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DER THEOLOGE
Nr. 15
Die Essener und die Schriften von Qumran:
"Verschlusssache Jesus"?
Lange Zeit stand ein Buch über die
archäologischen Funde von Qumran auf dem ersten
Platz der Bücher-Bestseller-Listen in Deutschland. Der Titel:
Verschlusssache Jesus. Die
kirchlichen Theologen nahmen das Buch nicht ernst und widerlegten
anscheinend
locker seine Thesen. Dennoch war es erfolgreicher als die meisten anderen über Jesus
von Nazareth. Was
war der Grund für
diesen Erfolg? Ist es die Ahnung, dass in Jesus von Nazareth eine andere
Wahrheit auf diese Erde kam als die katholische oder die evangelische Kirche
heute vorgeben? Das genau spüren die Menschen, und das erklärt den Erfolg
von Büchern wie
Verschlusssache Jesus. Doch worum geht es in der Sache? Wer waren die Menschen von Qumran? Und wie standen sie zu
Jesus von Nazareth?
Qumraner und Essener lebten die
Gütergemeinschaft
Kult und Waffen
Verschwörung im Vatikan?
Vorbereitung für das Friedensreich?
Sie folgten nicht nach
Jesusbewegung: "Wenn und Aber" als Verhängnis
Das Ende von Qumran
In Kommunikation mit der "Erdenmutter": Eine andere
Essener-Theorie
Die Funde von Nag Hammadi
- esoterische Strömungen unterschiedlicher Qualität
Exkurs:
Jesus und das jüdische Gesetz
Mystiker und Propheten
Im Jahre 1947 fand ein beduinischer
Hirtenjunge nahe dem Toten Meer auf der Suche nach einer verirrten Ziege
Schriftrollen und Handschriften in Tongefäßen. Beschrieben wird darin die
Lehre einer oder vielleicht auch mehrerer religiöser Gemeinschaften. Die
Schriftrollen haben die zeitgenössische Theologie ziemlich durcheinander
gebracht, der so genannte "Forschungsstand" änderte sich im Laufe der
Jahrzehnte mehrfach, und am Rande der seriösen Forschung gab es immer wieder
kühne Spekulationen über die damalige Zeit, die bislang in dieser Form noch
nicht geäußert worden waren.
Ein großer Teil der
Forscher ging lange davon aus, dass es sich bei der Gemeinschaft
von Qumran wohl um eine Untergruppe der so genannten Essener handeln würde, von denen
auch anderweitig berichtet wird, vor allem beim Historiker Flavius Josephus
(De bello Judaico 2, 119-161) und beim Philosophen Philon von Alexandria
(Prob Lib 72-91), beides Juden, die im 1.
Jahrhundert nach Christus lebten. Man sprach und spricht deshalb manchmal von den "Qumran-Essenern"
(1). In jüngerer Vergangenheit wurde jedoch
immer fraglicher, ob man es bei den in Qumran gefundenen Schriften wirklich
mit "Essener"-Schriften zu tun hat oder ob dahinter nicht doch eine
eigenständige Gruppe, unabhängig von den Essenern, steht.
Da es
Parallelen zu Jesus von Nazareth und dem Urchristentum gibt, stellten
die Bestseller-Autoren Michael Baigent und Richard Leigh in ihrem Buch
Verschlusssache Jesus (1991 erschienen) zwischen den so
genannten "Qumran-Essenern" und den Urchristen eine enge Verbindung bis zur
möglichen Identität her. So deuteten sie den in den Qumran-Texten genannten
"Lehrer der Gerechtigkeit" als Jakobus, den Gemeinde-Ältesten der
urchristlichen Gemeinde in Jerusalem, und den "Mann der Lüge" als Paulus.
Eine kühne Vermutung, die sich aber letztlich nicht halten lässt.
Doch auch die nachweisbaren Fakten beinhalten noch genügend Zündstoff.
Qumraner und Essener lebten die
Gütergemeinschaft
So belegen
die Schriften mehrere Gemeinsamkeiten zwischen der Gemeinschaft von Qumran und Jesus von
Nazareth: In den Schriften von Qumran wird z. B. eine eigene soziale Gemeinschaft
innerhalb, aber am
Rande der damaligen Gesellschaft beschrieben, die sich von den
einflussreichsten religiösen Parteien der Pharisäer und
der Sadduzäer sowie der Volksfrömmigkeit abgrenzte. Ähnliches wird von den Essenern
berichtet. Und wie später bei
Jesus von Nazareth und der Jesusbewegung führte dies auch bei diesen Gruppen zu heftigen Konflikten
mit dem israelischen Amtspriestertum, dem sich damals überwiegend Sadduzäer
verbunden fühlten und dem sich nachweislich die Essener nicht unterordnen wollten. Mehrere Essener sollen
deshalb auch den Märtyrertod
gestorben sein.
Die Gemeinschaft, die in den Schriftrollen von Qumran überwiegend
beschrieben wird, lehnte das Priestertum jedoch nicht ab, sondern
verschärfte sogar die kultischen Anforderungen und auch die Ethik. Ähnlich wie bei
Jesus gab es einen engeren
Kreis von 12 Männern um den Leiter der Gemeinde, eben dem "Lehrer der
Gerechtigkeit". Die Anhänger lebten nach dem
Gebot "Bete und arbeite" in Gütergemeinschaft und legten Wert darauf, ihre
Sinne zu "disziplinieren", d. h. entsprechend diszipliniert
und asketisch zu leben. Angesichts des erwarteten
Messias und seines herbei gesehnten "Friedensreiches" verkündeten sie eindringlich die
"Buße",
also eine
Umkehr bzw. eine
Notwendigkeit der Vergebung und Erneuerung des Lebens. Doch wie sollte
diese bei dieser Gruppierung praktisch aussehen?
Kult und Waffen
Und hier tut sich ein erster wichtiger
Gegensatz zu Jesus auf. Die Qumraner sind bei ihren
Erneuerungsbestrebungen, ähnlich wie die Pharisäer, oft auf Äußerlichkeiten fixiert, und
sie verschärfen in fanatischer Weise viele veräußerlichte Kultgesetze
wie das Sabbatgebot. Jesus von Nazareth hatte jedoch mit Kult, Ritualen und
äußerlichen Frömmigkeitsübungen überhaupt nichts im Sinn, und auch die
Essener scheinen sich anderen Dokumenten zufolge ein gutes Stück weit davon befreit zu haben.
