DER THEOLOGE
Nr. 75


Eine alternative Stadtführung durch Würzburg

Die Stadt, in der die Steine schreien

Willkommen zu einer alternativen Stadtführung durch Würzburg. Wir werden die Stadt heute einmal von einer etwas anderen Seite beleuchten, als das üblich ist. Und wir beginnen den Rundgang auf dem Bahnhofsvorplatz von Würzburg.

Das erste, was uns ins Auge fällt, ist ein Brunnen mit der Statue des heiligen Kilian – ein Geschenk des Prinzregenten Luitpold von Bayern Ende des 19. Jahrhunderts an  die Stadt.

Kiliansstatue am Bahnhof

Dieser Prinzregent war sehr katholisch. Er hat entschieden: Dieser Kilian soll sehr wichtig für die Identität der Stadt Würzburg sein. Denn mit diesem Mann, der vor 1300 Jahren gelebt hat, begann der Aufstieg Würzburgs zu einer bedeutenden Stadt des Mittelalters. Doch Geschichte besteht nun mal aus Geschichten, und nicht alle Geschichten sind wahr. Und deshalb werden wir uns im Verlauf des Rundwegs noch näher mit dieser Gestalt des Kilian beschäftigen und ergründen, wer er eigentlich gewesen ist.

Was macht ein Tourist, wenn er neu in eine Stadt kommt? Er besorgt sich zunächst einen Stadtplan, um sich zu orientieren. Am Würzburger Bahnhof ist auch eine große Tafel mit Stadtplan aufgestellt. Was gleich auffällt: Wir sehen eine merkwürdige Form. Das ist die Form einer Mütze (hier in gelben Konturen nach rechts liegend), und zwar einer Bischofsmütze. Wir sehen hier, wie bis heute Straßen drum herum verlaufen. Als man im Mittelalter die Stadtmauer (innerhalb des heutigen Ringparks) angelegt hat, hat man sie bewusst in Form einer Bischofsmitra gebaut – ein Ausdruck der Macht der Kirche über diese Stadt.

Dieses Denkmal auf der Juliuspromenade hat schon ein bisschen Patina angesetzt. Aber es ist noch deutlich zu erkennen: Hier haben wir Julius Echter von Mespelbrunn, den Fürstbischof von Würzburg. Er hat gelebt am Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts, also am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges. Und sehr vieles in der Stadt ist nach ihm benannt. Wir haben ein Julius-Echter-Weißbier, die Juliuspromenade, eine Echter-Apotheke, eine Echter-Galerie gleich gegenüber und wir haben das Echter-Haus, das natürlich der Kirche gehört, wie so vieles hier in Würzburg.

Echter-Denkmal, Juliuspromenade

Und gleich gegenüber blicken wir auf das imposante Julius-Spital, das Julius Echter erbauen ließ. Es ist bis heute in Betrieb. Es hat nur einen kleinen "Schönheitsfehler": An dieser Stelle befand sich zuvor der Friedhof der Juden. Ein Friedhof ist für Juden etwas ganz Kostbares, Unantastbares.

 
Julius-Spital

Es war also ein großer Frevel, dass der Bischof den jüdischen Friedhof einebnen ließ. Aber Julius Echter waren alle Mittel recht, denn er wollte die Stadt um jeden Preis wieder vollständig katholisch machen. Im Jahr 1587 hat er dann sogar die Protestanten aus der Stadt vertrieben. Diese mussten auf Anordnung des Bischofs alle an Ostern zur Beichte gehen. Wer nicht zur Beichte ging, wurde von den Beamten des Bischofs verhört und musste innerhalb von wenigen Monaten – wenn er nicht katholisch werden wollte – die Stadt verlassen. Viele der wirtschaftlich aktiven Mitbürger gingen nach Schweinfurt. Auch heute noch, mehr als 400 Jahre später, sind die Spätfolgen dieser Vertreibung an der Wirtschaftsstruktur ablesbar: Schweinfurt hat wesentlich mehr Industrie und Arbeitsplätze im Verhältnis zur Bevölkerungszahl als das größere Würzburg

Und es gibt noch einen weiteren "Schönheitsfehler" bei Julius Echter: Er hat auch begonnen mit dem sogenannten "Hexenbrennen". Im Jahr 1617 hat er von der Kanzel im Würzburger Dom verkünden lassen, dass er in einem Jahr 300 Hexen hat verbrennen lassen. Darauf war er sehr stolz. Und er hat in seiner Diözese, in Gerolzhofen, Verbrennungsöfen einrichten lassen - Verbrennungsöfen für Hexen. Gerolzhofen war sozusagen die Sammelstelle, an die er die sogenannten Hexen und Zauberer aus der Stadt bringen ließ. War das eine Art Vorbild für spätere Verbrennungsöfen …. ?

Hier, im Juliusspital, wurden sogar Kinder eingesperrt und verhört, weil man sie für Hexen gehalten hat. Auch zahlreiche Kinder wurden in Würzburg umgebracht.

Noch im 20. Jahrhundert gab es in Franken einen Kinderreim, der lautete: Julius Echter, Spitzbub-Schlächter! Wer als Kind den Reim nicht verstand, der dachte vielleicht, Julius Echter sei ein "schlechter Spitzbube" gewesen. Es war aber gemeint: Julius Echter hat die Spitzbuben geschlachtet. Er war auch ein brutaler Kindermörder. Das alles ist aber bis heute nicht so wichtig für diese Stadt, denn man trinkt gemütlich weiter sein Echter-Weißbier, und solche Dinge werden bei Fremdenführungen meist nicht so gerne erwähnt.

In diesem Hexenturm (in der Nähe des Gerichtsgebäudes an der Ottostraße) wurden zahllose Hexen eingesperrt und gefoltert. Ihren Höhepunkt erreichte die Hexenverfolgung, die hier besonders effektiv und im Reich als "Würzburgisch Werk" bekannt war, im 17. Jahrhundert unter Bischof Philipp Adolf von Ehrenberg. Er hat diese Hexenverfolgung persönlich vorangetrieben. Dabei sind in Würzburg über 900 Männer und Frauen verbrannt worden, manche bei lebendigem Leib.

