DER THEOLOGE
Nr. 5


Wie Paulus die Lehre des Jesus verfälschte



Während die Apostel noch von Jesus direkt belehrt und geschult werden, kennt Paulus Jesus nicht. Ist Jesus bei Paulus demnach nur eine "metaphysische Figur, der man alles unterschieben konnte", wie es der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) einmal kommentierte? Paulus von Tarsus zeigt zumindest kein nachweisliches Interesse am Leben des Jesus von Nazareth, an dem er sich wie an einem Vorbild hätte orientieren können.
Der Theologe Nr. 5 klärt auf, wie Paulus die Botschaft des Jesus von Nazareth veränderte und die Fundamente für die spätere griechisch-römische Staatskirche lehrte.
Eigentlich hatte Jesus von Nazareth für die Zeit nach seinem Erdenleben alles gut vorbereitet: Er berief einige seiner Nachfolger zu seinen "Aposteln" (= Boten bzw. Gesandten) und übertrug ihnen die Hauptverantwortung für die Verwirklichung und Verbreitung seiner Botschaft. Dazu gehörte vor allem die Leitung der Urgemeinde in Jerusalem und bald auch von weiteren Gemeinden. Von dort sollten weitere Männer und Frauen hinausgehen, um die Botschaft vom kommenden Friedensreich auch außerhalb Israels bekannt zu machen.
Alles befand sich noch in der Aufbauzeit, als Saulus, später Paulus genannt, hinzu kam. Mit Paulus begann jedoch die Verfälschung der Lehre von Jesus und der allmähliche Aufbau einer kirchlich institutionellen Struktur.
 
Bild:
Paulusporträt mit Heiligenschein in einer Kirche in Palermo / Sizilien
 


 

Teil 1
Der versteckte Angriff auf das frühe Urchristentum:
Wie Paulus die Lehre des Jesus veränderte


Kein Interesse an Jesus

Die Umdeutung

Das "Alte Testament" und der Glaube

Fundament für eine Kult-Kirche

Der erste Schriftgelehrte des kirchlichen Christentums

Der Rom-"Virus"

Der Bruch mit dem Bund Israels
 


Teil 2
Die ersten Urchristen lebten vegetarisch:
Paulus und der Fleischkonsum beim Abendmahl

Fleischverzehr und Religion

Paulus streitet mit Petrus

Reste an Achtung vor anderen Lebensformen werden getilgt

Wird eine Schlachtung durch ein Dankgebet geheiligt?

Fleisch für die Theologen
 


Teil 3
Paulus im Zwielicht: Bescheidener Diener oder selbstherrlicher Theologe?

Wer redet hier in "fremden Zungen"?

"Ich sollte gelobt werden"

"Verflucht sei der falsche Bruder"!

Die Spuren verlieren sich

Wird Paulus getröstet?

 


Anmerkungen

Quellen und Literatur

Zum Autor
 

 



Teil 1: Der versteckte Angriff auf das frühe Urchristentum

Wie Paulus die Lehre des Jesus veränderteJesus und seine Jünger

Die ersten urchristlichen Gemeinden wurden nach dem Zeugnis der Bibel von Gott bzw. Christus unmittelbar durch das "Prophetische Wort" geführt (siehe z. B. Johannes 16, 13; Apostelgeschichte 2, 17-18; 1. Korinther 12, 28). Demnach sprach Christus aus der geistigen Welt durch Prophetenmund zu den Menschen, und nach dem Bericht in der Apostelgeschichte war die "Menge der Gläubigen" "ein Herz und eine Seele" (4, 32). "Sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet" (Apostelgeschichte 2, 42), sie taten Gutes an ihren Nächsten "und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk" (Apostelgeschichte 2, 47). In dieser Zeit kam Saulus, später Paulus genannt, hinzu und gab offenbar den ersten größeren Anlass für Unstimmigkeiten ...

Saulus aus Tarsus in Kleinasien (weitgehend identisch mit der heutigen Türkei) ist als jüdischer Pharisäer ein erbitterter Gegner von Jesus von Nazareth und verfolgt die urchristliche Gemeinde. Dann erfolgt ein Einschnitt in seinem Leben: In einer Vision glaubt er eines Tages, die Stimme des Mannes aus Nazareth zu hören, und er glaubt auch, ihn zu sehen. Unmittelbar im Anschluss daran wird der urchristliche Prophet Hananias zu ihm geschickt, um Saulus seinen neuen Auftrag zu übermitteln (Apostelgeschichte 9, 10 ff.). Nach diesen Erlebnissen ist Saulus davon überzeugt, dass Jesus in der Tat der "Christus" war, das heißt, der Gesandte Gottes, der Israel verheißene Befreier bzw. Erlöser. Saulus orientiert sich um. In Zukunft will er für ihn kämpfen, nicht mehr gegen ihn - so wie es ihm durch das Prophetische Wort mitgeteilt wird (9, 15).
Doch anstatt sich für seinen großen Auftrag von der Urgemeinde zurüsten zu lassen, ist er von Anfang an nicht bereit, sich in die bestehende Gemeinschaft einzuordnen. Er betont sogar, dass er sich nach seiner Umkehr nicht mit den anderen Urchristen besprach. Stattdessen beginnt er aus eigenem Entschluss mit dem Predigen. Erst nach drei Jahren besucht er nach seinen eigenen Angaben für zwei Wochen Petrus und reist anschließend wieder durch die Lande (Galaterbrief 1, 16-18). Wörtlich schreibt er unter anderem: "Ich ... ging auch nicht hinauf nach Jerusalem zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien und kehrte wieder zurück nach Damaskus". Damit widerspricht Paulus selbst der offenbar idealisierenden Darstellung seiner Bekehrung in der Apostelgeschichte, wonach er sich sogleich zu den Jüngern in Damaskus und Jerusalem gehalten habe. (1)  Dies tut er nicht.

Und schon bald stellt sich heraus, dass Paulus die christliche Lehre mit seinen römischen Vorstellungen vermischt (siehe dazu das Kapitel "Der Rom-Virus"). Deshalb kommt es dort, wo er bei seinen Missionsreisen bereits urchristliche Gruppen vorfindet, zu Unstimmigkeiten und Konflikten. Paulus lässt sich jedoch nichts sagen und sich nicht korrigieren. Im Gegenteil: Als es erst nach 14 Jahren (!) zu ersten offiziellen Gesprächen mit den Hauptverantwortlichen der urchristlichen Bewegung kommt, weist Paulus seinerseits Petrus heftig zurecht und "widerstand ihm ins Angesicht", wie er es laut Bibel selber schreibt (Galaterbrief 2). Der Streit mit Petrus, den Paulus offen der Heuchelei bezichtigt, entzündet sich an den jüdischen Wurzeln des Urchristentums und unter anderem auch an der Frage nach dem urchristlichen Mahl (näheres dazu im Teil 2). Doch die Unterschiede zwischen Paulus einerseits und den "Aposteln" (den von Jesus selbst eingesetzten Hauptverantwortlichen für sein Werk) und Jesus von Nazareth andererseits sind noch viel weit reichender ...

Kein Interesse an Jesus

Während die Apostel noch von Jesus direkt belehrt und geschult wurden, kennt Paulus Jesus nicht. Stattdessen hatte er ausgerechnet die pharisäische Schulung der Gegner des Mannes aus Nazareth genossen. Doch anstatt sich so viel wie möglich von Jesus berichten zu lassen und sich so weit wie möglich an ihm als Vorbild zu orientieren, erklärt Paulus sein Defizit einfach als belanglos. Und er schreibt selbstbewusst: "Auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch [auf die anderen Apostel bezogen], so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr" (2. Korintherbrief 5, 16).
Dieser Satz wäre gar nicht unbedingt falsch, wenn das von Paulus so genannte "heutige Kennen" von Christus mit dem übereinstimmen würde, was Jesus von Nazareth einst als Mensch seinen Zeitgenossen gelehrt und ihnen vorgelebt hatte. Doch woher will Paulus wissen, ob der "Christus" aus seiner Vision und in seiner Vorstellung mit dem Christus übereinstimmt, der in Jesus von Nazareth unter den Menschen lebte? Paulus kannte ihn ja gar nicht als Mensch, und er hätte als ein wahrer Nachfolger von Jesus zu seiner Orientierung alles daran setzen müssen, so viel wie nur irgendwie möglich von ihm und seiner Zeit auf der Erde in Erfahrung zu bringen: Was hat Jesus in dieser Situation gesagt? Wie hat er hier reagiert? Und wie da? Gibt es von ihm eine Aussage zu dieser Problematik? Und zu jener? Usw. usf. Doch das tut er offensichtlich nicht. Und so wirft ihm der Philosoph Friedrich Nietzsche auch mit gutem Grund vor, Jesus, der Christus, scheine bei ihm nur mehr "ein bloßes Motiv" zu sein, eine "metaphysische Figur, der man alles unterschieben konnte".


Und was hat Paulus mit Jesus gemacht? Anstatt zu fragen, was er gelehrt hatte, deutet Paulus das Leben von Jesus vor allem nach dem Muster heidnischer Mysterienreligionen und des Kaiserkults, wo von sterbenden und wieder auferstehenden Göttern die Rede ist, an denen der Gläubige durch Identifikation bzw. durch magische Übungen Anteil haben könne. Gleichermaßen knüpft er an den jüdischen Opferkult an und interpretiert ihn neu: Während strenggläubige Juden durch Tieropfer einen angeblichen Zorn Gottes besänftigen wollen, erklärt Paulus kurzerhand, dass das Blut, das Jesus bei seiner Hinrichtung vergossen hatte, bei Gott angeblich ein für alle mal sühnende Wirkung hätte (Römerbrief 3, 25), so dass es nun keiner Tieropfer mehr bedürfe.

Die Umdeutung

Zwar war auch Jesus ein Gegner der Tieropfer. Doch im Unterschied zu Paulus hatte er einen Gott verkündet, der überhaupt kein "Sühnopfer" benötigt und auch nie, zu keiner Zeit, ein solches Opfer benötigt hatte. (2) Stattdessen wünscht der Gott, den Jesus verkündet, dass alle Seine Kinder Ihm ihr Herz öffnen, Schritt für Schritt ihr Ego "opfern" und für ihren Nächsten da sind.
Paulus hingegen kehrt wieder zurück zu den alten vorchristlichen Gottesvorstellungen der Menschen wie "Gotteszorn" und "Sühnopfer", und er deutet diese nur auf Christus hin um. Der Höhepunkt seiner Umdeutung besteht schließlich darin, dass man durch den bloßen Glauben an ein solches Sühnopfer "gerecht" werden könne - also "ohne Verdienst" (Römerbrief 3, 24), das heißt ohne das rechte Tun. Dies ist eine wesentliche Botschaft des Paulus, und es war eine angenehme Botschaft für das Volk, weil auf diese Weise eine hohe Ethik und Moral zwar wünschenswert, aber letztlich entbehrlich war. Mit dem unbequemen Jesus von Nazareth hatte das jedoch nichts mehr zu tun. Denn Jesus lehrte das Halten der Zehn Gebote und der Bergpredigt, und er sagte: "Tu das, so wirst du leben" (Lukas 10, 27). Oder: In das Reich Gottes kommen, "die den Willen tun meines Vaters im Himmel" (Matthäus 7, 21). Oder: Wer seine Rede "tut", "der gleicht einem klugen Mann" (Matthäus 7, 24). Oder: "Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten" (Matthäus 7, 12). Mit anderen Worten: Darauf kommt es an, auf nichts anderes. Oder: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan (Matthäus 25, 40; siehe auch V. 25). Und vieles mehr. Paulus aber spricht stattdessen vom "Glauben", der einen Menschen "gerecht" mache (vor allem im Römerbrief, Kapitel 3 und 4).