Der zweite gravierende Gegensatz zwischen Jesus
und Qumran besteht beim Thema "Gewalt und Feindesliebe". Jesus lehrte und lebte
die Feindesliebe vor, und er war, anders als es manche Texte aus Qumran
bezeugen, gegen den Gebrauch von Waffengewalt. In der Diskussion über die Verschlusssache Jesus wurde dies aber mehr und mehr in
Frage gestellt. So zeichneten Journalisten verschiedentlich
ein Bild von einem Jesus, der womöglich nur in seiner Jugend pazifistisch
gewesen wäre. Der "ältere" Jesus, der die Ungerechtigkeit der Römer erlebt
hätte, hätte seine Überzeugung dadurch womöglich geändert.
Diese Beurteilung
stützt sich v. a. auf die Bibelstelle in Lukas 22, 36-38, wonach
Jesus kurz vor seiner Gefangennahme rät, ein Schwert zu kaufen, woraufhin ihm die Jünger zwei Schwerter
präsentieren. Dies sei "genug", so Jesus. Doch diese beiden Schwerter würden zwar einen
möglichen Räuber abschrecken - und das ist sehr wahrscheinlich auch ihr ganz praktischer Sinn
gewesen -, für eine bewaffnete
Auseinandersetzung mit einer ganzen Truppe von Soldaten und Wachleuten sind sie aber völlig unzureichend. Außerdem weist Jesus wenige
Augenblicke später den aktiven Einsatz der Schwerter deutlich zurück (Verse
49-51), und er erklärt nach Matthäus 26, 52-53 unmissverständlich:
"Alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen."
Ein gewalttätiger Jesus wäre damals wie
heute allerdings denen lieber, die selbst in den Kreislauf der Gewalt
verwickelt sind, wie z. B. Anhänger zunehmend radikalerer nationalistischer
Bewegungen. Dass in "der letzten Zeit" der materialistischen Welt die Gewalt
eskaliert, davon hat auch Jesus selbst gesprochen, z. B. in Markus 13, 8:
"[In der letzten Zeit] ... wird sich ein Volk gegen das andere erheben
und ein Königreich gegen das andere. Es werden Erdbeben geschehen hier und
dort, es werden Hungersnöte sein. Das ist der Anfang der Wehen." Doch seine
Nachfolger beteiligen sich nicht an den Kriegen und Aufständen, sondern sie befolgen seine
Bergpredigt (Matthäus 5-7), in der er u. a. sagte: "Selig sind die
Friedensstifter; denn sie werden Gottes Kinder heißen" (5, 9).
Dennoch kam es immer wieder vor, dass Jesus von bestimmten Leuten für die
jeweils eigene gewalttätige
Partei vereinnahmt wurde. So hat es die Kirche Jahrhunderte lang
praktiziert, und so geschieht dies in unserer Zeit z. B. ungeniert durch die
Regierungen der USA. Und so rückt auch die Verschlusssache Jesus den Mann aus Nazareth
nahe an die
Schwertkämpfer der Vergangenheit heran.
Verschwörung im
Vatikan?
Was beabsichtigten nun die Autoren
aber mit einem gewaltbereiten Jesus?
Obwohl die katholische Hierarchie sich noch nie durch Gewaltfreiheit
und Pazifismus ausgezeichnet hatte, sollte mit den Bestseller-"Enthüllungen" von
Michael Baigent und Richard Leigh in erster Linie
der Vatikan getroffen werden, der die Qumran-Forschung in den 50er-Jahren
des 20. Jahrhunderts unter Kontrolle seiner Glaubenskongregation (früher "Heilige Inquisition")
gebracht hatte. Die Veröffentlichung wesentlicher Dokumente wurde und wird nämlich, wie
Kritiker immer wieder beklagten, seit
Jahrzehnten hinausgezögert oder verhindert, und viele der "renommiertesten" Wissenschaftler in der Qumran-Forschung,
so kritische Berichte,
mussten sich angeblich wegen "persönlichen Versagens" zurückziehen oder sie starben unerwartet.
Das klingt
durchaus nach einer möglichen Verschwörung. Vor allem, wenn man bedenkt,
dass weder eine Gemeinschaft von Qumran noch die Essener im gesamten Neuen Testament
irgendwo erwähnt sind. So
kann man fragen, ob die so genannte frühkatholische Kirche z. B. bereits bei
der Entstehung des Neuen Testaments massiv in die Darstellung des
Urchristentums und des Judentums zur Zeit von Jesus eingegriffen hat.
Immerhin kannte der katholische "Kirchenvater" Hieronymus, der im Auftrag
von Papst Damasus I. im Jahr 383 eine vereinheitlichte Fassung der Bibel
heraus gab (die so genannte Vulgata), nachweislich noch einen "geheimen" Urtext des
Matthäusevangelium, der von dem uns heute bekannten Matthäusevangelium
erheblich abgewichen hat (vgl. hier).
Dies ist sicher und bezeugt.
Doch die Inhalte des Buches
Verschlusssache Jesus vergrößern leider nur das Durcheinander
anstatt notwendige Klärungen herbeizuführen.
Ein wichtiges Thema ist dabei das Alter
der Rollen. Mit Hilfe einer als zuverlässig geltenden Radiocarbon-Methode
wird der große Teil der Schriften von den meisten Wissenschaftlern in das 1.
Jahrhundert vor Christus datiert. Die Bestseller-Autoren glauben aber
anderen Untersuchungen und datieren die Schriften in das 1. Jahrhundert nach
Christus, also in die Zeit des Urchristentums. Das stärkste Argument dafür
scheint aber ihr
Wunschdenken zu sein. Doch auch wenn die Dokumente den Untersuchungen
zufolge sehr wahrscheinlich aus
dem 1. Jahrhundert vor Christus stammen, wovon die meisten Wissenschaftler ausgehen, bleiben ihre Inhalte
dennoch spannend und
von Bedeutung für die Entstehung des Urchristentums.
Vorbereitung für das
Friedensreich?
Denn die
Bewegungen von Qumran und die Essener stehen trotz einiger Gegensätze immer
noch in größerer Nähe
zu Jesus von Nazareth als die kirchlichen Lehren. Dass der Mann aus Nazareth
keine weltweite katholische Kirche eingesetzt hat und keine Fundamente für
die späteren kirchlichen Dogmen und Zeremonien gelegt hat, dafür genügt als
Quelle jedoch das Neue Testament. Die Textfunde von Qumran sind hier nur am
Rande bedeutsam, da in ihnen - wie bereits dargelegt - eben nicht die Jesusbewegung beschrieben wird,
sondern eine andere oder gar mehrere Gruppierungen der damaligen Zeit. Eine an den Haaren herbei gezogene
Identifizierung zwischen Jesus und der Qumran-Gemeinschaft ist für das Anliegen, die
Fundamente des Vatikan ins Wanken bringen zu wollen, deshalb eher schädlich.
