DER THEOLOGE
Nr. 14


Was ist Wahrheit? Was ist Fälschung?

Hieronymus und
die Entstehung der Bibel


DER THEOLOGE Nr. 8 weist zahlreiche wesentliche Widersprüche in der Bibel nach, die aufzeigen, wie viele Autoren unterschiedlichen Bewusstseins an diesem Buch mitgeschrieben haben. Erklärt man alles zu "Gottes Wort", erhält man ein chaotisches und schizophrenes Gottesbild. Einmal soll Gott dies und das gesagt habe, ein andermal gerade das Gegenteil. Dazu ein einfaches Beispiel. Im Jakobusbrief des Neuen Testaments heißt es: "Was hilft´s, liebe Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der Glaube ihn selig machen? So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glaube allein" (2,14.24). Im Paulusbrief an die Römer steht aber das glatte Gegenteil, nämlich: "So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben" (3, 28). Oder es werden im 2. Buch Mose, Kapitel 20 die Zehn Gebote genannt, die Gott durch den Propheten Mose übermittelt hat. In Kapitel 34 heißt es dann noch einmal, hier seien nun die die Zehn Gebote, die Mose von Gott erhalten habe. Nur: Dieses Mal werden ganz andere Gebote aufgezählt als im 20. Kapitel.

Liest man also aufmerksam in der Bibel, dann ergibt sich überhaupt keine einheitliche Lehre und auch kein einheitliches Gottesbild. Man versteht nun besser, was der atheistische Philosoph Ludwig Feuerbach
(1804-1872) einmal sagte, nämlich: "Der Mensch schuf Gott nach seinem Bild". Zwar steht im 1. Mosebuch das Gegenteil, nämlich: "Gott schuf den Menschen nach Seinem Bild" (Vers 27). Das mag man schon so sehen. Und über den Menschen lässt sich auch vieles sicher sagen, worüber sich die Menschen untereinander schnell einig werden können. Doch über Gott besteht auf der Erde ein heilloses Durcheinander unterschiedlichster Gottesvorstellungen, alleine schon innerhalb des Christentums:
 
Für viele Kirchenchristen musste Jesus angeblich am Kreuz sterben, weil er so als ein Opfer den Zorn Gottes auf die Sünden der Menschen besänftigen konnte, damit diese Sünden gesühnt seien und Gott die Gläubigen nach deren Tod wieder in den Himmel aufnehmen würde. Andere Christen, die sich am Leben von Jesus ein Beispiel nehmen, halten diese Sühnopfer-Theorie für völlig falsch. Jesus habe immer vom liebenden
"Vater im Himmel" gesprochen, nicht von einem Gott, den man früher mit geschlachteten Tieren besänftigen musste und den er bald mit seinem eigenen Tod (also dem Tod von Jesus), endgültig versöhnen würde. Das hat Jesus nie gelehrt.
Ein Katholik glaubt weiterhin daran, dass Gott durch den katholischen Priester in eine Backoblate, eine so genannte Hostie, hinein verwandelt werden könne. Für einen reformierten Protestanten ist dies nur ein Symbol und ein undogmatischer Bibelleser findet dort Stellen, aus denen hervorgeht, dass Gott in uns zu finden ist und auch in allen Lebensformen der Natur.
Ein weiteres Beispiel: Ein kirchlicher Präsident der USA glaubt, dass Gott ihm dabei hilft, einen Krieg zu gewinnen, während andere Christen darauf hinweisen, dass Jesus niemals einen Krieg befürwortet hatte. Und, und, und ... es gibt unterschiedliche, ja gegensätzliche Gottesbilder und -vorstellungen ohne Ende.
Dabei berufen sich alle hier Genannten auf die Bibel und jeder entnimmt diesem Buch seine Argumente für seine Gottes-Theorien. Manchmal hat man auch den Eindruck, dieses Durcheinander könnte System haben und so gewollt sein. Denn je verworrener und unklarer die Bibel selbst ist, je mehr Gewicht bekommen die Theologen, Professoren, Pfarrer und Priester, die für sich in Anspruch nehmen, die Bibel richtig auslegen zu können.
Sicher ist aber nur: Um diese Bibel herum haben sich drei Großkonfessionen heraus gebildet, die katholische, die orthodoxe und die evangelische und dazu unzählige kleinere kirchliche Gemeinschaften, die sich alle auf die Bibel-Mixturen berufen und die ihren Gläubigen genau erklären, wie sich zum Beispiel welche Bibelstelle zu anderen Stellen verhält, und was genau mit einer Bibelstelle gemeint sein müsste, damit sie den anderen nicht widerspricht. Von den eher kleineren sind hier vor allem noch die Zeugen Jehovas zu nennen, die immerhin auch mehrere Millionen Mitglieder haben.

Der Theologe Moris Hoblaj bezeichnet die Bibel deshalb auch als
"das maßgeschneiderte Buch der Kirchen". Das ist eine klare Aussage zu ihrer Verfasserschaft. Und mit dieser Aussage wird zunächst "Gott" - wen immer sich der Gläubige darunter vorstellt - von der Last befreit, der Urheber dieses Buches sein zu sollen. Und ein Leser kann unter dieser Voraussetzung einmal unbefangen im Sinne von Ludwig Feuerbach ("Der Mensch schuf sich Gott nach seinem Bilde") untersuchen, welche unterschiedlichen Vorstellungen von Gott die Menschen haben, welche die Bibel geschrieben haben. Und von daher ist auch nachvollziehbar, wie zum Beispiel ein Staatsmann seinen Krieg mit der Bibel zu begründen versucht oder wie umgekehrt ein Kriegsgegner seinen Pazifismus daraus ableitet, um hier nur ein Beispiel zu nennen. Es muss also nichts mit Biegen und Brechen harmonisiert, zurecht gebogen und manipuliert werden wie in den kirchlichen Konfessionen, nur damit man die Behauptung aufrecht erhalten könne, es stamme alles von Einem all-weisen und allmächtigen Gott. Und stellt man diese Behauptung einmal beiseite, dann zeigt sich, dass in der Bibel mehrere Vorstellungen von Gott nebeneinander stehen und dass diese Vorstellungen vielfach miteinander im Widerstreit liegen. So wie der Glaube des Politikers, einen Krieg mit der Bibel begründen zu können, im Widerstreit liegt mit dem Glauben des Pazifisten, aus der Bibel ein klares Nein zum Krieg ableiten zu können.
Es lassen sich jedoch auch Indizien und logische Zusammenhänge dafür finden, dass am Anfang tatsächlich Ein Schöpfergott war, über dessen Wesen und dessen Schöpfungs- und Naturgesetze zum Beispiel die Gottespropheten des Alten Testaments oder Jesus von Nazareth übereinstimmend Auskunft geben, während die Priester des Alten Testaments oder der Kirchengemeinde-Gründer Paulus teilweise erheblich davon abweichen
(Lesen Sie dazu auch das Nachwort zu Der Theologe Nr. 8). Es gibt also Indizien dafür, dass Ursprüngliche von der Verfälschung unterscheiden zu können.
 
DER THEOLOGE Nr. 14 stellt nun einige Fakten über die Entstehung der Bibel zusammen. Das erste Problem dabei ist bereits der uneinheitliche Text der Bibel selbst, nämlich ihrer einzelnen bis heute bekannt gewordenen Handschriften. Doch selbst, wo man heute einen relativ
"stabilen" Ursprungstext annimmt, wie z. B. den Text des Neuen Testaments in altgriechischer Sprache, besagt dies noch wenig über Wahrheiten und Fälschungen innerhalb dieses Textes. In ihm wurden möglicherweise zu einer Zeit Veränderungen vorgenommen, aus der es keine oder kaum weitere schriftliche Belege über den Sachverhalt mehr gibt. Außerdem wurden nachweislich viele urchristliche Quellen gar nicht in die Bibel aufgenommen. Und viele davon wurden gar von der sich herausbildenden "frühkatholischen
" und später römisch-katholischen Kirche vernichtet. Es kann also spannend werden. Aus Zeitgründen wird hier auf die Entstehung des Alten Testaments nicht speziell eingegangen. Manches dazu lesen Sie z. B. in "Der Theologe Nr. 37".

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Der Auftrag des Hieronymus
Die "fehlerlosen" Lehrentscheidungen der römisch-katholischen Kirche
Fehlerhaftes "Diktat des Heiligen Geistes" führt in absurde Situation
Papst fordert Protestanten zur Unterwerfung bei Bibelübersetzungen auf
Was hat Hieronymus verschwiegen?
Todesstrafe für Abweichungen von der katholischen Staatsreligion
Die ältesten erhaltenen Schriften
Wo sind die Papyrus-Rollen?
Das verschwundene Ur-Matthäusevangelium
Was hatte Matthäus ursprünglich alles geschrieben?
Vieles aus dem Leben von Jesus wird nun deutlicher

Die biblische Textrekonstruktion ist auf Sand gebaut
Die Bibel wurde immer wieder verändert
Verheimlichte und vernichtete Quellen
Fünf Arten von Fälschungen



Der Auftrag des Hieronymus

Im Jahr 367 stellte Kirchenvater Athanasius (298-373) in seinem 39. Osterfestbrief erstmals die von der Kirche damals anerkannten Bücher zusammen, die mit dem späteren neutestamentlichen "Kanon" (= Maßstab, Richtschnur bzw. Liste, Verzeichnis), also der Zusammenstellung verbindlicher "heiliger" Schriften, identisch sind. Athanasius schrieb dazu: "Dieses sind die Quellen des Heiles, auf dass der Dürstende sich an den in ihnen enthaltenen Worten übergenug labe. In ihnen allein wird die Lehre der Frömmigkeit verkündigt. Niemand soll ihnen etwas hinzufügen oder etwas von ihnen fortnehmen" (zit. nach Thomas Söding, Das Neue Testament – Komposition und Genese, in: Johanna Rahner u.a., Bibel verstehen. Schriftverständnis und Schriftauslegung (Theologische Module 5), Freiburg - Basel - Wien 2008).
So gab es also bereits eine kirchlich fest gelegte und weit gehend verbindliche Schriften-Sammlung, als Kirchenlehrer Hieronymus (347-419) kurze Zeit später, ab dem Jahr 382, damit begann, die so genannte
Vulgata (von lateinisch "vulgatus" [Betonung auf der 2. Silbe] = allgemein verbreitet) zu erstellen. Die Vulgata ist eine vereinheitlichte lateinische Übersetzung der ursprünglich griechisch (Neues Testament) und hebräisch (Altes Testament) verfassten Bibeltexte. Bis dahin waren vor allem viele lateinische Übersetzungen in Gebrauch, wobei sich jede von einer jeweils anderen deutlich unterschied.
Hieronymus erklärte deshalb in einem Brief an seinen Auftraggeber, Papst Damasus I. (um 305-384, Papst seit 366), diese unbefriedigende Situation.
Doch zunächst einige Worte zum Papst selbst: Damasus hatte in den Jahren 366 und 367 nach blutigen Kämpfen und Straßenschlachten zwischen seiner Söldnertruppe und den Anhängern seines Kontrahenten Ursinus den Papstthron für sich erobert. So stürmten die Leute des Damasus am 26.10.366 z. B. die Kirche Santa Maria Maggiore "und brachten 137 Anhänger seines Gegners Ursinus um" (Alexander Demandt, Geschichte der Spätantike, S. 89, C.H.Beck-Verlag München 1998). Erst das Eingreifen des heidnischen römischen Stadtpräfekten Vettius Agorius entschied den innerkatholischen Krieg; und zwar zugunsten von Damasus als neuen angeblichen "Stellvertreters Christi" und gegen Ursinus. Der nachfolgende Stadtpräfekt Roms wollte jedoch die Massaker des Papstes nicht nachträglich tolerieren und wollte Damasus I. wegen Anstiftung zum Mord verklagen. Doch der Papst verfügte über mächtige und einflussreiche Seilschaften. Reiche Freunde des Papstes sorgten dafür, dass die jeweiligen Kaiser immer für das Kirchenoberhaupt Partei ergriffen und die Klage des Stadtpräfekten wegen der päpstlichen Verbrechen nicht einmal zugelassen wurde. Ja, mehr noch: "Damasus aber setzte sich durch mit Hilfe zweier Reskripte der Kaiser Valentinian I. und Gratian, die die römische [kirchliche] Disziplinargewalt anerkannten und die Mithilfe der staatlichen Beamten beim Vollzug kirchlicher Urteile anordneten" (Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, http://www.kirchenlexikon.de/d/damasus_i_p.shtml). Das ist deshalb von Bedeutung, weil viele Menschen glauben, die Bibel sei vom "Geist Gottes" eingegeben, ohne sich näher mit dem Umfeld ihrer Entstehung beschäftigt zu haben.
Nachfolgend nun ein Auszug aus diesem Brief, den Hieronymus an Papst Damasus I. schrieb, nachdem der Kirchenlehrer die Überarbeitung der vier Evangelien des Neuen Testaments abgeschlossen hatte:

"Du zwingst mich, ein neues Werk aus einem alten zu schaffen, gleichsam als Schiedsrichter zu fungieren über Bibelexemplare, nachdem diese [seit langem] in aller Welt verbreitet sind, und, wo sie voneinander abweichen, zu entscheiden, welche mit dem authentischen griechischen Text übereinstimmen. Es ist ein Unterfangen, das ebenso viel liebevolle Hingabe verlangt, wie es gefährlich und vermessen ist; über die anderen zu urteilen und dabei selbst dem Urteil aller zu unterliegen; in die Sprache eines Greises ändernd einzugreifen und eine bereits altersgraue Welt in die Tage ihrer ersten Kindheit zurückzuversetzen. Wird sich auch nur einer finden, sei er gelehrt oder ungelehrt, der mich nicht, sobald er diesen Band [die Überarbeitung der Evangelien] in die Hand nimmt und feststellt, dass das, was er hier liest, nicht in allem den Geschmack dessen trifft, was er einmal in sich aufgenommen hat, lauthals einen Fälscher und Religionsfrevler schilt, weil ich die Kühnheit besaß, einiges in den alten Büchern zuzufügen, abzuändern oder zu verbessern? Zwei Überlegungen sind es indes, die mich trösten und dieses Odium auf mich nehmen lassen: zum einen, dass du, der an Rang allen anderen überlegene Bischof, mich dies zu tun heißest; zum anderen, dass, wie auch meine Verleumder bestätigen müssen, in differierenden Lesarten schwerlich die Wahrheit anzutreffen ist. Wenn nämlich auf die lateinischen Texte Verlass sein soll, dann mögen sie bitte sagen: Welchen? Gibt es doch beinahe so viele Textformen, wie es Abschriften gibt. Soll aber die zutreffende Textform aus einem Vergleich mehrerer ermittelt werden, warum dann nicht gleich auf das griechische Original zurückgehen und danach all die Fehler verbessern, ob sie nun auf unzuverlässige Übersetzer zurückgehen, ob es sich bei ihnen um Verschlimmbesserungen wagehalsiger, aber inkompetenter Textkritiker oder aber einfach um Zusätze und Änderungen unaufmerksamer Abschreiber handelt? … Ich spreche nun vom Neuen Testament: … Matthäus, Markus, Lukas, Johannes; sie sind von uns nach dem Vergleich mit griechischen Handschriften - freilich alten! - überarbeitet worden. Um jedoch allzu große Abweichungen von dem lateinischen Wortlaut, wie man ihn aus den Lesungen gewohnt ist, zu vermeiden, haben wir unsere Feder im Zaum gehalten und nur dort verbessert, wo sich Änderungen des Sinns zu ergeben schienen, während wir alles übrige so durchgehen ließen, wie es war." (Vorrede zum Neuen Testament; zit. nach A. M. Ritter, Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen, Bd. 1 - Alte Kirche, 1. Auflage 1977, S. 181 f.; im Original bei J. P. Migne, Patrologiae cursus completus, series Graeca (MPG) 29, Sp. 525 ff.)

Hieronymus wäre nach seinem Selbstzeugnis also kein Fanatiker gewesen, sondern eher ein abwägender Mann, der aus den vorhandenen Materialien ein Gesamtwerk erstellte, in dem alle vorherrschenden Interessen berücksichtigt sind. Da - wie Hieronymus schreibt - die lateinischen Texte offenbar bereits "in aller Welt" verbreitet sind, scheinen auffällige und schwer wiegende Weglassungen und Hinzufügungen in diesem Stadium nur mehr schwer denkbar; auch dann, wenn dies ein Gebot der Aufrichtigkeit eines Wissenschaftlers gegenüber früheren Fälschungen wäre. Bei einzelnen Textkonflikten wird Hieronymus aber wohl auf jeden Fall zugunsten der Ansichten des damaligen Papsttums, seines Auftraggebers, entschieden haben. Bzw. er hat ja selbst wörtlich dazu geschrieben, dass "wir alles übrige so durchgehen ließen, wie es war" - was die Zuverlässigkeit dieser Texte natürlich nicht erhöht.

Die "fehlerlosen" Lehrentscheidungen
 der römisch-katholischen Kirche

Und obwohl Hieronymus seine schier unlösbaren Probleme bei der Erstellung der Vulgata [der von nun an verbindlichen kirchenamtlichen lateinischen Bibel] darlegte und es sich dabei nicht um eine Schrift in der Ursprungssprache handelt, sondern um eine Übersetzung - wie ja auch Hieronymus selbst bemängelte -, erklärte die römisch-katholische Kirche seinen Text später als "fehlerlos".
Dies geschah dogmatisch wirksam auf dem
Konzil von Trient (1545-1563, auch Tridentinum genannt) im Jahr 1546 durch das Dekret De usu et editione sacrorum librorum, in dem der Kanon [also die Schriftensammlung] der lateinischen Vulgata als kirchlich verbindlich und eben für "fehlerlos" erklärt wurde. Als man jedoch in der Folgezeit viele Fehler fand, erfolgte 1590 ein Einschnitt: Nach mehreren Korrekturen ließ Papst Sixtus V. (Papst von 1585-1590) in diesem Jahr die Vulgata als neue "authentische" Ausgabe "Editio Sixtina" herausgegeben, und er erklärte nun diese Ausgabe kirchenamtlich für "fehlerlos". Tatsächlich war sie jedoch ebenfalls voller Fehler und wurde von der Kirche deshalb unterdrückt und bereits 1592 unter Papst Klemens VIII. (Papst von 1592-1605) durch die neue jetzt endlich "fehlerlose" "Editio Clementina" ersetzt, "die freilich auch noch zahlreiche Fehler aufwies" (Karl Heussi, Kompendium der Kirchengeschichte, Tübingen 1991, 18. Auflage, S. 337). Erst die daraufhin im Jahr 1598 nochmals korrigierte und im 4. Versuch erneut als "fehlerlos" erklärte Fassung der Bibel ist dann für längere Zeit verbindlich geblieben ...

Zur Erinnerung: Der Verfasser Hieronymus schreibt davon,
"dass in differierenden Lesarten schwerlich die Wahrheit anzutreffen ist" (wörtlich: "dass nicht wahr ist, was voneinander abweicht"). Und er spricht weiter von "Verschlimmbesserungen, Unzuverlässigkeiten und Abschreibfehlern" und davon, dass es vermessen sei, als Schiedsrichter darüber zu urteilen. Das römisch-katholische Dogma verleiht dem aktuellen Stand der Überarbeitung jedoch immer wieder das Etikett "fehlerlos".

Auch die Tatsache, dass nicht Texte in der Ur-Sprache ihrer Abfassung dieses Prädikat bekamen, sondern eine Übersetzung in eine andere Sprache, ist - gelinde gesagt - unseriös. Wenn diese Übersetzung aber kirchenamtlich "fehlerlos" sei, wie sind dann die nachfolgend häufigen Ausbesserungen von Fehlern vermittelbar? Vielleicht nur, weil der fromme Glaube schlicht blind und vergesslich ist.

Bis ins 19. Jahrhundert hat die römisch-katholische Kirche zudem alle Übersetzungen der Vulgata in der Regel verworfen, was besonders der katholische Erzbischof von Mogilew in Weißrussland zu spüren kam, der Anfang des 19. Jahrhunderts eine "Gesellschaft zur Herausgabe von Bibeln" unterstützt hatte. Er wurde darauf hin von Papst Pius VII. im offiziellen vatikanischen Lehrschreiben Magno et acerbo vom 3.9.1816 rüde zurechtgewiesen. Der Papst deklarierte darin,

"dass, wenn die heilige Bibel in der Volkssprache allenthalben ohne Unterschied zugelassen wird, daraus mehr Schaden als Nutzen erwächst. Da die Römische Kirche ferner aufgrund der wohlbekannten Vorschriften des Trienter Konzils allein die Vulgata-Ausgabe anerkennt, verwirft sie die Übersetzungen anderer Sprachen und lässt nur solche zu, die mit Anmerkungen heraus gegeben werden, die in angemessener Weise den Schriften der Väter und katholischen Lehrer entnommen sind." (zit. nach Denzinger/Hünermann, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, 42. Auflage, Freiburg 2009, Lehrsatz Nr. 2710)

Fehlerhaftes "Diktat des Heiligen Geistes" führt in absurde Situation

Das ganze 19. Jahrhundert war geprägt vom Kampf der Vatikankirche gegen Versuche, die Bibel ohne die Erlaubnis des Papstes zu übersetzen. So hat der "selige" Pius IX. dieses Verhalten in seiner Enzyklika Qui pluribus vom 9.11.1846 noch einmal ausdrücklich verdammt.
"Diese Gesellschaften hat ... Gregor XVI. [1831-1846] ... verworfen, und auch Wir wollen, dass sie verurteilt seien." (Lehrsatz Nr. 2784)

