DER THEOLOGE
Nr. 92


Die Nachfolger des Nazareners
Urchristliche Gemeinschaften, von den Kirche verfolgt


Einleitung

Während die Ketzer brennen, erheben die Herren der Kirche ihr KruzifixJesus, der Zimmermann aus Nazareth, brachte eine schlichte Lehre. Mit der Bergpredigt begeisterte er viele Menschen, die entschlossen waren, ihr Leben grundlegend zu ändern. Doch das Urchristentum hatte zunächst nur kurze Zeit Bestand, wie auch Theologen einräumen. "Schon im zweiten Jahrhundert hat tatsächlich eine tief greifende Veränderung stattgefunden, welche in einer bedenklichen Verflachung des Christentums-Verständnisses bestand" – so der Theologe Walter Nigg in seinem Buch der Ketzer (Zürich 1986, S. 73). Und sein Kollege Gerhard Wehr (Esoterisches Christentum) bedauert, dass die "frei waltenden Geistesgaben" des frühen Christentums, etwa die Prophetie oder die urchristliche Glaubensheilung, durch die "Amtsvollmacht" der Priesterkaste beseitigt wurden: "Spätestens seit der Mitte des 2. Jahrhunderts beginnt dieser Vorgang sich mit deutlichen Konturen innerhalb der Christengemeinden abzuzeichnen: Was einst aus ursprünglichem Geist-Erleben geschöpft war, wurde nun durch feste Bekenntnisformeln verdrängt." (Stuttgart 1995, S. 27) 

Machtdemonstration der Kirche gegen die Katharer in Südfrankreich: Die Vorläufer der heutigen "Sektenbeauftragten" genießen ihren Triumph: Die urchristlichen Abweichler vom "reinen" römisch-katholischen Glauben werden gleich auf dem Scheiterhaufen verbrennen.

Während Bischöfe die Macht übernahmen, drangen äußere Rituale und Kulte meist heidnischen Ursprungs vor – so etwa das kultische Abendmahl an Stelle des gemeinsamen "Liebesmahls" oder die rituelle Säuglingstaufe an Stelle der Geisttaufe Erwachsener.
Dieser Prozess der Verdunkelung der ursprünglichen Lehre Christi bis hin zur Verkehrung in ihr Gegenteil vollzog sich nicht ohne Kämpfe. Immer wieder leisteten Einzelne oder Gruppen von Menschen Widerstand gegen die Entstehung einer äußeren Machtkirche, die Jesus nie gewollt hatte. Dies bedeutet nicht, dass die zahlreichen "Ketzer"-Bewegungen der Geschichte immer nahtlos an das frühe Christentum anknüpften. In einzelnen Aspekten waren auch sie Missverständnissen unterworfen oder schossen, wie wir sehen werden, über das Ziel hinaus. Doch sie alle sind der Beweis dafür, dass die Sehnsucht nach einem Reich des Friedens, das schon der Prophet Jesaja ankündigte, nicht aus den Herzen und den Seelen der Menschen verdrängt werden kann.


  1)  Wie sich die Dunkelheit in den urchristlichen Gemeinden verbreitete

  2)  Markion deckt auf - Verschwörung gegen die Wahrheit

  3)  Montanus - Eine Stimme, die nie hätte verstummen dürfen"

  4)  Mani - Ein Kämpfer für die Innere Religion

  5)  Origenes - Der "Diamantene"

  6)  Die Paulikianer - Tausende "Begleiter des Volkes" gesteinigt, verbrannt, geköpft

  7)  Die Bogumilen - Die wahre Kirche Christi ist das Herz der Menschen

  8)  Die Katharer - Das Gute durch das eigenen Leben bezeugen

  9)  Brüder und Schwestern des Freien Geistes - An einer epochalen Wende der Zeit

10)  Girolama Savonarola - eine "zu Feuer und Flamme gewordene Persönlichkeit"

11)  Waldenser, Jan Hus, "Hussiten" - Sehnsucht nach dem wahren Urchristentum

12)  Die urchristlichen Täufer - die ersten Opfer der Ökumene
 

 



(1) Niedergang durch die Bischöfe - Wie konnte das passieren?
Wie sich die Dunkelheit in den urchristlichen Gemeinden verbreitete

Bereits in den von Paulus gegründeten Gemeinden setzte eine Entwicklung ein, die den Freien Geist des Christus Gottes und das Prophetische Wort immer mehr zum Schweigen brachte und durch starre vereinheitlichte Normen ersetzte. Dazu gehörte vor allem die Einführung eines "Bischofs" als fest installierten Gemeindeleiter im Gegensatz zum urchristlichen Prinzip der Gleichheit, das Jesus von Nazareth brachte.
Denn viele der ersten Christen orientierten sich zunehmend an anderen Menschen statt an Christus, und sie fanden zu wenig Halt bei Gott in ihrem Inneren, in dem Sinne, wie es Jesus von Nazareth lehrte: "Das Reich Gottes ist inwendig in euch."
Anstatt mit Hilfe der inneren Gotteskraft, der Christus-Erlöserkraft, immer konsequenter nach den Geboten Gottes zu leben, erlaubte man sich zunehmend Schwächen und Nachlässigkeiten und ließ immer mehr Kompromisse zu.

Weil viele Christen also zu wenig in Christus in ihrem Inneren und im Tun Seiner Lehre verwurzelt waren, entstanden auch immer mehr Uneinigkeiten darüber, was nun in konkreten Situationen richtig und was falsch sei. Dabei taten sich zunehmend intellektuell geprägte Meinungsbildner hervor, die für die Übernahme der "Verantwortung" bereit waren, welche andere Christen aus Trägheit und Bequemlichkeit von sich weg schoben. Der lebendige "Gottesgeist", der die ersten Nachfolger von Jesus in ihrem Inneren und in der Gemeinschaft noch führte, wurde allmählich an den Rand gedrängt oder ist schließlich ganz verstummt. Stattdessen bekamen immer mehr auf ihr Ego bezogene und unterschwellig nach Macht strebende Personen das Sagen.

Hierarchien bildeten sich heraus und ein neues "Oben" und "Unten" entstand. Die ursprünglichen "Gemeinde-Ältesten", die ihre Aufgabe einzig aufgrund ihrer inneren Autorität ausüben sollten, wurden fest installierte Leiter. Und diese Funktion behielten sie auch dann, wenn sie von ihrer Lebensweise nicht mehr für eine Gemeindeleitung geeignet waren. Man nannte sie bald "Bischöfe". Sie nahmen Sonderplätze ein und begannen, besondere Gewänder zu tragen, und sie entschieden auch über die Finanzen. Unter der Führung dieser Bischöfe wurden aus einst weniger wichtigen Äußerlichkeiten und Symbolen immer mehr starre Vorschriften und Kulthandlungen, die Jesus nie gelehrt hat und deren Inhalte vielfach den antiken Götzen-, Herrscher-, Blut- und Priesterkulten entnommen wurden. Die früheren Baalspriester hatten auf diese Weise unmerklich wieder die Macht übernommen, nur dieses Mal unter dem falschen Etikett "christlich".
 
Das einst dynamische und lebendige Urchristentum wurde bald nur noch in kleinen Gruppen außerhalb dieser sich heraus bildenden Kirche gelebt. Diese entwickelte sich zu einem religiösen Gebilde, das man in der Geschichtsschreibung später "Frühkatholizismus" nennt und zunächst unmerklich und später immer klarer in Gegensatz zum Christus Gottes trat. So hat sich dunkle Macht allmählich in die urchristlichen Gemeinden geschlichen und dort verbreitet.
Als Kaiser Konstantin Anfang des 4. Jahrhunderts diese nur noch dem Namen nach "christliche" Kirche privilegiert hatte, war die Entwicklung zur einzigen totalitären Staatsreligion nur noch eine Frage der Zeit.
 
 



(2) Markion deckt auf:
Verschwörung gegen die Wahrheit ...

Gerade als sich eine amtskirchliche Tradition herauszubilden begann, die den Geist der Freiheit und Einheit der Urgemeinden in veräußerlichte Rituale zwängen wollte, stand ein Kämpfer gegen diese Entwicklung auf: Markion. Um 85 in Sinope am Schwarzen Meer als Sohn eines christlichen Gemeindevorstehers geboren, hatte der begüterte junge Mann beim Lesen eines Evangeliumstextes - damals gab es noch keine fest umgrenzte Bibel wie heute - ein einschneidendes Erlebnis, über das er selbst berichtet:
"O Wunder ... und Staunen ist, dass man gar nichts über das Evangelium sagen, noch über dasselbe denken, noch es mit irgend etwas vergleichen kann." Markion war kein Prophet und wohl auch kein Mystiker, doch ein radikal die Wahrheit suchender Mensch, der erfasste, dass die Lehre von Christus etwas geistig Revolutionäres, den ganzen Menschen Erfassendes und Verwandelndes ist. Markion fiel aber auch auf, dass in den ihm zur Verfügung stehenden Texten ganz unterschiedliche Gottesbilder zu finden waren: Auf der einen Seite der Gott der Liebe und Fürsorge, auf der anderen der Gott der Strafe, der ewigen Verdammnis, der Angst. Markion konnte sich dies nur so erklären, dass eine "Verschwörung der Wahrheit" stattgefunden hatte, und zwar nicht nur in den Texten des "Alten Testaments" (das damals noch nicht so genannt wurde), sondern auch in neueren Texten, die angeblich auf die Apostel zurückgingen.

Neuer Wein in neue Schläuche

Es ist das Verdienst Markions, als erster Mensch der neuen Zeitrechnung öffentlich auf den Widerspruch in der Bibel hingewiesen zu haben: Ein "Gott", der wie in den Büchern Mose grausamen Völkermord und Tiermord befiehlt, der die Todesstrafe noch gegen ungehorsame Söhne oder den Priestern widersprechende Israeliten verhängt, kann kein Gott der Liebe sein. Markion ging im Jahr 140 nach Rom, vermachte sein Vermögen aus Reedereigeschäften der dortigen Christengemeinde und begann einen Überzeugungsfeldzug für den Gott der Liebe. Doch man wollte seine Kritik nicht hören und zwang ihn, die römische Kirche wieder zu verlassen. Woraufhin der "erste Reformator" (Walter Nigg) der Christenheit kurzerhand eine eigene Kirche gründete. Denn es war eine Grundüberzeugung Markions, dass man den "neuen Wein" des ursprünglichen Christentums nicht in die "alten Schläuche" einer äußeren Kultreligion gießen konnte.

Vom Euphrat bis zur Rhone

Markion traf mit seiner Art der Wahrheitssuche und Verkündigung "offenbar die geheimen Sehnsüchte vieler Christenmenschen", so Gerd Lüdemann in seinem Buch Ketzer - die andere Seite des frühen Christentums (Stuttgart 1995, S. 169). Seine Gemeinden fanden sich im 2. und 3. Jahrhundert vom Euphrat bis zur Rhone. "Anhänger des Markion" werden teilweise bis ins 6. Jahrhundert hinein erwähnt; in Kleinasien und Armenien bilden sie eine der Wurzeln der späteren Paulikianer, die sein Erbe fortsetzen werden.

Gewaltlos und vegetarisch

Wir wissen allerdings nicht viel über das Leben der Markioniten, die von der Amtskirche mit großem Hass verfolgt wurden. Sie feierten einfache Gottesdienste, bei denen auch Laien predigen und Frauen die Taufe vollziehen durften. Sie lebten gewaltlos, vegetarisch und tranken keinen Alkohol. 
Mehr ist über ihre Lehre bekannt. Der gebildete Reeder aus Sinope wurde zum ersten Textkritiker der Bibel, der Fälschungen und Hinzufügungen aufdeckte und korrigierte. Er verwarf schließlich das Alte Testament völlig und ließ von den neueren Texten nur das Lukasevangelium und zehn Paulusbriefe gelten. Damit schuf er, der "Ketzer", auch den ersten "Kanon" der Bibel. Die römische Kirche beeilte sich daraufhin, einen eigenen Kanon zusammenzustellen, der bis heute im Gebrauch ist.
Offensichtlich ist der Gottsucher Markion mit seiner Radikallösung über das Ziel hinausgeschossen, und auch seine Auswahl an verbindlichen Schriften erscheint nicht geglückt. So verbannte er auch die Aussagen der großen Propheten des Alten Testaments, die sich bereits gegen die Tieropfer und gegen die bereits damals stattfindende Verfälschung der göttlichen Botschaft durch die Priesterkaste aussprachen, und er erkannte Paulusbriefe an, die bereits deutlich von Jesus von Nazareth abwichen.

Ähnliches gilt für Markions völlige Ablehnung der Welt als sündhaft - soweit man den zeitgenössischen Berichten Glauben schenken kann. Er erkannte zwar, was auch den heutigen Urchristen durch das Prophetische Wort wieder bekannt ist: dass die Welt, die verdichtete Materie, nicht die ursprüngliche Schöpfung Gottes ist, sondern eine Folge des Abfalls eines Teils der Geistwesen von Gott. Er sah oder wusste aber offenbar nicht, dass Gott auch die Materie am Leben erhält und dass in der Natur ein Abglanz der himmlischen Formen erahnt werden kann. Während Paulus, den Markion - wie gesagt - sehr schätzte, es den Christen freistellte, ehelos oder verheiratet zu leben (wobei er die Ehelosigkeit empfahl), forderte Markion, so ist es überliefert, von allen Gemeindemitgliedern strikte Enthaltsamkeit - ein Eingriff in den freien Willen, der den späteren Niedergang der markionitischen Gemeinden sicher mit verursachte.

Dennoch setzte der "größte Ketzer, der jemals aus dem Christentum hervorgegangen ist" (Egon Fridell) einen frühen und wichtigen Kontrapunkt zur verheerenden kirchlichen Vorstellung eines strafenden, auf ewig verdammenden Gottes, die in den vergangenen 2000 Jahren unsagbares Leid und Unheil in die Welt brachte. Es ist auch sein Verdienst, dass die Begeisterung für den Gott der Liebe, der allen Menschen ungeteilt und uneingeschränkt zugetan ist, nie ganz aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden ist.

 



(3) Montanus
"Eine Stimme, die nie hätte verstummen dürfen"

Als das lebendige Urchristentum in der Mitte des zweiten Jahrhunderts verflachte, in seiner Begeisterung nachließ, als Rituale an die Stelle der Erschließung des inneren Lebens traten – etwa das rituelle Abendmahl an die Stelle des inneren "Liebesmahls" –, als die Verwalter des Glaubens, die Bischöfe und Priester, an die Stelle von Propheten und Lehrern traten, da gab es auch Proteste und Gegenbewegungen.

