DER THEOLOGE
Nr. 39


"Die Angst geht um im Vatikan" –
Bewaffnete Einheiten schützen den Papst


Ein Gespräch zu einem brisanten Thema


"Seit Monaten mehren sich die Drohungen gegen den Vatikan", so die deutsche Zeitung Bild am 6.12.2008. Und Andreas Englisch, der Korrespondent der Zeitung im Vatikanstaat, schrieb: "Der Papst musste handeln. Die Gendarmerie erhielt eine moderne, neue Uniform und dazu Waffen. Jetzt müssen die Gendarmen des Papstes wieder Schießtraining absolvieren ... Keiner spricht gern darüber, aber nach dem Bombenanschlag in Bombay ist es noch deutlicher zu spüren: Die Angst geht um im Vatikan." So weit der Korrespondentenbericht aus dem Vatikan.

Waffen und Schießtraining – davon bekommt die Gläubigen, die vom Papst gesegnet werden wollen, normalerweise nichts mit. Wir haben jedoch die Meldung von der
"Angst im Vatikan" einmal zum Anlass genommen, genauer hin zu sehen. In der Meldung heißt es, die Gendarmerie des Vatikan erhielt Waffen. Was heißt das genau? Und wie war es denn bisher gewesen?

Neue Aktualität gewann das Thema in Deutschland ab Mai 2009 anlässlich des Kinofilms Illuminati nach einem Roman von Dan Brown: Ein Papst wird von seinem eigenen Kammerdiener ermordet, und auch die Chefs von Gendarmerie und Schweizergarde werden im Laufe des Films erschossen.
 
Am Heiligabend 2009 schließlich hüpft die 25jährige Susanna Maiolo aus der Schweiz über eine Absperrung im Petersdom, um den Papst zu umarmen. Dieser ging dabei überrascht zu Boden, was bei den
"Sicherheitskräfte" des Vatikan die Frage aufwarf, wie sie ihn noch besser "beschützen" können.

Nachfolgender Artikel ist die Mitschrift eines Gesprächs von Freien Christen zum Thema.
 

Zwei Truppen: Gendarmerie und Schweizergarde

Würde Jesus einer "hohen Feuerdichte" im Nahkampf vertrauen?

Karate, Judo und gute Kontakte zur Leibwache des US-Präsidenten

Wurde der geistige Schutzengel des Papstes degradiert?

Für den Papst: Allerhöchste Sicherheitsvorkehrungen, die diese Welt bieten kann

Scharfschützen auf den Dächern bei der Wiederkunft von Christus?

Erfahrungen des Kommandanten der Schweizergarde

Woher kommt die Angst im Vatikan?

Hinter jedem Soldaten im Krieg stand ein Priester, der ihn segnete

Notfalls das Leben zu lassen - welche "totalitäre Sekte" verlangt das?

Die Hilfe des "heiligen" Damasus

"Blutlügen" und verwischte Spuren - Wer ermordete Kommandant Estermann?

"Wir haben deine Lehre verbessert"


Zwei Truppen: Die Gendarmerie und die Schweizergarde

Möglicherweise erhielten die Gendarmen neue Waffen parallel zu den neuen Uniformen. Es ist aktuell von professionellen Pistolen vom Typ Glock die Rede, die viele Militärs und Polizeieinheiten weltweit verwenden und die jetzt auch die Gendarmen im Vatikan an ihrem Gürtel tragen. Zuvor hieß es, sie tragen Pistolen der Marke Beretta automatica vom Kaliber 7,65, so z. B. der katholische Nachrichtendienst zenit.org. Grundsätzlich heißt das aber: Die Gendarmen sind also nicht erst seit kurzem, sondern schon seit vielen Jahren bewaffnet, genauso wie die Schweizergarde, die bekannte Leibwache des Papstes.
Die Gendarmerie einerseits und die Schweizergarde andererseits, das sind zwei unterschiedliche Truppen. Die ca. 110 Schweizergardisten haben die Funktion einer Art Armee im Vatikan, die ca. 150 Gendarmen die Funktion der Polizei. Bis nach dem 2. Vatikanischen Konzil im 20. Jahrhundert gab es zudem noch die adlige Palatinergarde und eine 500 Mann starke Bürgermiliz im Vatikan, also insgesamt vier bewaffnete Organisationen im Vatikan. Papst Paul VI. hatte nach dem 2. Vatikanischen Konzil dann die beiden letztgenannten Milizen aufgelöst, und die Gendarmen und Schweizergardisten sollten ihre Feuerwaffen abgeben. Ob dies dann wirklich geschah, sei einmal dahin gestellt. Auf jeden Fall bekannte man sich nach dem Attentat auf Papst Johannes Paul II. im Jahr 1981 wieder zu Waffen. Und spätestens seit dem 11. September 2001 ist eine deutliche weitere Aufrüstung im Vatikan spürbar, die jetzt noch einmal verstärkt wird.

