DER THEOLOGE
Nr. 64
Hildegard von Bingen - eine weise
Frau und Gottesprophetin,
zur "Kirchenlehrerin" degradiert
Wussten Sie schon, dass die
berühmte deutsche
Mystikerin des Mittelalters, Hildegard von Bingen
(Sommer 1098 nahe Alzey - 17.9.1179), im Mai 2012, also mehr als 800
Jahre nach ihrem Tod, von Papst Joseph Ratzinger in das Verzeichnis der katholischen
"Heiligen"
eingeschrieben wurde? Und dass sie im Oktober 2012 auch noch mit dem Titel
"Kirchenlehrerin" bedacht wurde?
Eine Frage dazu ist, ob das alles für die
"große deutsche Prophetin", wie sie auch genannt wird, wirklich eine Ehre
darstellt – oder nicht vielmehr eine Degradierung bzw. eine Herabwürdigung, ja sogar
eine Beleidigung, gegen
die sie sich nicht mehr wehren kann? Denn niemand hatte sie je gefragt, ob sie
überhaupt "Kirchenlehrerin"
sein will. Und kein Vertreter des Katholizismus hat öffentlich die Frage gestellt, ob ihr das überhaupt
recht gewesen wäre? Und so könnte man nun stattdessen fragen: Was hat sie denn davon, dass sie 2012
zur
"Heiligen"
und Kirchenlehrerin gemacht worden ist?
Gemeinsam mit dem Kirchenlehrer und Heiligen Thomas von Aquin (1225-1274) dürfe
sie von ihrem neuen Ehrenplatz aus z.B. jetzt
die grässlichen höllischen
"Strafen der Gottlosen vollkommen schauen", wie Thomas von Aquin
über die Heiligen lehrte (zit. nach Markus Enders, Jahrbuch für
Religionsphilosophie, Band 7, Redaktion: Institut für Systematische Theologie
der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Frankfurt am Main 2008, S. 82).
Ob das Thomas von Aquin aber Recht wäre, bei jener sadistisch-voyeuristischen Schau nun
eine Frau an seiner Seite zu haben, muss bezweifelt werden. Denn die Frau
ist laut Thomas
von Aquin von Natur aus mit weniger Tugend und Würde ausgestattet als der Mann"
(Summa theologia
I/92/1) und
zudem "ist das Weib dem Manne von Natur aus unterworfen"
(Summa theologia
I/92/2).
Und jetzt soll Hildegard dadurch ihre "Seligkeit besser gefallen",
dass sie sich daran ergötzen dürfe, wie Männer, denen sie allesamt auf Erden unterworfen
war, im Höllenfeuer brennen. Würde nun Thomas von Aquin einen solchen jenseitigen
Zustand an der Seite von Hildegard von Bingen akzeptieren oder hat er bereits
"Reißaus" genommen, nachdem Hildegard angeblich bereits neben ihm Platz
genommen habe?
Was wie eine Satire klingt, ist leider bitterernst. Lesen Sie mehr Informationen
zur den Hintergründen der Verehrung von Hildegard von Bingen durch die Vatikankirche.
Jedes Geschöpf ist mit einem anderen
verbunden
Statt
Degradierung: Hildegard soll Status der Gottesprophetin zurück gegeben werden
Das Lebenswerk von Hildegard und die Abwertung der
Frau in der Kirche
Irreführung und Betrug an der Bevölkerung
Die Berufung zur Gottesprophetin
Warum "Kirchenlehrerinnen"?
Verfälschungen
Hildegard von Bingen und die Katharer
Die Traumatisierung Hildegards Kritik von asketischen
Zeitgenossen
Hildegard von Bingen entlarvt die
Kirchenführer
Hildegard von Bingen kann sich nicht
mehr wehren
Viele hatten ja gedacht, die berühmte Äbtissin der Benediktinerinnen, Mystikerin und Seherin aus dem 12.
Jahrhundert sei von der Kirche längst "heilig" gesprochen worden. Doch dem war
offiziell nicht so, auch wenn der Name der bekannten Nonne bereits seit 1584 inoffiziell im
"Heiligenkalender" stand. Erst am 10.5.2012 schrieb sie Papst Joseph Ratzinger
kirchlich verbindlich in das katholische Verzeichnis der Heiligen der
Vatikankirche ein.
Und am 7. Oktober 2012 wurde Hildegard von Bingen auch noch zur
"Kirchenlehrerin" ernannt. Ihr offizieller katholischer "Titel" lautet
dann "doctor ecclesiae". Die dafür notwendigen innerkirchlichen
Kriterien für den Titel "Kirchenlehrer" oder "Kirchenlehrerin" sind: "Rechtgläubigkeit" im Sinne des katholischen
Dogmas (orthodoxa doctrina), "herausragende Lehre" (eminens doctrina), ein hoher
Grad von angeblicher Heiligkeit (insignis vitae sanctitas), offizielle Erhebung
durch die Kirche (ecclesiae declaratio). Zuständig ist die Kommission für
"Heiligsprechungen" im Vatikan (zit. nach Wikipedia: Stand: 9.10.2012).
Und im Vatikan passiert bekanntlich nichts zufällig. Eines der Motive solchen Handelns
ist die Imagepflege. Der Vatikan wird seit 2010 durch
die Aufdeckung immer neuer Kinderschänderverbrechen durch Priester erschüttert.
Seit 2012 kamen dann verstärkt interne Enthüllungen
über hauseigene Machtkämpfe, Korruption und Geldwäsche im großen Stil ans
Tageslicht. Und besonders in Deutschland und Österreich gehen protestierende Katholiken auf
die Barrikaden gegen mangelnde Reformbereitschaft des Klerus und gegen
schmerzhafte Einschnitte in die Infrastruktur der Ortskirchen aufgrund der
zunehmenden Kirchenaustritte und des Priestermangels. Und auch mit seinem
Alleingang beim Versuch, die erzreaktionären
Pius-Brüder in den
Schoß der Kirche zurück zu holen, gerät Papst Joseph Ratzinger mehr und mehr ins Abseits.
"Jedes Geschöpf ist mit einem anderen verbunden"
Hildegard von Bingen passt zudem gut in die heutige Zeit hinein. Vieles von
dem, was sie lehrte, ist heute sehr aktuell. Sie liebte und erforschte die
Natur, die Tiere, die Pflanzen und die Mineralien, und sie sah im Universum die
faszinierenden Zusammenhänge zwischen dem
Mikrokosmos des Menschen und seiner Umgebung und dem Makrokosmos des Weltalls.
Dazu gab sie unzählige Anregungen für Ernährung und Heilkunde, man spricht
heute sogar von Hildegard-Medizin und betrachtet Hildegard von Bingen manchmal
als erste Ärztin. Auch würde man heute sagen: Sie dachte ökologisch: Alles steht mit allem in Verbindung,
so ihre Gesamtschau, die sie bis ins Detail entfaltete.