Das "Alte Testament" und der Glaube

Um diesen Gegensatz zwischen Paulus und Jesus noch besser zu verstehen, hilft auch die Frage, wie beide das so genannte "Alte Testament", die "Heilige Schrift" der jüdischen Religion, verstehen. Einig sind sich Jesus und Paulus darin, dass die vielen hundert Gesetzesvorschriften dort nicht zu Gott führen. Doch aus unterschiedlichen Gründen. Weil Priester im Laufe der Jahrhunderte dort Texte fälschten und auf diese Weise ihre eigene Lehre in der "Heiligen Schrift" als "Wort Gottes" und als "Gesetz" ausgaben, stellt Jesus dies richtig; zum Beispiel in der Bergpredigt mit seinen bekannten Worten: "Ich aber sage euch" (Matthäusevangelium, Kapitel 5; in der theologischen Wissenschaft spricht man von "Anti-Thesen"). Wenn Jesus nun aber in positiver Weise vom "Gesetz" spricht, dann meint er folglich nicht die Fünf-Bücher-Mose, sondern er meint das ursprüngliche, tatsächlich von Gott gegebene "Gesetz", das man eben zusammenfassen kann mit dem Liebegebot (Matthäus 22, 40) und der "Goldenen Regel" (Matthäus 7, 12), nämlich andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte (3a).
Ganz anders als Jesus erkennt Paulus aber alle in den fünf Mose-Büchern niedergelegten Gesetzesvorschriften als Gotteswort an. "So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut", so ein Satz des Paulus (Römerbrief 7, 12). Paulus lehrt im Unterschied zum Alten Testament nun aber das Heil durch "Glauben", weil niemand die Vorschriften dieses "Gesetzes" alle erfüllen könne (Römerbrief 3, 9-28; Galaterbrief 2, 16) (3). Davon hat Jesus aber nicht gesprochen. Dem Mann aus Nazareth ging es immer um das rechte Tun und nicht um ein "Heil", das man sich durch eine bestimmte Glaubenseinstellung erwerben könne. Daran, an dem also, was Paulus stattdessen lehrt, wird im 16. Jahrhundert vor allem Martin Luther anknüpfen. Und Martin Luther lehnt später nicht nur die Ethik des Alten Testaments als einen Weg zu Gott ab, wie es Paulus tut, sondern auch die Ethik des Jesus von Nazareth, nämlich das schrittweise Erfüllen seiner Lehre, wie sie z. B. in der Bergpredigt dargelegt ist. Nur der rechte Glaube führe nach Paulus und Luther angeblich zum "Heil" und zu Gott, nicht das Halten von Geboten gleich welcher Art (mehr dazu in Der Theologe Nr. 1 und in Der Theologe Nr. 35). Und Paulus hat die Bergpredigt von Jesus, wenn überhaupt, dann vermutlich auch nur teilweise gekannt.

Fundament für eine Kult-Kirche

Paulus legt mit seiner Glaubenslehre nun die Fundamente für eine Volkskirche, die bald Kulthandlungen für das von Paulus entwickelte "Heilsgeschehen" und den angeblich notwendigen Glauben daran zelebrieren wird. Diese werden wiederum aus den antiken Götterkulten entlehnt. Und vielleicht noch Paulus selbst oder sehr wahrscheinlich ein Paulusschüler der ersten Generation macht Jesus, den Christus, gar zum "Hohenpriester" (im Hebräerbrief der Bibel), dessen Blut "unser Gewissen reinigt", wie zuvor angeblich "das Blut von Böcken und Stieren und die Asche von der Kuh durch Besprengung die Unreinen heiligt" (9, 13). Welch ein Gegensatz zu dem Jesus von Nazareth, der die Tierhändler aus dem Tempel trieb! Und bald werden dem angeblich neuen "Hohenpriester" Theologen und neue Schriftgelehrte als eine Art "Assistenzpriester" beigestellt. Priester nehmen also das geistige Erbe des Jesus in die Hand bzw. vereinnahmen es in ihre Fängen. Und bald werden auch wieder Riten und Zeremonien, Talare, Kanzeln und Altäre eingeführt - ganz so, wie es die Leute in ihren bisherigen Religionen gewöhnt waren und wofür sie sich auch nicht besonders anzustrengen brauchten. Jesus wollte aber nicht als ein "Hohepriester" verstanden werden. Sonst hätte er sich auch gleich in diese Funktion erheben lassen können. Doch nichts dergleichen. Jesus arbeitete als Zimmermann und er lehrte seine Nachfolger das Gebot "Bete und arbeite", und er hat keinen einzigen Priester eingesetzt, geschweige denn sich selbst, und er hat auch keinerlei Kult begründet. Doch ganz anders Paulus, der zwar selbst kein geweihter Priester war, der jedoch noch voll im priesterlichem Denken verhaftet war, so dass Friedrich Nietzsche im übertragenen Sinne zurecht schlussfolgern kann: "Mit Paulus wollte nochmals der Priester zur Macht" (in: Der Antichrist, Teil 2; Kapitel über den Unsterblichkeitsglauben).
Mit Jesus, dem Christus, hat das aber nichts zu tun, doch es wurde zum Fundament für die neu entstehende katholische Kirche.
Und mit ihr kam nun mithilfe des Paulus tatsächlich der Priester zu einer noch nie da gewesenen Machtfülle in der Geschichte der Zivilisation. Und Jahr für Jahr fügte diese Kirche ihrem Glaubensgebäude weitere Anleihen aus den antiken Priesterkulten und der Vielgötterei hinzu.
Die spätere Auseinandersetzung zwischen "katholisch" und "evangelisch" hat einige Jahrhunderte später einen ihrer Gründe darin, dass die evangelische "Reformation" - wohl ganz im Sinne des Paulus - den Katholizismus von vielen dieser Zutaten aus den Götzenkulten wieder befreien wollte. "Christlich" wurde die Lehre dadurch aber nicht; nur hier und da akzeptabler für mehr nüchterne Zeitgenossen. Denn auch der Protestantismus pflegt einen Kult mit Pfarrern, Sakramenten, Altar usw., wenn auch gegenüber den Katholiken in deutlich "abgespeckter" Form. B
ei Jesus, dem Christus, und seinen Nachfolgern sind Priester und äußere Rituale jedoch ganz überflüssig geworden, da die Menschen damit begonnen hatten, das Reich Gottes in sich selbst zu erschließen, wovon Jesus selbst sprach: "Das Reich Gottes ist in euch" (Lukasevangelium 17, 21). Bei den Nachfolgern Jesu gab es folglich auch keine Höhergestellten und erst recht keine "Mittler" zu Gott wie in der katholischen Kirche. Die ersten Urchristen bauten die Verbindung zu Gott in sich auf, und sie wurden von Christus unmittelbar geführt, wenn er sich durch Prophetenmund offenbarte, was auch dem von Jesus immer mehr wegdriftenden Paulus und seinen Schülern noch bekannt ist (siehe z. B. Epheserbrief 4, 11 ff.).

Der erste Schriftgelehrte des kirchlichen Christentums

Paulus gilt als der erste Schriftgelehrte, der in eine hauptverantwortliche Position für die Urgemeinden gelangt. Allerdings ließ sich Paulus noch nicht wie die späteren Theologen und Priester für ein "geistliches Amt" bezahlen, sondern er arbeitete als Zelt- bzw. als Teppichmacher (siehe Apostelgeschichte 18, 1-3; 20, 34; 1. Brief an die Korinther 4, 12; 1. Brief an die Thessalonicher 2, 9), und er legte ausdrücklich Wert darauf, "niemandem unter euch zur Last zu fallen" (1. Thessalonicher 2, 9), auch keinem Steuerzahler, so wie dies heute bei den kirchlichen Theologen üblich geworden ist, die sich nicht einmal genieren, sich sogar vielfach von staatlichen Subventionen entlohnen zu lassen. Hier tat Paulus im Äußeren, was Jesus wollte, doch bedingt durch seine pharisäische Ausbildung war er dennoch auch ein kopflastiger Denker, eben ein "Theologe" im negativen Wortsinn. Dabei hat er seinen intellektuellen Wissens-Vorsprung gegenüber den ehemaligen Fischern und Zimmerleuten unter den Aposteln wohl geschickt genutzt. Diese sind z. B. viel ungeübter im Disputieren und können auch anderweitig nicht verhindern, wie Paulus sein theologisches "Wissen" als Schriftgelehrter einfließen lässt und die christliche Lehre damit offensichtlich oder unmerklich verändert. Die gravierendste Veränderung ist dabei, dass Paulus wieder auf die von Jesus richtig gestellten ("Ich aber sage euch ...") Verfälschungen im Alten Testament zurück greift (Römerbrief 7, 12; sie seien "heilig, gerecht und gut ...";), während er diese Situation aber gleichzeitig als "Fluch" deutet (Galaterbrief 3, 10 ff.). Dieser "Fluch" würde nun aber angeblich dadurch neutralisiert, dass Christus gemäß des Alten Testaments selbst zum "Fluch" geworden sei (mehr dazu siehe hier). Diese komplizierte Gedankenkonstruktion nennt man heute zurecht "Theologie des Paulus", und diese schriftgelehrte Theorie hat nichts mit Jesus von Nazareth zu tun. Und erst recht nicht die Schlussfolgerung des Paulus aus all´ den Konstruktionen, dass letztlich jeder Mensch "durch den Glauben" "gerecht wird" (z. B. Römerbrief 3, 28). Denn Jesus lehrte im Gegensatz dazu - wie bereits dargelegt - immer das rechte Tun.

Doch Paulus verirrt sich noch weiter in seiner teilweise abstrusen theologischen Gedankenwelt, die noch vielfach seine Vorstellungen als ehemaliger "Pharisäer und Schriftgelehrter" beinhaltet. So lehrt er der Gemeinde in Rom auch eine Prädestination (Kapitel 9; "Gott erwählt und verstockt, wen er will"), was wiederum nichts, aber auch gar nichts mit Jesus zu tun hat, sondern ein Unsinn ist, mit dem Paulus Jesus ins Gesicht schlägt. Und auch, was er in einem Brief an die Gemeinde in Korinth über den "natürlichen Menschen" schreibt, stammt nicht von Jesus: "Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes" (2, 14), so Paulus, es müsse "geistlich beurteilt werden". Damit spricht er anscheinend dem unverbildeten und teilweise kindlichen Verstand der einfachen "natürlichen" Menschen die Möglichkeit der Gotteserkenntnis z. B. in der Natur ab. Und er spricht diese Erkenntnis stattdessen dem "geistlichen" Menschen zu und selbstbewusst auch sich selbst. So schreibt er an anderer Stelle: "Wenn einer meint, er sei ein Prophet oder vom Geist erfüllt, der erkenne, dass es des Herrn Gebot ist, was ich euch schreibe. Wer aber das nicht anerkennt, der wird auch nicht anerkannt" (1. Korinther 14, 37-38). Das ist, gelinde gesagt, kühn, doch offenbar setzte sich Paulus mit dieser Anmaßung in immer mehr Gemeinden durch. Später erklärt die Kirche, aufbauend auf Paulus, dass man nur noch durch sie, die Kirche, den Geist Gottes empfangen könne, und ihre Amtsträger lässt sie nun "Geistliche" nennen. Jesus lehrte aber ganz anders. Z. B.: "Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nichts ins Himmelreich kommen" (Matthäus 18, 3).