Dazu die Frage: Hatte Jesus von Nazareth damals seine Anhänger aufrüsten lassen, als sich die Pharisäer und Schriftgelehrten zunehmend gegen Ihn stellten?

Jesus hat in der Bergpredigt, wie sie im Matthäusevangelium nachzulesen ist, gesagt: "Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben." Da wäre es ein Widerspruch gewesen, wenn Er seine Jünger bewaffnet hätte.

Und ist nicht eine Bewaffnung auch eine Vorstufe von Gewalt? Also hat das doch mit Jesus nichts zu tun, was wir aus dem Vatikan von "verstärkter Bewaffnung" hören. "Die Angst geht um im Vatikan", so lesen wir. Wie wird denn im Umfeld des Papstes aufgerüstet? Was ist hier in den letzten Jahren und Monaten im Jahr 2008 genau passiert?

Würde Jesus einer "hohen Feuerdichte im Nahkampf" vertrauen?

Wir haben ja bereits von Feuerwaffen gehört. Und so sind die altertümlichen Lanzen und die bunten Uniformen der Schweizergarde auch nur die Folklore, die man nach außen zeigt. Die verborgene Seite der Wirklichkeit beschreibt der Redakteur Andreas Englisch so: "Die Schweizergardisten trainieren regelmäßig mit der Schweizer Armee und sind mit Pistolen vom Schweizer Hersteller SIG Sauer und mit Sturmgewehren ausgerüstet" (Bild, 6.12.2008). Und zum Stichwort "Sturmgewehr" kann man z. B. im Internet-Lexikon Wikipedia lesen: "Nach taktischen Gesichtspunkten ist das ´Sturmgewehr` eine Handfeuerwaffe, welche die Einsatzbereiche des Gewehrs, gegebenenfalls sogar eines Scharfschützengewehrs, und einer Maschinenpistole gleichermaßen abdecken soll." Ein Sturmgewehr zeichnet sich zudem aus durch "zielgenaues, durchschlagskräftiges Einzelfeuer im Fernkampf" und "hohe Feuerdichte im Nahkampf" (Stand: 18.2.2009).

Ich stelle mir hierzu den Kreuzweg des Jesus von Nazareth vor. Ich ahne, wie Jesus gelitten hat. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesus, wenn dies damals schon möglich gewesen wäre, auf "durchschlagskräftiges Einzelfeuer im Fernkampf" oder auf "hohe Feuerdichte im Nahkampf" gebaut hätte, z. B. bei seiner Festnahme im Garten Gethsemane.

Jesus ist ja auch nicht der Papst. Jesus wurde von den Obrigkeiten verlacht, dem Papst liegen alle Regierungschefs zu Füßen.

Karate, Judo und gute Kontakte zur Leibwache des US-Präsidenten

Und entsprechend geht es dort auch zu. Im Osservatore Romano, der Vatikan-Zeitung, heißt es z. B. in der Ausgabe Nr. 48/2008: "Dass der Vatikanstaat mit seinem Gendarmeriekorps über eine professionelle internationale Polizei verfügt, bestätigte vor einigen Wochen Robert S. Muller, der Direktor der US-amerikanischen Bundespolizei FBI bei einem Besuch im Vatikan." Und wenn schon die Gendarmen so professionell sind, dann erheben natürlich die Schweizergardisten auch diesen Anspruch. Zwischen diesen beiden Vatikan-Truppen soll es vielfach eine Konkurrenz geben, wer denn den Papst und den Vatikan effektiver schützt.

Im Jahr 2006 feierte diese Schweizergarde ja ihr 500-jähriges Jubiläum. Und hierzu schreibt die Süddeutsche Zeitung vom 21.1.2006: "Die Vatikan-Zugänge, den Apostolischen Palast und den Papst müssen sie schützen; und das tun sie nicht mit ihren Hellebarden, Lanzen und Schwertern, sondern mit modernstem Gerät – und Feuerwaffen. ´Wir sind genauso fit wie andere Sicherheitsdienste`, sagt der Kommandant. Seine Personenschützer werden in der Schweiz trainiert. Zudem pflegt die Garde gute Kontakte zur Leibwache des amerikanischen Präsidenten. In Rom üben die Schutzengel des Heiligen Vaters Karate und Judo, manchmal schießen sie im Keller des Vatikan."

