dem Petrus nicht nur die Leitung der ganzen Kirche, sondern die der ganzen Welt hinterlassen", hatte er den Gipfel der Macht erreicht: "Niemals wieder besaß das Papsttum eine Machtfülle wie unter Innozenz III." 64 – auch wenn hundert Jahre später (1302) Bonifaz VIII. noch eins draufsetzte: Es sei "für jede Kreatur heilsnotwendig, dem römischen Pontifex zu unterstehen".
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Die Menschen des freien Geistes kommen wieder

Ausgerechnet im 12. Jahrhundert, als das Papsttum auf den Höhepunkt seiner Macht zusteuert, erwächst ihm eine neue, unerwartete Bedrohung: Die Ketzer sind wieder da!  Ausgehend von Bulgarien bildet sich zunächst auf dem Balkan die Bewegung der Bogumilen ("Gottesfreunde", benannt nach Bogumil, der im 10. Jahrhundert lebte), die stark manichäische Züge trägt: Die Entstehung der Erde ist auf ein Einwirken dunkler, gegengöttlicher Kräfte  zurückzuführen; der Leib ist ein Gefängnis der unsterblichen Seele, die es gilt, durch die Überwindung des Bösen durch das Gute wieder zu durchlichten; dies kann auch in aufeinanderfolgenden wiederholten Einverleibungen geschehen. Die Bogumilen lehnen kirchliche Sakramente, Reliquien und Zeremonien ab. Deshalb werden sie durch die kirchlichen und weltlichen Behören des byzantinischen Staates verfolgt.

Wenig später entsteht eine ähnliche Bewegung in Südfrankreich. Sie nennen sich selbst bonhommes, "Gutmenschen", erhalten von ihrer Umgebung die Bezeichnung Katharer (vermutlich von griech. katharoi, die Reinen) oder Albigenser (von der Stadt Albi, einem ihrer Hauptorte). Auch sie lehren, dass in der Seele ein göttlicher Funke vorhanden sei. "Die Erlösung besteht darin, dass der Mensch durch diesen Funken wieder zu Gott eingehen kann." 66

Den Katharern wird bis heute nachgesagt, sie hätten eine extrem dualistische Lehre vertreten: dass es einen bösen und einen guten Gott gebe, die sozusagen gleichberechtigt gegeneinander kämpfen, und dass allein der böse Gott die Welt geschaffen habe. Dies ist eine irreführende Vereinfachung. Man muss berücksichtigen, dass sämtliche Schriften dieser Ketzer (das Wort kommt wahrscheinlich von "Katharer") von der Kirche vernichtet wurden. In Wahrheit haben zumindest die "gemäßigten Dualisten" unter den Katharern (es gab  unterschiedliche Richtungen) die Auffassung vertreten, dass der "Gott der Unterwelt" ursprünglich ein göttliches Wesen war, das – aufgrund der von Gott allen Wesen geschenkten Willensfreiheit – von Gott abfiel. Daraufhin entstanden in langen Zeiträumen die materielle Erde und der materielle Körper. Hier sind unschwer Parallelen zur frühchristlichen Lehre des Origenes zu erkennen.

Mindestens so bedeutsam wie die Lehre der Katharer war ihre Lebenspraxis: kein Fleischgenuss, Gleichberechtigung der Frauen, ein arbeitsames, bescheidenes Leben, kein Wehrdienst. Statt einer Priesterkaste haben sie eine Führungsschicht von "Vollkommenen" (perfecti oder parfaits), die sich nach einer speziellen Einweihung (consolamentum) verpflichten, zölibatär zu leben – aber auch von ihrer Hände Arbeit – und keine Sünde mehr zu begehen.

Dieses bewusst einfache und gewaltlose Leben bildet einen eklatanten Gegensatz zum Leben der katholischen Priester und Mönche in der damaligen Zeit, unter denen Luxus, Schmarotzertum und Hurerei weit verbreitet waren. Die Katharer erhielten großen Zulauf.

Doch damit nicht genug: In Lyon gründete der Kaufmann Petrus Waldus eine weitere Bewegung, die ein ethisch hochstehendes, gewaltloses Leben in selbst gewählter Armut anstrebte. Sie wurden "Waldenser" genannt und bezogen sich, im Gegensatz zu den Katharern, die nur das Johannesevangelium anerkannten, auf die Bibel. Auch dort finden sich genügend Ansatzpunkte für fundamentale Kritik an der Kirche: "Häuft euch keine Schätze an, die Motten und Rost fressen" – "Du sollst nicht töten!" – "Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen, denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. Auch sollt ihr euch nicht ‚Rabbi’ nennen lassen ..." Als eine der ersten Reaktionen verbot daher die Kirche auf zwei Synoden, 1229 und 1234, den Laien das Lesen der Bibel in der Landessprache. 67

Die Päpste hatten die Mächtigen des Abendlands fast besiegt – nun drohte ihnen plötzlich der gewaltlose Umsturz von unten.

Die "Säuberungen" beginnen

Im Mittelalter hatte die Kirche immer wieder die Ergreifung und Hinrichtung von Ketzern  veranlasst – doch es handelte sich eher um Einzelfälle. Die Provinzialsynode von Orleans beschloss beispielsweise 1022 den Tod von zehn Ketzern – als Manichäer bezeichnet –, und sie wurden auf Befehl des französischen Königs Robert II. auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Doch nun stand man in Teilen Südfrankreichs einer regelrechten Volksbewegung gegenüber. Man versuchte es zunächst mit "Theologie". Das "beste Pferd im Stall" war gerade gut genug: Der "heilige" Bernhard von Clairvaux (1091-1153), wortgewaltiger Kreuzzugsprediger und Abt des Reformklosters Clairvaux, reiste 1145 persönlich in den Süden, um, wie er seine Reise  ankündigte, dem "gefräßigen Wolf, der in eurem Land unter den Schafen wütet", das Handwerk zu legen. In Toulouse und Albi hatte er mit seinen Predigten nach zunächst frostigem Empfang zwar gewissen Erfolg: Er zerpflückte von der Kanzel nach allen Regeln der Rhetorik die Thesen der Ketzer, so wie das heute sogenannte "Sektenbeauftragte" auch tun, wenn sie in eine Pfarrgemeinde kommen. Doch in dem berüchtigten Ketzernest Verfeil wurden ihm die Grenzen aufgezeigt: Als er sich die Ritter vorknöpfen wollte, die den Katharern Schutz gewährten, verließen diese wortlos den Saal. Bernhard ging ihnen nach und wollte auf dem Marktplatz weiter sprechen. "Aber die Bürger besetzten die Häuser ringsum und machten mit Läden und Türen einen solchen Krach, dass man kein Wort verstehen konnte." 68 Bernhard schüttelte demonstrativ den Staub von seinen Füßen und verfluchte die Stadt.

Nun sollten andere Seiten aufgezogen werden: Bernhard riet zur physischen Vernichtung der unbelehrbaren Ketzer mit Hilfe der staatlichen Macht. 69 Doch die Mühlen der Kirche mahlen langsam. Auf dem Dritten Laterankonzil (1179) beschloss die Versammlung auf Empfehlung von Papst Alexander III. (1159-1181) "die Anwendung von Gewalt gegen ‚Ketzer’ mit Hilfe des weltlichen Arms". 70 Außerdem rief der Papst zu einem ersten Kreuzzug gegen die Ketzer auf. Obwohl er allen Teilnehmern einen Ablass von zwei Jahren und denen, die im Kampf gegen die Ketzer fielen, "ewige Rettung" versprach, wurde es für den Papst ein Misserfolg - außer der Verwüstung einiger Landstriche des Languedoc kam nichts heraus. Der folgende Papst, Lucius III. (1181-1185), unternahm den nächsten Versuch: In einer Bulle (1184) "zur Ausrottung der verschiedenen häretischen Lehren" schrieb er den Bischöfen vor, die  Irrgläubigen zu verbannen, ihr Eigentum zu konfiszieren, sie zu "ewiger Ehrlosigkeit" zu  verurteilen, ja sogar die katholischen Friedhöfe von den Überresten der Häretiker zu säubern. (Wir schütteln den Kopf? Im 20. Jahrhundert wird sich, wie wir noch sehen werden, eine evangelische Kirchengemeinde weigern, den einzigen Dorffriedhof zur Beerdigung einer "Ketzerin" zur Verfügung zu stellen – S. 301) Bemerkenswerter noch als diese Bulle ist die Tatsache, dass es Lucius gelang, "sich der Unterstützung Kaiser Friedrich Barbarossas zu versichern, der versprach, die Weisungen der päpstlichen Legaten im Kampf gegen die vom Glauben Abgefallenen zu befolgen". 71

Friedrich Barbarossa (1152-1190) hatte, um sich zu Beginn seiner Regierung die Unterstützung der Kirche zu sichern, 1155 bei seinem Krönungszug nach Rom dem Papst  sozusagen als "Morgengabe" den "Ketzer" Arnold von Brescia mitgebracht und ausgeliefert, der die Laien dazu aufgefordert hatte, den Klerikern ihren aufgehäuften Reichtum wegzunehmen (in den Augen der Kirche wohl eine der schlimmsten Sünden). Arnold wurde gehängt, anschließend verbrannt – "das Ergebnis des Honigmondes zu Beginn der Regierungszeit Barbarossas mit dem Papsttum". 72 Zwanzig Jahre später konnte der Kaiser dem Papst bei dessen Kampf gegen die Katharer allerdings nicht konkret behilflich sein, denn er herrschte nicht über Südfrankreich. Und die Idee, die Bischöfe vor Ort mit der Verfolgung der Ketzer zu beauftragen, brachte wenig konkrete Ergebnisse. Selbst wenn der Bischof wollte – die Bevölkerung "spielte kaum mit, auch die Obrigkeit wollte sich nicht zum Büttel Roms hergeben". 73 Bei direkten Konfrontationen erwiesen sich die "Ketzer" als so schlagfertig, dass die Kirche sich genötigt sah, "die Disputationen mit den Ketzern zu verbieten, um keine Niederlagen zu riskieren". 74 Auch ein päpstlicher Legat konnte vor Ort auf einer Provinzialsynode in Montpellier (1195) nichts ausrichten – die Ketzerei breitete sich nur noch mehr aus. Man nahm es gar nicht so genau, ob es sich um Waldenser oder Katharer handelte, nannte sie einfach alle "Albigenser". "Das ist typisch für den damaligen Verfolgungsgeist und wohl für den Hass, wo immer er in Politik und Geistesleben auftaucht", kommentiert Bernd Rill. "Man machte sich keine Mühe, unter den Gegnern zu differenzieren – man hasste denjenigen, den man gar nicht kannte." 75 Es ist eben einfacher – auch heute noch –, alle "Sekten" in einen Topf zu werfen, als sich die Mühe einer Differenzierung zu machen.

 "Verfahrt mit ihnen schlimmer als mit den Sarazenen!"

Solange die Obrigkeit die Ketzer schützte, konnte die Kurie kaum Erfolge erzielen. Um weiter gehende "energische Maßnahmen" zu ergreifen, so der Historiker Grigulevic, "bedurfte es eines energischen und fanatisch gesinnten Papstes". 76 Dieser Mann war Innozenz III. (1198-1216). In ihm, so der Historiker Rill, "war der Geist der römischen Imperatoren wiedergekehrt, nur hatte er sich zeitgemäßerweise mit der päpstlichen Tiara verbunden. ... Bereits in seiner Inaugurationsrede hatte der Papst die Vernichtung der Ketzerei als seine Hauptaufgabe bezeichnet." 77 Innozenz kannte die Prophezeiungen des kalabresischen Abtes Joachim von Fiore (1135-1202), der für das Jahr 1260 den Beginn eines "Geistzeitalters" vorhergesagt hatte, das die kirchliche Hierarchie überflüssig machen würde. Vielleicht verstärkte das seine finstere Entschlossenheit, so etwas mit allen Mitteln zu verhindern. Bereits zwei Monate nach Amtsantritt sandte er zwei Beauftragte nach Frankreich und befahl ihnen: "Benutzt gegen die Häretiker das geistliche Schwert der Exkommunikation, und wenn dieses nicht hilft, so gebraucht gegen sie das eiserne Schwert." Es sollten keine leeren Worte bleiben. "Die  päpstlichen Legaten versprachen den adligen Herren und der französischen Krone für die Teilnahme an den Repressionen gegen die Häretiker das Eigentum der letzteren und die Vergebung der Sünden. In einer persönlichen Botschaft an den französischen König Philipp II. August rief der Papst ihn auf, das Schwert gegen die ‚Wölfe zu erheben, die die Herde des Herrn verwüsten’." 78

Ein Jahr nach seinem Amtsantritt, 1199, erließ Innozenz neue Gesetze zur Bekämpfung der Ketzer. Darin hieß es unter anderem: "Es lasse sich niemand verleiten von falschem  Mitleiden (mit den Ketzern). ... Treu und Glauben braucht einem Ketzer [gegenüber] nicht gehalten zu werden, und der Betrug, gegen ihn geübt, wird geheiligt." 79 Ein bis heute richtungsweisender Satz!

