DER THEOLOGE
Nr. 20


Elia, Amos und Jeremia -
 die Propheten als unbequeme Mahner für das Volk / Propheten seit Jesus von Nazareth

Die Propheten in der jüdischen und christlichen Welt hatten ein schweres Los. Sie verkündeten den Menschen Botschaften, die sie als "Mittler" zur geistigen Welt in ihrem Inneren vernommen hatten. Sie führten äußerlich ein bescheidenes Leben nach den Geboten des "Schöpfergottes", z.B. den bekannten Zehn Geboten oder der Bergpredigt des Jesus von Nazareth. Propheten mussten zuvor oft langwierige innere Kämpfe durchstehen, bis sie diese Aufgabe schließlich angenommen haben. Dazu gehört auch das Vertrauen und die Erfahrung: Es ist tatsächlich der "Gottesgeist", den sie in ihrem Inneren hören können. Und sie können ihm als Sprachrohr dienen, d.h. als Kanal für seine Botschaft an die Menschen. Das war immer eine schwere Last für den Menschen, denn ein echter Gottesprophet musste immer auch selbst erfüllen, was er an andere weitergab. Und schnell gerieten Propheten immer wieder in Konflikt mit den jeweils herrschenden Priestern und Schriftgelehrten.

Vorwort

Elia - "Wie lange hinket ihr auf beiden Seiten?"

Amos - Seine Worte sind unerträglich für das Land

Jeremia - von denen missachtet, gequält und ermordet, denen er helfen wollte

Propheten in den letzten 2000 Jahren

Der wiederkommende Christus - der größte Feind der Kirche?

 

Vorwort

Nachfolgende Essays über drei Propheten des Alten Testaments, Elia, Amos und Jeremia, stehen beispielhaft auch für die anderen Propheten wie z. B. Jesaja, Hosea, Daniel, Hesekiel (= Ezechiel) und viele andere. Die grundsätzliche Frage nach dem Ursprung und Wesen von Prophetie wird hier nicht weiter thematisiert. Der Autor geht davon aus, dass die ursprünglichen Prophetien dieser Männer echte Gottesprophetien sind und dass nur jemand, dessen Bewusstsein mit dem Geist und den Geboten Gottes einigermaßen in Einklang steht, in der Lage ist, überhaupt prophetische Botschaften aus dieser Quelle und in dieser Qualität zu empfangen. Wo dies nicht der Fall ist, sinkt das Niveau von eventuellen „Durchgaben“ im Verhältnis zu dem Lebenswandel des Betroffenen. Eventuelle Botschaften eines solchen Mediums würden dann nicht aus dem höchsten Bewusstsein, Gott, stammen. In diesem Sinne lehrte es auch Jesus, der für die Zukunft gebot, den echten Gottespropheten bzw. den falschen Propheten „an den Früchten“ zu erkennen (Matthäus 7, 15 ff.). Oder der sagte: „Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden ...“ (Johannes 16, 12 ff.).
Die Kirchen lehren im Unterschied zu Jesus jedoch, dass die Prophetie bzw. die
Offenbarung mit Jesus ganz bzw. überwiegend abgeschlossen wurde und nun das Zeitalter der Kirche begonnen hätte. Sollte doch hier und da ein Prophet sprechen, so die kirchliche Lehre, müsste die Prophetie mit dem Kanon der Bibel übereinstimmen, wie ihn die Theologen der Kirche festgelegt haben (mehr dazu weiter unten).

Die Essays über Elia, Amos und Jeremia wurden bereits 1996 im Verlag Wort, Bild und Ton veröffentlicht und erscheinen hier neu in leicht überarbeiteter Form. Die Zitate stammen allesamt aus den Büchern der Bibel. Bei Elia aus dem 1. und 2. Buch Könige, bei Amos und Jeremia aus den gleichnamigen Büchern.

PS: Lesen Sie dazu auch den Theologen Nr. 13, Aaron oder Korach - Wie die Priester die Herrschaft über das Volk erlangten.

 



 
Elia -
„Wie lange hinket ihr auf beiden Seiten?

"Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir! Diese Worte spricht laut der Erzählung im Buch 1. Könige in der Bibel ein Engel zum Propheten Elia, der unter einem Wacholderstrauch in der Wüste liegt und sterben will (19, 5). Doch sein prophetischer Auftrag ist noch nicht beendet, und Elia macht sich, neu gestärkt, noch einmal auf, um als Prophet helfend seinem Volk Israel beizustehen.

Elia lebt im 9. Jahrhundert vor Christus in Israel. Die Menschen hatten sich von ihrem Gott, an den sie bis dahin glaubten, abgewandt und verehren nun einen Gott „Baal“. Der Name „Baal“ steht für einen „Fruchtbarkeitsgott“, wobei nicht näher überliefert ist, welche Lebensweise die Menschen im einzelnen damit verbinden. Das Königshaus unter Ahab, wo ebenfalls Baal verehrt wird, lässt jedenfalls aus Habgier töten: Der Weinbergbesitzer Nabot wird umgebracht, weil er nicht einverstanden ist, sein Land - Grundlage für die soziale Gleichheit der Familien und Sippen - an das Königshaus abzutreten (vgl. 1. Könige 21).

Der Gottesprophet tötet nicht

Nach der biblischen Überlieferung tötet Elia später die Baalspriester, doch das ist sehr wahrscheinlich eine Geschichtsfälschung. Spätere Generationen haben ihm dies unterschoben, um ihre eigenen Morde mit dem „Vorbild“ des Propheten zu rechtfertigen (vgl. auch die Ausführungen zu Mose in "Der Theologe Nr. 13"). Denn ein wahrer Gottesprophet hält sich an die Zehn Gebote und tötet nicht. Er deckt stattdessen das Unrecht schonungslos auf und ruft die Menschen zur Umkehr. Deswegen wird Elia auch verfolgt und muss sich immer wieder verstecken. Er kündigt auch eine schwere Hungersnot an, die nach dem Gesetz von Saat und Ernte („Was der Mensch sät, das wird er ernten“; in der alttestamentlichen Theologie auch „Tun-Ergehens-Zusammenhang“ genannt) auf die Menschen zukommen wird. Er selbst wird in dieser Zeit, wie die Bibel erzählt, an einem Bach von Raben ernährt. Später findet er Unterschlupf bei einer Witwe und deren Sohn.