War Markion (ca. 85-ca. 160), der Verfechter des liebenden und Gegner des angeblich strafenden Gottes, eher ein rationaler und klarer Denker, so war sein Zeitgenosse Montanus, ebenfalls aus Kleinasien stammend, ganz anders: ein Visionär, ein Asket und Charismatiker. Markion und Montanus hatten bei allen Gegensätzen jedoch eines gemeinsam: Sie erkannten, dass das Christentum an einer Wegscheide stand: Entweder würde es sich auf seine Ursprünge besinnen und mit dem sittlichen Ernst und der mitreißenden Begeisterung der Frühzeit die Vollkommenheit im Geiste Gottes anstreben – oder es würde sich weiter an die Bequemlichkeit der Welt anpassen und die kirchlichen "Amtsgeschäfte" den Priestern überlassen, die sich anschickten, die Gemeinden an ihr Gängelband zu nehmen. Die Priesterkaste hatte die Geistesgaben des frühen Christentums bereits weitgehend zum Schweigen gebracht: die Gabe des Heilens durch den Geist Gottes, die Gabe des Lehrens aus innerer Vollmacht und nicht zuletzt die Gabe der prophetischen Rede. "Im Montanismus rebellierte das prophetische Wort gegen den Amts-Charakter der Kirche", schreibt der Kirchenhistoriker Walter Nigg (Prophetische Denker, S. 41). Und an anderer Stelle (Das Buch der Ketzer, S.119): "Das Wesen des Montanismus besteht in der Wiederentdeckung des urchristlichen Enthusiasmus. Das Geistesbrausen, das einst die Christen gleich Feuerflammen ergriffen hatte ..., bemächtigte sich des Montanus."
Neben Montanus traten die Frauen Priscilla, Maximilla und Quintilla als Wortträgerinnen des Geistes auf. Sie verkündeten das Nahen des Gottesreiches und erinnerten an die ethischen Forderungen der Bergpredigt des Nazareners. Den Gläubigen sollte nur eine Ehe erlaubt sein. Sie sollten häufig fasten und vor dem Martyrium der Christenverfolgungen nicht die Flucht ergreifen. Manches von diesen Forderungen erscheint uns aus heutiger Sicht übertrieben, auf merkwürdige Weise wiederum auf das Äußere gerichtet, obwohl man doch die Veräußerlichung der Institution Kirche bekämpfen wollte. Es war offenbar nicht so einfach, die – zu diesem Zeitpunkt wohl bereits verschüttete – ursprüngliche innere Religion des Nazareners wieder zu beleben, die den Menschen durch Selbsterkenntnis und Bereinigung seiner Sünden von innen heraus befähigt, die Gebote Gottes einzuhalten. Der wahre Kern des Montanismus war die Betonung der unbedingten Entscheidung für Gott, die der Mensch zu treffen hat, will er Gott wirklich zustreben. Denn jegliche Lauheit führt in die Irre. "Wer nicht für Mich ist, der ist gegen Mich", sagt Jesus. Walter Nigg spricht von einem ethischen "Maximalismus", der "eine der beachtenswertesten Erscheinungen innerhalb der christlichen Geistesgeschichte" sei. (Das Buch der Ketzer, S. 136)
Die Kirche nahm die Herausforderung einer Rückbesinnung auf die hohe Ethik der ersten Christen nicht an – sie entschied sich für den ethischen Minimalismus, der sie bis heute kennzeichnet. Ebenso wie Markion duldete sie auch Montanus und seine Gefolgsleute nicht in ihren Mauern – im Jahre 177 wurden die Montanisten ausgeschlossen, rund 20 Jahre nach dem ersten Auftreten des Montanus. Menschen, die höhere ethische Anforderungen an sich stellen wollten, wies die Kirche statt dessen den Weg in die Klöster – doch Einsiedelei und Abschottung von der Welt ist nicht der Weg des Nazareners. In der Abgeschiedenheit des Klosters fehlt dem Menschen vielfach der Spiegel der Selbsterkenntnis, der ihm sein Nächster ist, fehlen ihm die an jedem Tag anderen Erkenntnismöglichkeiten, die der Trubel des Alltags mit sich bringt.
"Mit der Ausscheidung der montanistischen Bewegung aus der Kirche verblasste auch das Prophetische in der Christenheit" so Nigg. "Eine Stimme hörte auf zu reden, die niemals hätte verklingen dürfen, denn damit ging eine unmittelbare Lenkung von oben verloren, die durch keine noch so geschickte kirchliche Organisation wettgemacht werden kann." (Prophetische Denker, S. 43)
Die montanistische Bewegung breitete sich noch einige Jahrzehnte lang weiter aus, bis nach Frankreich und Nordafrika, wo sogar der kirchliche Jurist und Ketzergegner Tertullian (gest. 220) zu ihr übertritt. Spätestens mit der systematischen Ketzerbekämpfung durch den römischen Staat auf Betreiben der katholischen Staatskirche im vierten Jahrhundert verschwinden die Montanisten. Die prophetische Stimme hörte jedoch nicht auf zu reden. Nur innerhalb der Kirche war sie bis zum Mittelalter nicht mehr zu hören – und auch dann, als durch Meister Eckehard, Katharina von Siena, Theresa von Àvila Aspekte der göttlichen Wahrheit zu den Menschen kamen, bekämpfte die Kirche diese Stimmen erneut und nahm sie nicht an, auch wenn der eine oder andere dieser großen Mystiker später "heilig" gesprochen wurde ...


 



(4) Mani
Ein Kämpfer für die Innere Religion

Eine Zeit lang sah es so aus, als würde die manichäische Bewegung die römisch-katholische Kirche an Bedeutung und Mitgliederzahl in den Schatten stellen. Doch dann wurde der Katholizismus zur Staatsreligion im römischen Reich. Die Zeit der Christenverfolgung durch die katholische Machtkirche begann.

Wie kommt das Böse in die Welt? Und wie kann man es überwinden? Diese Grundfragen der Menschheit bewegten gegen Ende des vierten Jahrhunderts auch den nordafrikanischen Rhetoriklehrer Augustinus (354-430). Er fand zu einer eher "katholischen" Lösung dieser Frage: "Und so suchte ich, woher das Böse kommt", schreibt er in seinen Bekenntnissen, "und ich suchte böse und sah das Böse in meinem Suchen". Augustin verurteilt demnach jegliche Beschäftigung mit dem Bösen: Dieses ist zu meiden und zu bekämpfen. Mit den Begriffen der heutigen Psychologie könnte man sagen: Das Böse wird verdrängt. Aus dieser Verdrängung resultiert dann die Projektion des eigenen Bösen auf den "bösen Anderen": den Sündenbock, den "Ketzer", den Juden, die "Hexe". Das vermeintliche Heil findet ein solcher Kirchenchrist in der Befolgung äußerer Regeln und Rituale: Kirchgang, Beichte, Wallfahrten, Ablässe ...
Augustinus, der bis heute als größter Kirchenlehrer der Antike gilt, wurde folgerichtig zu einem der ersten "großen" brutalen "Ketzer"-Verfolger" der Kirchengeschichte, der sogar die Folter rechtfertigte, die doch - im Vergleich zur angeblichen "ewigen Verdammnis" der Seele - für den Körper wie eine "Kur" wirke. Mit besonderem Feuereifer ließ Augustinus eine Bewegung verfolgen, der er selbst einmal angehört hatte: die Manichäer.
Neun Jahre lang (373-382) war der junge Nordafrikaner Augustinus Mitglied bei den Manichäern gewesen – als auditor ("Hörer"), also einfacher Gläubiger. Es war ihm dabei nicht gelungen, in den Rang eines "electus", eines Auserwählten, aufzusteigen – so nannte man dort diejenigen, die tiefer in die Geheimnisse des manichäischen Glaubens eingedrungen waren und andere darüber unterrichten durften. Augustinus berichtet selbst über seine Gespräche mit dem Manichäer Faustus (Contra Faustum), die ihm jedoch keine Antwort auf seine Zweifel und bohrenden Fragen gebracht hätten.

Äußere oder innere Religion?

Die Lehre der Manichäer über die Grundfragen des Lebens war auch eine völlig andere, als sie Augustinus später vertrat. Hier wurde die Beschäftigung mit dem Bösen nicht abgelehnt – sie wurde sogar als eine Grundvoraussetzung für dessen Überwindung angesehen. Der Mensch muss das Böse in der Welt und vor allem in sich selbst nüchtern betrachten, um es dann mit Hilfe des inneren Lichtes, mit der Kraft des im Menschen wohnenden Christus Gottes, auch "nous" genannt, zu überwinden. Vor dem Sieg des Lichtes über die Finsternis steht also die Erkenntnis. Für Augustinus hingegen ist diese Erkenntnis zweitrangig: "Credo, quia absurdum", ich glaube, weil es absurd ist, lautet ein paradoxer Ausspruch, der von Tertullian stammt, jedoch auch mit dem Denken von Augustinus in Verbindung gebracht wird.
Wir stehen hier an einem geistesgeschichtlichen Scheideweg – und gleichzeitig sehen wir den Grundunterschied zwischen einer äußeren und einer inneren Religion: In der äußeren Religion geht es letztlich um Rituale und Dogmen, um die Befolgung von äußeren Regeln, mit denen angeblich der Zugang zum Göttlichen gesichert werden könne. In der inneren Religion geht es um die Wandlung des inneren Menschen durch Einsicht, Reue, Umkehr und Änderung des Verhaltens.
Wer waren nun diese Manichäer, die zur Zeit des Augustinus zu einer mächtigen Konkurrenz für die römische Kirche herangewachsen waren, deren Gemeinden in späterer Zeit von Spanien bis ins ferne China nachgewiesen sind, auf die sogar noch Marco Polo stieß, als er 1275 in die Mongolei kam? Das war rund tausend Jahre nach dem Tod des Gründers der Bewegung, Mani.
Erst im 20. Jahrhundert gelang es, aufgrund von sensationellen Schriftenfunden vor allem in Ägypten, ein unabhängiges Bild dieses Religionsgründers und seiner Lehre zu zeichnen. Bis dahin war alles, was man darüber wusste, von der eineinhalb Jahrtausende währenden Verketzerung und Verfolgung alles Manichäischen durch die Kirche geprägt.
Der am 14. April 216 nördlich von Babylon geborene Sohn persischer Adeliger hieß zunächst Quirbakhar. Sein Geburtsort liegt an der Schnittstelle der indischen, persischen und babylonischen Kultur. Bereits im Alter von zwölf Jahren wird dem Knaben eine erste Offenbarung zuteil: Ein Engelwesen legt ihm nahe, die Glaubensgemeinschaft der Mandäer, der sein Vater angehört, zu verlassen. Mani berichtet über diese Erscheinung: "Da kam der lebendige Paraklet (der von Christus verheißene Tröster-Geist) zu mir herab und sprach mit mir. Er offenbarte mir das verborgene Mysterium ..., das Mysterium der Tiefe und der Höhe, ... des Lichtes und der Finsternis ... So wurde mir alles ... durch den Parakleten geoffenbart."

Mani wies auf Christus hin

Das Phänomen des Inneren Wortes, durch das der Geist Gottes zu aufbereiteten Menschen spricht, um ihnen Botschaften für die Menschen zu übermitteln, tritt in der Geschichte immer wieder auf. Der junge Perser wurde zunächst zwölf Jahre lang durch diese Innenschau unterwiesen, ehe er durch das Engelwesen, das sich "Al Taun", der Zwilling, nannte, zu öffentlicher Wirksamkeit berufen wurde. Von da an erhielt er auch den Namen "Mani", was auf Indisch so viel wie "Edelstein, Kristall" bedeutet und an das "Manas", das Geist-Selbst, erinnert und auch mit "Mann" und "Mensch" sprachverwandt ist.
Durch Mani entsteht sehr rasch eine umfassende geistige Bewegung, die zeitweise auch den persischen Königshof erreicht und von dort unterstützt wird. Kernpunkt der Lehre ist, im Anklang an die alte persische Lichtreligion des Zarathustra, der Kampf des Lichtes gegen die Finsternis. Man hat dem Manichäismus oft vorgeworfen, er beinhalte einen absoluten "Dualismus" von Gut und Böse. Doch das entspricht nicht der Wahrheit. Mani lehrte vielmehr, dass Licht und Finsternis ursprünglich vereint waren, bis das Böse sich vom Guten abspaltete und eigene Wege beschritt. In diesen kosmischen Kampf griff am Ende ein "Licht-Sohn" von erhabenster Größe ein, der in das Reich der Finsternis hinab stieg, um mit der Kraft seiner Liebe das Böse in Gutes umzuschmelzen. Er verleibte sich in einen besonderen Menschen ein und überwand den Tod.
Mani wies hier auf Christus und Sein Golgatha-Opfer hin. Für ihn war Christus der Führer der Seelen zum Licht – und er war nicht der Auffassung, was ihm ebenfalls später vorgeworfen wurde, Christus habe sich gar nicht wirklich einverleibt (Doketismus). Mani lehrte, dass der Geist Gottes auch in der Materie, in jedem Stein, jeder Pflanze, jedem Tier gegenwärtig ist.

Gewaltlos auch gegenüber Tieren

Er selbst war ein begnadeter Künstler, der den Menschen als Musiker, Maler und Dichter die Geheimnisse des Lebens nahe brachte. Er versah seine Bücher selbst mit Illustrationen. Seine Haupt-Botschaft war die Liebe, mit deren Kraft es möglich sei, das Finstere zu erlösen – vielleicht könne man auch sagen: das Finstere zu "zerlieben". Jeder Manichäer sollte mindestens für einen Menschen sorgen, der ohne ihn nicht leben könnte, also etwa für einen Behinderten oder Kranken.
Die Bewegung der Manichäer war keine feste Organisation im kirchlichen Sinne – denn nach ihrer Auffassung sollte sich der Mensch weder an äußeren Besitz noch an eine äußere Organisation binden; das schwäche den Geist im Menschen. Die Manichäer lebten vegetarisch und gewaltlos und ihre Leiter blieben ehelos. Sie glaubten an die Wiederverkörperung und vertraten die Auffassung, dass jeder Mensch und jede Seele einst wieder zu Gott finden würde. Sie lehnten die Schriften des Alten Testamentes zum großen Teil ab, weil dort von einem Gott der Rache die Rede ist, und sie hielten sich statt dessen an die Bergpredigt Jesu.


Mani selbst wurde zum ersten Märtyrer seiner Bewegung, als neidische Magier des alten Zarathustra-Kultes gegen ihn intrigierten und er beim persischen Hof in Ungnade fiel. Er wurde grausam gefoltert und am 28. Februar 276 gekreuzigt. Die Bewegung breitete sich jedoch rasch weiter aus. Erst als die römische Kirche zur Staatsreligion wurde und auf Betreiben Augustinus’ und anderer "Kirchenlehrer" die unbarmherzige Verfolgung aller konkurrierenden Religionen begann, wurden den Manichäern zunächst alle Versammlungen verboten, dann die bürgerlichen Rechte aberkannt, schließlich wurden sie vertrieben, getötet, ihre Schriften vernichtet.
Flüchtende Manichäer gelangten allerdings von Nordafrika nach Italien und legten dort den Grundstein für den späteren Erfolg verschiedener "Ketzerbewegungen". Andere Manichäer flüchteten nach Armenien. Sie bildeten dort - gemeinsam mit Anhängern des Markion und anderen "Ketzern" - das Volk der Paulikianer, das wiederum zur Grundlage für die späteren Bewegungen der Bogumilen und Katharer wurde.

Das Licht wird siegen

Die Idee einer Religion des Inneren, die den Sieg des Lichtes über die Dunkelheit zum Ziel hat, lebte also weiter. Diese universelle, kosmische Idee kann niemand auslöschen. Manichäische Ideen begegnen uns sogar in Goethes Faust – der wohl nicht zufällig so heißt wie der von Augustinus geschmähte Manichäer Faustus. Faust, der durch alle Irrtümer hindurch "strebend sich bemüht", das Gute zu erkennen und zu tun, wird am Ende erlöst – nicht, weil er sich an äußere Rituale gehalten hat, sondern weil er auf seinem Erkenntnisweg aus seinen Fehlern gelernt hat.

Literatur: Rudolf Kutzli, Die Bogumilen, Verlag Urachhaus 1977

 



(5) Origenes
Der Diamantene

"Das Gute ist einfach und klar; verwirrend vielfältig aber ist das Schlechte. Einfach ist die Wahrheit; vielfältig ist die Lüge. Einfach ist die Gerechtigkeit; vielfältig sind die Möglichkeiten, sie zu erheucheln ... einfach ist Gottes Wort; vielfältig aber ist das Gott entfremdete Wort" (Vom Gebet, 2. Teil, XXI, 2). Mit diesen Worten  sprach der große Denker Origenes nicht nur bis heute gültige Wahrheiten aus – er charakterisierte auch seine Zeit.

