DER THEOLOGE
Nr. 14
Was ist Wahrheit? Was ist Fälschung?
Hieronymus und
die Entstehung der Bibel
DER THEOLOGE Nr. 8
weist zahlreiche wesentliche Widersprüche in der Bibel nach, die aufzeigen,
wie viele Autoren unterschiedlichen Bewusstseins an diesem Buch
mitgeschrieben haben. Erklärt man alles zu „Gottes Wort“, erhält man ein
chaotisches und schizophrenes Gottesbild. Man lernt auf diese Weise einen „Gott“
kennen, von
dem der Philosoph Ludwig Feuerbach (1804-1872) einmal sagte:
„Der Mensch schuf Gott
nach seinem Bild“. Der Theologe Moris Hoblaj bezeichnet
die Bibel deshalb auch als „das maßgeschneiderte Buch der Kirchen“ und
befreit Gott damit von der Last, ihr Urheber sein zu sollen.
DER THEOLOGE Nr. 14
stellt einige Fakten über die Entstehung der Bibel zusammen, die deutlich
machen: Zwar gibt es für die Schriften des Neuen Testaments derzeit einen relativ
stabilen
Ursprungstext in griechischer Sprache. Doch das besagt noch wenig über Wahrheiten und Fälschungen
innerhalb dieser Texte. Sie wurden möglicherweise zu einer Zeit verändert,
aus der es keine oder kaum weitere schriftliche Belege über den Sachverhalt mehr
gibt. Außerdem
wurden nachweislich viele urchristliche Quellen gar nicht in die Bibel
aufgenommen. Und viele davon wurden gar von der sich herausbildenden „frühkatholischen“
und später römisch-katholischen Kirche vernichtet.
Auf die Entstehung des Alten Testaments wird hier nicht speziell
eingegangen (manches darüber lesen Sie in
Der Theologe Nr. 37).
Der Auftrag des Hieronymus
Die "fehlerlosen" Lehrentscheidungen der
römisch-katholischen Kirche
Was hat Hieronymus verschwiegen?
Todesstrafe für Abweichungen von der
katholischen Staatsreligion
Die ältesten erhaltenen Schriften
Das verschwundene Ur-Matthäusevangelium
Die Bibel wurde immer wieder verändert
Verheimlichte und vernichtete Quellen
Vier Arten von Fälschungen
Im Jahr 367 stellte Kirchenvater Athanasius
(298-373) in seinem Osterfestbrief erstmals
die von der Kirche damals anerkannten Bücher zusammen, die mit dem
späteren neutestamentlichen
„Kanon“ (= Maßstab, Richtschnur bzw. Liste, Verzeichnis), also der Zusammenstellung verbindlicher
„heiliger“ Schriften, identisch sind. So gab es also bereits eine kirchlich
mehr oder weniger fest gelegte Schriften-Sammlung, als Kirchenlehrer Hieronymus
(347-419) kurze
Zeit später, im Jahr 383, die so genannte Vulgata
(von lateinisch „vulgatus“ [Betonung auf der 2. Silbe] = allgemein
verbreitet) herausgab - eine vereinheitlichte lateinische Übersetzung der
ursprünglich griechisch (Neues Testament) und hebräisch (Altes Testament) verfassten Bibeltexte. Bis dahin
waren vor allem viele lateinische Übersetzungen in Gebrauch, wobei
sich jede
von einer jeweils anderen deutlich unterschied.
Hieronymus erklärte deshalb in einem Brief an seinen Auftraggeber, Papst Damasus I.
(um 305-384, Papst seit 366),
diese unbefriedigende Situation.
Doch zunächst zum Papst: Damasus hatte in den Jahren 366 und 367 nach
blutigen Kämpfen und Straßenschlachten zwischen seiner Söldnertruppe und den
Anhängern seines Kontrahenten Ursinus für sich den Papstthron
erobert.
So stürmten die Leute des Damasus am 26.10.366 z. B. die Kirche Santa Maria
Maggiore "und brachten 137 Anhänger seines Gegners Ursinus um" (Alexander
Demandt, Geschichte der Spätantike, S. 89, C.H.Beck-Verlag München 1998).
Erst das Eingreifen des heidnischen römischen
Stadtpräfekten Vettius Agorius zugunsten von Damasus als neuen angeblichen
„Stellvertreters
Christi“
und gegen Ursinus entschied den innerkatholischen Krieg. Als der nächste Stadtpräfekt
den Papst wegen Anstiftung zum Mord verklagen wollte, bewirkten reiche
Freunde des Papstes, dass der Kaiser für Damasus Partei ergriff und die
Klage nicht zuließ.
Das ist deshalb von Bedeutung,
weil viele Menschen glauben, die Bibel sei vom
„Geist
Gottes“
eingegeben, ohne sich näher mit dem Umfeld ihrer Entstehung beschäftigt zu
haben.
