DER THEOLOGE
Nr. 14
Was ist Wahrheit? Was ist Fälschung?
Hieronymus und
die Entstehung der Bibel
DER THEOLOGE Nr. 8
weist zahlreiche wesentliche Widersprüche in der Bibel nach, die aufzeigen,
wie viele Autoren unterschiedlichen Bewusstseins an diesem Buch
mitgeschrieben haben. Erklärt man alles zu
"Gottes Wort", erhält man ein
chaotisches und schizophrenes Gottesbild. Einmal soll Gott dies und das
gesagt habe, ein andermal gerade das Gegenteil. Dazu ein einfaches Beispiel.
Im Jakobusbrief des Neuen Testaments heißt es:
"Was hilft´s, liebe Brüder,
wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der
Glaube ihn selig machen? So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke
gerecht wird, nicht durch Glaube allein" (2,14.24). Im
Paulusbrief an die Römer steht aber das glatte Gegenteil, nämlich: "So
halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke,
allein durch den Glauben" (3, 28).
Oder es werden im 2. Buch Mose, Kapitel 20 die Zehn Gebote
genannt, die Gott durch den Propheten Mose übermittelt hat. In
Kapitel 34 heißt es dann noch einmal, hier seien nun die die Zehn
Gebote, die Mose von Gott erhalten habe. Nur: Dieses Mal werden ganz andere
Gebote aufgezählt als im 20. Kapitel.
Liest man also aufmerksam in der Bibel, dann ergibt sich überhaupt keine
einheitliche Lehre und auch kein einheitliches Gottesbild. Man versteht nun
besser, was der atheistische Philosoph Ludwig Feuerbach
(1804-1872) einmal sagte, nämlich: "Der Mensch schuf Gott nach
seinem Bild".
Zwar steht im
1. Mosebuch das
Gegenteil, nämlich: "Gott schuf den Menschen nach Seinem Bild"
(Vers 27). Das mag man schon so sehen. Und über den Menschen
lässt sich auch vieles sicher sagen, worüber sich die Menschen untereinander
schnell einig werden können. Doch über Gott besteht auf der Erde ein
heilloses Durcheinander unterschiedlichster Gottesvorstellungen, alleine
schon innerhalb des Christentums:
Für viele Kirchenchristen
musste Jesus angeblich am Kreuz sterben, weil er so als ein Opfer den Zorn
Gottes auf die Sünden der Menschen besänftigen konnte, damit diese Sünden
gesühnt seien und Gott die
Gläubigen nach deren Tod wieder in den Himmel aufnehmen würde. Andere
Christen, die sich am Leben von Jesus ein Beispiel nehmen, halten diese
Sühnopfer-Theorie für völlig falsch. Jesus habe immer vom liebenden
"Vater im Himmel" gesprochen, nicht von
einem Gott, den man früher mit geschlachteten Tieren besänftigen musste und
den er bald mit seinem eigenen Tod (also dem Tod von Jesus), endgültig versöhnen
würde. Das hat Jesus nie gelehrt.
Ein Katholik glaubt
weiterhin daran, dass Gott durch den katholischen Priester in eine Backoblate,
eine so genannte Hostie, hinein verwandelt werden könne. Für einen
reformierten Protestanten ist dies nur ein Symbol und ein undogmatischer
Bibelleser findet dort Stellen, aus denen hervorgeht, dass Gott in uns zu
finden ist und auch in allen Lebensformen der Natur.
Ein weiteres Beispiel: Ein kirchlicher Präsident der USA glaubt, dass Gott
ihm dabei hilft, einen Krieg zu gewinnen, während andere Christen darauf
hinweisen, dass Jesus niemals einen Krieg befürwortet hatte. Und, und, und
... es gibt unterschiedliche, ja gegensätzliche Gottesbilder und
-vorstellungen ohne Ende.
Dabei berufen sich alle hier Genannten auf die Bibel und jeder entnimmt
diesem Buch seine Argumente für seine Gottes-Theorien. Manchmal hat man auch
den Eindruck, dieses Durcheinander könnte System haben und so gewollt sein.
Denn je verworrener und unklarer die Bibel selbst ist, je mehr Gewicht
bekommen die Theologen, Professoren, Pfarrer und Priester, die für sich in
Anspruch nehmen, die Bibel richtig auslegen zu können.
Sicher ist aber nur: Um diese Bibel herum haben sich drei Großkonfessionen
heraus gebildet, die katholische, die orthodoxe und die evangelische und
dazu unzählige kleinere kirchliche Gemeinschaften, die sich alle auf die
Bibel-Mixturen berufen und die ihren Gläubigen genau erklären, wie sich zum
Beispiel welche Bibelstelle zu anderen Stellen verhält, und was genau mit
einer Bibelstelle gemeint sein müsste, damit sie den anderen nicht
widerspricht. Von den eher kleineren sind hier vor allem noch die Zeugen
Jehovas zu nennen, die immerhin auch mehrere Millionen Mitglieder haben.
Der Theologe Moris Hoblaj
bezeichnet die Bibel deshalb auch als
"das maßgeschneiderte
Buch der Kirchen". Das ist eine klare Aussage zu ihrer
Verfasserschaft. Und mit dieser Aussage wird zunächst "Gott" -
wen immer sich der Gläubige darunter vorstellt - von der Last befreit, der
Urheber dieses Buches sein zu sollen. Und ein Leser kann unter dieser
Voraussetzung einmal unbefangen im Sinne von Ludwig Feuerbach ("Der
Mensch schuf sich Gott nach seinem Bilde") untersuchen, welche
unterschiedlichen Vorstellungen von Gott die Menschen haben, welche die
Bibel geschrieben haben. Und von daher ist auch nachvollziehbar, wie zum
Beispiel ein Staatsmann seinen Krieg mit der Bibel zu begründen versucht
oder wie umgekehrt ein
Kriegsgegner seinen Pazifismus daraus ableitet, um hier nur ein Beispiel zu
nennen. Es muss also nichts mit Biegen und Brechen harmonisiert, zurecht
gebogen und manipuliert werden wie in den kirchlichen Konfessionen, nur
damit man die Behauptung aufrecht erhalten könne, es stamme alles von Einem
all-weisen und allmächtigen Gott. Und stellt man diese Behauptung einmal
beiseite, dann zeigt sich, dass in der Bibel mehrere Vorstellungen von Gott
nebeneinander stehen und dass diese Vorstellungen vielfach miteinander im
Widerstreit liegen. So wie der Glaube des Politikers, einen Krieg mit der
Bibel begründen zu können, im Widerstreit liegt mit dem Glauben des
Pazifisten, aus der Bibel ein klares Nein zum Krieg ableiten zu können.
Es lassen sich jedoch auch Indizien und logische Zusammenhänge dafür finden,
dass am Anfang tatsächlich Ein Schöpfergott war, über dessen Wesen und
dessen Schöpfungs- und Naturgesetze zum Beispiel die Gottespropheten des
Alten Testaments oder Jesus von Nazareth übereinstimmend Auskunft geben,
während die Priester des Alten Testaments oder der Kirchengemeinde-Gründer
Paulus teilweise erheblich davon abweichen
(Lesen Sie dazu auch das Nachwort
zu Der Theologe Nr. 8). Es gibt also Indizien dafür, dass
Ursprüngliche von der Verfälschung unterscheiden zu können.
DER THEOLOGE Nr. 14
stellt nun einige Fakten über die Entstehung der Bibel zusammen. Das erste
Problem dabei ist bereits der uneinheitliche Text der Bibel selbst, nämlich
ihrer einzelnen bis heute bekannt gewordenen Handschriften. Doch selbst, wo
man heute einen relativ
"stabilen" Ursprungstext annimmt, wie z. B. den Text des Neuen
Testaments in altgriechischer Sprache, besagt dies noch wenig über
Wahrheiten und Fälschungen innerhalb dieses Textes. In ihm wurden
möglicherweise zu einer Zeit Veränderungen vorgenommen, aus der es keine
oder kaum weitere schriftliche Belege über den Sachverhalt mehr gibt.
Außerdem wurden nachweislich viele urchristliche Quellen gar nicht in die
Bibel aufgenommen. Und viele davon wurden gar von der sich herausbildenden
"frühkatholischen"
und später römisch-katholischen Kirche vernichtet. Es kann also spannend
werden. Aus Zeitgründen wird hier auf die Entstehung des Alten Testaments nicht speziell
eingegangen. Manches dazu lesen Sie z. B. in
"Der Theologe Nr. 37".
Der Auftrag des Hieronymus
Die "fehlerlosen" Lehrentscheidungen der
römisch-katholischen Kirche
Fehlerhaftes "Diktat des Heiligen Geistes" führt in
absurde Situation
Papst fordert Protestanten zur Unterwerfung
bei Bibelübersetzungen auf
Was hat Hieronymus verschwiegen?
Todesstrafe für Abweichungen von der
katholischen Staatsreligion
Die ältesten erhaltenen Schriften
Wo sind die Papyrus-Rollen?
Das verschwundene Ur-Matthäusevangelium
Was hatte Matthäus ursprünglich
alles geschrieben?
Vieles aus dem Leben von Jesus wird nun deutlicher
Die biblische
Textrekonstruktion ist auf Sand gebaut
Die Bibel wurde immer wieder verändert
Verheimlichte und vernichtete Quellen
Fünf Arten von Fälschungen
Im Jahr 367 stellte
Kirchenvater Athanasius
(298-373) in seinem 39. Osterfestbrief erstmals
die von der Kirche damals anerkannten Bücher zusammen, die mit dem
späteren neutestamentlichen
"Kanon" (= Maßstab, Richtschnur bzw. Liste, Verzeichnis), also der Zusammenstellung verbindlicher
"heiliger" Schriften, identisch sind. Athanasius schrieb dazu:
"Dieses sind die Quellen des Heiles,
auf dass der Dürstende sich an den in ihnen enthaltenen Worten übergenug
labe. In ihnen allein wird die Lehre der Frömmigkeit verkündigt.
Niemand soll ihnen etwas hinzufügen oder etwas von ihnen fortnehmen"
(zit. nach
Thomas Söding, Das Neue Testament – Komposition
und Genese, in: Johanna Rahner u.a., Bibel verstehen. Schriftverständnis und
Schriftauslegung (Theologische Module 5), Freiburg - Basel - Wien 2008).
So gab es also bereits eine kirchlich
fest gelegte und weit gehend verbindliche Schriften-Sammlung, als Kirchenlehrer Hieronymus
(347-419) kurze
Zeit später, ab dem Jahr 382, damit begann, die so genannte Vulgata
(von lateinisch "vulgatus" [Betonung auf der 2. Silbe] = allgemein
verbreitet) zu erstellen. Die Vulgata ist eine vereinheitlichte lateinische Übersetzung der
ursprünglich griechisch (Neues Testament) und hebräisch (Altes Testament) verfassten Bibeltexte. Bis dahin
waren vor allem viele lateinische Übersetzungen in Gebrauch, wobei
sich jede
von einer jeweils anderen deutlich unterschied.
Hieronymus erklärte deshalb in einem Brief an seinen Auftraggeber, Papst Damasus I.