Bereits im Verlauf des zweiten Jahrhunderts büßte das frühe Christentum seine innere Strahlkraft ein. Rituale wie die Säuglingstaufe, das rituelle Messopfer oder die von Priestern abgenommene Ohrenbeichte traten an die Stelle innerer Vorgänge wie der Geist-Taufe Erwachsener, des gemeinsamen Liebesmahls oder der Aussöhnung zwischen Streitenden. "Funktionäre" wie die Kassenführer (Bischöfe genannt, von episkopos, Aufseher) oder die Verwalter (Diakone oder Priester) begannen die Gemeinden zu beherrschen und waren vor allem an einem möglichst großem Zustrom zahlender "Schafe" interessiert. Der Glaube wurde verwässert, Christus z. B. als eine Art antiker Mysterien-Gott hingestellt, der dem Menschen ohne eigenes Zutun alle Sünden abnehmen kann – vermittelt durch die Priester.

Origenes wusste um die Reinkarnation

Ein entschiedener Kämpfer gegen diese Aushöhlung des ursprünglichen urchristlichen Glaubens und Lebens war der aus Ägypten stammende Origenes (ca. 184-253). Er studierte die überlieferten Texte der Bibel kritisch und unterschied mit seinem klaren Geist Ursprüngliches von Fälschungen und Hinzufügungen. Für Origenes, genauer Origenes Adamantios, was der "der Diamantene" bedeutet, war die sichtbare Welt eine Folge des Abfalls einiger ursprünglich reiner Geistwesen von Gott. Durch die Erlösertat Christi auf Golgatha hatten alle Menschen und Seelen – ohne Ausnahme – die Möglichkeit erhalten, mit Christi Hilfe und durch ein Leben nach den göttlichen Gesetzen wieder in die reinen Welten zurückzugelangen. Dieser Rückweg kann in wiederholten Einverleibungen erfolgen – Origenes lehrte also das Gesetz der Reinkarnation. Er wandte sich nur gegen die Annahme einer "Seelenwanderung" von Menschenseelen etwa in Tierkörper. Auch eine ewige Verdammnis lehnte er als unchristlich und als Irrlehre ab.
Doch in einer Zeit zunehmender Christenverfolgung – auch Origenes selbst fiel ihr zum Opfer – konnte sich die wieder erweckte Lehre eines Geist- und Tatchristentums nur vereinzelt gegen die Übermacht der Verflachungskräfte durchsetzen. Ein gewaltiger Etappensieg für das äußere Macht- und Scheinchristentum war der Pakt, den Kaiser Konstantin, ein brutaler Machtpolitiker, im vierten Jahrhundert mit der römischen Kirche schloss. Und wieder stand ein Verfechter eines inneren Christentums bereit, den geistigen Kampf aufzunehmen: der ebenfalls aus Ägypten stammende Arius (ca. 260-336), der unmittelbar an die Lehren des Origenes anknüpfte. Doch die Lehre des Arius, insbesondere seine Ablehnung der völligen Gleichsetzung von Gott-Vater und Christus in der amtskirchlichen Dreifaltigkeitslehre, wurde auf dem Konzil von Nizäa (325) von Kaiser Konstantin verboten. Als, nach weiteren geistigen Kämpfen, Arius rehabilitiert wurde, vergiftete man ihn kurzerhand in Konstantinopel (336).
Man hätte die Anhänger der Lehre des Origenes, die der frühchristlichen Lehre entsprach, eigentlich "Origenisten" nennen können - doch weil Origenes auch in der Kirche noch immer großes Ansehen genoss, nannten die Theologen der Romkirche die Anhänger seiner Lehre lieber "Arianer". Der Kampf zwischen Katholiken und Arianern ging im weströmischen Reich noch bis zum Ende des vierten Jahrhunderts weiter. Teilweise fanden regelrechte Schlachten z. B. um den Besitz von Kirchen statt; die Arianer sanken dabei zum Teil auf das Niveau ihrer Gegner. Dann sorgte "Kirchenvater" Ambrosius (ca. 333-397) für ihre gnadenlose Verfolgung und für die Anwendung römischer Strafgesetze gegen sie: Beschlagnahmung von Gebäuden und Vermögen, Aberkennung bürgerlicher Rechte, Verbannung, Tod. Der Spanier Priscillian, der ebenfalls origenistische Ideen vertrat, unter anderem eine vegetarische Ernährung empfahl und das prophetische Wort schätzte, wurde 385 in Trier enthauptet – der erste von der Rom-Kirche ermordete "Ketzer". Von nun an war klar, was jedem anderen blühen konnte, der nicht den römisch-katholischen Glauben annehmen wollte.
Doch über eine geografische "Hintertüre" bekamen die Gedanken des Origenes neuen, ungeahnten Aufschwung: Der Gote Wulfilas (313-383), dessen Vorfahren aus Kleinasien stammten, lernte in Konstantinopel die Lehre des Origenes kennen und brachte sie den Goten nahe. Es entstand so etwas wie eine gotische Volkskirche, die zwar nicht direkt als "urchristlich" bezeichnet werden kann – die Goten waren z. B. wie alle Germanen, im Gegensatz zu Jesus von Nazareth, keine Pazifisten, sondern in ihrer Mehrzahl eher kriegerische Naturen. Die gotisch-arianische Kirche kannte auch Priester und Bischöfe, obwohl Jesus solche nicht eingesetzt hat. Doch diese mussten von ihrer Hände Arbeit leben und waren verheiratet. Es gab keinen Papst, keinen Kirchenzehnt, keine Heiligen- oder Reliquienverehrung, keinen Mutter-Gottes-Kult, keine Ohrenbeichte, keine Kindertaufe, kein rituelles Abendmahl, sondern ein "Brudermahl" nach urchristlichem Vorbild. Es gab zwar Klöster, aber deren Insassen blieben dort nur "auf Zeit", also ohne lebenslange Gelübde.

"Religion kann man nicht anbefehlen"

Bemerkenswert ist auch die Toleranz der germanischen Arianer: In den von ihnen beherrschten Gebieten machten sie keine Missionierungsversuche und beließen in der Regel den Katholiken ihre Kirchen. "Religion kann man nicht anbefehlen", lautete der Grundsatz des in Italien herrschenden Ostgotenkönigs Theoderich. Intolerant gegenüber Katholiken waren zeitweise lediglich die Wandalen, ebenfalls ein arianischer Germanenstamm, in Nordafrika. Die Arianer zeigten selbst in Kriegszeiten Achtung vor ihren Gegnern: Während der katholisch-byzantinische General Belisar 536 nach der Eroberung der von den Ostgoten verteidigten Stadt Neapel Plünderungen billigte und ein Blutbad anrichten ließ, bei dem auch katholische Einwohner nicht geschont wurden, ließ der Ostgote Totila alle Einwohner nach der Rückeroberung 543 am Leben, versorgte sie mit Nahrung und ließ sie gehen, wohin sie wollten, stattete sie teilweise sogar mit Reisegeld aus.
Die meisten der Germanenstämme, die seinerzeit rund um das Mittelmeer siedelten, nahmen den arianischen Glauben an. Erst die Vernichtungskriege Kaiser Justinians im 6. Jahrhundert gegen Wandalen und Ostgoten sowie die Unterwerfungs-Feldzüge der katholischen Franken gegen ihre germanischen Nachbarstämme im 7./8. Jahrhundert sorgten für den Sieg der römischen Kirche über die verhasste "Häresie". Im Jahre 543 ließ Kaiser Justinian die Lehren des Origenes verdammen, nicht zuletzt um die Religion seiner Kriegsgegner, der Ostgoten, in Verruf zu bringen.
Doch die Lehren des Origenes, die unter den Germanen - in freilich etwas abgewandelter Form - über viele Jahrhunderte Bestand hatten, wichen nur vorübergehend der kirchlichen Gewalt. Es ist sicher kein Zufall, dass ehemals von Goten besiedelte Gebiete, nämlich Oberitalien, Südfrankreich, Bulgarien, Bosnien, in späterer Zeit zum Nährboden für die bogumilische und katharische Bewegung wurden – die dann ebenfalls von der Kirche verfolgt und ausgerottet wurden. Doch bereits zur Reformationszeit tauchten in Ungarn und Polen wieder Glaubensgruppen auf, die sich "Arianer" nannten und an den Glauben der längst besiegt Geglaubten wieder anknüpften. Menschen kann man umbringen - Ideen und Ideale nicht.

 




(6) Die Paulikianer
Tausende "Begleiter des Volkes" gesteinigt, verbrannt, geköpft


Die Romkirche zerschlug im Laufe der Spätantike immer wieder jede religiöse Strömung, die Anschluss an das frühe Christentum suchte – seien es die "Markioniten", "Montanisten", "Manichäer" oder "Origenisten". Sie wurden geächtet, enterbt, ausgestoßen, ermordet, von Land zu Land gehetzt. Immer wieder jedoch entkamen einzelne Gläubige oder ganze Gruppen den Nachstellungen der sie im Auftrag der Rom-Kirche verfolgenden staatlichen Häscher, und sie flüchteten in Nachbarregionen. In Anatolien bildete sich aus den Versprengten das Volk der Paulikianer.

Keine Priester, Hinwendung zum Inneren Licht

Nach den Untersuchungen des Historikers Rudolf Kutzli waren auch zahlreiche so genannte "Mazdakisten" in dieser Zeit von Persien nach Armenien geflohen und schlossen sich teilweise den Paulikianern an. Ihre Anhänger beriefen sich auf Zarathustra (6. Jahrhundert vor Christus), und sie verkündeten eine Religion der universellen Brüderlichkeit: Jeder Mensch habe in gleicher Weise einen Anspruch auf ein menschenwürdiges Dasein. Die Mazdakisten wurden – nach vorübergehender Duldung – von den persischen Königen scharf bekämpft, denn sie stellten das feudale Ausbeutungssystem des Großgrundbesitzes in Frage. Auch die Priesterkaste wurde von den Mazdakisten für überflüssig erklärt, wobei sie sich auf Texte des Zarathustra berufen konnten, wie zum Beispiel: "Euch frage ich, die ihr euer Heil Priestern und Fürsten anvertraut! Nun ist die Erde ihre Beute! ... Macht uns die Erde wieder frei! Ein Opfer ist sie jetzt für Rasende. Priester und Fürsten engen das Leben ein, aber mit dem Leben werden wir siegen!"

Diese Zeilen klingen heute, im Zeitalter der ökologischen Katastrophen, sehr aktuell. Zarathustra lebte fünf Jahrhunderte vor Christus, doch in vieler Hinsicht nahm er Aspekte der Botschaft von Jesus von Nazareth vorweg – auch wenn, wie bei fast allen großen Religionsgründern, seine Lehre später verfälscht und ebenfalls zu einer ritualisierten äußeren Religion gemacht wurde. Den Mazdakisten ging es in erster Linie um die innere Befreiung des Menschen, um seine Hinwendung zum Inneren Licht: "Wann wird es aufgehen, das Morgenrot jener Tage, wo die Menschheit sich wendet zum Inneren Licht, zum Lichte der Wahrheit? Doch sei, wann es wolle ... Ich will mich mühen, als sei es schon Zeit." (Zarathustra)
 

Das urdemokratische Element der Mazdakisten zeigte sich später auch in der inneren Haltung der Paulikianer. Ihre geistigen Führer lehnten jede Machtausübung ab. Sie bezeichneten sich, wie ihre Vorläufer in den frühchristlichen Urgemeinden, als "Begleiter des Volkes", und sie wurden auch vom Volk gewählt. Sie unterschieden sich in Kleidung und Lebensweise nicht von anderen Gemeindemitgliedern. Jeder Gläubige war dazu aufgerufen, selbst das Neue Testament zu lesen und auszulegen und das wahre Christentum in sich zu ergründen. Die einzelnen Glaubensinhalte der Paulikianer sind nur indirekt zu erfahren, weil fast nur Berichte ihrer Gegner erhalten geblieben sind. Dies gilt übrigens für die meisten der von der Kirche verfolgten Gruppen.
So sollen sie geglaubt haben, dass Christus nur scheinbar Mensch gewesen wäre und dass auch das Böse von Ewigkeit her Bestand gehabt hätte. Wir sehen an diesem Beispiel, falls es richtig überliefert ist, dass es schwierig war, den Glauben des ursprünglichen Christentums rein und unverfälscht durch die Wirren der zahlreichen Verfolgungen urchristlicher Glaubensbewegungen in der Antike und im Mittelalter hindurch zu retten. So manche Abweichung oder Verwirrung schlich sich ein. Das gilt auch für die Frage der Gewaltanwendung. Die Paulikianer waren keine Pazifisten wie Jesus von Nazareth, sondern verteidigten sich militärisch gegen die zahlreichen Angriffe und Ausrottungsversuche vor allem des byzantinischen Staates, dessen Kaiser durch die Priesterkaste zur Verfolgung der "Häretiker" aufgestachelt wurden. Immer wieder wurden Tausende von Paulikianer gesteinigt, verbrannt, geköpft.

Keine Bildnisse von Gott, Aufhebung des Leibeigenschaft

Im 8. Jahrhundert erhielten die Verfolgten allerdings eine Atempause. Die Paulikianer unterstützten Kaiser Leon III. in der Frage des Bilderstreits, der das oströmische Byzanz über Jahrzehnte in Atem halten sollte. Wie der Kaiser waren sie der Auffassung, dass der Mensch sich keine Bildnisse von Gott machen oder diese gar anbeten sollte. Heiligenverehrung lehnten sie ohnehin ab.
Auch übernahm Kaiser Leon III. urchristliche Prinzipien in die Politik. Er löste teilweise den Großgrundbesitz auf, hob die Leibeigenschaft der Bauern auf, verteilte an sie Land und schuf Genossenschaften. Die Armen erhielten kostenlose Rechtsprechung, die Stellung der Frau wurde erheblich verbessert.

Welcher Geist sprach nun aus den neuen Gesetzen, in denen zum Beispiel zu lesen steht "Gott hat den Menschen geschaffen und mit Freiheit geschmückt ... Die Gerechtigkeit, die Botin vom Himmel, ist das höchste irdische Gut, ... die höchste Sorge des Kaisers"? Der Historiker Rudolf Kutzli ist der Ansicht, dass diese Gesetze unverkennbar von paulikianischer Ethik geprägt waren.
 

Bereits Ende des 8. Jahrhunderts jedoch begannen wieder grausame Verfolgungen der Paulikianer. Sie hatten zu dieser Zeit aber bereits auf dem Balkan Fuß gefasst. Andere Paulikianer flüchteten an den Euphrat – wo sie der muslimische Emir wesentlich toleranter behandelte als der "katholische" Kaiser – oder über Nordafrika bis nach Frankreich. Ihr Wirken war wiederum der Same für weitere Gemeinschaften, welche zur Lehre von Christus zurückkehren wollten.