Der Rom-"Virus"

Robert Kehl schreibt in seinem Büchlein Jesus, der größte Betrogene aller Zeiten: "Etwas Schlimmeres konnte Jesus wohl nicht widerfahren, als dass ein vollblütiger Pharisäer seine Sache in die Hand nehmen würde, auch wenn er es gutgläubig tat" (S. 11). Paulus handelte also vielleicht in bester Absicht, doch seine Aufgabe wäre es gewesen, sein Denken und Empfinden zuerst von den kultischen, intellektuellen und pharisäischen Denkmustern und von den herrschsüchtigen römischen Traditionen zu befreien (wozu auch Sätze wie obige gehören: "Wer aber das nicht anerkennt, der wird auch nicht anerkannt"), bevor er als Lehrer durchs Land zieht. Paulus tut es nicht.

Wie in seiner römischen Umwelt üblich, wertet Paulus folglich auch die Frau ab
, obwohl sie bei Jesus als gleichwertig geachtet war. Sie soll in den Versammlungen schweigen und zu Hause den Mann fragen (1. Korintherbrief 14, 33-35). Christus ist bei Paulus das Haupt nur des Mannes, "der Mann aber ist das Haupt der Frau" (1. Korintherbrief 11, 3). Und: "Der Mann ... ist Gottes Bild und Abglanz; die Frau aber ist das Mannes Abglanz" (V. 7). Und weiter: "Der Mann ist nicht geschaffen um der Frau willen, sondern die Frau um des Mannes willen" (V. 9).
Diese Lehre wird von den Schülern des Paulus weiter ausgebaut. So heißt es z. B. im Epheserbrief: "Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist, die er als seinen Leib erlöst hat. Aber wie nun die Gemeinde sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen ihren Männern unterordnen in allen Dingen" (5, 22-24; nach konservativen Bibelauslegern stammen diese beiden Briefe sogar direkt von Paulus).

Und in seiner Staatslehre passt Paulus das Christentum vollends dem Imperium Romanum an, indem er erklärt, dass der Christ der Obrigkeit dieser Welt gehorchen müsse, da diese von Gott eingesetzt, angeordnet und "Gottes Dienerin" sei, die mit dem Schwert auch ein gerechtes "Strafgericht" vollziehe (Römerbrief 13) - eine Lehre mit verheerender Wirkung in den folgenden fast 2000 Jahren. Jesus von Nazareth und die Apostel lehrten auch solches nicht. Bei ihnen heißt es diplomatisch: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gott gebührt" (Markus 12, 17). Oder für den Konfliktfall: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen" (Apostelgeschichte 5, 29).

Zwar gehen einzelne Fürsprecher von Paulus davon aus, dass die Stelle im Römerbrief eine Fälschung bzw. Überarbeitung eines Paulus-Schülers sein könnte, genauso wie seine Anordnung im 1. Korintherbrief, dass die Frauen in der Gemeinde schweigen sollen. Doch würde dies den Sachverhalt insgesamt nur wenig ändern. Es würde nur die Gewichtungen verschieben. "Paulus" als Person würde dann an diesen Stellen zu Lasten des überlieferten "Paulus" wieder näher an Jesus heran gerückt, was ihm natürlich persönlich zu wünschen wäre.
Doch selbst wenn Paulus als Person teilweise Opfer seiner fälschenden Schüler wurde, so lassen sich nicht alle Widersprüche und Unterschiede zu Jesus damit erklären. Zudem hält die theologische Wissenschaft die Stelle im Römerbrief über die Obrigkeit für ein echtes Pauluswort, während allerdings auch von dieser Seite sehr angezweifelt wird, ob es Paulus selbst war, der den Frauen ein Schweigegebot auferlegt hatte.
Diese Problematik braucht hier allerdings nicht vertieft zu werden. Man kann "Paulus" auch einfach so nehmen, wie er sich in den von ihm verfassten Briefen in der Bibel bzw. den von der wissenschaftlichen Theologie als "authentisch" anerkannten Briefen darstellt - so im Wesentlichen auch unsere Position. Und dabei kann man eben bewusst offen lassen, ob einige Sätze daraus womöglich auf das Konto seiner Nachfolger gehen (siehe dazu auch Der Theologe Nr. 14 - Hieronymus und die Entstehung der Bibel).

Zurück zur Staatslehre: Durch seine Anpassung an das römische System billigen Paulus und seine Anhänger mehr oder weniger auch die Sklaverei (Brief an Philemon), und in der Konsequenz dieser Lehre wohl auch den Kriegsdienst (aus Römerbrief 13) - die Kirche und ihre Theologen haben ihn jedenfalls immer so verstanden.

Der Bruch mit dem Bund Israels

Den Auftrag Israels, den Bund mit Gott zu erfüllen und Vorbild für alle Völker zu werden (1. Mose 12, 3), sieht Paulus unwiderruflich als gescheitert an, und er kehrt ihn einfach um. Die christlich werdenden Völker sollen jetzt Vorbild für Israel sein. Durch Israels Fall "ist den Heiden das Heil widerfahren, damit Israel ihnen nacheifern sollte" (Römerbrief 11, 11).
Geplant war auch das von Jesus etwas anders: Zwar sollte auch den "Heiden" das Angebot der Nachfolge offen stehen, so dass sich ein Volk aus vielen Völkern aufbaut. Doch sollte die Jerusalemer Urgemeinde die Keimzelle bleiben, von wo aus das Reich Gottes auf Erden allmählich Gestalt annimmt. Und nach wie vor stand zuerst das Volk Israel in der Pflicht des Bundes mit Gott. Von dieser Überlieferung und ihrem "Heilsweg" grenzt sich Paulus bald aber scharf ab. "Ich erachte es für Dreck", so seine Worte (Philipperbrief 3, 8), auch wenn er dabei vor allem deren Verirrungen im Blick haben mag. Doch nicht einmal die Zehn Gebote stellt er mehr in den Mittelpunkt seiner Lehre.

Zusammenfassend kann man sagen: Mit seiner teilweisen Abtrennung der jüdischen Wurzeln, mit der bequemen Botschaft, dass der Glaube genüge und mit der Anlehnung an den totalitären römischen Staat schafft Paulus die Voraussetzung dafür, dass das von ihm gelehrte Christentum in kurzer Zeit zur Staats- und Volksreligion des Römischen Weltreiches aufsteigen kann. Friedrich Nietzsche sagt es auch hier wieder treffend, wenn er Paulus als den "Erfinder der Christlichkeit" bezeichnet.

Wie ist die Entwicklung weiter gegangen? Im Jahr 70 n. Chr. wird Jerusalem von römischen Truppen erobert und dem Imperium Romanum einverleibt. Dieses blutige Ereignis ist auch ein Spiegel und ein Symbol für das Schicksal der ersten urchristlichen Gemeinden. Denn auch Jerusalem als geistiger Mittelpunkt des Urchristentums wird allmählich abgelöst durch ein griechisch-römisches Christentum, das bald von Rom aus seine Kreise zieht und das sich zu Unrecht auf Christus beruft. Denn es handelt sich um eine neue Religion, als dessen Religionsgründer Paulus mit Recht angesehen werden kann. Anfangs werden ihre Anhänger in Rom noch bedrängt und verfolgt. Doch im Laufe des 4. Jahrhunderts kehrt sich die Situation um. Aus den einst Verfolgten werden mehr und mehr die Verfolger und Bedränger. Und sofort nach Erhebung des griechisch-römischen bzw. paulinischen Christentums zur Staatsreligion im Jahr 380 wird nun umgekehrt das Blut ihrer Gegner in Strömen vergossen. Wer nicht mitmacht, der soll hingerichtet werden. Immer auch unter Berufung auf Paulus bzw. seine Schüler: "Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat ... denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der [angeblich] Böses tut" (Römerbrief, 13, 1.4). Dies gilt von nun an viele Jahrhunderte lang ...
 


Teil 2: Die ersten Christen lebten vegetarisch

Paulus und der Fleischkonsum beim Abendmahl

Als die ersten Christen zusammenkamen, um in der Gemeinschaft zu essen und zu trinken, mussten keine Tiere dafür sterben. Sie "brachen das Brot hin und dort in den Häusern" (Apostelgeschichte 2, 46; vgl. V. 2), aber sie aßen kein Fleisch. Denn Jesus von Nazareth hatte seine Nachfolger auch über das Empfinden der Tiere aufgeklärt und ihnen aufgetragen, keine Tiere zu schlachten (so z. B. in der apokryphen Schrift Das Evangelium Jesu (6); siehe hier und in anderen antiken Schriften außerhalb der Bibel; siehe Der Theologe Nr. 7). Auch Mose hielt es bereits so. Doch die Priester verfälschten die durch den Propheten Mose gegebenen Botschaften aus der geistigen Welt. Jesus von Nazareth stellte alles wieder richtig, doch dann kam der Schriftgelehrte Paulus, und die Zeiten für die Tiere wurden schlimmer als je zuvor.

Teil 2 dieser Studie mag für viele Leser noch wie Neuland sein. Denn Jahrhunderte lang hat man gelernt, die Bibel mit einer bestimmten - durch das anthropozentrische (= "auf den Menschen zentrierte") Weltbild der Kirche geformten - Brille zu lesen. Dadurch ist vor allem der Blick auf die Mitgeschöpfe des Menschen, die Tiere, verloren gegangen. Dass diese genauso leiden können wie Menschen, wird von der Kirche bestritten. Im 21. Jahrhundert rächt sich nun Jahr für Jahr die sich immer noch steigernde Barbarei an diesen Geschöpfen Gottes. Und der Mensch muss allmählich erkennen, dass seine Tyrannei an der Mutter Erde und an allen ihren Lebensformen mehr und mehr auf ihn selbst zurück fällt.
Eine der Wurzeln dieser Tragödie führt zurück zu Paulus, dem kopflastigen Schriftgelehrten, der in Bezug auf das Empfinden der Tiere wohl genauso abgestumpft war wie es die Kirchenführer noch heute sind. Um das damalige Geschehen auch zu diesem Thema in seiner Tragweite nachvollziehen zu können, werden in diesem Teil der Studie auch antike Schriften außerhalb der Bibel einbezogen.