„Wie lange hinket ihr auf beiden Seiten?“

Auf dem Höhepunkt der Hungersnot ruft der Prophet dem Volk zu: „Wie lange hinket ihr auf beiden Seiten? Ist der HERR Gott, so folgt ihm nach, ist`s aber Baal, so folgt ihm nach“ (1. Könige 18, 21).

Die Worte des Propheten wirken. Nach der Abkehr vom „Fruchtbarkeitsgott“ Baal, so wird erzählt, regnet es wieder im Land, doch Elia hat immer noch Feinde, welche die innere Umkehr nicht wirklich vollziehen. Elia flieht jetzt in die Wüste, will nicht mehr. Doch Gott ruft ihn - wohl über Elias innere Stimme - zum Berg Sinai, wo Mose einst die Zehn Gebote für das Volk empfangen hatte.

Ein mächtiger Orkan bringt dort schier Berge ins Wanken und Felsen zum Zerbrechen, doch Elia hört die Stimme Gottes in seinem Inneren nicht. Die Erde bebt, doch Elia hörte die Stimme wieder nicht. Schließlich kommt eine Feuersbrunst, aber erneut keine Nachricht, die er als Wort Gottes verstehen und evtl. an andere weitergeben könnte. Nach dem Feuer kommt ein „stilles sanftes Sausen“, und jetzt ist es soweit: Der Prophet vernimmt in sich wieder die Stimme Gottes für eine weitere Aufgabe ...
(19, 11-13)

„Swing low, sweet chariot“

Am Ende seines irdischen Lebens trifft sich Elia mit Elisa, seinem Nachfolger als Prophet (vgl. 2. Könige 2). Sie stehen beide am Ufer des Jordan. Und was dann geschieht, erzählen die dunkelhäutigen Sklaven Amerikas im 19. Jahrhundert in einem Lied: „Swing low, sweet chariot, comin` for to carry me home.“ Ein feuriger „chariot“, ein Wagen, kommt, mit feurigen Rossen, und geleitet den Gottesboten zurück in die „himmlischen Welten“, so der Gospel-Song, „comin` for to carry me home”.

Mit Elia schließt auch das heilige Buch des Judentums, bei uns als „Altes Testament“ bekannt. In seinen letzten Sätzen kündigt es an, dass der Prophet Elia noch einmal kommen oder sprechen wird vor der letzten schweren Zeit auf dieser Erde (Maleachi 3, 23-24). So glauben zum Beispiel viele Menschen zur Zeit des Jesus, in Johannes dem Täufer sei der Prophet Elia wieder inkarniert. Nach den Worten der Bibel soll er „das Herz der Väter bekehren zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren Vätern“, auf dass Friede werde. Und wer weiß, ob er nicht in unserer Zeit gesprochen hat. Der Spott der Theologen wäre ihm auf jeden Fall sicher gewesen ...

 



Amos -
„Seine Worte sind unerträglich für das Land

Im 8. Jahrhundert v. Chr. lebten die Israeliten in einem geteilten Land. Dem Südreich (Stamm Juda) stand das Nordreich (die übrigen Stämme Israels) feindselig gegenüber. Da wurde im Süden ein Prophet gerufen. Er hatte die Aufgabe, dem Nordreich den Untergang anzukündigen, falls die Menschen dort ihr Verhalten nicht änderten.

Sie verabscheuen den, der ihnen die Wahrheit sagt

Amos prangert deshalb die korrupten und ungerechten Zustände im Lande an: Gewalt, Bestechung, Ausbeuten der Armen, Ess- und Trinkgelage der Reichen mit sexuellen Ausschweifungen, veräußerlichte Religion. Das Recht wird „in Wermut verkehrt“ und die Gerechtigkeit zu Boden gestoßen (5, 7). Der fremde Prophet stößt mit dieser Botschaft überall im Land auf erbitterten Widerstand. Die Menschen „sind dem gram, der sie im Tor zurechtweist, und verabscheuen den, der ihnen die Wahrheit sagt“ (5, 10), so das prophetische Wort. Vor allem die Priester stellen sich gegen ihn und melden dem König: „Der Amos macht einen Aufruhr gegen dich im Hause Israel. Seine Worte sind unerträglich für das Land“ (7, 10).

Die schlimmen Zustände in Israel werden Folgen haben. Mit anschaulichen Vergleichen weist Amos auf das Gesetz von Ursache und Wirkung hin: „Brüllt etwa ein Löwe im Walde, wenn er keinen Raub hat? Gibt der junge Löwe Laut in seinem Versteck, ohne dass er einen Fang getan hat?“ (3, 4) Und Amos prophezeit: „Die elfenbeingeschmückten Häuser sollen zugrunde gehen und viele Häuser werden vernichtet werden“ (3, 15). Und: „Siehe es kommt die Zeit über euch, dass man euch herausziehen wird mit Angeln und, was von euch übrig bleibt, mit Fischhaken. Und ihr werdet zu den Mauerlücken hinaus müssen und weggeschleppt werden, spricht der HERR (4, 2-3). Und auch sein Tun stellt der Prophet in den Zusammenhang von Ursache und Wirkung: „Bläst man etwa die Posaune in einer Stadt und das Volk entsetzt sich nicht?“ (3, 6) Die Posaune ist er selbst, und er löst Entsetzen aus. Denn er zeigt als Prophet auf, was passiert, wenn das Volk nicht umkehrt. Gleichzeitig weist er den Weg, wodurch die Umkehr eingeleitet werden könnte und wie die Menschen dem drohenden Unheil noch entgehen können.