Der Pfahl schob sich langsam durch den Anus ein - ein qualvoller Tod


Einen Höhepunkt erreichte ihre blutige Verfolgung im Jahr 843, nachdem die Kaiserin Theodora II. gleich nach ihrem Amtsantritt in Konstantinopel die Verehrung der Bilder wieder einführte und die Bekehrung der Paulikianer zum orthodoxen Kirchenglauben befohlen hatte. 100.000 Paulikianer, die sich nicht unter die Zucht des Baal und unter sein Machtkonglomerat zwingen ließen und die ihren Glauben nicht widerriefen, wurden den Chroniken zufolge grausam hingerichtet. So wird auch berichtet, dass der Vater eines Anführers der Paulikianer gepfählt wurde.
Dabei wird dem Verurteilten entweder ein Pfahl durch die Brust gebohrt. Oder er wird auf einen abgerundeten und eingefetteten Pfahl gesetzt. Durch das Gewicht des menschlichen Körpers dringt dieser Pfahl dann langsam durch Anus oder Vagina ein, was zu einem qualvollen und langsamen Tode führt. Da der Pfahl abgerundet war, verletzte er keine lebensnotwendigen Organe, sondern schob sich langsam durch den ganzen Körper und verlängerte somit die extreme Qual. Kaiserin Theodora II., welche den Befehl zur grausamen Massenhinrichtung aller Andersdenkenden gab, wird bis heute als orthodoxe "Kirchenheilige" verehrt.
Die geflüchteten Paulikianer sammelten sich erneut und verbündeten sich unter anderem mit den arabischen Muslimen. Ca. 30 Jahre später wurden sie jedoch in weiteren Schlachten vernichtet, nur einige Überlebende konnten auf den Balkan umsiedeln. Und dort wurde bald darauf ein weiterer Versuch unternommen, das Urchristentum wieder in die Tat umzusetzen.

 

 


 

(7) Die Bogumilen
"Die wahre Kirche Christi ist das Herz der Menschen"

Sie verzichteten auf alle äußeren Rituale und Zeremonien, weil sie Gott in ihrem Inneren fanden. Die Bewegung der Bogumilen konnte sich fast ein halbes Jahrtausend auf dem Balkan halten. Als sie vernichtet wurde, hatte sie längst Samen ausgestreut ...

Mönche der Kirche lebten in Saus und Braus

"Wenn aber ein armer Wandersmann von weit her kommt und die Türme des Fürstenhofes erblickt, so verwundert er sich ... und stellt Fragen ... Wenn er aber den Fürstenhof betritt und sieht die hohen Paläste und Kirchen, außen mit Stein, Holz und Farbe, innen mit Marmor und Kupfer reich verziert, so weiß er nicht, womit er das alles vergleichen soll, denn in seinem Lande hat er nie etwas anderes als strohgedeckte Hütten gesehen, und der Arme beginnt den Verstand zu verlieren (Katja Papasov, Christen oder Ketzer – die Bogomilen, Ogham-Verlag, Stuttgart 1983, S. 122; eine Anmerkung: Die unterschiedliche Schreibweise "Bogumilen" oder "Bogomilen" ergibt sich aus unterschiedlichen Möglichkeiten der Transkription aus der kyrillischen in die lateinische Schrift: buchstabengetreu [o] oder aussprachegetreu [u].).
So beschreibt ein Zeitzeuge die Kluft, die im 10. Jahrhundert zwischen der einfachen Landbevölkerung Bulgariens und dem Zarenhof in der Hauptstadt Preslav bestand. Nicht nur die Fürsten und Bojaren, auch die hohen Kleriker stützten sich nach byzantinischem Vorbild auf zahlreiche Privilegien und umfangreichen Grundbesitz. Dies betraf auch viele der orthodoxen Klöster: "Die Mönche lebten in Saus und Braus, kleideten sich in prächtige Gewänder, waren von zahlreichen Dienerschaften umgeben, aßen teure Speisen, ritten schöne Pferde und plünderten ihre Untergebenen grausam aus. Die Bauern mussten alle Staatssteuern in Sachwerten abliefern, die Bodensteuer, die Herdsteuer, die Viehsteuer, die Bienensteuer und andere. Zusätzlich legte noch die Kirche den Bauern beträchtliche Abgaben auf. (Papasov, S. 124)

Umwälzung lag in der Luft

So ist es kein Wunder, wenn sich angesichts dieser Zustände unter der geplagten Landbevölkerung "verschiedene ketzerische Lehren" breit machten. Der orthodoxe Priester Kosma berichtet davon, natürlich in abfälliger Weise: "Es geschah, dass zur Herrschaftszeit des rechtgläubigen Zaren Peter ein Pope namens Bogumil (deutsch: Gottesfreund) in den bulgarischen Landen auftauchte, der besser Bogunemil (der nicht von Gott Geliebte) genannt werden sollte. Er war der erste, der ketzerische Lehren in bulgarischen Gebieten predigte."
Der "ketzerische" Gemeindevorsteher (= Synekdemos) Bogumil lebte vermutlich von 913 bis 963 und begann sein öffentliches Wirken um 935. Er war eine überragende Persönlichkeit, nach der eine große Bewegung, die ein halbes Jahrtausend Bestand hatte, benannt ist. Doch diese Bewegung entstand nicht aus dem Nichts und die unerträglichen sozialen Verhältnisse Bulgariens waren nicht ihre letzte Ursache, sondern eher Auslöser und Verstärker einer Umwälzung, die "in der Luft" lag.

Die Bulgaren sind ursprünglich ein turksprachiges Reitervolk, das, aus Zentralasien kommend, im 7. Jahrhundert in den Balkanraum vordrang. Dort vermischten sie sich allmählich mit den ansässigen Slawen und übernahmen deren Sprache. In Asien hatten sie engen Kontakt zum Volk der Uiguren gehabt. Bei diesen war die Lehre des Manichäismus lange Zeit verbreitet, zeitweise sogar als "Staatsreligion". Auf dem Balkan wiederum trafen die Bulgaren unter anderem auf die Paulikianer, die man als die geistigen Erben der Manichäer bezeichnen könnte. Der Boden war also vorbereitet für eine Erneuerung dieser am Urchristentum orientierten "Ketzer"-Bewegungen.
Die Bogumilen verbreiteten sich sehr rasch in Bulgarien und in den angrenzenden Ländern Mazedonien, Serbien und Bosnien. Der Kern ihrer Lehre war, dass der Mensch ohne Vermittlung einer äußeren Instanz oder Institution in ein unmittelbares Verhältnis zu Gott treten kann. Deshalb bauten sie, jedenfalls in der Anfangszeit, keine äußeren Kirchen, sondern trafen sich in schlichten Versammlungsräumen. "Das Herz des Menschen ist die wahre Kirche Christi", sagte ein Bogumile, als er vor einem Inquisitionsgericht verhört wurde. (
Rudolf Kutzli, Die Bogumilen, Verlag Urachhaus Stuttgart 1977, S. 159).

Erfahrung statt Tradition

Die Bogumilen pflegten auch keine Rituale oder liturgischen Zeremonien. Sie wollten das christliche Leben nicht auf Tradition, sondern auf spirituelle Erfahrung gründen. Sie trafen sich zu einer feierlichen Tischgemeinschaft nach dem Vorbild des urchristlichen "Liebesmahls". Sie kannten keine Priesterhierarchie, sondern lediglich eine Unterteilung ihrer Anhänger in "Vollkommene", "Glaubende" und "Zuhörer". Letztere würde man heute als "Sympathisanten" bezeichnen; die "Glaubenden" waren Vollmitglieder der bogumilischen Gemeinden. Die "Vollkommenen" zeichneten sich durch eine enthaltsame Lebensweise aus, vor allem aber durch eine natürliche Autorität, die allein auf ihrer inneren Entwicklung beruhte, auf dem "Maße des inneren Lichtes", das der Mensch "zum Leuchten gebracht hatte" (Kutzli, a.a.O.). Zu einem "Vollkommenen" wurde man durch die "Geisttaufe" – das einzige Sakrament, das die Bogumilen kannten.

Die bulgarischen "Gottesfreunde", zumindest die "Vollkommenen" und die "Glaubenden" unter ihnen, lebten vegetarisch und waren gewaltlos. Sie wollten nicht das Göttliche, das in allem lebt, töten. Sie sahen es als ihre Aufgabe an, nicht nur sich selbst mit der Hilfe des inneren Christus zum Licht hin zu entwickeln, sondern auch das Böse in der Welt durch ihr Vorbild und ihre Liebe allmählich mit zu erlösen. So wollten sie das kommende "Reich des heiligen Geistes" vorbereiten. Sie glaubten an die Möglichkeit einer Wiederverkörperung der Seele, nicht aber an eine ewige Verdammnis. Sie lehnten die Verehrung des Kreuzes mit Korpus ab, hinterließen aber eine Fülle von Licht- oder Lebenskreuzen ohne Korpus.

Das Böse war nach Auffassung der Bogumilen durch den Sturz "Satanaels" aus dem Himmel entstanden. Aus diesem "Engelsturz" entstand auch die Materie und der Planet Erde. Weil aber Satanael den Menschen nicht das Leben einhauchen konnte, verlieh Gott jedem Menschen einen "Geist-Funken" aus Seinem Licht. Daraus ergibt sich die innere Zwiespältigkeit des Menschen: Äußerlich gehört er der Materie, innerlich Gott an.

Ablehnung der teuflischen Inspirationen in der Bibel

Die Bogumilen waren also, zumindest in ihrer Mehrzahl, keine Anhänger eines "radikalen"  so genannten "gnostischen" Dualismus, wonach seit Urzeiten die Prinzipien Gut und Böse angeblich gleichberechtigt nebeneinander bestehen würden. Sie vertraten vielmehr einen "gemäßigten Dualismus", wonach Gott der Ursprung allen Seins und stärker als das Böse ist, das dereinst besiegt sein wird.
Wenn den Bogumilen bis heute immer wieder unterstellt wird, sie hätten nur an eine Schein-Existenz des Jesus von Nazareth auf der Erde und an eine Schein-Kreuzigung geglaubt ("Doketismus"), so beruht dies wohl auf einem Missverständnis: Sie glaubten, dass der innere Kern der Persönlichkeit des Jesus von Nazareth, nämlich der Christus Gottes, nicht von dieser Welt war und deshalb auch nicht getötet werden konnte.
Weil sie im Alten Testament der Bibel sehr viele Aussagen fanden, die sie mit einem liebenden Gott nicht in Einklang bringen konnten, lehnten sie dieses Buch weitgehend ab, erkannten nur die Psalmen und die Bücher von sechs Propheten als von Gott gegeben an, nicht aber beispielsweise die Bücher des Mose, die sie für vom Teufel inspiriert hielten. Der Tatbestand, dass diese Bücher, wie so vieles andere, von der damaligen Priesterkaste verfälscht worden waren, war ihnen offenbar nicht mehr geläufig – hatte doch die Kirche die tiefschürfende Textkritik z. B. eines Origenes schon viele Jahrhunderte zuvor verketzert und weitgehend ausradiert.

Schlicht und klar statt katholisch oder orthodox

Die Lehre und Lebensführung der Bogumilen war in ihrer Schlichtheit und Klarheit nicht nur eine Gefahr für die etablierten Kirchen, für die katholische ebenso wie die – seit 1054 von ihr getrennte – orthodoxe. Diese Bewegung bedrohte auch die feudale staatliche Ordnung, die damals noch auf Ausbeutung und Unterdrückung angelegt war: Sie entzog einer religiösen Anschauung, die Sklaverei und Leibeigenschaft, Reichtum und Ausbeutung rechtfertigte, den Boden. Und so kam es, wie es kommen musste: Während die Bogumilen jeglichen Glaubenszwang ablehnten und die Freiheit des menschlichen Willens betonten, brachten ihnen die kirchlichen und staatlichen Institutionen das Gegenteil davon entgegen: Die bogumilische Bewegung wurde im byzantinischen Reich, in Bulgarien, in Serbien immer wieder verketzert und grausam bekämpft. So ließ der byzantinische Kaiser Alexios I. Komnenos (1018-1116) den bogumilischen Gemeindevorsteher Basileios an den byzantinischen Hof nach Konstantinopel (heute Istanbul) rufen, angeblich, um sein Anhänger zu werden. In Wirklichkeit ließ er das Gespräch von hinter einem Vorhang versteckten Lauschern mitschreiben und die angereiste Delegation der Bogumilen anschließend von einem Inquisitionsgericht verurteilen und verbrennen.

Fotos - Oben: Radimlje - Bosniens größtes Bogumilen-Steinfeld; Rechts: Ein Bogumilenstein, fotografiert in Kroatien - Sonne, Mond und einfache Kreuze sind auf den Steinen zu sehen: Der Mensch als Gefäß soll die Kraft der inneren Sonne, die Christuskraft, in sich zum Leuchten bringen. Die Steine wurden womöglich zu einer Zeit gesetzt, als die Bogumilen bereits ihrer Vernichtung durch die Institution Kirche entgegen sahen.

Ausgestochene Augen und andere grausame Verfolgungen

Bereits vor Alexios hatte sein Vorgänger Basileios II. (976-1025) dreißig Jahre lang Krieg gegen den westbulgarischen Zaren Samuel geführt, der mit den Bogumilen sympathisierte und ihnen Glaubensfreiheit gewährte. Nach der blutigen Schlacht von Kljutsch (1014) nahm das byzantinische Heer des Basileios 14.000 bulgarische Soldaten gefangen. Auf Befehl des byzantinischen Kaisers wurden allen Gefangenen die Augen ausgestochen – nur jedem Hundertsten wurde ein Auge belassen, damit er die übrigen "heimführen" könne, so die zynische Begründung. Diese grausame Verstümmelung sollte offenbar eine Verhöhnung der bogumilischen Lehre des "inneren Lichtes" sein. Als Zar Samuel seine Soldaten so herankommen sah, starb er gebrochenen Herzens. Und Kaiser Basileios erhielt den Beinamen "Bulgaroktos", Bulgarenschlächter, worauf er auch noch stolz war. Bis heute erinnert ein kleines Kloster am Vodoca-See (von "vadi oci", Augen ausreißen) in der Nähe des Schlachtfeldes im heutigen Mazedonien an dieses Verbrechen.
Auch die katholische Kirche bekämpfte die angebliche "Irrlehre" mit allen ihren Kräften. Das Heer des vierten Kreuzzugs, der später statt des "heiligen Landes" das orthodoxe Byzanz erobern sollte, zog im Jahre 1202 von den Venezianern (die das Unternehmen finanziert hatten) zunächst gegen die dalmatinische Stadt Zadar im heutigen Kroatien – mit der Begründung, dort lebten "bogumilische Ketzer". Mehrfach ließ der Papst "Ketzerkreuzzüge" gegen die Bogumilen ausrufen.

Nachfahren wurden lieber Moslems als Katholiken

Trotz aller Verfolgungen verbreitete sich die Lehre der "Gottesfreunde" weiter. Zeitweise fand sie für einige Jahrzehnte staatlichen Schutz – so zu Beginn des 11. Jahrhunderts im westbulgarischen Reich (dem heutigen Mazedonien) um den Ohrid-See oder im 13. und 14. Jahrhundert in Bosnien. Dort bildete das Bogumilentum zeitweise sogar eine Art Staatsreligion. Doch auch deren Tage waren gezählt. Als die Türken nach der Schlacht gegen die Serben auf dem Amselfeld (1389) auf dem Balkan weiter vordrangen, verweigerten die katholischen Nachbarn den bosnischen "Ketzern" jegliche Hilfe – es sei denn, sie wären zum Katholizismus übergetreten. Dazu waren die Bosnier jedoch nicht bereit. Die Türken rotteten die bosnische Oberschicht weitgehend aus; die einfachen Bauern begaben sich notgedrungen unter türkische Oberhoheit und nahmen in der Folgezeit fast alle den muslimischen Glauben an. Ihre Nachfahren sind die heutigen bosnischen Muslime.