Fleischverzehr und Religion

Die Israeliten aßen in den Jahrhunderten vor Christus und um die Zeitenwende wenig Fleisch. Und im ursprünglichen Schöpfungsbericht der Bibel ist noch eindeutig festgelegt, dass der Fleischkonsum überhaupt nicht zur Schöpfungsordnung gehörte (1. Mose 1, 29-34). Es waren die Priester, welche die alten Schriften überarbeitet hatten und nach der Sintflut Gott die Erlaubnis zum Fleischverzehr in den Mund schoben (1. Mose 9, 2-4). Das Fleischessen wurde auf diese Weise ein Bestandteil des priesterlichen Opferkults, der angeblich durch Mose eingesetzt worden war, ihm in Wirklichkeit ebenfalls nur unterstellt wurde.
Einen klaren Beweis für die Fälschungen der Priester im Alten Testament der Bibel gibt z. B. der Prophet Jeremia. Denn in Jeremia 7, 22 steht im Hinblick auf Tieropfer das genaue Gegenteil der Vorschriften der Mosebücher. Gott spricht demnach durch den Propheten Jeremia: "Ich aber habe euren Vätern an dem Tage, als ich sie aus Ägyptenland führte, nichts gesagt noch geboten von Brandopfern und Schlachtopfern; sondern dies habe ich ihnen geboten: ´Gehorcht meinem Wort, so will ich euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein ...`" Diese Botschaft macht deutlich, dass die dem Mose zugeschriebenen Tieropfer-Anordnungen niemals von dem Gott stammen, der durch die Propheten Israels gesprochen hat und spricht. Und es bedeutet letztlich: Die Priestermänner selbst führten einen Kult mit grausamen Tieropfern und anschließendem Fleischverzehr in Israel ein. Doch dagegen standen immer wieder die Propheten Israels auf, wie es auch in der Bibel vielfach bezeugt ist. Neben Jeremia z. B. durch den Propheten Jesaja: "Wer einen Stier schlachtet, gleich dem, der einen Mann erschlägt" (66, 3; Lutherübersetzung).

Von einem "weltlichen", nicht religiösen "Fleischmarkt" ist dabei noch nichts bekannt. Die Priester Israels waren in der Regel die Schlächter, und sie selbst wachten darüber, welche Arten von Fleisch das Volk wann essen durfte und welche nicht. Auch ordneten sie an, wie alles zubereitet werden musste und welche Anteile sich die Priester zum eigenen Verzehr auf die Seite legen durften.
Immerhin könnte diese Anbindung des Fleischkonsums an die Religion grundsätzlich noch einen Rest an Achtung vor dem Leben der Tiere enthalten, die dann jedoch durch das religiöse Opferhandeln in Bestialität verkehrt wird. Als Jesus die Tierhändler aus dem Tempel zu Jerusalem trieb, war dieser auch ein riesiger Schlachthof, aus dem das Blut Tausender getöteter Tiere in die Abwässerkanäle floss, und Jesus nannte ihn eine "Räuberhöhle".
 
Und nur wenige Jahre nach seiner Zeit auf der Erde ergeht es Jesus ähnlich wie Mose. Auch seine Botschaft wird verfälscht, vor allem durch Saulus, der sich bald Paulus nennt. Dieser weiß allem Anschein nach nichts oder nur wenig von dem, was Jesus über die Tiere lehrte und wie er auch diese Geschöpfe Gottes liebte (siehe in Der Theologe Nr. 7) oder wie er die Tierhändler aus dem Tempel trieb. Und in der griechisch-römischen Welt gab es neben dem israelitischen Opferkult auch vergleichbare mit Fleischkonsum verknüpfte Opferkulte anderer Religionen sowie offenbar ansatzweise einen "weltlichen" Fleischmarkt. Und hier lehrt Paulus nun, dass ein Christ alles, "was auf dem Fleischmarkt verkauft wird", essen könne (1. Korintherbrief 10, 25), unabhängig von der Herkunft des Fleisches.
Und andere Schreiber des Neuen Testaments erzählen den Gemeinden sogar von den angeblich "unvernünftigen Tieren, die von Natur dazu geboren sind, dass sie gefangen und geschlachtet werden" (2. Petrusbrief 2, 12).

Kirchliches Abendmahl mit Ente

"Das letzte Abendmahl", wie es Lucas Cranach malte - Jesus, Martin Luther, Philipp Melanchthon und protestantische Fürsten verspeisen eine Ente. (Gemälde in der Schlosskirche in Dessau)

Paulus ist zwar Jude, erkennt aber die jüdischen Gebote und Gesetze, zu denen auch die Tieropfer- und Speisevorschriften gehören, nicht mehr als "Heilsweg" zu Gott an. Zwar seien sie von Gott gegeben und "gut" (Römerbrief 7, 12), doch könne sie niemand erfüllen, so die Meinung von Paulus. Deshalb macht er sich frei davon und beruft sich dabei auf Christus. Doch das tut er zu Unrecht. Denn Jesus hob niemals von Gott gegebene Gebote auf, im Gegenteil (siehe Matthäus 5, 17). Jesus korrigierte mit seinem "Ich aber sage euch" nur die Verfälschungen der Gebote, und er verdeutlichte und vertiefte vieles, was bereits durch Mose und die anderen Propheten gegeben wurde. Dass z. B. die Tiere "Übernächste" sind und Freunde des Menschen sein wollen, die man nicht verspeisen soll, wie man in "apokryphen" Evangelien außerhalb der Bibel auch nachlesen kann (siehe Der Theologe Nr. 7 - Jesus und die ersten Christen waren Vegetarier); oder dass auch Tiere, wenn man sie quält und tötet, große Schmerzen erdulden müssen. Dies spielt jedoch weder bei den jüdischen Vorschriften noch bei Paulus eine Rolle.

Paulus ist als Jude nun aber auch römischer Bürger und als solcher vertraut mit den Gepflogenheiten der wohlhabenden römischen Oberschicht, für die Fleisch vor allem bei festlichen Anlässen gelegentlich auf dem Speiseplan steht. Und dies wird wohl auch für das gemeinsame Essen und Trinken in den von Paulus betreuten Gemeinden erwogen bzw. übernommen. Denn die ersten Christen trafen sich, so weit möglich, meist abends zum gemeinsamen Abendessen oder in besonders feierlicher Form zu einem "Abendmahl". Dieses Gemeinschaftserlebnis wird in der Kirche später durch das Zerkauen einer "Hostie" (einer Backoblate) ersetzt, die man sich am Altar von einem Priester oder Pfarrer geben lässt, so dass das heutige Kirchenmitglied kaum mehr eine Vorstellung davon hat, wie Jesus und die ersten Christen auch hier ihren Alltag miteinander teilten - in Dankbarkeit gegenüber Gott für die Gaben aus Gottes guter Schöpfung und als Stärkung für Leib und Seele.

Paulus streitet mit Petrus

Bei einem Besuch von Petrus und anderen Abgesandten der Urgemeinde Jerusalem in einer von Paulus gegründeten Gemeinde kommt es eines Tages zum Konflikt. Die Jerusalemer verweigern die Mahlgemeinschaft. Aus diesem Grund werden sie von Paulus zur Rede gestellt und gescholten (Bibel, Galaterbrief 2). Den Hinweisen auf die Autorität der Apostel begegnet Paulus selbstbewusst bzw. selbstherrlich mit den Worten: "Von denen aber, die das Ansehen hatten - was sie früher gewesen sind, daran liegt mir nichts; denn Gott achtet das Ansehen der Menschen nicht" (2, 6).

Paulus stellt den Konflikt nun so dar, als würden Petrus und seine Begleiter auf der Einhaltung der jüdischen Speisevorschriften auch für nichtjüdische Nachfolger von Jesus bestehen. Doch diese Darstellung muss angezweifelt werden, wenn man die
Berichte der apokryphen Schriften mit einbezieht. Wahrscheinlicher ist demnach, dass sie überhaupt kein Fleisch essen wollten; so, wie sie von Jesus aufgeklärt worden waren - noch dazu, wenn in diesem Rahmen auch das Abendmahl gefeiert würde, bei dem man sich bewusst macht, dass Christus lebt und gegenwärtig ist.
Das Einhalten der jüdischen Speisevorschriften war vor diesem Hintergrund vielleicht ein Kompromissvorschlag, den jemand gemacht haben könnte, der nach einem gemeinsamen "Nenner" für die unterschiedlichen Vorstellungen suchte. Denn mit der Berücksichtigung der jüdischen Tradition hätte man damit zumindest einem bedenkenlosen Fleischverzehr Einhalt gebieten können. Kompromisse sind jedoch nicht das, was Jesus wollte.

"Simon Kephas war ... der vorzüglichste der Apostel, was Wissen, Frömmigkeit und Bildung anbetrifft, nur dass Paulus sein Werk trübte und sich zu seinem Genossen machte und die Grundlagen seines Wissens verwirrte und es mit dem Kalam ("Streitgespräch") der Philosophen und den Einflüsterungen seines Denkens vermischte.‎"

(Der arabische Religionswissenschaftler Abu-'l-Fathʻ Muhʻammad asch-Schahrastâni (1086?-1153), Religionspartheien und Philosophenschulen; zum ersten Male vollständig aus dem Arabischen übersetzt und mit erklärenden Anmerkungen versehen, University of California 1850, S. 261)

Reste an Achtung vor anderen Lebensformen werden getilgt

Immerhin sind nach den Speisevorschriften des Alten Testaments manche Tiere, wie z. B. Hase oder Schwein, vor Schlachtungen geschützt (siehe hier). Und auch in dem jüdischen Gebot, keine Blutprodukte zu essen, spiegelt sich zumindest noch ein Rest an Achtung vor anderen Lebensformen, die Mose den Israeliten vermittelt hatte (und die durch das spätere Schächtgebot allerdings völlig pervertiert wird). So schreibt auch die Apostelgeschichte im Neuen Testament, dass man "den Heiden, die sich zu Gott bekehren", lediglich auferlegte, sich "von Götzendienst, von Unzucht, von nicht ausgeblutetem Fleisch und von Blutgenuss" (Apostelgeschichte 15, 5) zu enthalten. Aus dieser Anweisung geht nun aber auch hervor: Es handelt sich bei der Ernährungsfrage ausdrücklich nicht um eine belanglose Randerscheinung, was die Umgangsformen betrifft, wie es heute oft dargestellt wird, sondern um etwas Wesentliches: Kein Berührung mit dem Blut der Tiere, in denen das Leben war - diese Anweisung steht in einer Reihe mit "Kein Götzendienst" und mit "Keine Unzucht".

Doch Paulus hält - gelinde gesagt - nicht mehr viel von dieser Überlieferung (dem "Dreck" nach Philipper 3, 8). Er ist innerlich ganz der "aufgeklärte" und selbstbewusste Römer, dem auch das Bewusstsein für das Leid der Tiere fehlt. Und so verhält er sich im Verlauf der Auseinandersetzung als gewiefter Diplomat und nicht als einer, der es zulässt, dass auch er einmal infrage gestellt wird. Dabei betrachtet er es als Fortschritt im Sinne der von ihm neu gelehrten "Freiheit", dass man gar nicht zu wissen brauche, ob das beim Mahl in den christlichen Gemeinden aufgetragene Fleisch zuvor bei Kulthandlungen heidnischen Göttern geweiht wurde.
Paulus greift erst ein, als einige Gemeindeglieder sowohl am gemeindlichen Abendmahl als auch an Kult-Mahlen anderer Religionsgemeinschaften teilnehmen, und er erklärt schließlich die Unvereinbarkeit beider Tischgemeinschaften. Doch immerhin ist er selbst bereit, auf Fleisch beim Mahl zu verzichten - allerdings nicht der Tiere wegen, sondern aus "Rücksicht" auf die in seinen Augen im Glauben "schwachen" Vegetarier; bzw. aus Rücksicht auf diejenigen "Schwachen im Glauben", die Skrupel vor dem Verzehr von Fleisch haben, das zuvor durch die Hände heidnischer Priester gegangen ist (1. Korinther 10, 23-33).
In der kirchlichen Theologie wird diese Thematik heute jedoch so dargestellt, dass es dabei ausschließlich um kultische Fragen ging. In Wirklichkeit wird es jedoch beide Motive für den Fleischverzicht, sowohl das kultische Motiv als auch das tierfreundliche, gegeben haben. Ist von diesen beiden Seiten jedoch kein "Ärger" zu erwarten, spricht aus der Sicht von Paulus nichts gegen das Fleischmahl.