Auf der anderen Seite war die 1598 korrigierte "Editio Clementina" der Vulgata als einzige von der katholischen Kirche anerkannte Bibel dann immerhin bis ins Jahr 1907 in Gebrauch, bis unter Papst Pius X. (Papst von 1903-1914) die Vulgata durch die
Nuova Vulgata abgelöst wurde (der 5. Versuch). Doch eigentlich hatte sein Vorgänger Pius IX. (Papst von 1846-1878) diesen Schritt zuvor für unmöglich erklärt. Denn auf dem 1. Vatikanischen Konzil 1869/70 hatte Pius IX. über die - wie ihre Vorgängerinnen - kurz darauf ebenfalls als erheblich fehlerhaft erkannte bisherige Vulgata noch eine dogmatisch verbindliche neue Lehrentscheidung verkündet. Die "Editio Clementina" von 1598 sei "ohne Irrtum", Gott sei ihr "Urheber" und der Heilige Geist habe sie diktiert. So die Konzilsentscheidung von 1870. Wörtlich heißt es im Kanon 4 des Konzils:

"Diese übernatürliche Offenbarung ist nun nach dem vom heiligen Konzil von Trient erklärten Glauben der gesamten Kirche enthalten ´in geschriebenen Büchern und ungeschriebenen Überlieferungen, die, von den Aposteln aus dem Munde Christi selbst empfangen oder von den Aposteln selbst auf Diktat des Heiligen Geistes gleichsam von Hand zu Hand weitergegeben, bis auf uns gekommen sind` [DH 1501 (= Denzinger/Hünermann, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, 42. Auflage, Freiburg 2009, Lehrsatz Nr. 1501)]. Und zwar sind diese Bücher des Alten und Neuen Testamentes vollständig mit allen ihren Teilen, wie sie im Dekret desselben Konzils aufgezählt werden und in der alten lateinischen Vulgata-Ausgabe enthalten sind, als heilig und kanonisch anzunehmen. Die Kirche hält sie aber nicht deshalb für heilig und kanonisch, weil sie allein durch menschlichen Fleiß zusammengestellt und danach durch ihre Autorität gutgeheißen worden wären; genau genommen auch nicht deshalb, weil sie die Offenbarung ohne Irrtum enthielten; sondern deswegen, weil sie, auf Eingebung des Heiligen Geistes geschrieben, Gott zum Urheber haben und als solche der Kirche selbst übergeben worden sind." [Kan. 4]

Und im Jahr 1893 legte Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika Providentissimus Deus "unfehlbar" nach:
"Denn uneingeschränkt alle Bücher, die die Kirche als heilig und kanonisch anerkennt, wurden in allen ihren Teilen auf Diktat des Heiligen Geistes verfasst; weit gefehlt, dass der göttlichen Inspiration irgendein Irrtum unterlaufen könnte, schließt sie durch sich selbst nicht nur jeden Irrtum aus, sondern schließt [ihn] aus und verwirft [ihn] so notwendig, wie es notwendig ist, dass Gott, die höchste Wahrheit, Urheber überhaupt keines Irrtums ist. Dies ist der alte und beständige Glaube der Kirche, wie er auch in feierlicher Erklärung auf den Konzilien von Florenz und Trient definiert und schließlich auf dem Vatikanischen Konzil bestätigt und deutlicher erklärt worden ist." (Lehrsatz Nr. 3292)

Diese zwei verbindlichen und endgültig absolut "irrtumslosen" römisch-katholischen Lehrentscheidungen von 1870 und 1893 brachten neue Komplikationen für die Kirche, als man nämlich weitere schwerwiegende Fehler und Irrtümer in der Vulgata erkannt hatte und diese 1907 in einer erneut erheblich überarbeiteten Form heraus geben musste. Und diese Lehrentscheidungen sind nicht die einzigen, mit der sich die römisch-katholische Kirche in eine völlig absurde Situation hinein manövriert hat. Denn das Konzil dogmatisierte Jahr 1870 ja auch die Unfehlbarkeit des päpstlichen Lehramts, weswegen zum "Fehlerlos" der Bibel nun auch noch das "Unfehlbar" des kirchlichen Lehramts hinzu kam. Und wenn eine "unfehlbare" Lehrinstanz etwas als "fehlerlos" dogmatisiert, dann müssten zukünftige Korrekturen eigentlich doppelt ausgeschlossen sein.
Doch wie gesagt: Bis zum Jahr 1907 musste erneut vieles an dem vom seither "unfehlbaren" Papstamt zur absolut "irrtumslosen" "Eingebung" erklärten Buch korrigiert werden. Und wie immer tritt man auch dieses Mal in Rom so auf, als wäre die gerade eben aktuelle Version dieser Konstruktion nun endlich die immer schon behauptete "göttliche Eingebung".

Papst fordert Protestanten zur Unterwerfung bei den Bibel-Übersetzungen auf

Im Jahr 1941 rudert dann der intellektuell versierte Papst Pius XII. unter dem Druck der neuen Fakten ein wenig zurück und dekretiert raffiniert:
"Das Trienter Konzil hat die Vulgata im juridischen Sinne für ´authentisch` erklärt, das heißt in Hinsicht auf die ´Beweiskraft in Fragen des Glaubens und der Sitten`, keineswegs aber hat es mögliche Abweichungen vom Urtext und von den alten Übersetzungen ausgeschlossen."

Doch hier wird mit Raffinement nachträglich ein Hintertürchen konstruiert. Denn das Konzil sprach schlicht von "fehlerlos", von "ohne Irrtum" und von "Diktat" und nicht von "authentisch im juridischen Sinne", wie der Papst hier nachträglich zu interpretieren bzw. zu verdrehen versucht, um das fortdauernde Desaster damit etwas verschleiern zu können.
Auch lässt die fortschreitende Zeit so manches Absurde oder Ungeklärte mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Und so legte
Papst Johannes Paul II. (Papst von 1978-2005) den Hebel auch wieder zugunsten der Vulgata in die andere Richtung um, und er ordnete im Jahr 2001 verbindlich an:
"Wenn eine schon erstellte Übersetzung eine der Nuova Vulgata entgegen gesetzte Option enthält, was die zugrunde liegende Textüberlieferung, die Versfolge und ähnliches betrifft, muss dies … korrigiert werden." (Fünfte Instruktion »zur ordnungsgemäßen Ausführung der Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die heilige Liturgie« zu Art. 36 der Konstitution)

Diese Instruktion sollte bald auch Folgen für die Überarbeitung der evangelisch-katholischen
Einheitsübersetzung aus dem Jahr 1980 haben. Denn die katholischen Übersetzer müssen sich seither, also seit dem Jahr 2001, an diese Instruktion dieses Papstes halten, und sie müssen so tun, als wäre der römisch-katholischen Kirche mit der Übersetzung von 1907 im 5. Anlauf endgültig das gelungen, was sie schon seit dem 4. Jahrhundert behauptet, nämlich über eine irrtumslose Bibel zu verfügen.
Konflikte im Einzelfall sind damit vorprogrammiert und nur eine Frage der Zeit.
Und aus diesem Grund hat die katholische Kirche bereits im Voraus quasi "vorbeugend" festgelegt, dass die Protestanten in diesem Fall zugunsten der Katholiken nachgeben müssen. Denn man möchte sich vordergründig weitere Blamagen, d. h. erneute Korrekturen der endlich "wirklich" "
irrtumslosen" Vulgata (und damit eine mögliche 6. nun wirklich "fehlerlose" Fassung) ersparen. Dahinter steckt jedoch noch einiges mehr, womit die römisch-katholische Kirche auch auf diesem Gebiet ihr wahres Gesicht zeigt.

Worum geht es vor allem? Bereits das Konzil von Trient hatte im 16. Jahrhundert für die katholische Kirche bis heute verbindlich beschlossen:
"
Niemand soll es wagen,  ... die Heilige Schrift im Vertrauen auf eigene Klugheit nach seinem eigenen Sinn zu drehen, gegen den Sinn, den die heilige Mutter, die Kirche, hielt und hält - ihr steht das Urteil über den wahren Sinn und die Erklärung der heiligen Schriften zu."  (4. Sitzung (1546), Annahme der Heiligen Schriften und der Überlieferungen der Apostel)

Wenn sich nun also beispielsweise ein evangelischer Theologe um den tatsächlichen Sinn einer Bibelstelle bemüht, was passiert dann, wenn er dabei zu einem anderen Ergebnis kommt als das katholische Dogma?
Die Antwort ist ebenso klar wie unüberbietbar sadistisch-pervers: Der protestantische Bibelübersetzer muss für sein Forschungsergebnis in das ewige Höllenfeuer. Denn hier hat der Katholizismus im Jahr 1870 sogar mit dem Anspruch der "Unfehlbarkeit" folgende zwei Bannflüche gegenüber allen Wissenschaftlern beschlossen, die vom katholischen Dogma abweichen, einschließlich der Theologen:
"Wer sagt, die menschlichen Wissenschaften müssten mit solcher Freiheit behandelt werden, dass ihre Behauptungen als wahr festgehalten und von der Kirche nicht verworfen werden könnten, auch wenn sie der geoffenbarten Lehre [wie sie alleine die katholische Kirche richtig interpretiert] widersprächen, der sei ausgeschlossen."
Und:
"Wer sagt, es sei möglich, dass man den von der Kirche vorgelegten Glaubenssätzen entsprechend dem Fortschritt der Wissenschaft gelegentlich einen anderen Sinn beilegen müsse als den, den die Kirche verstanden hat und versteht, der sei ausgeschlossen." (1. Vatikanisches Konzil, 1870, Lehrsätze über die religiöse Erkenntnis)
Und "Der sei ausgeschlossen" heißt im Original-Text "anathema sit" = "der sei verflucht", was eine spätere Verbannung in eine ewige Verdammnis bedeuten soll, und was das bedeutet, siehe z. B. hier.

Und obwohl die evangelische Kirche ansonsten immer mehr zum Anhängsel der katholischen verkommt, zogen die auf diese Weise erneut mit dem Höllenfeuer des Katholizismus bedrohten Protestanten hier tatsächlich einmal eine "Notbremse", und sie stiegen im Jahr 2005 aus dem ökumenischen Projekt aus. Derweil [2012] ist allerdings noch die Übersetzung von 1980 in Gebrauch, wo der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beim Neuen Testament und den Psalmen sogar als Mitherausgeber der Einheitsübersetzung genannt ist. Doch jedem dürfte spätestens seit dem Scheitern des Projekts im Jahr 2005 klar sein: Den Inhalt dieser "Einheit" bestimmt einzig der Papst in Rom und die von ihm Beauftragten, und die Evangelischen dürfen diesen nur zuarbeiten, nicht aber selbstständig entscheiden - notfalls gegen ihr Gewissen und auf Kosten der Wahrheit.

Was hat Hieronymus verschwiegen?