(um 305-384, Papst seit 366),
diese unbefriedigende Situation.
Doch zunächst einige Worte zum Papst selbst: Damasus hatte in den Jahren 366 und 367 nach
blutigen Kämpfen und Straßenschlachten zwischen seiner Söldnertruppe und den
Anhängern seines Kontrahenten Ursinus den Papstthron für sich erobert.
So stürmten die Leute des Damasus am 26.10.366 z. B. die Kirche Santa Maria
Maggiore "und brachten 137 Anhänger seines Gegners Ursinus um" (Alexander
Demandt, Geschichte der Spätantike, S. 89, C.H.Beck-Verlag München 1998).
Erst das Eingreifen des heidnischen römischen
Stadtpräfekten Vettius Agorius
entschied den innerkatholischen Krieg; und zwar
zugunsten von Damasus als neuen angeblichen
"Stellvertreters
Christi"
und gegen Ursinus. Der nachfolgende Stadtpräfekt Roms wollte jedoch die
Massaker des Papstes nicht nachträglich tolerieren und wollte Damasus I. wegen Anstiftung zum Mord verklagen.
Doch der Papst verfügte über mächtige und einflussreiche Seilschaften.
Reiche Freunde des Papstes sorgten dafür, dass die jeweiligen Kaiser immer für
das Kirchenoberhaupt Partei ergriffen und die
Klage des Stadtpräfekten wegen der päpstlichen Verbrechen nicht einmal zugelassen
wurde. Ja, mehr noch:
"Damasus aber setzte sich durch mit
Hilfe zweier Reskripte der Kaiser Valentinian I. und Gratian, die die
römische [kirchliche] Disziplinargewalt anerkannten und die Mithilfe der
staatlichen Beamten beim Vollzug kirchlicher Urteile anordneten"
(Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon,
http://www.kirchenlexikon.de/d/damasus_i_p.shtml).
Das ist deshalb von Bedeutung,
weil viele Menschen glauben, die Bibel sei vom
"Geist
Gottes"
eingegeben, ohne sich näher mit dem Umfeld ihrer Entstehung beschäftigt zu
haben.
Nachfolgend nun ein Auszug aus diesem Brief, den Hieronymus an Papst Damasus I. schrieb, nachdem
der Kirchenlehrer die Überarbeitung
der vier Evangelien des Neuen Testaments abgeschlossen hatte:
"Du zwingst mich, ein neues Werk aus einem alten zu
schaffen, gleichsam als Schiedsrichter zu fungieren über Bibelexemplare,
nachdem diese [seit langem] in aller Welt verbreitet sind, und, wo sie
voneinander abweichen, zu entscheiden, welche mit dem authentischen
griechischen Text übereinstimmen. Es ist ein Unterfangen, das ebenso viel
liebevolle Hingabe verlangt, wie es gefährlich und vermessen ist; über die
anderen zu urteilen und dabei selbst dem Urteil aller zu unterliegen; in die
Sprache eines Greises ändernd einzugreifen und eine bereits altersgraue Welt
in die Tage ihrer ersten Kindheit zurückzuversetzen. Wird sich auch nur
einer finden, sei er gelehrt oder ungelehrt, der mich nicht, sobald er
diesen Band [die Überarbeitung der Evangelien] in die Hand nimmt und
feststellt, dass das, was er hier liest, nicht in allem den Geschmack dessen
trifft, was er einmal in sich aufgenommen hat, lauthals einen Fälscher und
Religionsfrevler schilt, weil ich die Kühnheit besaß, einiges in den alten
Büchern zuzufügen, abzuändern oder zu verbessern? Zwei
Überlegungen sind es indes, die mich trösten und dieses Odium auf mich
nehmen lassen: zum einen, dass du, der an Rang allen anderen überlegene
Bischof, mich dies zu tun heißest; zum anderen, dass,
wie auch meine Verleumder bestätigen müssen, in differierenden Lesarten
schwerlich die Wahrheit anzutreffen ist. Wenn nämlich auf die lateinischen
Texte Verlass sein soll, dann mögen sie bitte sagen: Welchen? Gibt es doch
beinahe so viele Textformen, wie es Abschriften gibt. Soll aber die
zutreffende Textform aus einem Vergleich mehrerer ermittelt werden, warum
dann nicht gleich auf das griechische Original zurückgehen und danach all
die Fehler verbessern, ob sie nun auf unzuverlässige Übersetzer zurückgehen,
ob es sich bei ihnen um Verschlimmbesserungen wagehalsiger, aber
inkompetenter Textkritiker oder aber einfach um Zusätze und Änderungen
unaufmerksamer Abschreiber handelt? … Ich spreche nun vom Neuen Testament: …
Matthäus, Markus, Lukas, Johannes; sie sind von uns nach dem Vergleich mit
griechischen Handschriften - freilich alten! - überarbeitet worden. Um
jedoch allzu große Abweichungen von dem lateinischen Wortlaut, wie man ihn
aus den Lesungen gewohnt ist, zu vermeiden, haben wir unsere Feder im Zaum
gehalten und nur dort verbessert, wo sich Änderungen des Sinns zu ergeben
schienen, während wir alles übrige so durchgehen ließen, wie es war."
(Vorrede zum
Neuen Testament; zit. nach A. M. Ritter, Kirchen- und Theologiegeschichte in
Quellen, Bd. 1 - Alte Kirche, 1. Auflage 1977, S. 181 f.; im Original bei J. P. Migne,
Patrologiae cursus completus, series Graeca (MPG) 29, Sp. 525 ff.)
Hieronymus wäre nach seinem Selbstzeugnis also kein Fanatiker gewesen, sondern eher ein abwägender Mann, der aus den vorhandenen Materialien ein Gesamtwerk erstellte, in dem alle vorherrschenden Interessen berücksichtigt sind. Da - wie Hieronymus schreibt - die lateinischen Texte offenbar bereits "in aller Welt" verbreitet sind, scheinen auffällige und schwer wiegende Weglassungen und Hinzufügungen in diesem Stadium nur mehr schwer denkbar; auch dann, wenn dies ein Gebot der Aufrichtigkeit eines Wissenschaftlers gegenüber früheren Fälschungen wäre. Bei einzelnen Textkonflikten wird Hieronymus aber wohl auf jeden Fall zugunsten der Ansichten des damaligen Papsttums, seines Auftraggebers, entschieden haben. Bzw. er hat ja selbst wörtlich dazu geschrieben, dass "wir alles übrige so durchgehen ließen, wie es war" - was die Zuverlässigkeit dieser Texte natürlich nicht erhöht.
Die
"fehlerlosen" Lehrentscheidungen
der römisch-katholischen Kirche
Und obwohl Hieronymus seine schier unlösbaren Probleme bei der Erstellung
der Vulgata [der von nun an verbindlichen kirchenamtlichen lateinischen
Bibel] darlegte und es sich dabei nicht um eine Schrift in der
Ursprungssprache handelt, sondern um eine Übersetzung - wie ja auch Hieronymus
selbst bemängelte -, erklärte die römisch-katholische Kirche seinen Text
später als "fehlerlos".
Dies geschah dogmatisch wirksam auf dem Konzil von Trient
(1545-1563, auch Tridentinum genannt)
im Jahr 1546 durch das Dekret De usu et editione sacrorum librorum,
in dem der Kanon [also die Schriftensammlung] der lateinischen Vulgata als kirchlich verbindlich
und eben für "fehlerlos" erklärt
wurde. Als man jedoch in der Folgezeit viele Fehler fand, erfolgte 1590 ein
Einschnitt: Nach mehreren Korrekturen ließ Papst Sixtus V.
(Papst von 1585-1590) in diesem Jahr die Vulgata als
neue "authentische" Ausgabe "Editio Sixtina" herausgegeben, und er erklärte
nun diese Ausgabe kirchenamtlich für "fehlerlos". Tatsächlich war sie jedoch ebenfalls voller Fehler
und wurde von der Kirche deshalb unterdrückt und bereits 1592 unter Papst Klemens
VIII. (Papst von 1592-1605) durch die neue jetzt endlich "fehlerlose" "Editio Clementina" ersetzt,
"die freilich auch noch zahlreiche Fehler aufwies" (Karl Heussi, Kompendium der
Kirchengeschichte, Tübingen 1991, 18. Auflage, S. 337). Erst die
daraufhin im Jahr 1598 nochmals korrigierte und im 4. Versuch erneut als
"fehlerlos" erklärte Fassung der Bibel ist dann für längere Zeit verbindlich geblieben ...
Zur Erinnerung: Der Verfasser Hieronymus schreibt davon,
"dass in differierenden
Lesarten schwerlich die Wahrheit anzutreffen ist"
(wörtlich:
"dass
nicht wahr ist, was voneinander abweicht").
Und er spricht weiter
von "Verschlimmbesserungen, Unzuverlässigkeiten und Abschreibfehlern" und
davon, dass es vermessen sei, als Schiedsrichter darüber zu urteilen. Das römisch-katholische Dogma
verleiht dem aktuellen Stand der Überarbeitung jedoch immer wieder das Etikett
"fehlerlos".
Auch die Tatsache, dass nicht Texte in der
Ur-Sprache ihrer Abfassung dieses Prädikat bekamen, sondern
eine Übersetzung in eine andere Sprache, ist - gelinde gesagt -
unseriös. Wenn diese Übersetzung aber kirchenamtlich "fehlerlos" sei, wie
sind dann die nachfolgend häufigen Ausbesserungen von Fehlern vermittelbar?
Vielleicht nur, weil der fromme Glaube schlicht blind und vergesslich ist.
Bis ins 19. Jahrhundert hat die römisch-katholische Kirche
zudem alle Übersetzungen der Vulgata in der Regel verworfen, was besonders der
katholische Erzbischof
von Mogilew in Weißrussland zu spüren kam, der Anfang des 19. Jahrhunderts eine
"Gesellschaft
zur Herausgabe von Bibeln" unterstützt hatte. Er wurde darauf hin von Papst
Pius VII. im offiziellen vatikanischen Lehrschreiben Magno et acerbo vom
3.9.1816 rüde zurechtgewiesen. Der Papst deklarierte darin,
"dass, wenn die heilige Bibel in der Volkssprache allenthalben ohne
Unterschied zugelassen wird, daraus mehr Schaden als Nutzen erwächst. Da die
Römische Kirche ferner aufgrund der wohlbekannten Vorschriften des Trienter
Konzils allein die Vulgata-Ausgabe anerkennt, verwirft sie die Übersetzungen
anderer Sprachen und lässt nur solche zu, die mit Anmerkungen heraus gegeben
werden, die in angemessener Weise den Schriften der Väter und katholischen
Lehrer entnommen sind."
(zit. nach Denzinger/Hünermann, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und
kirchlichen Lehrentscheidungen, 42. Auflage, Freiburg 2009, Lehrsatz Nr.
2710)
Fehlerhaftes "Diktat des Heiligen Geistes" führt in absurde Situation
Das ganze 19. Jahrhundert war geprägt vom
Kampf der Vatikankirche gegen Versuche, die Bibel ohne die Erlaubnis des
Papstes zu übersetzen. So hat der "selige" Pius IX. dieses Verhalten in
seiner Enzyklika Qui pluribus vom 9.11.1846 noch einmal ausdrücklich
verdammt.