Reif für das Ende

Und so geschieht des HERRN Wort durch Amos an das Volk: „Suchet mich, so werdet ihr leben“ (5, 4). Die von den Priestern geheiligten Hörner des Altars in Bethel werden abbrechen und auf den Boden stürzen (3, 14). Deshalb: „Suchet nicht Bethel und kommt nicht nach Gilgal, [den „Heiligtümern“ der Priester] ... Denn Gilgal wird zum Galgen gehen und Bethel wird zunichte werden. [Stattdessen:] Suchet den HERRN, so werdet ihr leben“ (5, 5-6). „Suchet das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr leben könnt, so wird der Herr bei euch sein, wie ihr rühmt ... Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (5, 14.24).

Der Oberpriester Amazja lässt Amos darauf hin des Landes verweisen: „Du Seher, verschwinde. Flieh ins Land Juda und iss dort dein Brot und weissage dort. Aber weissage nicht mehr in Bethel, denn es ist der Tempel des Königreichs“ (7, 12-13).
Amos dagegen hält treu an seinem Auftrag fest. Demütig bekennt er gegenüber dem höchsten Priester noch ein letztes Mal: „Ich bin ein Viehzüchter, und ich ziehe Maulbeerfeigen. Aber der HERR hat mich von meiner Herde weggeholt und zu mir gesagt: ´Geh und rede als Prophet zu meinem Volk Israel`“ (14-15).
Doch der von den Menschen als „Vermittler zu Gott“ geweihte Oberpriester lässt es nun nicht mehr zu, dass Gott durch Prophetenmund sprechen kann. Wie verhält sich nun der Prophet? In seinem Inneren sieht Amos, der Landwirt und Prophet, nun einen Korb mit reif geerntetem Obst, und er vernimmt noch einmal die Stimme Gottes. Er schreibt auf: „Da sagte der HERR zu mir: ´Mein Volk Israel ist reif für das Ende`“ (8, 2). So kündigt er dem Oberpriester den Tod an und dem Volk die Vernichtung. Dann muss er aus dem Nordreich Israel fliehen.

Noch einmal eine kleine Zeit zur Umkehr

Israel bleiben jetzt noch wenige Jahre. Immer noch Zeit genug, um doch noch auf den Propheten zu hören und eine Kehrtwendung zu vollziehen. Doch die Menschen tun es nicht. Stattdessen nehmen sie sich die Zeit, um militärisch aufzurüsten. Das assyrische Großreich soll mit Waffengewalt von einer Eroberung Israels zurückgehalten werden. Weil die Bundes-Geschwister im Südreich bei diesem Plan nicht mitmachen wollen, richtet sich der Groll des Nordens zunächst auf sie. Israel zieht deswegen zunächst in den Krieg gegen Juda, den „abtrünnigen“ Stamm im Süden. Amos und seine Prophetie scheinen Vergangenheit, und Israel hat ganz entgegen den Weissagungen zunächst den gewünschten militärischen Erfolg. Jerusalem, die Hauptstadt des südlichen Stammes Juda, wird von der vereinigten Armee der israelischen Nord-Stämme und der mit dem Norden verbündeten Aramäer eingeschlossen. Doch „Gottes Mühlen mahlen langsam“, wie das bekannte Sprichwort heißt. Und Jerusalem fällt nicht (siehe 2. Könige 16, 5). Dann wendet sich der Krieg. Anstatt sich von den eigenen Leuten aus dem Nordreich erobern zu lassen, ruft der Stamm Juda im Süden lieber die Großmacht Assyrien zu Hilfe. Dieser Hilferuf passt ganz in die Pläne des assyrischen Großkönigs. Die assyrische Armee wird erneut mobil gemacht und setzt sich nun Richtung Palästina in Bewegung. Das Ziel des gewaltigen Kriegszugs: Nord-Israel mit seiner Hauptstadt Samaria.

Jetzt werden aus den Angreifern Angegriffene. Doch Israel hatte ja militärisch vorgesorgt. Und das im Vergleich zu Assyrien kleine Land Israel kann der assyrischen Armee auch einige Jahre standhalten. Doch auf Dauer lässt sich das Land militärisch nicht mehr verteidigen. Im Jahr 722 v. Chr. ist es dann so weit. Das Ende ist gekommen. Die Hauptstadt Samaria wird belagert und erobert, und die Menschen werden verschleppt, „so dass der Stamm Juda im Süden allein übrig blieb“ (2. Könige 17, 18). Amos hatte mit seinen Warnungen den Untergang des Nordreiches nicht aufhalten können. Die israelischen Stämme des Nordens werden endgültig vernichtet, so wie es Amos einst prophezeit hat, und einige übrig gebliebene Menschen vermischen sich mit den Nachbarvölkern.

Hunger nach dem geistigen Brot

Doch der Prophet hatte nicht nur den äußeren Lauf der Dinge aufgezeigt. Er hatte auch das Innere der Menschen angesprochen, die Sehnsucht nach Gott und nach dem wahren Wesen der Menschen. „Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott der Herr, dass ich einen Hunger ins Land schicken werden, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des HERRN, es zu hören“, so ein anderes Wort des Propheten (8, 11). Zunächst ist auch diese Prophezeiung mit innerer Unruhe und Verzweiflung verbunden, denn es heißt weiter über diesen Hunger: „Dass sie hin und her von einem Meer zum andern, von Norden nach Osten laufen und des HERRN Wort suchen und doch nicht finden werden“ (V. 2). Doch noch inmitten der Leidenszeit wird bereits die Zeitenwende eingeleitet. So weitet der Feigenzüchter aus dem Südreich am Ende seiner Offenbarung mit einer Verheißung den Blick auf die Zukunft: „Zur selben Zeit will ich die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten und ihr Risse vermauern, und was abgebrochen ist, wieder aufrichten und will sie bauen, wie sie vorzeiten gewesen ist“ (9, 11). „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass man zugleich ackern und ernten, zugleich keltern und säen wird. Und die Berge werden von süßem Wein triefen, und alle Hügel werden fruchtbar sein. Denn ich will die Gefangenschaft meines Volkes Israel wenden, dass sie die verwüsteten Städte wieder aufbauen und bewohnen sollen, dass sie Weinberge pflanzen und Wein davon trinken, Gärten anlegen und Früchte daraus essen. Denn ich will sie in ihr Land pflanzen, dass sie nicht mehr aus ihrem Land ausgerottet werden, das ich ihnen gegeben habe, spricht der HERR, dein Gott“ (13-15). Manche sagen, das war lange her, und es ist längst vorbei. Andere sagen, es ist noch lange nicht so weit. Wieder andere aber sagen, diese Zeit hätte jetzt begonnen ...
 