Als Graf Raimund von Toulouse sich nicht an der Verfolgung der Ketzer beteiligen wollte, wurde er vom Legaten Peter von Castelnau exkommuniziert. Dies ist ein unerhörter Vorgang, ein Eingriff des Papstes in eine ausländische Staatsgewalt. Und nun überschlugen sich die Ereignisse: Der päpstliche Legat Castelnau wurde erschlagen (1208) – wohl kaum von einem Katharer, denn diese lebten gewaltlos. Doch darauf kam es gar nicht an – auf einen solchen Anlass hatte der Papst nur gewartet: Unverzüglich rief er zum Kreuzzug gegen Graf Raimund auf: "Erhebt euch, Soldaten Christi! Rottet diese Gottlosigkeit mit allen Mitteln aus, die Gott euch eröffnen wird! Streckt eure Arme weit aus und schlagt euch tapfer mit den Verbreitern der Häresie; verfahrt mit ihnen schlimmer als mit den Sarazenen, denn sie sind noch schlimmer als jene!" 80
Was mit den Sarazenen im ersten Kreuzzug geschehen war, wusste man: Man hatte sie vernichtet, allein 1099 in Jerusalem 70 000 Menschen, die gesamte Einwohnerschaft, hingemordet. Den Teilnehmern am Ketzerkreuzzug winkte auch diesmal wieder großzügiger Lohn: Die Vergebung der Sünden – und ein Erlass ihrer Geldschulden! Da ließ es sich ohne Gewissensbisse morden – auch wegen Gewaltverbrechen exkommunizierten Kriminellen wurde die Absolution versprochen, wenn sie mitmachten. Der Krieg wurde mit "viehischer Grausamkeit" 81 geführt. Allein bei der Eroberung von Beziers wurden 1209 mindestens 20 000 Menschen ermordet, darunter natürlich auch Katholiken. "Erschlagt sie alle, Gott kennt die seinen", soll der päpstliche Legat Arnold von Citeaux dazu gesagt haben. Auf jeden Fall ist überliefert, dass er nach Rom gemeldet hat: "Gottes Zorn hat in wunderbarer Weise gegen die Stadt gewütet." 82

Der Totschlag erfolgte mit dem ausdrücklichen Segen des Papstes. Denn dieser hatte die Kreuzfahrerhaufen mit einer persönlichen Botschaft in die Schlacht geschickt: "Vorwärts, ihr streitbaren Soldaten Christi! Ziehet den Vorläufern des Antichrist entgegen und schlagt die Diener der alten Schlange tot! Bis heute habt ihr vielleicht für vergänglichen Ruhm gekämpft, kämpft jetzt für ewigen Ruhm! Bis heute habt ihr für die Welt gekämpft, kämpft jetzt für Gott! Wir ermahnen euch nicht, Gott diesen großen Dienst zu leisten für irgendeine irdische Belohnung, sondern um des Reiches Christi willen, das wir euch voll Vertrauen versprechen." 83

Kann man sich eine größere Gotteslästerung vorstellen? Der Papst nimmt Bezug auf die  geheime Offenbarung des Johannes im Neuen Testament, in der das Friedensreich Jesu Christi angekündigt wird. Ein Friedensreich – erkämpft durch Plündern, Verwüsten, Foltern und Morden!

Die Gnadenlosigkeit der katholischen Kriegführung kam auch im Verhalten des Anführers, Simon von Montfort, zum Ausdruck. Er schonte auch diejenigen nicht, die ihre Absicht  bekundeten, zum katholischen Glauben zurückzukehren. "Als er einmal einen solchen  Apostaten hinzurichten befahl, erklärte er: ‚Wenn er lügt, so ist das die Bestrafung für seinen Betrug; wenn er aber die Wahrheit sagt, so sühnt er damit seine frühere Schuld!’" 84

Auch Raimund von Toulouse hatte keine Chance. Er war noch vor Beginn der Kämpfe  buchstäblich zu Kreuze gekrochen, um den völligen Verlust seiner Grafschaft abzuwenden, und hatte sich – zum Zeichen seiner Reue – vor dem Altar vom päpstlichen Legaten geißeln lassen. "Aber Innozenz", so Bernd Rill, "hatte bereits den Stab über ihn gebrochen, denn er erkannte die Notwendigkeit, den Adel des Landes zu brechen, weil dies eine Vorbedingung zur Ausrottung der Ketzerei war. Er teilte seinen Legaten heimlich mit, man solle die Dienste Raimunds in Anspruch nehmen, solange sie nützlich waren, und ihn dann unter einem Vorwand, der sich schon ergeben würde, fallen lassen." 85 So kam es dann auch: Durch fortgesetzte Schikanen und immer weitergehende Forderungen provozierte man den Grafen und exkommunizierte ihn noch zweimal – das letzte Mal endgültig, denn er starb im Bann und erhielt nicht einmal ein richtiges Begräbnis. Sein Sohn, Raimund VII., wurde gezwungen, die Grafschaft an den König von Frankreich zu vererben.

Raimunds tragisches Schicksal widerlegt die bis heute von katholischer Seite gern ins Feld geführte Legende, die Kirche habe doch nur theologische Verurteilungen aussprechen können – die Bestrafung der Ketzer sei allein die Aufgabe und der Wille des Staates gewesen. Die Exkommunikation nicht willfähriger weltlicher Obrigkeiten – und es sollten weitere folgen – hatte in der damaligen Zeit eine furchterregende Wirkung. Wurde ein Herrscher gebannt, so war sein gesamtes Land im Bann, jegliche sakramentale Handlung musste eingestellt werden – und die Menschen waren überzeugt, dass beispielsweise alle während der Geltungsdauer eines Banns Verstorbenen (und ohne kirchliches Begräbnis Begrabenen) auf ewig verdammt seien. 86
Der Kreuzzug gegen die Albigenser dauerte zwanzig Jahre (1209-1229) und endete, von spärlichen Resten abgesehen (die später noch aufgerieben wurden, etwa auf dem Montsegur 1244), mit der völligen Ausrottung der Katharer. Sofort nach der Eroberung von Burgen, in denen sich neben Rittern auch geflüchtete Katharer aufhielten, veranstalteten die mitgereisten Legaten des Papstes Schnellgerichte und führten die – meist bereitwillig und gefasst in den Tod gehenden – Katharer auf den Scheiterhaufen. Damit "hatte die Inquisition in Waffen ihr Haupt erhoben, ein höchst aufwendiges Unterfangen. Aus dem simplen Grunde, weil nicht jedes Jahr Kreuzzug abgehalten werden konnte, dieser nur als ‚ultima ratio’ der Ketzerbekämpfung in Frage kommen konnte, war es erforderlich, der Inquisition ein organisatorisches Gerüst auch für Friedenszeiten zu geben." 87

Innozenz war das völlig klar: "Die Kirche brauchte eine Speerspitze und sie schaffte sich diese in der durchorganisierten Inquisition." 88 Noch während des Ketzerkreuzzugs traf er dafür die Vorbereitungen. Er berief für das Jahr 1215 ein Konzil ein.

Die Schlinge der Inquisition zieht sich zusammen

Auf diesem Konzil im Lateran in Rom wurde vom Papst in allen Einzelheiten der programmatische Grundstein für die Inquisition gelegt. Lediglich bei der Durchführung gab es später noch entscheidende Änderungen, vor allem in der Frage, wer mit dieser Aufgabe betraut werden sollte.

"Die verurteilten Häretiker", so heißt es im Kanon 3 der Konzilsbeschlüsse, "sollen den weltlichen Obrigkeiten selbst oder deren Statthaltern zur gebührenden Bestrafung übergeben werden." Die Güter der Verurteilten sind zu beschlagnahmen. "Wer sich bloßem Verdacht ausgesetzt hat, den soll, sofern er nicht gegenüber diesen Verdachtsgründen durch seine Haltung und eine angemessene Rechtfertigung seine Unschuld nachgewiesen hat, das Schwert des Kirchenbanns treffen. Bis zu ihrer völligen Entlastung sollen solche Leute von allen gemieden werden. Bleiben sie ein ganzes Jahr in der Exkommunikation, so soll man sie daraufhin als Häretiker verurteilen."

Angesichts der damaligen Rechtspraktiken, insbesondere der Folter, ist es natürlich blanker Zynismus, von der Möglichkeit einer "Entlastung" zu sprechen. Vor allem aber findet hier ein Prinzip Anwendung, das im Grunde bis heute in abgewandelter Form in Kraft ist: die Umkehrung der Beweispflicht. Wer unter dem Verdacht der Ketzerei steht, der soll beweisen, dass er kein Ketzer ist – nicht etwa umgekehrt. Heute gibt es zwar keine Folter mehr. Doch wer heute von den Massenmedien auf Betreiben der Kirchen als "Sektierer" diffamiert wird, der bleibt es auch und wird nicht nur von guten Katholiken nach Kräften gemieden. Doch dazu später mehr.

Nun folgt eine entscheidende Passage: Die weltlichen Herren sollen "ermahnt, veranlasst und notfalls durch kirchliche Zensuren gezwungen werden", die Häretiker aus ihren Gebieten zu "entfernen". Wenn ein Landesherr es unterlässt, "sein Land von dieser abscheulichen Ketzerei zu säubern, soll er ... mit der Exkommunikation belegt werden". Macht der Fürst seine  Unterlassung nicht innerhalb eines Jahres gut, so wird der Papst die Vasallen des Fürsten von ihrem Treueschwur lösen "und dessen Land den Katholiken zur Inbesitznahme" überlassen.

Dass dies keine leere Drohung war, hat bereits der Fall des Raimund von Toulouse ein für alle Mal gezeigt. Die Exkommunikation wurde 1215 aber auch allen "Gönnern, Verteidigern und Beschützern" der Ketzer angedroht. Das bedeutet Verlust der bürgerlichen Rechte, keine Zulassung zu Zeugenaussagen und kein Recht, zu erben oder zu vererben, kein kirchliches Begräbnis. Doch auch wer "mit diesen Leuten, nachdem die Kirche sie öffentlich gebrandmarkt hat, weiterhin Umgang pflegt, soll der Strafe der Exkommunikation verfallen sein". Das heißt: Nicht nur mit den Ketzern selbst darf man keinen Umgang pflegen, sondern auch mit allen, die mit ihnen Umgang gepflegt haben. Sie sind Aussätzige, Unberührbare geworden. Jetzt versteht man auch, weshalb es kaum jemand wagte, die Familie eines eingesperrten "Ketzers", die nach der Beschlagnahme des gesamten Vermögens auf der Straße stand, aufzunehmen oder ihr weiterzuhelfen. Frau und Kinder waren dem Hungertod preisgegeben. Der Verbrechensapparat der Kirche trieb immer neue grausame Blüten.

Wer ohne Erlaubnis der Kirche predigte, und sei es auch nur "im kleinen Kreise", sollte ebenfalls exkommuniziert werden. Schließlich sollten die Bischöfe mindestens einmal im Jahr jede Gemeinde besuchen oder visitieren lassen und "die ganze Nachbarschaft schwören lassen, dem Bischof die Leute gewissenhaft anzuzeigen, die ihnen dort als Ketzer bekannt sind, oder solche, die geheime Konventikel abhalten oder in ihrer Lebensführung und ihren Sitten von dem üblichen Verhalten der Gläubigen abweichen". Nur nicht auffallen, immer schön ducken war also die Devise, wenn man nicht ins Räderwerk der Inquisition kommen wollte. Die Bischöfe, die diese Aufgabe nicht erfüllten, sollten abgesetzt werden.

Um eine lückenlose Kontrolle der Bevölkerung zu erreichen, wurde jeder Katholik  verpflichtet, mindestens einmal im Jahr – zu Ostern – bei seinem Ortspfarrer zu beichten und die Kommunion zu empfangen. 89 Dieses Gebot besteht übrigens zumindest auf dem Papier bis heute; es wurde in ländlichen Gegenden Deutschlands bis weit ins 20. Jahrhundert hinein praktiziert: Der Pfarrer ging vor Ostern von Haus zu Haus und ließ sich die  "Beichtzettel" aller Bewohner zeigen.