"Diese Gesellschaften hat ... Gregor XVI. [1831-1846] ... verworfen, und
auch Wir wollen, dass sie verurteilt seien."
(Lehrsatz Nr. 2784)
Auf der anderen Seite war die 1598 korrigierte "Editio Clementina" der Vulgata
als einzige von der katholischen Kirche anerkannte Bibel
dann
immerhin bis ins Jahr 1907 in Gebrauch, bis unter Papst Pius X. (Papst von
1903-1914) die Vulgata durch die
Nuova Vulgata abgelöst
wurde (der 5. Versuch). Doch eigentlich hatte sein Vorgänger Pius IX. (Papst
von 1846-1878) diesen Schritt zuvor
für unmöglich erklärt. Denn auf dem 1. Vatikanischen Konzil 1869/70
hatte Pius IX. über die - wie ihre Vorgängerinnen - kurz darauf ebenfalls als
erheblich fehlerhaft erkannte bisherige
Vulgata noch eine
dogmatisch verbindliche neue Lehrentscheidung verkündet. Die "Editio
Clementina" von 1598 sei "ohne Irrtum",
Gott sei ihr "Urheber" und der Heilige Geist habe sie diktiert. So die
Konzilsentscheidung von 1870. Wörtlich
heißt es im Kanon 4 des Konzils:
"Diese übernatürliche
Offenbarung ist nun nach dem vom heiligen Konzil von Trient erklärten
Glauben der gesamten Kirche enthalten ´in geschriebenen Büchern und
ungeschriebenen Überlieferungen, die, von den Aposteln aus dem Munde Christi
selbst empfangen oder von den Aposteln selbst auf Diktat des Heiligen
Geistes gleichsam von Hand zu Hand weitergegeben, bis auf uns gekommen sind`
[DH 1501 (=
Denzinger/Hünermann, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen
Lehrentscheidungen, 42. Auflage, Freiburg 2009, Lehrsatz Nr. 1501)].
Und zwar sind diese Bücher des Alten und
Neuen Testamentes vollständig mit allen ihren Teilen, wie sie im Dekret
desselben Konzils aufgezählt werden und in der alten lateinischen
Vulgata-Ausgabe enthalten sind, als heilig und kanonisch anzunehmen. Die
Kirche hält sie aber nicht deshalb für heilig und kanonisch, weil sie allein
durch menschlichen Fleiß zusammengestellt und danach durch ihre Autorität
gutgeheißen worden wären; genau genommen auch nicht deshalb, weil sie die
Offenbarung ohne Irrtum enthielten; sondern deswegen, weil sie, auf
Eingebung des Heiligen Geistes geschrieben, Gott zum Urheber haben und als
solche der Kirche selbst übergeben worden sind."
[Kan. 4]
Und im Jahr 1893 legte Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika
Providentissimus Deus "unfehlbar" nach:
"Denn uneingeschränkt alle Bücher, die die Kirche als heilig und kanonisch
anerkennt, wurden in allen ihren Teilen auf Diktat des Heiligen Geistes
verfasst; weit gefehlt, dass der göttlichen Inspiration irgendein Irrtum
unterlaufen könnte, schließt sie durch sich selbst nicht nur jeden Irrtum
aus, sondern schließt [ihn] aus und verwirft [ihn] so notwendig, wie es
notwendig ist, dass Gott, die höchste Wahrheit, Urheber überhaupt keines
Irrtums ist. Dies ist der alte und beständige Glaube der Kirche, wie er auch
in feierlicher Erklärung auf den Konzilien von Florenz und Trient definiert
und schließlich auf dem Vatikanischen Konzil bestätigt und deutlicher
erklärt worden ist."
(Lehrsatz Nr. 3292)
Diese zwei verbindlichen und endgültig absolut "irrtumslosen" römisch-katholischen Lehrentscheidungen
von 1870 und 1893 brachten neue Komplikationen für die Kirche, als man
nämlich weitere schwerwiegende Fehler und Irrtümer in der Vulgata erkannt
hatte und diese 1907 in einer erneut erheblich überarbeiteten Form heraus geben
musste. Und diese Lehrentscheidungen sind nicht die einzigen, mit der sich die
römisch-katholische Kirche in eine
völlig absurde Situation hinein manövriert hat. Denn das Konzil dogmatisierte Jahr 1870
ja auch die Unfehlbarkeit des
päpstlichen Lehramts, weswegen zum "Fehlerlos" der Bibel nun auch noch das "Unfehlbar"
des kirchlichen Lehramts
hinzu kam. Und wenn eine "unfehlbare" Lehrinstanz etwas als "fehlerlos"
dogmatisiert, dann müssten zukünftige Korrekturen eigentlich doppelt
ausgeschlossen sein.
Doch wie gesagt: Bis zum Jahr 1907 musste erneut vieles an
dem vom seither "unfehlbaren" Papstamt zur absolut "irrtumslosen" "Eingebung" erklärten Buch korrigiert
werden. Und wie
immer tritt man auch dieses Mal in Rom so auf, als wäre die gerade eben aktuelle Version
dieser Konstruktion nun endlich die immer schon behauptete
"göttliche
Eingebung".
Papst fordert Protestanten zur Unterwerfung bei den Bibel-Übersetzungen auf
Im Jahr 1941 rudert dann der
intellektuell versierte Papst Pius XII. unter dem Druck der neuen Fakten ein wenig
zurück und dekretiert raffiniert:
"Das Trienter Konzil
hat die Vulgata im juridischen Sinne für ´authentisch` erklärt, das heißt in
Hinsicht auf die ´Beweiskraft in Fragen des Glaubens und der Sitten`,
keineswegs aber hat es mögliche Abweichungen vom Urtext und von den alten
Übersetzungen ausgeschlossen."
Doch hier wird mit
Raffinement nachträglich ein Hintertürchen konstruiert. Denn das Konzil
sprach schlicht von "fehlerlos", von "ohne Irrtum" und von "Diktat" und
nicht von "authentisch im juridischen Sinne", wie der Papst hier
nachträglich zu interpretieren bzw. zu verdrehen versucht, um das
fortdauernde Desaster damit etwas verschleiern zu können.
Auch lässt die fortschreitende Zeit so manches Absurde oder Ungeklärte mehr
und mehr in Vergessenheit geraten. Und so legte
Papst Johannes Paul II.
(Papst von 1978-2005) den Hebel auch wieder zugunsten der Vulgata in die andere Richtung um, und
er ordnete im Jahr 2001 verbindlich an:
"Wenn eine schon erstellte
Übersetzung eine der Nuova Vulgata entgegen gesetzte Option enthält, was die
zugrunde liegende Textüberlieferung, die Versfolge und ähnliches betrifft,
muss dies … korrigiert werden."
(Fünfte Instruktion »zur ordnungsgemäßen
Ausführung der Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über
die heilige Liturgie« zu Art. 36 der
Konstitution)
Diese Instruktion sollte bald
auch Folgen für die Überarbeitung der evangelisch-katholischen
Einheitsübersetzung
aus dem Jahr 1980 haben. Denn die katholischen Übersetzer müssen sich
seither, also seit dem Jahr 2001, an diese Instruktion dieses Papstes halten, und
sie müssen so tun, als wäre
der römisch-katholischen Kirche mit der Übersetzung von 1907 im 5. Anlauf
endgültig das gelungen, was sie schon seit dem 4. Jahrhundert behauptet,
nämlich über eine irrtumslose Bibel zu verfügen.
Konflikte im Einzelfall sind damit vorprogrammiert und nur eine Frage der Zeit.
Und aus diesem Grund hat die katholische Kirche bereits im Voraus quasi
"vorbeugend"
festgelegt, dass die
Protestanten in diesem Fall zugunsten der Katholiken nachgeben müssen.
Denn man möchte sich vordergründig weitere Blamagen, d. h. erneute Korrekturen der endlich
"wirklich" "irrtumslosen"
Vulgata (und damit eine mögliche 6.
nun wirklich "fehlerlose"
Fassung) ersparen. Dahinter steckt jedoch noch einiges mehr, womit die
römisch-katholische Kirche auch auf diesem Gebiet ihr wahres Gesicht zeigt.
Worum geht es vor allem? Bereits das Konzil
von Trient hatte im 16. Jahrhundert für die katholische Kirche bis heute verbindlich
beschlossen:
"Niemand
soll es wagen, ... die Heilige Schrift im Vertrauen auf eigene
Klugheit nach seinem eigenen Sinn zu drehen, gegen den Sinn, den die heilige
Mutter, die Kirche,
hielt und hält - ihr steht das Urteil über den wahren Sinn und die
Erklärung der heiligen Schriften zu."
(4.
Sitzung (1546), Annahme der Heiligen Schriften und der Überlieferungen der
Apostel)
Wenn sich nun also beispielsweise ein evangelischer
Theologe um den tatsächlichen Sinn einer Bibelstelle bemüht, was passiert
dann, wenn er
dabei zu einem anderen Ergebnis kommt als das katholische Dogma?
Die Antwort ist ebenso klar wie unüberbietbar sadistisch-pervers: Der
protestantische Bibelübersetzer muss für sein Forschungsergebnis in das
ewige Höllenfeuer. Denn hier hat
der Katholizismus im Jahr 1870 sogar mit dem Anspruch der "Unfehlbarkeit"
folgende zwei Bannflüche gegenüber allen Wissenschaftlern beschlossen, die
vom katholischen Dogma abweichen, einschließlich der Theologen:
"Wer sagt, die
menschlichen Wissenschaften müssten mit solcher Freiheit behandelt
werden, dass ihre Behauptungen als wahr festgehalten und von der Kirche
nicht verworfen werden könnten, auch wenn sie der geoffenbarten Lehre
[wie sie alleine die katholische Kirche richtig interpretiert]
widersprächen, der sei ausgeschlossen."
Und:
"Wer
sagt, es sei möglich, dass man den von der Kirche vorgelegten Glaubenssätzen
entsprechend dem Fortschritt der
Wissenschaft gelegentlich einen anderen Sinn beilegen müsse als den, den
die Kirche verstanden hat und versteht, der sei ausgeschlossen."
(1. Vatikanisches Konzil, 1870, Lehrsätze über die religiöse Erkenntnis)
Und "Der sei ausgeschlossen" heißt im Original-Text "anathema sit" =
"der sei
verflucht", was eine spätere Verbannung in eine ewige Verdammnis bedeuten
soll, und was das bedeutet, siehe z. B.
hier.
Und obwohl die evangelische Kirche ansonsten immer mehr
zum Anhängsel der katholischen verkommt, zogen die auf diese Weise erneut
mit dem Höllenfeuer des Katholizismus bedrohten Protestanten hier tatsächlich einmal eine
"Notbremse", und
sie stiegen im Jahr 2005 aus dem ökumenischen Projekt
aus. Derweil [2012] ist allerdings noch die Übersetzung von 1980 in Gebrauch, wo
der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beim Neuen Testament
und den Psalmen sogar als Mitherausgeber der Einheitsübersetzung genannt ist.