Jeremia -
von denen missachtet, gequält und ermordet,
denen er helfen wollte

Es war um das Jahr 600 v. Chr. - ein schicksalhaftes Jahr für Jerusalem und Juda, dem einzig übrig gebliebenen Stamm in Israel (siehe dazu oben den Bericht über Amos). Die Großmacht Babylon hat das assyrische Großreich abgelöst und war mit militärischen Mitteln nicht mehr aufzuhalten. Sie eroberte Land für Land und gliederte es dem neuen Großreich  ein. Noch war Juda, das übrig gebliebene ehemalige Südreich Israels, unabhängig. Wie würden sich seine Führer verhalten, wie die Bevölkerung?

In dieser Zeit wurde das Wort Gottes durch den Propheten Jeremia gegeben. Und es war politisch klar: Israel solle sich Babylon nicht mit Gewalt widersetzen. Gott würde sein Volk durch die schwere Zeit führen, bis auch Babylon sein Schicksal ereilen werde und Israel wieder in Freiheit leben könne. Doch die politische und religiöse Obrigkeit im damaligen Israel widersetzte sich dem Propheten, bekämpfte ihn und rüstete zum Krieg gegen Babylon. Gott aber tröstete Jeremia und richtete ihn immer wieder auf. Fast 50 Jahre stand der Prophet Jeremia dem Volk Israel zur Seite. Er gab nicht auf und hielt Gott und den Menschen die Treue. Sein Lohn war Undank. Am Ende, so die Überlieferung, wird er sogar von einer wütenden Volksmenge gesteinigt. Zuvor hatte Gott ihn in die Zukunft schauen lassen: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen ... Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein“ (31, 31.33).

Jeremia ist gefangen und steht allein

Entgegen den Warnungen Jeremias entscheiden sich die Politiker und Priester Israels für den Verteidigungskrieg gegen Babylon. Diese Entscheidung ist zugleich ein Urteil gegen den Propheten, und die Oberschicht der Israeliten spricht zum König: „Lass doch diesen Mann töten; denn auf diese Weise nimmt er den Kriegsleuten, die noch übrig sind in dieser Stadt, den ganzen Mut, desgleichen dem ganzen Volk, weil er solche Worte zu ihnen sagt“ (38, 4). Jeremia wird deshalb als Volksverräter zum Verhungern in eine Schlammgrube geworfen.
Doch „da ist noch einer, der in Namen des HERRN weissagte, Uria, der Sohn Schemajas ... Der weissagte ... ganz wie Jeremia“ (26, 20). Auch er soll hingerichtet werden. Als Uria von seinem Todesurteil erfährt, gelingt ihm zunächst die Flucht nach Ägypten. Doch die Machthaber Judas lassen ihn verfolgen und verlangen von den Ägyptern seine Auslieferung. Diese geben nach. Zurück in Jerusalem wird der Prophet auf Befehl des Königs erstochen. Nun ist nur noch Jeremia, der allerdings einen langsameren und qualvolleren Tod sterben soll als sein Mitstreiter Uria. Doch ein Angestellter des jüdischen Königshauses erbarmt sich des Propheten. Er erwirkt eine teilweise Begnadigung, und das Todesurteil wird aufgehoben. Jeremia ist von nun an im Wachhof am Königshaus eingesperrt.

Noch einen Acker kaufen, bevor das Land erobert wird

Dort erhält Jeremia von Gott den Auftrag, in seinem Heimatort Anatot einen Acker zu kaufen. Jeremia seufzt, erinnert sich aber an die Verheißung des Landes und betet zu Gott: „Du hast ihnen dies Land gegeben, wie du ihren Vätern geschworen hattest, dass du es ihnen geben wollest, ein Land darin Milch und Honig fließt. Und nun heißt es wieder: Kaufe dir einen Acker um Geld und nimm Zeugen dazu, dabei ist die Stadt doch in die Hände der Babylonier gegeben“ (32, 22.25). Und Jeremia empfängt die Antwort: „Siehe, ich, der Herr, bin der Gott allen Fleisches, sollte mir etwas unmöglich sein“ (V. 27).

So kaufte Jeremia für 17 Lot Silber den Acker, gleichsam als Signal für die anderen und als Symbol für die Zukunft. Und Gott spricht weiter: „Es sollen Äcker gekauft werden in diesem Land, von dem ihr sagt: ´Eine Wüste ist’s ohne Menschen und Vieh; es ist in der Babylonier Hände gegeben`“ (32, 43).

Juda hat militärisch keine Chance gegen Babylon. Wegen seines halsbrecherischen kriegerischen Widerstands fließen Unmengen an Blut. Um den Widerstand zu brechen, geht die babylonische Großmacht brachial vor: Die Häuser und Mauern Jerusalems und Judas werden niedergerissen, die meisten Überlebenden werden verschleppt. Jeremia aber wird nach dem Einmarsch der babylonischen Truppen von den Eroberern aus seiner Gefangenschaft befreit.