Kirche kann Geist des Urchristentums nicht ausrotten

Doch die Kirche ahnte selbst, dass der im Bogumilentum wieder auferstandene Geist des Urchristentums nicht ausgelöscht werden kann. Papst Pius II. (1458-1464) musste feststellen, dass die Kirche kaum jemals einer Bewegung so heftig und mit solch scharfen Mitteln entgegengetreten sei. Dennoch sind alle inquisitorischen Anstrengungen der Kirche gegen diese von ihr verleumdeten angeblich "schlechten Menschen", die sich nur "gute Christen" nennen würden, letztlich erfolglos geblieben.
Denn bereits lange vor dem Ende der Bogumilen auf dem Balkan hatte die Lehre sich über ganz Europa verbreitet. Flüchtende Bogumilen setzten von Albanien nach Italien über. Andere fanden in der Ukraine und in Russland eine neue Heimat. Das berühmte orthodoxe Kloster auf dem Berg Athos in Griechenland war lange Zeit – bis ins 14. Jahrhundert hinein – ein Bollwerk des Bogumilentums. Große Gestalten der abendländischen Geistesgeschichte wie der römische Ketzer-Revolutionär Arnold von Brescia, der kalabresische Abt Joachim von Fiore, der Dichter Dante Alighieri könnten von Nachklängen dieser Bewegung beeinflusst worden sein. Sogar der von der katholischen Kirche vereinnahmte "Heilige" Franziskus von Assisi zeigte in seiner Naturverbundenheit und Schlichtheit eher bogumilische Züge – schließlich wurde "sein" Orden der Franziskaner gegen seinen Willen gegründet, und seine treuesten Schüler (Spiritualen genannt) wurden zu Hunderten ebenfalls auf den Scheiterhaufen der Inquisition der römischen Papstkirche verbrannt.
Vor allem aber steht fest, dass es intensive Kontakte zwischen den Bogumilen des Balkans und den Katharern Südfrankreichs und Italiens sowie den "Gottesfreunden" des Rheinlands gab. Doch das ist ein weiteres Kapitel.
 



(8) Die Katharer
Das Gute durch das eigene Leben bezeugen

Zwei Frauen, die allein unterwegs waren – das erregte Verdacht. Sie wurden aufgegriffen, verhört und – überführt: Als man sie aufforderte, ein rasch herbeigebrachtes Huhn zu töten, weigerten sie sich. Ehe die Katharerinnen Séréna und Agnès de Châteauverdun auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, verlangten sie als letzte Bitte nach frischem Wasser, um sich die Gesichter waschen zu können, die sie zur Tarnung geschminkt hatten. Sie wollten nicht so "bemalt" vor ihren Herrn treten.

Mit "größter Freude" verbrannt

Diese Episode spielte sich zu einer Zeit ab, als der Ketzerkreuzzug (1209-1229) des Papstes gegen die Katharer längst beendet, als auch die berühmte Ketzerburg Montségur schon gefallen war (1244). Das einst so freie und tolerante Okzitanien war unterworfen und Frankreich einverleibt; Inquisitoren durchkämmten nun systematisch Dorf um Dorf, Straße um Straße, Haus um Haus, um die letzten versprengten Katharer aufzuspüren.
Sie werden von den Häschern des Papstes "mit größter Freude" ermordet – wie die 400 Katharer, die Anfang Mai 1211 in dem Pyrenäendorf Lavaur verbrannt werden, nachdem sie das katholische Ave Maria nicht hersagen konnten. Die schwangere Donna Geralda, Katharerin und Schlossherrin in dem "Ketzernest", wird in einen Brunnen gestoßen und mit Steinen beworfen, bis man ihr Wimmern nicht mehr hört. Ihr Bruder Améric von Montreal wird mit 80 Rittern, Edelleuten und Troubadouren zum Richtplatz geführt. Améric wird als erster gehängt – doch der für 80 Verurteilte errichtete Riesengalgen bricht schon unter dieser ersten "Last" zusammen. Die Zimmerleute haben schlecht gearbeitet. Simon von Montfort, der Oberbefehlshaber des vom Papst angeordneten Ketzerkreuzzugs, wollte aber "keine Zeit verlieren": Er lässt die Ritter abstechen.

Wer sind diese Menschen, gegen die solche Grausamkeiten verübt werden? Wer sind sie, die niemanden gleichgültig ließen? Der "heilige" Bernhard von Clairvaux (1091-1153) rief gegen sie zum Völkermord auf: "So also, meine Teuren, verfolgt sie, ergreift sie und zögert nicht, sie alle umkommen zu lassen!" Doch selbst er musste zugeben, "dass es nichts Christlicheres gebe als diese Häretiker; was ihre Unterhaltung angehe, so könne nichts Tadelnswertes gefunden werden, und mit ihren Worten stimmten auch ihre Taten überein. Was die Sittlichkeit der Ketzer anbelange, so betrügen und bedrückten sie keinen, ihre Wangen seien bleich vom Fasten, und mit ihren Händen arbeiteten sie für ihren Lebensunterhalt." (Walter Nigg, Das Buch der Ketzer, Zürich 1986, S. 226)
Tatsächlich wurden viele Katholiken für Ketzer gehalten, wenn sie zu blass aussahen – und Johann Teisseire aus Toulouse musste, um einer Verurteilung als Häretiker zu entgehen, den Eid leisten: "Ich bin kein Ketzer, denn ich habe eine Frau und schlafe bei ihr, ich habe Kinder und esse Fleisch, ich lüge, schwöre und bin ein gläubiger Christ, so wahr mir Gott helfe!"

Die Katharer erhielten vor allem in Südfrankreich großen Zulauf, wo ein freies, tolerantes Klima eine kulturelle Blüte ermöglichte. Die Troubadoure (die "Finder") konnten sich auf literarischem Gebiet ebenso entfalten wie die katharischen Wanderprediger auf religiösem Terrain. Die einfache Lebensweise und der sittliche Ernst der Katharer überzeugte das Volk mehr als die Prasserei und Verderbtheit eines großen Teils des römischen Klerus. Auch wenn die herrschenden Ritter, Grafen und Fürsten selbst keine Katharer wurden (als solche hätten sie die Waffen niederlegen müssen), so schlossen sich häufig ihre Frauen oder Töchter dieser Bewegung an. Viele Ritter waren empört über die Einmischung des Papstes in die freie Lebensart des Südens und versuchten, ihre politische und religiöse Freiheit gegen den Machtanspruch Roms zu verteidigen, der sich mit den Eroberungsgelüsten des französischen Herrschers in Paris liiert hatte. Der Kreuzzug gegen die Katharer war also ein religiöser und ein politischer Feldzug – der Süden Frankreichs verlor am Ende beide.

Doch ehe die Kirche zu diesem letzten Mittel der Vernichtung griff, konnte sich das Katharertum einige Jahrzehnte unter dem Schutz seiner toleranten Herrscher entfalten. Die "Albigenser", wie man sie nach einem ihrer Hauptorte, der Stadt Albi, auch nannte, teilten sich in drei Gruppen: An der Spitze standen die parfaits, die "Vollkommenen" – vermutlich nur wenige hundert Männer und Frauen, die sich ganz in den Dienst der Verbreitung dieser Lehre stellten und auch ehelos lebten, um sich ganz ihre Aufgabe widmen zu können. Sie trugen weiße Gewänder als Sinnbild des Strebens nach absoluter Reinheit in Gedanken, Worten und Taten. Die Gemeinde im engeren Sinne bildeten die croyants, die "Gläubigen". Sie trugen in der Regel schwarze Gewänder – um damit zum Ausdruck zu bringen, dass ihre Seele zwar im Körper "eingesperrt" war, aber diese Welt nicht als ihre Heimat betrachtete. Die Gläubigen lebten zum Teil in der Ehe und hatten Kinder; auch in dem Bewusstsein, weiteren Seelen die Möglichkeit zur Inkarnation zu geben. Denn die Katharer glaubten, wie die ersten Christen, an die Reinkarnation. Die dritte Gruppe bildeten – wie bei den Bogumilen – die auditores, die "Hörer", die man heute als "Sympathisanten" bezeichnen würde.
Die Katharer führten ein einfaches Leben, ernährten sich von ihrer Hände Arbeit, oft als Zimmerleute oder Weber. Viele der Frauen der Katharer kannten sich mit Heilkräutern und Nutzpflanzen aus. Sie bauten keine Kirchen, sondern trafen sich in der freien Natur oder in Höhlen, um gemeinsam zu beten oder über das Evangelium zu sprechen. Liturgische Rituale waren für sie ein "leeres, nichtiges Schauspiel". Anstelle des liturgischen "Opfermahls" der katholischen Kirche hielten sie ein feierliches gemeinsames Mahl, ähnlich dem "Liebesmahl" der Urkirche. Häufig beteten sie das Vaterunser, wobei sie allerdings nicht vom irdischen sondern vom "geistigen" Brot (pain suprasubstantiel) sprachen. Sie lehnten Kreuze mit Corpus ebenso ab wie die Fleischnahrung, die Kindertaufe und jegliche Art von Gewalt oder Krieg. Ein häufiges Symbol war ihnen die Taube – Symbol des Friedens und auch des heiligen Geistes. Gegenüber anderen Glaubensrichtungen war Toleranz für sie selbstverständlich.

Die Welt entstand durch den Fall

Das Hauptanliegen der Katharer und der Grund für ihre ernste Grundhaltung war der Kampf gegen das Böse, das nach ihrer Überzeugung hinter der Welt mit ihren Kriegen und Schlechtigkeiten aller Art stand und alle äußere Materie durchdrang. Das Böse musste zunächst jedoch im Herzen jedes einzelnen selbst erkannt und bekämpft werden durch den Weg der inneren Reinigung. Nach dem Glauben der Katharer konnte Gott die Welt unmöglich so geschaffen haben, wie sie ist - sie ist vielmehr eine Folge des Abfalls von Gott vor langer Zeit. Wie dies genau vor sich gegangen war, darüber entstanden allerdings im Laufe der Zeit unterschiedliche Ansichten. Wie bei den Bogumilen und Paulikianern gab es auch bei den Katharern "gemäßigte" und "radikale" "Dualisten", wie es in der Religionsgeschichte manchmal formuliert wird. Während die Radikalen offenbar meinten, der "böse Gott" habe schon immer bestanden, waren die "Gemäßigten" der Ansicht, dass das Böse nur eine "Abspaltung" vom guten Gott ist. Ein Großteil der südfranzösischen Katharer neigte Ende des 12. Jahrhunderts nach dem Besuch eines Gesandten der "radikalen" albanischen Bogumilenkirche offenbar mehr zur "radikalen" Denkrichtung, aber wer kann schon genau wissen, was damals im Detail wirklich geschehen ist. Meinungsverschiedenheiten gab es in vielen Bewegungen. Dabei ließen sich einige der Katharer zu Diskussionen und sogar Verfluchungen hinreißen, wenn diese Überlieferung zutrifft, was die Bewegung möglicherweise noch angreifbarer machte, als sie es durch Roms Vernichtungswillen ohnehin schon war.

Ideen kann man nicht ermorden

Das schmälert aber nicht den unglaublichen Mut, mit dem Hunderte von Katharer, keineswegs nur die parfaits, nach Augenzeugenberichten ohne Klagen und Angst, ja teilweise sogar singend und in ihrem Inneren mit Gott verbunden in den Tod gingen. War ihnen dies möglich, weil die Welt mit ihren Verlockungen und Verstrickungen für sie bereits vorher "gestorben", also überwunden war? Weil sie mit ganzer Seele auf die geistige Welt bezogen waren oder sich darum bemühten und von dort in einer Weise Kraft und Trost empfingen, die für Außenstehende nicht nachvollziehbar war?
Die römische Kirche hat jedenfalls wegen dieser todesmutigen Katharer die systematische Inquisition eingeführt. Und sie hat nicht nur einen grausamen Vernichtungskrieg gegen sie (und gegen das gesamte südliche Frankreich) vom Zaun gebrochen – sie hat die Vernichtung und Ausrottung Andersgläubiger auch durch Päpste und Heilige (wie Bernhard von Clairvaux oder Thomas von Aquin) ideologisch "rechtfertigen" lassen. Damit entlarvte sie sich einmal mehr als Gewandung des "Systems Baal", das man als Manifestation dämonischer Energien auf der Erde verstehen kann. "In diesem Sinne kann man sagen, dass die Häresie der Kirche einen Schlag versetzt hatte, von dem sich diese nicht wieder erholen sollte" (Eugen Roll, Die Katharer, Stuttgart 1979, S. 238). Das heißt: Ihr totalitärer Machtanspruch, die antichristlichen Inhalte ihrer Lehren und damit ihr Missbrauch des Namens Christus wurden in der Folgezeit immer wieder aufgedeckt.

Der Katharismus überlebte die Katastrophe von Montségur noch um einige Zeit. Denn man hatte rechtzeitig einige Parfaits aus der belagerten Festung hinausgeschleust – was später wohl zu der Legende geführt hat, man hätte einen "Schatz" in Sicherheit gebracht. Doch die katholischen Dominikaner und andere Inquisitoren hetzten sie mit Hunden durch Wälder und Höhlen der Pyrenäen, mauerten die letzten einige Jahrzehnte später in einer Höhle lebendig ein. Immerhin: Noch im 14. Jahrhundert gab es versprengte Katharer in Sizilien.
Wesentlicher noch als das sichtbare Fortwirken der katharischen Bewegung ist der untergründige Strom, der unaufhaltsam weiter fließt. Man kann zwar die Menschen töten, doch das geistige Potenzial, das sie aufgebaut und vermehrt haben, bleibt erhalten. Es speist den urchristlichen Strom, der immer wieder auftaucht und Menschen berührt. So finden sich katharische Gedanken, symbolisch verschlüsselt, in den Bildern eines Hieronymus Bosch ebenso wie in der klaren Forderung der Waldenser oder Hussiten, der Mährischen Brüder oder der Täufer nach einem konsequenten, einfachen christlichen Leben. Die Hugenotten sind nicht zufällig im Stammland der Katharer, in Südfrankreich, erfolgreich, so wie ein Savonarola nicht zufällig in Florenz an die Bestrebungen der "Patarener", wie die italienischen Katharer genannt wurden, anknüpfen konnte.
Die Katharer haben ein Zeichen gesetzt: Dass es möglich ist, für ein überirdisches Ideal einzutreten, auch wenn es äußerlich aussichtslos zu sein scheint. Dass es sich lohnt, an das Gute nicht nur zu glauben, sondern es durch das eigene Leben zu bezeugen. Dass es sinnvoll ist, für das Licht zu kämpfen und in friedlicher Weise aufzuklären. Dass die geistige Energie dieses übermenschlichen Opfergangs nicht verloren ging, zeigt sich im weiteren Verlauf der Geschichte – nicht nur in religiöser, sondern auch in politischer Hinsicht: Auch die Aufklärung des 18. Jahrhunderts hätte ohne die Katharer wohl nicht in dieser Weise stattfinden können.
 