Doch jedem dürfte spätestens seit dem Scheitern des Projekts im Jahr 2005 klar sein: Den Inhalt
dieser "Einheit" bestimmt einzig der Papst in Rom und die von ihm
Beauftragten, und die Evangelischen dürfen diesen nur zuarbeiten, nicht aber
selbstständig entscheiden - notfalls gegen ihr Gewissen und auf Kosten der
Wahrheit.
Was hat Hieronymus verschwiegen?
Die ganzen
Absonderlichkeiten und Absurditäten der römisch-katholischen Lehrentscheidungen zur Bibel sind
jedoch - gemessen an der Frage nach den tatsächlichen Inhalten des
Urchristentums - eher ein Nebenschauplatz. Denn in der Bibel steht vieles
überhaupt nicht mehr, was Hieronymus noch vom Urchristentum wusste. Ein
Beispiel dafür ist das Verhältnis von Jesus zu den Tieren (siehe
"Der Theologe Nr.
7": Jesus und die ersten Christen waren Vegetarier).
So hat Hieronymus selbst geschrieben:
"Der Genuss des Tierfleisches war bis zur Sintflut unbekannt; aber seit der
Sintflut hat man uns die Fasern und die stinkenden Säfte des Tierfleisches
in den Mund gestopft; wie man in der Wüste dem murrenden, sinnlichen Volk
Wachteln vorwarf. Jesus Christus, welcher erschien, als die Zeit erfüllt
war, hat das Ende wieder mit dem Anfang verknüpft, so dass es uns jetzt
nicht mehr erlaubt ist, Tierfleisch zu essen."
(Adversus Jovinianum I, 18)
Hinzu kommt
einiges, was
der Bibelgelehrte Origenes (185-254) im 3. Jahrhundert noch lehrte, was Hieronymus in den
zeitgenössischen Bibelhandschriften aber vermutlich nicht mehr
vorfand: z. B. das Wissen um die Präexistenz (= dem Vorleben) der Seele vor der Geburt des
Menschen und der Glaube an die Rückkehr aller gefallenen Wesen zu Gott (= in
der Theologie manchmal "Allversöhnung" genannt; siehe
"Der
Theologe Nr. 2": Reinkarnation und "Der
Theologe Nr. 19": Es gibt keine ewige Verdammnis - auch nicht in der Bibel).
Hier könnte man fragen: Warum hilft Hieronymus hier offenbar mit, dies weiter zu
verschweigen? Warum setzt er sich so dafür ein, die bis dahin kirchlich anerkannten
biblischen Schriften im damaligen Stadium ihrer Entwicklung genau zu überliefern anstatt das urchristliche Wissen aus anderen
Schriften zu bewahren und wieder bekannt zu machen, das
ansonsten verloren zu gehen droht? Hat Hieronymus am Ende sogar selbst diese
"apokryphen"
Schriften mit vernichten lassen? Und gab es unter Umständen auch in älteren biblischen
Handschriften noch weitere Spuren dieses gefährdeten Wissens? Und hat Hieronymus
diese Spuren z. B.
gar getilgt, nachdem sich bereits in den gängigen lateinischen Übersetzungen
diese Inhalte nicht mehr fanden? Vielleicht, weil er einfach loyal zum Papst und
dessen Interessen stehen wollte oder schlicht musste, um sein Leben nicht zu gefährden? Und
weiter: Hat Hieronymus wirklich gründlich alle damals noch zugänglichen
griechischen Texte studiert? Oder hat er sich nur auf die ihm am meisten
geläufige Handschrift mit Namen Sinaiticus aus dem 4. Jahrhundert verlassen? Weil es
vielleicht nicht so mühsam war als andere Handschriften stärker mit einzubeziehen?
An dieser Stelle gibt es leider mehr Fragen als Antworten.
Todesstrafe für Abweichungen von der katholischen Staatsreligion
Eine sehr einfache Antwort ist, dass Hieronymus nachweislich noch Karriere
machen wollte und selbst auf den Papstthron schielte. Und wie man Papst
wird, zeigt kaum eine Biografie deutlicher als die von Josef Kardinal
Ratzinger alias Benedikt XVI.
(siehe z. B. dessen Biografie von Prof. Dr. Hubertus Mynarek
unter
http://hpd-online.de/node/2224).
Mit mutigen Interpretationen der kirchlichen Überlieferung oder gar mit
einzelnen Abweichungen kommt man in der Kirche nicht voran. Man muss sich für das Gegenteil entscheiden, nämlich für das
komplette Aufgehen der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Gewissens im
Mehrheitsstrom der Kirche und ihrer Geschichte.

Rechts:
Hieronymus beim Schreiben der Bibel - eine
Auftragsarbeit in einem totalitären Zwangsstaat (Ausschnitt aus
einem Gemälde von
Michelangelo, um 1606, Galleria Borghese, Rom)
Hier hilft auch ein Blick in das gesellschaftliche und kirchliche Umfeld Ende des 4. Jahrhunderts weiter: Es war damals auch die Aufgabe des Hieronymus, die kurz vor Beginn seiner Arbeit an der Vulgata (im Jahr 382) zur einzigen Staatsreligion im gesamten römischen Reich erhobene römisch-katholische Machtkirche (im Jahr 380) mit der biblischen Überlieferung zu "harmonisieren". Und dies ist von vorne herein alles andere als ein seriöses Umfeld für eine möglichst unverfälschte Überlieferung der Bibel. Und man muss sich hierbei auch noch folgendes bewusst machen: Auf Abweichungen von der römisch-katholischen Lehre stand zu diesem Zeitpunkt [seit 380] bereits die Todesstrafe. Eine Zeit freier Forschung und Lehre war also definitiv vorbei. Und jeder, der in diesem Bereich arbeitete, stand deshalb bereits mit einem Bein auf dem Scheiterhaufen. Man kann die Arbeit des Hieronymus deswegen nicht mit der eines Wissenschaftlers in unserer Zeit vergleichen. Sondern er hatte eine Auftragsarbeit in einem aufstrebenden totalitären Zwangsstaat zu verrichten. Und dies ist ein Sachverhalt, der nun umgekehrt zu Vermutungen Anlass gibt, dass Hieronymus gravierende Änderungen in den biblischen Schriften zugunsten der neuen Staatsreligion vorgenommen hatte, also schwerwiegende Fälschungen durchführte. Doch auch für diese Überlegungen gibt es keine Beweise, zumindest bislang nicht. So kann man sich für eine seriöse Beurteilung des Sachverhalts nur Schritt für Schritt voran tasten. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass er bereits zuvor durchgeführte schwerwiegende Fälschungen oder Streichungen in der biblischen Überlieferung sozusagen "wasserdicht" machte (siehe dazu z. B. das Kapitel Das verschwundene Ur-Matthäusevangelium).
Die ältesten erhaltenen Schriften
So ist ein
nächster Schritt, einmal die Zeit vor Hieronymus näher zu beleuchten. Aus
diesem Grund folgt in den
nächsten Abschnitten eine detailliertere Betrachtung der heute vorhandenen Dokumente
hinsichtlich der Entstehung der Bibel, die aus früheren Zeiten stammen:
Der älteste heute
nachweisbare Bibeltext ist eine lateinische Übersetzung und sie stammt aus
dem Jahr 250. Doch von diesem Text sind bis heute nur
ein paar wenige Zitate
erhalten. Die Schrift selbst ist "verloren". Zu diesen Sätzen hinzu kommen die lateinischen Bibelzitate, die Kirchenvater Tertullian
(um 150 - um 230) um
das Jahr 200 verwendet. Einige seiner Schriften sind die ältesten heute noch erhaltenen
Dokumente, die Bibelworte enthalten. Daneben
gibt es mehrere ebenfalls lateinische Handschriften, hauptsächlich mit Evangelientexten aus
dem 4. Jahrhundert, die man zum Vergleich heranziehen kann, wenn man die von
Hieronymus geschaffenen Vulgata-Texte überprüfen möchte.
Hieronymus, der
sowohl Latein als auch Hebräisch und Griechisch sprach, lagen anscheinend die
wichtigsten damals noch vorhandenen Quellen vor, sowohl lateinischen
Übersetzungen als auch, was viel entscheidender ist, Abschriften von
griechisch verfassten Ursprungstexten. Davon sind heute die so genannten
Sinaiticus und Vaticanus am ältesten,
obwohl sie zu Lebzeiten des Hieronymus relativ neu waren. Sie wurden nämlich erst im 4. Jahrhundert
verfasst, in dem auch Hieronymus lebte und arbeitete.
So stellt sich als nächstes die wichtige Frage: Wie wurden diese Texte
bis ins 4. Jahrhundert überliefert?
Und was geschah dann im 4. Jahrhundert mit
ihnen, nachdem bereits im Jahr 326 unter Kaiser Konstantin die Verfolgung
Andersdenkender begann, indem man z. B. ihre Versammlungshäuser
beschlagnahmte und der katholischen Kirche übereignete. Schon in der ersten
Hälfte des 4. Jahrhunderts forderte die Kirche vom Kaiser nämlich die Ausmerzung der
Religion von Andersdenkenden
(mehr
dazu z. B. in der Schrift "Freie Christen Nr. 1"). Die Barbarei der
Kirche, die
von nun an viele Jahrhunderte dauern sollte, war in Europa also bereits vor
der Zeit des Hieronymus im Gange.
Hieronymus
arbeitete bei den griechischen Dokumenten, die viel näher am
ursprünglichen Text sind als die lateinischen Übersetzungen, in der
Regel mit
dem Sinaiticus. Es gibt jedoch auch
kleine
Reste von über 100 griechischen Papyri
(!), die
überwiegend kleinere Text-Teile der neutestamentlichen Schriften enthalten
und
wovon immerhin mehr als die
Hälfte aus der Zeit vor 300 stammen.
Und dabei stellt sich hier mit Nachdruck eine wesentliche Frage. Nämlich:
Was können wir in den vollständigen Papyrus-Rollen lesen? Was ist mit
den Papyri geschehen? Wo sind die Rollen?
Warum sind offenbar alle - bis auf
minimale Reste -
vernichtet? Das ist doch kein dummer geschichtlicher Zufall.
Vermutungen oder Wahrscheinlichkeiten in dieser Hinsicht sind allerdings bisher nicht beweisbar, und man muss
dabei zunächst etwas Grundsätzliches unterscheiden:
Beim griechischen Text ging es
darum, dass man den ursprünglich verfassten, so genannten Ur-Text wortgetreu
weitergab. Bei den
lateinischen Texten jedoch liegt es in der Natur der
Sache, dass jeder Übersetzer anders übersetzt und schon von daher kein Text
dem anderen gleichen kann. Und weiterhin kann natürlich jeder Bearbeiter mit
mehr oder weniger Recht behaupten, seine Veränderung wäre eine verbesserte
Übersetzung. Das ist schon einmal ein wesentlicher Sachverhalt.