Der Hexenturm


Philipp Adolf von Ehrenberg war übrigens ein Neffe des Bischofs Julius Echter, dem wir bereits begegnet sind. Und dieser Onkel, Julius Echter, sorgte besonders sorgfältig für die Erziehung seiner beiden Neffen – denn er hatte noch einen weiteren. Dieser hieß Georg Fuchs von Dornheim. Auch dieser Neffe wurde Bischof und einer der größten Hexenbrenner Deutschlands, nämlich in Bamberg. In Bamberg kamen über tausend Menschen zu Tode. Dabei sind die Menschen, die sich vor lauter Verzweiflung im Gefängnis selbst umgebracht haben, noch gar nicht mitgerechnet. 

Die letzte Hexe Würzburgs wurde im Jahr 1749 umgebracht, das war die offenbar geistig verwirrte Priorin des Klosters Oberzell, Renata Maria Singer. 

Es gibt ein Dokument, welches belegt, dass alle Schichten der Bevölkerung von diesem Hexenwahn betroffe waren. Dieser wurde schon im 15. Jahrhundert durch das Buch Der Hexenhammer“ und durch die Hexenbulle des Papstes Innozenz VIII. angeheizt. Und wenn diese Mühle einmal losging, dann gab es kaum ein Entkommen. Das Würzburger Dokument trägt den Namen Verzeichnis der Hexenleut. So zu Würzburg mit dem Schwert gerichtet und hernach verbrannt worden. Es stammt aus dem Jahre 1629. Darin steht:

"Im ersten Brand 4 Personen, im mittleren die alte Ankerswitwe, die Gutbrotin, die dicke Hökerin. Im anderen Brand 4 Personen: Die alte Beutlerin, zwei fremde Weiber, die alte Schenkin. Im dritten Brand fünf Personen: Der Hungersleber, ein Spielmann, die Kuhlerin, die Stierin, eine Prokuratorin, die Bürstenbinderin, die Goldschmiedin. Im vierten Brand fünf Personen. Im fünften Brand acht Personen … Im sechsten Brand sechs Personen … Im achten Brand sieben Personen … im neunten Brand 5 Personen … Im 10. Brand drei Personen … Im 13. Brand 4 Personen, im 15. Brand zwei Personen, ein Knab’ von 12 Jahren, ein klein Mägdlein von 9 oder 10 Jahren, ein Geringeres, ihr Schwesterlein; der Bernhard Mark, Vikarius am Domstift ist lebendig verbrannt worden"
usw., usw.

Man hat sich daran gewöhnt, dass in vielen Hauptstädten Europas Obelisken stehen. Die größten stehen in Rom, aber auch in London oder in Paris gibt es welche. Auch hier in Würzburg steht einer. Doch was war ein Obelisk ursprünglich? Im alten Ägypten und im alten Babylon war es ein Symbol für die Gewaltherrschaft der Diktatoren. Ein Obelisk sieht ja aus wie eine Antenne, manche sagen auch: Sie standen möglicherweise in Verbindung mit ihren Vorfahren, die ihnen mitteilen konnten, wie sie ihre Gewaltherrschaft noch grausamer ausüben konnten.

Marienkapelle mit Obelisk

Und es war gleichzeitig ein Symbol für ein Hinrichtungsinstrument. Denn wer eine abweichende Meinung hatte, wer gegen den Diktator war, der wurde gepfählt - eine sehr grausame Hinrichtungsmethode. Aber in Würzburg stehe dieser Obelisk wohl nur rein zufällig, so denken manche.

Hier auf dem Marktplatz der Stadt Würzburg – gleich hinter dem Obelisken – sehen wir auch die Marienkapelle. Bis zum Jahr 1349 stand hier aber keine Kirche, sondern hier befand sich das jüdische Ghetto. Die Juden mussten genau hier wohnen – das ist nämlich die tiefste Stelle des Würzburger Talkessels. Hier sind die Abwässer durchgelaufen in den Fluss hinein. Hier waren die meisten Mücken, hier waren Sümpfe usw. Dort haben die Juden leben  müssen. Und genau hier stand auch ihre Synagoge. Damals wurde die Ghettoisierung der Juden durch die antijüdische Ständegesellschaft und die römisch-katholische Kirche vorangetrieben.

Im Jahr 1349 ist dann die Pest in Europa ausgebrochen, und man hat einen Sündenbock gesucht. Und das waren einmal mehr die Juden. In ganz Europa wurden in diesem Jahr die Juden umgebracht oder vertrieben, auch in Würzburg. Und man hat hier an der Stelle der Synagoge eine Kirche gebaut. Man hat dann gesagt, das sei eine "Sühnekirche". Doch wenn man jetzt annimmt, die Würzburger hätten damals gespürt, dass sie etwas Unrechtes gemacht hätten, dann wird man enttäuscht: Eine "Sühnekirche" ist es deshalb, weil man "Sühne" dafür leistete, dass man überhaupt an dieser Stelle Juden hat wohnen lassen.

Gedenktafel an der Marienkapelle

Wenn Sie jetzt sagen, sie verstehen diese Logik nicht, dann liegen Sie in diesem Fall richtig. Denn um die zu verstehen, muss man wahrscheinlich viele Semester katholische Theologie studiert haben.

Portal der Marienkirche

Die Marienkapelle wurde hauptsächlich von den Würzburger Bürgern gebaut. Die hatten eine gewisse Freiheit, wie sie den Bau gestalten wollten. Hier im Portal sehen wir oben Christus mit den zwei Schwertern der Entscheidung. Und darunter sehen wir das sogenannte "Jüngste Gericht". Im unteren Feld links stehen "die zu Seiner Rechten", die in den Himmel aufgenommen wurden. Rechts stehen "die zu Seiner Linken", und die verschwinden in der Hölle. Im Höllenschlund sperrt rechts ein riesiger Drache sein Maul auf. Wenn wir mal etwas rüberschauen, fast in die Mitte, dann sehen wir ein faszinierendes Detail: Hier ist offenbar ein Bischof mit dabei, schräg nach links liegt er mit seiner Bischofsmütze! Wer ist das gewesen? Für die Würzburger ist es eindeutig: Das war Gerhard von Schwarzburg.