Die ganzen Absonderlichkeiten und Absurditäten der römisch-katholischen Lehrentscheidungen zur Bibel sind jedoch - gemessen an der Frage nach den tatsächlichen Inhalten des Urchristentums - eher ein Nebenschauplatz. Denn in der Bibel steht vieles überhaupt nicht mehr, was Hieronymus noch vom Urchristentum wusste. Ein Beispiel dafür ist das Verhältnis von Jesus zu den Tieren (siehe "Der Theologe Nr. 7": Jesus und die ersten Christen waren Vegetarier). So hat Hieronymus selbst geschrieben:

"Der Genuss des Tierfleisches war bis zur Sintflut unbekannt; aber seit der Sintflut hat man uns die Fasern und die stinkenden Säfte des Tierfleisches in den Mund gestopft; wie man in der Wüste dem murrenden, sinnlichen Volk Wachteln vorwarf. Jesus Christus, welcher erschien, als die Zeit erfüllt war, hat das Ende wieder mit dem Anfang verknüpft, so dass es uns jetzt nicht mehr erlaubt ist, Tierfleisch zu essen."
(Adversus Jovinianum I, 18)

Hinzu kommt einiges, was der Bibelgelehrte Origenes (185-254) im 3. Jahrhundert noch lehrte, was Hieronymus in den zeitgenössischen Bibelhandschriften aber vermutlich nicht mehr vorfand: z. B. das Wissen um die Präexistenz (= dem Vorleben) der Seele vor der Geburt des Menschen und der Glaube an die Rückkehr aller gefallenen Wesen zu Gott (= in der Theologie manchmal "Allversöhnung" genannt; siehe "Der Theologe Nr. 2": Reinkarnation und "Der Theologe Nr. 19": Es gibt keine ewige Verdammnis - auch nicht in der Bibel).

Hier könnte man fragen: Warum hilft Hieronymus hier offenbar mit, dies weiter zu verschweigen? Warum setzt er sich so dafür ein, die bis dahin kirchlich anerkannten biblischen Schriften im damaligen Stadium ihrer Entwicklung genau zu überliefern anstatt das urchristliche Wissen aus anderen Schriften zu bewahren und wieder bekannt zu machen, das ansonsten verloren zu gehen droht? Hat Hieronymus am Ende sogar selbst diese "apokryphen" Schriften mit vernichten lassen? Und gab es unter Umständen auch in älteren biblischen Handschriften noch weitere Spuren dieses gefährdeten Wissens? Und hat Hieronymus diese Spuren z. B. gar getilgt, nachdem sich bereits in den gängigen lateinischen Übersetzungen diese Inhalte nicht mehr fanden? Vielleicht, weil er einfach loyal zum Papst und dessen Interessen stehen wollte oder schlicht musste, um sein Leben nicht zu gefährden? Und weiter: Hat Hieronymus wirklich gründlich alle damals noch zugänglichen griechischen Texte studiert? Oder hat er sich nur auf die ihm am meisten geläufige Handschrift mit Namen Sinaiticus aus dem 4. Jahrhundert verlassen? Weil es vielleicht nicht so mühsam war als andere Handschriften stärker mit einzubeziehen? An dieser Stelle gibt es leider mehr Fragen als Antworten.

Todesstrafe für Abweichungen von der katholischen Staatsreligion

Eine sehr einfache Antwort ist, dass Hieronymus nachweislich noch Karriere machen wollte und selbst auf den Papstthron schielte. Und wie man Papst wird, zeigt kaum eine Biografie deutlicher als die von Josef Kardinal Ratzinger alias Benedikt XVI. (siehe z. B. dessen Biografie von Prof. Dr. Hubertus Mynarek unter http://hpd-online.de/node/2224). Mit mutigen Interpretationen der kirchlichen Überlieferung oder gar mit einzelnen Abweichungen kommt man in der Kirche nicht voran. Man muss sich für das Gegenteil entscheiden, nämlich für das komplette Aufgehen der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Gewissens im Mehrheitsstrom der Kirche und ihrer Geschichte.

Rechts: Hieronymus beim Schreiben der Bibel - eine Auftragsarbeit in einem totalitären Zwangsstaat (Ausschnitt aus einem Gemälde von Michelangelo, um 1606, Galleria Borghese, Rom)

Hier hilft auch ein Blick in das gesellschaftliche und kirchliche Umfeld Ende des 4. Jahrhunderts weiter: Es war damals auch die Aufgabe des Hieronymus, die kurz vor Beginn seiner Arbeit an der Vulgata (im Jahr 382) zur einzigen Staatsreligion im gesamten römischen Reich erhobene römisch-katholische Machtkirche (im Jahr 380) mit der biblischen Überlieferung zu "harmonisieren". Und dies ist von vorne herein alles andere als ein seriöses Umfeld für eine möglichst unverfälschte Überlieferung der Bibel. Und man muss sich hierbei auch noch folgendes bewusst machen: Auf Abweichungen von der römisch-katholischen Lehre stand zu diesem Zeitpunkt [seit 380] bereits die Todesstrafe. Eine Zeit freier Forschung und Lehre war also definitiv vorbei. Und jeder, der in diesem Bereich arbeitete, stand deshalb bereits mit einem Bein auf dem Scheiterhaufen. Man kann die Arbeit des Hieronymus deswegen nicht mit der eines Wissenschaftlers in unserer Zeit vergleichen. Sondern er hatte eine Auftragsarbeit in einem aufstrebenden totalitären Zwangsstaat zu verrichten. Und dies ist ein Sachverhalt, der nun umgekehrt zu Vermutungen Anlass gibt, dass Hieronymus gravierende Änderungen in den biblischen Schriften zugunsten der neuen Staatsreligion vorgenommen hatte, also schwerwiegende Fälschungen durchführte. Doch auch für diese Überlegungen gibt es keine Beweise, zumindest bislang nicht. So kann man sich für eine seriöse Beurteilung des Sachverhalts nur Schritt für Schritt voran tasten. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass er bereits zuvor durchgeführte schwerwiegende Fälschungen oder Streichungen in der biblischen Überlieferung sozusagen "wasserdicht" machte (siehe dazu z. B. das Kapitel Das verschwundene Ur-Matthäusevangelium).

Die ältesten erhaltenen Schriften

So ist ein nächster Schritt, einmal die Zeit vor Hieronymus näher zu beleuchten. Aus diesem Grund folgt in den nächsten Abschnitten eine detailliertere Betrachtung der heute vorhandenen Dokumente hinsichtlich der Entstehung der Bibel, die aus früheren Zeiten stammen:

Der älteste heute nachweisbare Bibeltext ist eine lateinische Übersetzung und sie stammt aus dem Jahr 250. Doch von diesem Text sind bis heute nur ein paar wenige Zitate erhalten. Die Schrift selbst ist "verloren". Zu diesen Sätzen hinzu kommen die lateinischen Bibelzitate, die Kirchenvater Tertullian (um 150 - um 230) um das Jahr 200 verwendet. Einige seiner Schriften sind die ältesten heute noch erhaltenen Dokumente, die Bibelworte enthalten. Daneben gibt es mehrere ebenfalls lateinische Handschriften, hauptsächlich mit Evangelientexten aus dem 4. Jahrhundert, die man zum Vergleich heranziehen kann, wenn man die von Hieronymus geschaffenen Vulgata-Texte überprüfen möchte.
Hieronymus, der sowohl Latein als auch Hebräisch und Griechisch sprach, lagen anscheinend die wichtigsten damals noch vorhandenen Quellen vor, sowohl lateinischen Übersetzungen als auch, was viel entscheidender ist, Abschriften von
griechisch verfassten Ursprungstexten. Davon sind heute die so genannten
Sinaiticus und Vaticanus am ältesten, obwohl sie zu Lebzeiten des Hieronymus relativ neu waren. Sie wurden nämlich erst im 4. Jahrhundert verfasst, in dem auch Hieronymus lebte und arbeitete. So stellt sich als nächstes die wichtige Frage: Wie wurden diese Texte bis ins 4. Jahrhundert überliefert? Und was geschah dann im 4. Jahrhundert mit ihnen, nachdem bereits im Jahr 326 unter Kaiser Konstantin die Verfolgung Andersdenkender begann, indem man z. B. ihre Versammlungshäuser beschlagnahmte und der katholischen Kirche übereignete. Schon in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts forderte die Kirche vom Kaiser nämlich die Ausmerzung der Religion von Andersdenkenden (mehr dazu z. B. in der Schrift "Freie Christen Nr. 1"). Die Barbarei der Kirche, die von nun an viele Jahrhunderte dauern sollte, war in Europa also bereits vor der Zeit des Hieronymus im Gange.

Wo sind die Papyrus-Rollen?

Hieronymus arbeitete  bei den griechischen Dokumenten, die viel näher am ursprünglichen Text sind als die lateinischen Übersetzungen, in der Regel mit dem Sinaiticus. Es gibt jedoch auch kleine Reste von über 100 griechischen Papyri (!), die überwiegend kleinere Text-Teile der neutestamentlichen Schriften enthalten und wovon immerhin mehr als die Hälfte aus der Zeit vor 300 stammen. Und dabei stellt sich hier mit Nachdruck eine wesentliche Frage. Nämlich: Was können wir in den vollständigen Papyrus-Rollen lesen? Was ist mit den Papyri geschehen? Wo sind die Rollen? Warum sind offenbar alle - bis auf minimale Reste - vernichtet? Das ist doch kein dummer geschichtlicher Zufall.

Vermutungen oder Wahrscheinlichkeiten in dieser Hinsicht sind allerdings bisher nicht beweisbar, und man muss dabei zunächst etwas Grundsätzliches unterscheiden:
Beim
griechischen Text ging es darum, dass man den ursprünglich verfassten, so genannten Ur-Text wortgetreu weitergab. Bei den lateinischen Texten jedoch liegt es in der Natur der Sache, dass jeder Übersetzer anders übersetzt und schon von daher kein Text dem anderen gleichen kann. Und weiterhin kann natürlich jeder Bearbeiter mit mehr oder weniger Recht behaupten, seine Veränderung wäre eine verbesserte Übersetzung. Das ist schon einmal ein wesentlicher Sachverhalt.
Hinzu kommt als zweites: Man müsste bei unterschiedlichen Fassungen des griechischen Textes auch zwischen geringfügigen Unterschieden einerseits und gezielten bzw. unabsichtlichen, aber gravierenden Änderungen andererseits unterscheiden, wobei nur solche Fehler bzw. Änderungen interessant sind, die den Sinn der ursprünglichen Worte verfälschen. Diese Unterscheidung wird oft unterschlagen, wenn fanatische Bibelkritiker sich über "Tausende" von Textvarianten lustig machen. Hier wird nicht berücksichtigt, dass bei den meisten nachweisbaren Veränderungen der Sinn nicht oder nicht wesentlich verändert wird. Und auch bei einzelnen Korrekturen innerhalb der "ältesten" Handschriften aus dem 4. Jahrhundert handelt es sich nach heutigem Kenntnisstand meistens um geringfügige Überarbeitungen, z. B. in Form einer Angleichung an eine andere Handschrift. Gab es gravierende Veränderungen, hätte man - so weit möglich - alle vorhandenen Abschriften dieser Handschrift mit ändern müssen. Dies ist auch denkbar, denn es gab wohl nicht viele davon. Doch gibt es dafür heute weder einen Beweis noch deutliche Indizien. Allerdings lässt sich erst Recht nicht das Gegenteil nachweisen, nämlich, dass der Inhalt dieser Handschriften womöglich in keiner Phase seiner Geschichte gravierend verändert worden ist.
Und hier stellt sich wiederum die Frage nach dem Verbleib der ca. 50 bekannten Papyrusrollen, die aus dem 3. Jahrhundert und gar aus früheren Zeiten stammen. Wo sind die Papyrus-Rollen?
Denn die heute bekannten ältesten Evangelien-Handschriften aus dem 4. Jahrhundert sind in Wirklichkeit eben überhaupt nicht "alt", sondern jung. Denn sie stammen erst aus einer Zeit fast 300 Jahre (!) nach ihrer ersten Abfassung und zu einer Zeit, in der Christen nicht mehr verfolgt wurden, sondern in der Kirchenmänner, die sich Christen nannten, bereits andere Menschen grausam verfolgten.