Die "Hunde des Herrn" treten in Aktion

Die Androhung der Absetzung für nicht kooperative Bischöfe war keine Floskel. Sie wies auf eine noch bestehende Schwachstelle hin: den möglicherweise mangelnden Verfolgungseifer (oder überhaupt mangelnden Arbeitseifer) des jeweiligen Bischofs oder Ortspfarrers. Dies konnte nur durch ortsunabhängige Kräfte mit entsprechenden Befugnissen geändert werden. Eigens für diese Aufgabe wurde nun ein kirchlicher Orden gegründet: die Dominikaner. Der spanische Priester Dominikus (1170-1221) hatte sich in Südfrankreich dadurch hervorgetan, dass er die äußere Armut der Katharer nachahmte und gegen die Ketzerei predigend zu Fuß durch die Lande zog. In einem Kloster in Sichtweite des Montsegur, einer der letzten Katharerhochburgen, erfand er nach einer "Vision" den Rosenkranz, um auch die "Mutter Gottes" in die Ketzerverfolgung mit einzuspannen. Während des Ketzerkreuzzugs fungierte er als Berater des Heerführers Simon von Montfort und hatte über die Ketzer zu urteilen und sie auf die Scheiterhaufen zu schicken. "Es dürfte nur wenige Heilige geben, an deren Händen mehr Blut klebte", vermuten die Autoren Baigent und Leigh. 90 1216 wurde sein neuer Orden vom Papst anerkannt. In seinen Statuten orientierte er sich nicht von ungefähr an den Augustinern, dem Orden des "geistigen Vaters der Inquisition", Augustinus. Das Emblem des Ordens war ein Hund mit einer brennenden Fackel im Maul – denn "die Dominikaner  bezeichneten sich selbst mit einem Wortspiel gelegentlich als ‚Hunde des Herrn’ (Domini canes), was mit dem Namen ihres Begründers dem Klang nach übereinstimmt". 91

Papst Gregor IX., ein "halsstarriger Greis von cholerischer Gemütsart" 92, erteilte 1233 den Dominikanern den Auftrag, Häresien auszumerzen, und verkündete die Einrichtung eines ständigen Tribunals, das mit Dominikanerbrüdern besetzt werden sollte. Damit war die Inquisition offiziell etabliert – wohlgemerkt: nachdem die Katharer in Südfrankreich fast  ausgerottet waren. Es ging also darum, auch noch die letzten Sympathien im Volk für jedwede Ketzerei ein für allemal zu beseitigen.

Die ersten Inquisitoren wurden bereits 1234 für Toulouse ernannt. Wie ernst sie ihre Aufgabe nahmen, zeigte sich noch im selben Jahr: Die Dominikanermönche erhielten die Nachricht, dass eine im Sterben liegende alte Frau soeben noch das katharische Sakrament des consolamentum erhalten hatte. Viele Katharer ließen sich erst kurz vor ihrem Tod unter die "Vollkommenen" aufnehmen. Die eifrigen Ketzerjäger platzten in das Sterbehaus, verhörten die Frau und ließen sie schließlich mitsamt ihrem Bett zum Richtplatz tragen, wo sie ohne Aufschub verbrannt wurde. "So krönten die Dominikaner von Toulouse ihre Feier zu Ehren des gerade heiliggesprochenen Dominikus mit einem Menschenopfer." 93

Wen wundert es, dass die Konsuln der Stadt die Dominikaner schon ein Jahr später aus der Stadt vertrieben? Doch sie sollten es bereuen: Sie wurden exkommuniziert und mussten die Inquisition zurückkehren lassen. Die katholischen Mönche rächten sich, indem sie sogar die Knochen verstorbener angeblicher Häretiker ausgruben, durch die Straßen trugen und  öffentlich verbrannten. 94

Der Staat muss mitspielen – Friedrich II.

All dies war natürlich nur möglich, wenn der Staat, angefangen bei den obersten  Landesherren, die Tätigkeit der Inquisition nicht nur duldete, sondern regelrecht anordnete. Den Durchbruch erzielte die Kirche hier ausgerechnet – bittere Ironie der Geschichte – bei einem Kaiser, der zwar seine Karriere als "Mündel des Papstes" begonnen hatte, doch alles andere als ein glühender Katholik war: Friedrich II. von Hohenstaufen (Regierungszeit 1212-1250), der fließend Arabisch sprach, sich eine muslimische Leibwache hielt und selbst zweimal vom Papst exkommuniziert wurde, weil er dessen Macht in Italien bedrohte. Gerade wegen dieses Machtkampfes wollte Friedrich sich in Bezug auf die Bekämpfung der Ketzer keine Blöße geben – und sich, was auch gelang, durch derlei Zugeständnisse die Kaiserkrone vom Papst erkaufen. Er erließ 1224 in Padua ein Edikt gegen die Ketzerei, in dem er die weltlichen Behörden seines Reiches verpflichtete, alle der Häresie Verdächtigen zu verhaften und vor Gericht zu stellen, wenn die Kirche oder auch einfache eifernde Katholiken dies forderten. Der Staat trat also sozusagen auf bloßen "Zuruf" in Aktion; er verkam in Bezug auf die Ketzerjagd zum bloßen Büttel der Kirche. Auch die mit der Kirche "wiederversöhnten" Ketzer sollten gezwungen werden, an der Aufspürung anderer Häretiker mitzuwirken. Es genügte also nicht, für sich selbst eine – tatsächliche oder behauptete – Ketzerei einzugestehen, weil man dadurch sein Leben retten wollte – man musste immer weitere Ketzer benennen. Dieses Schneeballprinzip wurde bis in die beginnende Neuzeit beibehalten und führte zu den großen "Hexen"-Epidemien des 17. Jahrhunderts, bei denen ganze Dörfer und halbe Städte ausgerottet wurden.

Wer der Ketzerei überführt war, sollte entweder auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, oder man sollte ihm die Zunge herausreißen, "da sie mit dieser Gott gelästert hätten". 95 Das Haus des Ketzers wurde zerstört. Wer aus Todesangst seine "Irrlehren" widerrief, sollte "begnadigt" werden – zu lebenslangem Kerker. Unter den damaligen Bedingungen – Kälte, Ratten, Feuchtigkeit – war dies ein Todesurteil auf andere Art, das viele dazu brachte, ihre Glaubensüberzeugung wieder zu bekunden, um lieber schnell auf dem Scheiterhaufen zu sterben.

Das Edikt Friedrichs II. enthielt auch die Sippenhaft: Die Nachkommen der Häretiker bis in die zweite Generation hinein durften keine öffentlichen Ämter ausüben. "Eine Ausnahme wurde nur für Kinder gestattet, die ihre Eltern selbst angezeigt hatten." 96

"Die Obrigkeit wurde durch Eid verpflichtet, alles nur Mögliche zur Aufspürung der Ketzer zu tun. Ein Magistrat, der sich dabei saumselig zeigte, verwirkte sein Amt." 97 Wenige Jahre später, 1229, beschloss die Synode von Toulouse: "Die Herren der verschiedenen Distrikte sollen in Villen, Häusern und Wäldern den Häretikern fleißig nachforschen lassen und ihre Schlupfwinkel zerstören. Wer künftig noch auf seinem Gebiet einen Häretiker weilen lässt, sei es gegen Geld oder aus sonst einem Grunde, der verliert ... dies Besitztum auf immer und sein Leib ist seinem Obern zu gebührender Strafe verfallen." 98

All diese Bestimmungen mögen den Leser wie düstere Töne aus einer fernen Vergangenheit anmuten, die mit unserer heutigen, aufgeklärten, demokratischen Zeit nichts zu tun haben. Doch sie werden mit Bedacht hier etwas ausführlicher zitiert. Es gibt heute zwar nicht mehr die öffentliche Hinrichtung durch Feuer oder Schwert. Aber es gibt die "Hinrichtung" durch die Massenmedien, durch den Rufmord. Und wie von Geisterhand gibt es auch reflexartige Verhaltensweisen, die durch ein Reizwort wie "Sekte" auch in unserer heutigen Zeit in Sekundenschnelle ausgelöst werden können. Sobald ein "Magistrat", z.B. ein Bürgermeister, etwas von "Sektierern" hört, die sich angeblich auf "seinem" Gemeindegebiet ansiedeln wollen, reagiert er plötzlich wie im Mittelalter und vergisst das Grundgesetz. Denn die "Sekte" muss weg! In Kapitel drei (insbes. S. 236 ff.) werden mehrere solcher Fälle geschildert. Steckt die Angst vor den Bestimmungen des 13. Jahrhunderts noch in den Knochen oder in den Genen, im kollektiven Unterbewusstsein einer über Jahrhunderte tyrannisierten und terrorisierten Gesellschaft? Oder, falls man, wie die "Ketzer", an die Möglichkeit einer Wiederverkörperung glaubt: Steckt die Angst vor den einstmals schrecklichen Folgen eines von der kirchlichen Linie abweichenden Verhaltens gar in der Seele so manches heutigen Politikers? Man bedenke, dass seinerzeit sogar Kaiser Friedrich II. selbst vom Papst gebannt wurde – und mit ihm am 23.3.1228 "alle Orte, an denen der Kaiser weilte". 99

Grigulevic stellt fest: "Dieses Edikt Friedrichs II. bedeutete einen großen Sieg der Kirche, denn es weitete die auf dem ... Konzil formulierte Bestimmung über die Verantwortung der weltlichen Macht für die Verfolgung und Ausrottung der Häresie auf das gesamte deutsche Reichsgebiet aus. Jetzt lag die Verantwortung ... für die Verfolgung der Häretiker auf allen, angefangen beim Kaiser und endend beim letzten Bauern." 100 Die Kirche wiederum griff die kaiserlichen Erlasse auf – die, wie der Inquisitor Bernhard Gui schreibt, "auf Betreiben des apostolischen Stuhles" zustande gekommen waren 101 –, erklärte sie zu kirchlichem Recht und machte den weltlichen Regierungen ihrerseits die Auflage, sie in ihre Gesetzbücher aufzunehmen. 102 Papst Innozenz IV. verkündete in seiner Bulle "Ad exstirpanda" (Zur Ausrottung, 1252) schließlich, dass Gehalt und Unkosten der Inquisitoren der jeweilige Fürst zu tragen hatte. (Auch heute noch lassen sich die Kirchen ihre moderne Ketzerverfolgung gerne aus Staatstöpfen bezahlen.) Der "weltliche Arm" wurde verpflichtet, die Inquisitoren in jedweder Form zu unterstützen und die von ihnen verhängten Urteile innerhalb weniger Tage zu vollstrecken. "Auf Forderung der Inquisitoren waren die weltlichen Behörden verpflichtet, diejenigen zu foltern, die sich weigerten, Häretiker auszuliefern." 103

Doch die Kirche wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht gleichzeitig mit der Installierung einer gut geölten und bis ins Kleinste durchorganisierten Säuberungsmaschine eine verbale Beschönigungsfloskel mitgeliefert hätte. Nach der Verurteilung eines Ketzers durch ein kirchliches Gericht wurde der Delinquent dem "weltlichen Arm" in der Regel mit der Aussage übergeben: "Wir empfehlen dem säkularen Gericht jedoch mit Nachdruck, bei der Urteilsfindung Mäßigung walten zu lassen, damit kein Blut vergossen werde und keine Gefahr für das Leben bestehe." 104 Diese Formulierung beim Übergabe-Ritual an den Henker war blanker Zynismus, eine glatte Lüge. Denn jeder wusste, dass die Kirche etwas ganz anderes wollte. Und jeder wusste auch, was dem Landesherren blühen würde, wenn er diese hohlen, verlogenen Phrasen wörtlich nähme.