Bischof Gerhard von Schwarzburg (ca. 1335-1400) hat zweimal gegen die Bürger der eigenen Stadt Krieg geführt. Das erste Mal griff er zu den Waffen, als er zum Bischof ernannt wurde. Da wollten ihn die Bürger erst einmal gar nicht haben. Doch er hat seine Truppen gesammelt, hat die Bürger besiegt und wurde wie geplant Bischof. Dann gab es aber keine Ruhe, denn er hat hohe Steuern erhoben. Die Bürger haben sich irgendwann geweigert, diese Abgaben zu zahlen. Dann hat der Bischof sie exkommuniziert, das heißt, sie durften keine Messe mehr feiern, keine Beerdigung, keine Kinder taufen. Das war für die Menschen der damaligen Zeit eine schwere Strafe, denn sie haben ja geglaubt, dass es eine ewige Hölle gibt. Das hat die Kirche ihnen beigebracht über Jahrhunderte. Und sie war dann zutiefst erschrocken, dass sie jetzt – wenn sie sterben würden – in die Hölle kommen müssten. Trotzdem haben sie "durchgehalten". Sie haben sogar versucht, die Festung zu erobern. Es hat nicht geklappt. Der Bischof hat Truppen gesammelt und hat die Stadt belagert, und es kam zur entscheidenden Schlacht im Januar 1400.

Es war bitterkalt, und der Bischof hat den Bürgern eine Falle gestellt: Es gab ein Lager mit Nahrungsmitteln außerhalb der Stadt am Friedhof von Bergtheim. Dort sind die Bürger hin, um dieses Lager zu erobern. Dort lagen jedoch die Reiter des Bischofs auf der Lauer und haben die Bürger besiegt. Ein Drittel der männlichen Einwohner der Stadt ist in diesem Krieg gefallen, und hinterher hat der Bischof grausame Rache genommen. Er hat die Rädelsführer grausam umbringen lassen; und von da an war jede Bestrebung der Stadt nach Selbstständigkeit im Keim erstickt.

Eine kirchenfreundliches Sprichwort lautet zwar "Unter dem Krummstab ist gut leben". Aber für die Würzburger und sehr viele andere hat das nur selten gegolten. Sie haben sich sogar erheblich dagegen gewehrt, unter dem Krummstab zu leben. Einmal, im Jahr 1397, wollten sie sogar "Freie Reichsstadt" werden. König Wenzel aus Prag war damals zu Besuch in Würzburg, der deutsche König.

Rathaus

Er wurde sehr feierlich empfangen, hier oben, im schönsten Saal des Rathauses, der bis heute "Wenzelsaal" heißt. Und er hat der Stadt versprochen: Wir machen euch zur freien Reichsstadt.

Kurze Zeit später haben ihn jedoch die Fürsten und Bischöfe in Frankfurt massiv unter Druck gesetzt, und Wenzel musste seine Entscheidung zurücknehmen. Würzburg wurde keine freie Reichsstadt, konnte sich nicht selbst verwalten, sondern es unterstand weiterhin der Herrschaft des Fürstbischofs. 

Alte Mainbrücke

Hier kommen wir an einen ganz wichtigen Ort der Stadt, ein Ort wie ein Wohnzimmer, das ist die alte Mainbrücke. Das war früher nicht nur ein Ort der Verbindung zwischen zwei Ufern, sondern ein Versammlungsplatz, ein Platz des Austausches von Informationen, ein Gerichtsplatz. Und hier haben wir viele Figuren. Wo kennen wir eine Stadt mit so vielen Figuren auf der Brücke? Das ist zum Beispiel Prag. Diese beiden Städte haben tatsächlich einiges gemeinsam: Wir haben hier einen Talkessel mit einer Altstadt, wir haben die Brücke mit den vielen Figuren wie die Karlsbrücke in Prag.

Blick von der Alten Mainbrücke auf Käppele (links oben im Hintergrund) und Festung (rechts)
 

Von der Alten Mainbrücke aus blicken wir hinauf zur Festung, ein weiteres Symbol der Herrschaft, das wäre in Prag der Hradschin; hier ist es die Marienfestung. Von unten aus gesehen rechts daneben sehen wir den Turm des Käppele, ein Kloster, das wäre in Prag Kloster Strachov. Es gibt also sehr viele Gemeinsamkeiten. Der Unterschied ist: In Prag ist die trutzige Festung oben das Symbol der Herrschaft des böhmischen Königs gewesen; hier ist sie das Symbol der Herrschaft der Fürstbischöfe. Und die Bischöfe waren es auch, die im 18. Jahrhundert diese Figuren auf die Brücke stellen ließen. Welche haben sie ausgewählt?

Wir haben vorhin gesagt: Geschichte, das sind Geschichten, da verbirgt sich etwas dahinter. Und dieser Frage wollen wir einmal nachgehen: Was haben diese Figuren zu erzählen?

Kilian

Hier finden wir zunächst Kilian wieder, den wir vorhin am Bahnhof gesehen haben. Hier steht er auf der Brücke. Kilian war ein iro-schottischer Mönch, der im 7. Jahrhundert mit seinen zwei Gefährten nach Europa gekommen ist, und sie haben ihre Form des Christentums hergebracht.

Das war keine katholische Form, o nein, sondern es war ein keltisches Christentum: Das war naturverbunden, sie haben den freien Willen des Menschen respektiert, und die Iren haben damals aus freien Stücken, ohne Einflussnahme von außen, das Christentum als ihre Religion angenommen.

Jetzt stellt sich aber die Frage: Wie wurden aus diesen freien keltischen Christen "katholische Heilige"? Da müssen wir jetzt noch einen Schritt weitergehen und eine weitere Figur aufsuchen am Ende dieser Brücke.

Burkhard

Hier haben wir jetzt den Mann, der dafür gesorgt hat, dass Kilian die Hauptfigur geworden ist in dieser Stadt. Dieser Mann heißt Burkhard, ursprünglich ein Engländer, und er kam  im 8. Jahrhundert hierher nach Würzburg, als erster Bischof dieser Stadt. Jetzt muss man sich vorstellen: Der saß damals oben auf der Festung, hat runtergeschaut und hat sich Gedanken gemacht: ´Was mache ich nun mit ´meiner` Stadt? Was ich bräuchte, das wäre eine Wallfahrtskirche. Das würde Leute in die Stadt bringen, das würde Geld bringen.`

Nur, woher nehmen und nicht stehlen? Und da hatte er eine raffinierte Idee: ´Wenn ich eine Wallfahrtskirche bauen könnte, dann bräuchte ich dazu Knochen, möglichst von Märtyrern.` Und wo soll die Kirche stehen, wo diese Knochen dann hinein sollen? Nicht da oben auf der Festung, sondern die soll hier unten mitten in der Stadt stehen, wo die Handelswege durchlaufen.