Nachfolgend ein Auszug aus diesem Brief, den Hieronymus an Papst Damasus I. schrieb, nachdem er die Überarbeitung
der vier Evangelien des Neuen Testaments abgeschlossen hatte:
„Du zwingst mich, ein neues Werk aus einem alten zu
schaffen, gleichsam als Schiedsrichter zu fungieren über Bibelexemplare,
nachdem diese [seit langem] in aller Welt verbreitet sind, und, wo sie
voneinander abweichen, zu entscheiden, welche mit dem authentischen
griechischen Text übereinstimmen. Es ist ein Unterfangen, das ebenso viel
liebevolle Hingabe verlangt, wie es gefährlich und vermessen ist; über die
anderen zu urteilen und dabei selbst dem Urteil aller zu unterliegen; in die
Sprache eines Greises ändernd einzugreifen und eine bereits altersgraue Welt
in die Tage ihrer ersten Kindheit zurückzuversetzen. Wird sich auch nur
einer finden, sei er gelehrt oder ungelehrt, der mich nicht, sobald er
diesen Band [die Überarbeitung der Evangelien] in die Hand nimmt und
feststellt, dass das, was er hier liest, nicht in allem den Geschmack dessen
trifft, was er einmal in sich aufgenommen hat, lauthals einen Fälscher und
Religionsfrevler schilt, weil ich die Kühnheit besaß, einiges in den alten
Büchern zuzufügen, abzuändern oder zu verbessern? Zwei
Überlegungen sind es indes, die mich trösten und dieses Odium auf mich
nehmen lassen: zum einen, dass du, der an Rang allen anderen überlegene
Bischof, mich dies zu tun heißest; zum anderen, dass, wie auch meine
Verleumder bestätigen müssen, in differierenden Lesarten schwerlich die
Wahrheit anzutreffen ist. Wenn nämlich auf die lateinischen Texte Verlass
sein soll, dann mögen sie bitte sagen: Welchen? Gibt es doch beinahe so
viele Textformen, wie es Abschriften gibt. Soll aber die zutreffende
Textform aus einem Vergleich mehrerer ermittelt werden, warum dann nicht
gleich auf das griechische Original zurückgehen und danach all die Fehler
verbessern, ob sie nun auf unzuverlässige Übersetzer zurückgehen, ob es sich
bei ihnen um Verschlimmbesserungen wagehalsiger, aber inkompetenter
Textkritiker oder aber einfach um Zusätze und Änderungen unaufmerksamer
Abschreiber handelt? … Ich spreche nun vom Neuen Testament: … Matthäus,
Markus, Lukas, Johannes; sie sind von uns nach dem Vergleich mit
griechischen Handschriften - freilich alten! - überarbeitet worden. Um
jedoch allzu große Abweichungen von dem lateinischen Wortlaut, wie man ihn
aus den Lesungen gewohnt ist, zu vermeiden, haben wir unsere Feder im Zaum
gehalten und nur dort verbessert, wo sich Änderungen des Sinns zu ergeben
schienen, während wir alles übrige so durchgehen ließen, wie es war.“
(Vorrede zum
Neuen Testament; zit. nach A. M. Ritter, Kirchen- und Theologiegeschichte in
Quellen, Bd. 1 - Alte Kirche, S. 181 f.; im Original bei J. P. Migne,
Patrologiae cursus completus, series Graeca (MPG) 29, Sp. 525 ff.)
Hieronymus wäre nach seinem Selbstzeugnis also kein Fanatiker gewesen, sondern eher ein abwägender Mann, der aus den vorhandenen Materialien ein Gesamtwerk erstellte, in dem alle vorherrschenden Interessen berücksichtigt sind. Da - wie Hieronymus schreibt - die lateinischen Texte offenbar bereits „in aller Welt“ verbreitet sind, wären auffällige und schwer wiegende Weglassungen und Hinzufügungen in diesem Stadium nur mehr schwer denkbar; auch dann, wenn dies ein Gebot der Aufrichtigkeit eines Wissenschaftlers gegenüber früheren Fälschungen wäre. Bei Textkonflikten im kleineren Rahmen wird Hieronymus aber wohl zugunsten der Ansichten des damaligen Papsttums, seines Auftraggebers, entschieden haben. Bzw. er hat ja selbst wörtlich dazu geschrieben, dass „wir alles übrige so durchgehen ließen, wie es war“ - was die Zuverlässigkeit dieser Texte natürlich nicht erhöht.
Die
"fehlerlosen" Lehrentscheidungen
der römisch-katholischen Kirche
Und obwohl Hieronymus seine schier unlösbaren Probleme bei der Erstellung
der Vulgata, [der von nun an verbindlichen kirchenamtlichen lateinischen
Bibel], darlegte und es sich dabei nicht um eine Schrift in der
Ursprungssprache handelt, sondern um eine Übersetzung - wie ja auch Hieronymus
selbst bemängelte -, erklärte die römisch-katholische Kirche seinen Text
später als „fehlerlos“.
Dies geschah dogmatisch wirksam auf dem Konzil von Trient
(1545-1563, auch Tridentinum genannt)
im Jahr 1546 durch das Dekret De usu et editione sacrorum librorum,
in dem der Kanon [also die Schriftensammlung] der lateinischen Vulgata als kirchlich verbindlich
und eben für „fehlerlos“ erklärt
wurde. Als man jedoch in der Folgezeit viele Fehler fand, erfolgte 1590 ein
Einschnitt: Nach mehreren Korrekturen ließ Papst Sixtus V.
(Papst von 1585-1590) in diesem Jahr die Vulgata als
neue „authentische“ Ausgabe „Editio Sixtina“ herausgegeben, und er erklärte
nun diese kirchenamtlich für „fehlerlos“. Tatsächlich war sie jedoch ebenfalls voller Fehler
und wurde von der Kirche deshalb unterdrückt und bereits 1592 unter Papst Klemens
VIII. (Papst von 1592-1605) durch die neue jetzt endlich „fehlerlose“ „Editio Clementina“ ersetzt, „die freilich
auch noch zahlreiche Fehler aufwies“ (Karl Heussi, Kompendium der
Kirchengeschichte, Tübingen 1991, 18. Auflage, S. 337). Erst die
daraufhin im Jahr 1598 nochmals korrigierte und im 4. Versuch erneut als
„fehlerlos“ erklärte Fassung der Bibel ist dann für längere Zeit verbindlich geblieben ...
Zur Erinnerung: Der Verfasser Hieronymus schreibt davon,
„dass in
differierenden Lesarten schwerlich die Wahrheit anzutreffen ist“
(wörtlich:
„dass
nicht wahr ist, was voneinander abweicht“).
Und er spricht weiter
von „Verschlimmbesserungen, Unzuverlässigkeiten und Abschreibfehlern“ und
davon, dass es vermessen sei, als Schiedsrichter darüber zu urteilen. Das römisch-katholische Dogma
verleiht dem aktuellen Stand der Überarbeitung jedoch immer wieder das Etikett „fehlerlos“.
Auch die Tatsache, dass nicht Texte in der Ursprache dieses Prädikat bekamen, sondern eine Übersetzung in eine andere Sprache, ist - gelinde gesagt - unseriös. Wenn diese Übersetzung aber kirchenamtlich „fehlerlos“ sei, wie sind dann die nachfolgend häufigen Ausbesserungen von Fehlern vermittelbar? Vielleicht nur, weil der fromme Glaube vergesslich ist.