Die Kirche "ernährt sich von den Häretikern": Thomas von Aquin

Das Öl für den reibungslosen Lauf der Inquisitionsmaschinerie lieferten im materiellen Sinne die konfiszierten Gelder der verurteilten "Ketzer" – im "geistigen" bzw. ungeistigen Sinne jedoch die Rechtfertigungen der Theologen, bis hinauf zum damaligen katholischen "Chefideologen", dem bis heute hoch angesehenen Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1225-1274). Der 1323 heilig gesprochene Thomas lehrte, dass hartnäckige Häretiker den Ausschluss aus dem Leben durch die Todesstrafe verdienten. "Die Religion zu entstellen, von der das ewige Leben abhängt, so lehrte Thomas, sei ein schwereres Vergehen als die Fälschung von Münzen, die ja zur Befriedigung der Bedürfnisse des zeitlichen, irdischen Lebens dienten. Wenn also die Falschmünzer oder andere Verbrecher von den weltlichen Fürsten mit Recht vom Leben zum Tode befördert würden – mit wie viel größerem Recht müssten dann nicht die Ketzer nach ihrer Überführung sowohl aus der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen als billigerweise auch hingerichtet werden?" 105 Wenn ein zunächst "reuiger" Ketzer, den die Kirche am Leben gelassen habe, wieder rückfällig werde, so dürfe die Kirche keine Nachsicht üben – weil sie andere anstecken und diese umso sorgloser der Häresie verfallen könnten. Rückfällige werden zwar "wieder aufgenommen zur Buße, nicht aber so, dass sie von der Verurteilung zum Tode befreit werden". 106 Thomas von Aquin war überzeugt, dass die Anwesenheit der "bösen" Ketzerei den Sinn habe, die "gute" richtige Lehre um so besser erkennen zu lassen; die Vernichtung des Bösen festige das Gute. "Ähnlich wie der Löwe sich vom Esel ernähre, so nähre sich das Gute vom Bösen." Deshalb müsse "sich die Kirche ‚von den Häretikern ernähren im Namen der Rettung aller Gläubigen’". 107

Diese ungeheuerliche Aussage ist entlarvend. Sie enthält unfreiwillig ein gerüttelt Maß an tiefenpsychologischer Wahrheit, und zwar über die Jahrhunderte hinweg. Sie belegt, was der Religionswissenschaftler und Kirchenkritiker Hubertus Mynarek über die "Moderne Inquisition" unserer Tage schreibt: "In gewisser Weise ist der Kampf gegen die neuen religiösen Bewegungen schon wieder eine Vitalitätsspritze für die erstarrte Kirche. Einen letzten Funken eigenen Lebens zu verspüren vermag sie offenbar nur noch, indem sie den vermeintlichen Gegner inquisitorisch bekämpft. ... Je toter der Großleichnam Kirche ist, um so mehr Gift, Leichengift, verspritzt er gegen alle, in denen er mehr Leben vermutet." 108

Dass die Ansicht des "Doctor angelicus", des "engelgleichen Doktors" Thomas von Aquin über die Notwendigkeit der Ketzervernichtung die Inquisition über Jahrhunderte prägte, sieht man an einer Aussage des vatikanischen Hoftheologen Bellarmino (1542-1621) mehr als 300 Jahre später: "Die Erfahrung lehrt, dass es keine anderen Heilmittel für die Ketzer gibt als den Tod. Denn die Häretiker verachten die Exkommunikation und sagen, sie wäre ein kalter Blitz, und wenn man ihnen mit Geldstrafen droht, so werden sie von anderen ausgehalten; wenn man sie in ein Gefängnis wirft oder ins Exil schickt, so verderben sie ihre Nachbarn mit Reden und Büchern. Also bleibt als einziges Heilmittel [remedium], sie beizeiten zu töten."
109

Das Ziel: den Menschen Furcht einflößen

Wenn Folter und Tod auch zum "Tagesgeschäft" der Inquisition gehörten, so war doch ihr Hauptziel nicht die physische Vernichtung der Ketzer, sondern die Ausrottung der Ketzerei schlechthin. Um dieses Ziel zu erreichen, tat die Kirche alles, um ein Klima der Einschüchterung zu schaffen. Ein spanischer Inquisitor erklärte es 1578 einem Kollegen so: "Wir müssen uns daran erinnern, dass die Verfahren und Exekutionen nicht in erster Linie dazu dienen, die Seelen der Angeklagten zu erretten, sondern vor allem dazu, das Gemeinwohl zu fördern und den Leuten die Furcht einzuflößen." 110

Was er damit meinte, wird deutlich, wenn man sich die von der Inquisition verhängten Strafen ansieht. Verschiedene Berechnungen über Opferzahlen weisen übereinstimmend darauf hin, dass auf jeden zum Tode verurteilten "Ketzer" etwa zehn weitere kamen, die zu anderen Strafen verurteilt wurden. 111 Hierzu gehörte die Kerkerstrafe, unter den damaligen Umständen nichts anderes als ein verzögertes Todesurteil. Oder der Verurteilte musste eine mehrjährige Wallfahrt, etwa nach Santiago de Compostela, machen – für einen älteren Mann auch eine Art Todesurteil; bei jüngeren Delinquenten nicht selten ein Todesurteil für ihre Familie – denn diese stand nun ohne Ernährer da. Der Einschüchterungscharakter der Inquisition kommt jedoch auch bei den Strafen, die bei "leichteren Vergehen", verhängt wurden, zum Ausdruck, etwa bei der regelmäßigen Geißelung: "Der Ketzer ... musste jeden Sonntag entblößt ... und mit einer Rute in der Hand in der Kirche erscheinen. An einer bestimmten Stelle der Messe pflegte der Priester ihn dann vor der versammelten Gemeinde der Gläubigen voller Inbrunst auszupeitschen ... Damit war die Strafe jedoch noch nicht abgegolten. Jeden ersten Sonntag im Monat wurde der Büßer genötigt, alle Häuser aufzusuchen, in denen er sich jemals mit anderen Ketzern getroffen hatte, und in jedem Haus wurde er aufs Neue gezüchtigt. Darüber hinaus musste er an Festtagen jede feierliche Prozession durch den Ort begleiten, wobei er wiederum gegeißelt wurde. Diese Tortur musste das Opfer für den Rest seines Lebens über sich ergehen lassen – es sei denn, der Inquisitor ... erinnerte sich seiner beim nächsten Besuch und begnadigte ihn." 112 "Das war nicht der Gott der Liebe und des Erbarmens, der hier auftrat", kommentiert Bernd Rill, "das war der rächende Jehovah des Alten Testaments." 113

Eine ähnlich demoralisierende und terrorisierende Wirkung – sowohl auf den Verurteilten selbst wie auf seine Umgebung – übten große safrangelbe Kreuze aus, die lebenslang, gleich ob im Haus oder außerhalb, hinten und vorne auf der Kleidung getragen werden mussten. "So war der Büßer ständig der gesellschaftlichen Verachtung ausgesetzt, der Erniedrigung und dem Spott, manchmal auch körperlicher Gewalt. Menschen, die durch diese Kreuze stigmatisiert waren, wurden von ihren Mitmenschen geschnitten; niemand wagte es, Geschäfte welcher Art auch immer mit ihnen zu machen. Für unverheiratete junge Frauen wurde es unmöglich, einen Ehemann zu finden." 114 Ketzerischen Ärzten war es verboten, ihren Beruf weiter auszuüben. 115
Solche "leichteren" Strafen wurden mit Vorliebe bei Verdächtigen eingesetzt, die sich entweder selbst angezeigt hatten oder die ihre "Gedankenverbrechen" ohne großen Widerstand bekannt hatten. Kann man sich eine perfidere soziale Kontrolle vorstellen als eine lebenslange Kennzeichnung? So versuchte man auf der einen Seite zu  verhindern, dass der Überführte jemals wieder auf "falsche" Gedanken kam. Zum anderen wurde allen Mitbürgern auf brutale Weise klargemacht, dass sich derlei Ausflüge in nichtkirchliche Gedankenwelten nicht lohnten. Durch solche und ähnliche Maßnahmen erreichte die Kirche, dass eine breite Sympathie der Bevölkerung für die Ketzer wie im Südfrankreich für die Katharer nicht wieder aufkommen konnte. Im Gegenteil: "Der Geist der Zeit war unduldsam geworden", so Bernd Rill. "Waren die Albigenser ... noch von ihren Mitbürgern gedeckt worden, so standen breite Volksmassen nunmehr eindeutig auf der Seite der Inquisition." 116
Dies erschien den meisten schon aus purem Selbsterhaltungstrieb geboten. Denn es wimmelte überall in Europa von Spitzeln und Denunzianten. "Familiares", "Vertraute", hießen diese "informellen Mitarbeiter" der Inquisition, die sich aus den verschiedensten Schichten der Gesellschaft rekrutierten. Auch dem Pfarrgeistlichen, der "in den ländlichen Gebieten die Rolle des Spürhundes" ausübte, standen "zwei Gehilfen aus der Laienwelt zur Seite". 117 Als Grund, um in die Mühle der Inquisition zu geraten, reichte eine Beschuldigung, "die eine Person gegen eine andere erhob wegen der Zugehörigkeit zu einer Sekte bzw. Sympathie oder Hilfe für einen Ketzer".
118

Wenn der Inquisitor kommt

Doch es sollte nichts dem Zufall überlassen werden. Damit der Verfolgungseifer des inquisitorischen "Bodenpersonals" nicht durch Trägheit und Routine allzu sehr erschlaffte, trat in regelmäßigen Abständen der Chef selbst in Aktion: Der Besuch des Inquisitors wurde angekündigt. Gleich nach seinem Eintreffen versammelte er die Gemeinde in der Kirche und erläuterte in der Predigt "die Unterscheidungsmerkmale der verschiedenen Häresien, die Kennzeichen, an denen man die Ketzer erkennen könne, die Schliche, auf die sie sich einließen, um die Wachsamkeit der Verfolger einzuschläfern, und schließlich die Formen und Methoden der Meldung bzw. Anzeige". 119 Wie sich die Bilder trotz aller Veränderungen gleich bleiben: Wer schon einmal den Vortrag eines "Sektenbeauftragten" in einem kleinen Dorf mit erlebt hat, zu dem die aktiven Kirchgänger in der Regel vollzählig angetreten sind, um alles über die  "gefährlichen Irrlehren" unserer Tage zu erfahren, wer die Stimmung zwischen sensationsbegieriger Erwartung und aggressiver Verteidigungshaltung gespürt hat, der weiß, was gemeint ist. Das Klima bei der Ankunft des Inquisitors dürfte im Mittelalter jedoch noch wesentlich gespannter gewesen sein, saßen doch gezwungenermaßen auch die noch nicht "enttarnten" oder vermeintlichen Ketzer mit in den harten Kirchenbänken. Den Gläubigen wurde zur Auflage gemacht, binnen einer festgelegten Zeit alle verdächtigen Personen beim Inquisitor anzuzeigen. Wer es nicht tat, obwohl er etwas "wusste", wurde selbst wie ein Ketzer behandelt. Man kann sich die Hysterie lebhaft vorstellen, die dieser kirchliche Gesinnungsterror verursachte. Lieber selbst andere anzeigen, ehe ich angezeigt werde, hieß für viele die rettende Parole. "Der traurige Ruhm, der die Inquisition begleitete, schuf unter der Bevölkerung eine Atmosphäre des Schreckens, des Terrors und der Unsicherheit, die eine Welle von Denunziationen erzeugte, deren überwältigende Mehrheit Erfindungen oder törichte und lächerliche Verdächtigungen waren." 120 Die Hysterie führte auch dazu, dass sich, wie etwa in Spanien, Menschen selbst anzeigten, weil sie bei sich Züge der Ketzerei festgestellt zu haben meinten. Dabei hatten sie vielleicht nur geflucht oder aus Versehen an einem Fasttag Fleisch gegessen. Oder Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn zeigten sich gegenseitig an.

Es gibt kein Entrinnen

Wer einmal in das Räderwerk der Verhöre gelangte, für den gab es kein Entrinnen mehr. Wollte er lebend herauskommen, so musste er möglichst rasch etwas gestehen, sich auf keinen Fall "hartnäckig" zeigen. Doch der Preis für eine "leichtere" Strafe war immer, dass er auch andere anzeigen musste. Die Spirale drehte sich. Eine Verteidigung war unmöglich, denn die Anzeigen wurden grundsätzlich anonym behandelt. "Aussagen zugunsten des Angeklagten wurden jedoch nicht berücksichtigt, da man der Ansicht war, dass diese durch verwandtschaftliche Bande oder durch sonstige Abhängigkeiten des Zeugen vom Beschuldigten hervorgerufen worden waren. ... Persönliche Gegenüberstellungen der Anklagezeugen mit den Inhaftierten waren verboten." 121
Auch hier werden wir in der Gegenwart auf Parallelen stoßen: Argumente für eine des "Sektierertums" bezichtigte neue religiöse Bewegung werden von den Medien so gut wie nicht wahrgenommen. Die Betroffenen werden zu den Vorwürfen, und seien sie noch so abstrus, grundsätzlich nicht befragt. Und auch die Inquisitoren von heute lieben es, mit anonymen Geschichten von  sogenannten "Aussteigern" Stimmung zu machen. Auch heute noch bleiben sie über Jahre bei den gleichen Lügen, auch wenn diese längst widerlegt sind. Auch die Inquisitoren des Mittelalters bestanden "weiterhin auf den Beschuldigungen, selbst in solchen Fällen, wo sie sich als Verleumdungen und Erfindungen der Denunzianten herausgestellt hatten." 122

Die feierliche Hinrichtung, das "Autodafé" (wörtlich Akt des Glaubens), gibt es heute allerdings nicht mehr. Sie dauerte meist den ganzen Tag, mit mehreren Messen, mit der Verlesung langatmiger Urteile. Auch die nicht zur Hinrichtung Bestimmten mussten daran teilnehmen und erfuhren meist erst in letzter Minute, was genau auf sie zukommen würde. Am Ende dann die Hinrichtung – zum Scheiterhaufen Holz herbei tragen zu dürfen, galt als Auszeichnung und brachte einen gewissen Sündenablass ein. "Während der Häretiker, je nach Windrichtung, erstickte oder langsam verbrannte, sangen die versammelten Katholiken" fromme Lieder, so Karlheinz Deschner. 123

Gibt es solches heute wirklich nicht mehr? Man muss es nur auf unsere Zeit übertragen. Wo versammeln sich heute Menschen, wenn es ein Großereignis zu bestaunen gilt? Das Fernsehen liefert es ihnen frei Haus. Heute ist es für nicht wenige Fernsehjournalisten und Talkmaster, bekannte wie weniger bekannte, eine große Ehre, in einer Reportage, einem Magazin oder einer Talkshow die gefährlichen "Sekten" so richtig vorzuführen. Eine entsprechend hohe Einschaltquote ermöglicht einen perfekte Rufmord: Aus der ehemals öffentlichen Verbrennung – mit all den dabei entstehenden schmutzigen Rückständen – wird eine klinisch "saubere" öffentliche Hinrichtung durch die Massenmedien.