 

(9) Die Brüder und Schwestern des freien Geistes
An einer epochalen Wende der Zeit

"Gott in uns", "Gott, der Freie Geist, in allen Lebensformen Seiner Schöpfung" - Die Brüder und Schwestern des Freien Geistes erlebten Gott als Licht und Kraft in ihrem Inneren und sie wussten, dass es Gottes Odem ist, der jeden Menschen, aber auch jedes Tiere, ja jedes Lebewesen, jede Lebensform beatmet. Unter ihnen gab es auch Gottespropheten, durch die das unverfälschte Wort Gottes wieder die Menschen erreichte. Für die Priester der Institutionen Kirche mit ihrem Kult und ihren Dogma ist diese Erfahrung bis heute die größte Gefahr

Der französische Gelehrte Amalrich von Bena (1140-1206) lehrte, dass Gott in allen Kreaturen lebendig ist und alle Wesen einst zu Gott zurückkehren. Papst Innozenz III. verurteilte seine Lehre deshalb als "Häresie", und Amalrich ist bald darauf gestorben. Doch er hatte bis zu diesem Zeitpunkt schon viele Freunde gewonnen. Der Kirchenhistoriker Prof. Walter Nigg schreibt:
"Nachdem Amalrichs Anhänger in Paris einige Zeit einen kleinen Kreis gebildet hatten, wurde dieser denunziert und musste im Jahr 1209 ein blutiges Ketzergericht über sich ergehen lassen, in welchem eine Anzahl von ihnen dem Scheiterhaufen überantwortet und die anderen mit lebenslänglicher Kerkerhaft bestraft wurden." (Walter Nigg, Das Buch der Ketzer, S. 280)
Seine Lehre wurde auf dem Laterankonzil 1215 in Rom dann offiziell verdammt, die Gebeine aus dem Grab geholt und in "ungeweihter" Erde neu verscharrt. Hier handelte die Romkirche einmal mehr nach dem Prinzip, alles zu beseitigen, was an den "Ketzer" erinnern könnte.

"Am meisten verleumdete Bewegung der Kirchengeschichte"

Ähnlich erging es den offenen Gemeinschaften der Brüder und Schwestern des freien Geistes im 13. und 14. Jahrhundert, die durch die kirchliche Ausmerzung beinahe in Vergessenheit geraten sind. Sie waren überzeugt, dass jeder Mensch das Licht Gottes in sich trägt, das er durch einen mystischen inneren Weg in sich erwecken kann, wozu es keiner Vermittlung durch Priester bedarf, und sie fühlten sich an keine kirchliche Autorität gebunden.
Da die Kirche ihnen Dämonie und sittenlose Praktiken andichtete, gelang es ihr, wie Walter Nigg schreibt, "dem bürgerlichen Christen vor diesen [angeblichen] ´Nihilisten des Mittelalters` das Gruseln beizubringen, das bis zum heutigen Tag nachwirkt. Da ein Historiker dem anderen diese Lügen abschrieb, bis alle selbst daran glaubten, wurden die Brüder des freien Geistes zu der am meisten verleumdeten Bewegung der ganzen Kirchengeschichte." (S. 274)
Sie glaubten, wie Walter Nigg schreibt, "an einer epochalen Wende der Zeit zu stehen, in der alles bisher Gültige entwertet, gewandelt und ersetzt werde durch wahre Erkenntnis, die zugleich die höchste Stufe der Religion und Offenbarung des heiligen Geistes selbst ist".

Die in mehreren Ländern Europas verbreiteten "Brüder und Schwestern vom freien Geist" waren bis ins 15. Jahrhundert hinein Verfolgungen ausgesetzt, zuletzt 1458 in Mainz. Seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert ist nichts mehr von ihnen bekannt. In einem "Gutachten" des Kirchenheiligen Albertus Magnus werden die Brüder und Schwestern mit den Worten verworfen: "Zu sagen, dass die Seele aus der Substanz Gottes genommen ist, ist Ketzerei der Manichäer." (Art. 7)
Auch den Mystiker, der unter dem Namen "Meister Eckhart" bekannt wurde (um 1260-1328), hat man häretischer Überzeugungen in der Art der "Brüder und Schwestern des Freien Geistes" verdächtigt und einem langwierigen Prozess unterzogen. Ankläger war Kardinal Fournier, der spätere Papst Benedikt XII. Eckhart selbst bestritt immer jede Nähe zu nichtkatholischem Gedankengut und starb vor dem Abschluss des Inquisitionsverfahrens. Nach Eckharts Tod wurde das Verfahren aber fortgesetzt und endete mit der Verurteilung der 28 Sätze. Während der Papst verlauten ließ, Eckart habe vor seinem Tod seine "Irrtümer" vollständig widerrufen, wies er in Wirklichkeit nur allgemein mögliche "häretische, glaubensfeindliche Fehldeutungen" seiner Thesen zurück.

Margarete Porete und der mystische Weg der Seele

Wessen Seele mit Gott vereinigt ist, der lebt im Willen Gottes und braucht deshalb auch keine Sittengesetze mehr, weswegen sie verdächtigt wurden, schrankenlos unmoralisch zu leben.
Ähnliches wurde der wegen "Ketzerei" verbrannten Mystikerin Margareta Porete (1250/1260-1310) vorgeworfen, die dem Umfeld der "Brüder und Schwestern vom freien Geist" und manchmal den Beginen zugerechnet wird, Frauen die außerhalb der kirchlichen Bevormundung Gutes tun wollten. In ihrem Werk Spiegel der einfachen Seelen erklärt sie, dass die mit Gott vereinte Seele – verkürzt gesagt – deswegen keine Vorschriften und Frömmigkeitspraktiken mehr beachten muss, weil der in ihr wirkende gute Wille Gottes dafür sorgt, dass sie automatisch das Gute tut. Diese Lehre wurde also von der Inquisition bewusst verdreht.
Hinzu kam bei Margareta ihr Verzicht auf eine "Absicherung" durch das namentliche Zitieren kirchlich anerkannter theologischer Autoritäten. Sie legte dar, durch welches Verhalten die Seele allmählich Gott näher kommt. Sie betrachtete diesen Weg als eine Rückkehr in einen Ursprungszustand, in dem sich die Seele ursprünglich befand, bevor sie sich von Gott trennte. Um wieder dorthin zu gelangen, müsse sich die Seele von allen Abhängigkeiten befreien, die sie noch in Knechtschaft halten. Margareta bezeichnete Gott bzw. die mit ihm gleichgesetzte Liebe als den eigentlichen Autor des Buches. Nach Seinem Willen solle es denen, für die es bestimmt sei, dazu verhelfen, das vollkommene Leben und den Zustand des Friedens besser zu schätzen.

Foto oben
@ Maryanne Bilham (USA) for Divine Eros: Die Gottesprophetin Marguerite Poréte wurde 1310 in Paris auf dem Scheiterhaufen lebendig verbrannt.

Der Aufstieg der Seele ist ein Prozess, der sich in sieben Etappen oder Stufen vollzieht, welche Margareta als "sieben Seinsweisen im edlen Sein" bezeichnet. Dieser Prozess führt die Seele "aus dem Tal auf den Gipfel des Berges, der so vereinzelt dasteht, dass man dort außer Gott nichts sieht."
Auf der fünften Stufe erlangt die Seele die Freiheit. Margareta betonte, dass es zwischen der freien Seele und Gott keine Vermittlung braucht, da sie nun ganz unmittelbar in Verbindung stehen.
Die freie Seele hat sich dann zwar innerlich von allem, was geschaffen ist, gelöst, doch bedeutet das keine äußere Abwendung von der Welt. Vielmehr könnte sie mit ihrer Erfahrung bei Bedarf sogar ein Land regieren. Obwohl Margareta ihre Kirchenkritik zurückhaltend äußerte, hielt sie ganz offenkundig nicht viel von den Priestern und ihrem Absolutheitsanspruch.
Als sie sich auch noch weigerte, einer Vorladung der Inquisition Folge zu leisten, wurde sie verhaftet. Nachdem sie schon 1 ½ Jahre eingekerkert war, lehnte sie es auch im Inquisitionsverfahren ab, sich vor den Vertretern der Priesterkaste zu rechtfertigen oder zu verteidigen. Die Untersuchungskommission befand daraufhin die Angeklagte der "Häresie" schuldig und daher zum Tode zu verurteilen. Als Grund der Hinrichtung wurden "theologische Irrtümer" insbesondere hinsichtlich der Eucharistie genannt. Am Pfingstsonntag des Jahres 1310 wurde das Todesurteil verkündet, am Pfingstmontag wurde Margareta auf der Place de Grève in Paris auf dem Scheiterhaufen bei lebendigem Leib verbrannt.
Als Konsequenz des von Margarete gelehrten mystischen Wegs verbot das Konzil von Vienne (1311–1312) den Beginen, die nicht in die Kirchenhierarchie eingegliedert waren, jede Art der theologischen Betätigung. Weiterhin hatte der Generalinquisitor die Vernichtung aller Exemplare ihres Buches "Spiegel der einfachen Seelen" angeordnet und seinen Besitz unter Strafe der Exkommunikation verboten.
Im 15. Jahrhundert identifizierte der Franziskaner-Inquisitor Bernhardin von Siena den durch Margareta Porete vermittelten Schulungsweg als identisch mit der Lehre der in Italien aktiven "Brüder und Schwestern des freien Geistes". Es sei die gleiche "Häresie". Man sieht ihm an, dass er Finsteres im Sinn hat

Die Kirche beauftragte den "heiligen" Franziskaner Giovanni de Capistrano (Foto rechts), alle Exemplare der Schrift Spiegel der einfachen Seelen, der den Weg zu Gott im eigenen Herzen aufzeigte (durch tätige Nächstenliebe und Überwindung des Ego), zu vernichten.

Ein weiterer Inquisitor der Franziskaner, der Jurist Johannes von Capistranus (1386-1456), musste nun im Auftrag des Papstes nach weiteren Exemplaren der für die Existenz der Kirche bedrohlichen Schrift über die Rückkehr der gefallenen Seelen in ihre Heimat, zu Gott, forschen, um diese zu beschlagnahmen und zu vernichten. Er wurde später von der Vatikankirche "heilig" gesprochen und gilt heute weltweit als "Patron aller Rechtsanwälte". Capistranus ließ auch Juden öffentlich verbrennen und ihre Kinder katholisch taufen, er rief zum Kreuzzug gegen die Türken auf und ließ die Hussiten in Böhmen verfolgen. So wie es ein "treuer" Diener der mörderischen Priesterkaste eben tut, wofür er dann in ihren "Heiligenhimmel" erhoben wurde.

 


 

(10) Girolamo Savonarola
Eine "zu Feuer und Flamme gewordene Persönlichkeit"

Wie Meister Eckhart in Deutschland gehörte auch Girolamo (Hieronymus) Savonarola (1452-1498) in Italien dem Dominikaner-Orden an. Er war Prior des Klosters San Marco in Florenz und wollte die Institution Kirche von innen her verändern. Als der französische König Karl VIII.  Italien im Krieg eroberte, erreichte Savonarola in intensiven Gesprächen mit ihm, dass Florenz verschont blieb. Im Gegenzug verbündete sich die Stadt mit Frankreich. Die Bürger vertrauten Savonarola die Verhandlungen an, weil er in seinen dramatischen Predigten dieses Ereignis sowie den Tod von Papst Innozenz VIII. im Jahr 1492 richtig voraus gesagt hatte. Der Historiker Jacob Burckhardt nennt ihn, obwohl ihm gegenüber kritisch eingestellt, eine "völlig zu Feuer und Flamme gewordene Persönlichkeit". Und der evangelische Theologe Walter Nigg schreibt, man werde "nicht um die Schlussfolgerung herumkommen, dass in Florenz nicht ein politisierender Mönch, wohl aber ein wirklich von Gott gesandter Prophet verbrannt worden ist".

Nachdem Savonarola Briefe an die europäischen Herrscher schrieb und sie aufforderte, ein Konzil einzuberufen, um Papst Alexander VI. abzusetzen, der offensichtlich durch Ämterkauf an die Macht gekommen war, drohte der Papst der ganzen Stadt Florenz den Kirchenbann an. Die Kaufleute fürchteten nun um ihre Geschäfte in Rom, Bürger wurden gegen Savonarola aufgehetzt und Mönche des Klosters wurden verhaftet und im Beisein der Gesandten des Papstes gefoltert. Savonarola selbst und zwei Mitstreiter wurden 1498 auf dem Marktplatz der Stadt öffentlich gehenkt und verbrannt und ihre Asche in den Fluss Arno geworfen.

Girolamo Savonarola, kurz vor seiner grausamen Hinrichtung, 1497 oder 1498 (Gemälde von Fra Bartolomeo, Museum von San Marco, Florenz; gemeinfrei nach Wikimedia Commons)

Dass Savonarola auch mächtige Gegner in der Stadt hatte, lag an seiner kompromisslosen und von vielen als fanatisch empfundene Art, die Bürger nicht nur freiwillig zu einem christlichen Leben zu bewegen, sondern dessen Prinzipien auch mit entsprechendem Druck durchzusetzen.
Dabei nahm er kein Blatt vor den Mund. Mutig warf er dem mächtigen Fürst Lorenzo vor, die Gemeinschaftskasse geplündert zu haben, aus der ärmere Töchter der Stadt ihre Mitgift bezogen. Und als Parteigänger des Fürsten ihn zur Mäßigung ermahnen wollten, ließ er ihm ausrichten: "Lorenzo kann tun, was er will, aber das mag er wissen: Ich bin fremd, und er ist Bürger und der Erste der Stadt. Und doch bleibe ich hier, und er muss gehen. Ich bleibe hier und nicht er."
Kurz darauf starb der Fürst mit nur 43 Jahren an der Gicht, was Savonarolas Autorität noch einmal steigerte.

Unter der Führung Savonarolas fanden bemerkenswerte Veränderungen statt: Die Streitigkeiten zwischen den reichsten Familien und ihren Parteigängern ruhten für geraume Zeit; ein drohender Bürgerkrieg wurde verhindert, denn Savonarola riet zu Amnestie statt Rache für die Unterlegenen. Streitende versöhnten sich, Reiche gaben Gelder zurück, die sie unrechtmäßig erworben oder unter Ausnützung einer Notlage mit Wucherzinsen erpresst hatten. Die Reichen und der Mittelstand spendeten für die durch die vorhergegangene brutale Besteuerung verarmte Unterschicht der Tagelöhner und Besitzlosen. Ein Pfandleihhaus wurde eingerichtet, um ärmeren Mitbürgern zinsgünstige Darlehen zu ermöglichen. Die direkten Steuern wurden weitgehend abgeschafft. Stattdessen sollte der Grundbesitz, auch derjenige der Kirchen und Klöster, mit einer zehnprozentigen Abgabe belegt werden, was jedoch von der Priesterkaste hintertrieben wurde. Die Mittelklasse, also Handwerker und  Kaufleute, wurden durch die Schaffung eines "Großen Rats" an den politischen Entscheidungen beteiligt. Zuvor hatten die Reichen der Oberschicht alles unter sich ausgemacht.

Savonarolas Hauptanliegen war jedoch die sittliche Erneuerung der Stadt. Schon als junger Medizinstudent hatte er in Bologna den ausschweifenden "Zeitgeist" der Renaissance erlebt und mit den Worten beschrieben: "Wenn einer nach ernsten Dingen und nach Weisheit strebt, ist er ein Phantast. Wenn er keusch und bescheiden lebt, ist er ein Tor. Wenn er fromm ist, nennt man ihn ungerecht. Wenn er gerecht sein will, gilt er für grausam. Wenn er Gottes Größe verehrt und Glauben hat, ist er von blödem Geist."