Sie schrieb: "Jedes Geschöpf ist mit einem anderen
verbunden, und jedes Wesen wird durch ein anderes gehalten." (Hildegard von
Bingen, Welt und Mensch, zit. nach
http://www.zitate-welt.de/zitate/autor.php?autor=Hildegard+von+Bingen&id=173)
"Hildegards Annahme, dass Menschen, Tiere, Steine und Pflanzen alle in einer
Unzahl von Wechselwirkungen miteinander verknüpft sind (´Alles, was in der
Ordnung Gottes steht, antwortet einander`), ist in gewisser Hinsicht eine
Vorwegnahme der Quantenphysik", schreibt welt.de (7.10.2012)
Wörtlich schrieb Hildegard von Bingen weiterhin: "Oh
Mensch, schau dir den Menschen an: Er hat Himmel und Erde und die ganze übrige
Kreatur in sich. In ihm ist alles verborgen schon vorhanden. Oh wie herrlich ist
Gott, Der schöpferisch wirkt und Seine eigene Herrlichkeit durch die Geschöpfe
offenbart. Wenn du zu deinem Schöpfer aufblickst und sagst 'Mein Gott bist du',
dann entzündet sich in dir das Feuer der Liebe, aus der alles Leben entsteht und
alles Gute hervorgeht. Du hast also die Wahl, denn du kannst nicht zwei Herren
dienen. Darum, oh Mensch, schau auf zu deinem Gott - und die Erde wird neu
werden!"
(aus: Scivias, zit. nach
www.abtei-st-hildegard.de).
Hildegard
von Bingen war auch sehr musikalisch. Sie dichtete und komponierte, und sie setzte sich mit einem erstaunlichen Stehvermögen in einer
ausschließlich von Männern dominierten Welt durch – und in einer Kirche, in der
bis heute das Wort aus dem 1. Korintherbrief des Paulus der Bibel als
"Gottes" unfehlbares und verbindliches Wort gilt: "Das Weib schweige in der Gemeinde!"
(1. Korinther 14, 34)
"Der Mensch hat Himmel und Erde und die ganze übrige Kreatur in sich,"
so die Worte von Hildegard von Bingen. Und lehrte
nicht auch Jesus von Nazareth etwas Ähnliches, als Er sagte: "Das Reich Gottes
ist inwendig in euch"?
Der Mensch trägt also alles Göttliche in sich. Es braucht folglich keine
Priester, keine Hostie, keine Wassertaufe, kein kirchliches Steinhaus und
dergleichen. Hildegard von Bingen zeigte die Einheit allen Lebens auf, wenn
sie erklärte, dass der Mensch "alle Kreatur", also auch die Teilseelen der
Tiere, in sich trägt, was zu einem ganz anderen Umgang den Tieren und der Natur
gegenüber führt als die Grausamkeiten, die sich bis zum heutigen Tag im
kirchlichen Abendland heraus gebildet haben.
Statt Degradierung und Vereinnahmung: Hildegard soll Status der Gottesprophetin zurück gegeben werden
Doch was
ist aus dem geworden, was Hildegard erfahren und gelehrt hat?
Gott offenbart nach den Worten Hildegards Seine Herrlichkeit durch die
Geschöpfe, also durch alles, was Er geschaffen hat. Das bedeutet, dass Gott auch
in der gesamten Schöpfung zu finden ist. Was aber hat die Kirche aus
dieser Lehre der Gottespropheten, des Jesus
von Nazareth und aus den
ähnlich lautenden Aussagen der Hildegard von Bingen gemacht?
Sie verteufelt sie
bis heute als "Pantheismus".
Das kirchliche Dogma missachtet
grob die Einheit allen Lebens und hat die Menschen stattdessen äußeren Ritualen und Zeremonien unterworfen und an
die Priester festgebunden, die angeblichen "Vermittler" zwischen Gott und den Menschen, die der Mann aus Nazareth in Wahrheit nie eingesetzt hatte.
Und was hat die Kirche mit der Erkenntnis Hildegards gemacht, dass Menschen und Natur gemeinsam ein Teil
dieser großen Einheit
sind, die von Gott beatmet wird, und dass alles mit allem in Verbindung steht?
In den Dogmen und Lehrsätzen der Kirche wird der Natur und der Tierwelt die Beseeltheit
eindeutig abgesprochen (siehe dazu
hier).
Und fast
alle Menschen wurden blutig verfolgt, die solches gelehrt haben. Hildegard
selbst ist mit Weisheit und Geschick der Verfolgung
gerade noch einmal entkommen. Die Kirche ist also nicht nur mitverantwortlich,
sondern hauptverantwortlich für die Naturverachtung und
heutige Ausbeutung, die uns
auch immer tiefer in die gegenwärtige Klimakatastrophe hinein führt.
Rechts:
Miniatur aus dem Rupertsberger Codex des Buches Scivias von Hildegard von
Bingen (Lizenz: gemeinfrei)
- Die Feuerflammen symbolisieren: Die Prophetin Hildegard von Bingen empfängt
eine Gottesoffenbarung. Zu einem echten Propheten, der in Verbindung mit dem
"Wesenskern" seiner Seele steht, können Gott und die geistige Welt sprechen. Zum
Priester und Theologen, der hier staunend daneben steht, nicht. Der Konflikt
zwischen Prophet und Priestern, die nicht auf die Gottespropheten hören, währt
bereits seit Tausenden von Jahren.
Denn die
Vatikankirche hält sich weiter an fast seelenlose Männer wie Augustinus oder Thomas von Aquin,
für welche z.B. Tiere und Natur "vernunftlose Wesen" seien, ohne unsterbliche
Seele und einzig dem menschlichen Nutzen unterworfen. Es seien Geschöpfe, die
man nicht zu lieben brauche, so die Kirchenlehre (vgl. Katholischer
Katechismus Nr. 2418) oder, wie es der "heilige"
Thomas von Aquin sinngemäß lehrte, es spiele keine Rolle, ob man Tiere gut oder
schlecht behandele und Freundschaft mit ihnen sei nicht möglich. Man könne -
wörtlich - "nur bildhaft davon sprechen, dass ihnen etwas Gutes oder Böses
zustößt", da sie "vernunftlos" seien und vielfach dazu bestimmt, vom Menschen
verzehrt zu werden. (Summa
theologica II. 64. I)
Warum folgte man also bis heute eiskalten Intellektuellen wie Augustinus oder Thomas von Aquin und
nicht einer Frau wie Hildegard von Bingen? Denn Augustinus und Thomas
von Aquin gelten schon lange als Kirchenlehrer.
Daraus ergibt sich für uns folgende Forderung an die Romkirche: Entweder man
erkennt Augustinus und Thomas von Aquin den Titel
"Kirchenlehrer" wieder ab, oder man gibt Hildegard von Bingen
von Bingen den Status der
"Gottesprophetinnen" wieder zurück, statt sie ebenfalls zu Kirchenlehrerin zu degradieren.
Dies ist eine unzulässige Vereinnahmung. Und dies gilt auch für zwei der drei
anderen noch existierenden "Kirchenlehrerinnen" (Therese von Avila, Katharina
von Siena, Therese von Lisieux), die vom Vatikan ebenfalls auf diese Weise
degradiert wurden, Theresa von Avila und Katharina von Siena.
Bedenken wir: Was hat die Kirche aus dem Vorbild
von Hildegard von Bingen, einer großen Frau, gemacht, die
der damaligen Männerwelt an Geistestiefe weit überlegen war? Rund 400 Jahre nach
(!) dem Tod von Hildegard von Bingen begannen in Mitteleuropa die Scheiterhaufen
für Abweichler von der Kirchenlehre zu brennen, auf denen auch
Zehntausende von angeblichen "Hexen" lebendig verbrannt wurden, deren
Verbrechen vielfach ihre Intelligenz war. Ein Papst, Innozenz
VIII., hatte 1487 mit seiner "Hexenbulle" die päpstliche Erlaubnis und zugleich
den Startschuss dazu gegeben.