Doch wir greifen vor. Festzuhalten bleibt zur mittelalterlichen Inquisition noch, dass es aus ihr weder zeitlich noch räumlich ein Entrinnen gab. Auch ohne Computer und Datenübertragungsnetze wurden alle Informationen "akribisch festgehalten. So kam allmählich eine gigantische ‚Datenbank’ zusammen, die ständig durch Protokolle weiterer Befragungen ergänzt wurde. ... So konnte man die Verdächtigen auch noch mit Vergehen und Verbrechen konfrontieren, die sie dreißig oder vierzig Jahre zuvor begangen hatten – oder die ihnen damals in die Schuhe geschoben worden waren." 124 Durch die überstaatliche Organisation der Inquisition "gab es keinen Winkel im katholischen Europa mehr, in dem nicht die Scheiterhaufen rauchten, auf denen man vermeintliche oder wirkliche Ketzer verbrannte". 125 "Die Inquisition", so Henry Charles Lea, "stellte eine wirkliche überregionale Polizei dar ... Die Inquisition hatte einen langen Arm und ein unfehlbares Gedächtnis, so dass wir das geheime Grauen wohl verstehen können, das sie sowohl durch die Geheimhaltung ihrer Tätigkeit als auch durch ihre fast übernatürliche Wachsamkeit der Menschheit einflößte ... Ein einziger glücklicher Fang, ein einziges durch die Folter erpresstes Geständnis konnte die Spürhunde auf die Spur von Hunderten von Menschen bringen, die sich bis dahin in voller Sicherheit wähnten, und jedes neue Opfer erweiterte den Kreis der Denunzianten. So lebte der Ketzer beständig auf einem Vulkane, der ihn in jedem Augenblicke verschlingen konnte ... Für die menschliche Furcht war die päpstliche Inquisition fast allgegenwärtig, allwissend und allmächtig."
126

Die spanische Inquisition

Besonders gefürchtet war die spanische Inquisition. Sie unterstand zwar nicht dem Papst, doch bei ihrer Gründung, wie könnte es anders sein, hatte die Kirche ihre Hand im Spiel. Die "spanischen Könige" Ferdinand und Isabella, die Spanien durch ihre Heirat 1469 vereinigt hatten, wollten die kanonischen Gesetze der römischen Kirche nicht unbegrenzt für ihr Land übernehmen. Die Inquisition war bis dahin, zum Ärger der Päpste, in Spanien nicht mit allzu großem Eifer tätig. Als Isabella 1477 nach Sevilla kam, versuchte der  Dominikanerpater Alonso de Hojeda sie davon zu überzeugen, dass die Nachfahren der "conversos", der zum Christentum übergetretenen Juden, heimlich jüdische Riten pflegten. Isabella winkte ab. "Als Isabella die Stadt verlassen hatte, gab Hojeda jedoch nicht auf, sondern belieferte den Hof mit Beweisen darüber, dass die conversos geheime nächtliche Zusammenkünfte hielten und dabei den christlichen Glauben verhöhnten. Das könne auch staatspolitisch nicht ohne Bedeutung sein, zumal viele conversos in hohen Staatsämtern säßen ... Nun  horchte Isabella doch auf und setzte eine Kommission ein, der auch Hojeda angehörte und die auch tatsächlich zu dem Ergebnis kam, die Ketzerei habe in Sevilla schreckenerregende Ausmaße angenommen. Auch Thomas de Torquemada, Dominikanerprior von Segovia und Beichtvater der Königin, stimmte diesem Befund zu." 127
(Wie die Methoden gleich bleiben: Eine Kommission über angebliche ketzerische Umtriebe einzusetzen, in der dann die Ketzerjäger selbst als angebliche "Sachverständige" das große Wort führen – das gelang den Kirchen noch 1996 im Deutschen Bundestag)

Die massive "Nachhilfe" der "Hunde des Herrn" führte schnurstracks zum Beginn der spanischen Inquisition, denn Ferdinand und Isabella beantragten beim Papst nun eine Bulle: Er solle die Einrichtung einer Inquisitionsbehörde in Kastilien genehmigen, die allerdings eng mit dem spanischen Staat verbunden sein sollte – der auch die Kosten der Inquisition trug, die er jedoch durch die Konfiskation der immensen Ketzervermögen (reiche Conversos wurden grundsätzlich immer als erste verdächtigt) leicht wieder hereinholen konnte. Torquemada wurde schnell der am meisten berüchtigte Großinquisitor, der 10.220 Menschen auf den Scheiterhaufen und 97.371 auf die Galeeren schicken ließ. 128

In der Anfangszeit stieß der neue Terror der Inquisition noch auf Widerstand – nicht nur von den direkt betroffenen Nachkommen der Juden oder Mauren, sondern auch von den Altchristen, die "über den Verdacht judaistischer Ketzerei erhaben waren. ... 1484 schloss der Magistrat von Teruel den Inquisitoren ... die Tore. Darauf verfielen die Stadtväter der Exkommunikation, die ganze Stadt dem Kirchenbann. Ja, die Inquisition erklärte aus der Fülle ihrer Machtvollkommenheit heraus, die bei Bedarf anscheinend auch weltliche Angelegenheiten mit umfasste, dass der Magistrat abgesetzt und seine Ämter durch König Ferdinand neu zu besetzen seien." 129 Der König schickte schließlich Truppen, die Stadt unterwarf sich. In einem letzten verzweifelten Aufflammen des Widerstandes entschlossen sich hochgestellte conversos Aragoniens, den Inquisitor Pedro Arbúes umbringen zu lassen. Die Bluttat geschah am 16. September 1485 in der Kathedrale von Zaragoza – was die Kirche dazu veranlasste, den blutrünstigen Inquisitor Arbúes zunächst selig und 1867 gar heilig zu sprechen (das besorgte der seinerseits erst kürzlich von Papst Johannes Paul II. selig gesprochene antisemitische Papst Pius IX.). Die Folge der Bluttat war eine blutige Rache der Inquisition und die völlige Unterwerfung Aragoniens unter die Herrschaft Ferdinands. Dieser begann zu erkennen, wie zahlreiche Herrscher vor und nach ihm, dass die Inquisition ein Instrument sein kann, "das – richtig gehandhabt – sehr wohl auch der Festigung ihres eigenen Einflusses, ihrer eigenen Machtposition dienen konnte". 130

Todesstrafe wegen Reformversuchs - Jan Hus und Savonarola

Während nunmehr die Inquisition insbesondere in Spanien, Portugal und in Lateinamerika bis weit ins 18., teilweise bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts unbehelligt ihr Unwesen trieb und dort zeitweise für eine Lähmung des  literarischen Lebens sorgte, regte sich in Mitteleuropa neuer Widerstand. Der Tscheche Jan Hus (1369-1415) lehnte die päpstliche Hierarchie ab ("Petrus ist nicht das Haupt der Kirche und war es auch nie"), verurteilte das Ablasswesen und forderte unter Berufung auf die Bibel ein geläutertes Urchristentum. Er wurde exkommuniziert und zum Konzil nach Konstanz vorgeladen. Hus kam – mit einem Brief des deutschen Königs Sigmund (1368-1437), worin ihm freies Geleit zugesichert wurde. Die versammelten Kardinäle ließen Hus jedoch verhaften. Sigmund protestierte dagegen und drohte, das Konzil zu verlassen. Die Kardinäle drohten ihrerseits, das Konzil platzen zu lassen. "Keine von beiden Parteien aber konnte ernsthaft die Versammlung sabotieren, auf der die Hoffnungen des ganzen lateinischen Europa ruhten. Sigmund hatte die schlechteren Nerven und erklärte daher am 1. Januar 1415, das Konzil könne natürlich gegen alle vorgehen, die im Ruch der Ketzerei stünden." 131 Ein Machtkampf also – die Kirche war zwar angeschlagen durch ein jahrzehntelanges Schisma und die für jedermann sichtbare Dekadenz ihrer Amtsträger, doch der König von Deutschland und Ungarn wollte seine Macht erweitern, wollte vor allem die Kaiserkrone (er bekam sie 1437). Der Geleitbrief war sein Papier nicht wert; Hus wurde nach einem dramatischen Inquisitionsprozess auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Auch dem Dominikanermönch (ausgerechnet ein Dominikaner) Girolamo Savonarola (1452-1498) erging es nicht besser. Er begann in Florenz einen "Gottesstaat" aufzubauen, der auf den Prinzipien der Bergpredigt gründen sollte. Auch er erkannte wie Hus den Papst nicht als rechtmäßigen Herrscher der Kirche an. Als er die Einberufung eines Konzils forderte, um Papst Alexander VI. absetzen zu lassen, drohte dieser dem Stadtrat von Florenz mit der Exkommunikation der gesamten Stadtrepublik, wenn sie Savonarola nicht gefangen nähme. Auch diesen Machtkampf gewann die Kirche noch: Savonarola wurde 1498 eingesperrt, gefoltert, gehängt und anschließend verbrannt. Doch gleichzeitig vergab die römische Kirche die letzte Chance, durch eine Reform von innen ihre Einheit zu bewahren.

Luther: Zum Henker mit den Täufern!

 Nicht einmal zwanzig Jahre später kam dann die Spaltung durch Martin Luther (1483-1546). Der Augustinermönch wollte die Kirche zunächst nur erneuern. Er wandte sich gegen das Ablassunwesen, äußerte Sympathien für die unterdrückten Bauern und die Juden, sprach sich für Toleranz aus und ließ sich von mystischen Schriften inspirieren. Doch sehr rasch erkannte er, dass er auf diese Weise in Konflikte mit der Obrigkeit geraten musste. Er entschied sich dafür, sich auf die Seite der deutschen Fürsten zu stellen, die in Opposition zum katholischen Kaiserhaus standen. Auf diese Weise entstand eine neue – diesmal lutherische – Staatskirche. Luther selbst aber verwandelte sich binnen kürzester Zeit in einen der brutalsten Religionsverfolger seiner Zeit. Er rief die Obrigkeit dazu auf, den rebellischen Bauern, die sich bei ihren Forderungen – gemeinsam mit städtischen Bürgern – auf das Evangelium Jesu Christi beriefen, den Garaus zu machen: "Steche, schlage, würge hie, wer da kann!" Er forderte die Fürsten, die ihn beschützten, dazu auf, alle Prediger, die nicht von ihm und der neuen Obrigkeitskirche ordiniert waren, dem Henker zu übergeben: "Denn die andern, so ohne Amt und Befehl herfahren, sind nicht so gut, dass sie falsche Propheten heißen, sondern Landstreicher und Buben, die man sollte Meister Hansen befehlen und nicht zu leiden sind (ob sie auch gleich recht lehrten)." 132 Dies betraf insbesondere die Täufer, die in lutherischen Landen genau so unbarmherzig verfolgt wurden wie in katholischen oder reformierten – denn nach Luthers Auffassung gab es für sie nur eine Strafe: den Tod: "Aus diesem allem ist nun klar, dass weltliche Obrigkeit schuldig ist, Gotteslästerung, falsche Lehre, Ketzereien zu wehren und die Anhänger am Leib zu strafen ... Dieweil man doch sieht und greift, dass grobe, falsche Artikel in der Wiedertäufer Sekte sind, schließen wir, dass in diesem Fall die Halsstarrigen auch mögen getötet werden." 133 Die Gläubigen forderte er, ganz in der Tradition der katholischen Inquisition, zum Denunzieren der Andersgläubigen auf: "Und soll ihm auch bei Leib und Seel niemand zuhören, sondern ansagen und melden seinem Pfarrherrn oder Obrigkeit." 134 Wer die fremden Prediger nicht anzeigt, ist nach Luther "selbst schuldig" und wie der "Schleicher", der nicht-lutherische Prediger, "ein Dieb und Schalk". 135 Mit einem Wort: In dem ehemaligen Augustinermönch Luther brach das Augustinische wieder durch. Dazu passt, dass er sich zur Rechtfertigung der drakonischen Maßnahmen auf die antiken Ketzergesetze der augustinischen Zeit berief: "Auf diesen Fall ist das Gesetz in Codice gemacht durch Honorius und Theodosius, darin steht, dass man die Wiedertäufer töten soll." 136

Doch damit nicht genug: Luther forderte von der Obrigkeit auch den Tod von Prostituierten, Wucherern, "Hexen" und Ehebrechern (– gab aber dem Landgraf Philipp von Hessen die Erlaubnis zur Bigamie; neben der Ehefrau hatte der lutherische Landesherr eine 17-jährige Konkubine.)