Immerhin war die 1598 korrigierte „Editio Clementina“ der Vulgata dann bis 1907 in Gebrauch, bis unter Papst Pius X. (Papst von 1903-1914) die Vulgata durch die Nuova Vulgata abgelöst wurde (der 5. Versuch). Doch eigentlich hatte sein Vorgänger Pius IX. (Papst von 1846-1878) diesen Schritt zuvor für unmöglich erklärt. Denn auf dem 1. Vatikanischen Konzil 1869/70 hatte Pius IX. über die - wie ihre Vorgängerinnen - nun ebenfalls als fehlerhaft erkannte bisherige Vulgata noch eine dogmatisch verbindliche neue Lehrentscheidung verkündet. Die „Editio Clementina“ von 1598 sei „ohne Irrtum“, Gott sei ihr „Urheber“ und der Heilige Geist habe sie diktiert. So die Konzilsentscheidung von 1870. Wörtlich heißt es im Kanon 4 des Konzils:
„Diese übernatürliche
Offenbarung ist nun nach dem vom heiligen Konzil von Trient erklärten
Glauben der gesamten Kirche enthalten ´in geschriebenen Büchern und
ungeschriebenen Überlieferungen, die, von den Aposteln aus dem Munde Christi
selbst empfangen oder von den Aposteln selbst auf Diktat des Heiligen
Geistes gleichsam von Hand zu Hand weitergegeben, bis auf uns gekommen sind`
[DH 1501].
Und zwar sind diese Bücher des Alten und
Neuen Testamentes vollständig mit allen ihren Teilen, wie sie im Dekret
desselben Konzils aufgezählt werden und in der alten lateinischen
Vulgata-Ausgabe enthalten sind, als heilig und kanonisch anzunehmen. Die
Kirche hält sie aber nicht deshalb für heilig und kanonisch, weil sie allein
durch menschlichen Fleiß zusammengestellt und danach durch ihre Autorität
gutgeheißen worden wären; genau genommen auch nicht deshalb, weil sie die
Offenbarung ohne Irrtum enthielten; sondern deswegen, weil sie, auf
Eingebung des Heiligen Geistes geschrieben, Gott zum Urheber haben und als
solche der Kirche selbst übergeben worden sind.“
[Kan. 4]
Diese römisch-katholische Lehrentscheidung hatte also immerhin von 1870-1907
Bestand, bis man sie als falsch erkannte. Und sie ist nicht die einzige, mit der sich die
römisch-katholischen Kirche in eine
absurde Situation hineinmanövriert hat. Denn das Konzil dogmatisierte im
gleichen Jahr 1870 auch die Unfehlbarkeit des
päpstlichen Lehramts, weswegen zum „Fehlerlos“ der Bibel nun auch noch das „Unfehlbar“
des kirchlichen Lehramts
hinzu kam. Und wenn eine „unfehlbare“ Lehrinstanz etwas als „fehlerlos“
dogmatisiert, dann müssten zukünftige Korrekturen eigentlich doppelt
ausgeschlossen sein.
Doch wie gesagt: Bereits im Jahr 1907 musste erneut vieles an
dem vom seither „unfehlbaren“ Papstamt zur „irrtumslosen“ „Eingebung“ erklärten Buch korrigiert
werden. Und wie
immer tritt man auch dieses Mal in Rom so auf, als wäre die gerade eben aktuelle Version
dieser Konstruktion nun endlich die immer schon behauptete
„göttliche
Eingebung“.
So legt Papst Johannes Paul II.
(Papst von 1978-2005) z.
B. im Jahr 2001 verbindlich fest:
„Wenn eine schon erstellte Übersetzung eine der Nuova Vulgata
entgegen gesetzte Option enthält, was die zugrunde liegende
Textüberlieferung, die Versfolge und ähnliches betrifft, muss dies …
korrigiert werden.“
(Fünfte Instruktion »zur ordnungsgemäßen
Ausführung der Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über
die heilige Liturgie« zu Art. 36 der
Konstitution)
Diese Instruktion
sollte bald auch Folgen für die Überarbeitung der evangelisch-katholischen
Einheitsübersetzung aus dem Jahr 1980 haben. Denn die katholischen Übersetzer müssen sich
seither [2001] an die
Instruktion des Papstes halten und so tun, als wäre der römisch-katholischen
Kirche mit der
Übersetzung von 1907 im 5. Anlauf endgültig das gelungen, was sie schon seit dem 4.
Jahrhundert behauptet, nämlich über eine irrtumslose Bibel zu verfügen. Der Konflikt im Einzelfall ist vorprogrammiert und nur eine
Frage der Zeit. Deswegen hat die katholische Kirche bereits im
Voraus festgelegt, dass die Protestanten in diesem Fall zugunsten der Katholiken
nachgeben müssen. Denn man möchte sich weitere Blamagen, d. h. erneute
Korrekturen der
endlich
„wirklich“
„irrtumslosen“
Vulgata (und damit eine mögliche 6.
„fehlerlose“
Fassung) ersparen. Und obwohl die evangelische Kirche ansonsten immer mehr
zum Anhängsel der katholischen verkommt, zog man hier einmal eine Notbremse und
stieg im Jahr 2005 aus dem ökumenischen Projekt
aus. Derweilen ist allerdings noch die Übersetzung von 1980 in Gebrauch, wo
der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beim Neuen Testament
und den Psalmen sogar als Mitherausgeber genannt ist.
Was hat Hieronymus verschwiegen?
Die ganzen
Absonderlichkeiten und Absurditäten der römisch-katholischen Lehrentscheidungen zur Bibel sind
jedoch - gemessen an der Frage nach den tatsächlichen Inhalten des
Urchristentums - eher ein Nebenschauplatz. Denn in der Bibel steht vieles
überhaupt nicht mehr, was Hieronymus noch vom Urchristentum wusste. Ein
Beispiel dafür ist das Verhältnis von Jesus zu den Tieren (siehe
"Der Theologe Nr.
7": Jesus und die ersten Christen waren Vegetarier).