Und Burkhard ist mal in die Stadt hinunter gegangen, hat ein bisschen gegraben und siehe da: Unter einem Pferdestall hat er tatsächlich ein paar Knochen gefunden. Das war nun die Gelegenheit und Burkhard hat verkünden lassen: "O Wunder, o Wunder! Das müssen die Knochen des heiligen Kilian sein und seiner zwei Gefährten. Sie seien an dieser Stelle ermordet worden." Da haben die Leute vermutlich geantwortet: "Ermordet? Und ausgerechnet hier bei ins? Da wissen wir doch gar nichts davon!"
Darauf hin hat Burkhard eine Legende erfunden, die ungefähr so lautet:

Als nämlich diese drei iro-schottischen Mönche hier waren, haben sie sich dem Herzog Gosbert vorgestellt. Und Herzog Gosbert hatte eine Frau geheiratet, die hieß Gailana. Es ist zwar historisch gar nicht verbürgt, dass es diese Frau gegeben hat (ebenso wenig wie Kilians angebliche Gefährten Kolonat und Totnan), aber die Legende besagt es eben so. Und die Legende besagt weiter, dass diese Gailana die Frau des zuvor verstorbenen Bruders von Gosbert gewesen sei. Und angeblich hat Kilian daraufhin gesagt: "Das geht nicht. Nach römischem Kirchenrecht darfst du die Frau eines Verwandten, deines Bruders, nicht heiraten."
Doch nach germanischem Recht musste Gosbert das tun, das wurde von ihm sogar verlangt, damit alles in der Familie bleibt. Es war also ein Zwiespalt. Und als Gosbert auf Reisen war, hat angeblich Gailana veranlasst, dass der Kilian und seine zwei Gefährten umgebracht und im Pferdestall verscharrt worden sind.

Soweit also die Legende, die der Katholik Burkhard, erfunden hat, und er hat damit den keltischen Christen Kilian zum katholischen Heiligen gemacht – und zwar mit einer Legende, die 150-prozentig katholisch ist, denn sie beinhaltet: Ein Katholik lässt sein Leben dafür, dass das römische Kirchenrecht durchgesetzt wird!

Wache Zeitgenossen werden spätestens hier misstrauisch: Das ist eigentlich zu katholisch, um wahr zu sein. Und in der Tat: Es ist äußerst unwahrscheinlich, das geben selbst katholische Historiker zu, dass Kilian ausgerechnet hier gestorben ist. Er ist vielmehr weitergezogen nach Norddeutschland. Im Raum Paderborn gibt es weit mehr Kiliansstätten als hier in der Gegend. Aber bis heute erzählt man den Menschen in Würzburg diese Geschichte; und bis heute werden die Knochen, beziehungsweise die Häupter dieser drei angeblichen Märtyrer in Prozessionen durch die Stadt Würzburg getragen – jedes Jahr.

Die angeblichen Totenschädel von Kilian, Totnan und Kolonat werden im Kristallglas-Schrein Jahr für Jahr feierlich durch Würzburg getragen - doch es ist alles nur Legende, also Lug und Trug

Jedes Jahr zu Fronleichnam macht sich eine Gruppe tausendprozentig überzeugter Katholiken auf zu einem kleinen Rundgang durch die Stadt. Mit im Gepäck sind damals wie heute die angeblichen Schädel von Kilian und seinen beiden Gefährten, denen von der katholischen Kirche eine segensbringende Wirkung zugeschrieben wird. Wer also glaubt, Reliquienkult sei Vergangenheit, der irrt. Überzeugte Katholiken glauben noch immer an die Heilswirkung der alten Gebeine. Die Überreste der Frankenapostel werden in einem Kristallglas-Schrein durch die Straßen getragen und den Bürgern zur Schau gestellt. Dass die Häupter wirklich von Kilian  und Co. stammen, ist äußerst  unwahrscheinlich. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Die feierliche Prozession mit dem Bischof endet im Würzburger Dom, wo unter dem Altar die restlichen Knochen der drei Märtyrer beigesetzt wurden.

Die Schädel aber liegen das Jahr über in dieser Kirche, im Neumünster. Und hier war angeblich auch der Pferdestall, in dem ihre Knochen auf wundersame Weise zum Vorschein gekommen sind. Wenn man allerdings Kirchenhistoriker fragt, auch katholische, wie es wirklich gewesen ist, wird man sehr schnell feststellen, dass diese ganze Geschichte wissenschaftlich nicht zu halten ist. Aber dem Volk erzählt man etwas anderes. Über die wahren Hintergründe dieses Geschehens wissen die wenigsten etwas; und so könnte man sagen: Geschichte ist doch meistens die Geschichte der Sieger – der Sieger, die sie in ihrem Sinne verändert und gefälscht haben, so wie sie es gerne gehabt hätten. Und in Würzburg, wer war hier der Sieger? Das war eindeutig die katholische Kirche.

Neumünsterkirche

Zurück zu Burkhard auf der Alten Mainbrücke, der dazu, wie wir gesehen haben, einen wesentlichen Beitrag leistete. Er tat dies aber nicht nur in Würzburg, sondern weit darüber hinaus. Er steht nämlich noch aus einem anderen Grund hier auf der Brücke: Er hat dafür gesorgt, dass der Filz zwischen Staat und Kirche so richtig angefangen hat. Zu seiner Zeit hieß der Frankenherrscher Pippin, aber der hatte ein Problem: Sein Vater, Karl Martell, war nicht der legale Thronfolger. Er hatte sich den Thron geraubt. Um ihren Machtanspruch zu bekräftigen, wollten die Martells eine Legalisierung der Herrschaft erreichen. Und wer konnte dies tun? Der Papst! Denn der Papst hat sich schon damals angemaßt, staatliche Gewalt zu legitimieren. Im Jahr 751 ist Burkhard im Auftrag von Pippin nach Rom gereist. Dort hat er dem damaligen Papst Zacharias eine Frage von Pippin übermittelt, und diese lautete: "Wer soll in einem Land regieren? Der, der offiziell Thronfolger ist oder der, der die Macht wirklich ausübt?" Zacharias hat ein bisschen darüber nachgedacht und dann wunschgemäß geantwortet: "Der soll die Macht haben, der sie auch wirklich ausübt". Und das war ja nur konsequent, denn mit dem, der die Macht nicht hat, kann die Kirche nun mal nichts anfangen!