Hinzu kommt als zweites: Man müsste bei unterschiedlichen Fassungen des
griechischen Textes auch zwischen geringfügigen Unterschieden einerseits und
gezielten bzw. unabsichtlichen, aber gravierenden Änderungen andererseits
unterscheiden, wobei nur solche Fehler bzw. Änderungen interessant sind, die
den Sinn der ursprünglichen Worte verfälschen. Diese Unterscheidung wird oft
unterschlagen, wenn fanatische Bibelkritiker sich über "Tausende" von
Textvarianten lustig machen. Hier wird nicht berücksichtigt, dass bei den
meisten nachweisbaren Veränderungen der Sinn nicht oder nicht wesentlich verändert wird. Und auch bei
einzelnen Korrekturen innerhalb der "ältesten" Handschriften aus dem 4.
Jahrhundert handelt es sich nach heutigem Kenntnisstand meistens um geringfügige Überarbeitungen, z.
B. in Form einer Angleichung an eine andere Handschrift. Gab es
gravierende Veränderungen, hätte man - so weit möglich - alle vorhandenen
Abschriften dieser Handschrift mit ändern müssen. Dies ist auch denkbar,
denn es gab wohl nicht viele davon. Doch gibt es dafür heute weder einen
Beweis noch deutliche Indizien. Allerdings lässt sich erst Recht nicht das
Gegenteil nachweisen, nämlich, dass der Inhalt dieser Handschriften
womöglich in keiner Phase seiner Geschichte gravierend verändert worden ist.
Und hier stellt sich wiederum die
Frage nach dem Verbleib der ca. 50 bekannten Papyrusrollen, die aus dem 3.
Jahrhundert und gar aus früheren Zeiten stammen. Wo sind die Papyrus-Rollen?
Denn die heute bekannten ältesten Evangelien-Handschriften aus dem 4.
Jahrhundert sind
in Wirklichkeit eben überhaupt nicht "alt", sondern jung. Denn sie stammen erst aus einer Zeit fast 300 Jahre
(!) nach ihrer
ersten Abfassung und zu einer Zeit, in der Christen nicht mehr verfolgt
wurden, sondern in der Kirchenmänner, die sich Christen nannten, bereits andere
Menschen grausam verfolgten.
Die ältesten
erhaltenen griechischen Komplett-Fassungen des Neuen Testaments stammen
demnach erst aus dem 4.
und 5. Jahrhundert. Kirchliche Forscher wenden nun aber ein, dass auch die
wenigen bekannten Textpassagen (so genannte "Fragmente") aus den älteren Papyrusrollen
aus dem 3. und vereinzelt aus dem 2. Jahrhundert im wesentlichen mit den
späteren Handschriften übereinstimmen. Und dies gilt in der Theologie als ein Indiz für wenig
Veränderung. Dieser Befund stabilisierte sich vor allem ab 1930, als man
einige weitere Papyri fand, die man bis dahin noch nicht gekannt hatte. Doch
enthalten die Papyri eben alle so wenig Text, dass man diese Entdeckungen nicht
verallgemeinern kann.
Dazu ein Bild: Wenn in einem Lostopf 30.000 Lose sind und davon sind 20
große Gewinne und 29.980 Nieten, und man zieht der Reihe nach 30 Lose,
allesamt Nieten, dann kann man auch nicht seriös behaupten, in dem Topf
befänden sich sehr wahrscheinlich ausschließlich Nieten. Doch selbst wenn
sich die Vermutung, dass es wohl keine großen Veränderungen gegeben habe, weiter verdichten
sollte, so ändert das nichts daran, dass auch diese Texte immer noch in
einem sehr großen Abstand zum Leben Jesu und seiner Jünger
entstanden sind.
Und außerdem wird
allein durch das Alter noch überhaupt nichts über die Zuverlässigkeit ihres
Inhalts ausgesagt. Man hat nur eine Spur zurück in Richtung
des ursprünglichen Urchristentums. Doch es ist eben wahrscheinlicher, auf dieser
Spur tatsächlich gravierende Veränderungen bzw. Fälschungen zu finden als
nichts dergleichen. Hinzu kommt, was Hieronymus zur Überlieferungsgeschichte der lateinischen
Übersetzungstexte schreibt:
"Unzuverlässige Übersetzer", "Verschlimmbesserungen inkompetenter Textkritiker",
"Zusätze oder Änderungen
unaufmerksamer Abschreiber".
Dies legt auch die Vermutung nahe, dass bei der
Überlieferung der griechischen Urtexte auch nicht besonders zuverlässig
gearbeitet wurde.
Das verschwundene Ur-Matthäusevangelium
Von entscheidender Bedeutung ist dabei ein
Ur-Matthäusevangelium
mit teilweise anderen Inhalten als das biblische Matthäusevangelium.
Hieronymus
selbst berichtet
über einen in Hebräisch verfassten Urtext des Matthäusevangeliums,
der nicht mit dem aus der Bibel bekannten Matthäusevangelium übereinstimmt.
Dieses Evangelium sei zudem identisch mit dem so genannten Nazaräerevangelium.
Und nach Kirchenvater Epiphanius (315-403) wäre wohl auch
das so genannte Ebionäerevangelium
eben dieses Ur-Matthäusevangelium. Epiphanius schreibt wörtlich, dass jenes
Ebionäerevangelium "nach Matthäus genannt wird" und
auch mit "dem hebräischen Evangelium" identisch sei (haer.30.13,2f.)
Und das könnte wiederum bedeuten: Auch das aramäische Hebräerevangelium
oder ein Teil davon könnten letztlich dieses Ur-Matthäusevangelium sein.
Zumindest rechnete Hieronymus einige Jesusworte, die heutige Wissenschaftler
dem "Hebräerevangelium" zuordnen, ebenfalls dem Nazaräerevangelium bzw. dem
Ur-Matthäus zu. Die wissenschaftliche Forschung tastet hier teilweise sehr
unsicher herum, und einzelne katholische oder evangelische Fachvertreter
sind je nach Interessenlage und Profilierungszwecken oft untereinander
uneins.
Das
wissenschaftliche Problem bei diesen Zuordnungen ist: Alle diese hier
genannten Evangelien sind zwar als solche bezeugt. Bis auf einzelne Sätze oder
Abschnitte wurden sie aber auch alle von der Kirche vernichtet bzw. nicht
mehr abgeschrieben, so dass die Wissenschaftler
hier ein Mosaik bzw. Puzzle vor sich haben und aus diesen Befunden dann ihre zum Teil
unterschiedlichen Schlussfolgerungen ziehen. Dies gilt auch bei dem
Evangelium der Zwölf,
von dem Origenes berichtet bzw. von dem auch von Hieronymus erwähnten
Evangelium nach den Aposteln.
Deswegen sind auch noch weitere Identitäten oder noch andere Kombinationen der
Puzzle-Teile denkbar.
Und deshalb hören wir doch einfach mal hin, welche
Berichte in den Quellen erhalten geblieben
sind und was Hieronymus selbst dazu sagt, der laut katholischer Lehre
immerhin "heilig" gesprochen wurde und eine "unfehlbare" Bibelfassung
verfasst haben soll. Auch wenn das nicht stimmt, so ist Hieronymus selbst
doch in diesen
Dingen ein zuverlässigerer Zeuge gegenüber einer im Vergleich kirchengebundenen heutigen
theologischen Theorie.
|
"Ich spreche nun
[vielmehr] vom Neuen Testament: Dass es ursprünglich in Griechisch abgefasst
ist, unterliegt keinem Zweifel, mit Ausnahme des [Werkes des] Apostels
Matthäus, der sich als erster an die Abfassung des Evangeliums Christi wagte
und es in Judäa in hebräischen Lettern (hebraicis litteris) herausbrachte." |
Und die bekannten
Inhalte aus diesem apokryphen Evangelium haben es in sich.
So sagte Jesus z. B. laut dem
Hebräerevangelium: "Und niemals sollt ihr
fröhlich sein, wenn ihr nicht auf euren Bruder in Liebe blickt"
(Hieronymus, Kom. zu Eph. 5, 4).
Oder: "In dem Evangelium nach den Hebräischen, das die Nazaräer zu lesen
sich gewöhnt haben, wird unter die schwersten Verbrechen gezählt: Wer seines
Bruders Geist betrübt hat" (Hieronymus, Kom. zu Hes. 18, 7).
Und betrachten wir hierzu als nächstes das
Ebionäerevangelium
oder Ebionitenevangelium.
Die frühkatholischen "Sektenbeauftragten" Irenäus (2.
Jahrhundert) und Epiphanius (4. Jahrhundert) schreiben übereinstimmend, "dass die
Ebionäer nur ein einziges Evangelium benutzen und dass dies ein
Matthäusevangelium ist; ferner, dass diese Sekte [Anmerkung:
schon damals ist dieses Wort ein kirchliches Schimpfwort; in Wirklichkeit
ging es wahrscheinlich um Urchristen] die jungfräuliche Geburt Jesu leugnet"
(Wilhelm Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen, Band 1: Evangelien, 6.
Auflage, Tübingen 1999, S. 120).
Hier liegen also zuverlässige
Zeugenaussagen vor, dass
der Ur-Matthäus, also das ursprüngliche Matthäusevangelium, noch keine Jungfrauengeburt von Jesus kannte, sondern eine
natürliche Zeugung durch Josef und Maria. Erst das kirchlich verfälschte
Matthäusevangelium hatte dann die Idee einer Jungfrauengeburt aus
antiken Götzenkulten übernommen und diese Legende am Beginn des Evangeliums
der Jesus-Mutter Maria unterschoben, worauf dann später die katholischen Dogmen aufbauten.
Und von Hieronymus
erfährt man, dass die urchristlich orientierte Gemeinschaft der so genannten Ebioniten
dieses Ur-Matthäusevangelium
verwendete (daher auch "Ebioniterevangelium") und später im 3. Jahrhundert
auch der urchristliche Lehrer Origenes.
Und die wenigen erhalten gebliebenen Sätze sind höchst brisant. Der renommierte evangelische Experte Prof.
Dr. Wilhelm Schneemelcher schreibt über dieses Evangelium: "Die Aufgabe Jesu
ist die Auflösung der ´Opfer`; in diesem Spruch dokumentiert sich die
Feindschaft der Ebionäer gegen den Tempelkult." Anderes deutet "auf
Vegetarismus" (Neutestamentliche Apokrpyhen, Band 1, Tübingen 1990, S.
140; mehr dazu in Der Theologe Nr. 7 - Jesus und die ersten Christen waren
Freunde der Tiere; dort auch die bekannten Zitate
aus dem Ebionäerevangelium zum Thema "Ernährung").
Die Aussagen von Hieronymus und anderen Kirchenvätern
zum Matthäusevangelium sind demnach ein klarer Beweis für die These,
dass Evangelien verändert bzw. gefälscht worden sind
und dass schließlich nur manches das frühkatholische Sieb durchlief, während
anderes zurück gehalten wurde.
Und die wenigen vorliegenden
gesicherten Fakten steigern natürlich das Interesse, was
wohl noch alles im ursprünglichen Matthäusevangelium geschrieben
stand.
Was hatte Matthäus ursprünglich alles geschrieben?
Ein weiterer wichtiger Zeuge dafür ist
Origenes.