So hat Hieronymus selbst geschrieben:
„Der Genuss des Tierfleisches
war bis zur Sintflut unbekannt; aber seit der Sintflut hat man uns die
Fasern und die stinkenden Säfte des Tierfleisches in den Mund gestopft; wie
man in der Wüste dem murrenden, sinnlichen Volk Wachteln vorwarf. Jesus
Christus, welcher erschien, als die Zeit erfüllt war, hat das Ende wieder
mit dem Anfang verknüpft, so dass es uns jetzt nicht mehr erlaubt ist,
Tierfleisch zu essen.“
(Adversus Jovinianum I, 18)
Hinzu kommt
einiges, was
der Bibelgelehrte Origenes (185-254) im 3. Jahrhundert noch lehrte, was Hieronymus in den
zeitgenössischen Bibelhandschriften aber vermutlich nicht mehr
vorfand: z. B. das Wissen um die Präexistenz (= dem Vorleben) der Seele vor der Geburt des
Menschen und der Glaube an die Rückkehr aller gefallenen Wesen zu Gott (= in
der Theologie manchmal „Allversöhnung“ genannt; siehe
"Der
Theologe Nr. 2": Reinkarnation und "Der
Theologe Nr. 19": Es gibt keine ewige Verdammnis - auch nicht in der Bibel).
Hier könnte man fragen: Warum hilft Hieronymus hier offenbar mit, dies weiter zu
verschweigen? Warum setzt er sich so dafür ein, die bis dahin kirchlich anerkannten
biblischen Schriften im damaligen Stadium ihrer Entwicklung minutiös zu überliefern anstatt das urchristliche Wissen aus anderen
Schriften zu bewahren und wieder bekannt zu machen, das
ansonsten verloren zu gehen droht? Hat Hieronymus am Ende sogar selbst diese „apokryphen“
Schriften mit vernichten lassen? Und gab es unter Umständen auch in älteren biblischen
Handschriften selbst noch weitere Spuren dieses gefährdeten Wissens? Und hat Hieronymus
diese Spuren z. B.
gar getilgt, nachdem sich bereits in den gängigen lateinischen Übersetzungen
diese Inhalte nicht mehr fanden? Oder weil er einfach loyal zum Papst und
dessen Interessen sein wollte oder musste, um sein Leben nicht zu gefährden? Und
weiter: Hat Hieronymus wirklich gründlich alle damals noch zugänglichen
griechischen Texte studiert? Oder hat er sich nur auf die ihm am meisten
geläufige Handschrift Sinaiticus verlassen? Weil es
vielleicht nicht so mühsam war als andere Handschriften stärker oder
überhaupt mit einzubeziehen?
An dieser Stelle gibt es leider mehr Fragen als Antworten.
Todesstrafe für Abweichungen von der katholischen Staatsreligion
Eine sehr einfache Antwort ist, dass Hieronymus nachweislich noch Karriere machen wollte und selbst auf den Papstthron schielte. Und wie man Papst wird, zeigt kaum eine Biografie deutlicher als die von Josef Kardinal Ratzinger alias Benedikt XVI. (siehe z. B. die Biografie von Prof. Dr. Hubertus Mynarek unter http://hpd-online.de/node/2224). Mit mutigen Interpretationen der kirchlichen Überlieferung oder gar mit einzelnen Abweichungen kommt man in der Kirche nicht voran. Man muss sich für das Gegenteil entscheiden, nämlich für das komplette Aufgehen der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Gewissens im Mehrheitsstrom der Kirche und ihrer Geschichte.
Hier hilft auch ein Blick in das gesellschaftliche und kirchliche Umfeld Ende des 4. Jahrhunderts weiter: Es war damals auch die Aufgabe des Hieronymus, die kurz vor Beginn seiner Arbeit an der Vulgata im Jahr 382 zur einzigen Staatsreligion erhobene römisch-katholische Kirche (im Jahr 380) mit der biblischen Überlieferung zu harmonisieren. Dies ist von vorne herein alles andere als ein seriöses Umfeld für eine möglichst unverfälschte Überlieferung der Bibel. Und man muss sich hierbei auch noch folgendes bewusst machen: Auf Abweichungen von der römisch-katholischen Lehre stand zu diesem Zeitpunkt [seit 380] bereits die Todesstrafe. Die Zeit freier Forschung und Lehre war also definitiv vorbei. Und jeder, der in diesem Bereich arbeitete, stand deshalb bereits mit einem Bein auf dem Scheiterhaufen. Man kann die Arbeit des Hieronymus deswegen nicht mit der eines Wissenschaftlers in unserer Zeit vergleichen. Sondern er hatte eine Auftragsarbeit in einem aufstrebenden totalitären Zwangsstaat zu verrichten. Dies ist ein Sachverhalt, der nun umgekehrt zu Vermutungen Anlass gibt, dass Hieronymus gravierende Änderungen in den biblischen Schriften zugunsten der neuen Staatsreligion vorgenommen hatte, also schwerwiegende Fälschungen durchführte. Doch auch für diese Überlegungen gibt es keine Beweise, zumindest bislang nicht. So kann man sich für eine seriöse Beurteilung nur Schritt für Schritt voran tasten.
Die ältesten erhaltenen Schriften
So ist ein
nächster Schritt, einmal die Zeit vor Hieronymus näher zu beleuchten. Aus
diesem Grund folgt in den
nächsten Abschnitten eine detailliertere Betrachtung der heute vorhandenen Dokumente
hinsichtlich der Entstehung der Bibel, die aus früheren Zeiten stammen:
Die älteste heute
nachweisbare lateinische Übersetzung tauchte um 250 auf, woraus bis heute allerdings nur
ein paar Zitate
erhalten sind. Hinzu kommen die lateinischen Bibelzitate, die Kirchenvater Tertullian
(um 150 - um 230) um
200 verwendet. Diese sind die ältesten heute noch erhaltenen überhaupt. Daneben
gibt es lateinische Handschriften, hauptsächlich mit Evangelientexten aus
dem 4. Jahrhundert, die man zum Vergleich heranziehen kann, wenn man die von
Hieronymus geschaffenen Vulgata-Texte überprüfen möchte.
Hieronymus, der
sowohl Latein als auch Hebräisch und Griechisch sprach, lagen anscheinend die
wichtigsten damals noch vorhandenen Quellen vor, sowohl die lateinischen
Übersetzungen als auch
die griechischen Ursprungstexte. Davon sind heute die so genannten
Sinaiticus und Vaticanus am ältesten,
obwohl sie zu Lebzeiten des Hieronymus relativ neu waren. Sie wurden nämlich erst im 4. Jahrhundert
verfasst, in dem auch Hieronymus lebte und arbeitete.