Savonarolas Botschaft für die Menschen, die fast täglich den Dom füllten, um ihn zu hören, war eine einfache: "Jeder möge also sein eigenes Bewusstsein erneuern, von den Herrschenden angefangen. Jeder möge aus seiner Eigenheit herauskommen und dem Gemeinwohl zustreben  ... Der Egoismus ist ein Zeichen des Verlorenseins. Und solche, die kein Gefühl für ihren Nächsten haben, stehen außerhalb des göttlichen Kreislaufs."
Vergleichbar den alttestamentlichen Gottespropheten ermahnte Savonarola die Bürger der Stadt, den Luxus und das Wohlleben aufzugeben und stattdessen die Armen zu unterstützen. Er wandte sich gegen das Glücksspiel auf offener Straße, das überbordende Karnevalstreiben und sexuelle Ausschweifungen. Offenbar um den sexuellen Missbrauch von Kindern einzudämmen, forderte er Strafen für Homosexuelle, die daraufhin Geldbußen bezahlen mussten. Kurz vor seiner Hinrichtung ließ er, wie schon im Jahr zuvor, am Beginn der Fastenzeit Karnevalszubehör wie Perücken und Masken öffentlich verbrennen. Viele Bürger machte er sich dadurch auch zu Feinden. So fand er eines Tages den Kopf eines getöteten Esels auf seinem Predigtplatz. 
Vor allem aber wandte er sich gegen die Priesterkaste, gegen die katholischen Priester und Mönche, die vielfach Frauen, Mägde und Kinder vergewaltigten, eine Parallele zur jüngeren Kirchengeschichte im 20. und 21. Jahrhundert: "Sie treiben sich in den Kneipen herum und huldigen mit ihren Bauern dem Spiele. Sie nehmen Mädchen zum Tanze mit auf ihr Zimmer, verbringen die Nächte mit schlechten Weibern und Buben, treten aber am Morgen gleichwohl zum Altare des Herrn. Sie sind dem sodomitischen Laster ergeben, vergewaltigen Frauen und Mägde, ja sogar Kinder."
Auch die zwielichtigen Geldgeschäfte der Institution Kirche prangerte er an: "Die Zeremonien, die man heute in der Kirche feiert, finden nicht mehr zu Ehren Gottes statt, sondern um des Geldes willen ... Alle in der Kirche wollen Einkünfte und Pfründe ... Es gibt keine Gnade des heiligen Geistes, die man nicht mit Geld erkaufen könnte ... Nur die Armen, sie werden ausgepresst."

Während der Papst in Rom begann, mit dem ersten geraubten Gold aus Amerika die Decke der Papstkirche Santa Maria Maggiore zu verzieren, und der millionenfache Völkermord der katholischen Eroberer an den Indianern immer grausamer wurde, rief der Mönch Savonarola in Florenz offen dazu auf, "all die überflüssigen Kelche und Kreuze aus Gold und Silber" einzuschmelzen und den Erlös an die Armen zu verteilen. Auch die kirchlichen Zeremonien bezeichnete er als wirkungslos, solange nicht eine innere Umkehr und Änderung des Lebens damit einherginge.
"Gott muss man suchen, nicht prächtige Tempel. Der wahre Tempel ist des Christen Herz."

Savonarola ließ keinen Zweifel daran, dass nach seiner Überzeugung Gott ihn als Propheten erwählt habe, auch wenn er sich anfangs – wie alle Propheten – dagegen gewehrt hatte. Christus, so berichtete er, habe ihm sinngemäß gesagt, es müssen nach dem Muster der apostolischen Urzeit "auch jene Dinge aufgebaut werden, die den Geist bewahren und nähren, und jene Dinge, mit denen der Geist regiert. So soll es in Florenz geschehen, damit diese Stadt gut wird. Es soll ein Staat aufgebaut werden, der das Gute bewahrt, wenn die Stadt Florenz gut sein will."

In dieser Zeit waren auch die Auswirkungen von Krieg in Florenz gegenwärtig und Hungersnot und Pest setzten der Bevölkerung zu. Viele Bürger, auch in den Städten der Umgebung, änderten in dieser dramatischen Situation ihr Leben, wurden friedvoller, lebten bescheidener, gaben das Trinken oder Spielen auf. Wer aus der Umgebung in die Stadt kam, um Savonarolas Ansprachen im Dom zu hören, wurde gastfreundlich aufgenommen und versorgt. Auch Jugendliche änderten sich: Zuvor hatten sie Banden gebildet, die sich teils blutige Straßenschlachten lieferten und die Gegend unsicher machten. Jetzt entstanden Gruppen, die sich um Bedürftige kümmerten, wobei manches allerdings angreifbar blieb: Wer kein Almosen gab, erhielt bisweilen Schläge, wer nicht mitmachte, wurde denunziert und zur Rede gestellt. Damit wurde ein innerer Druck aufgebaut, der nicht mit den urchristlichen Prinzipien übereinstimmt.
Manche Kirchengeschichtsschreiber kritisieren deshalb die angeblich neue "Diktatur". Das stimmt aber schon deshalb nicht, weil – aufgrund der alle zwei Monate neu erfolgenden "Urwahl" durch die Vollversammlung der wahlberechtigten Bürger – Befürworter und Gegner Savonarolas einander in der Stadtregierung immer wieder abwechselten. Und es gab weder Folter noch Hinrichtungen noch andere brutale systematische Gewalt wie sonst unter der Herrschaft des Katholizismus oder später auch des Protestantismus.

"Tatsächlich war die Stadt selten vorher so glücklich gewesen", schreibt der Kulturhistoriker Will Durant über die Zeit unter der geistigen Führung von Savonarola. Selbst Intellektuelle wie Pico della Mirandola und Künstler wie Botticelli und Michelangelo waren von der Persönlichkeit und dem Auftrag des asketischen Mönches beeindruckt.
Die Polarisierung, die noch heute in der Beurteilung des "Experiments Neues Jerusalem" in Florenz spürbar ist, traf die Zeitgenossen in vollem Ausmaß. Savonarolas Vision war: Von Florenz werde das Licht Gottes über ganz Italien, ja in die ganze Welt strahlen, sogar die Anhänger Mohammeds würden sich bekehren, wenn die Einwohner von Florenz den Anfang machten und zu leuchtenden Vorbildern eines Lebens nach den göttlichen Geboten würden.

Die Priester waren bei diesem geistigen Kampf – wie immer, so auch hier – die Hauptgegner der Verfechter der Gottesgebote, und zwar nicht nur die mit den Dominikanern innerkirchlich konkurrierenden Franziskaner, von denen ein Frater einen Teil der Bevölkerung einmal gegen Savonarola aufgewiegelt hatte. Auch in Savonarolas eigenem Orden, den Dominikanern, wollten viele, dass alles beim Alten bleibt. Die Kirchenoberen wollten vor allem nicht, dass die Kirche besteuert wird, so wie sie dies noch heute zu verhindern wissen.
Das gewaltsame Ende der prophetischen Bewegung besorgte aber der Papst selbst. Nachdem Savonarola sich von Papst Alexander VI. nicht zum Kardinal befördern lassen wollte und einer italienischen Kriegskoalition gegen Frankreich im Wege stand, beschloss der Pontifex maximus in Rom seine "Ausmerzung".

Doch der "Ketzer von San Marco", wie Savonarola auch genannt wird, war aus katholischer Sicht eigentlich gar keiner, denn er leugnete die Lehre der Kirche nicht. Sonst hätte sie einen viel kürzeren Prozess mit ihm gemacht und ihn schneller "beseitigen" lassen. Auf diese Weise war es ihm möglich, innerhalb der katholischen Machtstruktur einige Weichen in eine andere Richtung zu stellen. Doch jeder ehrliche und dauerhafte Versuch, auch innerhalb der Vatikankirche nach der christlichen Wahrheit leben zu wollen, würde logisch und ganz zwangsläufig früher oder später zu deren Ende führen, da sie seit ihren Anfängen an nie im Willen Gottes war.
Weil also jeder ernsthafte Versuch, dem Christus Gottes auch in der Kirche Gehör zu verschaffen, bereits den Keim für die Auflösung der Machtkirche enthält, ist nachvollziehbar, dass die Priesterkaste mit Gewalt dagegen vorgeht.
Seine Hinrichtung sah Savonarola sieben Jahre zuvor im Jahr 1491 voraus, und er prophezeite: "Die Gottlosen werden zum Heiligtum gehen, mit Axt und Feuer werden sie die Tore sprengen und verbrennen und die gerechten Männer gefangen nehmen und am Hauptplatz der Stadt verbrennen. Und was das Feuer nicht verzehrt und der Wind nicht fort bläst, wird ins Wasser geworfen."

(Übersetzungen von Dr. Maria Andreucci)

 


 

(11) Waldenser, Jan Hus und die "Hussiten"
Sehnsucht nach dem wahren Urchristentum

Eigentlich hatten sie ja nur den stereotypen Ablauf der katholischen Messen verbessern wollen, indem sie sich als kundige "Laienprediger" anboten. Doch dann kamen den "Armen Christi", wie sie sich selber nannten, erhebliche Zweifel und Fragen in Bezug auf das ganze Gehabe der Kirche und ihrer Priester. Was Ende des 12. Jahrhunderts als innerkirchliche Protestbewegung um den Lyoner Kaufmann Petrus Waldes begann, entwickelte sich – nicht zuletzt aufgrund der brutalen Ablehnung und Verfolgung durch die Kirche – zu einer der bedeutendsten "Ketzerbewegungen" des Mittelalters und darüber hinaus.

Waldes verschenkte sein zum Teil unrechtmäßig erworbenes Vermögen aufgrund eines Bekehrungserlebnisses spontan an die Armen, und er wollte der Bibel ein stärkeres Gewicht verleihen und sie dazu in die Volkssprache übersetzen. Genau das brachte ihn aber in Konflikt mit der Kirche, die er – im Gegensatz zu den Katharern – ursprünglich gar nicht verlassen wollte. Menschen, die selbständig denken, die in Eigenverantwortung ein ethisch hochstehendes Leben anstreben, waren der Kirchenhierarchie schon immer ein Dorn im Auge. Wie die Katharer führten die Waldenser ein einfaches Leben und waren in der Regel geschickte Handwerker. Ihr Ideal war das Urchristentum, wie sie es aus den Evangelien und der Apostelgeschichte ihrer Bibel entnehmen konnten.

Waldes und seine Anhänger wurden um 1180 auf Anordnung des Bischofs von Lyon aus der Stadt und ihrem Umkreis vertrieben. Doch damit sorgte die Kirche ungewollt für die rasche Verbreitung der Bewegung. Bald fielen sie derselben blutigen Verfolgung durch die kirchliche Inquisition zum Opfer wie die Katharer.
Die Geschichte ihrer Bewegung ist ein Beleg dafür, dass es der Romkirche im Grunde um totalitäre Macht samt dem dazu gehörigen irdischen Reichtum geht, denn sonst hätte sie nicht eine Bewegung fast ausgerottet, die ihr gegenüber zwar kaum eine Alternative im Glauben, aber dafür eine Alternative in der ethischen Lebensführung darstellte und vertrat. Die Bewegung der Waldenser ist zugleich ein Beweis dafür, dass die Sehnsucht des Menschen nach einem Leben im Einklang mit den urchristlichen Idealen der Gleichheit, Freiheit, Einheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit sich immer wieder neu Bahn brach, auch wenn für sie das geistige Wissen, das die Katharer und Bogumilen noch in hohem Maße besaßen, nicht mehr unmittelbar verfügbar war oder von ihnen nur teilweise übernommen wurde.

Das trifft auch für weitere Bewegungen zu, die zum Teil auf dem Glaubensgut versprengter Waldenser aufbauten. Im 15. Jahrhundert vertrat in Böhmen der Priester Johannes (oder: Jan) Hus die Lehre von einer "unsichtbaren Kirche" Jesu Christi, die er in Gegensatz zur sichtlich verdorbenen und gespaltenen Kirche setzte, die er erlebte. Auch Hus verwies auf das frühe Christentum und forderte ein einfaches und geradliniges Leben nach den ethischen Maßstäben der Bergpredigt, geißelte den Amtsmissbrauch und die Bereicherung des Klerus.
Um die Auseinandersetzungen zu klären, wurde Jan Hus auf das Konzil von Konstanz (1414-1418) geladen, wofür man ihm freies Geleit für Anreise, für die Zeit auf dem Konzil und für die Heimreise zugesichert hatte. Doch schon während des Konzils wurde Hus ins Gefängnis geworfen und furchtbar gequält: Tagsüber gefesselt, nachts in einem Verschlag eingesperrt, dem Gestank einer Kloake ausgesetzt und nur mangelhaft ernährt. Da sich die Priesterkaste jedoch von einem Widerruf mehr Vorteile versprach als von seinem Siechtum und Tod, wurden die Haftbedingungen zunächst erleichtert.
Doch dann ging es im Frühjahr und Sommer 1415 zur Sache. Das Kirchenkonzil verurteilte unter anderem den angeblichen "Irrtum" des bereits verstorbenen "Ketzers" John Wiclif über die Machtbefugnisse der Priesterkaste, welcher lautete: "Ein Bischof oder Priester, der in der schweren Sünde lebt, weiht nicht, verwandelt nicht (in der heiligen Messe), bringt das Sakrament nicht zustande, tauft nicht." (Neuner-Roos, Der Glaube der Kirche, Nr. 499)
Jan Hus wurde gefragt, ob er das auch so sehe wie John Wiclif. Da er bejahte und auch seine anderen Anschauungen nicht widerrief, wurde bei einer "feierlichen Vollversammlung" im Münster zu Konstanz sein Feuertod beschlossen, verkündet und noch am gleichen Tag vollstreckt: Verbrennung bei lebendigem Leib – trotz Zusicherung freien Geleits.
Hier kam wieder der Leitsatz von Papst Innozenz III. zum Tragen, der lehrte: "Treu und Glauben braucht einem Ketzer [gegenüber] nicht gehalten zu werden, und der Betrug, gegen ihn geübt, wird geheiligt."
Auch durch ein solches Vorgehen entlarvt sich die Machtkirche und derjenige, der hinter ihr am Steuer sitzt und über den Jesus von Nazareth sprach: "Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit; ... denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge." (Johannes  8, 44)

Anders als für John Wiclif und Jan Hus gilt in der römisch-katholischen Kirche bis heute: Auch wenn ein Bischof oder Priester in "schwerer Sünde" lebt, also beispielsweise kurz vor der Eucharistiefeier ein Kind vergewaltigt hat, könne er trotzdem das Kirchensakrament katholisch voll gültig vollziehen und zum Beispiel auch den Eltern des vergewaltigten Kindes angeblich im Namen Gottes deren Sünden vergeben.
In seinem Abschiedsbrief an seine Freunde schrieb Hus: "Das aber erfüllt mich mit Freude, dass sie meine Bücher doch haben lesen müssen, worin ihre Bosheit geoffenbart wird. Ich weiß auch, dass sie meine Schriften fleißiger gelesen haben als die Heilige Schrift, weil sie in ihnen Irrlehren zu finden wünschten."

Jan Hus hinterließ jedoch keine einheitliche religiöse Bewegung. Die "Hussiten" sind eher ein historischer Sammelbegriff für unterschiedliche Gruppierungen, die zunächst vor allem der Protest gegen diesen Justizmord der Romkirche in Konstanz und der mit ihr verbündeten Herrscher vereinte. Es kam zu Kriegen. Es gab jedoch auch pazifistische Hussiten wie Petr Chelčický (ca. 1380-1455), der in seinen Schriften dem ansonsten von ihm verehrten Magister Hus vorwarf, die Tür zu einer Rechtfertigung des Krieges nicht verschlossen zu haben. Chelčický gilt wiederum als geistiger Vater der "Böhmischen Brüdergemeinde", wozu auch der bekannte Pädagoge Johann Amos Comenius (1592-1670) gehörte. Dieser vertrat den Grundsatz der Gleichheit aller Menschen und sah die Natur als einen Gesamtorganismus, den es zu achten gilt. Am Ende seines Lebens schrieb er: "Ich danke meinem Gott, dass er mich mein ganzes Leben hindurch einen Mann der Sehnsucht hat sein lassen." Er nannte es die "Sehnsucht nach dem Licht". Andere nannten es die Sehnsucht nach dem wahren "Jerusalem", darunter viele der urchristlichen so genannten Täufer. Am Ende des 30-jährigen Krieges duldete man aber nur noch die drei mörderischen Hauptkonfessionen Katholisch, Lutherisch und Calvinistisch. Die Brüdergemeinde wurde gezwungen, sich aufzulösen, was jedoch nicht verhinderte, dass ein katholisches Heer im "Dienst" der Gegenreformation den Wohnort von Comenius (damals in Polen) überfiel und die Bewohner, die nicht wie Comenius fliehen konnten, ermordete.