Erneute Missachtung und Beschimpfung des Propheten

Geschlagen kommen nun einige im Lande verbliebene Obere des Volkes und die Bevölkerung auf Jeremia zu und bitten um das „Wort Gottes“ für die neue Situation. Dabei hatten sich die meisten schon vorab entschieden, bevor sie halbherzig nach dem Ratschlag Gottes fragen: Sie wollen so schnell wie möglich das verwüstete Land verlassen, wollen die Folgen des Krieges nicht mehr sehen, keine Hungersnot mehr erleiden. Ägypten, so glauben sie, sei militärisch stark genug, um Babylon zu trotzen, und zudem gebe es dort auch genug zu essen. Doch Gott spricht anders. Er weiß, dass es für das Volk besser ist, wenn es im verheißenen Land bleibt und das Land weiter bzw. neu aufbaut: „Werdet ihr in diesem Land bleiben, so will ich euch auch bauen; ich will euch pflanzen ... Ihr sollt euch nicht fürchten vor dem König von Babel, spricht der Herr; denn ich will bei euch sein, dass ich euch helfe und von seiner Hand errette“ (42, 10-11).

Ein eindeutiges Wort, gegeben durch Prophetenmund. Und Jeremia hatte ja zur Bekräftigung selbst einen Acker gekauft. Was würden die anderen tun? Die erste Antwort, die Jeremia aus der versammelten Volksmenge zugerufen wird, lautet: „Du lügst“ (43, 2). Große Unruhe entsteht, und die Versammlung nimmt folgende Entwicklung: Immer mehr Bürger sehen es ebenso oder ähnlich wie der erste Rufer. Und so setzt sich in der Bevölkerung erneut die Überzeugung durch, nicht auf den Propheten zu hören. Das Volk Israel (von dem ja nur noch der Stamm Juda existierte) bricht auf Richtung Ägypten. Wer jedoch auf das „Wort Gottes“ hören und im Land bleiben will, bekommt keine Chance. Alle müssen mit. So wird auch Jeremia gezwungen, mit nach Ägypten zu ziehen.

Die „Himmelskönigin“ hilft nicht

Doch das Leben in Ägypten gestaltet sich ganz anders als es sich die Israelis erhofft hatten. Es ist ein harter täglicher Existenzkampf ums nackte Überleben. In dieser Situation hinterfragen die Menschen ihren Glauben. Warum nicht zu dem selben Gott beten wie die Ägypter? Wenn wir wie die Ägypter zu der „Himmelskönigin“ beten, würde sich das Schicksal wenden und es ginge uns wieder gut. So denken immer mehr Israeliten. Schließlich entscheiden die Priester und die Oberen des Volkes: Von nun an solle die Himmelskönigin, die „große Göttin“ Ägyptens, verehrt werden. In dieser Situation vernimmt der gegen seinen Willen mit nach Ägypten verschleppte Prophet in seinem Inneren noch einmal das „Wort Gottes“. Er warnt die Bevölkerung vor neuem Unheil, wenn Israel jetzt damit beginnt, diesen Götzen-Kult zu pflegen und sich nun völlig von dem Gott lossagt, der durch Jeremia spricht und der sein Volk zu Frieden und Glück führen will. Wie würde die Reaktion auf die Warnung sein? Würden die Israeliten sich wenigstens jetzt besinnen und ihr Vorhaben aufgeben und Gott fragen, was stattdessen getan werden könne? Doch nichts dergleichen geschieht. Die „große Göttin“ Ägyptens soll Israel helfen. So die Entscheidung. Doch die neue Religion bringt nichts. Im Gegenteil: Statt einer Verbesserung der Lebenssituation brechen bald eine Hungersnot und Seuchen aus und fordern ein Opfer nach dem anderen. Die Israeliten verrohen nun immer mehr, und Gewalt und Morde nehmen zu. Nun sind auch die Tage des Propheten gezählt. Jeremia wird unter unbekannten Umständen erschlagen, so die Überlieferung. Schließlich bleibt nur ein kleines Häufchen verelendeter Israeliten übrig.

Neuer Anfang für die am Boden Liegenden

Doch es ist nicht das vollständige Ende. Denn die wenigen Überlebenden besinnen sich nun. Sie beschließen, sich zurück nach Israel zu schleppen. Und dort treffen mittlerweile auch die ersten Verschleppten aus Babylon wieder ein. Denn das Großreich Babylon war mittlerweile in die Hand Persiens gefallen, wie der Prophet Jeremia es zuvor vorhergesagt hatte. Viel Zeit ist verloren, die zum Segen des Landes und seiner Leute hätte eingesetzt werden können. Doch Israel bekommt wieder eine neue Chance, sein Land und seine Gesellschaft nach den Geboten Gottes aufzubauen. So wie es einst durch den Propheten Jeremia verheißen wurde: „Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. Wohlan, ich will dich wiederum bauen, dass du gebaut sein sollst, du Jungfrau Israel; du sollst dich wieder schmücken, Pauken schlagen und herausgehen zum Tanz. Du sollst wiederum Weinberge pflanzen an den Bergen Samarias ...“ (31, 3-5) Würde nun diese nächste Chance genützt?
 



Propheten in den letzten 2000 Jahren

Die Kirchen lehren sinngemäß, Jesus wäre als "Sohn Gottes" gleichzeitig der letzte "Prophet" gewesen, durch den Gott direkt zu den Menschen gesprochen hätte. Jesus selbst lehrt dies aber ausdrücklich nicht. Er warnt vor den "falschen Propheten" und erklärt, wie man demgegenüber "wahre Gottespropheten" erkennen kann:

„Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte ... Darum: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Bibel, Matthäus 7, 15-17.20). An anderer Stelle spricht Jesus von dem „Geist der Wahrheit“, der noch weiter gehende Wahrheiten verkündet als diejenigen, die er, Jesus selbst, in die Welt brachte: „Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen ...“ (Johannes 16, 12-13). Und selbst Paulus weiß ganz selbstverständlich von weiteren Propheten, wenn er schreibt: „Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied. Und Gott hat in der Gemeinde eingesetzt erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, dann Wundertäter dann Gaben, gesund zu machen ...“ (1. Korinther 12, 27-28).
Die Kirchen lehren im Unterschied zu Jesus und Paulus jedoch, dass die Prophetie bzw. die „Offenbarung“ mit Jesus ganz bzw. überwiegend abgeschlossen wurde und nun das Zeitalter der Kirche begonnen hätte. Mit anderen Worten heißt das: Die Kirche will und braucht keine Propheten, denn es gibt für sie ja die Bibel, und diese wird von den kirchlichen Schriftgelehrten, eben den Theologen, ausgelegt.
Diese Situation kann man sich auch praktisch verdeutlichen: Kann sich jemand vorstellen, dass ein Papst, Kardinal, Landesbischof oder Dekan auf einen Propheten hört, wenn „die geistige Welt“ durch einen Propheten den betreffenden Würdenträger korrigieren möchte? Oder kann sich jemand vorstellen, dass ein Prophet auch nur einen von über 2000 Lehrsätzen im Katholischen Katechismus ändern darf? Oder dass er an einem einzigen evangelischen Bekenntnis etwas ändern darf? Nie und nimmer. Sollte aber doch vielleicht einmal ein „Prophet“ von der Kirche anerkannt werden, müsste die Prophetie mit dem „Kanon“ (= der kirchliche verbindlichen „Richtschnur“) der Bibel übereinstimmen, wie ihn die Theologen der Kirche festgelegt haben. Doch die Propheten waren jedoch immer unbequeme Mahner, und sie richteten ihre Worte immer wieder auch gegen das institutionalisierte Amts-Christentum. Deshalb werden dort nur die „Haus- und Hofpropheten“ geduldet, die nur das „prophezeien“, was identisch mit der Lehre der kirchlichen Theologen und Priester ist. So ähnlich war es auch schon zur Zeit des Alten Testaments, als den Prophezeiungen des Gottespropheten Jeremia vom „Hofpropheten“ und Priesterhelfer Hananja widersprochen wurde (Jeremia 26). Die bequemen und halsstarrigen Zeitgenossen glaubten Hananja, doch Recht behielt Jeremia. Und die Bevölkerung nutzte die Chance nicht, Unheil abzuwenden. In der Zeit nach Christus wurde es dann noch schlimmer, weil die Kirche von vorne herein gegen die Propheten eingestellt war, während man im Alten Testament wenigstens ansatzweise auf sie hörte. Folglich wurden Propheten oder Menschen mit prophetischen Botschaften immer wieder von den Priestern und Theologen der Kirche beschimpft, verspottet oder verfolgt, und man ließ sie dann z. B. auf den Scheiterhaufen hinrichten. Auf diese Weise erging es den Propheten nach Christus ähnlich wie denen des Alten Testaments. Ihr Leben war ständig bedroht.
Und so haben auch in den letzten 2000 Jahren immer wieder Propheten und Prophetinnen zu den Christen gesprochen. Selten ließen sich diese von der Kirche vereinnahmen, und evtl. geschah dies erst nach deren Tod, als sie sich nicht mehr dagegen wehren konnten. Manchmal wurden sie auch geduldet. Oft jedoch wurden sie totgeschwiegen, verleumdet oder hingerichtet. Und in unserer Zeit werden sie von vorneherein lächerlich gemacht und in den Massenmedien werden alle als „Spinner“ oder „Sektierer“ in einen Topf geworfen, die der Kirche nicht genehm sind. So werden auch viele weise Zeitgenossen durch den Schmutz gezogen und mit Rufmord kaltgestellt.
Und so könnte man auch fragen: Wohin hat die Kirche die Christenheit geführt? Und was hat ihre Bibel den Menschen in 1700 Jahren gebracht? Immer wieder hat man sich darauf berufen - nicht zuletzt, um Kriege zu rechtfertigen und um die Erde auszubeuten. Und immer ließ sich die Bibel so interpretieren, wie es die Täter gerade benötigten. So zeigen der Zustand unserer Erde und der Gesellschaften die Früchte. Und was hätten die Propheten bewirken können, wenn man auf sie gehört hätte?

Nachfolgend einige Beispiele, wobei man jeden Propheten am Kriterium der „Früchte“, von denen Jesus sprach, prüfen kann: Montanus, Mani, Marcion, Bogumil, Girolamo Savonarola in Florenz, die Zwickauer Propheten Markus Stübner, Thomas Drechsel und Nikolaus Storch (siehe
www.theologe.de/theologe10.htm)
, Hans Böhm (der „Pfeifer von Niklashausen“), Sebastian Franck, Jakob Böhme, Johann Georg Gichtel, Emanuel Swedenborg, Birgitta von Schweden, Hildegard von Bingen, Theresa von Avila, Katharina von Siena, Joachim von Fiore oder in unserer Zeit Gabriele Wittek sowie unzählige dem Namen nach nicht bekannte Propheten, Prophetinnen und Gottesboten, die auf den Scheiterhaufen der Kirche ihr Leben ließen.
 

Literatur zum Gegensatz von Prophet und Priester:
Walter Nigg, Prophetische Denker, Löschet den Geist nicht aus, Rottweil 1986, ISBN 3-89201-004-8 mit dem ausgezeichneten und sehr informativen Kapitel „Das Prophetische im christlichen Geschichtsraum“. Es folgen spannend geschriebene Biografien zu den „prophetischen“ Denkern John Henry Newman, Sören Kierkegaard, Fedor Dostojewski und Friedrich Nietzsche.
(Das Buch ist für 6,50 € + Versand erhältlich über den Verlag Das Weisse Pferd; einfach E-Mail mit Ihrer Adresse und der Bestellung senden)
 


Der wiederkommende Christus -
 der größte Feind der Kirche?

Zeitgemäße Gedanken zu einem unbequemen Thema

„Jesus kommt wieder“, heißt es im Bekenntnis der Kirchen. Doch wehe, er käme wirklich! Es reicht der gesunde Menschenverstand, um sich klar darüber zu werden, dass er die kirchlichen Dogmen, Bekenntnisse, Riten und Zeremonien nicht segnen oder befürworten würde. Auch würde er nicht in den Vatikan reisen, um sich bei seinem angeblichen Stellvertreter zu bedanken, dass der Papst und seine Vorgänger so „tapfer“ die Stellung in den letzten 2000 Jahren gehalten hätten.
 