Doch wie ist es heute? Die Lehre des Paulus hätte in der Gemeinde bzw. späteren Kirche dazu führen müssen, das Fleisch dennoch zu verbannen, solange es nämlich auch nur einen (!) in der Gemeinde gibt, der daran Anstoß nimmt, aus welchen Motiven auch immer. Damit hätte man befolgt, was Paulus einst geboten hatte und wie er es selbst hielt: Er war bereit, unter diesen Umständen auf Fleisch zu verzichten.
Und da es heute Tausende von "Gemeindegliedern" gibt, die aufgrund von brutalster Massentierhaltung und Hungersnöten (die auch durch Verfütterung von Getreide an das "Vieh der Reichen" bedingt sind) Anstoß nehmen, müssten die Paulus-Anhänger in den Kirchen heute auf den Fleischkonsum verzichten, wenn sie sich Paulus wirklich zum Vorbild nehmen würden.
Doch das Gegenteil ist der Fall. Auch blendet man heute in diesem Zusammenhang meist die Umstände aus, unter denen Paulus seine einstigen Aussagen machte. Denn keineswegs ermunterte er die Gemeinden, sich aus Gaumenlust gewohnheitsmäßig Fleisch zu besorgen und dieses zuzubereiten, wie dies heute im Kirchenchristentum üblich ist, sondern es ging z. B. um das rechte Verhalten, wenn einem als Gast ein Gastgeber Fleisch serviert (10, 27-29) - immer mit dem Ziel, den Gastgeber oder andere Mitmenschen deswegen nicht zu verärgern (10, 32-33), sondern für den neuen Glauben zu gewinnen.

Wird eine Schlachtung durch eine Dankgebet "geheiligt"?

Das Bewusstsein für das Leid der Tiere und für die Einheit der Schöpfung hat Paulus noch nicht oder nur wenig erschlossen, was aber notwendig gewesen wäre, um seine Aufgabe im Sinne von Christus zu erfüllen (vgl. hier). So aber überschätzt sich Paulus in seiner inneren Entwicklung. Und er setzt sich damals mit seiner grundsätzlichen Haltung des bedenkenlosen und grenzenlosen Fleischkonsums durch, was vor allem bei solchen Menschen gerne gehört wurde, deren Bewusstsein noch abgestumpfter war als das seine. Und die Gewissensnöte der angeblich "Schwachen im Glauben" und die Rücksicht der anderen auf diese Gewissensbisse, die Paulus ausdrücklich auch lehrt, versanken in den Gemeinden und in der Kirchenchristenheit bald in völliger Bedeutungslosigkeit.
Und so schreibt der Paulusschüler Lukas in seiner Apostelgeschichte z. B. auch, dass der Apostel Petrus eine Gottesvision erhalten haben soll, in der es im Hinblick auf kultisch "unreine" Tiere heißt: "Steh auf, Petrus, schlachte und iss!" (10, 13) Nachdem sich Petrus erst gewehrt habe, hätte die Stimme gesagt: "Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten" (10, 15). Angeblich hatte Petrus in der Vision also zunächst die oben bereits genannten kultischen Bedenken gegenüber dem Schlachten und Essen bestimmter Tiere, und eine Stimme hätte sie ihm anschließend zu nehmen versucht. Im unmittelbaren Zusammenhang geht es jedoch gar nicht um Tiere, sondern um die Erkenntnis, dass es keine "unreinen" Menschen (!) gibt. Im Kern lautet also die Botschaft dieser Vision: So wie es keine "unreinen Tiere" gibt, so gibt es auch keine "unreinen" Menschen.
Während dies für die davon betroffenen Menschen jedoch ein Vorteil ist, da sie dann nicht mehr als Menschen zweiter Klasse behandelt werden, bedeutet "Reinheit" für die bis dahin "unreinen" Tiere in der Folge ein furchtbares Todesurteil. Die Einzelheiten dieser Vision entsprechen dabei wiederum der Lehre des Paulus, dass ein Christ alles, "was auf dem Fleischmarkt verkauft wird", essen könne (1. Korintherbrief 10, 25).
Von daher ist es möglich, dass es Paulus selbst gewesen sein könnte, der sich ursprünglich ein solches Gleichnis ausgedacht hat, und später wäre es dann zu einer Petrusvision umgearbeitet worden, um die Konflikte zwischen Paulus und Petrus zu kaschieren bzw. zu harmonisieren. Eine Gottesvision war es sehr wahrscheinlich nicht
(Mehr dazu siehe unter (4)).
Außerbiblischen Quellen zufolge sind bei Petrus zudem ethische Bedenken gegenüber dem Schlachten anzunehmen und keine kultischen. Vielleicht trifft aber auch beides zu. Das Tückische dieses Gleichnisses besteht darin, dass ein bestimmter Fortschritt ("Die jüdischen Kultvorschriften sind nicht mehr verbindlich") mit einer Unwahrheit verknüpft wird ("Gott habe dem Menschen die Tiere zum Schlachten gegeben") - ein Gemisch, auf das sich die Kirchen bis heute berufen. So trägt also auch das biblische "Schlachte und iss" aus jenem Gleichnis bis heute dazu bei, das Gewissen von Metzgern und Fleischessern abzutöten.

Der nächste Schritt in diese verhängnisvolle Richtung ist im 1. Timotheusbrief der Bibel dokumentiert, den wahrscheinlich ein Paulusschüler verfasst hat. Dort ist von Verführern die Rede, die gebieten, "Speisen zu meiden, die Gott geschaffen hat, dass sie mit Danksagung empfangen werden von den Gläubigen und denen, die die Wahrheit erkennen [damit ist wahrscheinlich das Essen von Fleisch gemeint]. Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet" (4, 1-5).
Diese Bibelstelle wird heute von den Kirchen bevorzugt zur Rechtfertigung des Fleischkonsums zitiert. Doch könnte ein Kannibale mit dieser Bibelstelle theoretisch genauso gut den Verzehr von Menschenfleisch rechtfertigen, wenn man das vorausgehende Tischgebet nicht vergisst.

Fleisch für die Theologen

Andersdenkende werden im 1. Timotheusbrief sogar der "teuflischen Lügenreden" bezichtigt. Eine verhängnisvolle Auseinandersetzung nimmt nun ihren Lauf: Die ursprünglichen Paulusgemeinden verfestigen sich und verrohen immer mehr, und einige Generationen später entsteht daraus eine Staatskirche, die Abweichler in der Folgezeit immer häufiger hinrichten lässt - so wie man Generationen zuvor das Schaf, den Stier und die Tauben töten lässt. Und ein Abweichler von der reinen katholischen Lehre ist eben auch ein Mensch, der aus Tierliebe kein Fleisch essen möchte. So lehrt die Synode von Toledo im Jahr 447: "Wer sagt oder glaubt, man müsse sich vom Fleisch der Vögel oder des Viehs, das zur Speise gegeben ist, nicht nur um der Züchtigung des Leibes willen enthalten, sondern es verabscheuen, anathema sit (= der sei verflucht)" (zit. nach Denzinger/Hünermann, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, 42. Auflage, Freiburg 2009, Lehrsatz Nr. 207). Und dieser Fluch gegenüber allen Menschen, die aus Liebe zu den Tieren das Fleischessen verabscheuen, bedeutete für die Menschen damals ein Todesurteil und die Verurteilung zu angeblich ewiger Hölle. Doch die Verrohung der Menschen gegenüber den Mitgeschöpfen unter dem Einfluss kirchlichen Denkens erreicht erst in unserer Zeit neue Höhepunkte.

Während im 21. Jahrhundert das Gespür für das Leiden der Tiere bei vielen Menschen allmählich wächst und sie sich für das Ende der Massentierhaltungen, der grausamen Tierversuche, der Tiertransporte, der Schlachtungen und der Jagd einsetzen, halten sich die Kirchenführer weiterhin an die "Unbedenklichkeitserklärung" des Paulus gegen den Fleischkonsum. Und die Kirche segnet sowohl die Massentierhaltungen als auch die Schlachthöfe, die Tierversuchlabors und die Jagden sowie den bedenkenlosen Fleischkonsum. Und dies geschieht weltweit. Dabei blenden die kirchlichen Obrigkeiten und Theologen völlig aus, dass Paulus bei Einwänden innerhalb der Gemeinschaft für den Verzicht (!) plädierte - wenn auch aus einer falschen Selbstsicherheit heraus, doch immerhin; und zwar bereits dann, wenn nur ein Gemeindeglied Anstoß daran nimmt (siehe oben).
Doch wie ist es heute? Wenn heute ein Kirchenchrist Einwände z. B. gegenüber der österlichen Fleischweihe im katholischen Gottesdienst erhebt oder gegenüber dem Schinken am Erntedankaltar oder gegen die Steaks oder die Bratwürste beim Kirchweihfest oder gegen das Weißwurstfrühstück mit dem Kirchenrat, dann wird das Verhalten des Paulus ignoriert. Für den Kirchenchristen, der Bedenken anmeldet, kann es stattdessen sehr ungemütlich werden; vor allem dann, wenn der Metzger der Freund des Pfarrers ist oder der Geflügelzüchter im Kirchenvorstand sitzt. Auf Paulus kann sich die Kirche dann aber nicht mehr berufen, geschweige denn auf Jesus, den Christus. Es zeigt sich dann nur noch ein ich selbst entlarvender Götzenkult im christlichen Mäntelchen.

Dazu eine weitere Momentaufnahme: Auch bei der Unterzeichnung der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" von katholischen und evangelischen Kirchenoberen (Allein der Glaube mache "gerecht" vor Gott; Augsburg, 31.12.1999) wieder das typische Bild: Es fährt ein LKW einer Metzgerei vor, voll beladen mit Fleisch und Wurst, um die Amtsträger aus dem Vatikan und vom Lutherischen Weltbund nach der Zeremonie tierkannibalisch zu verköstigen - frei nach dem aus dem Gesamtzusammenhang gerissenen Paulussatz: "Alles, was auf dem Fleischmarkt verkauft wird, das esst, und forscht nicht nach, damit ihr das Gewissen nicht beschwert."
So halten sie es seit nunmehr fast 2000 Jahren. Doch bei Paulus gab es noch keine Tierquälerei in Massentierställen und keine Massenfleischproduktion im Überfluss einerseits und damit zusammen hängende Hungerkatastrophen andererseits und manches mehr. Doch was muss eigentlich noch alles geschehen, damit das Gewissen der selbstherrlichen Theologen zu berühren? Eigentlich müsste das Gewissen auch ohne intensive Nachforschung bereits schwerer und immer schwerer werden, wenn die Betroffenen überhaupt noch ein Gewissen haben.