Doch für die bestialische Gewalt der Kirche gegen Frauen waren auch noch weitere
"heilige Kirchenlehrer" verantwortlich, z. B
Kyrill von Alexandria, dessen
Anhänger bereits im Jahr 415 die angesehene Naturphilosophin Hypatia, eine
geistig Verwandte von Hildegard von Bingen, nackt auszogen, auf den Altar der
katholischen Kirche legten und dort mit Glasscherben in Stücke schnitten. Man
geht davon aus, dass der Heilige und "Doctor ecclesiae" den Ritualmord befohlen ha,
da Hypatia weder zum Katholizismus konvertierte noch sich als Nichtkatholikin an das Gebot
der Bibel "Die Frau schweige in der Gemeinde" halten wollte, was
Kirchenlehrer Kyrill aber nicht nur auf die Kirchengemeinde, sondern auf die
ganze Gesellschaft bezog..
Hildegards Lebenswerk und die Abwertung der Frau in der Kirche
Und was macht man heute mit Hildegard von Bingen?
Man schickt sie zu Kyrill und zu Augustinus in den "Himmel" der "Heiligen" und zu Thomas von
Aquin, der lehrt: "Damit
den Heiligen die Seligkeit besser gefalle und sie Gott noch mehr dafür danken,
dürfen sie die Strafen der Gottlosen vollkommen schauen" (zit. nach Markus
Enders, Jahrbuch für Religionsphilosophie, Band 7, Redaktion: Institut für
Systematische Theologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Frankfurt am
Main 2008, S. 82). Und Thomas von Aquin schreibt weiter:
"Gemäß diesem
Unterordnungsverhältnis ist das Weib dem Manne von Natur aus unterworfen. Denn
im Manne überwiegt von Natur aus die Unterscheidungskraft des Verstandes" (Summa
theologia I/92/2). Und: "Die Frau ist von Natur aus mit weniger Tugend und
Würde ausgestattet als der Mann. Denn immer ist das ehrenwerter, was handelt,
als das, was erleidet, wie Augustinus sagt"
(Summa theologia I/92/1).
Schließlich lehrt Thomas von Aquin, "dass es notwendig war, dass die Frau
wurde, wie die Schrift sagt, als Hilfe des Mannes; freilich nicht als Hilfe
irgendeines anderen Werkes, wie einige sagten, weil ja zu jedem anderen Werk der
Mann durch einen anderen Mann entsprechendere Unterstützung fände als durch eine
Frau; sondern als Hilfe zur Fortpflanzung" (I/92/1).
Dies alles veröffentlichte der große Kirchenheilige und Kirchenlehrer ca. 100 Jahre nach
(!)
Hildegard von Bingen. Dies war, wenn man es so sehen will, also der
damalige "Fortschritt" in der Kirche. Doch Hildegard stellte sich keinem Mann als
dauernde Fortpflanzungshilfe zur Verfügung, worin demnach ihre Aufgabe bestanden
hätte. In der Konsequenz seines Denkens hat Thomas von Aquin Hildegard von Bingen
dann in seinem Werk auch mit keinem Wort erwähnt. Denn Hildegard war in Deutschland
die erste Frau, die sogar öffentlich gepredigt hatte, z. B. in
Mainz, Würzburg, Bamberg, Trier, Metz, Bonn und
Köln. Ihre
Nichterfüllung der ihr von der Kirche als Frau zugeschriebenen Mutterrolle und
ihre Einweisung als Jugendliche in das Benediktiner-Kloster hatte jedoch
nichts mit kirchlich-asketischen Verklemmungen und Verteufelungen der
Körperlichkeit zu tun. So beschreibt Hildegard
positiv auch die
natürliche
Sexualität zwischen Mann und Frau.
Hildegard von Bingen war daran gelegen,
den Menschen bei ganz praktischen Alltagsfragen weiter zu helfen. So schrieb sie nach ihrem Buch Wisse die Wege auch noch die beiden
Bücher Buch der Lebensverdienste und Buch der göttlichen Werke,
gezwungenermaßen auf Latein, also Liber Vitae Meritorum und Liber
Divinorum Operum. Begleitend dazu schrieb und komponierte sie zahlreiche Lieder,
die in
einem eigenen Liederbuch zusammen gefasst sind, der Symphonie der Harmonie der
himmlischen Erscheinungen (Symphonia
armonie celestium revelationum). Auch fertigte sie selbst die Bauzeichnungen
für ihr Kloster.
Bekannt wurde Hildegard von Bingen aber vor allem durch für die damalige Zeit
einzigartige Medizin-
und Naturkundebücher, z. B. Liber simplicis medicinae bzw. physica.
Eines davon ist ein Buch über die Ursache und Entstehung der verschiedenen Krankheiten,
Causae et Curae,
ein anderes ein Buch über das Wesen, also die Beschaffenheit und
Heilkraft, der verschiedenen Kreaturen und Pflanzen
(Liber subtilitatum diversarum naturarum
creaturarum).
Zu ihrem Lebenswerk gehören weiterhin Bücher über Tiere,
ein spezielles über Vögel und Fische, Bücher über Pflanzen, darunter ein eigenes
über Bäume, und Bücher über Steine und die Elemente der Erde. Dies nur einige
Beispiele.
Seit ihrer offiziellen Heiligsprechung 2012 dürfe Hildegard von Bingen ihre Zeit
bzw. "Ewigkeit" nun aber angeblich zusammen
mit den drei Männern Kyrill von Alexandria, Augustinus und Thomas von Aquin in
dem so genannten "Himmel" der "Heiligen" verbringen. Und sie dürfe sich nun
daran
ergötzen, wie Männer, denen sie auf Erden unterworfen wurde, im Höllenfeuer
brennen - eine Unverschämtheit gegenüber dieser genialen Frau. Außerdem müsste
man hier auch einmal folgende Frage stellen: Würde beispielsweise Thomas von Aquin einen solchen
jenseitigen Zustand an der Seite von Hildegard von Bingen überhaupt akzeptieren?
Oder hat
er bereits "Reißaus" genommen, nachdem Hildegard angeblich neben ihm Platz
genommen habe?
Irreführung und Betrug an der Bevölkerung
Was wie eine Satire
klingt, ist leider bitterernst. So
kann man eindeutig sagen: Die Kirche schmückt sich hier mit fremden
Federn. Sie vereinnahmt eine Frau für sich, deren Lehre und Vorbild sie in
entscheidenden Punkten missachtet und vor allem nicht umgesetzt hat. So, wie sie
den Namen des Jesus von Nazareth zwar im Munde führt, Seine Lehre und Sein
Vorbild aber ebenfalls bis heute mit Füßen tritt. Dieses Verhaltensmuster lässt sich immer wieder in der Kirchengeschichte
beobachten: Große Männer und Frauen werden zu Lebzeiten verdächtigt, verfolgt,
verleumdet, nicht wenige auch umgebracht – doch nach einer gewissen Zeit, wenn
sie lange tot sind, werden sie dann von der Kirche vereinnahmt und so, als ob
nichts gewesen wäre, ganz selbstverständlich für das Amtskirchentum beansprucht. Was sie
gebracht haben, wird jedoch auch weiterhin nicht umgesetzt. Ist solches Handeln
aber nicht in Wahrheit ein Betrug, eine Irreführung des Volkes?
Dazu passt auch, was Papst Joseph Ratzinger selbst
am 1. September 2010 bei einer Generalaudienz über Hildegard sagte: "Die
Person", so Ratzinger, "die mit übernatürlichen Gaben beschenkt wird, ...
unterstellt sich im Gehorsam der Autorität der Kirche. Jede Gabe des Heiligen
Geistes trägt zum Aufbau der Kirche bei, und es ist die Kirche, die wiederum
durch ihre Hirten deren Authentizität anerkennt" (zit. nach
http://www.abtei-st-hildegard.de/?p=1081). Das heißt, die Kirche vereinnahmt solche heraus ragenden Menschen
nicht nur, sie maßt sich auch an, allein (!) darüber entscheiden zu dürfen, was
in den über sie offenbarten "Gottesbotschaften" als wahr zu gelten hat und was nicht.