Pippin

Und hier steht er nun, der Pippin, für den Burkhard nach Rom gefahren ist, und der sich dann später  vom Papst zum fränkischen König hat krönen lassen. Dieser Pippin hat sich noch etwas anderes unterjubeln lassen, nämlich die sogenannte "Konstantinische Schenkung". Das war der größte Betrug der Weltgeschichte. Denn die päpstliche Kanzlei hatte in dieser Zeit eine Urkunde gefälscht, und darin stand sinngemäß: Kaiser Konstantin hat schon im 4. Jahrhundert dem Papst halb Italien zum Geschenk gemacht.

Das war zwar von vorne bis hinten gefälscht, aber Pippin hat es geglaubt. Und er hat darauf hin dafür gesorgt, dass diese Ländereien tatsächlich dem Papst unterstellt wurden. Er hat auf Verlangen des Papstes sogar Krieg gegen die Langobarden geführt, einen germanischen Volksstamm in Italien, der sich nicht dem Machtanspruch des Papstes beugen wollte. Er hat sie besiegt und anschließend dem Papst die Herrschaft über deren Gebiete überlassen. Durch diese "Schenkung" Pippins entstand der Kirchenstaat, der später bis auf die Fläche der heutigen Schweiz anwuchs und Italien über tausend Jahre lang zweiteilte. Das war also Pippins Gegenleistung dafür, dass der Papst seinen Herrschaftsanspruch legitimiert hatte.

Die Einmischung des Papstes in die Angelegenheiten der Thronfolge in Deutschland hat später dazu geführt, dass Bürgerkriege und Kriege in Deutschland begannen sowie Kämpfe zwischen Kaiser und Papst. Es gibt also viele Gründe, weshalb man sagen kann: Aus Sicht der Kirche hat Pippin es wirklich verdient, hier oben zu stehen. Nur aus Sicht der deutschen Geschichte muss man sagen: Pippin war einer der verhängnisvollsten Herrscher, man könnte auch sagen: einer der größten Trottel, die je in Deutschland regiert haben.

Karl der Große

Und weil wir gerade bei den Karolingern waren: Hier haben wir noch einen von dieser Sorte. Hier haben wir Karl den Großen, den Sohn von Pippin, den wir gerade gesehen haben. Karl der Große war mindestens genauso brutal und angriffslustig wie sein Vater – vielleicht sogar noch mehr. Es gab kaum ein Jahr in seiner Regierungszeit, in dem er keinen Angriffskrieg geführt hat.

Er hat zum Beispiel auch die Sachsen mit Feuer und Schwert unterworfen. Und er hat sie gezwungen, Katholiken zu werden. Und wer dem Priester nicht gehorchte oder nicht fasten wollte, der wurde mit dem Tode bestraft. Karl der Große selbst hat aber nicht so gerne gefastet.

Und auch der "Heilige" Karl hat sich vom Papst zum Kaiser krönen lassen. Damit hat er aber Europa nicht geeint, wie man später immer wieder behauptet hat, sondern er hat es gespalten. Bis dahin gab es nur die byzantinischen Herrscher, die den Anspruch erhoben, in der Nachfolge der römischen Cäsaren Kaiser zu sein. Jetzt gab es zwei in Europa. Für die Romkirche war das natürlich gut, denn sie konnte auf die katholische Hälfte Europas nun einen Anspruch erheben und hat das auch getan. Die Päpste waren also sehr zufrieden mit ihm!

Bruno

Und zufrieden war die Kirche auch mit diesem hier: Bischof Bruno, im 10. Jahrhundert Bischof von Würzburg. Nicht nur Kaiser waren im Mittelalter sehr kriegerisch; auch viele Bischöfe zogen sehr gerne mit den Kaisern in die Schlacht, haben oft auch ihre eigenen Truppen angeführt, wie zum Beispiel Bruno. 

Und da war es nur folgerichtig, dass im Januar 1945 der damalige Bischof Matthias Ehrenfried in Würzburg einen Hirtenbrief verlesen ließ, der sich unter anderem auch an die Soldaten seines Bistums gerichtet hat. Obwohl die Niederlage Hitler-Deutschlands nur eine Frage der Zeit war, wiegelten die Bischöfe die Soldaten weiter auf, den Krieg fortzusetzen. So auch Bischof Matthias Ehrenfried von Würzburg:

"Stellt euch aber auch auf Seiten der staatlichen Ordnung. Im Geiste des heiligen Bruno darf ich euch zurufen: Erfüllet gerade in Notzeiten eure Pflichten gegen das Vaterland. Denkt an die Mahnung des heiligen Paulus: Jedermann unterwerfe sich der obrigkeitlichen Gewalt, denn es gibt keine Gewalt, außer von Gott. Nehmt alle Heimsuchungen auf euch, Gott zulieb’. Diese Opfer werden dann Sprossen in eurer Himmelsleiter. Im Opfer wirket ihr euer Heil!"

Bischof Ehrenfrieds Grabmal im Dom

Man muss sich das vorstellen: Im Januar 1945, in aussichtsloser Lage ruft ein katholischer Bischof die Soldaten auf, durchzuhalten und sich dem verbrecherischen Regime von Adolf Hitler weiterhin unterzuordnen. Das ist der (Un-)Geist der katholischen Kirche, die mit dem Pazifismus des Jesus von Nazareth noch nie etwas zu tun hatte!

Und wenn man schon nicht mit dem Segen der Kirche in den Krieg ziehen kann, dann kämpft man wenigstens gegen die "Ketzerei", Wie dieser hier: Karl Borromäus, im 16. Jahrhundert Erzbischof von Mailand. Borromäus war ein glühender Gegenreformator. Sein Hauptanliegen war die Ausrottung der Andersdenkenden, und er trug diesen Kampf bis in die höchstgelegenen Ort des Engadins. Seine fanatische Vorgehensweise war selbst bei den eigenen Klerikern verhasst. 1583 hat er in einem Schweizer Alpental z.B. zehn Frauen und einen Mann bei lebendigem Leib verbrennen lassen.