Worum ging es Jesus von Nazareth? Er versuchte, das damalige Volk Israel zu sammeln (z. B. Matthäus
23, 37b) und im Einklang mit den Geboten Gottes zunächst innerlich und
dann auch äußerlich zu einen. "Das Reich Gottes ist nahe
herbeigekommen", hat er mehrfach gesagt, und er wollte das Friedensreich
aufbauen, das schon von den jüdischen Propheten vorhergesagt wurde. Dieses
"Reich" entsteht zuerst im "Inneren" eines jeden Menschen (Lukas 17, 21), der
durch das Leben nach den 10 Geboten und der Bergpredigt von Jesus friedfertig
geworden ist und seinem Nächsten dient. Und es nimmt mit der Zeit dann auch im
Äußeren Gestalt an (siehe z. B. Matthäus 13, 31-32). Was haben nun
aber Qumran und die Essener
damit zu tun?
Eine Verbindung von Johannes dem Täufer sowohl zu Jesus als auch zu Qumran
gilt als sehr wahrscheinlich. Und weiter: Die Menschen von Qumran wollten
bewusst das "Volk David" sein. Die Vision eines erneuerten Volkes war also bei ihnen
zentral - wie zuvor schon bei den großen jüdischen Propheten und später in der
Jesusbewegung. Die Qumraner verstanden sich als eine Art "Stoßtrupp" für das Friedensreich
des kommenden Messias. Und ähnliches gilt
auch für die Essener, wie Flavius Josephus sie beschrieb: Liebe, asketischer
Lebensstil, eher strenge Ethik, Gütergemeinschaft, Friedfertigkeit,
gemeinsames Mahl und vieles mehr waren Vorboten für eine neue kommende
Friedenszeit.
Nach der in Qumran gefundenen Gemeindeordnung (1QSa) glaubte man jedoch,
dass der kommende Messias sich dem amtierenden Hohenpriester unterordnen
würde und beide gemeinsam wirken würden. Doch für Jesus waren die Priester
und Schriftgelehrten eine "Schlangenbrut" (Matthäus 23, 33), welche
die Menschen daran hindern, das Reich Gottes zu finden. Und auch für die
Essener ist eine derartige Hochschätzung des Hohenpriesters schwer
vorstellbar - ein deutliches Indiz, dass es sich bei der Gemeinschaft um
Qumran um eine eigenständige Gruppierung handelt, die man z. B. Qumraner
nennen könnte.
Sie folgten nicht nach
Jesus von Nazareth entlarvte die Heuchelei des
Amtspriestertums, und deren Vertreter waren in keiner Weise einsichtig und
sie sperrten sich gegen
seine Botschaft und sahen in ihr zurecht eine Bedrohung ihrer
Ego-Macht - so wie sich in den vergangenen Jahrhunderten die Priester immer
gegen die Gottespropheten (Jesaja, Jeremia, Hosea, Amos, Ezechiel, Daniel
und viele mehr) gestellt hatten, so dass der urchristliche Diakon Stephanus
ausrufen konnte: "Welchen Propheten haben eure Väter nicht verfolgt?"
(Apostelgeschichte 7, 52). Wenige Augenblicke später wurde Stephanus von
den Priestern und ihren Schergen ermordet. Wie würden nun aber die Qumraner und die Essener sich in
diesem Konflikt zwischen Jesus und seinen Nachfolgern einerseits und
dem Amtspriestertum andererseits verhalten? Vieles, was sie lehrten, wurde ja von Jesus
bestätigt. Gehörte es vielleicht zu ihrem geistigen Auftrag, durch das Positive in
ihrem Leben
mitzuhelfen, dass Jesus, dem Christus, der Weg bereit werden kann?
Nach Aussagen der meisten Wissenschaftler habe der
"Lehrer der
Gerechtigkeit" sogar bereits im 2. Jahrhundert vor Christus gelebt. Wer die
Qumran-Gruppe
oder die Gruppen dann zu Lebzeiten von Jesus leitete, ist nicht bekannt. Doch es wäre
allen damals aktiven Bewegungen auf jeden
Fall möglich gewesen, sich Jesus von Nazareth anzuschließen und sich
von ihm hier und da im Hinblick auf ihre noch vorhandenen Fehleinschätzungen
oder Eigenheiten korrigieren zu lassen. Doch sowohl die Qumraner oder
Qumran-Essener als auch die Essener, wie sie in den Schriften von Josephus
und Philo beschrieben werden, hatten eben
- wie viele andere religiöse Gruppen auch - ihre speziell eigenen Vorstellungen vom kommenden Messias,
die sie nicht aufgeben wollten, in Qumran z. B. in der Frage von Gewalt und Feindesliebe
(siehe oben). Zudem hatte
man in Qumran
eben sehr
strenge und fanatische Vorstellungen vom Tempelkult, und die
offiziell durchgeführten Riten im Tempel zu Jerusalem waren für die Bewohner
von Qumran bereits eine Abweichung von den ursprünglichen
Tempel-Vorschriften, was wesentlich für die Distanzierung der Qumraner vom damaligen
israelischen Amtspriestertum war (siehe dazu z.B.
http://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/themenkapitel-nt/religioese-parteien/essener/).
Und so waren sie eben - völlig anders als Jesus - dem Kult und seiner angeblich
von Gott angeordneten Durchführung verhaftet (siehe oben). Doch Jesus hielt
im Gegensatz dazu überhaupt nichts von Kult und Zeremonien und auch nicht viel von
prachtvollen Kult-Häusern aus Stein und Edelhölzern (gleich den früheren Propheten
wie z. B. Nathan
(2.Samuel 7, 4-7) und Jesaja (66, 1-2); vgl. dazu
"Freie Christen Nr. 1": Gott wohnt nicht in Kirchen aus Stein). Er sprach stattdessen vom
"stillen Kämmerlein", in
das man sich zum Beten zurückziehen solle (Matthäus 6, 5-6). Und
während einer seiner Jünger sich vom damaligen Tempel beeindruckt zeigte ("Was
für Steine und was für Bauten!" Markus 13, 1), prophezeite Jesus bereits die
Zerstörung dieses Monumental-Baus: "Nicht ein Stein wird auf dem anderen
bleiben, der nicht zerbrochen werde" (V. 2). So gesehen hatten
Jesus und die Qumraner nicht viel miteinander zu tun und die Qumraner
standen sogar näher an der von den Sadduzäern beherrschten
Priesteraristokratie und den Pharisäern.