 


 

(12) Die urchristlichen "Täufer"
Die ersten Opfer der Ökumene

Im Gegensatz zur Romkirche und der mit den totalitären Obrigkeiten verbündeten "Reformatoren" Luther, Zwingli und Calvin lehnten die sogenannten "Täufer" die kirchliche Säuglingstaufe ab. Sie begannen, wie im frühen Urchristentum, Erwachsene zu taufen, die sich für ein Leben in der Nachfolge Christi entschieden haben, weswegen sie "Täufer" genannt wurden.

Sie lehnten auch jede Form des Eides und des Kriegsdienstes ab und legten großen Wert auf eine schlichte, gottgefällige Lebensführung. Ihre Treffen fanden in schlichten Räumen, auf Dachböden, in Scheunen oder in der freien Natur statt. Die katholische und protestantische Kirche, einander ansonsten verfeindet, waren sich in einem einig: in der Bekämpfung der "Täufer" und auch der angeblichen "Hexen".
Auf dem Reichstag zu Speyer im Jahr 1529 beschlossen ihre Abgesandten, mit Gewalt gegen die "Sekte" vorzugehen. Die Todesstrafe für die Menschen, die urchristlich leben wollten, wurde "reichs-rechtlich" beschlossen. Dieser Reichstag war auch die mit dem Blut Andersdenkender erkaufte "Geburtsstunde" für die "Protestanten" als eigenständige Bewegung und, wenn man so will, das erste "ökumenische" "Projekt". Mit "schwerer Strafe", womöglich auch der Todesstrafe, wurden aber auch Katholiken und Protestanten bedroht, die Sympathie oder Mitgefühl mit den von der Kirche verfolgten Christen hatten.
Der Artikel 7 des sogenannten "Wiedertäufermandats" des Reichstags lautete:
"Wer von den Amtspersonen nicht bereit ist, nach diesen Anordnungen streng zu verfahren, muss mit kaiserlicher Ungnade und schwerer Strafe rechnen."

Der erste "ökumenische" Inquisitionsfeldzug der Machtblöcke Katholisch und Evangelisch wurde in ganz Mitteleuropa sehr grausam geführt, vor allem auch in der Schweiz, Österreich und in den Niederlanden. Begründet wurde er unter anderem mit der Beschuldigung, die Verfolgten würden die öffentliche Ordnung bedrohen, die Obrigkeit missachten und Aufruhr anstiften, was in den allermeisten Fällen nicht stimmte und Rufmord war.
Die Gefahr für Nachfolger Christi, ermordet zu werden, war zu dieser Zeit auch deshalb besonders groß, da die Reformatoren die "besseren" Kirchenführer sein wollten und deshalb oft besonders verlogen und grausam gegen Abweichungen vorgingen, um ihren eigenen angeblich "rechten" Glauben damit unter Beweis zu stellen.

Um die von der Zwangsreligion der Priesterkaste Abweichenden aufspüren und niedermachen zu können, wurden in Bern in der Schweiz zum Beispiel "Täuferjäger" eingesetzt, vergleichbar den heutigen kirchlichen Sektenbeauftragten. Die Täufer, die sich nahe Bern im Emmental angesiedelt hatten, flohen über Jahrzehnte, immer wieder zwischen Bern und Luzern pendelnd, vor ihren einmal katholischen und dann wieder protestantischen Verfolgern und Mördern. Einige dieser urchristlich lebenden Gemeinschaften zogen sich in den unwirtlichen schweizerischen Jura zurück, wo zur damaligen Zeit der Winter sieben Monate dauerte und wo sie den Sommer über das Land, das sie urbar machten, noch mit Bären teilten. Sie entschieden sich für ein karges Leben, um urchristlich leben zu können. Ihre Nachfahren sind noch heute in diesen Regionen als Minderheiten ansässig, und Ortsnamen und Gedächtnisplätze zeugen noch heute von ihrem freiheitlichen urchristlichen Lebenswillen.

Noch im 17. Jahrhundert wandten die evangelisch-reformierten Städte Zürich und Bern die meist mit einem schlimmen Tod endende Galeerenstrafe für urchristlich gesinnte Männer an.
Meistens wurde das Todesurteil jedoch sofort vollstreckt. Der Täufer Felix Manz wurde 1527 in Zürich ertränkt. Seine letzten überlieferten Worte gleichen den Worten von Jesus am Kreuz: "In deine Hände, Herr, übergebe ich meinen Geist."
Im Todesurteil des unter der Herrschaft des Reformators Huldreich Zwingli stehenden Rats der Stadt Zürich heißt es wörtlich:
"Genannter Felix Manz soll ... weil er gegen die christliche Regierung und die bürgerliche Einheit gehandelt hat, dem Nachrichter [= Scharfrichter] übergeben werden, der ihm seine Hände binden, in ein Schiff setzen, zu dem unteren Hütly bringen und auf dem Hütly die Hände gebunden über den Kopf streifen und einen Knebel zwischen den Armen und Beinen durchstossen und ihn also gebunden in das Wasser werfen soll, um ihn im Wasser sterben und verderben zu lassen."

Das also war die evangelische Reformation, die es gleich trieb wie ihr katholischer Mutterkonzern, dem der urchristliche Täufer Michael Sattler im Jahr 1527 am Bischofssitz Rottenburg bei Stuttgart zum Opfer fiel. Er wurde unter anderem beschuldigt, die katholischen Sakramente nicht anzuerkennen, Maria zu verachten und den Krieg gegen die Türken nicht zu befürworten.
In seiner Entgegnung führte Michael Sattler aus, dass er zwar Maria als Vorbild des Glaubens achte, nicht aber an eine Mittlerfunktion Marias zwischen Mensch und Gott glaube. Außerdem dürfen Christen niemanden das Leben nehmen, sie können nur Gott um ihren Schutz anrufen. Wenn die Türken gegen Christen in den Krieg zögen, so liege es daran, dass sie es als Muslime nicht besser wissen.
Die Folge seiner urchristlichen Gesinnung war: Zuerst wurde ihm die Zunge aus dem Mund herausgerissen, dann wurden mit glühenden Schmiedeeisen Löcher in seinen Leib gebrannt, danach wurde er ganz "zu Pulver" verbrannt. Drei Tage später wurde seine Frau solange in den Neckar getaucht, bis ertrunken war.
Kaum ein Bürger, der mitbekommen hat, wie man Michael Sattler und seine Frau zu Tode folterte, wagte es nun mehr, sein Kind nicht kirchlich taufen zu lassen. Die Säuglinge wurden also bald wieder flächendeckend kirchlich einverleibt. Auf diese Weise bildeten sich in der Folgezeit nun zwei "Volkskirchen", da die Bevölkerung in Deutschland und auch in Nachbarländern wie der Schweiz entweder der einen oder der anderen Kirche angehören musste, um zu überleben. Das nennt man heute "Tradition".

In Asperen in den Niederlanden wurde der "Täufer" Dirk Willems 1569 bei lebendigem Leib verbrannt. Er konnte nur hingerichtet werden, weil er einem seiner Verfolger zuvor das Leben gerettet hatte. Dieser war bei der Verfolgung Willems durch das Eis eines zugefrorenen Sees eingebrochen und drohte im eiskalten Wasser zu versinken. Dirk Willems lebte nach der Bergpredigt des Jesus von Nazareth, in der es heißt "Tut Gutes denen, die Euch hassen". Deshalb kehrte er um, als er das Unglück sah, anstatt weiter zu fliehen und sein Leben in Sicherheit zu bringen. Und es gelang ihm tatsächlich, seinen Verfolger aus dem Wasser zu ziehen und ihm so das Leben zu retten.
Aufgrund seiner Rückkehr an den Unglücksort wurde er allerdings von den anderen Verfolgern eingeholt, sofort festgenommen und anschließend ermordet. Denn die Kirche kannte auch in diesem Fall nicht die geringste Gnade, da es sich bei ihrem Opfer um einen Mann handelte, der unter Berufung auf Jesus von Nazareth die Säuglinge nicht mehr kirchlich taufen lassen wollte und sie damit vom kirchlichen Herrschaftsbereich fernzuhalten versuchte.
Alles das und sehr vieles mehr sind Beweise für die Worte des Historikers Karlheinz Deschner, der schreibt: "Nach intensiver Beschäftigung mit der Geschichte des Christentums kenne ich in Antike, Mittelalter und Neuzeit ... keine Organisation der Welt, die zugleich so lange, so fortgesetzt und so scheußlich mit Verbrechen belastet ist wie die … Kirche, ganz besonders die römisch-katholische Kirche." (Die beleidigte Kirche, Freiburg 1986, S. 42 f.)

Die Liste der grässlichen Folterungen und Hinrichtungen von aufrichtigen und friedfertigen Menschen, welche sich nicht den großen Machtkirchen unterworfen oder ihnen gar widersprochen hatten, lässt sich schier endlos fortsetzen. Es sind Zigtausende von Menschen, die für die Wahrheit das Eintreten für die Ethik des Jesus von Nazareth einen grausamen Tod durch Priester- und Pfarrerhand sterben mussten. Und die klerikale Hydra mutierte in dieser Reformationszeit in Mitteleuropa von einem einköpfigen zu einem doppelköpfigen Ungeheuer: nun mit einem katholischen Kopf und mit einem zweiten Kopf, einem evangelischen.

Die "Täufer" waren aufs Ganze keine einheitliche Bewegung. Unter dem Druck der Verfolgung gaben einzelne Gruppen im Norden Deutschlands die Gewaltlosigkeit auf, und sie sollen sich ähnlich verhalten haben verhielten sich ähnlich wie die zuvor dort herrschenden Katholiken. So vor allem in Münster, wo ihr Stadt-Regiment von den Kanonen des Bischofs 1535 in Trümmer gebombt wurde und die Einwohner anschließend zum großen Teil hingerichtet wurden. In Wirklichkeit war diese Gruppe nicht repräsentativ für die Bewegung.
Die allergrößte Mehrheit der "Täufer" waren Gottsucher in den Spuren des Jesus von Nazareth, und sie lebten völlig friedfertig, wie zum Beispiel die Gefolgsleute des 1536 in Innsbruck lebendig verbrannten Jakob Hutter. Sie gründeten Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, in denen sie die Gütergemeinschaft der ersten Christen anstrebten: Ehrliche Arbeit ohne Müßiggang, gemeinsamer Besitz, gemeinsame Kindererziehung und die Laienpredigt (also Ablehnung einer Priesterkaste) waren die Grundpfeiler ihrer "Bruderhöfe".
Weil sie den Kriegsdienst – und übrigens auch jeglicher Steuern für kriegerische Zwecke – verweigerten, wurden sie immer wieder schikaniert, vertrieben oder ermordet, mussten über Mähren, Siebenbürgen, Russland bis schließlich nach Amerika ziehen, um nach ihren Überzeugungen friedlich leben zu können. Solche Höfe der "Hutterer" und "Mennoniten" (benannt nach dem Niederländer Menno Simons), die aus den damaligen Bewegungen hervorgingen, gibt es noch heute – doch sie sind über die Jahrhunderte oftmals erstarrt, zum Beispiel aufgrund eines wörtlichen Bibelglaubens oder durch eine rückwärtsgewandte Ablehnung von Technik. Auch hielten manche von ihnen noch an der Erfindung der Priesterkaste fest, dass Christus am Kreuz angeblich einen "Zorn" Gottes gesühnt hätte und dass Seine Hinrichtung von Gott so gewollt und "heilsnotwendig" gewesen wäre.
Einen anderen zentralen Verrat der Kirche an der Lehre Jesu hatten sie jedoch erfasst: die Zwangschristianisierung ganzer Völker durch die Säuglingstaufe und damit die Vereinnahmung schon der kleinen Kinder als Kirchenmitglieder – unter Androhung von Todesstrafe und angeblich ewiger Hölle bei Nichtbefolgung. Ihre Verfolgung beweist die Vehemenz, mit der die Kirche gegen alle Menschen vorging, die es wie die "Täufer" halten wollten und die Taufe erst als eine freie Willensentscheidung mündig gewordener Menschen befürworteten. Doch die Rache der Kirche war gerade gegenüber diesen Menschen, denen man nichts anhängen konnte außer einer Abweichung vom kirchlichen Glauben, bestialisch. Von ihrem Taufsakrament lehren die Kirchenführer bis heute unter Androhung ewiger Höllenstrafen verbindlich, dass es niemals rückgängig gemacht werden könne, was auch durch das schlimme Sprichwort zum Ausdruck kommt, der den totalen Machtanspruch der Vatikankirche auch auf die Seele des Menschen dokumentiert und lautet "Einmal katholisch, immer katholisch".

Siehe auch: Der Theologe Nr. 10 - Thomas Müntzer und die Zwickauer Propheten. Auf den Spuren von Christus. Von Martin Luther und Philipp Melanchthon verfolgt

 

Der Text  kann wie folgt zitiert werden:
"Der Theologe", Herausgeber Dieter Potzel, Ausgabe Nr. 92, Matthias Holzbauer, Dieter Potzel - Urchristliche Gemeinschaften, von der Kirche verfolgt, Wertheim 2015, zit. nach http://www.theologe.de/urchristentum_christenverfolgung-durch-kirche.htm, Fassung vom 21.3.2018,
Copyright © und Impressum siehe hier.
Die Ausgabe Nr. 92 ist teilweise eine überarbeitete und erweiterte Fassung einzelner Aufsätze in dem Buch "Verfolgte Gottsucher" von Matthias Holzbauer, Marktheidenfeld 2004, teilweise wurden die Beiträge neu geschrieben.

 

Lesen Sie auch den spannenden Reisebericht in die Vergangenheit (und doch auch in die Gegenwart) des Urchristentums: Auf den Spuren der Bogumilen - eine Reise nach Dalmatien und Bosnien

 

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Wahre Gottespropheten, von Abraham bis Gabriele

Das Kettenopfer
von Matthias Holzbauer, Dieter Potzel und Alfred Schulte

Sie wurden verhöhnt, verfolgt und oft grausam gefoltert, zu Tode gesteinigt, dem Hungertod im Kerker ausgeliefert, lebendig verbrannt …
und dennoch kamen sie immer wieder auf die Erde, um den Menschen das Ewige Wort des Einen Gottes, des Freien Geistes, zu bringen: die Gesandten Gottes aus dem Reich Gottes, Seine Propheten und Prophetinnen und viele gerechte Männer und Frauen.
Die größten Feinde der Wortträger Gottes waren und sind die Priestermänner, die bis heute mit allen nur möglichen Mitteln versuchen, das Wort des Freien Geistes, das Wort der Gottes- und Nächstenliebe auszulöschen. Das Leben aller Gottespropheten stellt im Wechsel der Zeiten ein einziges, Jahrtausende langes Kettenopfer dar – ein Opfer aus Liebe zu Gott für alle Menschen und Seelen und für die gesamte Schöpfung.

Buch, gebunden, Marktheidenfeld 2017, 496 S, kart., 19,90 € + Versand, ISBN 978-3-89201-959-6, Gabriele-Verlag Das Wort, Max-Braun-Straße 2, 97828 Marktheidenfeld, Bestelltelefon: 09391/504-135 oder im Internet-Shop