So stellt sich als nächstes die wichtige Frage: Wie wurden diese Texte
bis ins 4. Jahrhundert überliefert?
Und was geschah dann im 4. Jahrhundert mit
ihnen, nachdem bereits im Jahr 326 unter Kaiser Konstantin die Verfolgung
Andersdenkender begann, indem man z. B. ihre Versammlungshäuser
beschlagnahmte und der katholischen Kirche übereignete. Schon in der ersten
Hälfte des 4. Jahrhunderts forderte die Kirche vom Kaiser nämlich die Ausmerzung der
Religion von Andersdenkenden
(mehr
dazu z. B. in der Schrift „Freie Christen Nr. 1“). Die Barbarei der
Kirche, die
von nun an viele Jahrhunderte dauern sollte, war in Europa also bereits vor
der Zeit des Hieronymus im Gange.
Hieronymus
arbeitete in der
Regel mit
dem Sinaiticus. Es gibt jedoch auch
Reste von über 100 griechischen Papyri, die
überwiegend kleinere Text-Teile der neutestamentlichen Schriften enthalten,
wovon immerhin mehr als die
Hälfte aus der Zeit vor 300 stammen.
Und so stellt sich hier doch mit Nachdruck eine wesentliche Frage. Nämlich:
Was könnten wir in den vollständigen Papyrus-Rollen lesen? Was ist mit den
Papyri geschehen? Warum sind offenbar alle - bis auf kleine Reste -
vernichtet?
Vermutungen oder Wahrscheinlichkeiten in dieser Hinsicht sind allerdings bisher nicht beweisbar, und man muss
dabei zunächst etwas Grundsätzliches unterscheiden:
Beim griechischen Text ging es
darum, dass man den ursprünglichen, so genannten Ur-Text wortgetreu
weitergab. Bei den
lateinischen Texten jedoch liegt es in der Natur der
Sache, dass jeder Übersetzer anders übersetzt und schon von daher kein Text
dem anderen gleichen kann. Und weiterhin kann natürlich jeder Bearbeiter mit
mehr oder weniger Recht behaupten, seine Veränderung wäre eine verbesserte
Übersetzung. Das ist schon einmal ein wesentlicher Sachverhalt.
Hinzu kommt als zweites: Man müsste bei unterschiedlichen Fassungen des
griechischen Textes auch zwischen geringfügigen Unterschieden einerseits und
gezielten bzw. unabsichtlichen, aber gravierenden Änderungen andererseits
unterscheiden, wobei nur solche Fehler bzw. Änderungen interessant sind, die
den Sinn der ursprünglichen Worte verfälschen. Diese Unterscheidung wird oft
unterschlagen, wenn fanatische Bibelkritiker sich über „Tausende“ von
Textvarianten lustig machen. Hier wird nicht berücksichtigt, dass bei den
meisten der Sinn nicht oder nicht wesentlich verändert wird. Und auch bei
einzelnen Korrekturen innerhalb der „ältesten“ Handschriften aus dem 4.
Jahrhundert handelt es sich in der Regel um geringfügige Überarbeitungen, z.
B. in Form einer Angleichung an eine andere Handschrift. Wären es
gravierende Veränderungen, hätte man - wenn möglich - alle vorhandenen
Abschriften dieser Handschrift mit ändern müssen. Dies ist zwar denkbar,
denn es gab wohl nicht viele davon. Doch gibt es dafür heute weder einen
Beweis noch deutliche Indizien. Allerdings lässt sich erst Recht nicht das
Gegenteil nachweisen, nämlich, dass der Inhalt dieser Handschriften
womöglich in keiner Phase seiner Geschichte gravierend verändert worden ist.
Und hier stellt sich wiederum die Frage nach dem Verbleib der ca. 50
bekannten Papyrusrollen aus dem 3. Jahrhundert und aus früheren Zeiten.
Denn die heute bekannten ältesten Evangelien-Handschriften aus dem 4.
Jahrhundert sind
in Wirklichkeit eben überhaupt nicht "alt", sondern jung. Denn sie stammen erst aus einer Zeit fast 300 Jahre
(!) nach ihrer
ersten Abfassung und zu einer Zeit, in der Christen nicht mehr verfolgt
wurden, sondern in der Kirchenmänner, die sich Christen nannten, bereits andere
Menschen verfolgten.
Die ältesten
erhaltenen griechischen Komplett-Fassungen des Neuen Testaments stammen
demnach erst aus dem 4.
und 5. Jahrhundert. Kirchliche Forscher wenden nun aber ein, dass auch die
wenigen Textpassagen (so genannte "Fragmente") aus den älteren Papyrusrollen
aus dem 3. und vereinzelt aus dem 2. Jahrhundert im wesentlichen mit den
späteren Handschriften übereinstimmen. Und dies gilt als ein Indiz für wenig
Veränderung. Dieser Befund stabilisierte sich vor allem ab 1930, als man
einige weitere Papyri fand, die man bis dahin noch nicht gekannt hatte. Doch
enthalten die Papyri so wenig Text, dass man diese Entdeckungen nicht
verallgemeinern kann. Doch selbst wenn sich dieser Befund weiter verdichten
sollte, so ändert das nichts daran, dass auch diese Texte immer noch in
einem sehr großen Abstand zum Leben Jesu und seiner Jünger
entstanden sind.
Und außerdem wird
allein durch das Alter noch überhaupt nichts über die Zuverlässigkeit ihres
Inhalts ausgesagt. Doch hat man hier immerhin eine heiße Spur in Richtung
des ursprünglichen Urchristentums. Und es ist wahrscheinlicher, auf dieser
Spur tatsächlich gravierende Veränderungen bzw. Fälschungen zu finden als
nichts dergleichen. Hinzu kommt, was Hieronymus zur Überlieferungsgeschichte der lateinischen
Übersetzungstexte schreibt:
„Unzuverlässige Übersetzer“,
„Verschlimmbesserungen inkompetenter Textkritiker“, „Zusätze oder Änderungen
unaufmerksamer Abschreiber“.