Während des
Auftretens von Jesus sind jedoch keine gesicherten Daten über Qumran oder die Essener bekannt. Wie hätte
sich jedoch die Geschichte entwickelt, wenn der größte Teil der jüdischen
Bevölkerung und alle größeren und kleineren
Gruppen und Grüppchen Jesus als den "Messias" (den von Gott
Gesandten) anerkannt
hätte und wenn die Leute damit angefangen hätten, zu tun, was er lehrte? Die Kirche und das abendländische Christentum wären womöglich nie
entstanden, zumindest nicht in der römisch-katholischen Ausprägung. Doch die
Menschen von Qumran
sind,
wie auch die Essener, als Gemeinschaft Jesus nicht gefolgt.
Als These formuliert, könnten im Hinblick auf
die Gemeinschaft von Qumran vor allem die beiden Sachverhalte entgegen gestanden
haben, über die oben bereits geschrieben wurde, und die hier noch einmal
zusammengefasst werden:
1) Die qumranische Glaubensgemeinschaft war noch stark priesterlichem,
hierarchischem, kultischem und damit veräußerlichtem Denken verhaftet. Priester und Kult spielen
jedoch in der Botschaft von Jesus Christus und in seinem geplanten Friedensreich
keine Rolle mehr, und eine Hierarchie lag ihm fern, denn
"ihr alle aber seid Brüder [und Schwestern]"
(Matthäus 23, 8).
2) Es konnte sich in Qumran auch das Vertrauen nicht durchsetzen, dass das
Friedensreich nicht mit Waffengewalt gegen die Römer entstehen soll, sondern
in jeder Hinsicht gewaltlos nach der Botschaft der Bergpredigt des Jesus von
Nazareth.
Jesusbewegung: "Wenn und Aber" als
Verhängnis
Vermutlich gab es Wanderungsbewegungen von Qumran
und den Essenern zu den Anhängern von Jesus von
Nazareth und in die umgekehrte Richtung, wobei letztlich fast alle damaligen Zeitgenossen Jesus die Gefolgschaft versagten. Doch auch unter den
schließlich nur noch wenigen Anhängern von
Jesus verlief die
Entwicklung nicht besonders gut. Es entstanden zwar urchristliche Gemeinden, die
jedoch vor allem seit dem Auftreten des Paulus durch Unstimmigkeiten und Zerwürfnisse geschwächt
wurden (vgl. dazu
Der Theologe Nr. 5). Hierarchisches Denken zog
auch in diese Gemeinschaften wieder ein, und daraus gingen dann wieder "geistliche"
und priesterliche Obrigkeiten
hervor, die Jesus niemals wollte. Damit wurde hier die Saat für eine äußere
Kirche gelegt, die sich wieder an den heidnischen und dem jüdischen Kult
orientierte und die mit den ursprünglichen Visionen und Plänen von Jesus nicht mehr
viel zu tun hatte.
Doch für die inneren Auseinandersetzungen im
Urchristentum war
nicht Paulus alleine verantwortlich. Glaubt man einer "Neu-Offenbarung" von 1989, dann gab
darin Christus selbst eine Erklärung hierzu. Es heißt dort: "Der eine
glaubte sofort an Meine Sendung, der andere zweifelte daran, da er vieles
aus Meiner Rede ... nicht verstehen konnte ... Bei vielen gab es ein langes
Hin und Her, ein Wenn und Aber. Die Unentschiedenheit war für viele ein
Verhängnis. Sie blieben einige Zeit - dann trennten sie sich wieder von mir
... Die Vorstellungen und Interessen waren mannigfach und das Denken so
unterschiedlich wie die Menschen selbst ... Die sich von Herzen entschieden
und Meine Lehren verwirklicht haben, standen zu Meiner Rechten und blieben
an Meiner Rechten" (Das ist Mein Wort, S. 93,
http://www.das-wort.com/deutsch/gottesprophetie-aktuell/das-ist-mein-wort---alpha-und-omega.php).
Unabhängig von der Glaubwürdigkeit dieser Quelle berichtet
der jüdische Wissenschaftler Prof. Dr. Shemaryahu Talmon Ähnliches von Qumran: Es hätte
ein Kommen und Gehen gegeben und unterschiedliche Vorstellungen. So erklärt
der Wissenschaftler die Tatsache, dass die Qumran-Schriften nicht als einheitlich
anzusehen sind. Möglicherweise hat es in Qumran auch innere Auseinandersetzungen
wegen der Botschaft von Jesus von Nazareth gegeben. Das kann man jedenfalls vermuten.
Wie eng die Geschichte von Jesus von Nazareth und seiner
Anhänger mit der Geschichte von Qumran und den Essenern verbunden ist, kann letzten Endes
nicht mit Sicherheit geklärt werden.
Das Ende von Qumran
Was ist aus Qumran geworden? Die
Bewohner
von Qumran haben sich offenbar am Aufstand
gegen die Römer (66-70) beteiligt, was als eine Konsequenz ihrer Überzeugungen zum Thema
"Gewalt" und ihrer politischen Vorstellungen auch einleuchtend ist. Über Qumran ist bekannt, dass
der Ort
dann von der
10. römischen Legion unter Vespasian im Jahre 68 n. Chr. geschleift wurde. Die Qumraner wurden
vermutlich niedergemacht oder in die Sklaverei verkauft. Qumran ist von nun
an ein römischer Militärposten. Und im Jahr 70 wurde
schließlich auch der Tempel in Jerusalem ganz kurz nach seiner Fertigstellung
von den Truppen Roms zerstört.
Und in den Jahren 132-135 formiert sich ausgerechnet in Qumran bzw. Mesad Chasidin, wie der Ort jetzt heißt, der letzte
jüdische Aufstand unter Bar Kochba. Auch er wird von den Römern
niedergeschlagen und mit ihm alle weltlich-militärischen Vorstellungen von
einem "Friedensreich", von dem man glaubte, dass es in Palästina seinen Anfang nehmen
würde.
In Kommunikation
mit der "Erdenmutter":
Eine andere Essener-Theorie
Was
bleibt von der "Verschlusssache" Jesus? Hierzu gibt es noch eine
bemerkenswerte Variante zu den Essenern, die ebenfalls bestätigen würde, dass Qumraner
und Essener nicht zusammen gehören und welche die Essener viel näher bei
Jesus sieht als die Qumraner.