Wenn er auf leisen Sohlen kommen würde, würde er vielleicht als erstes freundlich darauf hinweisen, dass man sein Leben als Jesus von Nazareth ganz falsch verstanden hat. Und er würde um entsprechende Korrekturen der kirchlichen Lehre bitten. Doch schon mit dieser Bitte würde er sich sogleich zum Gegner dieser Kirche machen. Denn die kirchliche Lehre ist nun mal in ihren wesentlichen Grundlagen „unfehlbar“ und keiner Korrektur mehr zugänglich (vgl. das Unfehlbarkeitsdogma von 1870; siehe dazu Neuner-Roos, Der Glaube der Kirche, Lehrsatz Nr. 85). Dies gilt für die römisch-katholische Lehre, doch im Kern auch für die evangelische. Beide Kirchen lehren, dass sich Gott in der Bibel abschließend und letztverbindlich geäußert haben soll. Ein wiederkommender Christus darf also nicht mehr sagen als das, was nicht schon sowieso in der Bibel steht. Ein Mann, der fortlaufend Bibelstellen zitiert. Das könnte man vielleicht durchgehen lassen.  Aber nicht mehr. Sonst hätte sich die Kirche ja seit 1.700 Jahren geirrt. Und das darf niemals sein.

Wenn Jesus also wiederkommen würde, selbst wenn er am Anfang sehr vorsichtig ist, dann wäre der Konflikt mit den Großkirchen unausweichlich. Denn diese müssten auf ihn hören, wenn sie wirklich die Kirche „Jesu Christi“ wären, wie sie immer wieder behaupten. Doch sie werden mit Sicherheit nicht auf ihn hören. Zu vieles haben die Kirchen im Laufe ihrer Geschichte schon aufgebaut, was zu Jesus von Nazareth im Gegensatz steht (siehe oben und die weiteren Themen in der Schriftenreihe des "Theologen"): Die ganzen Lehre vom gerechten Krieg bis hin zur Seligkeit durch Glauben, obwohl Jesus immer wieder vom rechten Tun sprach. Dann die Dogmen, von denen Jesus nie sprach und die Sakramente, die er nie einsetzte. Die Kirchenhierarchie und den Beamtenapparat, die Konkordate und Staatsverträge, die Schatzkammern und die vielen Reliquien, die riesigen kirchlichen Rechtssammlungen, viele tausend Seiten von Kirchenjuristen aller Generationen geschrieben; dann die Tradition, das Schaugepränge und Brimborium, das „Gehabe“ und „Getue“ der Amtsträger, die Weltjugendtreffen und Kirchentage für die Jugend usw. usf. Doch was hat das alles mit Christus und mit Gott zu tun? Gott sei geheimnisvoll, so die Herren der Kirche. Und die Kirche rechtfertigt ihr ganzes Treiben mit diesem angeblichen „Geheimnis Gottes“, das niemand lüften könne, dem sie aber, die Theologen der Kirche am nähesten kämen. Doch man müsse dieses Geheimnis ja auch gar nicht lüften. Denn es genüge der Glauben der Menschen, dass die Kirche durch ihre Predigten und Sakramente ihnen, den Gläubigen, den Himmeln vermitteln könne, auch wenn sie vieles davon gar nicht verstehen (vgl. dazu Der Theologe Nr. 32).
Doch was wird sein, wenn Jesus wiederkommt und das „Geheimnis Gottes“ endlich lüftet? Was ist, wenn er den Menschen alles Wichtige erklärt? Schon kleine Widersprüche zur kirchlichen Lehre würde ihn zum „Irrlehrer“ machen, vor dem man warnt. Denn würden ihm die Leute glauben, wäre mit seinem Wiederkommen auch das Ende der kirchlichen Macht gekommen. Das weiß die Kirche, und deshalb hat sie Angst vor ihm. Doch so schnell würden sich die Herren der Kirche und ihre Helfer nicht geschlagen geben. Mit Zähnen und Klauen würden sie um ihre Institution kämpfen, um ihre Macht und um ihre Privilegien; wie immer in den letzten 2000 Jahren. Jesus kommt wieder. Wo käme denn die Kirche da hin, wenn da plötzlich einer wäre, der ihr widerspricht!

So würde Jesus, wenn er nicht mehr vorsichtig wäre, wohl dem Papst in Rom die Maske vom Gesicht ziehen. Und er würde wohl wieder seine „Wehe-Rufe“ aussprechen, wie gegenüber den Theologen und Schriftgelehrten seiner Zeit. „Weh euch, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein und die hinein wollen, lasst ihr nicht hineingehen“ (Matthäus 23, 13). Und die Heuchler mit ihrem Stehkragen und dem Kreuz um ihren Hals und an ihren Jacken würden sich wieder zusammensetzen und beratschlagen, wie sie ihn beseitigen können: den „Sektenführer“, den „selbsternannten Christus“, den „falschen Propheten“, den „falschen Christus“, den „totalitären Guru“, den „Scharlatan“, den „falschen Heilsversprecher“.  Sogar einen untrüglichen „Beweis“ würde man führen, um Christus zu „entlarven“. Der Beweis wäre: Christus hält sich nicht an die kirchlichen Dogmen und Bekenntnisschriften. Diese aber enthalten die bewährte Tradition zahlloser Generationen. Und, was noch schlimmer sei: Dieser vielleicht sogar „Verrückte“ hält sich nicht einmal an ihre Bibel. Er würde sich dort nur die Stellen herauspicken, die ihm genehm sind. So wie er es schon als Jesus von Nazareth gemacht hatte, als er damals der heiligen Überlieferung widersprochen hatte, und als er den damaligen Theologen seine Worte entgegen rief: „Ich aber sage euch ...“
Sollte er sich das noch einmal getrauen? Die Bibel gelte doch in allen Konfessionen als weltweit unbestrittene „Grundlage der gesamten Weltchristenheit“, so die Experten der Kirche. Und die Dogmen und Bekenntnisschriften der Konfessionen seien doch die einzig rechtmäßigen Auslegungen der Bibel. Dagegen kommt der wieder gekommene Christus nicht an: Ein „Wichtigtuer“ sei er, vermutlich psychisch sehr krank und von „wahnhaften Größenphantasien“ getrieben. „Ich aber sage euch ...“ - Wo käme die Kirche denn da hin, wenn einfach einer aufsteht und sagt: „Ich aber sage euch“? Einfach nicht Ernst nehmen, gerade gut genug für das unterhaltsame Kaffeegespräch bei einem Stück Kuchen nach der Kirchenkonferenz. Ja, viel zu viel habe man sich schon mit diesem „armen Schwein“ beschäftigt. Viel zu viel Aufmerksamkeit habe er schon bekommen. Wir beten noch kurz für ihn, und wenn der dann nicht Ruhe gibt, wird die Polizei geholt. Zum Wohl allerseits.