Schließlich gehört Luther zu den furchtbarsten Antisemiten der Geschichte. Sein Hass auf die Juden (die er ursprünglich zu bekehren gehofft hatte) kannte keine Grenzen. In seinem Spätwerk "Von den Juden und ihren Lügen" (1543) rief er dazu auf, den Juden die Synagogen anzuzünden, ihre Häuser zu zerstören, ihren Rabbinern bei Todesstrafe Lehrverbot zu erteilen, die Juden auszuplündern und vom Handel auszuschließen, sie zur Zwangsarbeit zu verurteilen. "Ein solch verzweifeltes durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist’s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen." 137

Luthers Hassausbrüche gegen die Juden wurden 400 Jahre später mit grausamer "deutscher Gründlichkeit" in die Tat umgesetzt – und der "große Reformator", bis heute eine der beliebtesten Gestalten der deutschen Geschichte, nach dem unzählige Straßen und Plätze benannt sind, muss als einer der maßgeblichen Inspiratoren des nationalsozialistischen Judenhasses gelten. Die Nazis haben sich immer wieder auf ihn berufen. Hitler selbst sah in Luther "das größte deutsche Genie" 138; er war für den Führer "ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung, sah den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen." 139 Hitler rechtfertigte die Judenverfolgung damit, "dass er gegen die Juden nichts anderes tue als das, was die Kirche in 1500 Jahren gegen sie getan habe". 140 Der Philosoph Karl Jaspers stellte 1962 fest: Luthers "Ratschläge gegen die Juden hat Hitler genau ausgeführt". 141

Hexenverfolgung in ökumenischer Eintracht

Die Ausrottung einer anderen Bevölkerungsgruppe wurde hingegen sofort auf die Tagesordnung gesetzt: die der "Hexen". Papst Innozenz VIII. hatte 1484 in seiner "Hexenbulle" die Wirklichkeit des Hexenunwesens offiziell bestätigt. Nicht an Hexerei zu glauben galt von da an als Ketzerei. Der Dominikanermönch Heinrich Kramer (Institoris) brachte schon zwei Jahre später (1486) mit päpstlicher Druckerlaubnis das passende Lehrbuch zur Hexenjagd heraus, den berüchtigten "Hexenhammer". Luther wollte der katholischen Seite in der Bekämpfung des "Übels" nicht nachstehen – die Scheiterhaufen brannten in lutherischen (und reformierten) Gebieten genau so heftig wie in katholischen.
Die lutherischen Landesherren hatten es dabei besonders einfach, denn sie mussten sich nicht wie ihre katholischen Kollegen in jedem Detail mit der Kirche abstimmen – sie waren schließlich dank Luther weltliche und geistliche Oberherren in einer Person. Zahlreiche protestantische Regionalfürsten erkannten rasch die Vorteile des Hexenbrennens: Man konnte mit dem beschlagnahmten Vermögen der Opfer die Staatskasse auffüllen – ein Feilschen um die Aufteilung zwischen Staat und Kirche, wie anderswo, entfiel. Und man konnte gleichzeitig, durch geschickt eingefädelte Denunziationen, die letzte Opposition im Lande beseitigen.

Die spiegelbildliche Konstellation fand sich auf katholischer Seite in den geistlichen Fürstentümern. Die Fürstbischöfe wurden in der Tat die schrecklichsten Hexenbrenner. Trier, Köln, Mainz, Würzburg, Bamberg – die Hölle befand sich im 17. Jahrhundert an Rhein, Main und Mosel. Ganze Schlösser (etwa das Aschaffenburger Schloss Johannisberg) wurden mit Hexengeldern erbaut. Den Chefideologen hinter den schlimmsten Hexenbränden, etwa dem Bamberger Weihbischof Friedrich Förner (Amtszeit 1612-1630), ging es aber nicht ums Geld – hätten sie wirtschaftlich gedacht, so hätten sie den Ruin, in den z.B. Bamberg durch die Ausrottung des Stadtrats und fast der gesamten Kaufmannsschicht gestoßen wurde, vorhergesehen. Es ging ihnen um "die Schaffung einer vollkommenen, gottgefälligen Welt" 142 – im katholischen Sinne natürlich. Die Gesellschaft sollte von der "Hexensekte" gereinigt werden, und zwar, so die Historikerin Britta Gehm, durch "die Ausrottung des Bösen schlechthin, personifiziert in den Hexen und Zauberern". 143 Der Höhepunkt der Hexenbrände in Würzburg und Bamberg – entfacht durch zwei Bischöfe 144, die beide Neffen des bis heute verehrten Würzburger Fürstbischofs Julius Echter waren, ebenfalls ein großer Hexenbrenner – fiel in die zwanziger Jahre des 17. Jahrhunderts, für die katholische Seite keineswegs eine Zeit der Verwirrung und des Chaos. Im Gegenteil: Die katholische Liga hatte im 30-jährigen Krieg vorerst scheinbar die Oberhand behalten. Bischof Förner forderte Kaiser Ferdinand II. in dieser Siegeseuphorie sogar dazu auf, die protestantische Reichsstadt Nürnberg mit Waffengewalt zu rekatholisieren.

Der Habsburger Ferdinand (1619-37 Kaiser) war zwar von Jesuiten in Ingolstadt erzogen und ausgebildet worden und war demzufolge ein fanatischer Gegner der lutherischen "Ketzerei". Bei einer Wallfahrt zu Beginn seiner Regierung hatte er ein Gelöbnis abgelegt: "Lieber über eine Wüste herrschen, lieber Wasser und Brot genießen, mit Weib und Kind betteln gehen, den Leib in Stücke hauen lassen, als die Ketzer dulden." 145 Ohne diesen katholischen Fanatismus wäre Deutschland wohl ein 30-jähriger Religionskrieg erspart geblieben. Doch so glühend Ferdinand die Gegenreformation vorantrieb, so skeptisch war er gegenüber denjenigen, die ihn in punkto Fanatismus noch überboten. Ferdinand war Realpolitiker genug, um zu erkennen, dass nicht nur Förners Nürnberger Pläne nicht durchsetzbar waren, sondern dass auch die Würzburger und Bamberger Hexenbrennerei, die Ausrottung ganzer Familien, ganzer Straßenzüge, die Wirtschaftskraft seiner Verbündeten entscheidend schwächte. Er sorgte dafür, dass der Reichshofrat, ein juristisches Beratergremium, die Klageschriften von aus Bamberg geflüchteten Opfern der Hexenjagd positiv beschied und dadurch die Hexenjagd beendete (1630). Dem Einfluss der Ingolstädter Jesuiten ist diese Entwicklung sicher nicht zu danken, denn diese hatten einen der Herrscherkollegen Ferdinands, den bayerischen Kurfürsten Maximilian (1573-1651), schon als 17-jährigen Jugendlichen mit der Hexenverfolgung vertraut gemacht: Man ließ ihn bei Folterungen zusehen. Er schrieb an seinen Vater: " ... so hat man doch nit auf den rechten Grund kommen können, jedoch haben die Räte gute Inquisition halten lassen, vielleicht bringt man sie noch zuwegen." 146 Es ist nicht verwunderlich, dass der Höhepunkt der bayerischen Hexenprozesse in die Regierungszeit Maximilians fällt.

Der absolute Staat: stärker als die Kirche und doch unter ihrem Einfluss

Die Beispiele Maximilian und Ferdinand zeigen: Der Territorialstaat der Renaissance und des Barock gewann an Stärke. Die Kirche behielt zwar ihren Einfluss auf die Staatslenker, insbesondere über deren Erziehung. An einem Jugendlichen geht es nicht spurlos vorüber, wenn man sein Gewissen durch die Beobachtung von Folterszenen abstumpft. Doch die Regierenden gewannen eine gewisse Unabhängigkeit zurück, mussten sich im politischen Tagesgeschäft der unterschiedlichen Konfessionen in Deutschland auch einen gewissen Spielraum bewahren. Ähnlich wie in der Antike, in der sich nicht etwa der Papst, sondern Kaiser Konstantin als erster mit dem Titel "Stellvertreter Christi" schmückte 147, musste die Kirche anscheinend wieder die zweite Geige spielen – doch auch diese Rolle beherrscht sie virtuos. Erzieher, Lehrer, Beichtväter sorgen dafür, dass die zukünftigen Herrscher und Beamten von Kindesbeinen an "richtig" instruiert werden. Es gab zwar in Deutschland drei verschiedene Konfessionen – doch eine echte Wahlmöglichkeit zwischen ihnen hatte nur der jeweilige Fürst. Wer innerhalb eines Landesgebietes den Glauben wechseln wollte, musste auswandern. Und außer den drei staatskirchlichen Konfessionen – katholisch, lutherisch, reformiert – durfte es nichts geben. Waldenser, Hutterer, Böhmische Brüder wurden vertrieben, verfolgt.

Gewissensfreiheit - für die Kirche "Wahnsinn"

Erst in der Aufklärungszeit begann sich das zu ändern. Maria Theresia (Regierungszeit 1740-1780) hatte noch dafür gesorgt, dass die protestantischen Ketzer aus Österreich nach Siebenbürgen ausgesiedelt wurden, oft unter gewaltsamer Zurücklassung ihrer Kinder, die katholisch erzogen wurden. Ihr Sohn Josef II. jedoch (1780-1790) verkündete die Religionsfreiheit und begrenzte die Macht der Kirche, schoss dabei allerdings über das Ziel hinaus, indem er in sie hineinzuregieren versuchte. Das Papsttum verabscheute und bekämpfte die Errungenschaften der französischen Revolution – Menschenrechte, Demokratie, Religions- und Meinungsfreiheit – von Anfang an und das gesamte 19. Jahrhundert hindurch wie der Teufel das Weihwasser. Papst Pius VI. bezeichnete diese Ziele als "Ungeheuerlichkeiten" (monstra), Gregor XVI. verurteilte die Gewissensfreiheit 1832 als "Wahnsinn" (deliramentum). Die österreichische Verfassung von 1867, in der Presse-, Glaubens-, Gewissens- und Lehrfreiheit festgeschrieben wurden, in der alle religiösen Gemeinschaften einander gleichgestellt sein sollten, wurde von Pius IX. (in unseren Tagen selig gesprochen) als "abscheuliches Gesetz" (infanda lex) bezeichnet. 148 Leo XIII. 1878-1903) verkündete, "dass es niemals erlaubt ist, die Gedankenfreiheit, Pressefreiheit, Lehrfreiheit, sowie die unterschiedslose Religionsfreiheit zu fordern, zu verteidigen oder zu gewähren, als seien dies ebenso Rechte, welche die Natur dem Menschen verliehen". 149 Sein Nachfolger Pius X. (1903-14) bekämpfte schon vor Antritt seines Pontifikats die "Zeitirrtümer der Denk-, Gewissens-, Rede-, Kult- und Pressefreiheit" und führte ein perfektes innerkirchliches Spitzelsystem ein, eine Art "Kurial-Gestapo". 150 Ehe er den französischen Theologen Alfred Loisy exkommunizierte, hatte er von ihm die totale Unterwerfung gefordert mit den Worten: "Verbrenne, was du angebetet, bete an, was du verbrannt hast" – das Gleiche hatte die Kirche schon dem französischen Nationalidol Chlodwig gesagt. Und noch 1953 erklärte Kurienkardinal Alfredo Ottaviani in Bezug auf protestantische Minderheiten in Italien und Spanien: "In den Augen eines wahren Katholiken ist die sogenannte Duldsamkeit nicht am Platz." 151 Paul VI. (1963-78) warnte davor, die "rechte Freiheit des Gewissens" mit einer "falschen Gedankenfreiheit" zu verwechseln. Wen wundert es da, dass die Repression gegen religiöse Minderheiten insbesondere in "gut katholischen" Staaten wie Österreich-Ungarn weiterging? Dem Fürsten Metternich beispielsweise war schon eine freie "Bibelgesellschaft", die sich im verbündeten Russland breit machte, ein Dorn im Auge, denn, so Renate Riemeck: "Die Umrisse eines neuen, romfreien Christentums zeichneten sich ab. ... Mit dem Scharfblick des begabten Politikers erkannte der allmächtige Staatskanzler Österreichs, dass das Trachten nach einem Reich christlicher Brüderlichkeit eines Tages zu umwälzenden gesellschaftspolitischen Konsequenzen führen könnte ... Metternich aber hielt alle ‚Sekten’ ... für äußerst gefährlich. Er wurde nicht müde, die europäischen Regierungen vor den staatsgefährdenden Umtrieben religiöser ‚Schwärmer’ zu warnen. ‚Von allen Übeln, die heutzutage den Leib der Gesellschaft befallen haben, ist dasjenige, das vorzüglich die Aufmerksamkeit der Regierungen auf sich zu lenken verdient, das verbrecherische Spiel der Sekten’, schrieb er in einer geheimen Denkschrift." 152