Der Wissenschaftler Dr. Edmond Bordeaux Székely (der eng mit dem
Schriftsteller und Philosophen Aldous Huxley zusammenarbeitete) ist sich - wie
die Bestseller Autoren Michael Baigent und Richard Leigh - sicher, dass der
Vatikan wichtige Unterlagen versteckt. Doch geht er von ganz anderen Inhalten
in diesen Unterlagen aus. Nach seinen eigenen Angaben wurde ihm vom Leiter der
Vatikan-Archive einmal ausnahmsweise Zugang zu einem verschlossenen Raum in den
unterirdischen Gewölben gewährt. Er schreibt:
"Dort lagern Stapel
verstaubter Rollen von uralten Handschriften, darunter mehrere aramäische
Essener-Dokumente, aber auch unveröffentlichte Evangelien des Barnabas,
Jacob, Peter, Thomas und anderes mehr." Jahre vergingen, bis Edmond Bordeaux Székely nach
eigenen Angaben die geheim gehaltenen Inhalte - hauptsächlich durch Inspiration -
zu rekonstruieren versuchte und u. a. unter dem
Titel Das Friedensevangelium der Essener veröffentlichen konnte
(so der Titel von Buch 1, Verlag Bruno Martin, Südergellersen 1977; Buch
2: Die unbekannten Schriften der Essener, Frankfurt 1978).
Dieses Evangelium
enthält einige Informationen über die Essener, die auch schon durch die antiken
jüdischen Schriftsteller Josephus und Philo sowie den Römer Plinius
(Plinius der Ältere, Naturalis historia, Bd. 5, 73) bekannt wurden, und es rückt die
Essener sehr nahe an Jesus heran - wie bei der
Verschlusssache Jesu,
nur in diesem Fall aufgrund ganz anderer Inhalte. Nach Bordeaux Székely sind auch die
Essener pazifistisch. Sie hätten sich wie Jesus vom Kult und der Hierarchie
gelöst und stünden in intensiver Kommunikation mit der "Erdenmutter", mit "Engeln" und mit den Naturkräften.
Eine Frage dazu ist aber natürlich: Handelt es sich hier nun tatsächlich um
Inhalte aus alten "unterdrückten" "Essener"-Schriften?
Oder kann man nur sagen, dass sie im 20. Jahrhundert veröffentlicht wurden
und man nicht wisse, ob diesen "Inspirationen" ältere Quellen zugrunde
liegen.
Immerhin bestätigt der Historiker Flavius Josephus, dass die Essener keine Tieropfer darbrachten
(De bello Judaico 18,
11.18-22), was deutlich in die Richtung der These Székelys geht und auch
mit Jesus von Nazareth übereinstimmt, der die Tierhändler aus dem Tempel
trieb. Auch
schreibt der Römer Plinius der Ältere, dass eine große Gruppe der Essener
in En Gedi am Toten Meer lebte und eben nicht (!) in Qumran. Und in En Gedi wurde
1998 auch tatsächlich eine Siedlung aus dem 1. Jahrhundert ausgegraben. Auch
dies ist ein
starkes Indiz dafür, dass es sich bei der Gemeinschaft von Qumran und den
Essenern eben um zwei unterschiedliche Gruppen handelt: Die eine hätte demnach in
Qumran gelebt, die andere in En Gedi.
So ist es sehr gut möglich, dass Székely im Prinzip Recht hat und dass dann hinter den
Qumran-Schriften eben keine Qumran-"Essener" stecken, sondern Menschen und
ihre Lehren, die nicht in einem Atemzug mit den Essenern
genannt werden sollten.
Doch die Situation ist noch vielschichtiger:
Manchmal wird neben den Essenern
und Qumran
auch noch die Gruppe der Nazoräer genannt, die wiederum
verschiedentlich mit den so genannten "Essäern" zur Deckung gebracht wird.
Auch von
den Nazoräern wird berichtet, dass
sie z. B. Fleischnahrung und Tieropfer ablehnten (siehe dazu eine
Anmerkung). Anscheinend lehrte auch diese
Gemeinschaft
ähnlich bzw. teilweise gleich wie Jesus, pflegte aber - wie andere auch - mehr ihre Gruppen-Eigenheiten anstatt
die "Zeichen der Zeit" zu erkennen und sich dem Mann aus Nazareth
anzuschließen. Da allerdings "Essener" und "Nazoräer" genau wie Jesus
keine Tiere opferten, könnten
Essener und Essäer = Nazoräer auch identisch sein bzw. in ihren Lehren sich
weitgehend decken.
Die Funde von Nag
Hammadi - esoterische Strömungen unterschiedlicher Qualität
Gesichert sind in diesem Zusammenhang die
Funde
von Nag Hammadi am Nil. Dort lagen außerbiblische Evangelien seit dem 1.
Jahrhundert unter dem Wüstensand verschüttet
(z. B. das Thomasevangelium), und sie entgingen so der kirchlichen Dokumentenvernichtung, die v. a. im 4.
Jahrhundert wütete. Ein tragischer Höhepunkt war damals das "versehentliche"
Niederbrennen der größten Bibliothek der Antike in Alexandria im Jahr 389,
neun Jahre nachdem der Katholizismus zur Staatsreligion aufgestiegen war und
auf Abweichungen vom Katholizismus bereits die Todesstrafe stand. Die Mönche der Kirche hätten angeblich
"nur" den benachbarten heidnischen
Serapis-Tempel in Schutt und Asche legen wollen und verbrannten die größte
Bibliothek der Antike gleich mit.
Die Kirchenforschung bezeichnet diese Funde heute als "gnostisch" - ein negativer Sammelbegriff, mit dem im kirchlichen
Sprachgebrauch viele mystische bzw. esoterische Strömungen von sehr unterschiedlicher Qualität
zusammengefasst werden, um sie von
den eher kirchenkonformen Dokumenten einer zunehmend veräußerlichten
Religiosität zu unterscheiden. Tatsächlich enthalten diese Dokumente zu einem Teil
auch "urchristliches" Gedankengut.
Die Texte von Nag Hammadi
(http://de.wikipedia.org/wiki/Nag-Hammadi-Schriften) sind nun wiederum sehr
verwandt mit den inspirierten Texten von Dr. Edmond Bordeaux Székely und sie stehen
folglich Jesus von Nazareth und dem Urchristentum vielfach nahe. Von daher sind
Querverbindungen von deren Autoren zur Jesusbewegung auch hier viel deutlicher
als bei den Qumran-Texten.