Damit stellt sich die römisch-katholische Kirche auch über Gott, den Freien
Geist.
Hildegard beschreibt ihr Berufungserlebnis zur
"Gottesposaune" wie folgt:
"Im Jahre 1141 der Menschwerdung Jesu Christi, als
ich 42 Jahre und sieben Monate alt war, kam ein feuriges Licht mit
Blitzesleuchten vom Himmel hernieder. Es durchströmte mein Gehirn und
durchglühte meine Brust. Und plötzlich erschloss sich mir der Sinn der
Schriften ... Und ich vernahm eine Stimme vom Himmel, die zu mir sprach: Schreibe
auf, was du siehst und hörst!"
Und an anderer Stelle schreibt sie später: "Ich sehe all diese Dinge nicht mit
den äußeren Augen und höre sie nicht mit den äußeren Ohren; ich sehe sie
vielmehr einzig und allein in meinem Inneren, aber mit offenen leiblichen Augen,
so dass ich niemals die Bewusstlosigkeit einer Ekstase erleide, sondern wachend
schaue ich dies bei Tag und bei Nacht" (zit. nach
http://www.merke.ch/biografien/biologen/bingen.php).
Mit dem eiskalten Intellektualismus der Theologen und Schriftgelehrten legte
sie sich dabei bewusst nicht inhaltlich an, und sie erklärt:
|
"Ich sehe, höre und weiß
gleichzeitig." |
In den Biographie-Skizzen von merke.ch heißt es dazu: "Der erneute Einbruch des Lichtes in ihr Leben und die damit verbundene Gabe der Schau hat Hildegard den Namen einer Visionärin verliehen. Sie nahm den göttlichen Auftrag, der übrigens wiederum in vielem auffallende Parallelen zu den Berufungsgeschichten der alttestamentlichen Propheten aufweist, an und begann das niederzuschreiben, was sie im ´Lebendigen Licht` erkannte. Sie betrachtete sich dabei, gleich wie die Propheten, als Werkzeug und Sprachrohr Gottes. Es ging ihr nicht um eine persönliche Seelenmystik oder eine weltlose Innerlichkeit, nicht um private Versenkungen oder Einungserlebnisse mit dem göttlichen Gegenüber, sondern darum, die Menschen ihrer Zeit wachzurütteln, sie zur Umkehr zu bewegen und der wachsenden Gott-Vergessenheit entgegenzutreten. Hildegards Schau drängte auf ein Tun, ihr Erkennen zielte auf ein Wirksamwerden und auf die Mobilisierung der Weltverantwortung - in aller Nüchternheit, aber auch mit "brennender Vernunft", von der sie so oft sprach. Faszinierend an Hildegards Visionen ist nicht nur die inhaltliche Fülle und Vielseitigkeit, sondern vor allem auch die einzigartige Verknüpfung theologischer, kosmologischer, naturkundlicher und spiritueller Erkenntnisse. Alles Geschaute erhält bei Hildegard auf den verschiedensten Ebenen seinen Sinn und seine Entsprechung. Alles ist miteinander verbunden und aufeinander bezogen. Hildegard ging es um eine religiöse Deutung des ganzen Universums und um ein konsequent gelebtes christliches Lebens in allen Bereichen des Lebens. Alles, Himmel und Erde, Glaube und Naturkunde, das menschliche Leben in all seinen Facetten und Möglichkeiten, war für sie ein Spiegel der göttlichen Liebe (speculum divinae caritatis) und wird damit transparent auf den Schöpfer hin." (http://www.merke.ch/biografien/biologen/bingen.php)
Und wer in diesem Sinne an die Existenz echter
Gottesprophetie glaubt, für den gilt: Wenn Gott Seinen Menschenkindern
etwas sagen will, dann braucht Er dazu Boten und Propheten, durch die Er sprechen kann.
Doch der Papst behauptet nun - und mit ihm die Kirche seit Jahrhunderten - dass
"Gott" das nicht so einfach tun dürfe. Denn die Päpste seien es, die
darüber entscheiden. Die Päpste legen also fest, was in der Kirche als "von Gott offenbart" gilt und was
nicht. Dafür ließ der Vatikan ein Dokument erstellen mit dem Namen Normen für das Verfahren zur Beurteilung mutmaßlicher Erscheinungen und
Offenbarungen. Dieses Dokument wurde 1974 von der "Glaubenskongregation" des Vatikan verfasst,
und die Kardinäle und Bischöfe nennen sich darin selbst "Väter der Heiligen
Kongregation". Papst Paul VI. erklärte die Normen 1978 dann als kirchenamtlich
verbindlich. Und darin wird einmal mehr die so genannte "universale
Jurisdiktion" des Papstes hervor gehoben, was bedeutet: Allein der Papst
könne kirchlich rechtsverbindlich und
weltweit entscheiden, was angeblich stimmt und was nicht und alleine er könne jederzeit
einschreiten, wenn ihm im Kirchenrecht etwas nicht gefällt, und er bekommt dann
aufgrund der "universalen Jurisdiktion" immer Recht.
Dazu die Frage:
Warum müssen Gottesprophetinnen wie Hildegard von Bingen dann in der Kirche "Kirchenlehrerinnen"
sein? Warum? Weil die Botschaft Gottes anders lautete als die Priester und
Päpste es
wollten. Infolgedessen haben die Priester die Gottesbotschaft verfälscht, diese
Fälschung in ihre Satzungen eingebunden und somit die Gottesprophetinnen zu
"Kirchenlehrerinnen"
herab gewürdigt, damit die Inhalte ins Kirchenkorsett passen.
Zur
"Kirchenlehrerin" wurde Hildegard von Bingen also deshalb faktisch herabgestuft, weil die Priester
und der Papst sie in die
Kirchenlehre eingebunden und ihr diese Lehre aufgepfropft haben.
Für einen Kirchenlehrer gelten dabei bestimmte Bedingungen, wozu auch folgender
Lehrsatz gehört: "Wer
nicht die ganze kirchliche Überlieferung annimmt, die
geschriebene wie die ungeschriebene, der sei ausgeschlossen" (als
"unfehlbar" markierter Lehrsatz Nr. 85 aus Neuner/Roos, Der Glaube der Kirche).
Doch
Hildegard von Bingen war mutig und weise und hat keineswegs die ganze
kirchliche Überlieferung geglaubt. Sie lebte deshalb immer in der Gefahr, als Ketzerin
verurteilt und hingerichtet zu werden, hätte es nicht einflussreiche Fürsprecher
in der Kirche für sie gegeben.
Innerkirchlich wird allerdings geleugnet, dass Hildegard von Bingen auch nur irgendeiner kirchlichen
Überlieferung widersprochen hätte. Und diese Leugnung ist zwangsläufig.
Die Kirchenmänner haben Hildegard von Bingen komplett für sich vereinnahmt und in den Sumpf
der Kirche hinein gezogen, sonst könnten sie sie ja gar nicht zur "Kirchenlehrerin"
ernennen. Und wie das geht, da gibt es viele Methoden. Die Klöster des
Mittelalters gehören bekanntlich unwidersprochen zu den größten
Fälschungswerkstätten der Kirche.