Die ältesten erhaltenen griechischen Komplett-Fassungen des Neuen Testaments stammen demnach erst aus dem 4. und 5. Jahrhundert. Kirchliche Forscher wenden nun aber ein, dass auch die wenigen bekannten Textpassagen (so genannte "Fragmente") aus den älteren Papyrusrollen aus dem 3. und vereinzelt aus dem 2. Jahrhundert im wesentlichen mit den späteren Handschriften übereinstimmen. Und dies gilt in der Theologie als ein Indiz für wenig Veränderung. Dieser Befund stabilisierte sich vor allem ab 1930, als man einige weitere Papyri fand, die man bis dahin noch nicht gekannt hatte. Doch enthalten die Papyri eben alle so wenig Text, dass man diese Entdeckungen nicht verallgemeinern kann.
Dazu ein Bild: Wenn in einem Lostopf 30.000 Lose sind und davon sind 20 große Gewinne und 29.980 Nieten, und man zieht der Reihe nach 30 Lose, allesamt Nieten, dann kann man auch nicht seriös behaupten, in dem Topf befänden sich sehr wahrscheinlich ausschließlich Nieten. Doch selbst wenn sich die Vermutung, dass es wohl keine großen Veränderungen gegeben habe, weiter verdichten sollte, so ändert das nichts daran, dass auch diese Texte immer noch in einem sehr großen Abstand
zum Leben Jesu und seiner Jünger entstanden sind. Und außerdem wird allein durch das Alter noch überhaupt nichts über die Zuverlässigkeit ihres Inhalts ausgesagt. Man hat nur eine Spur zurück in Richtung des ursprünglichen Urchristentums. Doch es ist eben wahrscheinlicher, auf dieser Spur tatsächlich gravierende Veränderungen bzw. Fälschungen zu finden als nichts dergleichen. Hinzu kommt, was Hieronymus zur Überlieferungsgeschichte der lateinischen Übersetzungstexte schreibt: "Unzuverlässige Übersetzer", "Verschlimmbesserungen inkompetenter Textkritiker", "Zusätze oder Änderungen unaufmerksamer Abschreiber". Dies legt auch die Vermutung nahe, dass bei der Überlieferung der griechischen Urtexte auch nicht besonders zuverlässig gearbeitet wurde.

Das verschwundene Ur-Matthäusevangelium

Von entscheidender Bedeutung ist dabei ein Ur-Matthäusevangelium mit teilweise anderen Inhalten als das biblische Matthäusevangelium. Hieronymus selbst berichtet über einen in Hebräisch verfassten Urtext des Matthäusevangeliums, der nicht mit dem aus der Bibel bekannten Matthäusevangelium übereinstimmt. Dieses Evangelium sei zudem identisch mit dem so genannten Nazaräerevangelium. Und nach Kirchenvater Epiphanius (315-403) wäre wohl auch das so genannte Ebionäerevangelium eben dieses Ur-Matthäusevangelium. Epiphanius schreibt wörtlich, dass jenes Ebionäerevangelium "nach Matthäus genannt wird" und auch mit "dem hebräischen Evangelium" identisch sei (haer.30.13,2f.) Und das könnte wiederum bedeuten: Auch das aramäische Hebräerevangelium oder ein Teil davon könnten letztlich dieses Ur-Matthäusevangelium sein. Zumindest rechnete Hieronymus einige Jesusworte, die heutige Wissenschaftler dem "Hebräerevangelium" zuordnen, ebenfalls dem Nazaräerevangelium bzw. dem Ur-Matthäus zu. Die wissenschaftliche Forschung tastet hier teilweise sehr unsicher herum, und einzelne katholische oder evangelische Fachvertreter sind je nach Interessenlage und Profilierungszwecken oft untereinander uneins.
Das wissenschaftliche Problem bei diesen Zuordnungen ist: Alle diese hier genannten Evangelien sind zwar als solche bezeugt. Bis auf einzelne Sätze oder Abschnitte wurden sie aber auch alle von der Kirche vernichtet bzw. nicht mehr abgeschrieben, so dass die Wissenschaftler hier ein Mosaik bzw. Puzzle vor sich haben und aus diesen Befunden dann ihre zum Teil unterschiedlichen Schlussfolgerungen ziehen. Dies gilt auch bei dem Evangelium der Zwölf, von dem Origenes berichtet bzw. von dem auch von Hieronymus erwähnten Evangelium nach den Aposteln. Deswegen sind auch noch weitere Identitäten oder noch andere Kombinationen der Puzzle-Teile denkbar.
Und d
eshalb hören wir doch einfach mal hin, welche Berichte in den Quellen erhalten geblieben sind und was Hieronymus selbst dazu sagt, der laut katholischer Lehre immerhin "heilig" gesprochen wurde und eine "unfehlbare" Bibelfassung verfasst haben soll. Auch wenn das nicht stimmt, so ist Hieronymus selbst doch in diesen Dingen ein zuverlässigerer Zeuge gegenüber einer im Vergleich kirchengebundenen heutigen theologischen Theorie.

"Ich spreche nun [vielmehr] vom Neuen Testament: Dass es ursprünglich in Griechisch abgefasst ist, unterliegt keinem Zweifel, mit Ausnahme des [Werkes des] Apostels Matthäus, der sich als erster an die Abfassung des Evangeliums Christi wagte und es in Judäa in hebräischen Lettern (hebraicis litteris) herausbrachte."
(Hieronymus, Vorrede zum Neuen Testament; zit. nach A. M. Ritter, Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen, Bd. 1 - Alte Kirche, 1. Auflage 1977, S. 181 f.; im Original bei J. P. Migne, Patrologiae cursus completus, series Graeca (MPG) 29, Sp. 525 ff.)


Und die bekannten Inhalte aus diesem apokryphen Evangelium haben es in sich.
So sagte Jesus z. B. laut dem
Hebräerevangelium: "Und niemals sollt ihr fröhlich sein, wenn ihr nicht auf euren Bruder in Liebe blickt" (Hieronymus, Kom. zu Eph. 5, 4).
Oder: "In dem Evangelium nach den Hebräischen, das die Nazaräer zu lesen sich gewöhnt haben, wird unter die schwersten Verbrechen gezählt: Wer seines Bruders Geist betrübt hat" (Hieronymus, Kom. zu Hes. 18, 7).

Und betrachten wir hierzu als nächstes das Ebionäerevangelium oder Ebionitenevangelium.
Die frühkatholischen "Sektenbeauftragten
" Irenäus (2. Jahrhundert) und Epiphanius (4. Jahrhundert) schreiben übereinstimmend, "dass die Ebionäer nur ein einziges Evangelium benutzen und dass dies ein Matthäusevangelium ist; ferner, dass diese Sekte [Anmerkung: schon damals ist dieses Wort ein kirchliches Schimpfwort; in Wirklichkeit ging es wahrscheinlich um Urchristen] die jungfräuliche Geburt Jesu leugnet" (Wilhelm Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen, Band 1: Evangelien, 6. Auflage, Tübingen 1999, S. 120). Hier liegen also zuverlässige Zeugenaussagen vor, dass der Ur-Matthäus, also das ursprüngliche Matthäusevangelium, noch keine Jungfrauengeburt von Jesus kannte, sondern eine natürliche Zeugung durch Josef und Maria. Erst das kirchlich verfälschte Matthäusevangelium hatte dann die Idee einer Jungfrauengeburt aus antiken Götzenkulten übernommen und diese Legende am Beginn des Evangeliums der Jesus-Mutter Maria unterschoben, worauf dann später die katholischen Dogmen aufbauten.

Und von Hieronymus erfährt man, dass die urchristlich orientierte Gemeinschaft der so genannten Ebioniten dieses Ur-Matthäusevangelium verwendete (daher auch "Ebioniterevangelium") und später im 3. Jahrhundert auch der urchristliche Lehrer Origenes. Und die wenigen erhalten gebliebenen Sätze sind höchst brisant. Der renommierte evangelische Experte Prof. Dr. Wilhelm Schneemelcher schreibt über dieses Evangelium: "Die Aufgabe Jesu ist die Auflösung der ´Opfer`; in diesem Spruch dokumentiert sich die Feindschaft der Ebionäer gegen den Tempelkult." Anderes deutet "auf Vegetarismus" (Neutestamentliche Apokrpyhen, Band 1, Tübingen 1990, S. 140; mehr dazu in Der Theologe Nr. 7 - Jesus und die ersten Christen waren Freunde der Tiere; dort auch die bekannten Zitate aus dem Ebionäerevangelium zum Thema "Ernährung").

Die Aussagen von Hieronymus und anderen Kirchenvätern zum Matthäusevangelium sind demnach ein klarer Beweis für die These, dass Evangelien verändert bzw. gefälscht worden sind und dass schließlich nur manches das frühkatholische Sieb durchlief, während anderes zurück gehalten wurde. Und die wenigen vorliegenden gesicherten Fakten steigern natürlich das Interesse, was wohl noch alles im ursprünglichen Matthäusevangelium geschrieben stand. 

Was hatte Matthäus ursprünglich alles geschrieben?

Ein weiterer wichtiger Zeuge dafür ist Origenes. Im Matthäuskommentar des Origenes kommentiert der Kirchenlehrer des 3. Jahrhunderts auch eine Passage in der Erzählung vom reichen jungen Mann (reichen Jüngling), die in der Version der Bibel fehlt, die aber das Problem des "reichen Jünglings" praktisch auf den Punkt bringt. Im Ur-Matthäus sind es zwei reiche Jünglinge, und Jesus sagt zu einem von ihnen: "Wie kannst du sagen, Gesetz und Propheten habe ich erfüllt? Steht doch im Gesetz geschrieben: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, und siehe, viele deiner Brüder, Söhne Abrahams, starren vor Schmutz und sterben vor Hunger - und dein Haus ist voll von vielen Gütern, und gar nichts kommt aus ihm heraus zu ihnen!" (Mt.-Kom. XV 14)

Verständlich, dass die Kirche heute enorme Schwierigkeiten bekommen würde, wenn dieses authentische Jesuswort auch noch in ihrer Bibel stehen würde. Denn der Petersdom und die Schatzkammern des Vatikan sind voller Güter und Gold, und hinzu kommen Wertpapiere und gefüllte Konten und eine eigene Bank. Und kein Papst rückte je etwas davon heraus. Man fordert immer nur die Gläubigen zum Spenden auf. Dabei sterben in unserer Zeit täglich (!) über 30.000 Menschen an Unterernährung und Hunger. Dies ist kaum vorstellbar, weil die Menschen in den reichen Ländern meist von diesen Tragödien abgeschottet werden. Und doch ist es Realität. Und bereits im Ur-Matthäus stand als Klage von Jesus, dem Christus zu lesen: Sie "sterben vor Hunger". Und wäre dies heute nicht erst recht so?
Jeder Zeitgenosse mit gesundem Menschenverstand kann nun schlussfolgern: Was Jesus hier über den reichen jungen Mann sagt, ist zwar eine Mahnung an alle wohlhabenden Menschen. Doch passt es im Besonderen zum Vatikan und zur Kirche. Denn dort geschieht dies täglich, was Jesus hier anprangert: Aus mit Gütern prall gefüllten Häusern werden "fromme" Verlautbarungen über "Gesetz und Propheten" verkündet, während von dort keine Hilfen zu den "Söhnen Abrahams" gebracht werden, die "starren vor Schmutz und sterben vor Hunger". Und so war es schon damals im Interesse der zur Staatsreligion aufstrebenden Großkirche gewesen, dass solche deutlichen Passagen aus den Jesus-Berichten gestrichen würden.