Allerdings gibt es auch hier wieder sehr große Unterschiede zwischen den so
genannten "gnostischen"
Texten und den urchristlichen, was man gut am Beispiel des im Jahr 2006 erstmals
in Auszügen veröffentlichen Judasevangeliums sehen kann, das in den
70er-Jahren des 20. Jahrhunderts in Mittelägypten gefunden wurde. Demnach
habe z. B. Jesus Judas um den Verrat gebeten, um von seiner "körperlichen Hülle"
befreit zu werden - ein scheinheiliger Unsinn, denn Jesus wollte mit seinen
Jüngern und dem Volk die Fundamente für das Friedensreich auf Erden legen
und dieses in der Folgezeit weiter aufbauen. Und Jesus litt nicht an einer psychisch
hochproblematischen oder gar krankhaften Todessehnsucht oder dergleichen.
Auch zählt es zu den kirchlichen und teilweise auch "gnostischen" Lügen,
dass die Hinrichtung von Jesus angeblich notwendig gewesen wäre, um den
Menschen das "Heil" zu bringen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die religiösen Anschauungen im
Palästina des 1. Jahrhunderts sehr vielfältig waren (Pharisäer, Sadduzäer,
Zeloten, Qumraner, Essener/Nazoräer (Essäer), "Gnostiker" bzw. Esoteriker) und dass es der
Jesus-Bewegung nicht gelungen ist, zu einer mächtigen und friedvollen
Alternative heran zu wachsen, zu der Zug um Zug auch immer mehr ehemalige
"Esoteriker", ehemalige "Qumran-Leute", ehemalige "Essener",
ehemalige "Nazoräer", ehemalige Pharisäer usw. hinzu
gekommen wären.
Exkurs: Jesus und
das jüdische Gesetz
An dieser Stelle ist es sinnvoll, noch einmal inne zu halten, und sich die
Botschaft des Jesus von Nazareth, so weit sie bekannt ist, einmal im Hinblick auf
die damals geltenden religiösen Gesetzesvorschriften näher zu
betrachten, wie sie etwa von den herrschenden Parteien der
Pharisäer und Sadduzäer vertreten wurden.
Vor diesem Hintergrund kann man dann auch die Theorien über
Qumran und die Essener besser verstehen. Bezieht man hierzu die gesicherten Funde von Nag Hammadi in
ein mögliches Gesamtbild der damaligen Situation mit ein, dann könnte die
Botschaft von Jesus von Nazareth wie folgt in das zeitgeschichtliche
jüdische Umfeld eingeordnet werden:
Jesus und seine Nachfolger brachten keine neue Religion,
sondern sie wollten den Bund Gottes mit Mose im "Reich Gottes auf Erden"
praktisch in die Tat umsetzen.
Wenn Jesus von Nazareth hierbei von der Erfüllung des "Gesetzes" sprach
(Matthäus 5, 17 ff.), dann bezog er sich aber auf ein ursprüngliches
"Gesetz
Gottes" und nicht auf das bis heute im Alten Testament stehende "Gesetz", das
durch die Fälschungen von Priestern
im Laufe der Jahrhunderte entstanden ist und das zu Lebzeiten von Jesus vor
allem den Sadduzäern, Pharisäern und Qumranern als Grundlage diente. Ähnliches
wie von Jesus wird von
den Essenern berichtet.
Jesus ging davon aus, dass Mose in der Tat Grundzüge und viele
Einzelheiten des ursprünglichen "Gesetzes Gottes" offenbart wurden, wobei "Gesetz Gottes" einfach ein anderes Wort ist für
ein praktisches Leben im Geiste Gottes. Später erhielt Mose dann als
vereinfachten Auszug daraus die Zehn Gebote. Und was dieses "Gesetz" an weiteren
Einzelheiten beinhaltete, kann man wiederum an der Lehre von Jesus ablesen,
denn er sagte, nicht der "kleinste Buchstabe" würde vergehen (Matthäus 5, 18).
Demnach muss
man eine Identität dieses Gesetzes, von dem Jesus hier sprach, mit der Lehre von Jesus annehmen. Was heute
über Mose und das "Gesetz Gottes" im Alten
Testament zu lesen ist, steht aber vielfach im Widerspruch zu Jesus von Nazareth.
Und dafür gibt es eben diese einfache Erklärung, die auch durch viele Indizien belegt wird:
Die Texte im heutigen Alten Testament waren von Priestern massiv überarbeitet und verfälscht
worden
und Jesus bezog sich auf das ursprüngliche Gesetz Gottes und nicht auf dieses
verfälschte Alte Testament.
So lautet z. B. eine alttestamentliche Quellenschrift auch "Priesterschrift". Die Priester haben also dort (und nicht nur dort, sondern
z. B. auch in den Prophetenbüchern) die Geschichte Israels und seine
Ethik nach ihren priesterlichen Interessen umgeschrieben. In Wirklichkeit hat Mose aber z. B.
gar keine Gesetze verkündet, welche die Ermordung
von Menschen und Tieren (als Schlachtopfer) vorschreiben (siehe dazu auch
Der Theologe Nr. 26, Die Aufforderung zum
Völkermord in der Bibel und Der Theologe Nr. 8
über Widersprüche in der Bibel). Das ist die Geschichtslüge der Priesterschrift
bzw. ihrer Hintermänner,
denn diese Vorschriften stammen weder von "Gott" noch von Mose. Und Jesus hat klar
auf diesen Sachverhalt hingewiesen. Deshalb sahen
sich die Priester und
religiösen Obrigkeiten zur Zeit von Jesus aus den Kreisen der Pharisäer und
Sadduzäer von diesem auch entlarvt, und sie
stellten sich folglich gegen ihn. Und auch die
Bevölkerung und ihre zahlreichen weiteren Interessengruppen sind dem Mann aus
Nazareth schließlich nicht gefolgt. Und leider auch die Essener nicht,
obwohl auch sie wahrscheinlich von den Fälschungen wussten.