Doch: Immer mehr Menschen verlassen das sinkende Götzenopferschiff Kirche. Sie sehen die Erde als ein Ganzes, als ihre Ernährerin, als einen Teil ihres eigenen Lebens. Sie ernähren sich von dem, was die Erde Menschen und Tieren bereitwillig schenkt, so wie es von Anfang der Schöpfung an geplant war (1. Mose 1, 29-31) und so wie es im kommenden Friedensreich wieder sein wird, wo selbst die Löwen wieder Stroh essen wie die Rinder (Jesaja 11, 7). Und die Menschen bereiten die Früchte der Erde auch entsprechend sorgsam zu, so wie es Jesus von Nazareth seinen Nachfolgern lehrte. Über diese Zeit spricht auch der Seher Johannes in seiner Offenbarung: "Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein" (21, 4). Und dies gilt selbstverständlich auch im Hinblick auf die Tiere und ihr Schreien in den Schlachtfabriken.

Weitere Darlegungen zu diesem Thema in: Der Theologe Nr. 7 - Jesus und die ersten Christen waren Vegetarier.
Sowie den Gastbeitrag im "Theologen": Paulus wäre heute Vegetarier in Auch in der Bibel wird deutlich: Tiere sollen nicht getötet werden.
 



Teil 3:

Paulus im Zwielicht -
bescheidener Diener oder selbstherrlicher Theologe ?

Verstecktes Selbstlob und Fluch über "falsche Brüder"

Der Hinduist Mahatma Gandhi, gewaltfreier Vorkämpfer für die Unabhängigkeit Indiens, war von der Lehre des Jesus fasziniert. Die Lehre des Paulus lehnte er jedoch ab. Ob Gandhi auch geahnt hat, was Jesus mit dem Wort meinte "Mein Reich ist nicht von dieser Welt", als er immer mehr in die gewaltsamen politischen Verstrickungen des indischen Unabhängigkeitskampfes hinein geriet? Was steht hierzu in den Briefen von Paulus? Paulus bzw. seine Schüler sind deutlich von Jesus abgerückt, wenn sie der Diktatur des Imperium Romanum - wie jedem anderen Staat auch - zubilligen, das "Schwert Gottes" zu führen, und wenn dem Untertan Gehorsam geboten wird (Römerbrief 13, 1.4; vgl. hier). Das hat Jesus sicher nicht gemeint, als er erklärte: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist." Diesen und weitere Unterschiede zu Jesus hat auch der Wissenschaftler Dr. Robert Kehl im Blick, wenn er sagt, eine "zweite Geburt des Christentums" sei nötig durch die Befreiung von unchristlichen Gedanken und Lehren des Paulus.

Saulus aus Tarsus, später Paulus genannt, stammt aus einer wohl situierten Gelehrtenfamilie in Tarsus/Kleinasien, der heutigen Türkei, die das römische Bürgerrecht besaß. Als Mitglied der streng-religiösen jüdischen Bewegung der Pharisäer hatte er möglicherweise auch "vorteilhafte" Beziehungen zum Hof des Herodes in Jerusalem und zum Gefolge Neros in Rom (vgl. Robert Eisenmann, Jakobus, der Bruder von Jesus, München 1998, S. 788 f.). Sein Wissen über Jesus stammt vor allem aus seiner Zeit als "Sektenbeauftragter" der Pharisäer, als er die Urgemeinde in Jerusalem beobachtete und verfolgte. Denn auch nach seiner Umkehr blieb er immer in einer bestimmten Distanz zu den Aposteln und Jüngern von Jesus, die ihm vieles über den Mann aus Nazareth hätten sagen können, das Paulus nicht wusste und ihn leider auch nicht besonders interessierte.
Paulus geht von Anfang an seinen eigenen Weg - was bald zu erheblichen Unstimmigkeiten im Urchristentum führt. Der Mann aus Tarsus reklamiert für sich den direkten Kontakt zu Gott und beruft sich auf eigene Offenbarungen.

 Wer redet hier in fremden “Zungen”?

In einigen von Paulus gegründeten Gemeinden verbreitet sich bei manchen Gemeindegliedern bald auch das Phänomen des "Zungenredens" (auch "Glossolalie" genannt), angeblichen Lobpreisungen Gottes oder gar prophetischen Offenbarungen in Fremdsprachen, die zur "Erbauung" der Gemeinde von einem anderen Gemeindeglied ausgelegt werden (1. Korintherbrief 12, 10). Sowohl "Prophet" als auch Ausleger sind ansonsten dieser Fremdsprache nicht mächtig, und dieses Phänomen gibt es auch heute in so genannten charismatischen bzw. pfingstkirchlichen Kirchengemeinden. Jesus und seine Jünger praktizierten jedoch solches nicht. Doch das Phänomen war im Unterschied dazu in der antiken heidnischen Umwelt weit verbreitet. Parapsychologischen Untersuchungen zufolge handelt es sich dabei möglicherweise um "Einsprachen" von Seelen aus dem Jenseits, die sich der Gehirnzellen von Menschen und auch deren Kraft bedienen. Diese Erklärung ist überzeugend. Da diese Hintermänner (bzw. "Hinterfrauen") also auch von der Energie der Medien zehren, kann es bei diesen Menschen deswegen sogar zu Depressionen kommen, wenn diese "Gabe" häufig bzw. stetig angewandt wird. Auch dafür gibt es zahlreiche Belege. Die Qualität bzw. der Wahrheitsgehalt dieser Einsprachen ist dabei völlig ungewiss. So können sich diese Seelen durch ihre Einsprachen wichtig machen, oder sie können den Menschen sogar "foppen", indem sie sich als "Christus", als "Maria" oder als andere bekannte Persönlichkeiten ausgeben.
Um dieses okkulte Phänomen zu durchschauen und den falschen Christus dahinter zu erkennen, hätte es allerdings der schrittweisen Läuterung des Einzelnen nach dem Maßstab der Bergpredigt bedurft. Doch Paulus und so mancher andere seiner Mitstreiter erfreuen sich lieber an den medialen "Erfolgserlebnissen" anstatt ihren herrschsüchtigen oder hochmütigen Vorstellungen und Gedanken auf den Grund zu kommen und diese abzulegen. Und so sind diese "Erfahrungen" mit in seine "christliche" Botschaft eingeflossen. Dementsprechend ist das Verhalten von Paulus. Er tritt vielfach aufgrund seiner Ego-Anteile mit großem Selbstbewusstsein auf und fordert sogar dazu auf, seinem "Beispiel" zu folgen (z. B. 1. Korintherbrief 11, 1; mehr zu diesem Thema in Der Theologe Nr. 74 - Kirche contra Pfingsten: "Löscht den Geist aus!")

“Ich sollte gelobt werden”

Geschickt kokettiert Paulus mit der Demut und weist auf seine "Schwachheit" hin, um dann an anderer Stelle zu sagen: "Ich sollte von euch gelobt werden" oder: "Wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht, denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört" (2. Korintherbrief 12, 5-6). Ist dies echte Demut? Oder ist es vor allem die Brillanz eines Intellekts - von einem Menschen, der weiß, dass er eigentlich demütig sein sollte?
Ein "schlechter Redner" sei er, doch was laut der Apostelgeschichte der jüdische König Agrippa über Paulus sagt, dürfte der Wahrheit näher kommen: "Es fehlt nicht viel, so wirst du mich noch überreden und einen Christen aus mir machen", so der König zu Paulus (26, 28). Und Paulus setzt sofort nach und ergänzt: "... nicht allein du, sondern alle, die mich heute hören", sollten das werden, "was ich bin". Dabei gibt Paulus immer vor, den Willen Gottes zu erfüllen und alles Christus zu Ehren zu tun. Er kennt die christliche Theorie hier gut. Doch hat er sie auch in seinem Unterbewusstsein verinnerlicht? Oder ist er dort immer noch der alte "Saulus"?

Der Historiker Karlheinz Deschner kommt nach dem Studium der Paulusschriften zu einem wenig schmeichelhaften Ergebnis: Paulus "duldete keine selbständig denkende Menschen um sich". Und der Theologe Giuseppe Riciotti führt aus: "Apollos, der Denker mit den originellen Ideen, bleibt nicht lange, ebenso wenig wie der gereifte Barnabas" (nach Deschner, Abermals krähte der Hahn, Reinbek 1972, S. 192 f.). Und auch Johannes Markus trennte sich von Paulus (siehe Apostelgeschichte 15, 37-40). Und Barnabas, "ein bewährter Mann, voll Heiligen Geistes und Glaubens" (Apostelgeschichte 11, 24), hatte im Auftrag der Urgemeinde in Jerusalem wohl ursprünglich die Aufgabe, Paulus von Antiochien aus allmählich an die Urgemeinde heran zu führen. Doch der Plan scheitert. Paulus wird übermächtig und "sie kamen scharf aneinander, sodass sie sich trennten" (15, 39). Paulus lässt sich nun von keinem mehr etwas sagen. (5)

“Verflucht sei der falsche Bruder!”

Sein Umgang mit den Aposteln und Jüngern, den Paulus in der Bibel selbst beschreibt, stützt diese Deutung. Während Paulus zur brüderlichen Zucht an anderen auffordert, entzieht er sich selbst geschickt der Korrektur durch die Gemeinschaft. Damit bleibt er im Grunde ein Einzelgänger und in seinem Charakter zu einem großen Teil der alte. Paulus ist sich seiner Sache dabei so sicher, dass er Andersdenkende in der Gemeinde ohne Skrupel als "falsche Brüder" bezeichnet und sich sogar dazu hinreißen lässt, Kritikern seiner Linie mit den Worten zu kontern "der sei verflucht" (Galaterbrief 1, 8). Dieser Satz wird in späteren Jahrhunderten bei den Verdammungsurteilen der kirchlichen Inquisition zur Standardaussage. Paulus scheut sich auch nicht, "Unzüchtige" dem "Satan" zu übergeben "zum Verderben des Fleisches, damit der Geist gerettet werde am Tag des Herrn" (1. Korintherbrief 5, 5). Was er damit genau gemeint hat, ist unklar. Bereitwillig haben allerdings die kirchlichen Inquisitoren späterer Jahrhunderte bei ihrem furchtbaren Morden auf diesen Aussagen von Paulus aufgebaut und damit die Hinrichtungen von Andersgläubigen begründet - auch mit dem von Paulus abgeleiteten Nachsatz, dass auf diese Weise vielleicht deren Seele gerettet werden könne.