Betrachten wir weiter das
Nazaräerevangelium, welches nach dem Bibel-Experten Hieronymus offenbar mit dem Ur-Matthäus übereinstimmt. Dort wird auch berichtet, dass der Jünger Johannes ein Sohn eines verarmten Fischers war, der "oft Fische in den Palast des Hohenpriesters Hannas und Kaiphas gebracht" hatte (Historia passionis Domini, saec. XIV-XV. [14.- und 15. Jahrhundert], foll. 30). Auch hier der Gegensatz Arm und Reich. Und später lehrte Jesus dann die Jünger, mit dem Fischfang aufzuhören und "Menschenfischer" zu werden.

Sehr interessant, dass auch
das Jesus-Gleichnis von den Talenten, das in der Bibel nachzulesen ist, im Ur-Matthäus anders überliefert wird: Dort wird der Diener, der sein Talent vergraben hat, zwar auch getadelt wie in der Version der Bibel. Aber einer der beiden anderen Diener, die laut Bibel, Matthäus 25, beide ihre Talente vermehrt hatten, habe es laut Ur-Matthäus mit Huren, bei Trinkgelagen und mit anderen Ausschweifungen durchgebracht, so dass er am Ende mit ganz leeren Händen da stand. Dieser traf demnach die schlechteste Wahl von den dreien und wurde im Gleichnis ins Gefängnis geworfen (nach Eusebius, De theophania IV 22). Auch hier ergibt diese Ur-Version aus dem ursprünglichen Matthäusevangelium den meisten Sinn.

Und geht man von der Identität von Ur-Matthäus und Nazaräerevangelium aus, wie Hieronymus es tut, stand auch folgender Bericht ursprünglich im Matthäusevangelium. Demnach haben Gegner von Jesus aus den Kreisen der Priester vier römische Soldaten  "bestochen", "sie sollten den Herrn so hart geißeln, bis das Blut von seinem ganzen Körper flösse. Sie hatten dieselben Soldaten auch bestochen, dass sie ihn kreuzigten" (Historia passionis Domini, saec. XIV-XV. [14.- und 15. Jahrhundert], foll. 44).
Mit dem letzten Satz ist also offenbar folgendes gemeint: Diese vier und keine anderen sollten dafür sorgen, dass sie auch das Todesurteil vollstrecken und besonders grausam durchführen können. Auch dieser Sachverhalt, wie er hier geschildert wird, ist nachvollziehbar. Römische Soldaten, die nur ihre "Pflicht" erfüllen wollten, hätten von sich aus ja keinen Grund gehabt, besonders bestialisch gegen Jesus vorzugehen und ihn so qualvoll wie nur möglich zu foltern und hinzurichten. Sie würden, wenn sie noch einen Funken Gewissen in sich spürten, eher versucht haben, die Qualen wenigstens etwas zu lindern. Die besondere Grausamkeit von vier Soldaten - sowohl beim Foltern als auch bei der nachfolgenden Kreuzigung - hätten sich gemäß des Ur-Matthäusevangeliums Gegner von Jesus, die diesen hassten, bei den Soldaten mit Geld erkauft (vgl. dazu Der Theologe Nr. 58 - Die Kreuzestod von Jesus hätte nicht sein müssen).

Vieles aus dem Leben von Jesus wird nun deutlicher

Weiterhin berichtet der Ur-Matthäus nicht nur, mit welchem schier unfassbaren Opfermut Jesus diese Qualen ertrug, sondern auch, wie er den Anstiftern und Tätern, die ihm diese zufügten, sterbend auch noch vergeben hat. So sprach er sterbend am Kreuz die Worte: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun". Im Matthäusevangelium der Bibel fehlen die Worte jedoch. Im kirchlichen Christentum wurden diese nur bekannt durch das Lukasevangelium (23, 34). Der ursrpüngliche Matthäus beinhaltete sie jedoch ebenfalls, und er berichtete noch mehr: Diese Jesusworte am Kreuz, "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun", waren es gewesen, welche Tausende von Menschen am Pfingstfest und danach dazu bewegten, ihm von nun an nachzufolgen (fol. 55). Zwar wird in der "Pfingstpredigt" des Petrus laut Bibel die Kreuzigung ebenfalls vordergründig erwähnt (2, 23); aber eben nicht, was genau die Herzen der Menschen vor allem berührte. Mehr Opfermut, Selbstlosigkeit und Vergebungsbereitschaft ist überhaupt nicht möglich.

Und auch die
Erschütterung des Tempels beim Tod von Jesus - als Zeichen für den Gegensatz zwischen Jesus und der Priesterkaste - wird in der Bibel nur noch ansatzweise gestreift. Wie sehr sich die Gegner von Jesus mit dem Haus aus Stein und dem darin praktizierte Priesterkult identifizierten, und wie sehr Jesus hier mit seinem Widerspruch ins Mark getroffen hatte (siehe dazu auch Der Theologe Nr. 38), als er die Opfertierhändler von dort vertrieb, musste auch sein Nachfolger Stephanus spüren. Als Stephanus den großen jüdischen Gottespropheten Jesaja zitierte und noch einmal klar stellte, das Gott nicht "in Tempeln wohnt, die mit Händen gemacht sind" (Apostelgeschichte 7, 48ff.), wurde er auf der Stelle von denselben Kräften durch Steinigung hingerichtet, die bereits den Tod von Jesus forderten - den Priestern und den Priesterhörigen.
Doch
kein Wunder, dass dieser zentrale Konflikt in der Kirche heute sehr abgeschwächt wird, da man ja im Christentum im Gegensatz zu Jesus und den Gottespropheten ebenfalls Dome, Kathedralen und Kirchen aus Stein baute - und zwar hunderttausendfach und nicht nur einen wie damals in Jerusalem. Und das, obwohl auch in der Bibel der Kirche steht, dass Gott in solchen Häusern ausdrücklich nicht (!) wohnt.

So passt es auch ins Gesamtbild, dass in der kirchlichen Bibel fehlt, welche Schrecken beim Tod von Jesus offenbar über den Tempel herein brachen. Laut Bibel wäre nur der "Vorhang im Tempel" in zwei Teile zerrissen (27, 51), was nur in einem einzigen Vers nebenbei erwähnt wird. Doch im Ur-Matthäus "liest man, dass die Tempeloberschwelle von unendlicher Größe beim Tode Christi sich gespalten habe (dasselbe sagt Josephus und fügt hinzu,
es seien in der Luft schreckliche Stimmen gehört worden, die sagten: ´Lasst uns von diesem Wohnsitz weggehen`)" (fol. 65 und Josephus, Jüdischer Krieg VI, 293-300).
Das heißt, hier ist nicht nur ein "Vorhang" zerissen, den man nach kirchlich-abendländischen Vorstellungen hinterher wieder zusammen nähen konnte. Sondern der ganze Tempel wurde in seinem Fundament erschüttert und gespalten, und ein apokalyptisches Szenario tat sich dort auf. Und auch hierzu gibt es eine für die Kirche unliebsame Parallele: So deuten viele Bibelkenner die "Hure Babylon" in der Offenbarung des Johannes als Symbol für die endzeitliche Kirche (siehe dazu Der Theologe Nr. 41). Und es heißt dort: "Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon die Große und ist eine Behausung der Teufel geworden und ein Gefängnis aller unreinen Geister ... Geht hinaus aus ihr, Mein Volk, dass ihr nicht teilhabt an ihren Sünden und nichts empfanget von ihren Plagen" (18, 2.4).

Liebe Leserinnen, liebe Leser. Es ist also sehr spannend. Und was steht noch im Ur-Matthäus? Und was wird in der Kirche verschwiegen?
Hieronymus schreibt dazu weiter wörtlich:
"In dem Evangelium, das die Nazarener (siehe dazu hier) und Ebioniten gebrauchen, das wir neulich aus der hebräischen Sprache in die griechische übersetzt haben und
das von den meisten [!] als das authentische (Evangelium) des Matthäus bezeichnet wird, wird der Mann, der die verdorrte Hand hatte, als Maurer beschrieben, der mit folgenden Worten um Hilfe bat: ´Ich war Maurer und verdiente mit (meinen) Händen (meinen) Lebensunterhalt; ich bitte dich, Jesus, dass du mir die Gesundheit wieder herstellst, damit ich nicht schimpflich um Essen betteln muss" (Hieronymus, Matthäuskommentar zu 12, 13, zit. nach Schneemelcher, a.a.O., S. 134).

Die biblische Textrekonstruktion ist auf Sand gebaut

Auch dieses praktische Beispiel aus dem Heilungsdienst von Jesus steht also nun nicht mehr in den Bibeln der Kirche. Alleine daran sieht man, dass die heutige Bibelwissenschaft trotz ihrer teils akribischen Untersuchungen bei der Text-Rekonstruktion nur auf Sand gebaut ist; wenn man so will, auf den Sand, den die Theologen der frühkatholischen Kirche durch ihr Sieb gelassen haben.
Entscheidende Materialien für die Rekonstruktion des Urchristentums und des Lebens von Jesus fehlen jedoch bzw. sie wurden von den damaligen kirchlichen Machthabern gezielt vernichtet. Doch "die meisten" damaligen Bibelkundigen waren sich nach Hieronymus bereits darin einig, dass das Evangelium der Nazarener und Ebioniten "das authentische" Matthäusevangelium sei, wie Hieronymus es in seinem Matthäuskommentar schreibt.

Hieronymus berichtet an anderer Stelle auch von dem "Evangelium nach den Hebräern, das in chaldäischer und syrischer Sprache, aber mit hebräischen Buchstaben geschrieben ist, das bis heute die Nazarener benutzen als [Evangelium] nach den Aposteln, oder, wie die meisten [!] vermuten, nach Matthäus, das auch in der Bibliothek zu Caesarea vorhanden ist" (zit. nach Schneemelcher, S. 123).
Hier ist dann offenbar ein anderes Exemplar gemeint, eben eines in "chaldäischer und syrischer Sprache", das als
Evangelium nach den Aposteln jedoch dem Hebräerevangelium bzw. dem Ur-Matthäusevangelium entspricht.