Mystiker und
Propheten
In diesem
Zusammenhang noch einmal zurück zu den Essenern, der Gemeinschaft von Qumran
und anderen verwandten Gemeinschaften der damaligen Zeit. Offenbar sind
sie alle letztlich mehr oder weniger dem Einflussbereich der
herrschenden Priester
und ihren mannigfachen Geschichtsfälschungen aufgesessen, obwohl sie mit dem offiziellen Amtspriestertum im
Widerstreit standen. So gab es nach Flavius Josephus auch bei den Essenern z. B. Priester,
obwohl Jesus und die Gottespropheten des Alten Testaments dies niemals
wollten. Und so betrachtete jede Gemeinschaft ihre Überzeugungen und das diesen
zugrunde liegende Schrifttum eben auch als "heilige Schriften", auf
die
man sich berufen hatte. Und es wäre ein wenig Mut nötig
gewesen, diese hier und da in Frage zu stellen, wenn Jesus von
Nazareth aufgrund seines mit der göttlichen Welt vereinten Bewusstseins über die darin noch enthaltenen Irrtümer aufklärt.
Jesus von Nazareth hatte diesen Mut
und auch den Verstand und das Bewusstsein dafür, den ganzen überlieferten Betrug
in allen seinen Details zu durchschauen:
"Ich aber sage euch" - mit diesen kraftvollen Worten widersprach er immer
wieder der gefälschten "heiligen" Überlieferung und er klärte
darüber auf, was genau Fälschung ist und was Wahrheit. Vieles davon ist in der
Bibel nachzulesen, vor allem in der Bergpredigt im Matthäusevangelium
(Kapitel 5-7).
Doch nur wenige vertrauten ihm.
Über das "Volk Israel" sagte Jesus:
"Wie oft habe
ich deine Kinder versammeln wollen wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel
und ihr habt nicht gewollt!" (Lukas 13, 34) In diesem Satz
spiegelt sich die ganze Tragödie der damaligen Zeit. Der "Kükenhaufen"
der unterschiedlichen Meinungen und Gepflogenheiten scharte sich nicht
hinter dem, der die ehrlich Suchenden einen sollte. Und der Schlange wurde
nicht, symbolisch gesprochen, der "Kopf zertreten", wie es in 1. Mose 3,
15 vorher gesagt wird. Stattdessen konnten sich die Priestermänner, die Feinde aller Propheten und
auch des kommenden Friedensreiches, deshalb in der Gesellschaft
behaupten. Sie konnten die Bevölkerung sogar so weit indoktrinieren oder
lähmen, dass es
möglich wurde, Jesus von Nazareth mithilfe der römischen Staatsmacht zu ermorden.
Und in all der Zeit seit diesen
schicksalhaften Ereignissen, in den letzten ca. 2000 Jahren, stellten sich -
wie schon zu seinen Lebzeiten - wiederum die Priester gegen Jesus, den
Christus - einst die jüdischen, später die kirchlichen. Und
letztlich waren und sind auch viele ursprüngliche Sympathisanten gegen ihn,
da sie nicht wagten und
wagen, den
Priestern ins Angesicht zu widerstehen und, symbolisch gesprochen, der
"Schlange den Kopf zu zertreten". So war es möglich, dass seit ca. 1700 Jahren
die Kirche die Botschaft des Jesus von Nazareth verbiegen,
verfälschen und vereinnahmen konnte und Jesus damit für die meisten Menschen
kalt stellen konnte. Und viele, die dies durchschauen, lassen es auch heute zu oder bleiben gar
Kirchenmitglieder - aus Trägheit oder wegen unaufgearbeiteter Ängste. Und
der kirchliche Weihrauch vernebelt leider auch das Bewusstsein vieler
anständiger Menschen, die sich bereits bei den Worten "Gott" oder "Christus"
abwenden, weil sie nicht eingeräuchert werden wollen. Ihnen ist nicht
bewusst, dass Christus und Kirche im Kern Gegensätze sind und dass jeder
Schritt von der Kirche weg oder aus der Kirche heraus ein Schritt auf
Christus zu ist
Hier kann auch die Einsicht helfen,
dass die Kirche vielfach sogar ihrer eigenen Bibel widerspricht (wie es z. B.
beispielhaft am Widerspruch zwischen Martin Luther
Jesus von Nazareth dargelegt ist). Und manche Überlieferung ist bereits im Neuen Testament selbst, das ja im
Auftrag von Papst Damasus I. im 4. Jahrhundert "vereinheitlicht" wurde, verfälscht dargelegt (siehe dazu
Der
Theologe Nr. 14, Hieronymus und die Entstehung der Bibel).
So wäre es auch kein Wunder, wenn in den dunklen
Kellergewölben in Rom tatsächlich weitere Informationen über Jesus und das Urchristentum unter
Verschluss gehalten werden. Denn so sprach - wie oben bereits erwähnt - Kirchenvater Hieronymus, der Letzt-Verfasser der katholisch verbindlichen Bibel, der lateinischen
Vulgata, z. B. von einem "geheimen" Urtext des Matthäusevangeliums, das sich
von dem biblischen unterscheide (vgl.
hier). Allein dieser Umstand
müsste eigentlich genügen, um auch der kirchlichen Bibel zu
misstrauen. Eine bleibende Frage für
alle Gottsucher lautet deshalb: Wo findet
man heute die unverfälschte Wahrheit über Jesus?
Eine mögliche Antwort dazu:
Neben all den Fragmenten gab es zu allen Zeiten auch einen lebendigen
Gottesgeist, der durch Mystiker und Propheten sprach (siehe dazu auch
Elia, Amos, Jeremia - Propheten als unbequeme
Mahner für ihr Volk - Gegensatz von Priester und Prophet). Diese
Propheten kamen meist auf den Scheiterhaufen der Kirche ums Leben. Doch
waren dies keineswegs die "falschen" Propheten, vor denen einst Jesus
gewarnt hatte.
Denn die Kriterien zur Unterscheidung von "richtig" und "falsch"
sind nach dem Alten Testament und Jesus folgende:
"Wenn ein Prophet im Namen des Herrn spricht
und sein Wort sich nicht erfüllt und nicht eintrifft, dann ist es ein Wort,
das nicht der Herr gesprochen hat. Der Prophet hat sich nur angemaßt, es zu
sprechen. Du sollst dich dadurch nicht aus der Fassung bringen lassen"
(5. Mose 18, 22)
"An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" (Matthäus 7, 20-21).
Und die meisten der Ermordeten hatten nun richtig prophezeit und ihr Leben wies nachweislich "gute Früchte" auf,
während die Geschichte der Kirche von einer grässlichen Blutspur durchzogen
ist, deren Verursacher bis heute vielfach als "Heilige" und
"Selige" verehrt werden.
Daraus lässt sich für alle gutwilligen Gottsucher offensichtlich ableiten, wer die "falschen
Propheten" sind, welche die Menschen in die Irre geführt haben und sie bis
heute in die Irre führen.