Die "SA Jesu Christi" marschiert gegen die religiöse Minderheiten

Doch nicht nur in katholischen Staaten bestand weiterhin eine enge Liaison zwischen Thron und Altar. Die lutherische Kirche ist von der Staatslehre Martin Luthers her geradezu prädestiniert dazu, sich der Staatsgewalt anzudienern. Und das eher noch bei einer diktatorischen als bei einer demokratischen Staatsform. Der "starke Staat" passt einfach besser zur lutherischen Zwei-Reiche-Lehre, die Hubertus Mynarek wie folgt zusammenfasst: "Gemäß seiner Lehre gelten Staat und Kirche als die beiden Reiche zur rechten und zur linken Hand Gottes. Die Kirche stellt dem totalitären Fürstenstaat die Gläubigen als gehorsame Staatsdiener zur Verfügung, der Staat ... hilft der Kirche und ermordet eventuell Gegner der Kirche." 153 Der Christ hat nach Luthers Lehre der Obrigkeit unbedingt zu gehorchen, da jede Obrigkeit von Gott eingesetzt sei. Hatte Luther den Fürsten seiner Zeit empfohlen, "guten Gewissens" mit äußerster Härte gegen Bauern, türkische Kriegsgegner und Juden vorzugehen, so machte sich die lutherische Kirche gegen Ende der Weimarer Zeit daran, dem in den Sattel zu helfen, der bereits angekündigt hatte, mit allem aufzuräumen, was nicht seiner Sinnesart war: Adolf Hitler. Bereits 1930 veröffentlichte das "Deutsche Pfarrerblatt" einen Grundsatzbeitrag über das Verhältnis von NSDAP und Kirche, in dem zu lesen stand, es gehöre zu den Aufgaben der Männer der Kirche, in die "Tiefe der nationalsozialistischen Gedankenwelt" zu schauen und sich nicht durch "äußere Schönheitsfehler" abschrecken zu lassen. Unter einer "rauhen Schale" keime möglicherweise sogar "das beste Leben, das je aus der alten deutschen Eiche herauswuchs". Der Autor, ein Pfarrer Wienecke, verweist in diesem Zusammenhang auf Hitlers "Mein Kampf" (er hat ihn natürlich gelesen!), wo Hitler den Respekt vor den Amtskirchen zur Pflicht macht. Den ihr gebührenden Respekt zu erfahren, war für die Lutherkirche das Entscheidende – und ist es bis heute. Wienecke erklärt, die von Gott gewollte Aufgabe für die deutsche Politik sei die Förderung des "arisch-germanischen Menschen". Die Aufgabe von Theologie und Pfarrerschaft sei es, zu helfen, dass die Nazi-Bewegung nicht verrausche, sondern dass sie, "erfüllt von göttlicher Kraft unserem Volk Gesundung bringe". 154

Für diese Töne erfährt Wienecke von den Lesern – also von Pfarrern – nach eigener Aussage in einer "Fülle von Zuschriften ... begeisterte Zustimmung" – wohlgemerkt: 1930, noch drei Jahre vor Beginn des NS-Staates. Fast ein Viertel der bayerischen Pfarrer sind bereits 1931 Mitglieder der NSDAP, in anderen Landeskirchen noch mehr. 155 Im September 1933 konnte dann Pfarrer Schirrmacher in Hamburg zu den im Rauhen Haus – einer der bekanntesten Sozialeinrichtungen der evangelischen Diakonie – versammelten Diakonen sagen: "Wir begrüßen euch alle als die SA Jesu Christi und die SS der Kirche, ihr wackeren Sturmabteilungen und Schutzstaffeln im Angriff gegen Not, Elend, Verzweiflung und Verwahrlosung, Sünde und Verderben ... Evangelische Diakonie und Nationalsozialismus gehören in Deutschland zusammen ... Ich wünsche, dass unsere jungen Brüder in den Diakonieanstalten sämtlich SA-Männer werden." 156

In einem starken "Führerstaat" nach dem Geschmack der Mehrheit der lutherischen Pfarrerschaft war für "abweichende" religiöse Meinungen kein Platz. Bereits 1930 führte die evangelische Landeskirche in Bayern eine "Sektenerhebung" durch. Die Kirchengemeinden erhielten einen umfangreichen Fragebogen, in dem sie Angaben zu allen Personen machen sollten, die in ihrem Wirkungskreis einer kleineren Religionsgemeinschaft angehörten: Baptisten, Zeugen Jehovas, Neuapostolische Kirche, Adventisten, Pfingstler, Mennoniten ... 157 Dass diese Datenerfassung nicht statistischen Zwecken diente, sondern schon bald der Bekämpfung dieser Gemeinschaften, zeigte sich zwei Jahre später: Im Januar 1932 griff das Evangelische Sonntagsblatt die Zeugen Jehovas an. Unter der Überschrift "Gegen den Unfug der sog. Bibelforscher" – so nannten sich die Zeugen damals – war zu lesen: "Weite Kreise der Kirche kämpfen schon seit langem aus religiösen und kirchlichen, die Nationalsozialisten aus vaterländischen Gründen gegen dieses Unwesen. Dem bibelforscherischen Treiben, das in letzter Zeit in Bayern einen ganz besonders großen Umfang angenommen hatte, wurde nunmehr durch die Polizeidirektion München ein Ende bereitet." Die Druckschriften der Bibelforscher seien beschlagnahmt worden.

Das Sonntagsblatt musste zwar wenig später in einer Gegendarstellung einräumen, dass nur "einige Exemplare" tatsächlich eingezogen worden waren, vermeldete aber im gleichen Atemzug triumphierend, dass die "bayerische Polizei ... angewiesen ist, das Treiben der Sekte im Auge zu haben und ihre Schriften, wo sie angetroffen werden, wegzunehmen". 158 Diese Meldung – wohlgemerkt: aus dem Jahr 1932 – legt nahe, dass sich schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten die beiden Großkirchen (der bayerische Staat war zu diesem Zeitpunkt noch stärker klerikal beeinflusst) und die aufkommende nationalsozialistische Bewegung in Bezug auf religiöse Minderheiten sehr nahe standen. Dies bestätigte sich 1933, als der NS-Staat die Zeugen Jehovas zunächst in Württemberg verbot und der evangelische Volksbund dies am 24. April als Ausdruck einer "Bundesgenossenschaft zwischen Staat und Kirche" begrüßte. Auch der Münchner Kardinal Faulhaber bedankte sich im Mai 1933 in einem Brief an die Bayerische Staatsregierung, denn: " Die Gottlosenbewegung ist eingedämmt, die Freidenker können nicht mehr offen gegen Christentum und Kirche toben, die Bibelforscher können nicht mehr ihre amerikanisch kommunistische Tätigkeit entfalten." Auch das Evangelische Sonntagsblatt teilte den Lesern das Verbot der Bibelforscher in Bayern mit und fügte hinzu: "Wir ... erwarten von unseren Geistlichen, dass sie das Ihrige tun werden, um ein weiteres Auftreten der Sekte in ihren Gemeinden zu unterbinden." 159

So haben auch lutherische Pfarrer ihren Beitrag dazu geleistet, dass von den damals 25 000 deutschen Zeugen Jehovas 10 000 während des Dritten Reiches inhaftiert wurden. 1200 wurden ermordet. Denn der Aufruf im Sonntagsblatt war ein nur schlecht verhüllter Aufruf zur Denunziation. Andere Kirchenleitungen riefen tatsächlich "ihre Pfarrer und Pastoren dazu auf, für die ‚Gestapo Spitzeldienste zu leisten, um den Zeugen Jehovas das Handwerk zu legen’". 160 Die "Apologetische Centrale" der lutherischen Kirche in Berlin stellte nach der Machtergreifung Hitlers dem Reichspropagandaministerium und der Gestapo Material über die Zeugen Jehovas und andere Glaubensgemeinschaften zur Verfügung. (Die Nachfolge-Einrichtung der Apologetischen Centrale ist die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen – inzwischen wieder in Berlin beheimatet.)

Ehe die Zeugen Jehovas im Juni 1933 reichsweit verboten wurden, kam es in Berlin zu einer Zusammenkunft von Nazi-Vertretern der Ministerien und der Gestapo mit Vertretern der katholischen und der evangelischen Kirche. Der katholische Domkapitular Piontek forderte auf diesem Treffen "strenge staatliche Maßnahmen" gegen diese Gemeinschaft. Und der evangelische Oberkonsistorialrat Fischer begrüßte ebenfalls ein Verbot wegen der Gefahr für das "deutsche Volkstum", so das Protokoll. 161

Die Kirche war damit allerdings noch nicht zufrieden. Denn es gehört zur über ein Jahrtausend alten Praxis der Kirche, bei der Verfolgung religiöser Minderheiten nach dem Salamiprinzip vorzugehen: Erst eine angeblich besonders "schlimme" Gruppe herausgreifen und verbieten lassen, dann die anderen "Sekten". (Heute spielt Scientology die Funktion des "Dosenöffners" 162) Am 10. September 1933 kommentiert der Schriftleiter des "Evangelischen Deutschland" – damals ein maßgebliches Organ der protestantischen Seite – das Verbot der Zeugen Jehovas mit Dankbarkeit und fügt hinzu: "Die Kirche wird dankbar anerkennen, dass durch dieses Verbot eine Entartungserscheinung des Glaubens beseitigt worden ist. ... Damit ist jedoch noch keine vollständige Bereinigung der Sekten erreicht. Erwähnt seien nur die Neuapostolischen." 163

Eine solche evangelische Verlautbarung spricht für sich. In Zeiten, in denen sie sich frei fühlen, weil sie sich der Wertschätzung eines Staates sicher sind, der die Menschenrechte missachtet, sprechen Kirchenvertreter eben ungehemmt aus, was sie in demokratischen Zeiten hinter wohlgesetzten Floskeln verbergen – aber nichtsdestoweniger anstreben.

Dass die gemeinsame Verfolgung der Zeugen Jehovas und anderer "Sekten" nicht nur ein "Fehltritt" der Anfangszeit des "Tausendjährigen Reiches" war, belegen zwei Beispiele aus späteren Jahren: Im August 1937 ruft ein Vertreter des Landesbischofs der Bremischen Evangelischen Kirche dazu auf, Aktivitäten der Zeugen Jehovas umgehend an die Gestapo zu melden. Und als im Oktober 1939 Bibelforscher eine Flugschrift mit dem Titel "Krieg oder Frieden?" vor die Tür eines evangelischen Vikars aus dem Münsterland legen, verständigt dieser sofort die Polizei und teilt mit, wer nach seiner Meinung als Täter in Frage kommen könnte. 164

Man mag zu den Zeugen Jehovas stehen, wie man will: Sie gehörten nach Aussage von Mithäftlingen zu den mutigsten und standhaftesten Häftlingen in den Konzentrationslagern, praktizierten bis zuletzt einen gemeinschaftlichen Zusammenhalt. Sie waren die einzige religiöse Gruppe, die konsequent den Kriegsdienst verweigerte: Mindestens 250 Zeugen wurden deshalb hingerichtet. Katholische oder evangelische
Kriegsdienstverweigerer, die für ihre religiöse Überzeugung in den Tod gingen, kann man hingegen an den Fingern einer Hand abzählen. Was wäre geschehen, wenn die großen Kirchen nur einen Bruchteil des Widerstands gegen die Nazi-Diktatur aufgebracht hätten, den diese religiöse Minderheit vorlebte?

Wie brisant diese Frage bis heute geblieben ist, zeigt sich an kirchlichen Reaktionen auf Veranstaltungen zum Schicksal der Zeugen Jehovas im Dritten Reich: In Lohr (Landkreis Main-Spessart) erregte sich im Januar 2000 der evangelische Dekan Michael Wehrwein darüber, dass die Stadt Lohr den Zeugen Jehovas das Alte Rathaus für eine Ausstellung mit dem Thema "Standhaft trotz Verfolgung – Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime" zur Verfügung gestellt habe. Die Stadt habe "mit einer Sekte gemeinsame Sache" gemacht und lasse sich "vor die Zügel einer Gruppe spannen, die menschenverachtend ist". Zur Begründung verwies der Dekan auf die Ablehnung der Bluttransfusion durch die Zeugen und auf das "straffe Regiment" dieser religiösen Gruppierung.