Im Matthäuskommentar des Origenes kommentiert der Kirchenlehrer des
3. Jahrhunderts auch
eine Passage in der Erzählung vom reichen jungen Mann (reichen Jüngling), die
in der Version der Bibel fehlt, die aber das Problem des
"reichen Jünglings" praktisch auf den Punkt bringt. Im Ur-Matthäus
sind es zwei reiche Jünglinge, und Jesus sagt zu einem von ihnen: "Wie
kannst du sagen, Gesetz und Propheten habe ich erfüllt? Steht doch im Gesetz
geschrieben: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, und siehe, viele deiner
Brüder, Söhne Abrahams, starren vor Schmutz und sterben vor Hunger - und
dein Haus ist voll von vielen Gütern, und gar nichts kommt aus ihm heraus zu
ihnen!" (Mt.-Kom. XV 14)
Verständlich, dass die
Kirche heute enorme Schwierigkeiten bekommen würde, wenn dieses authentische Jesuswort
auch noch in ihrer Bibel stehen würde. Denn der Petersdom und die
Schatzkammern des Vatikan sind voller Güter und Gold, und hinzu kommen
Wertpapiere und gefüllte Konten und eine eigene Bank. Und kein Papst rückte je etwas
davon heraus. Man fordert immer nur die Gläubigen zum Spenden auf. Dabei
sterben in unserer Zeit täglich (!) über 30.000 Menschen an Unterernährung
und Hunger. Dies ist kaum vorstellbar, weil die Menschen in den reichen
Ländern meist von diesen Tragödien abgeschottet werden. Und doch ist es
Realität. Und bereits im Ur-Matthäus stand als Klage von Jesus, dem Christus
zu lesen: Sie "sterben vor
Hunger". Und wäre dies heute nicht erst recht so?
Jeder Zeitgenosse mit gesundem Menschenverstand kann nun
schlussfolgern: Was Jesus hier über den reichen jungen Mann sagt, ist zwar
eine Mahnung an alle wohlhabenden Menschen. Doch passt es im Besonderen zum
Vatikan und zur Kirche. Denn dort geschieht dies täglich, was Jesus hier
anprangert: Aus mit Gütern
prall gefüllten Häusern werden "fromme" Verlautbarungen über "Gesetz und
Propheten" verkündet, während von dort keine Hilfen zu den "Söhnen Abrahams"
gebracht werden, die "starren vor Schmutz und sterben vor Hunger". Und so
war es schon damals im Interesse der zur Staatsreligion aufstrebenden
Großkirche gewesen, dass solche deutlichen Passagen
aus den Jesus-Berichten gestrichen würden.
Betrachten wir weiter das
Nazaräerevangelium, welches nach dem
Bibel-Experten Hieronymus offenbar mit dem Ur-Matthäus übereinstimmt. Dort
wird auch
berichtet, dass der Jünger Johannes ein Sohn eines verarmten Fischers war,
der "oft Fische in den Palast des Hohenpriesters Hannas und Kaiphas
gebracht" hatte (Historia passionis Domini, saec. XIV-XV. [14.- und 15.
Jahrhundert], foll. 30). Auch hier der Gegensatz Arm und Reich. Und
später lehrte Jesus dann die Jünger, mit dem
Fischfang aufzuhören und "Menschenfischer" zu werden.
Sehr interessant, dass auch
das Jesus-Gleichnis von den Talenten, das in der Bibel nachzulesen ist, im Ur-Matthäus anders überliefert wird: Dort wird der Diener, der sein Talent
vergraben hat, zwar auch getadelt wie in der Version der Bibel. Aber einer der beiden anderen Diener, die laut
Bibel, Matthäus 25, beide ihre Talente vermehrt
hatten, habe es laut Ur-Matthäus mit Huren, bei Trinkgelagen und mit anderen
Ausschweifungen durchgebracht, so dass er am Ende mit ganz leeren Händen da
stand.
Dieser traf demnach die schlechteste Wahl von den dreien und wurde im Gleichnis ins Gefängnis
geworfen (nach Eusebius, De theophania IV 22). Auch hier ergibt diese
Ur-Version aus dem ursprünglichen Matthäusevangelium den meisten Sinn.
Und geht man von der Identität von
Ur-Matthäus und Nazaräerevangelium aus, wie Hieronymus es tut, stand auch
folgender Bericht ursprünglich im Matthäusevangelium.
Demnach haben Gegner von Jesus aus den Kreisen der Priester vier römische
Soldaten "bestochen",
"sie sollten den Herrn so hart geißeln, bis
das Blut von seinem ganzen Körper flösse. Sie hatten dieselben Soldaten auch bestochen,
dass sie ihn kreuzigten" (Historia passionis Domini, saec. XIV-XV.
[14.- und 15. Jahrhundert], foll. 44).
Mit dem letzten Satz ist also offenbar folgendes gemeint: Diese vier und keine anderen
sollten dafür sorgen, dass sie auch das Todesurteil vollstrecken und besonders
grausam durchführen können.
Auch dieser Sachverhalt, wie er hier geschildert wird, ist nachvollziehbar. Römische Soldaten, die nur ihre "Pflicht"
erfüllen wollten, hätten von sich aus
ja keinen Grund gehabt, besonders bestialisch gegen Jesus vorzugehen und ihn so
qualvoll wie nur möglich zu foltern und hinzurichten. Sie würden, wenn sie
noch einen Funken Gewissen in sich spürten, eher versucht haben, die Qualen
wenigstens etwas zu lindern. Die besondere Grausamkeit von vier Soldaten - sowohl beim Foltern
als auch bei der nachfolgenden Kreuzigung - hätten sich gemäß des
Ur-Matthäusevangeliums Gegner von Jesus, die diesen hassten, bei den
Soldaten mit Geld erkauft (vgl. dazu Der Theologe Nr. 58 - Die
Kreuzestod von Jesus hätte nicht sein müssen).
Vieles aus dem Leben von Jesus wird nun deutlicher
Weiterhin berichtet der
Ur-Matthäus nicht nur, mit welchem schier unfassbaren Opfermut
Jesus diese Qualen ertrug, sondern auch,
wie er den Anstiftern und
Tätern,
die ihm diese zufügten,
sterbend auch noch vergeben hat. So sprach
er sterbend am Kreuz die Worte: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht,
was sie tun". Im Matthäusevangelium der Bibel fehlen die Worte jedoch. Im
kirchlichen Christentum wurden diese nur bekannt durch das Lukasevangelium
(23, 34). Der ursrpüngliche Matthäus beinhaltete sie jedoch
ebenfalls, und er berichtete noch mehr: Diese
Jesusworte am Kreuz,
"Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun", waren es
gewesen, welche
Tausende von Menschen am Pfingstfest und danach dazu bewegten, ihm von nun
an nachzufolgen (fol. 55). Zwar wird in der "Pfingstpredigt" des
Petrus laut Bibel die Kreuzigung ebenfalls vordergründig
erwähnt (2, 23); aber eben nicht, was genau die Herzen der Menschen
vor allem berührte. Mehr Opfermut, Selbstlosigkeit und
Vergebungsbereitschaft ist überhaupt nicht möglich.
Und auch die
Erschütterung des Tempels beim Tod von Jesus
- als Zeichen für den Gegensatz
zwischen Jesus und der Priesterkaste - wird in der Bibel nur noch ansatzweise gestreift.
Wie sehr sich die Gegner von Jesus mit dem Haus aus Stein und dem darin praktizierte Priesterkult
identifizierten, und wie sehr Jesus hier mit seinem Widerspruch ins Mark getroffen
hatte (siehe dazu auch Der Theologe Nr. 38), als er die Opfertierhändler von dort vertrieb, musste auch sein
Nachfolger Stephanus spüren. Als Stephanus den großen jüdischen Gottespropheten
Jesaja zitierte und noch einmal klar stellte, das Gott nicht "in Tempeln
wohnt, die mit Händen gemacht sind" (Apostelgeschichte 7, 48ff.),
wurde er auf der Stelle von denselben Kräften durch Steinigung hingerichtet, die bereits den
Tod von Jesus forderten - den Priestern und den Priesterhörigen.
Doch
kein Wunder, dass dieser zentrale Konflikt in der Kirche heute sehr
abgeschwächt wird, da man ja im Christentum im Gegensatz zu Jesus und den
Gottespropheten ebenfalls Dome, Kathedralen und Kirchen aus
Stein baute - und zwar hunderttausendfach und nicht nur einen wie damals in
Jerusalem. Und das, obwohl auch in der Bibel der Kirche steht,
dass Gott in
solchen Häusern ausdrücklich nicht
(!) wohnt.
So passt es auch ins Gesamtbild, dass in der
kirchlichen Bibel fehlt, welche Schrecken beim Tod von Jesus offenbar über den Tempel
herein brachen. Laut Bibel wäre nur der "Vorhang im Tempel" in zwei Teile
zerrissen (27, 51), was nur in einem einzigen Vers nebenbei erwähnt wird. Doch im
Ur-Matthäus "liest man, dass die Tempeloberschwelle von unendlicher Größe
beim Tode Christi sich gespalten habe (dasselbe sagt Josephus und fügt
hinzu,
es seien in der Luft schreckliche Stimmen gehört worden, die sagten:
´Lasst uns von diesem Wohnsitz weggehen`)" (fol. 65 und Josephus, Jüdischer
Krieg VI, 293-300).
Das heißt, hier ist nicht nur ein "Vorhang" zerissen, den man nach
kirchlich-abendländischen Vorstellungen hinterher wieder zusammen nähen
konnte. Sondern der ganze Tempel wurde in seinem Fundament erschüttert und
gespalten, und ein apokalyptisches
Szenario tat sich dort auf. Und auch hierzu gibt es eine für die Kirche
unliebsame Parallele: So deuten viele Bibelkenner die "Hure Babylon" in der Offenbarung
des Johannes als Symbol für die endzeitliche Kirche (siehe dazu
Der Theologe Nr. 41). Und es heißt dort: "Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon
die Große und ist eine Behausung der Teufel geworden und ein Gefängnis aller
unreinen Geister ... Geht hinaus aus ihr, Mein Volk, dass ihr nicht teilhabt
an ihren Sünden und nichts empfanget von ihren Plagen" (18, 2.4).
Liebe Leserinnen, liebe
Leser. Es ist also sehr spannend. Und was steht noch im
Ur-Matthäus?
Und was wird in der Kirche verschwiegen?
Hieronymus schreibt dazu weiter wörtlich:
"In dem Evangelium, das die
Nazarener (siehe dazu hier)
und Ebioniten gebrauchen, das wir neulich aus der hebräischen Sprache in die
griechische übersetzt haben und das von den meisten
[!] als das authentische
(Evangelium) des Matthäus bezeichnet wird,
wird der Mann, der die verdorrte Hand hatte, als Maurer beschrieben, der mit
folgenden Worten um Hilfe bat: ´Ich
war Maurer und verdiente mit (meinen) Händen (meinen) Lebensunterhalt; ich
bitte dich, Jesus, dass du mir die Gesundheit wieder herstellst, damit ich
nicht schimpflich um Essen betteln muss" (Hieronymus,
Matthäuskommentar zu 12, 13, zit. nach Schneemelcher,
a.a.O., S. 134).