Das heißt: Niemand kann heute beweisen, was Hildegard wirklich genau gesagt und
gedacht hat oder was man z. B. nachträglich gestrichen oder umformuliert hat,
etwa im Hinblick auf die katholische Abendmahls- bzw. Eucharistielehre, wo sie
angeblich die amtskirchliche Position der angeblich vollständigen "Verwandlung"
einer Hostie in den Körper von Christus vertreten
haben soll. Doch das alles haben Mönche aufgeschrieben, nicht sie selbst. Als
Hildegard von Bingen ihre Visionen aufschreiben wollte, wurde ihr auferlegt, dies
müsse sie in lateinischer Sprache tun. Doch Hildegard von Bingen hatte nur mangelhafte
Lateinkenntnisse. So haben Mönche, die Latein sprechen konnten, für sie geschrieben wie
in ihren letzten Lebensjahren Wibert von Gembloux. Zudem stand ihr neben ihrer
langjährigen Vertrauten Richardis
von Stade auch
Propst Volmar zur Seite, die ebenfalls darauf achten konnten, dass die
Schriftfassung von Hildegards Visionen und Gedanken möglichst nicht der Kirche widersprechen. Und wenn man später dem Papst
Schriften von ihr mit der Bitte um Anerkennung vorlegte, dann haben die
Bittsteller mit Sicherheit auch genau darauf geachtet, dass in ihnen nichts
kirchlich Anstößiges mehr zu finden ist.
Dennoch drohte ihr
auch in den ersten Jahrzehnten nach ihrem Tod noch längere Zeit die Verurteilung als
"Häretikerin". So schrieb z.B. Johannes Peckham, der
Provinzialmeister der englischen Franziskaner
und der spätere berühmte Erzbischof von Canterbury, im Jahr 1270.
"Ich glaube, dass die Prophetie der Hildegard unmittelbar aus der List des
Teufels entspringt. Er will die Menschen mit ihrer Hilfe mit vielen Falschheiten
und Nichtigkeiten verwirren. Gerade durch jene Hildegard lehrt er viele Irrtümer
und durch sie gibt er Anweisungen an ihre ketzerischen Anhänger.
Deshalb tadele ich all diejenigen, die die Lehre
einer Frau in der Kirche verbreiten. Alle Zeichen, die sie verkündigen, sind
betrügerisch und falsch ... Manche sagen, der Papst habe ihre Schriften
bestätigt, was offensichtlich eine Lüge ist, da der apostolische Stuhl
bekanntlich Zweifelhaftes nicht genehmigt, um so weniger, als in dem
Geschreibsel einer solchen Vermessenen viele Irrtümer enthalten sind."
(Johannes Peckham, zit. nach dradio.de, 2.10. und 5.10.2012)
Es spricht einiges dafür, dass der
Erzbischof von Canterbury im 13.
Jahrhundert noch einige Texte von Hildegard vor sich hatte, die noch nicht verfälscht waren. Denn was dann gar nach
Hildegards Tod mit den Schriften und mit den Abschriften ihrer
Werke geschah, die im Sumpf der Kirche kursierten, wer kann das heute schon
wissen? Man weiß also heute nicht mehr, was wirklich von
Hildegard stammte oder wo man sie kirchlich schon damals vereinnahmt hatte und ihr Dinge
unterschob, die gar nicht von ihr stammten.
Wenn man heute
also kirchliche Bücher über Hildegard von Bingen, über Theresa von
Avila oder Katharina von Siena liest, die mit dem Segen des Bischofs
veröffentlicht wurden, dann kann man also überhaupt nicht sicher sein, welche Inhalte
wirklich stimmen oder wo etwas im Sinne des kirchlichen Dogmas verfälscht wurde,
um Hildegard von Bingen im kirchlichen Sumpf zu halten.
Und als wenn Hildegard selbst solches geahnt hätte, warnte sie in einem ihrer
Werke davor, wenn jemand, so wörtlich "diese Worte des Fingers Gottes ohne guten
Grund verbirgt, sie wütend verkürzt oder sie wegen einer menschlichen Empfindung
an einen unbekannten Ort beiseite schafft und so nicht ernst nimmt"
(Hildegard von Bingen, Scivias, 3. Teil, 13. Vision).
Wahrscheinlich ahnte Hildegard von Bingen, was mit ihren Werken geschehen
würde! Sie durchschaute die Kirchenführer, doch verhindern
konnte sie es nicht, dafür war die Kirche einfach zu mächtig.
Und damit eine Vision oder Offenbarung ins kirchliche Raster passt und von der
Romkirche anerkannt wird, darf das Medium oder der Visionär eben keinem
"lehrmäßigen Irrtum" unterliegen.
So fällt auf, dass
angeblich alle Prophetinnen, die innerhalb der Kirche wirkten, die Kirche als
Institution nicht angetastet und behauptet haben sollen, man müsse trotz allem
dem Papst Gehorsam leisten, auch wenn dieser, wie Papst Anastasius IV., in den
Augen von Hildegard von Bingen ein "Gottesverächter" war (siehe
unten).
Hildegard von Bingen und die Katharer
In unserer Zeit
wird Hildegard von Bingen von der Vatikankirche zusätzlich als
"Ketzerbekämpferin" gegen die urchristlich orientieren
Katharer
(vom Wort "catharoi" = die Reinen) missbraucht, die vor allem in
Südfrankreich tätig waren, aber auch in Deutschland. Die Zeitung Die Welt
schreibt: "Ihr entschlossenes Eintreten
gegen die Katharer-Sekte, die eine radikale Reform der Kirche wollte, ist für
den konservativen Joseph Ratzinger eine wichtige kirchenpolitische Botschaft"
(5.10.2012).
Doch diese Darstellung ist nur eine der vielen Geschichtsfälschungen der
römisch-katholischen Kirche. Was hat Hildegard von Bingen tatsächlich getan? Tatsache ist, dass in
den Reihen der Katharer manche fanatische Prediger glaubten,
"geistig" schon weiter "entwickelt" zu sein, als sie tatsächlich waren.
Sie predigten z. B. sexuelle Enthaltsamkeit, hielten hinten herum aber offenbar ihren
eigenen Rigorismus nicht durch. Diese Heuchelei hat Hildegard ihnen nicht
durchgehen lassen. Die Katharer-Prediger gaben anscheinend vor, "vom Heiligen Geist durchflutet" zu
sein. Doch es waren Männer, die insgeheim, so Hildegard wörtlich, sich "Frauen
angelten, um sich mit ihnen in Wollust zu vergnügen" (zit. nach Heinrich
Schipperges, Hildegard von Bingen, S. 28).
Hier ist allerdings zu berücksichtigen, dass man die Katharer bis heute
auch durch gezieltes Missverstehen verleumdet und ihre urchristlichen Lehren kirchlicherseits immer entstellt
wiedergibt und als "sektiererisch" verteufelt.
Doch, um einmal bei dem hier genannten Beispiel zu bleiben: Selbst ein "Sünder" ist in
seinem Inneren natürlich weiterhin vom "Heiligen Geist durchflutet" und könnte
dies auch von sich so sagen. Aber das heißt eben noch lange nicht, dass er dann bereits
in seinem ganzen Tun, Reden, Denken und Fühlen im "Heiligen Geist" lebt. Wie aber hatte der kritisierte
Katharer es damals wirklich gemeint, als er von der "Durchflutung" mit dem
"Heiligen Geist" sprach?