Sollte er aber trotz dieser Verleumdungen in der Bevölkerung gut ankommen, würde die Kirche das nicht einfach hinnehmen. Denn sie verfügt über viele Mittel und Wege. Falls er also wieder als erfolgreicher und beliebter Zimmermann arbeiten würde, würde man dazu aufrufen, diesem „Sektenbetrieb“ keine Aufträge zu geben. Auch die Verantwortlichen der Handwerkermesse würde man „warnen“, so dass er dort gar keinen Stand bekommt. Keine Zeitung soll Werbeanzeigen von ihm veröffentlichen. Man könne die Absage ja damit begründen, seine Lehre sei nicht mit den Geschäftsgrundlagen des jeweiligen Verlags vereinbar.
 
Die Kirche hat überall ihre Leute sitzen, das würde auch ein wiederkommender Christus zu spüren bekommen. Und so könnte sie an allen Stellen versuchen, über ihren Kritiker, den Christus, entsprechend „aufzuklären“ oder, wo man das als notwendig erachten würde, politisch oder juristisch gegen ihn vorzugehen oder eben einfach die Polizei anzurufen. Und die maßgeblichen Politiker würden wieder respektvoll vor der Macht der Kirche buckeln. Denn wie sagte doch einer der Kirchenführer unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Seine Worte lauteten wie folgt: „Dass die Kirche sich nicht umzustellen braucht, empfinden sicherlich die meisten als einen Abglanz der Ewigkeit“ (Dekan Georg März aus Würzburg, zit. nach C. Vollnhals, Evangelische Kirche und Entnazifizierung, München 1989, S. 134). Tief durchatmen. So war es, und so ist es, und so würde es immer sein. Die Kirche ist der Abglanz der Ewigkeit. So denken die Herren der Kirche und glauben, dass sie ewig so weitermachen können.

Nahezu 2000 Jahre sind die Herrschenden und Regierenden gekommen und wieder gegangen. Die Kirche aber blieb - an der Seite der gegenwärtigen oder - klug vorausschauend - der künftigen Machthaber. Und immer wieder ließ sie sich mit Reichtum, Privilegien und Vergünstigungen beschenken. Doch immer wenn sich durch einen Propheten der Himmel ein Stück weit auf die Erde neigte, begann der Stuhl Petri in Rom unmerklich ins Wanken zu kommen, und seine vielen kleinen evangelischen Schemel würden erzittern. Doch wenn Christus käme, würde der Stuhl vielleicht für alle sichtbar wanken, und die einzelnen Schemel würden der Reihe nach umfallen! Welche Gefahr könnte von dem wiederkommenden Christus ausgehen? Es gibt keine größere Gefahr für die real existierenden Kirchen. Wehe, er käme. Wehe, er käme wirklich noch ein zweites Mal! Wehe, wehe! Wurde er nicht ans Kreuz genagelt? Hat er nicht freundlicherweise nach seiner Auferstehung weitgehend geschwiegen? Hat man nicht die „ketzerischen“ Christus- und Gottespropheten in den letzten Jahrhunderten erfolgreich zum Schweigen gebracht? Hat sich die Kirche nicht immer erfolgreich gegen „Häresien“, „Ketzereien“ und „Sekten“ gewehrt und diese immer „unschädlich“ gemacht? Würde er jetzt selber tatsächlich wiederkommen? Will er die Kirche gar zum „Endkampf“ provozieren?

Die Kirche braucht keinen wiederkommenden Christus. Die Kirche ist eine mächtige Institution geworden, die mächtigste Institution des gesamten Erdkreises. Sie ist kein Tummelplatz mehr für versponnene Wanderprediger. Die Kirche hat die Bibel. Die Kirche hat die Dogmen, und ihre Gläubigen sprechen Woche für Woche das apostolische Glaubensbekenntnis. Und die Kirche hat den Papst. Sein „Urbi et Orbi“ dringt machtvoll in alle Paläste dieser Erde und auch in die letzte Hütte am Rande der Zivilisation. Und wie die Menschen ihm zujubeln, wenn er wieder und wieder zu ihnen kommt. Kein Geld ist ihnen für den Papst und seinen Hofstaat zu schade. Dieser Mann gibt ihnen Hoffnung. Er ist ihnen Vorbild. Und er gibt ihnen Kraft, auch den Evangelischen. Und natürlich nimmt die Kirche auch ihn, den Christus, liebevoll in ihre Obhut. Sie hat ihn sich genommen als schweigenden Gott. Hilflos lallend in der Krippe oder zum Schweigen gebracht am Kruzifix. Dort habe er uns erlöst. Das muss reichen. Wehe, er würde sich tatsächlich getrauen, noch einmal zu kommen ... 

 

 

Der Text  kann wie folgt zitiert werden:
Zeitschrift "Der Theologe", Hrsg. Dieter Potzel, Ausgabe Nr. 20:  Elia, Amos und Jeremia - die Propheten als unbequeme Mahner für das Volk / Propheten seit Jesus von Nazareth, Wertheim 1996, zit. nach http://www.theologe.de/theologe20.htm, Fassung vom 25.9.2009

 

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