Karl Borromäus

Auf so einer katholischen Brücke darf natürlich einer nicht fehlen, der katholische Brückenheilige schlechthin, das ist Nepomuk. Wer ist Nepomuk gewesen? Er hat im 14. Jahrhundert gelebt und war der Generalvikar des Prager Erzbischofs. Er wurde von König Wenzel umgebracht. Nur warum wurde er umgebracht? Er soll umgebracht worden sein, weil er angeblich das Beichtgeheimnis bewahren wollte. Angeblich hatte er von der Frau des Königs einiges in der Beichte erfahren, das wollte er nicht preisgeben, deswegen wurde er von einer Brücke gestürzt und kam dadurch zu Tode.

Nepomuk

Diese Legende über Nepomuk ist wieder eine sehr katholische Legende: Ein Mann stirbt, weil er das Beichtgeheimnis wahren wollte. Sie werden es schon ahnen, auch diese Legende ist frei erfunden. Richtig ist nur, dass Nepomuk tatsächlich zu Tode kam, und dass tatsächlich König Wenzel verantwortlich ist. Nur der Grund war ein ganz anderer: Es war ein Machtkampf zwischen Kirche und Staat. Der König wollte die Macht des Erzbischofs einschränken und teilte deshalb dessen Bistum. Der Erzbischof bekam aber davon Wind und setzte auf das neue Teilbistum einen seiner Leute. Der König war wütend – doch der Erzbischof war nicht greifbar; er hatte sich auf sein Landgut geflüchtet. Greifbar war aber Generalvikar Nepomuk, der wegen Hochverrats verurteilt wurde. Keine schöne Geschichte, aber sehr "katholisch" ist sie auch nicht gerade. Doch die Kirche weiß ja sehr gut, was man aus Leichen alles machen kann, und sie hat diese Leiche genommen, um das Beichtgeheimnis (vgl. hier), das ihr so wichtig ist, das aber mit Jesus von Nazareth nichts zu tun hat – das Sakrament der Beichte ist eine Erfindung der Kirche – um dieses Beichtgeheimnis auf katholische Weise besonders aufzuwerten.

Wir sehen schon: Diese Brücke hier ist wie ein Laboratorium für katholische Geschichtsfälschung. Der einzige, der nicht ganz hier hineinpasst, das ist Josef, der leibliche Vater von Jesus von Nazareth. Der steht hier etwas verloren auf dieser Brücke herum, denn die Kirche hat ihm ja letztlich abgesprochen, der Vater seines natürlichen Sohnes Jesus zu sein. Die Kirche spricht ja immer viel von Familie, aber durch das Dogma der Jungfrauengeburt hat gerade sie  die natürliche Familie abgewertet, indem sie die natürliche Zeugung eines Kindes als etwas Minderwertiges betrachtet – als etwas so Minderwertiges, dass sie es dem Sohn Gottes nicht zumuten wollte. Aber kann Gott Seine eigenen Naturgesetze außer Kraft setzen? Will Er das überhaupt?

Josef

Jedenfalls hat Jesus mit dem meisten von dem, was in dieser Stadt in Seinem Namen passiert ist,  nichts,  aber auch gar nichts zu tun! Und das gleiche gilt für Seine Eltern.

Und die Mutter des Jesus haben sie Josef gegenüber gestellt. Doch sie nennen sie gar nicht Maria, sondern "Patronin Frankens". Wenn wir genau hinschauen, finden wir etwas Merkwürdiges: Eine echte Madonna scheint es nämlich nicht zu sein, denn sie hat kein Jesuskind dabei. Außerdem hat sie oben Sterne über dem Kopf, und unter ihren Füßen sehen wir  einen Drachen, den sie gerade besiegt hat. Des Rätsels Lösung: In Wirklichkeit soll das Maria in der Gestalt der "Frau aller Völker" sein - aus der Geheimen Offenbarung des Johannes am Ende der Bibel: Die Frau, die dem Drachen – also dem Teufel – den Kopf zertritt. Man könnte auch sagen: die Symbolfigur der göttlichen Weisheit.

Die katholische "Maria"

Die Theologen haben diese Frau jedoch einfach mit Maria, der Mutter von Jesus gleichgesetzt und daraus die katholische Kunstfigur "Maria" geschaffen.
Die Theologen haben da ein einfaches Weltbild, und Frauen haben in der Kirche ja ohnehin nichts zu sagen.

Und wie sieht es mit den Opfern der Kirche aus? Gibt man wenigstens ihnen heute eine Stimme? Schämt sich die Kirche  deswegen, zeigt sie Mitgefühl mit den Opfern? Am besten überprüfen wir das im Dom. Dort fallen auf den ersten Blick die vielen eindrucksvollen Grabmal-Monumente auf. Doch es sind wiederum die Grabmäler von Tätern, eines neben dem andern und eines schöner und größer als das andere. Vielleicht werfen wir mal einen Blick darauf:

Würzburger Dom

 

 

Hier im rechten Seitenschiff des Doms fällt uns eines der größten und prächtigsten Grabmäler auf: das Grabmal des Philipp Adolf von Ehrenberg, des mit Abstand größten Hexenbrenners von Würzburg. Nirgendwo ist allerdings etwas von einer Tafel zu sehen, mit der sich die Kirche von seinen Schandtaten distanzieren würde ...

Philipp Adolf von Ehrenberg (1583–1631)




Und hier ist sein Onkel, Julius Echter, verewigt. Ein besonders kunstvoll gestaltetes Grabmal, direkt im Hauptschiff gegenüber der Kanzel, von der er 1617 verkünden ließ, dass er allein in jenem Jahr 300 angebliche "Hexen" hat umbringen lassen.


J
ulius Echter (1545-1617)

Und hier gleich nebenan ruht Johann Gottfried von Aschhausen, der direkte Nachfolger von Julius Echter. Er war gleichzeitig Bischof von Würzburg und von  Bamberg - und hat in beiden Städten zahlreiche Menschen lebendig verbrennen lassen.

Johann Gottfried von Aschhausen

(1575 -1622)

Lauter Grabmäler, lauter Denkmäler für die Täter, aber eines für ihre Opfer (und die Opfer anderer Bischöfe) suchen wir hier vergeblich.