Die biblische Textrekonstruktion ist auf Sand gebaut
Auch dieses praktische Beispiel aus dem Heilungsdienst von Jesus steht
also nun nicht mehr in den Bibeln der
Kirche.
Alleine daran sieht man, dass die heutige
Bibelwissenschaft trotz ihrer teils akribischen Untersuchungen bei der
Text-Rekonstruktion nur auf Sand
gebaut ist; wenn man so will, auf den Sand, den die Theologen der
frühkatholischen Kirche durch ihr Sieb gelassen haben.
Entscheidende Materialien
für die Rekonstruktion des Urchristentums und des Lebens von Jesus
fehlen jedoch bzw. sie wurden von den damaligen kirchlichen Machthabern
gezielt vernichtet.
Doch "die meisten" damaligen Bibelkundigen waren sich nach Hieronymus
bereits
darin einig, dass das Evangelium der Nazarener und Ebioniten "das
authentische" Matthäusevangelium sei, wie Hieronymus es in seinem
Matthäuskommentar schreibt.
Hieronymus berichtet an
anderer Stelle auch von dem "Evangelium nach den Hebräern, das in
chaldäischer und syrischer Sprache, aber mit hebräischen Buchstaben
geschrieben ist, das bis heute die Nazarener benutzen als [Evangelium] nach
den Aposteln, oder, wie die meisten [!] vermuten, nach Matthäus, das auch in
der Bibliothek zu Caesarea vorhanden ist" (zit. nach Schneemelcher, S.
123).
Hier ist dann offenbar ein anderes Exemplar gemeint, eben eines in
"chaldäischer und syrischer Sprache", das als
Evangelium nach den Aposteln
jedoch dem Hebräerevangelium bzw. dem Ur-Matthäusevangelium entspricht.
Und Hieronymus schreibt weiter: "Matthäus hat als erster in Judäa ...
das Evangelium von Christus in hebräischer Schrift und Sprache abgefasst;
wer es später ins Griechische übersetzt hat, ist nicht mehr sicher. Weiter
befindet sich der hebräische Text selbst noch heute in der Bibliothek von
Caesarea, die der Märtyrer Pamphilius mit großer Sorgfalt zusammen gestellt
hat. Auch haben mir die Nazaräer in
Beröa, einer syrischen Stadt, die dies Buch benutzen, es abzuschreiben
erlaubt"
(zit. nach Schneemelcher, a.a.O., S. 121). Wörtlich: "Mihi quoque a
Nazaraeis, qui in Beroea urbe Syriae hoc volumine utuntur, describendi
facultas fuit" (Hieronymus, De viris inlustribus, Kapitel III).
Doch heute sind auch diese beiden Dokumente
"verschwunden"
- kein Wunder, nachdem Hieronymus verraten
hatte, wo sich die von der Bibel abweichenden Exemplare des richtigen
Matthäus noch befinden. Was darauf hin passierte, kann sich jeder selbst
beantworten.
Kirchentreue Theologen spekulieren jedoch, dass bei dieser Notiz das
Matthäusevangelium gemeint sein müsse, so wie es heute in der Bibel steht.
Dies trifft wohl auf die griechische Übersetzung zu, die heute als "Urtext"
gehandelt wird und wo der Übersetzer laut Hieronymus nicht mehr bekannt ist.
Doch dass hebräische Ur-Texte, die Matthäus zugeschrieben werden, sich von
dieser griechischen Übersetzung inhaltlich an vielen Stellen unterscheiden,
haben wir ja hier vielfach nachgewiesen, denn die andere Inhalte sind ja
bekannt. Und wer weiß, was noch alles
anders war! Es sind ja nur noch
"Fragmente", d. h. Einzelteile, der "ketzerischen" Evangelien erhalten
geblieben.
Da bringt es dann nicht viel, darüber zu spekulieren, ob es vielleicht auch
eine hebräische Fassung des Matthäusevangeliums gegeben habe, die mit dem
heutigen griechischen "Ur-Text" in der Bibel inhaltlich übereinstimmt, wie
es kirchentreue Theologen gerne hätten. In diesem Fall wären die
Veränderungen bzw. Fälschungen eben bereits im Hebräischen erfolgt; im
anderen Fall dann erst bei der Übertragung der Inhalte ins Griechische. Doch wie
dem auch sei: Verändert ist nun mal verändert. Und gestrichen ist nun mal
gestrichen. Und hinzugefügt ist nun mal hinzugefügt. Oder zugespitzt
formuliert: Gefälscht ist nun mal gefälscht - egal, welcher Text nun genau
damals noch in der Bibliothek lag. Er wurde vernichtet, und vernichtet ist
nun mal vernichtet. Die Frage ist nur: Warum? Und von wem?
Die Bibel wurde immer wieder verändert
Worauf man heute aufbaut, ist folglich nur ein sandiges Fundament, genauer: der sowohl im deutschsprachigen als auch im angelsächsischen Raum überarbeitete und um 1980 neu herausgegebenen griechische "Ur-Text" des Neuen Testaments. Dieser gilt als ein wesentlicher Meilenstein der heutigen Textforschung. Er soll aufgrund des gesamten vorliegenden Materials eine bestmögliche Annäherung an die nicht mehr vorhandenen Urtexte um das Jahr 100 darstellen. In umfangreichen Fußnoten wird dabei auf die noch bestehenden Unterschiede bei den zugrunde liegenden Textfassungen verwiesen, die aber, wie bereits gesagt, bis auf wenige Ausnahmen eher kleinere Punkte betreffen als gravierende, den ganzen Sinn betreffende Sachverhalte. Die Wissenschaftler aus dem deutschsprachigen (Nestle-Aland, 27. Auflage) und dem angelsächsischen Raum (Greek New Testament, 3. Auflage) haben sich dabei auf einen einheitlichen griechischen Text geeinigt, der sich nur in den Fußnoten unterscheidet. Doch die Schlussfolgerungen daraus sind trotzdem recht nüchtern. Denn dieser - für die Textrekonstruktion als großer Erfolg geltende - Befund besagt dennoch nichts darüber, was seit ihrer ersten Abfassung alles mit den Texten geschehen sein könnte. Darauf muss immer wieder hingewiesen werden. Der Befund könnte nämlich sowohl ein Hinweis für eine relativ zuverlässige Überlieferung sein als auch ein Beleg für eine sehr gründliche Fälschungsleistung von Überarbeitern, die keine Hinweise auf jeweils ursprüngliche Textfassungen mehr übrig ließen.
Gesichert ist allerdings, dass bereits die Evangelisten um das Jahr 100 ihr
vorliegendes Material ganz individuell bearbeiteten und dabei
inhaltliche Akzente setzten, die schon damals offenbar erheblich vom
tatsächlichen Geschehen abgewichen sind. Das wird auch in den Großkirchen so gesehen.
Weitere gravierende Änderungen
sind dann vor allem im 2. Jahrhundert denkbar, allerdings - wie gesagt -
noch nicht beweisbar.
Ein Beispiel:
So könnte es zwar
sein, dass das heute vorliegende Endprodukt des Markusevangeliums vom Evangelisten Markus stammt.
Vielleicht war Markus aber auch der Verfasser oder "Redaktor", d. h.
Überarbeiter, der vorletzten
oder drittletzten Fassung, die dann von einem oder gar zwei weiteren "Redaktoren" in nicht allzu langem zeitlichen Abstand ergänzt wurde (bei
Markus geht man z. B. davon aus, dass der Schluss des Buches nicht vom
Evangelisten Markus stammt).
Sicher ist auch, dass die entstehende Amtskirche von Anfang an Einfluss auf
die Inhalte der Texte nahm - zu einer Zeit, in der sie sich gleichzeitig immer mehr vom
ursprünglichen Urchristentum abwandte und sich zunehmend an antiken
heidnischen Götzenkulten orientierte (siehe dazu
"Der
Theologe Nr. 25" - Die Kirche, ein totalitärer Götzenkult). Grundsätzlich gilt dabei: Textänderungen werden je
später je unwahrscheinlicher, da sich das Material natürlich immer weiter
verbreitete und Fälschungen je später je leichter nachzuweisen wären - es
sei denn, es wäre auch in späterer Zeit noch gelungen, alle jeweils
umlaufenden
Abschriften zu vernichten und nur die vorgenommenen Fälschungen weiter zu verbreiten.
Vernichtete und verheimlichte Quellen
Immerhin
konnte nachgewiesen werden, dass
die Kirche spätestens nach ihrer Erhebung zur einzigen Staatsreligion unter
den
Kaisern Theodosius I. (Ostrom) und Gratian (Westrom) im Jahr 380
systematisch alte urchristliche Schriften hat verbrennen lassen. Dabei
suchte sie vor allem Unterlagen
zu vernichten, die dem entstehenden Dogma zuwiderlaufen könnten, wie
z. B. viele Schriften des bekannten Kirchenlehrers Origenes (ca. 185-254).
Und so kann man sich natürlich fragen, ob in
diesem Zusammenhang auch Handschriften der biblischen Evangelien vernichtet
wurden, die teilweise einen anderen Inhalt haben als die heute bekannten? Und hat
womöglich Hieronymus hier entscheidend mitgewirkt? Wir haben oben bereits
diese Fragen gestellt. Und Antworten wären zunächst spekulativ, wobei es
kein Wunder
wäre,
wenn demnächst tatsächlich ein Papyrus auftaucht, der von den anderen
bekannten Textzeugen erheblich abweicht;
wenn es ihn nicht schon längst gibt und er, was manche Forscher glauben, im
Vatikan unter Verschluss liegt. So wird es immer genügend Zündstoff bei
diesem Thema geben.
Das bestätigte sich auch vor einiger Zeit, als der Zeitschrift Focus der
"Jahrtausend-Fund"
des Judas-Evangeliums, das am Ende des 2. Jahrhunderts entstanden
sein soll, sogar eine Titelgeschichte wert war
(Nr. 13/2005). Darin habe Jesus Judas angeblich um den Verrat gebeten, um sich
von seiner körperlichen Hülle "befreien"
zu können.
Dieser Unsinn bzw. diese im negativen Wortsinn
"vergeistigte"
Sichtweise der damaligen Ereignisse war eine von vielen Meinungen der
damaligen Zeit, die das Wirrwarr der Deutungen um den Tod von Jesus eher noch vergrößert. Doch
immerhin lassen die Auseinandersetzungen um dieses Evangelium in heutiger Zeit ahnen,
dass es in früheren Zeiten wohl nicht viel anders war und es eben keine
zuverlässige Überlieferung gibt.
Doch es gibt noch Beweise ganz anderer Art, aus denen hervor geht, dass man
sich bei der Frage nach Jesus nicht bzw. nicht nur auf die biblischen
Evangelien verlassen kann.
Sicher ist z. B., dass andere Quellentexte bzw. einige andere Evangelien
von der Kirche vernichtet wurden, die sich in wesentlichen Punkten von der Darstellung der
uns heute bekannten biblischen Texte unterscheiden. Das geht aus einzelnen
Fragmenten hervor, die erhalten geblieben sind und in denen sich z. B.