Und auch in unserer Zeit gibt es weise
Menschen und Propheten, durch die z. B. Christus zu den Menschen sprechen
kann, wie er dies auch in der Zeit des frühen Urchristentums noch
selbstverständlich getan hat. Die
durch eine Prophetin vermittelte umfangreiche Darlegung Das ist Mein Wort
aus dem Jahr 1989 (siehe oben) ist
eines der aktuellsten Beispiele für mögliche Christusworte durch Prophetenmund
in unserer Zeit.
Anmerkungen:
1) Inwieweit die
Gemeinschaft von Qumran mit den "Essenern" identisch ist oder sich
von ihnen unterscheidet bzw., ob es sich in Qumran in der Nähe des Toten
Meeres um eine bestimmte Gruppe
der Essener
handelt oder eine eigene Gemeinschaft, gilt in der Wissenschaft als
umstritten. Ob die Gemeinsamkeiten der Schriften von Qumran mit antiken
Beschreibungen der "Essener" ausreichend sind, um von "Qumran-Essenern"
sprechen zu können, wird seit ca. Ende der 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts
von einer zunehmenden Anzahl von Wissenschaftlern nicht mehr befürwortet.
Und auch wir halten es für wahrscheinlicher, dass Qumraner und Essener zwei
verschiedene Gemeinschaften waren. So kommt etwa der Begriff "Essener" in der Qumran-Schriften wörtlich gar
nicht vor, allerdings auch nicht die Ortsbezeichnung Qumran. Deshalb ist es
gut denkbar, dass die
als Essener beschriebene Gruppe mit den Schriftrollen von Qumran
nur wenig oder sogar nichts zu tun hat. Es ist noch nicht einmal sicher,
inwiefern die dort gefundenen Schriftrollen überhaupt das Leben jener beschreiben, die
dort auch lebten. Zu dieser Unklarheit trägt bei, dass die Inhalte als uneinheitlich angesehen
werden. Tatsache ist lediglich: Es
gab damals in Palästina eben nicht nur die aus der Bibel bekannte Jesus-Bewegung
und demgegenüber die gegnerischen Pharisäer und Sadduzäer. Sondern es gab
viele Gruppen und Anschauungen mehr. Wir gehen einmal davon aus, dass die
Gemeinschaft von Qumran bzw. die "Qumraner" in den gefundenen Schriftrollen
teilweise ihr eigenes Gedankengut und ihre Lehren niedergelegt hat. Tatsache ist jedoch, dass in Qumran
nicht die Nachfolger des Jesus von Nazareth lebten und dass auch die Essener
nicht identisch mit den Nachfolgern Jesu sind.
2) Meistens gelten die Begriffe
Essener und
Essäer als zwei unterschiedliche Bezeichnungen für dieselbe Gruppe,
und sie werden dann wie Synonyme verwendet. Dies geht zurück auf die
antiken Schriftsteller Josephus, der von "Essenoi" (= Essener) sprach
bzw.
von Philo, bei dem von "Essaio" (= Essäer) die Rede ist. In dieser Studie
wird - wie mehrheitlich - von den
Essenern
gesprochen (Die Betonung liegt dabei auf dem zweiten "E" im Unterschied zu den
Bewohnern der Stadt Essen, bei denen das erste "E" betont wird).
Denkbar ist jedoch auch, dass die
Essäer eine
eigenständige Gruppierung wären, die möglicherweise identisch mit den
Nazoräern sind.
Das Wort
"Nazoräer" war ursprünglich ein Wortspiel des
Evangelisten Matthäus, das auf die
Nazarener
abzielte, die Bewohner der Stadt Nazareth (2, 19-23).
In Anlehnung an den aus dieser
Stadt stammenden - und deshalb im Volksmund auch "Nazarener" genannten - Jesus nannte man auch
seine Anhänger manchmal "Nazarener", bevor sich mit der Zeit das Wort
"Christen"
durchsetzte. Das Wort "Nazoräer" dient später offenbar jedoch auch einer urchristlich
orientierten Kleingruppe als Selbstbezeichnung. In der
kirchlich-theologischen Wissenschaft identifiziert man sie mit den syrischen
"Judenchristen" (also den Juden, die in Syrien Christen geworden
waren) und man weiß auch von einem Nazöräerevangelium.
3) Verwechslungsgefahr besteht hier auch mit den "Nasiräern". Ein
Nasiräer war
ein gläubiger Jude, der sich gemäß dem 4. Mosebuch, Kapitel 6 besondere Verpflichtungen
auferlegte, um sich durch eine gewisse Enthaltsamkeit und durch das Erfüllen
bestimmter kultischer Vorschriften Gott "weihen" zu wollen. Dazu
gehörte vor allem, keinen Alkohol zu trinken, sich keinem Grab
oder einer Leiche zu nähern und sich Haare und Bart nicht zu schneiden. Das Nasiräer-Gelübde wurde meist auf Zeit abgelegt, und an dessen Ende musste ein
Tier zur Opferung geschlachtet werden. Doch auch ein lebenslanges
Versprechen war möglich. Mit Jesus von Nazareth und dem
Urchristentum hat dieses kultische Gelübde allerdings nichts zu tun:
Jesus
trank gelegentlich Wein, hatte keine Berührungsängste bei Verstorbenen und
ein seriöses und gepflegtes äußeres Erscheinungsbild - andernfalls wäre ihm
das sicher von seinen Gegnern vorgehalten worden. Des weiteren lehnte er
Tieropfer ab und kultische Vorschriften waren ihm - gelinde gesagt - völlig unwichtig.
Jedoch sollen einige Nachfolger von Jesus in ihrer Vergangenheit einmal
das Nasiräer-Gelübde abgelegt haben, was gut vorstellbar ist, da vor allem
ernsthaften Gottsuchern das Ablegen dieses Gelübdes nahe gebracht worden war.
Vielleicht war Johannes der Täufer zumindest zeitweise Nasiräer
(vgl.
Lukas 1,15; doch Achtung! Wenn jemand aus welchen Gründen auch immer
auf das Trinken von Alkohol verzichtete, war er damit noch lange kein
"Nasiräer") und später vielleicht auch der Kirchenlehrer Paulus
(Apostelgeschichte 18, 18).
|
Der Text kann wie folgt zitiert werden:
Zeitschrift "Der Theologe", Hrsg. Dieter Potzel, Ausgabe Nr. 15: Die Essener und die
Schriften von Qumran, Würzburg 1992, zit. nach
http://www.theologe.de/theologe15.htm,
Fassung vom 27.4.2011 |
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