"Wir müssen auch mit unseren Minderheiten fair umgehen", äußerte anders als der Dekan der Lohrer Bürgermeister Siegfried Selinger. Weshalb ist eine solche Stimme in der heutigen demokratischen Gesellschaft eigentlich so selten zu hören?

Die Ausgabe "Der Theologe Nr. 86" ist ein Auszug aus dem Buch Der Steinadler und sein Schwefelgeruch - Das neue Mittelalter. Das Buch kann bestellt werden beim Verlag Das Weisse Pferd., 464 Seiten, zum Sonderpreis von 14,90 € + Versandkosten.



Fußnoten

2  Eine ausführliche Beschreibung des kirchlichen Antisemitismus schon in der Antike findet sich bei Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums, Band 1, S. 117 ff. Vgl. auch die Zeitschrift "Der Theologe Nr. 4" - Die evangelische Kirche und der Holocaust", www.theologe.de/theologe4.htm
3  Eine aufschlussreiche Zusammenstellung solcher Stellen des Alten Testamentes findet sich in: "Tiere klagen – der Prophet klagt an", aus der Reihe: Der Prophet, Nr. 15, Verlag Das Wort, Max-Braun-Straße 2, 97828 Marktheidenfeld
4  Bernd Rill, Die Inquisition und ihre Ketzer, Puchheim 1982, S. 9
5  J. R. Grigulevic, Ketzer, Hexen, Inquisitoren, Ahriman-Verlag 1995, S. 49
6  ebenda, S. 56, 65
7  Zu Bücherverbrennungen durch die Kirche schon in der Antike: Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte, Band 3, S. 549 ff.
8  Rupert Lay, Nachkirchliches Christentum, Düsseldorf 1995
9  Herbert Haag, Worauf es ankommt – Wollte Jesus eine Zwei-Stände-Kirche?, Freiburg 1997
10  vgl. hierzu: Karen Jo Torjesen: Als Frauen noch Priesterinnen waren
11  Zum Vegetarismus im Urchristentum: Carl Anders Skriver, Die Lebensweise Jesu und der ersten Christen, Lübeck 1973, vgl. auch: Die ersten Christen waren Vegetarier in Der Theologe Nr. 7
12  Zu Origenes: Robert Sträuli, Origenes – der Diamantene, Zürich; sowie "Der Theologe Nr. 2" - Reinkarnation, www.theologe.de/theologe2.htm
13  vgl. hierzu: Ralph Woodrow, Die Römische Kirche – Mysterien-Religion aus Babylon, Marienheide 1992, oder auch: Der Theologe Nr. 32 - Die Sakramente und Kulte der Kirche
14  Deschner, Kriminalgeschichte, Band 3, S. 473
15  Herrmann, Kirchenfürsten, S. 78
16  ebenda, S. 80
17  Deschner, Kriminalgeschichte, Bd. 1, S. 160
18  Deschner, Abermals krähte der Hahn, S. 312
19  ebenda, S. 318
20  Deschner, Kriminalgeschichte, Bd. 1, S. 161
21  Deschner, Abermals krähte der Hahn, S. 320
22  ders., Kriminalgeschichte, Bd. 1, S. 217
23  ders., Abermals krähte der Hahn, S. 507
24  ders., Kriminalgeschichte, Bd. 1, S. 264. Konstantin ließ seine Frau Fausta und seinen Sohn Crispus hinrichten.
25  ders., Abermals krähte der Hahn, S. 474
26  ebenda, S. 467
27  ebenda
28  ebenda
29  ders., Kriminalgeschichte, Bd 1, S. 369
30  Deschner, Kriminalgeschichte, Bd. 1, S. 273
31  Näheres zur kirchlichen Judenverfolgung z.B. bei: Friedrich Heer, Gottes erste Liebe oder Gerhard Czermak, Christen gegen Juden
32  Deschner, Abermals krähte der Hahn, S. 474
33  ebenda, S. 476
34  Grigulevic, a.a.O., S. 60f.
35  Deschner, Abermals krähte der Hahn, S. 475
36  ders., Kriminalgeschichte, Bd. 1, S. 450
37  ebenda, S. 450f.
38  ders., Abermals krähte der Hahn, S. 476
39  Grigulevic, a.a.O., S. 60
40  ebenda, S. 58
41  ebenda, S. 58, 59
42  Deschner, Kriminalgeschichte, Bd. 1. S. 403
43  ebenda, S. 404
44  ebenda, S. 423
45  ebenda, S. 429
46  Rill, a.a.O., S. 27 f.
47  Josef Dirnbeck, Die Inquisition, München 2001, S. 52
48  Rill, a.a.O., S. 27
49  ebenda
50  Deschner, Kriminalgeschichte, Bd. 2, S. 258
51  ebenda, S. 265
52  ebenda, S. 260
53  ebenda, S. 261
54  ebenda, S. 268
55  Museion 2000, 5/1997, S. 29
56  Woodrow, a.a.O., S. 87
57  Deschner, Kriminalgeschichte, Bd. 4, S. 54
58  Museion 2000, 1/99, S. 16
59  Deschner, Kriminalgeschichte, Bd. 4, S. 173
60  ebenda, Bd. 2, S. 416
61  Präexistenz = die Existenz der Seele vor der Zeugung des Menschen
62  Deschner, Kriminalgeschichte, Bd. 4, S. 479
63  ebenda, Bd. 6, S. 71
64  ders., Abermals krähte der Hahn, S. 240
65  ebenda, S.222
66  Rill, a.a.O., S. 31
67  Grigulevic, a.a.O., S. 65
68  Eugen Roll, Die Katharer, Stuttgart 1987, S. 41
69  Grigulevic, a.a.O, S. 82
70  Deschner, Kriminalgeschichte, Bd. 6, S. 539
71  Grigulevic, a.a.O., S. 84
72  engl. "honeymoon" = der erste Monat nach der Heirat
73  Rill, a.a.O., S. 38
74  Walter Nigg, Das Buch der Ketzer, Zürich 1986, S. 257
75  Rill, a.a.O., S. 40
76  Grigulevic, a.a.O., S. 84 f.
77  Rill, a.a.O., S. 40
78  Grigulevic, a.a.O., S. 86
79  Universelles Leben, Die verfolgten Nachfolger Christi, Würzburg 1987, S. 117
80  Grigulevic, a.a.O., S. 87
81  Rill, a.a.O., S. 42
82  Nigg, a.a.O., S. 228
83  Grigulevic, a.a.O., S. 88
84  ebenda, S. 89
85  Rill, a.a.O., S. 42
86  Burchard Brentjes, Der Mythos vom Dritten Reich, Hannover 1997, S. 42
87  Rill, a.a.O., S. 43
88  ebenda, S. 28
89  Grigulevic, a.a.O., S. 91 ff.
90  Michael Baigent, Richard Leigh, Als die Kirche Gott verriet – die Schreckensherrschaft der Inquisition, Bergisch Gladbach 2000, S. 39
91  Grigulevic, a.a.O., S. 95
92  Rill, a.a.O., S. 47
93  Baigent, a.a.O., S. 45
94  ebenda, S. 46
95  Rill, a.a.O., S. 46
96  Grigulevic, a.a.O., S. 102
97  Rill, a.a.O., S. 47
98  Dirnbeck, a.a.O., S. 130
99  Deschner, Kriminalgeschichte, Bd. 7, S. 235
100  Grigulevic, a.a.O., S. 103
101  Deschner, Kriminalgeschichte, Bd. 7, S. 254
102  Rill, a.a.O., S. 46
103  Grigulevic, a.a.O., S. 106
104  Baigent, a.a.O., S. 58
105  Grigulevic, a.a.O., S.107
106  ebenda, S. 108
107  ebenda, S. 108
108  Hubertus Mynarek, Die neue Inquisition, Verlag Das Weiße Pferd, Marktheidenfeld 1999, S. 27
109  Museion 2000, Nr. 4/1995, S. 26
110  Baigent, a.a.O., S. 95
111  Grigulevic, a.a.O., S. 317
112  Baigent, a.a.O., S. 52
113  Rill, a.a.O., S. 50
114  Baigent, a.a.O., S. 53
115  Grigulevic, a.a.O., S. 100
116  Rill, a.a.O., S. 50
117  Grigulevic, a.a.O., S. 118
118  ebenda, S. 119
119  ebenda
120  ebenda, S. 119 f
121  ebenda, S. 124 f
122  ebenda, S. 125
123  Deschner, Abermals krähte der Hahn, S. 482
124  Baigent, a.a.O., S. 54
125  Grigulevic, a.a.O., S. 106
126  H. Ch. Lea, Geschichte der Inquisition im Mittelalter, Bd. 1, S. 677, zit. nach Grigulevic, a.a.O., S. 108 f
127  Rill, a.a.O., S. 216
128  Karlheinz Deschner, Opus Diaboli, S. 28
129  Rill, a.a.O., S. 220 ff
130  Grigulevic, a.a.O., S. 101
131  Rill, a.a.O. S. 186
132  Hans-Jürgen Böhm, Die Lehre M. Luthers – ein Mythos zerbricht!, Postfach 53, 91284 Neuhaus (Eigenverlag), 1994, S. 185
133  ebenda, S. 193
134  ebenda, S. 182
135  ebenda, S. 182
136  ebenda, S. 192
137  Der Theologe, Die evangelische Kirche und der Holocaust, Postfach 1443, 97864 Wertheim, S. 5, siehe auch www.theologe.de/theologe4.htm
138  Brigitte Hamann, Hitlers Wien, München 1996, S. 358
139  Der Theologe, a.a.O., S. 9
140  Friedrich Heer, Gottes erste Liebe, München 1981, S. 406
141  Karl Jaspers, Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, München 1962, S. 90
142  Britta Gehm, Die Hexenverfolgung im Hochstift Bamberg und das Eingreifen des Reichshofrates zu ihrer Beendigung, Hildesheim 2000, S. 269
143  ebenda, S. 113
144  Würzburg: Philipp Adolf von Ehrenberg (1623-31); Bamberg: Johann Georg Fuchs von Dornheim (1623-33) – der Onkel Julius Echter hatte sich persönlich um die katholische Erziehung der Neffen gekümmert
145  Georg Rusam, Österreichische Exulanten in Franken und Schwaben, Neustadt an der Aisch, 1989, S. 52
146  Sigmund von Riezler, Geschichte der Hexenprozesse in Bayern, Stuttgart o.J., S. 195
147  Deschner, Kriminalgeschichte., Bd. 1, S. 243
148  ders., Abermals krähte der Hahn, S. 483
149  ders., Die Politik der Päpste im 20. Jahrhundert, Hamburg 1991, S. 176
150  ebenda, S. 170, 173
151  ebenda, S. 176
152  Renate Riemeck, Moskau und der Vatikan, Basel 1988, S. 60
153  Mynarek, a.a.O., S. 119
154  Der Theologe, a.a.O., S. 14 f
155  ebenda, S. 16
156  Ernst Klee, Die SA Jesu Christi, Die Kirche im Banne Hitlers, Frankfurt 1989, Impressumseite
157  Der Theologe, a.a.O., S. 14, www.theologe.de/theologe4.htm
158  ebenda, S. 17 f
159  Detlev Garbe, Glaubensgehorsam und Märtyrergesinnung, Die Verfolgung der Zeugen Jehovas im Dritten Reich, EZW-Texte Nr. 145, Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Berlin 1999, S. 9
160  Besier/Scheuch (Hg.), Die neuen Inquisitoren, Band 2, S. 120
161  Garbe, a.a.O., S. 10
162  Besier/Scheuch, a.a.O., S. 33. Vgl. auch: Renate Hartwig, Die Schattenspieler, direct verlag 2002
163  Garbe, a.a.O., S. 10
164  ebenda


Lesen Sie auch:
Der Theologe Nr. 12 - Der Sektenbeauftragte - der neue Inquisitor
Der Theologe Nr. 89 - Der Inquisitor, "der alle Register zog": Der Sektenbeauftragte Dr. Wolfgang Behnk

 

Der Text kann wie folgt zitiert werden:
Zeitschrift "Der Theologe", Hrsg. Dieter Potzel, Ausgabe Nr. 86, Matthias Holzbauer, Wie die Kirche den Staat 20 Jahrhunderte lang zur Verfolgung der Urchristen anstiftete, Wertheim 2003, zit. nach http://www.theologe.de/inquisition_bedeutung_kirche_staat.htm, Fassung vom 6.3.2016

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