Dies legt zudem die Vermutung nahe, dass bei der
Überlieferung der griechischen Urtexte auch nicht besonders zuverlässig
gearbeitet wurde.
Das verschwundene Ur-Matthäusevangelium
Von entscheidender Bedeutung ist dabei ein Ur-Matthäusevangelium
mit teilweise anderen Inhalten als das biblische Matthäusevangelium.
Hieronymus
selbst berichtet
über einen „geheimen“ Urtext des Matthäusevangeliums,
der nicht mit dem bis heute geläufigen Matthäusevangelium übereinstimmt
(dieser ist möglicherweise identisch mit dem Hebräerevangelium). Zudem
schreiben bereits die frühkatholischen „Sektenbeauftragten“ Irenäus (2.
Jahrhundert) und Epiphanius (4. Jahrhundert) übereinstimmend, „dass die
Ebionäer nur ein einziges Evangelium benutzen und dass dies ein
Matthäusevangelium ist; ferner darin, dass diese Sekte [Anmerkung:
schon damals ist dieses Wort ein kirchliches Schimpfwort; in Wirklichkeit
ging es um Urchristen] die jungfräuliche Geburt Jesu leugnet“ (Wilhelm
Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen, Band 1: Evangelien, 6. Auflage,
Tübingen 1999, S. 120). Hier liegt es z. B. nahe, davon auszugehen, dass
der Ur-Matthäus noch keine Jungfrauengeburt von Jesus kannte, sondern eine
natürliche Zeugung durch Josef und Maria. Erst das kirchlich verfälschte
Matthäusevangelium hätte dann die Idee einer Jungfrauengeburt aus dem
antiken Heidentum übernommen und Jesus unterschoben.
Die Aussagen von Hieronymus und anderen Kirchenvätern sind sogar ein klarer Beweis für die These,
dass die biblischen Evangelien verändert bzw. gefälscht worden sind. Doch was
stand noch im ursprünglichen Matthäusevangelium geschrieben? Die Antwort ist
bis jetzt ernüchternd, denn Hieronymus schreibt nicht viel darüber. Man
erfährt auch von ihm, dass die urchristliche Gruppe der Ebioniten es
verwendete oder später im 3. Jahrhundert der urchristliche Lehrer Origenes.
Hieronymus sagt dabei wörtlich: „In dem Evangelium, das die
Nazarener (siehe dazu hier)
und Ebioniten gebrauchen, das wir neulich aus der hebräischen Sprache in die
griechische übersetzt haben und das von den meisten als das authentische
(Evangelium) des Matthäus bezeichnet wird,
wird der Mann, der die verdorrte Hand hatte, als Maurer beschrieben, der mit
folgenden Worten um Hilfe bat: ´Ich war Maurer und verdiente mit (meinen)
Händen (meinen) Lebensunterhalt; ich bitte dich, Jesus, dass du mir die
Gesundheit wieder herstellst, damit ich nicht schimpflich um Essen betteln
muss“ (Hieronymus,
Matthäuskommentar zu 12, 13, zit. nach Schneemelcher,
a.a.O., S. 134).
Alleine daran sieht man, dass die heutige
Bibelwissenschaft trotz ihrer teils akribischen Untersuchungen bei der
Textrekonstruktion nur auf Sand
gebaut ist; wenn man so will, auf den Sand, den Hieronymus im Auftrag des
Papstes zur Weiterverbreitung übrig gelassen hat. Entscheidende Materialien
für die Rekonstruktion des Urchristentums und des Lebens von Jesus
fehlen jedoch bzw. wurden vernichtet. Hieronymus sagte, „die Nazaräer in
Beröa“ hätten ein Exemplar des Ur-Matthäus und
„es abzuschreiben erlaubt“
(zit. nach Schneemelcher, a.a.O., S. 121). Dann sei ein weiteres Exemplar auch
„in der Bibliothek in Caesarea vorhanden“ (S. 123). Doch heute ist alles verschwunden.
Was man hat, ist folglich nur ein sandiges Fundament, genauer: der sowohl im
deutschsprachigen als auch im angelsächsischen Raum überarbeitete und um
1980 neu herausgegebenen griechische
„Ur-Text“ des Neuen Testaments.
Dieser gilt als ein wesentlicher Meilenstein der heutigen Textforschung. Er soll aufgrund des gesamten
vorliegenden Materials eine bestmögliche Annäherung an die nicht mehr
vorhandenen Urtexte um das Jahr 100 darstellen. In umfangreichen
Fußnoten wird dabei auf die noch bestehenden Unterschiede bei den zugrunde liegenden
Textfassungen verwiesen, die aber, wie bereits gesagt, bis auf wenige Ausnahmen eher
Kleinigkeiten betreffen als gravierende, den ganzen Sinn betreffende
Sachverhalte. Die Wissenschaftler aus dem deutschsprachigen
(Nestle-Aland, 27. Auflage) und dem angelsächsischen Raum (Greek New
Testament, 3. Auflage) haben sich dabei auf einen einheitlichen
griechischen Text geeinigt, der sich nur in den Fußnoten unterscheidet. Doch
die Schlussfolgerungen daraus sind trotzdem recht nüchtern. Denn dieser - für die Textrekonstruktion als großer Erfolg geltende - Befund besagt
dennoch nichts darüber, was seit ihrer ersten Abfassung alles mit den Texten
geschehen sein könnte. Darauf muss immer wieder hingewiesen werden. Der Befund könnte
nämlich sowohl ein Hinweis für eine relativ zuverlässige Überlieferung sein
als auch ein Beleg für eine sehr gründliche Fälschungsleistung von Überarbeitern,
die keine Hinweise auf jeweils ursprüngliche Textfassungen mehr übrig ließen.
Die Bibel wurde immer wieder verändert
Gesichert ist allerdings, dass bereits die Evangelisten um das Jahr 100 ihr
vorliegendes Material ganz individuell bearbeiteten und dabei
inhaltliche Akzente setzten, die schon damals offenbar erheblich vom
tatsächlichen Geschehen abgewichen sind. Das wird auch in den Großkirchen so gesehen.