Es kommt noch hinzu, dass Hildegards Tadel in der Regel allgemein gehalten war
und offenbar gar nicht direkt gegen die Katharer gerichtet war, sondern genauso
gegen die fanatischen römisch-katholischen Prediger und deren sexuelle
Ausschweifungen, die gerade in unserer Zeit zum Seelenmord an Tausenden von
Kindern führten, die sich viele dieser Priester als Sexualobjekte aussuchten.
Was die Kritik Hildegard betrifft, bleibt also vielfach offen, wer
damit wirklich gemeint war.
Dass bei diesem und auch bei anderen Themen "Katharer" mit ihren hohen
ethisch-moralischen Ansprüchen
noch nicht im Reinen waren bzw. sie hier und da noch nicht verwirklichten, ist allerdings sehr nahe liegend.
Doch das gilt eben genauso bei katholischen
Asketen. Hildegard hingegen durchschaute jeden
vordergründigen Fanatismus, gleich welcher Religion oder Weltanschauung, und sie wusste, dass man die Leute
durch Verdrängungen ihrer Begierden nicht näher zu Gott
bringt. Und Hildegard von Bingen war ohnehin bekannt dafür, "dass sie jede Art von
selbstquälerischer Askese, wie sie damals in den Klöstern weit verbreitet war,
kategorisch ablehnte" (dradio.de, 2.10.2012). Stattdessen plädierte sie
für eine "vernünftige" Enthaltsamkeit, und kritisierte in diesem
Zusammenhang auch überlange Gebete.
Dass die berechtigte Kritik Hildegards damals also auch bestimmte Katharer betraf, nimmt die heutige Kirche
nun zum Anlass, um aus
Hildegard eine katholische Inquisitorin zu machen - ein schlimmer
Missbrauch.
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Der "heilige" Bernhard ruft zum Völkermord gegen die Katharer auf
"So also, meine Teuren, verfolgt sie, ergreift
sie und zögert nicht, sie alle umkommen zu lassen!" |
Bei ihrem Kontakt mit dem "heiligen" Kreuzzugsprediger, Kirchenlehrer und Katharer-Jäger Bernhard von
Clairvaux ist in der Forschung zudem umstritten, wer zuerst den Kontakt zum
anderen suchte. Hildegard
schrieb, die Initiative ging von Bernhard von Clairvaux aus. Sicher ist nur, dass der
kirchlich hoch angesehene Gewaltanstifter die Pläne Hildegards zur Gründung eines
eigenen Klosters nicht unterstützte, obwohl ihn Hildegard darum gebeten hatte.
Zur Verdeutlichung: Abt Kuno und die
Benediktiner-Mönche
vom Kloster Disibodenberg, dem sie ursprünglich angehörte, wollten einen Auszug
der Nonnen um Hildegard mit aller Kraft verhindern. Schließlich soll es
Hildegards Einfluss auf den selig gesprochenen Kreuzzugs-Papst Eugen III. zu verdanken gewesen sein, dass ihr
schließlich doch ein eigenes
Kloster, nämlich Rupertsberg bei Bingen, genehmigt wurde. Später kam noch
Eibingen bei Rüdesheim auf der anderen Rheinseite hinzu, wo die
römisch-katholische Kirche heute ihr Skelett als Reliquie verehrt -
eine weitere Vereinnahmung - hier durch den Moder-Kult der Kirche -, die für Hildegard selbst ein Gräuel gewesen wäre.
Die Traumatisierung Hildegards und Kritik ihrer asketischen Zeitgenossen
Zu ihren Lebzeiten übte Hildegard von Bingen auf alle Persönlichkeitskreise, mit
denen sie in Berührung stand, eine starke Anziehungskraft aus.
Dass Hildegards Kritik an der strengen Askese auch auf eine Traumatisierung durch die
Kirche in ihrer Jugend zurück geht, bleibt dabei oft unerwähnt. Als zehntes Kind der
Eheleute Hildebrecht und Mechtild von Bermersheim wurde Hildegard nämlich auf
Druck der Kirche (den "Zehnten" an "Gott" geben) speziell an "Gott" geweiht, und
sie wurde im Jahr 1112 mit 13 oder 14 Jahren zusammen mit der acht Jahre älteren Jutta von
Sponheim jahrelang in eine eiskalte Klosterzelle im Benediktiner-Kloster
Disibodenberg eingemauert, wo ihr nur durch ein schmales Fenster Nahrung
gereicht wurde. Solche menschenfeindlichen Methoden haben jedoch mit der
Schöpfungsordnung Gottes nichts zu tun. Sie verhindern nur, dass eine
Persönlichkeit im gesellschaftlichen Leben durch den Umgang mit anderen Menschen
und auch in einer Umgebung mit Tieren und Pflanzen sich selbst kennen lernen und
aus ihren Fehlern lernen und
reifen kann. Und diese Art von kirchlicher "Erziehung" kann auch religiöse
Wahnvorstellungen oder den Hochmut fördern, etwas Besonderes zu sein, oder sie
kann eben einen Menschen auch völlig zerstören.
Und wenn in einer solchen Gefangenschaft eine Person trotzdem reift, dann - wie
bei Hildegard von Bingen - dank einer "starken Seele" oder dank einer innigen
Verbindung zu Gott im eigenen Inneren, aber nicht durch die folterähnlichen
Quälereien selbst.
In späteren Jahren wird Hildegard vorgeworfen, anfangs nur vornehme Aristokratinnen
in ihren Orden auf dem Rupertsberg aufgenommen zu haben, was als eine weitere
Distanzierung von den unfreiwilligen asketischen Qualen ihrer Jugend verstanden
werden kann. Und auf diese Weise gewann sie natürlich auch an Einfluss
in Adelskreisen, und das Vermögen ihres Klosters ist auf diese Weise auch
gewachsen.
Doch hat sie damit nicht gegen das urchristliche Prinzip der Gleichheit verstoßen? Das
wäre dann auch ein inhaltlicher Widerspruch zu den Katharern gewesen, bei denen die Gleichheit galt.
Doch bei Hildegard standen wohl andere Motive dahinter. Hildegard von Bingen ging offenbar von einer
besonderen Aufgabe des Adels bei der Erneuerung der damaligen Gesellschaft aus,
was der Grund für ihre anfänglichen Auswahlkriterien sein konnten. Auch war ihr
- im Gegensatz zu den erzwungenen Kasteiungen und dem Trauma ihrer Jugend
- immer an einem stilvollen Lebensniveau auch im Kloster gelegen, denn schließlich
heißt es ja im Vaterunser-Gebet "Wie im Himmel, so auf Erden", was ihr den neidvollen
Vorwurf einbrachte, sich "Luxus" zu gönnen. Ihre anfänglichen Auswahlkriterien können ihr
aber auch schlicht in den Visionen nahe gelegt worden sein, und sie haben wohl
überwiegend pragmatische Gründe
gehabt. Denn bei jemandem, der immer in Gefahr stand, als "Ketzerin" verfolgt zu
werden, kann es überlebensnotwendige Klugheit sein, um der Sache willen
einflussreiche Verbündeten oder Sympathisanten zu haben. Dies hat dann aber
nichts mit einer Abwertung von Frauen aus niedrigeren Gesellschaftsschichten zu
tun. Und so wurden dann in das zweite von ihr gegründete Kloster in Eibingen
auch Frauen aller gesellschaftlicher Schichten aufgenommen.