Die Spuren verlieren sich

Dass sich die Paulusgemeinden im damaligen römischen Weltreich durchsetzen, während die Urgemeinde in Jerusalem bald in der Versenkung verschwindet, hat aber nicht nur mit dem Durchsetzungswillen und dem starken menschlichen Ego des Paulus zu tun, sondern auch mit den finanziellen Gegebenheiten. Paulus ist bestrebt, es trotz aller Gegensätze und Unterschiede nicht ganz zum Bruch mit der Urgemeinde in Jerusalem kommen zu lassen. So lässt er als Zeichen seiner Unterstützung mehrfach Geld für die Urgemeinde sammeln und er setzt sich für diesen Dienst an den "Heiligen" sehr ein, was ihm zugute gehalten werden kann. Den äußeren Niedergang der Jerusalemer haben diese Finanzspritzen aber nicht aufhalten können. Nur wenig ist darüber bekannt, was im Einzelnen zu diesem Niedergang führte und was genau in Jerusalem in diesen und den kommenden Jahren geschieht. Auf jeden Fall hat die Schwäche der Jerusalemer Urgemeinde aber dazu beigetragen, dass sich im Imperium Romanum überwiegend ein Christentum nach den Vorstellungen von Paulus entwickelt. Nach Pella im heutigen Jordanien sei die Gemeinde ausgewandert, als sich die Urchristen nicht am jüdischen Aufstand gegen Rom in den 60er-Jahren beteiligen wollten (vgl. dazu hier). So ist es überliefert. Dort im Jordanland verliert sich dann ihre Spur, und sie findet sich erst wieder in den ersten "Ketzerberichten", welche im 2. Jahrhundert in der so genannten "frühkatholischen" Kirche kursieren, die sich aus den Paulusgemeinden heraus entwickelt. Es gebe da z. B. einige Irrlehrer, die einen "Sühneopfertod" von Jesus, wie er von Paulus verkündigt wird, leugnen; die auch die Lehre von eine angeblichen Heilsbedeutung des Blutes leugnen sowie die angebliche Jungfrauengeburt und in späterer Zeit die angebliche Erbsünde. Diese "Ketzer" und "Irrlehrer" - da sind sie also wieder, die verstreuten getreuen Nachfolger von Jesus.
Doch auch die Spur des Paulus verliert sich. Es heißt, er wäre bei der Christenverfolgung in Rom unter Kaiser Nero (37-68; Kaiser seit 54) ums Leben gekommen, was vermutlich stimmt. Der Kirchenschriftsteller Eusebius datiert um das Jahr 200 den Tod des Paulus in das Jahr 67 zurück. Er wäre außerhalb Roms an einem abgelegenen Ort an der Via Ostiense durch Enthauptung hingerichtet worden, was denkbar ist. Alles weitere sind katholische Legenden, einschließlich des angeblichen Fundes von Leichenresten des Paulus im Jahr 2009.

 Wird Paulus getröstet?

Aus einer "Neuoffenbarung" der Gegenwart stammt der bedenkenswerte Hinweis, dass Paulus in späterer Zeit seine Fehler erkennt und in den letzten Lebensjahren schließlich doch zum treuen Streiter und Werkzeug für Christus wird (Heimholungswerk Jesu Christi, Linz/Österreich, 9.11.1980, (6)). Vorausgesetzt, diese Prophetie ist richtig, hätte Paulus aber nicht mehr verhindern können, dass vieles, was er einst niedergeschrieben hatte, weiter als seine Lehrüberzeugung verbreitet wird. Während Paulus vermutlich in Rom von der Obrigkeit, deren "gehorsamer Untertan" man laut seines Briefes an die Römer sein soll (13, 1), verfolgt und schließlich ermordet wird, wachsen viele falsche Samen, die er gesät hatte, an zahlreichen Orten des Imperium Romanum zur Institution Kirche heran.

Ca. 250 Jahre später sondert die mittlerweile zur alleinigen Staatsreligion aufsteigende Institution Kirche (Enteignungen von Urchristen zugunsten der Kirche ab 326 unter Kaiser Konstantin; alleinige Staatsreligion der Kirche und Hinrichtung von Andersdenkenden ab 380 unter Kaiser Theodosius I.) alle Schriften der Paulusgegner aus. Die Paulusschriften hingegen, die der Mann aus Tarsus demnach nicht mehr korrigieren konnte, werden in die Bibel aufgenommen und ausnahmslos zum "Wort Gottes" erklärt. Dabei ist - wie oben bereits angedeutet - nachgewiesen, dass man dem gefeierten "Apostel" manches unterschiebt. So sind die meisten Theologen und Religionswissenschaftler heute davon überzeugt, dass einige Paulusbriefe in der Bibel gar nicht von Paulus, sondern von seinen Schülern geschrieben worden sind (die beiden Briefe an Timotheus, der Brief an Titus, der Brief an die Epheser, der Brief an die Kolosser und der 2. Brief an die Thessalonicher). Möglicherweise werden auch Korrekturen, die Paulus selbst noch vorgenommen hatte, bewusst ignoriert. Doch kurz vor seinem Tod wird Paulus - dem oben zitierten und zumindest in sich stimmigen Text zufolge - von Christus in einer Vision getröstet, dass die Zeit kommen wird, in der seine Irrtümer richtig gestellt werden. Dies wäre auch ein hoffnungsvoller Abschluss eines Lebens, das wie selten ein anderes die abendländische Geschichte und ihre Epochen geprägt hat.
 



Anmerkungen
:

Nachfolgende Anmerkungen mögen etwas kompliziert erscheinen, vor allem für Leser, die nicht mit den intellektuellen Gedankenkonstruktionen der  kirchlichen Theologie vertraut sind: Hier denken wir v. a. an die Überlegungen zu der angeblichen Schlacht-Vision des Petrus (4). Oder an die Erklärung, wie Paulus zum jüdischen Gesetz stand (3a und 3b).

Aus diesem Grund möchten wir hierzu vorab klarstellen: Die Botschaft von Jesus, dem Christus, ist schlicht, einfach, geradlinig, klar und verständlich für jedes Kind. Sie beinhaltet vor allem das Halten der Zehn Gebote und seiner Bergpredigt. Es war Paulus und nach ihm weitere Schriftgelehrte, welche diese eindeutige Botschaft in ein kompliziertes Lehr- und Dogmengebäude verfälschten, an dem die Menschen bis heute leiden.

Wenn wir uns nun hier bemühen, die Lehre des Paulus verständlich darzulegen und dazu notgedrungen auch in Abgründe seiner Theorien einsteigen, dann tun wir das also nicht, weil wir dies auf Dauer für notwendig halten. Denn wenn eines Tages die dunkle Zeit des kirchlichen Christentums der Vergangenheit angehören wird, wird dies kaum mehr jemanden interessieren. Heute jedoch bemühen wir uns vor allem deshalb um ein besseres Verstehen dieser Paulus-Lehren, weil sich immer noch viele Christen auf Paulus berufen. Sie gründen ihren Glauben auf Paulus und nicht auf Jesus.

Unsere Studie verstehen wir in diesem Umfeld als eine Hilfestellung für alle Gottsucher, damit es ihnen leichter möglich ist, die Verwirrung um die Botschaft des Jesus, die durch Paulus und seine Nachfolger in die Welt gekommen ist, nach und nach wieder zu entwirren, so dass immer klarer wird, welche Lehre von Jesus stammt und welche - oft im Gegensatz oder Unterschied dazu - von Paulus.


(1) Der eigene Bericht des Paulus in seinem Brief an die Galater gilt unumstritten als historisch zuverlässiger als die Darstellung in der einige Jahrzehnte später entstandenen Apostelgeschichte, in der sich der Paulusschüler Lukas darum bemüht, die Konflikte zwischen Paulus und den anderen Aposteln nachträglich zu harmonisieren.
In der Apostelgeschichte heißt es, Paulus wäre bei seinem Erlebnis erblindet. Dann hätte er sich drei Tage "bei den Jüngern in Damaskus" aufgehalten, wäre geheilt worden und hätte sich dann dort taufen lassen. Danach wäre er nach Jerusalem gezogen, was er selbst aber im Galaterbrief ausdrücklich bestreitet. In Jerusalem hätte er der Version der Apostelgeschichte zufolge versucht, "sich zu den Jüngern zu halten" (9, 26). Da er jedoch in Lebensgefahr geschwebt haben soll, hätten ihn die Jünger von sich aus nach Tarsus geschickt (V. 30).
Paulus jedoch stellt denselben Sachverhalt im Galaterbrief anders dar
und schreibt: "Da besprach ich mich nicht erst mit Fleisch und Blut, ging auch nicht hinauf nach Jerusalem zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien [PS: Was wollte er dort?] und kehrte wieder zurück nach Damaskus. Danach, drei Jahre später, kam ich hinauf nach Jerusalem, um Kephas kennen zu lernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. Von den anderen Aposteln aber sah ich keinen außer Jakobus, des Herrn Bruder (Galater 1, 16-19) ... Danach, vierzehn Jahre später, zog ich abermals hinauf nach Jerusalem ..." (2, 1)

(2) Nicht einmal bei der in ihrer Ursprünglichkeit ohnehin umstrittenen Bibelstelle in Markus 10, 45 ist ein "zorniger Gott" als Empfänger eines "Lösegelds" genannt. Und selbst wenn die Stelle authentisch wäre, müsste man wohl den Gegenspieler Gottes als Empfänger des dort genannten "Lösegelds" annehmen.

(3) Die Gesetzesvorschriften des Alten Testaments sind für Paulus einerseits "heilig" (Römer 7, 12), andererseits jedoch "unerfüllbar" (z. B. Römer 3, 9 ff.). Diese Situation empfindet er als "Fluch".
Deshalb schreibt Paulus: "Denn die aus den Werken des Gesetzes leben, die sind unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben (5. Mose 27, 26): ´Verflucht sei jeder, der nicht bleibt bei alledem, was geschrieben steht in dem Buch des Gesetzes, dass er´s tue`" (Galater 3, 10).
Mit seinen intellektuellen Fähigkeiten versucht Paulus nun, sich aus dieser gedanklichen Verstrickung heraus zu winden. Und er versucht es mit folgender Gedankenkonstruktion: Da im "Gesetz" (den fünf "Mosebüchern" im "Alten Testament") auch stehe "Verflucht ist jeder, der am Holz hängt" (5. Mose 21, 23), wäre ja Christus demnach auch ein Verfluchter gewesen, da er ja bei seiner Hinrichtung auch "am Holz hing". Gleichzeitig wäre Christus dabei aber von Gott angeblich "als Sühne in seinem Blut" hingestellt worden (Römer 3, 25). Aus diesen beiden Glaubenssätzen konstruiert Paulus nun einen neuen, einen dritten Glaubenssatz, der dann wörtlich lautet: "Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns" (Galater 3, 13). Das ist intellektuelle Virtuosität, in diesem Fall vergleichbar der Mathematik, wenn zweimal "Minus" multipliziert "Plus" ergibt. Mit der Lehre von Christus hat das hier aber nichts zu tun.