Weitere gravierende Änderungen
sind dann vor allem im 2. Jahrhundert denkbar, allerdings - wie gesagt - nicht beweisbar.
Ein Beispiel:
So könnte es zwar
sein, dass das heute vorliegende Endprodukt des Markusevangeliums vom Evangelisten Markus stammt.
Vielleicht war Markus aber auch der Verfasser oder „Redaktor“, d. h.
Überarbeiter der vorletzten
oder drittletzten Fassung, die dann von einem oder gar zwei weiteren
„Redaktoren“ in nicht allzu langem zeitlichen Abstand ergänzt wurde (bei
Markus geht man z. B. davon aus, dass der Schluss des Buches nicht vom
Evangelisten Markus stammt).
Sicher ist auch, dass die entstehende Amtskirche von Anfang an Einfluss auf
die Inhalte der Texte nahm - zu einer Zeit, in der sie sich gleichzeitig immer mehr vom
ursprünglichen Urchristentum abwandte und sich zunehmend an antiken
heidnischen Götzenkulten orientierte (siehe dazu
„Der
Theologe Nr. 25" - Die Kirche, ein totalitärer Götzenkult). Grundsätzlich gilt dabei: Textänderungen werden je
später je unwahrscheinlicher, da sich das Material natürlich immer weiter
verbreitete und Fälschungen je später je leichter nachzuweisen wären - es
sei denn, es wäre auch in späterer Zeit noch gelungen, alle jeweils
umlaufenden
Abschriften zu vernichten und nur die vorgenommenen Fälschungen weiter zu verbreiten.
Verheimlichte und vernichtete Quellen
Immerhin
konnte nachgewiesen werden, dass
die Kirche spätestens nach ihrer Erhebung zur einzigen Staatsreligion unter
Kaiser Theodosius I. im Jahr 380
systematisch alte urchristliche Schriften hat verbrennen lassen. Dabei
suchte sie vor allem Unterlagen
zu vernichten, die dem entstehenden Dogma zuwiderlaufen könnten, wie
z. B. viele Schriften des bekannten Kirchenlehrers Origenes (ca. 185-254). So kann man sich natürlich fragen, ob in
diesem Zusammenhang auch Handschriften der biblischen Evangelien vernichtet
wurden, die teilweise einen anderen Inhalt haben als heute bekannt? Und hat
womöglich Hieronymus hier entscheidend mitgewirkt? Das ist zunächst spekulativ, wobei
es kein Wunder wäre, wenn
demnächst ein Papyrus auftaucht, der von den anderen bekannten Textzeugen
erheblich abweicht; wenn es ihn nicht schon längst gibt und er, was
manche Forscher glauben, im Vatikan unter Verschluss liegt. So wird
es immer genügend Zündstoff bei diesem Thema geben.
Das bestätigte sich auch kürzlich, als der Zeitschrift Focus der
„Jahrtausend-Fund“
des Judas-Evangeliums, das am Ende des 2. Jahrhunderts entstanden
sein soll, sogar eine Titelgeschichte wert war
(Nr. 13/2005). Darin habe Jesus Judas angeblich um den Verrat geben, um sich
von seiner körperlichen Hülle „befreien“
zu können.
Diese im negativen Wortsinn
„vergeistigte“
Sichtweise der damaligen Ereignisse war eine von vielen Meinungen der
damaligen Zeit, die das Wirrwarr der Deutungen um den Tod von Jesus eher noch vergrößert. Doch
immerhin lassen die Auseinandersetzungen um dieses Evangelium in heutiger Zeit ahnen,
dass es in früheren Zeiten wohl nicht viel anders war und es keine
zuverlässige Überlieferung gibt.
Doch es gibt noch Beweise ganz anderer Art, aus denen hervor geht, dass man
sich bei der Frage nach Jesus nicht bzw. nicht nur auf die biblischen
Evangelien verlassen kann.
Sicher ist z. B., dass andere Quellentexte bzw. einige andere Evangelien
von der Kirche vernichtet wurden, die sich in wesentlichen Punkten von der Darstellung der
uns heute bekannten biblischen Texte unterscheiden. Das geht aus einzelnen
Fragmenten hervor, die erhalten geblieben sind und in denen sich z. B.
Hinweise auf die Reinkarnation finden (z. B. beim Thomasevangelium) oder auf die
Tierliebe von Jesus (z. B. beim Ebionäerevangelium, wonach Johannes
der Täufer sich vegetarisch ernährt und in dem Jesus erklärt, dass er
gekommen sei, um die Tieropfer abzuschaffen und z. B. fragt:
„Begehre ich etwa, an
diesem Passah Fleisch mit euch zu essen?“;
vgl. hier).
So gab es also zahlreiche weitere urchristliche Quellen über Jesus von
unterschiedlicher Qualität, die gar nicht in die entstehende Bibel
aufgenommen wurden, wie z. B. das Nazaräerevangelium, das Hebräerevangelium,
das Evangelium der Zwölf oder einzelne Jesus-Logien, d. h. einzelne
Jesusworte.
Und es ist wohl auch kein
Zufall, dass, kurz nachdem Hieronymus in Rom die Bibel erstmals in
lateinischer Form vereinheitlichte, die größte Bibliothek der Antike in
Alexandria durch Brandstiftung in Flammen aufging. Das war im Jahr 389. So
hat - zur Erinnerung - z. B. der große Kirchen- und Bibellehrer Origenes, dem im 3. Jahrhundert
noch viel mehr urchristliche Quellen zur Verfügung standen als uns heute,
auch an die Präexistenz der Seele und mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlich an die Reinkarnation geglaubt (nachgewiesen in
„Der
Theologe Nr. 2": Reinkarnation). Und möglicherweise ging in Alexandria
auch vieles von dem in den Flammen unter, was Hieronymus womöglich bewusst
unterschlug. Zur Erinnerung: Er war ja kein freier Forscher, sondern hatte eine
Auftragsarbeit in einem totalitären Staat auszuführen.