Unterhalb des Kirchenschiffs, in der Krypta des Doms, befindet sich etwas ganz Besonderes: ein Grab, das ein dunkles Geheimnis birgt. Es ist das Grab des Bischofs Josef Stangl. Josef Stangl war im 20. Jahrhundert Bischof von Würzburg. Er hat im Jahr 1975 einen Exorzismus genehmigt, eine Teufelsaustreibung bei der Studentin Anneliese Michel aus Klingenberg.

Josef Stangl (1907-1979)

Ein Jahr, nachdem der Bischof den Exorzismus angeordnet hatte, ist diese Studentin an totaler Entkräftung und Auszehrung gestorben. Infolge dieses düsteren mittelalterlichen Rituals war Anneliese am Ende völlig abgemagert und entstellt und starb. Sie wurde mit 23 Jahren in Klingenberg beigesetzt. 

Stangl hat damals abgestritten, die junge Frau gekannt zu haben. Doch heute wissen wir: Er hat gelogen. Stangl wurde detailliert über den gesamten Verlauf des Exorzismus informiert. Dennoch hat er nicht eingegriffen. Rund 30 Jahre nach seinem Tod, im Jahr 2007, hat die Diözese Würzburg ein Gedenkjahr veranstaltet  zum 100. Geburtstag dieses Bischofs, ohne jedoch diese düstere Seite auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Der Bischof hatte diesen Exorzismus, den er zu verantworten hatte, nicht lange überlebt. Wenige Jahre später ist er gestorben. Er hat gewusst, was er mit angerichtet hat, und es hat ihm womöglich selbst zugesetzt.

Denkmal für das Kirchenopfer Hans Böhm am Schottenanger

Man mag es kaum glauben, doch es gibt in Würzburg tatsächlich auch Mahnmale für die Opfer der Kirche. Allerdings sind sie sehr gut versteckt. Hierher auf den Schottenanger in einen stillen Winkel von Würzburg verirrt sich kaum je ein Tourist. Doch ist hier Schreckliches passiert: Im 15. Jahrhundert ist hier eine Hinrichtung geschehen. Das Denkmal wurde von einer Privatperson gestiftet, einem ehemaligen Bürgermeister von Würzburg. Auf diesem Denkmal steht folgendes zu lesen:

"Hans Böhm, der Pfeifer von Niklashausen, kämpfte für seine Vision von göttlicher Gerechtigkeit und Gleichheit aller auf dieser Erde gegen Fronarbeit, Pfründenwirtschaft und Steuerungerechtigkeit seiner Zeit. Am 19. Juli 1476 wurde er hier, Marienlieder singend, als Ketzer und Volksaufwiegler verbrannt. Als Mann des Volkes und Revolutionär gegen den Zeitgeist geriet er in Konflikt mit der Obrigkeit."

Hans Böhm, der Pfeifer von Niklashausen, Opfer der Kirche

Welche Obrigkeit ist hier gemeint? – Wiederum die Kirche, genauer: der Bischof von Würzburg. Der Pfeifer von Niklashausen aus dem Taubertal hat viele Menschen begeistert. Er hat von seinen Visionen gesprochen, dass alle Menschen gleich seien, und dass der Reichtum der Priester nicht Gottes Wille sei. Und es sei ungerecht, dass die Pfarrer und Priester so wohlhabend sind, viel reicher als das Volk.

Der Pfeifer "kämpfte für seine Vision göttlicher Gerechtigkeit, Gleichheit aller auf dieser Erde - gegen Fronarbeit, Pfründenwirtschaft und Steuerunrecht seiner Zeit" - Damit hat er die Kirche gegen sich aufgebracht.

Damit hat er allerdings den Unwillen und den Hass der Kirche auf sich gezogen, und Bischof Rudolf von Scherenberg (der natürlich auch ein Grab-Monument im Würzburger Dom hat) hat ihn verhaften lassen. Er wurde hier an dieser Stelle bei lebendigem Leib verbrannt.

Man könnte also sagen: Der Pfeifer von Niklashausen war ein Vorbote des wachsenden Selbstbewusstseins der Menschen, die gesagt haben: "Das kann nicht Gottes Wille sein, wie es auf dieser Welt zugeht." Aber die Gerechtigkeit unter den Menschen war eben noch nie ein Anliegen der Kirche. Sie hat auch diesen mutigen jungen Mann zum Schweigen gebracht.

Dieses Denkmal ist noch besser versteckt - man kann es nur zu Fuß erreichen. Es steht in einer Parkanlage unterhalb der Festungsmauern, ein wenig abseits des Fußweges von der Alten Mainbrücke hinauf zur Marienfeste - links im Hintergrund sieht man auf die Stadt hinunter. Kaum ein Tourist wird es finden, und auch den meisten Würzburgern dürfte es wohl nicht bekannt sein. Es erinnert an den Bauernkrieg des Jahres 1525.

Bauernkriegsdenkmal

Auch die Bürger der Stadt Würzburg haben sich an dieser Bewegung beteiligt. Es war ja kein reiner Bauernaufstand, sondern es ging dabei um die Gleichberechtigung aller Menschen, um die Reduzierung der drückenden Abgabenlast und um die Rechtsicherheit der Menschen gegenüber der Obrigkeit. Die Bauern haben versucht, die Festung zu erstürmen, sie sind aber an diesen dicken Mauern gescheitert und wurden besiegt.

Der damalige Würzburger Fürstbischof, Konrad von Thüngen, der sich auf die Festung geflüchtet hatte, hatte darauf hin grausame Rache an den Bauern genommen: Er hat 65 ihrer Anführer aufhängen lassen. Anschließend ist er in seinem Bistum von Dorf zu Dorf gezogen und hat in blutigen Strafgerichten weitere Hinrichtungen vornehmen lassen. Außerdem hat er den Rat und weitere Bürger der Stadt in der Festung einsperren und foltern lassen, insgesamt über 150 Menschen - unter ihnen auch der Bildhauer Tilmann Riemenschneider (1460-1531).

In der Zeit der Bauernkriege hat sich auch der Reformator Martin Luther auf die Seite der Obrigkeit geschlagen. Er hat die Obrigkeit aufgefordert, die Bauern zu unterdrücken: "Steche, schlage, würge hie, wer da kann!" Ihr Schicksal war besiegelt.

Man kann also sagen, wenn man dieses Denkmal ansieht: Ein junger Baum der Gleichberechtigung, der Gerechtigkeit, der keimenden Demokratie wurde in diesem Krieg abgeschlagen. Und wer weiß, wie die deutsche Geschichte verlaufen wäre, wenn hier nicht die Kirche im Verbund mit der Obrigkeit diesen Zukunftskeim erstickt hätte.