(3a) Dies alles, was der Theologe Paulus hier lehrt, ist eine erhebliche Verbiegung und Veränderung der schlichten Botschaft des Jesus von Nazareth. Jesus lehrte die Menschen, dass ein großer Teil des "Gesetzes" ("Ihr habt gehört ...") nicht von Gott stammt, sondern von den Priestern, weswegen er diese Verfälschungen der Priester wieder richtig stellte ("Ich aber sage euch ...").
Und Jesus lehrte weiter, die echten Gottesgebote zu halten und nicht die von den Priestern erfundenen Gesetzesvorschriften, welche die damaligen Theologen Gott unterschoben hatten. Als Zusammenfassung gab Jesus dazu die Goldene Regel: "Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Das (!) ist das Gesetz und die Propheten" (Matthäus 7, 12). Hinzu kommt das Liebegebot: "´Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.` Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: ´Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.` In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten" (Matthäus 22, 37-40)


(4) Diese Vision hat zwei Bedeutungsebenen. Im Zusammenhang der Apostelgeschichte geht es zunächst gar nicht um das Verhalten gegenüber den Tieren, sondern um das Verhalten gegenüber Menschen. Die Vision soll für Petrus nämlich ein Gleichnis dafür gewesen sein, dass, so wie es keine "unreinen" Tiere gibt, es auch keine "unreinen" Menschen (!) gibt. Und so habe Petrus auch die Schlussfolgerung gezogen, sich von einem römischen Hauptmann mit Namen Kornelius einladen zu lassen, da dieser eben nicht "unrein" sei, obwohl er Römer ist. Denn: "Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen meiden oder unrein nennen soll" (Apostelgeschichte 10, 28). Das ist in der Tat eine urchristliche Botschaft. Und wenn das die einzige Lektion aus diesem Gleichnis sein sollte, dann hätte es damit auch seinen Zweck erfüllt.
Merkwürdig ist allerdings, wenn Petrus eine solche "Lektion" noch nicht gelernt hätte, als er mit Jesus durch das Land gezogen war. Denn Jesus hat zum Beispiel auch in Gegenwart des Petrus einen Diener des römischen Hauptmanns von Kapernaum geheilt (Lukas 7, 1-9). Und er hat seinen Jüngern auch bei vielen anderen Begegnungen klar gemacht, dass es bei Gott die Unterscheidung in "reine" und "unreine" Menschen bzw. kultische Barrieren im Umgang mit den Nächsten nicht gibt. Es sind also erhebliche Zweifel angebracht, dass Petrus immer noch solche gravierenden Unterschiede zwischen "reinen" und "unreinen" Menschen gemacht haben soll, als es zu der Begegnung mit dem römischen Hauptmann gekommen ist, falls sie überhaupt in dieser Form stattgefunden hat. Und so ist es auch von daher höchst zweifelhaft, ob Petrus in einer solchen Vision tatsächlich unschuldige Tiere hätte schlachten sollen, um aufgrund dieser Barbarei angeblich endlich zu verstehen, dass alle Menschen gleich sind vor Gott.

Und hier ist nun die zweite Bedeutungsebene angesprochen, das Verhalten gegenüber den Tieren. Denn diese Petrus-Vision wird von Kirchenchristen auch zur Rechtfertigung von unbeschränktem Fleischkonsum heran gezogen. Der Inhalt dieser Vision entspricht dabei der Lehre des Paulus, dass ein Christ alles, "was auf dem Fleischmarkt verkauft wird", essen könne (1. Korintherbrief 10, 25).
Doch die Vision für sich genommen rechtfertigt keine Schlachtungen. Denn auch Jesus hat in seinen Gleichnissen manchmal Geschichten aus dem Alltag der Menschen erzählt, ohne dass das Verhalten der dort Handelnden damit gerechtfertigt wurde. Es diente nur als Rahmen, innerhalb dessen etwas Bestimmtes erklärt werden soll; wie z. B. im "Gleichnis von den Talenten", wo von einem "Fürst" erzählt wird, einem "harten Mann", der "nimmt", was er nicht angelegt hat und der seinen Dienern eine bestimmte Anzahl von Talenten anvertraut (Lukas 19, 11 f.). Dieser "harte Mann" darf hier aber keinesfalls mit Gott verglichen werden, und er ist in diesem Gleichnis auch gar nicht als Vorbild gedacht. Sondern die Geschichte aus der Alltagserfahrung der Menschen dient ausschließlich dem Erkenntnisgewinn für die Zuhörer von Jesus, die ihre Talente nicht vergraben, sondern vermehren sollen.
Während man aber davon ausgehen kann, dass Jesus dieses Gleichnis tatsächlich erzählt hat, ist diese Petrus-Vision wahrscheinlich keine echte Gottes- oder Christus-Vision. Sie stammt wohl entweder von Paulus oder - vergleichbar einem Traum - aus dem Unterbewusstsein oder tieferen Seelenschichten von Petrus oder von jemand anderem, der es so geträumt hat
 
(5) Auch die vom Paulus-Schüler Lukas geschriebene Apostelgeschichte lässt an einigen Stellen noch die heftigen Konflikte durchscheinen, die Paulus immer mehr von der Urgemeinde in Jerusalem entfernen und im Ergebnis zum Gewährsmann einer frühkatholischen Kirche im Gegensatz zu Jesus von Nazareth machen.
Unscheinbar zunächst die Notiz in 13, 13: "Johannes aber trennte sich von ihnen [Paulus und Barnabas] und kehrte zurück [in die Urgemeinde] nach Jerusalem." Die Brisanz wird erst in 15, 36 ff. deutlich: "Nach einigen Tagen sprach Paulus zu Barnabas. Lass uns wieder aufbrechen ... Barnabas aber wollte, dass sie auch Johannes mit dem Beinamen Markus mitnähmen. Paulus aber hielt es nicht für richtig, jemanden mitzunehmen, der sie in Pamphylien verlassen hatte und nicht mit ihnen ans Werk gegangen war. Und sie kamen scharf aneinander (!), so dass sie sich trennten. Barnabas nahm Markus mit sich und fuhr nach Zypern. Paulus aber wählte Silas ..." Zunächst ging also Johannes nicht mehr mit Paulus mit, dann streikte auch Barnabas, der "bewährte Mann, voll Heiligen Geistes" (11, 24). Warum?
Mögliche Antworten finden sich in dieser Ausgabe des Theologen. Ein nahe liegender Auslöser könnte dabei die Begebenheit sein, die nach dem Bericht der Apostelgeschichte dem Weggang von Johannes Markus voraus ging. Paulus verfluchte in Zypern einen jüdischen "Zauberer" und missbrauchte die Kräfte, über die er verfügte, offenbar für schwarze Magie. Die Apostelgeschichte gibt die Worte des Paulus und ihre Auswirkungen wie folgt wieder: "Die Hand des Herrn komme über dich, und du sollst blind sein und die Sonne eine Zeitlang nicht sehen! Auf der Stelle fiel Dunkelheit und Finsternis auf ihn" (13, 11).
Dieses Verhalten hat mit Jesus von Nazareth nichts zu tun, der keinen seiner Gegner auf diese Weise gesundheitlich geschädigt hatte. Offenbar ist Paulus immer mehr "abgehoben" und steigert sich im Bewusstsein seiner "Kräfte" hier in eine Art magischen Ego-Rausch hinein. Für Johannes Markus könnte damit der Zeitpunkt gekommen sein, wo er nicht mehr hinter Paulus stehen kann. Und alleine mit Paulus steht auch Barnabas Paulus gegenüber auf verlorenem Posten. So gibt auch er auf, Paulus zu disziplinieren, und die Dinge nehmen ihren Lauf.
Dass sich auch noch Apollos von Paulus und seiner Arbeit zurückzog, wie der Theologe Guiseppe Riciotti schreibt (siehe oben im Text), dafür sprechen die Hinweise von Paulus selbst in seinem 1. Korintherbrief. So versucht Paulus zunächst, gewisse Spannungen in Korinth mit folgenden Worten zu schlichten: "Denn wenn einer sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere aber: Ich zu Apollos - ist das nicht nach Menschenweise geredet? Wer ist nun Apollos? Wer ist Paulus? Diener sind sie, durch die ihr gläubig geworden seid ..." (3, 4-5).
Das klingt zunächst unverfänglich. Doch am Ende des Briefes schreibt Paulus dann doch kritisch über Apollos: "Von Apollos, dem Bruder, aber sollt ihr wissen, dass ich ihn oft ermahnt habe, mit den Brüdern zu euch zu kommen; aber es war durchaus nicht sein Wille, jetzt zu kommen; er wird aber kommen, wenn es ihm gelegen sein wird" (16, 12).

(6) Die Kirche lehnt alle Propheten seit Jesus von Nazareth ab, durch die nach deren Selbstverständnis Christus bzw. der Schöpfergott sich "offenbaren". Es sei denn, diese "Neuoffenbarung" würde genau mit der Kirchenlehre übereinstimmen. Die Propheten wurden oft hingerichtet, z. B. Savonarola in Florenz im 15. Jahrhundert. Die Kirche behauptet, die Offenbarungen wären mit Christus abgeschlossen und sie widerspricht damit sowohl Jesus von Nazareth als auch Paulus, die beide von kommenden (!) Propheten sprechen oder von dem prophetischen Wort in den Urgemeinden (z. B. Matthäus 7, 20 (Unterscheidung der falschen von den richtigen) und Johannes 16, 12-16 sowie 1. Korintherbrief, Kapitel 12). Der Autor dieser Studie geht davon aus, dass es auch heute echte "Gottesprophetie" wie z. B. in der Zeit des Alten Testaments gibt.

 

Quellen und Literatur:
Bis auf wenige Ausnahmen (die im Text an der jeweiligen Stelle mit Literaturangabe bzw. Querverweis vermerkt sind) wird in dieser Studie unmittelbar auf die Quelle selbst, das Neue Testament, Bezug genommen. Die Thesen werden also durch entsprechende Quellenverweise allesamt belegt, vor allem auf die Paulusbriefe selbst. Bzw. es werden aufgrund dieser Quellen Schlussfolgerungen gezogen, die jeder interessierte Leser aufgrund der vorliegenden Fakten selbst überprüfen kann.

Zum Autor dieser Studie:
Dieter Potzel, geboren 1959, Theologe, Studium der Evangelischen Theologie in Mainz und Göttingen mit dem Schwerpunkt "Neues Testament und Urchristentum", Studien im Westjordanland, zwei theologische Examina der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (1984 und 1986), sprachwissenschaftliche Ausbildung im Bereich Antike Philologie (Hebraicum, Graecum, Großes Latinum). Evangelisch-lutherischer Pfarrer in Bamberg von 1988-1992. Im Jahr 1992 Austritt aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche wegen gravierenden Gegensätzen zwischen der Kirche und der Lehre von Jesus von Nazareth. Von 1992-2004 als theologischer Journalist für mehrere Zeitschriften tätig, seither als Freier Theologe bei Bestattungen (Begleitet von Jesus, dem Christus - Würdige Bestattung ohne Kirche) und Trauungen. Buchautor und Herausgeber der Online-Zeitschrift "Der Theologe" seit 1997.

Der Autor war im Studium u. a. unmittelbarer Schüler von Herbert Braun (1903-1991)* und Luise Schottroff (1934-2015) und in Arbeitskreisen zum Thema "Sozialgeschichtliche ´Exegese` (= Bibelauslegung)" tätig. In der Folgezeit Forschungen vor allem zum Thema "Biblische Prophetie" und zum Unterschied zwischen Prophetie und medialen Einsprachen in Geschichte und Gegenwart.


* Herbert Braun war seit 1953 "Ordinarius" bzw. Professor für Neues Testament an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz; Veröffentlichungen u.a.: "Jesus - der Mann aus Nazareth und seine Zeit" (1978); "Gesammelte Studien zum Neuen Testament und seiner Umwelt" (1967)

Die Studie kann wie folgt zitiert werden:
Zeitschrift "Der Theologe", Hrsg. Dieter Potzel, Ausgabe Nr. 5: Wie Paulus die Lehre des Jesus verfälschte, Wertheim 2000, zit. nach http://www.theologe.de/theologe5.htm, Fassung vom 5.4.2015;

Copyright © und Impressum siehe hier.

 

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