Die von der Kirche damals beargwöhnten Texte wurden irgendwann natürlich
auch nicht mehr abgeschrieben und finden
sich deshalb heute teilweise nur noch in den Schriften altkirchlicher
„Sektenbeauftragter“ (z. B. Irenäus, Epiphanius). Diese haben ihre außerkirchlichen Gegner bekämpft, und zu
diesem Zweck haben sie deren Überlieferung zitiert und dabei nicht selten verfälscht
wiedergegeben und gedeutet. Doch alleine die Tatsache, dass kirchliche Inquisitoren
Bemerkenswertes aus diesen Schriften zitieren und von diesen Dokumenten heute
anscheinend kein
Staubkorn mehr übrig ist, macht deutlich, welche Kämpfe um die Überlieferung
der Wahrheit in dieser Zeit stattgefunden haben.
Auch vor diesem Hintergrund ist die These
von einer gefälschten Bibel auf jeden Fall um einiges wahrscheinlicher als
die kirchlichen Behauptungen des Gegenteils.
Zur Vertiefung der Thematik seien zum Abschluss die Möglichkeiten der
Fälschungen zusammengefasst, die man in vier Kategorien einteilen kann, und
von denen manches - wie eben dargelegt - auch bereits nachgewiesen ist. (PS: Nicht auf alle Kategorien
wurde in diesem Artikel eingegangen.) Und für alle der nachfolgend dargelegten Möglichkeiten gibt es
zahlreiche Beispiele.
1) Biblische Schriftsteller fälschen die Botschaft von Jesus oder der
Propheten. Z. B. Paulus verändert die Botschaft Jesu (siehe dazu auch
„Der Theologe Nr. 5" - Wie Paulus die Lehre von Jesus
veränderte). Oder die Priester
verkehren die Botschaft der Propheten ins Gegenteil - 100 % beweisbar durch
Vergleiche im Alten Testament. Man
muss einfach nur vergleichen (siehe dazu z. B. auch
„Der
Theologe Nr. 8" - Wie der Teufel in der Bibel hauste).
2) Kirchliche Überarbeiter oder Priester aus alttestamentlicher Zeit fälschen
vorhandene Texte
- in der Regel
nicht so leicht
nachweisbar. Z. B. wenn Jesus gesagt haben soll, auf diesen Felsen werde ich
„meine Kirche“ bauen: Hat er nun tatsächlich „Kirche“ gesagt, oder haben die
Kirchenleute ihm das nur in den Mund geschoben? Man kann weder das eine noch
das andere beweisen. Oder hat es Jesus zwar gesagt, aber damit etwas ganz anderes
gemeint? Das meiste beruht auf Indizien bzw. auf Thesen. Oft
wurde bereits die mündliche Überlieferung gefälscht, bevor
etwas aufgeschrieben wurde - z. B. bei der Person des Mose. Man stellte ihn
einfach anders dar als er war und unterstellte ihm z. B., dass Gott durch ihn Tieropfer
befohlen hätte.
3) Übersetzer verfälschen durch die Übersetzung den ursprünglichen Sinn -
leicht nachweisbar, da die Originale vorliegen. Oft ist allerdings umstritten,
welches der ursprüngliche Sinn war. Eindeutig ist es z. B. im Jakobusbrief, wo
in Kapitel 3, 6 klar vom „Rad der Geburt“ die Rede ist, ein Hinweis auf Reinkarnation. Die deutsche
Einheitsübersetzung übersetzt jedoch verschleiernd „Umkreis der Existenz“ und Luther
erfindet einfach einen neuen Sinn und übersetzt „die ganze
Welt“. Der Hinweis auf ein Wiedergeburts-Rad wird gezielt verwischt bzw. getilgt.
PS: Nach allem, was man bisher sicher von Hieronymus weiß, passt er in keine der drei Kategorien, weil er
evtl. nur die bis dahin
zugänglichen und teilweise offiziell anerkannten lateinischen Übersetzungen
vereinheitlichte und neu übersetzte. Er „fälschte“ also nur, was zuvor
womöglich auch schon falsch war. Evtl. kann man es zur dritten
Kategorie hinzurechnen, wenn man umgekehrt davon ausgeht, dass seine neue
Übersetzung schlechter war als die alten. Oder man nimmt die Situation zum
Anlass, um einmal deutlich zu machen, warum sich die Bibelübersetzer gegenseitig
der „Fälschungen“ bezichtigten, was darauf hindeutet, dass es gar nicht möglich
ist, sich auf einen zuverlässigen Text berufen zu können.
4) Die vierte Kategorie ist die „falsche Eindrucksvermittlung“. Ein Übersetzer
dreht den Text abweichend vom ursprünglichen
Sinn in eine bestimmte Richtung. Die Übersetzung ist nicht beweisbar gefälscht, aber letztlich doch
gefälscht, da man nicht nach dem ursprünglichen Sinn fragt, sondern das aus
dem Text herausholen will, was man selbst dort zu lesen wünscht. Martin Luther hat diese
Methode der Fälschung ständig angewandt (Belege hierzu in
„Der Theologe
Nr. 1": Wer folgt Martin Luther und wer folgt Jesus von Nazareth?
und in
„Der Theologe Nr. 2": Reinkarnation),
z. B. wenn er einen Satz von Jesus mit den Worten übersetzt, „Wer zum Schwert
greift, soll durch das Schwert getötet werden“, während es eigentlich heißt
„wird getötet werden“ - ein großer Unterschied.
Und die römisch-katholische Kirche hat die möglicherweise „falsche
Eindrucksvermittlung“ durch die oben genannte
Instruktion von Johannes Paul II. aus dem Jahr 2001 sogar zur verbindlichen Norm
gemacht. Denn dort heißt es, dass bei einer Übersetzung „die katholische
Glaubenslehre“ „berücksichtigt“ werden muss. Es geht der Kirche also nicht
mehr um den ursprünglichen Wortlaut und um die Rekonstruktion des
ursprünglichen Sinns.
Sondern maßgeblich ist für sie, dass die spätere römisch-katholischen Lehre in
die biblischen Texte hineinprojiziert werden kann. Und wenn man - was
mehr als wahrscheinlich ist - auch in früheren Jahrhunderten so gearbeitet hat - dann
bestätigt dies die These des Theologen Moris Hoblaj, dass die Bibel v. a.
das „maßgeschneiderte Buch der Kirche“ ist. (Dieter Potzel)
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