Hinweise auf die Reinkarnation finden (z. B. beim Thomasevangelium) oder auf die
Tierliebe von Jesus (z. B. beim Ebionäerevangelium bzw.
Ebionitenevangelium, wonach Johannes
der Täufer sich vegetarisch ernährt und in dem Jesus erklärt, dass er
gekommen sei, um die Tieropfer abzuschaffen und z. B. fragt:
"Begehre ich etwa, an
diesem Passah Fleisch mit euch zu essen?";
vgl. hier).
So gab es also zahlreiche weitere urchristliche Quellen über Jesus von
unterschiedlicher Qualität, die gar nicht in die entstehende Bibel
aufgenommen wurden, oder einzelne so genannte Jesus-Logien, d. h. einzelne
Jesusworte.
Und es ist wohl auch kein
Zufall, dass, kurz nachdem Hieronymus in Rom die Bibel erstmals in
lateinischer Form vereinheitlichte, die größte Bibliothek der Antike in
Alexandria durch Brandstiftung in Flammen aufging,
angeblich "versehentlich". Die Mönche der Kirche hätten "doch nur" den
benachbarten heidnischen Tempel in Schutt und Asche legen wollen. Das war im Jahr 389. So
hat - zur Erinnerung - z. B. der große Kirchen- und Bibellehrer Origenes, dem im 3. Jahrhundert
noch viel mehr urchristliche Quellen zur Verfügung standen als uns heute,
auch an die Präexistenz der Seele und mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlich an die Reinkarnation geglaubt (nachgewiesen in
"Der
Theologe Nr. 2": Reinkarnation). Und möglicherweise ging in Alexandria
auch vieles von dem in den Flammen unter, was Hieronymus womöglich bewusst
unterschlug. Zur Erinnerung: Er war ja kein freier Forscher, sondern er hatte eine
Auftragsarbeit in einem totalitären Staat auszuführen.
Die von der Kirche damals beargwöhnten Texte wurden irgendwann natürlich
auch nicht mehr abgeschrieben und finden
sich deshalb heute teilweise nur noch in den Schriften altkirchlicher
"Sektenbeauftragter" (z. B. Irenäus, Epiphanius). Diese haben ihre außerkirchlichen Gegner bekämpft, und zu
diesem Zweck haben sie deren Überlieferung zitiert und dabei nicht selten verfälscht
wiedergegeben und gedeutet. Doch alleine die Tatsache, dass kirchliche Inquisitoren
Bemerkenswertes aus diesen Schriften zitieren und von diesen Dokumenten heute
anscheinend kein
Staubkorn mehr übrig ist, macht deutlich, welche Kämpfe um die Überlieferung
der Wahrheit in dieser Zeit stattgefunden haben.
Auch vor diesem Hintergrund ist die These
von einer gefälschten Bibel auf jeden Fall um einiges wahrscheinlicher als
die kirchlichen Behauptungen des Gegenteils.
Dies mag für manchen Bibelleser frustrierend sein, doch
gerade in unserer
Zeit gibt es deutlich mehr als die Bibel.
So haben wir in unserer Zeit
Zugang zu Veröffentlichungen, wie z. B. Christus durch weise Menschen und
Propheten zu den Menschen gesprochen hat, wie dies auch in der Zeit des frühen Urchristentums noch
selbstverständlich geschehen ist. Natürlich kann solches genauso bestritten werden
wie es geglaubt werden kann. Aber es bestehen zumindest heute für jeden
ehrlichen Gottsucher die Möglichkeiten, diesen Spuren zu folgen und selbst
zu lesen bzw. diese Texte mit der Bibel zu vergleichen. So ist z. B. die
durch eine Prophetin vermittelte umfangreiche Darlegung Das ist Mein Wort
aus dem Jahr 1989 (siehe
hier)
eines der aktuellsten Beispiele für Christusworte durch Prophetenmund
in unserer Zeit.
Zum Abschluss dieser Thematik noch einmal zurück zur Bibel: Nachfolgend
werden zum besseren Verständnis einige Möglichkeiten der Fälschungen zusammengefasst, die man in
fünf Kategorien einteilen kann, und
von denen manches - wie eben dargelegt - auch bereits nachgewiesen ist. (PS: Nicht auf alle Kategorien
wurde bislang in diesem Artikel eingegangen.) Und für alle der nachfolgend dargelegten Möglichkeiten gibt es
zahlreiche Beispiele. Einige wenige werden jeweils mit genannt.
1) Biblische Schriftsteller fälschen die Botschaft von Jesus oder der
Propheten. Z. B. Paulus verändert die Botschaft Jesu (siehe dazu auch
"Der Theologe Nr. 5" - Wie Paulus die Lehre von Jesus
veränderte). Oder die Priester
verkehren die Botschaft der Propheten ins Gegenteil - 100 % beweisbar durch
Vergleiche im Alten Testament. Man
muss einfach nur vergleichen (siehe dazu z. B. auch
"Der
Theologe Nr. 8" - Wie der Teufel in der Bibel hauste).
2) Kirchliche Überarbeiter oder Priester aus alttestamentlicher Zeit fälschen
vorhandene Texte
- in der Regel
nicht so leicht
nachweisbar. Z. B. wenn Jesus gesagt haben soll, auf diesen Felsen werde ich
"meine Kirche" bauen: Hat er nun tatsächlich "Kirche" gesagt, oder haben die
Kirchenleute ihm das nur in den Mund geschoben? Man kann weder das eine noch
das andere beweisen. Oder hat es Jesus zwar gesagt, aber damit etwas ganz anderes
gemeint? Das meiste beruht auf Indizien bzw. auf Thesen. Oft
wurde bereits die mündliche Überlieferung gefälscht, bevor
etwas aufgeschrieben wurde - z. B. bei der Person des Mose. Man stellte ihn
einfach anders dar als er war und unterstellte ihm z. B., dass Gott durch ihn Tieropfer
befohlen hätte.
3) Übersetzer verfälschen durch die Übersetzung den ursprünglichen Sinn -
leicht nachweisbar, da die Originale vorliegen. Oft ist allerdings umstritten,
welches der ursprüngliche Sinn war. Eindeutig ist es z. B. im Jakobusbrief, wo
in Kapitel 3, 6 klar vom "Rad der Geburt" die Rede ist, ein Hinweis auf Reinkarnation. Die deutsche
Einheitsübersetzung übersetzt jedoch verschleiernd "Umkreis der Existenz" und Luther
erfindet einfach einen neuen Sinn und übersetzt "die ganze
Welt". Der Hinweis auf ein Wiedergeburts-Rad wird gezielt verwischt bzw. getilgt.
PS: Nach allem, was man bisher sicher von Hieronymus weiß, passt er in keine der drei Kategorien, weil er
evtl. nur die bis dahin
zugänglichen und teilweise offiziell anerkannten lateinischen Übersetzungen
vereinheitlichte und neu übersetzte. Er "fälschte" also nur, was zuvor
womöglich auch schon falsch war. Evtl. kann man es zur dritten
Kategorie hinzurechnen, wenn man umgekehrt davon ausgeht, dass seine neue
Übersetzung schlechter war als die alten. Oder man nimmt die Situation zum
Anlass, um einmal deutlich zu machen, warum sich die Bibelübersetzer gegenseitig
der "Fälschungen" bezichtigten, was darauf hindeutet, dass es gar nicht möglich
ist, sich auf einen zuverlässigen Text berufen zu können.
4) Die vierte Kategorie ist die
"falsche Eindrucksvermittlung". Ein Übersetzer
dreht den Text abweichend vom ursprünglichen
Sinn in eine bestimmte Richtung. Die Übersetzung ist nicht beweisbar gefälscht, aber letztlich doch
gefälscht, da man nicht nach dem ursprünglichen Sinn fragt, sondern das aus
dem Text herausholen will, was man selbst dort zu lesen wünscht. Martin Luther hat diese
Methode der Fälschung ständig angewandt (Belege hierzu in
"Der Theologe
Nr. 1": Wer folgt Martin Luther und wer folgt Jesus von Nazareth?
und in
"Der Theologe Nr. 2": Reinkarnation),
z. B. wenn er einen Satz von Jesus mit den Worten übersetzt, "Wer zum Schwert
greift, soll
durch das Schwert getötet werden", während es eigentlich heißt "wird getötet werden" - ein großer Unterschied.
Und die römisch-katholische Kirche hat möglicherweise "falsche
Eindrucksvermittlungen" durch die oben genannte
Instruktion von Johannes Paul II. aus dem Jahr 2001 sogar zur verbindlichen Norm
gemacht. Denn dort heißt es, dass bei einer Übersetzung "die katholische
Glaubenslehre" "berücksichtigt" werden muss. Und wenn man - was
mehr als wahrscheinlich ist - auch in früheren Jahrhunderten so gearbeitet hat - dann
bestätigt dies die These des Theologen Moris Hoblaj, dass die Bibel v. a.
das "maßgeschneiderte Buch der Kirche" ist.
5) Dies
führt schließlich zur fünften Kategorie der Fälschung,
der Projektion von eigenen
Meinungen oder Überzeugungen in die Bibel hinein, was vor allem durch
die römisch-katholische Kirche "meisterhaft" beherrscht wird. So sagte z. B.
Papst Benedikt XVI. am 22.4.2011 auf RAI I über die Rolle
Marias: "Da mag mancher sagen: Aber
das hat doch kein biblisches Fundament! Darauf antworte ich mit dem
heiligen Gregor dem Großen: Mit dem Gelesenwerden wachsen die Worte der
Heiligen Schrift. Das heißt: Sie entwickeln sich in die
Wirklichkeit hinein und wachsen immer mehr in der Geschichte."
Scheinheiliger kann
man kaum formulieren, dass man ein Bibelfälscher ist. Es geht der Kirche also nicht
mehr um den ursprünglichen Wortlaut biblischer Texte und um die Rekonstruktion des
ursprünglichen Sinns.
Sondern maßgeblich ist für sie, dass die spätere römisch-katholischen Lehre,
die sie mit der "Wahrheit" gleichsetzt, wie auch immer in
biblische Texte hineinprojiziert werden kann.
Letztlich wird die Botschaft der Bibel auf diese Weise dermaßen verhöhnt,
dass jeder Bibelgläubige sich hier entrüstet abwenden müsste. Eine ähnliche
Rückprojektion unbiblischer Fakten in die Bibel betreibt die Kirche übrigens
auch, wenn sie aus dem
Jesuswort an Petrus, dass dieser der "Fels" sei, die Einsetzung des
Papsttums durch Jesus begründen will.
Und den Evangelischen, die einst unter dem Motto "Zurück zur Bibel" im 16.
Jahrhundert begonnen haben, geht es heute auch immer weniger darum, was in
der Bibel an Wahrheiten zu finden ist, sondern vor allem darum, in der Ökumene von der
römisch-katholischen Kirche, die in Wirklichkeit eine römische Baalskirche
ist (siehe hier),
als vollwertige Kirche anerkannt zu werden.
(Dieter Potzel)
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Der Text kann wie folgt zitiert werden:
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