Ein
weiterer Unterschied zu den Katharern ist folgender: Während diese in der Nachfolge
von Jesus das Gebot "Du sollst nicht töten" auch gegenüber Tieren hielten,
Vegetarier waren und auch keine Fische töten ließen (da auch diese empfindsame
Wesen sind), soll Hildegard von Bingen in ihrem Kloster Fisch als weitere
Speise bei den Hauptmahlzeiten eingeführt haben. Hier spielt jedoch auch
eine Rolle, dass sie anstelle der
fanatischen
asketischen Verdrängungspraktiken im damaligen Christentum einen schrittweisen Weg der allmählichen
Verfeinerung der Sinne aufzeigte und auch lebte. Denn sowohl bei der Sexualität als auch bei
den Essgewohnheiten entladen sich verdrängte Triebe nicht selten irgendwann
in Exzessen. Oder es wird ein scheinheiliges Doppelleben gepflegt, was
Hildegard ja bei strengen Bußpredigern innerhalb und außerhalb der Kirche feststellte. Wer jedoch seine Gedanken und Gefühle mehr und mehr
mit der Gotteskraft verbindet, bei dem tritt eine allmähliche Veredlung des Lebens
ein - hin zu einer größeren inneren Freiheit und zu einer höheren Moral, die dann auch Hand
und Fuß hat. So kann es also sinnvoller sein, eben noch
einmal gelegentlich bewusst Fisch zu essen, wenn die groben Geschmackssinne noch
nach Fisch oder Fleisch
verlangen als sich etwas zu versagen und darauf hin in Frustration zu verfallen,
weil man es sich versagt hat. Für den, der sich um der Tiere willen vegetarisch
ernährt, waren hier also die Katharer Hildegard von Bingen - falls ihre
Ernährungslehre hier nicht gefälscht ist - einen Schritt
voraus.
Hildegard entlarvt die Kirchenführer
In all´ dem war Hildegard von Bingen ihren
Zeitgenossen weit überlegen, was vor allem gegenüber der bornierten und meist
geistlosen katholischen Priesterschaft galt. Und wenn Papst Benedikt XVI. nun
in unserer Zeit versucht, Hildegard von
Bingen in ihrem Reden und Tun als eine besonders gehorsame Tochter
der Kirche hinzustellen, sozusagen als Vorbild für alle anderen, ist das nicht
nur irreführend. Er stellt damit die Tatsachen auf den Kopf. Denn Fakt ist:
Hildegard von Bingen hatte zu ihrer Zeit überhaupt keine andere Wahl, als sich
gerade noch innerhalb der Kirche zu bewegen, wenn sie überhaupt eine Chance
haben wollte, Gehör zu finden und die ihr aus der geistigen Welt anvertrauten
Offenbarungen und Visionen bekannt zu machen. Dies war zu ihrer Zeit nur
innerhalb der Mauern eines Klosters überhaupt denkbar und möglich. Während sie Äbtissin war, wurden
vor ihren Augen, etwa in Köln, bereits urchristliche Katharer als so genannte "Häretiker" auf
dem Scheiterhaufen verbrannt. Jede offene Sympathie mit ihnen hätte ihr bald das
gleiche Schicksal bereiten können. Und auch sie musste sich
inquisitorischen Prüfungen unterziehen, inwieweit ihre Aussagen der Kirchenlehre
entsprachen. Und sie überstand diese Prüfung nur mit Weisheit, Glück, göttlichem
Beistand und dank der Hilfe
mächtiger Fürsprecher in Politik und Kirche (u. a. Kaiser Barbarossa). Denn es
gab auch Kirchenvertreter wie der spätere Erzbischof von Canterbury, der sie für
eine listige Gesandte des Teufels hielt (siehe oben).
Als Frau, die öffentlich auftrat und Bücher schrieb, was damals völlig unüblich
war, hatte sie sich ohnehin schon sehr weit vorgewagt. Sie führte also ein sehr
gefährliches Leben auf des Messers Schneide.
Wie sie wirklich über die Kirchenvertreter dachte, das sieht man daran, was sie
ihnen alles vorhielt.
"Eure Zungen aber sind stumm ... Ihr
seid Nacht, die Finsternis aushaucht, und wie ein Volk, das nicht arbeitet und
aus Trägheit nicht im Licht wandelt. Wie eine nackte Schlange sich in ihre Höhle
verkriecht, so begebt ihr euch in den Gestank niederen Viehes ... was immer euer
Fleisch verlangt, das tut ihr ... Der Teufel sagt sich bei euch: ´Speisen zum
Fressen und was ich nur an Schmausereien will, das finde ich bei ihnen. Auch
meine Augen, meine Ohren, mein Bauch und meine Adern sind von ihrem Geifer
erfüllt und meine Brust ist voll von ihren Lastern" (zit. nach Helene M.
Kastinger Riley, Hildegard von Bingen. Hamburg 1997 [= rowolths monographien,
Bd. 50469], S. 47f.).
Und gemäß anderer Quellenangabe sagte sie
zu den Hirten der Kirche, dass sie "feuerspeiende Nacht sind
und nicht Tag", die "ihr Volk hungern lassen", weil sie zu träge seien, das Wort
Gottes zu verkündigen (zit. nach Hildegard von Bingen, Wisse die Wege,
Scivias, 6. Auflage, Salzburg 1975, S. 285)
"Es klingt wie eine Prophezeiung der Reformation, wenn Hildegard sagt, das
irrende Volk werde diese verdorbene Kirche zur Rechenschaft ziehen." (Helene
M. Kastinger Riley, a.a.O., S. 47f.)
"Es [das Volk] wird
über euch herfallen, um euch zu stürzen, die ihr die Pflicht verletzt und das
Gesetz übertretet. Es wird euch überall verfolgen und eure Werke nicht
verbergen. Nein, es wird sie aufdecken und von euch sagen: ´Skorpione sind sie
in ihren Sitten und Schlangen in ihren Werken.`" (zit. nach Helene M.
Kastinger Riley, a.a.O., S. 47f.)
"Alle Propheten haben eher ihr Leben gegeben als ihren höheren
Auftrag vernachlässigt. Und ihr, Unsinnige, häuft euch für die Zukunft
unermessliche Qualen auf, um jetzt eure Ruhe ungestört zu bewahren ... Geiz,
Reichtum, Vergnügen, in diesem Zeichen steht euer Leben."
(Hildegard von Bingen, Wisse die Wege, Scivias,
Otto-Müller-Verlag Salzburg, 6. Auflage 1975)
"Die Magister und Prälaten haben die Gerechtigkeit
Gottes verlassen und schlafen." (zit. nach welt.de, 7.10.2012)
Über die katholische Priester und den Klerus:
"Warum schämt ihr euch nicht; während doch alle anderen Kreaturen die
Vorschriften, die sie von ihrem Meister haben, nicht vernachlässigen, sondern
erfüllen!" (süddeutsche.de, 7.10.2012)
Dem Bischof Hartwig II. von Bremen warf
Hildegard von Bingen vor: "Viele Hirten sind in dieser Zeit Blinde, Lahme und
Räuber des Geldes."
(zit. nach Gisbert Kranz, Herausgefordert von ihrer Zeit.
Sechs Frauenleben. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 1976)
An den damaligen
Papst Anastasius IV. (1153-1154), den Nachfolger von Eugen III. (1145-1153) richtete Hildegard von Bingen sogar folgende
Worte: "Du, o Mensch, der du auf dem päpstlichen Thron sitzest, bist ein
Gottesverächter" (zit. nach Gisbert Kranz, Herausgefordert von ihrer Zeit.
Sechs Frauenleben. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 1976). Einen
"Stellvertreter Gottes" hat Hildegard diesen Worten zufolge im Papst also nicht
gesehen, sondern eben einen "Gottesverächter".