Und Hieronymus schreibt weiter: "Matthäus hat als erster in Judäa ... das Evangelium von Christus in hebräischer Schrift und Sprache abgefasst; wer es später ins Griechische übersetzt hat, ist nicht mehr sicher. Weiter befindet sich der hebräische Text selbst noch heute in der Bibliothek von Caesarea, die der Märtyrer Pamphilius mit großer Sorgfalt zusammen gestellt hat. Auch haben mir die Nazaräer in Beröa, einer syrischen Stadt, die dies Buch benutzen, es abzuschreiben erlaubt
" (zit. nach Schneemelcher, a.a.O., S. 121). Wörtlich: "Mihi quoque a Nazaraeis, qui in Beroea urbe Syriae hoc volumine utuntur, describendi facultas fuit" (Hieronymus, De viris inlustribus, Kapitel III).
Doch heute sind auch diese beiden Dokumente "verschwunden" - kein Wunder, nachdem Hieronymus verraten hatte, wo sich die von der Bibel abweichenden Exemplare des richtigen Matthäus noch befinden. Was darauf hin passierte, kann sich jeder selbst beantworten.

Kirchentreue Theologen spekulieren jedoch, dass bei dieser Notiz das Matthäusevangelium gemeint sein müsse, so wie es heute in der Bibel steht. Dies trifft wohl auf die griechische Übersetzung zu, die heute als "Urtext" gehandelt wird und wo der Übersetzer laut Hieronymus nicht mehr bekannt ist. Doch dass hebräische Ur-Texte, die Matthäus zugeschrieben werden, sich von dieser griechischen Übersetzung inhaltlich an vielen Stellen unterscheiden, haben wir ja hier vielfach nachgewiesen, denn die andere Inhalte sind ja bekannt. Und wer weiß, was noch alles anders war! Es sind ja nur noch "Fragmente", d. h. Einzelteile, der "ketzerischen" Evangelien erhalten geblieben.
Da bringt es dann nicht viel, darüber zu spekulieren, ob es vielleicht auch eine hebräische Fassung des Matthäusevangeliums gegeben habe, die mit dem heutigen griechischen "Ur-Text" in der Bibel inhaltlich übereinstimmt, wie es kirchentreue Theologen gerne hätten. In diesem Fall wären die Veränderungen bzw. Fälschungen eben bereits im Hebräischen erfolgt; im anderen Fall dann erst bei der Übertragung der Inhalte ins Griechische. Doch wie dem auch sei: Verändert ist nun mal verändert. Und gestrichen ist nun mal gestrichen. Und hinzugefügt ist nun mal hinzugefügt. Oder zugespitzt formuliert: Gefälscht ist nun mal gefälscht - egal, welcher Text nun genau damals noch in der Bibliothek lag. Er wurde vernichtet, und vernichtet ist nun mal vernichtet. Die Frage ist nur: Warum? Und von wem?

Die Bibel wurde immer wieder verändert

Worauf man heute aufbaut, ist folglich nur ein sandiges Fundament, genauer: der sowohl im deutschsprachigen als auch im angelsächsischen Raum überarbeitete und um 1980 neu herausgegebenen griechische "Ur-Text" des Neuen Testaments. Dieser gilt als ein wesentlicher Meilenstein der heutigen Textforschung. Er soll aufgrund des gesamten vorliegenden Materials eine bestmögliche Annäherung an die nicht mehr vorhandenen Urtexte um das Jahr 100 darstellen. In umfangreichen Fußnoten wird dabei auf die noch bestehenden Unterschiede bei den zugrunde liegenden Textfassungen verwiesen, die aber, wie bereits gesagt, bis auf wenige Ausnahmen eher kleinere Punkte betreffen als gravierende, den ganzen Sinn betreffende Sachverhalte. Die Wissenschaftler aus dem deutschsprachigen (Nestle-Aland, 27. Auflage) und dem angelsächsischen Raum (Greek New Testament, 3. Auflage) haben sich dabei auf einen einheitlichen griechischen Text geeinigt, der sich nur in den Fußnoten unterscheidet. Doch die Schlussfolgerungen daraus sind trotzdem recht nüchtern. Denn dieser - für die Textrekonstruktion als großer Erfolg geltende - Befund besagt dennoch nichts darüber, was seit ihrer ersten Abfassung alles mit den Texten geschehen sein könnte. Darauf muss immer wieder hingewiesen werden. Der Befund könnte nämlich sowohl ein Hinweis für eine relativ zuverlässige Überlieferung sein als auch ein Beleg für eine sehr gründliche Fälschungsleistung von Überarbeitern, die keine Hinweise auf jeweils ursprüngliche Textfassungen mehr übrig ließen.

Gesichert ist allerdings, dass bereits die Evangelisten um das Jahr 100 ihr vorliegendes Material ganz individuell bearbeiteten und dabei inhaltliche Akzente setzten, die schon damals offenbar erheblich vom tatsächlichen Geschehen abgewichen sind. Das wird auch in den Großkirchen so gesehen. Weitere gravierende Änderungen sind dann vor allem im 2. Jahrhundert denkbar, allerdings - wie gesagt - noch nicht beweisbar.

Ein Beispiel: So könnte es zwar sein, dass das heute vorliegende Endprodukt des Markusevangeliums vom Evangelisten Markus stammt. Vielleicht war Markus aber auch der Verfasser oder "Redaktor", d. h. Überarbeiter, der vorletzten oder drittletzten Fassung, die dann von einem oder gar zwei weiteren "Redaktoren" in nicht allzu langem zeitlichen Abstand ergänzt wurde (bei Markus geht man z. B. davon aus, dass der Schluss des Buches nicht vom Evangelisten Markus stammt).

Sicher ist auch, dass die entstehende Amtskirche von Anfang an Einfluss auf die Inhalte der Texte nahm - zu einer Zeit, in der sie sich gleichzeitig immer mehr vom ursprünglichen Urchristentum abwandte und sich zunehmend an antiken heidnischen Götzenkulten orientierte (siehe dazu "Der Theologe Nr. 25" - Die Kirche, ein totalitärer Götzenkult). Grundsätzlich gilt dabei: Textänderungen werden je später je unwahrscheinlicher, da sich das Material natürlich immer weiter verbreitete und Fälschungen je später je leichter nachzuweisen wären - es sei denn, es wäre auch in späterer Zeit noch gelungen, alle jeweils umlaufenden Abschriften zu vernichten und nur die vorgenommenen Fälschungen weiter zu verbreiten.

Vernichtete und verheimlichte Quellen

Immerhin konnte nachgewiesen werden, dass die Kirche spätestens nach ihrer Erhebung zur einzigen Staatsreligion unter den Kaisern Theodosius I. (Ostrom) und Gratian (Westrom) im Jahr 380 systematisch alte urchristliche Schriften hat verbrennen lassen. Dabei suchte sie vor allem Unterlagen zu vernichten, die dem entstehenden Dogma zuwiderlaufen könnten, wie z. B. viele Schriften des bekannten Kirchenlehrers Origenes (ca. 185-254). Und so kann man sich natürlich fragen, ob in diesem Zusammenhang auch Handschriften der biblischen Evangelien vernichtet wurden, die teilweise einen anderen Inhalt haben als die heute bekannten? Und hat womöglich Hieronymus hier entscheidend mitgewirkt? Wir haben oben bereits diese Fragen gestellt. Und Antworten wären zunächst spekulativ, wobei es kein Wunder wäre, wenn demnächst tatsächlich ein Papyrus auftaucht, der von den anderen bekannten Textzeugen erheblich abweicht; wenn es ihn nicht schon längst gibt und er, was manche Forscher glauben, im Vatikan unter Verschluss liegt. So wird es immer genügend Zündstoff bei diesem Thema geben.

Das bestätigte sich auch vor einiger Zeit, als der Zeitschrift Focus der "Jahrtausend-Fund" des Judas-Evangeliums, das am Ende des 2. Jahrhunderts entstanden sein soll, sogar eine Titelgeschichte wert war (Nr. 13/2005). Darin habe Jesus Judas angeblich um den Verrat gebeten, um sich von seiner körperlichen Hülle "befreien" zu können. Dieser Unsinn bzw. diese im negativen Wortsinn "vergeistigte" Sichtweise der damaligen Ereignisse war eine von vielen Meinungen der damaligen Zeit, die das Wirrwarr der Deutungen um den Tod von Jesus eher noch vergrößert. Doch immerhin lassen die Auseinandersetzungen um dieses Evangelium in heutiger Zeit ahnen, dass es in früheren Zeiten wohl nicht viel anders war und es eben keine zuverlässige Überlieferung gibt.

Doch es gibt noch Beweise ganz anderer Art, aus denen hervor geht, dass man sich bei der Frage nach Jesus nicht bzw. nicht nur auf die biblischen Evangelien verlassen kann. Sicher ist z. B., dass andere Quellentexte bzw. einige andere Evangelien von der Kirche vernichtet wurden, die sich in wesentlichen Punkten von der Darstellung der uns heute bekannten biblischen Texte unterscheiden. Das geht aus einzelnen Fragmenten hervor, die erhalten geblieben sind und in denen sich z. B. Hinweise auf die Reinkarnation finden (z. B. beim Thomasevangelium) oder auf die Tierliebe von Jesus (z. B. beim Ebionäerevangelium bzw. Ebionitenevangelium, wonach Johannes der Täufer sich vegetarisch ernährt und in dem Jesus erklärt, dass er gekommen sei, um die Tieropfer abzuschaffen und z. B. fragt:
"Begehre ich etwa, an diesem Passah Fleisch mit euch zu essen?"; vgl. hier).
So gab es also zahlreiche weitere urchristliche Quellen über Jesus von unterschiedlicher Qualität, die gar nicht in die entstehende Bibel aufgenommen wurden, oder einzelne so genannte Jesus-Logien, d. h. einzelne Jesusworte.
Und es ist wohl auch kein Zufall, dass, kurz nachdem Hieronymus in Rom die Bibel erstmals in lateinischer Form vereinheitlichte, die größte Bibliothek der Antike in Alexandria durch Brandstiftung in Flammen aufging, angeblich "versehentlich". Die Mönche der Kirche hätten "doch nur" den benachbarten heidnischen Tempel in Schutt und Asche legen wollen. Das war im Jahr 389. So hat - zur Erinnerung - z. B. der große Kirchen- und Bibellehrer Origenes, dem im 3. Jahrhundert noch viel mehr urchristliche Quellen zur Verfügung standen als uns heute, auch an die Präexistenz der Seele und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlich an die Reinkarnation geglaubt (nachgewiesen in "Der Theologe Nr. 2": Reinkarnation). Und möglicherweise ging in Alexandria auch vieles von dem in den Flammen unter, was Hieronymus womöglich bewusst unterschlug. Zur Erinnerung: Er war ja kein freier Forscher, sondern er hatte eine Auftragsarbeit in einem totalitären Staat auszuführen.