Hier stehen wir nun im Innenhof der Marienfestung, und wir sehen hier etwas sehr Interessantes: eine Kirche mit einem runden Grundriss. Woher kommt das? Das ist nicht so häufig. Der Vorgängerbau dieser Kirche stammt aus dem frühen Mittelalter. Sie hatte Ähnlichkeit mit der Grabeskirche des Ostgotenkönigs Theoderich in Ravenna. Hier auf dem Berg siedelten damals die Thüringer, ein germanischer Volksstamm. Und die Thüringer waren keine Katholiken, sie waren arianische Christen, die der Lehre des Philosophen Origenes (185-254) folgten. Sie kannten die Reinkarnation. Ihre Priester durften heiraten und lebten von ihrer Hände Arbeit. Sie kannten keine Heiligenverehrungen, keine Reliquien, waren also mit ihrer Lehre zumindest näher am frühen Christentum als die Katholiken es je gewesen sind. Später aber wurden die Thüringer von den Franken besiegt. Die Franken jedoch waren katholisch, und auch diese sogenannte "Ketzerei" wurde blutig unterdrückt.

Rundkirche im Hof der Marienfestung

Wenn wir ein paar Schritte weitergehen, lohnt sich ein Blick nach oben: Der höchste Punkt der Stadt ist die Festung, und der höchste Punkt der Festung ist eine Statue wiederum von Maria - allerdings wieder als "Frau aller Völker" im Strahlenkranz.

Die katholische Maria als "Frau aller Völker" auf dem höchsten der Dächer auf der Festung

Weshalb ist die Marienverehrung in Würzburg so stark? Hier lohnt sich ein Blick auf den Namen von Würzburg (lat. Herbipolis). Im August werden bis heute im katholischen Unterfranken sogenannte "Würzbüschel" gesammelt. Man sagt, das sei ein katholischer Brauch. Doch dieser Brauch lässt sich zurück auf die Verehrung der germanischen Liebesgöttin Freya zurückführen. Würzburg war in germanischer Zeit ein Zentrum der Verehrung dieser Liebesgöttin. Die Marienverehrung hat insgesamt ihren Ursprung in der Verehrung der großen antiken Muttergöttinnen: Diana, Artemis, Isis usw. - oder auch der germanischen Freya.

Es handelt sich hier also um eine Art religiöses Recycling durch den Katholizismus. Man hat die große Muttergöttin verwandelt in Maria, denn sie sollte eine Lücke füllen. Das Wissen um den liebenden Vater-Mutter-Gott war im frühen Christentum noch vorhanden. Doch dieses Wissen wurde durch die katholische Kirche unterdrückt. Es passt nicht zur Lehre einer ewigen Verdammnis, die die Kirche einführte, um die Menschen in Angst und Schrecken zu halten. Die Menschen waren nun verzweifelt, sie hatten Angst vor der Hölle - und haben Trost gesucht bei einer Muttergöttin. Deswegen dieses Recycling.

Hier von der Festung aus hat man einen sehr schönen Blick auf Würzburg, auf die Stadt mit den vielen Kirchtürmen - und gleichzeitig auf eine der Städte mit den höchsten Selbstmordraten in Deutschland.

Diese vielen Kirchtürme und Kirchen haben die Bischöfe jedoch nicht davor bewahrt, dass sie sich 500 Jahre lang unten in der Stadt nicht sicher gefühlt haben. Denn sie haben die Bürger unterdrückt. Sie haben ihnen große Abgaben auferlegt, und sie haben sich 500 Jahre lang auf dieser Festung hier oben eingemauert. Und erst in der Barockzeit, im 18. Jahrhundert, haben sie sich hinuntergetraut in die Stadt und haben dann dort unten die Residenz gebaut (rechts neben dem Dom ist sie zu erahnen). Napoleon hat sie "das größte Pfarrhaus Europas" genannt hat. Für diesen Bau haben aber auch wieder die Bürger mit ihren Abgaben bezahlen müssen.  

Ist das alles nur Vergangenheit? Oder ist es noch Gegenwart? Ist das Mittelalter vorbei, oder steckt es noch in vielen Köpfen? Und wie lange wird es dauern, bis es aus diesen Köpfen wieder heraus ist?

Eines steht aber fest: So sehr man auch versucht hat, hier sogenannte "Ketzer" und "Hexen" zum Schweigen zu bringen: Es gilt immer auch, was Jesus von Nazareth zu den Menschen sprach, die Seine Jünger zum Schweigen bringen wollten: "Ich sage euch, wenn diese schweigen, so werden die Steine rufen." (Lk 19, 40)
Und auch wenn die Kirche seit Jahrhunderten versucht, den Gottesgeist auszulöschen, indem sie die Menschen, die in diesem Sinne wirkten, ermorden ließ. Sie werden immer wieder auferstehen.

 

Und nun eine gute Zeit
bei Ihrem eigenen Rundgang durch Würzburg!

Wenn Sie nicht ortskundig sind und die hier angegebene Führung selbst durchführen wollen, dann sollten Sie nur die Abfolge der Orte ein wenig ändern. Bis auf den Hexenturm (der liegt etwas "ab vom Schuss") lassen sich die Stationen gut zu einem Fußweg von etwa zwei bis zweieinhalb Stunden verbinden. Bahnhof - Juliuspromenade - Neumünster - Dom - Marktplatz - Rathaus - Alte Mainbrücke - Schottenanger - Bauernkriegsdenkmal - Festung. Von dort fahren Busse regelmäßig in die Stadt zurück. Oder Sie gehen zunächst nur bis zur Alten Mainbrücke und verbinden die restlichen Stationen in einer zweiten Etappe mit einem Spaziergang durch das ehemalige Landesgartenschau-Gelände unterhalb der Festung.

 

Der Text  kann wie folgt zitiert werden:
"Der Theologe",
Ausgabe Nr. 75, Matthias Holzbauer, Die alternative Stadtführung durch Würzburg: Die Stadt, in der die Steine schreien, Wertheim 2014, zit. nach
http://www.theologe.de/wuerzburg_stadtfuehrung.htm

Fassung vom 18.8.2014;
Copyright © und Impressum siehe hier.

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