Aber diese
Inhalte der Lehre Hildegards werden in der Kirche meist verschwiegen. Wenn nun
aber ab dem Jahr 2012 auch Hildegard von Bingen eine "Kirchenlehrerin" ist
- man
müsste sagen: gerade noch zur "Kirchenlehrerin" herunter gestuft wird
-, warum folgt dann die Kirche nicht der Lehre, die durch sie offenbart wurde?
Und warum gibt man dann z.B. nicht zu, dass man Gott auch im Glück und im Leid der Tiere erfahren
könne, in der All-Einheit von Mikrokosmos und Makrokosmos, die Hildegard
erfahren hat? Und warum segnet man stattdessen weiter Schlachthöfe,
Tierversuchszentren und Treibjagden?
Im letzten Jahr vor ihrem Tod eskalierte der Konflikt von Hildegard von Bingen
mit der Amtskirche, als sie einen von der Kirche exkommunizierten und damit in
eine angeblich ewige Hölle verdammten jungen Adligen auf dem Klostergelände
beerdigen ließ. Zwar wurde der Mann durch den Empfang der katholischen Sakramente kurz
vor seinem Tod automatisch wieder in die Kirche aufgenommen, die Exkommunikation wurde aber
kirchenoffiziell nicht zurück genommen. Deswegen verlangten der Bischof von
Mainz und das Mainzer Domkapitel die sofortige Entfernung der Leiche vom
kirchlichen Grundstück. Doch Hildegard von Bingen weigerte sich und machte das
Grab unkenntlich, um eine gewaltsame Exhumierung durch die Häscher der Kirche zu
verhindern. Darauf hin verhängte die Exzellenz aus Mainz das "Interdikt",
was bedeutet: Gottesdienstverbot und Verweigerung der katholischen Sakramente
(vor allem der Hostie) für Hildegard von
Bingen, wodurch auch sie aus kirchlicher Sicht in Richtung Hölle geschickt
worden ist. Erst nachdem sich Hildegard auch mit dieser Maßnahme nicht erpressen
ließ, gab der Erzbischof auf und nahm sie wieder vollumfänglich in die Kirche auf.
Insofern ist es in Wahrheit absurd, wenn man Hildegard
nun im Jahr 2012 nachträglich zur kirchlichen Heiligen ernennt - sie, eine Mahnerin der
Kirche, die von dieser auch in den nachfolgenden Jahrhunderten nach ihrem
irdischen Leben missachtet wurde. In welche Gesellschaft man ihr Andenken auf
diese Weise hinunter gezogen hat, darüber schreibt der französische
Aufklärer Helvetius im 18. Jahrhundert folgendes: "Liest man ihre Heiligenlegenden,
so findet man die Namen von tausend heiliggesprochenen Verbrechern!" (zit.
nach http://www.deschner.info/index.htm?/de/werk/31/leseprobe.htm) In dieser
Gesellschaft hat Hildegard von Bingen nichts verloren.
Hildegard von Bingen kann sich nicht mehr wehren
Jesus von
Nazareth jedenfalls hat keine "Heiligen" ernannt, im Gegenteil. Er sagte
sinngemäß: "Nur
Einer ist heilig, euer Vater im Himmel". Und wenn Er laut Johannesevangelium vom "Heiligen Vater" sprach
(17, 11), dann meinte Er damit keinen
späteren Papst, sondern Gott. Wehren kann sich Hildegard gegen eine
solche Vereinnahmung als "Heilige" leider nicht mehr, auch nicht gegen die Herabwürdigung als
"Kirchenlehrerin" - was umso schlimmer ist, weil sie dann auch in einem Atemzug
genannt wird mit anderen so genannten "Kirchenlehrern" wie Augustinus, der den
"gerechten Krieg" und die angeblich "ewige Verdammnis" erfand.
Der "heilige" Augustinus hat die Folter und Ermordung von Nicht-Katholiken in
seinem kaum fassbaren Zynismus auch damit gerechtfertigt, das sei im Vergleich zur
ewigen Hölle, die ihnen ohnehin gewiss sei, so wörtlich, eine "Kur für die
Seele". Oder Hildegard von Bingen wird jetzt in eine Reihe gestellt mit Thomas von Aquin, der Frauen, wie bereits
oben dargelegt, für minderwertige Geschöpfe hielt, die
aus "schlechten Winden" entstanden seien, und der auch lehrte, das
Tiere vernunftlos seien, weswegen es letztlich keine Rolle spiele, ob man sie
gut oder schlecht behandle. Welch eine Diskrepanz zu Hildegard!
Hildegard von Bingen kann sich gegen das kirchliche Brimborium um ihre Person nicht wehren, auch nicht gegen die Bezeichnung, die
ihr Papst Ratzinger am Pfingstsonntag 2012 obendrein noch verpasste. Er nannte
sie nämlich eine "Meisterin der Theologie" (welt.de, 5.10.2012). Wenn man sich anschaut, was diese
Frau alles gegen die Theologen ihrer Zeit gesagt und geschrieben hat,
einschließlich von Päpsten, so kann man eine solche Betitelung nur als
Hohn bezeichnen. Und das ausgerechnet am Pfingstsonntag, der die
Ausgießung des Heiligen Geistes symbolisiert. Doch vom Heiligen Geist wird auch
gesagt, dass er zu allen Zeiten geweht hat und weht, wo Er will. Deshalb sind
viele Menschen davon überzeugt: Gott hat also zu allen Zeiten durch Prophetinnen
und Propheten gesprochen, um den Menschen mitzuteilen, was Sein Wille ist. Und
wenn man nun die Gottesbotin Hildegard von Bingen zu einer kirchlichen "Heiligen", zu einer
"Kirchenlehrerin", ja sogar zu einer "Theologin" ernennt, dann degradiert man sie in
Wirklichkeit.
Und weshalb tut die Kirche das? Warum muss also aus der Gottesprophetin Hildegard
eine "Kirchenlehrerin" werden, so wie auch aus den Gottesprophetinnen Theresa
von Àvila oder Katharina von Siena? Wir können es zum Abschluss dieser Studie nur noch einmal wiederholen: Weil die Botschaft Gottes immer anders
lautete, als die Priester es wollten. Infolgedessen haben die Priester die
Gottesbotschaft später verfälscht, diese Fälschung in ihre Satzungen eingebunden
und somit die Gottesprophetinnen, die gegen das Treiben der Priestermänner
auftraten, als "Kirchenlehrerinnen" in ihr Korsett integriert, damit
dieses wieder
"passt".
Der geistige Kampf der Gottesboten gegen die Priesterkaste währt bereits sehr
lange.
Er
begann schon zu Zeiten des Alten Bundes, als die großen Gottespropheten wie
Jesaja, Jeremia oder Hosea gegen die damalige Priesterschaft aufstanden und gegen
deren blutige Tieropfer protestierten. Gott lässt sich von der Kirche nicht den Mund
verbieten, bis heute nicht. Auch wenn Kardinäle oder Päpste noch so oft den
gegenteiligen Anschein zu erwecken versuchen und sich selbst zu Richtern
über Visionen und Offenbarungen aus dem Gottesgeist, dem Freien Geist, erheben.
Doch bis heute gilt: Gott braucht keine Vermittler, um
den Menschen und Seiner Schöpfung nahe zu kommen, und Er ist auch nicht kirchlichen Satzungen und
Dogmen, gleich welcher Art, unterworfen. Denn Er, der Freie Geist, weht, wo sich
jemand für ein Leben nach den Geboten Gottes entscheidet, auch heute.
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