Die von der Kirche damals beargwöhnten Texte wurden irgendwann natürlich auch nicht mehr abgeschrieben und finden sich deshalb heute teilweise nur noch in den Schriften altkirchlicher "Sektenbeauftragter" (z. B. Irenäus, Epiphanius). Diese haben ihre außerkirchlichen Gegner bekämpft, und zu diesem Zweck haben sie deren Überlieferung zitiert und dabei nicht selten verfälscht wiedergegeben und gedeutet.
Doch alleine die Tatsache, dass kirchliche Inquisitoren Bemerkenswertes aus diesen Schriften zitieren und von diesen Dokumenten heute anscheinend kein Staubkorn mehr übrig ist, macht deutlich, welche Kämpfe um die Überlieferung der Wahrheit in dieser Zeit stattgefunden haben. Auch vor diesem Hintergrund ist die These von einer gefälschten Bibel auf jeden Fall um einiges wahrscheinlicher als die kirchlichen Behauptungen des Gegenteils.
Dies mag für manchen Bibelleser frustrierend sein, doch
gerade in unserer Zeit gibt es deutlich mehr als die Bibel. So
haben wir in unserer Zeit Zugang zu Veröffentlichungen, wie z. B. Christus durch weise Menschen und Propheten zu den Menschen gesprochen hat, wie dies auch in der Zeit des frühen Urchristentums noch selbstverständlich geschehen ist. Natürlich kann solches genauso bestritten werden wie es geglaubt werden kann. Aber es bestehen zumindest heute für jeden ehrlichen Gottsucher die Möglichkeiten, diesen Spuren zu folgen und selbst zu lesen bzw. diese Texte mit der Bibel zu vergleichen. So ist z. B. die durch eine Prophetin vermittelte umfangreiche Darlegung Das ist Mein Wort aus dem Jahr 1989 (siehe hier) eines der aktuellsten Beispiele für Christusworte durch Prophetenmund in unserer Zeit.

Zum Abschluss dieser Thematik noch einmal zurück zur Bibel: Nachfolgend werden zum besseren Verständnis einige Möglichkeiten der Fälschungen zusammengefasst, die man in fünf Kategorien einteilen kann, und von denen manches - wie eben dargelegt - auch bereits nachgewiesen ist. (PS: Nicht auf alle Kategorien wurde bislang in diesem Artikel eingegangen.) Und für alle der nachfolgend dargelegten Möglichkeiten gibt es zahlreiche Beispiele. Einige wenige werden jeweils mit genannt.

Fünf Arten von Fälschungen

1) Biblische Schriftsteller fälschen die Botschaft von Jesus oder der Propheten. Z. B. Paulus verändert die Botschaft Jesu (siehe dazu auch "Der Theologe Nr. 5" - Wie Paulus die Lehre von Jesus veränderte). Oder die Priester verkehren die Botschaft der Propheten ins Gegenteil - 100 % beweisbar durch Vergleiche im Alten Testament. Man muss einfach nur vergleichen (siehe dazu z. B. auch "Der Theologe Nr. 8" - Wie der Teufel in der Bibel hauste).

2) Kirchliche Überarbeiter oder Priester aus alttestamentlicher Zeit fälschen vorhandene Texte - in der Regel nicht so leicht nachweisbar. Z. B. wenn Jesus gesagt haben soll, auf diesen Felsen werde ich "meine Kirche" bauen: Hat er nun tatsächlich "Kirche" gesagt, oder haben die Kirchenleute ihm das nur in den Mund geschoben? Man kann weder das eine noch das andere beweisen. Oder hat es Jesus zwar gesagt, aber damit etwas ganz anderes gemeint? Das meiste beruht auf Indizien bzw. auf Thesen. Oft wurde bereits die mündliche Überlieferung gefälscht, bevor etwas aufgeschrieben wurde - z. B. bei der Person des Mose. Man stellte ihn einfach anders dar als er war und unterstellte ihm z. B., dass Gott durch ihn Tieropfer befohlen hätte.

3) Übersetzer verfälschen durch die Übersetzung den ursprünglichen Sinn - leicht nachweisbar, da die Originale vorliegen. Oft ist allerdings umstritten, welches der ursprüngliche Sinn war. Eindeutig ist es z. B. im Jakobusbrief, wo in Kapitel 3, 6 klar vom "Rad der Geburt" die Rede ist, ein Hinweis auf Reinkarnation. Die deutsche Einheitsübersetzung übersetzt jedoch verschleiernd "Umkreis der Existenz" und Luther erfindet einfach einen neuen Sinn und übersetzt "die ganze Welt". Der Hinweis auf ein Wiedergeburts-Rad wird gezielt verwischt bzw. getilgt.

PS: Nach allem, was man bisher sicher von Hieronymus weiß, passt er in keine der drei Kategorien, weil er evtl. nur die bis dahin zugänglichen und teilweise offiziell anerkannten lateinischen Übersetzungen vereinheitlichte und neu übersetzte. Er "fälschte" also nur, was zuvor womöglich auch schon falsch war. Evtl. kann man es zur dritten Kategorie hinzurechnen, wenn man umgekehrt davon ausgeht, dass seine neue Übersetzung schlechter war als die alten. Oder man nimmt die Situation zum Anlass, um einmal deutlich zu machen, warum sich die Bibelübersetzer gegenseitig der "Fälschungen" bezichtigten, was darauf hindeutet, dass es gar nicht möglich ist, sich auf einen zuverlässigen Text berufen zu können.

4) Die vierte Kategorie ist die "falsche Eindrucksvermittlung". Ein Übersetzer dreht den Text abweichend vom ursprünglichen Sinn in eine bestimmte Richtung. Die Übersetzung ist nicht beweisbar gefälscht, aber letztlich doch gefälscht, da man nicht nach dem ursprünglichen Sinn fragt, sondern das aus dem Text herausholen will, was man selbst dort zu lesen wünscht. Martin Luther hat diese Methode der Fälschung ständig angewandt (Belege hierzu in "Der Theologe Nr. 1": Wer folgt Martin Luther und wer folgt Jesus von Nazareth? und in "Der Theologe Nr. 2": Reinkarnation), z. B. wenn er einen Satz von Jesus mit den Worten übersetzt, "Wer zum Schwert greift,
soll durch das Schwert getötet werden", während es eigentlich heißt "wird getötet werden" - ein großer Unterschied. Und die römisch-katholische Kirche hat möglicherweise "falsche Eindrucksvermittlungen" durch die oben genannte Instruktion von Johannes Paul II. aus dem Jahr 2001 sogar zur verbindlichen Norm gemacht. Denn dort heißt es, dass bei einer Übersetzung "die katholische Glaubenslehre" "berücksichtigt" werden muss. Und wenn man - was mehr als wahrscheinlich ist - auch in früheren Jahrhunderten so gearbeitet hat - dann bestätigt dies die These des Theologen Moris Hoblaj, dass die Bibel v. a. das "maßgeschneiderte Buch der Kirche" ist.


5) Dies führt schließlich zur fünften Kategorie der Fälschung, der Projektion von eigenen Meinungen oder Überzeugungen in die Bibel hinein, was vor allem durch die römisch-katholische Kirche "meisterhaft" beherrscht wird. So sagte z. B. Papst Benedikt XVI. am 22.4.2011 auf RAI I über die Rolle Marias: "Da mag mancher sagen: Aber das hat doch kein biblisches Fundament! Darauf antworte ich mit dem heiligen Gregor dem Großen: Mit dem Gelesenwerden wachsen die Worte der Heiligen Schrift. Das heißt: Sie entwickeln sich in die Wirklichkeit hinein und wachsen immer mehr in der Geschichte."
Scheinheiliger kann man kaum formulieren, dass man ein Bibelfälscher ist. Es geht der Kirche also nicht mehr um den ursprünglichen Wortlaut biblischer Texte und um die Rekonstruktion des ursprünglichen Sinns. Sondern maßgeblich ist für sie, dass die spätere römisch-katholischen Lehre, die sie mit der "Wahrheit" gleichsetzt, wie auch immer in biblische Texte hineinprojiziert werden kann. Letztlich wird die Botschaft der Bibel auf diese Weise dermaßen verhöhnt, dass jeder Bibelgläubige sich hier entrüstet abwenden müsste. Eine ähnliche Rückprojektion unbiblischer Fakten in die Bibel betreibt die Kirche übrigens auch, wenn sie aus dem Jesuswort an Petrus, dass dieser der "Fels" sei, die Einsetzung des Papsttums durch Jesus begründen will.
Und den Evangelischen, die einst unter dem Motto "Zurück zur Bibel" im 16. Jahrhundert begonnen haben, geht es heute auch immer weniger darum, was in der Bibel an Wahrheiten zu finden ist, sondern vor allem darum, in der Ökumene von der römisch-katholischen Kirche, die in Wirklichkeit eine römische Baalskirche ist (siehe hier), als vollwertige Kirche anerkannt zu werden.


(Dieter Potzel)

 

Der Text  kann wie folgt zitiert werden:
Zeitschrift "Der Theologe", Hrsg. Dieter Potzel, Ausgabe Nr. 14: Was ist Wahrheit? Was ist Fälschung? Hieronymus und die Entstehung der Bibel, Wertheim 2004, zit. nach http://www.theologe.de/theologe14.htm, Fassung vom 20.7.2012;
Impressum siehe hier.

Zum Autor dieser Studie:
Dieter Potzel,
geboren 1959, Theologe, Studium der Evangelischen Theologie in Mainz und Göttingen mit dem Schwerpunkt "Neues Testament und Urchristentum", Studien im Westjordanland, zwei theologische Examina der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (1984 und 1986), sprachwissenschaftliche Ausbildung in Antiker Philologie (Hebraicum, Graecum, Großes Latinum). Evangelisch-lutherischer Pfarrer in Bamberg von 1988-1992. Im Jahr 1992 Austritt aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche wegen unterschiedlichen Auffassungen über die Lehre des Jesus von Nazareth und ihrer Bedeutung für die Gegenwart. Von 1992-2004 als theologischer Journalist für mehrere Zeitschriften tätig, seither als Freier Theologe bei Bestattungen (Begleitet von Jesus, dem Christus - Würdige Bestattung ohne Kirche) und Trauungen (Der Himmel ist unsere Kuppel - Festliche Trauung ohne Kirche). Buchautor und Herausgeber der Online-Zeitschrift "Der Theologe" seit 1997.
Der Autor war in Mainz u.a. unmittelbarer Schüler von Prof. Dr. Herbert Braun (1903-1991)* und war in verschiedenen Arbeitskreisen zum Thema "Sozialgeschichtliche ´Exegese` (= Bibelauslegung)" tätig. In der Folgezeit Forschungen vor allem zum Thema "Biblische Prophetie" und zum Phänomen von Prophetie und medialen Einsprachen.

* Herbert Braun war seit 1953 Ordinarius bzw. Professor für Neues Testament an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz; Veröffentlichungen u.a.: "Jesus - der Mann aus Nazareth und seine Zeit" (1978); "Gesammelte Studien zum Neuen Testament und seiner Umwelt" (1967)


 

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