Ähnliches gilt dann natürlich für die Gendarmen. Denn wie gesagt: Keine der beiden Truppen möchte gegenüber der anderen ins Hintertreffen geraten. Und hier konnten wir im Jahr 2008 eine enorme Aufrüstung bzw. Aufwertung der Gendarmen erfahren. So ist die vatikanische Gendarmerie seit Oktober 2008 Mitglied von Interpol, der internationalen Polizeieinheit. Und etwa im selben Zeitraum wurde eine Anti-Terroreinheit, die Unita Antisabotaggio, aufgebaut und auch eine schwer bewaffnete "Schnelle Eingreiftruppe", die Intervento Rapido – die Begriffe wurden aus dem Sprachgebrauch z. B. der NATO und der US-Armee entlehnt.
Und bereits unmittelbar nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York 2001 wurde die Zentrale der Gendarmerie im Vatikan ja auch zu einer hochmodernen Überwachungszentrale umgebaut. Auf über 50 Monitoren kann die Vatikan-Polizei seither fast jeden Winkel des Kirchenstaates beobachten.

Wurde der geistige Schutzengel des Papstes degradiert?

Antiterroreinheit? Schnelle-Eingreif-Truppe? Und dann die Aussage: Die Schutzengel des so genannten Heiligen Vaters führen im Keller des Vatikan Schießübungen durch. Und sonst trainieren sie mit der Schweizer Armee und sind mit Sturmgewehren ausgerüstet. Heißt das vielleicht: Der Schutzengel, den der Papst wie jeder Mensch auch aus der geistigen Welt für sein Erdenleben mitbekommen hat, wurde degradiert? Der Papst vertraut weniger seinem geistigen Schutzengel, sondern eher seinen bewaffneten Schutzengeln?

Es hat den Anschein, dass es so ist. Wir haben schon gehört, dass Jesus die Menschen selig gepriesen hat, die keine Gewalt anwenden. Aber wie ist das denn, wenn man angegriffen wird? Hat Jesus nicht vielleicht doch wenigstens eine bewaffnete Verteidigung befürwortet?

Nein, er trug keinen Dolch im Gewand, um sich z. B. bei seiner Festnahme zu verteidigen. Und was man heute aus dem Vatikan hört, ist deshalb das Gegenteil von dem, was man von Jesus von Nazareth weiß. Einer seiner Jünger, Petrus, trug zwar auch noch ein Schwert. Und einmal heißt es in der Bibel, die zwölf Jünger hätten insgesamt zwei Schwerter bei sich. Der Grund: Wohl, um mögliche Straßenräuber fernzuhalten. Doch als Petrus das eine der beiden Schwerter zur Verteidigung dann einmal tatsächlich einsetzen wollte, hat ihm Jesus deutlich widersprochen. Im Matthäusevangelium in der Bibel, Kapitel 25, heißt es ab Vers 26: "Da sprach Jesus zu ihm: ´Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen. Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schickte?`"
Und es gibt noch sehr viel mehr Stellen dieser Art. Jesus hat sich also in keiner Weise auf eine Waffe verlassen. Ganz anders sein selbsternannter Stellvertreter.

Für den Papst: Allerhöchste militärische und polizeiliche
Sicherheitsvorkehrungen, die diese Welt bieten kann

Und passt es nicht dazu, was der Versucher von Jesus wollte? Er versprach ihm alle Reiche der Welt, wenn er, Jesus, den Versucher, den Satan anbetet. Und die Reiche der Welt werden nun mal mit Waffen zusammen gehalten. Jesus, der Christus, sagte jedoch, und das kann man im Johannesevangelium der Bibel nachlesen: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich nicht ausgeliefert würde." Wie ist es jedoch beim Papst? Bei Papstbesuchen wird der Papst mit den allerhöchsten militärischen und polizeilichen Sicherheitsvorkehrungen bewacht, die überhaupt denkbar sind, vergleichbar z. B. dem Präsidenten der USA und noch darüber hinaus.

Im Jahr 2007 war ja der Papst in Deutschland. Und auf den Dächern der Städte waren damals Scharfschützen postiert. Der gesperrte Luftraum wurde von AWACS-Aufklärungsflugzeugen der Bundeswehr überwacht. Sogar Luftabwehrraketen wurden in Stellung gebracht. Der Papst und die Seinen wurden mit militärischen Mitteln empfangen und begrüßt. Und jeweils 5.000 Polizisten waren in München und Regensburg für die persönliche "Sicherheit" von Joseph Ratzinger im Einsatz und zusätzlich spezielle Bodyguards des Landeskriminalamtes Bayern. Allein in München kam es zu einer Viertelmillion Überstunden für die Polizei, die aus der Staatskasse beglichen werden müssen. Hinzu kamen mehrere Tausend Feuerwehrleute. Die Autobahn A 3 bei Regensburg wurde gesperrt, der Güternah- und Fernverkehr eingestellt, der Personenverkehr sowieso. Zudem wurde eine eigene Autobahnabfahrt für Joseph Ratzinger gebaut. Und der Staat hatte allerschärfste Sicherheitsvorkehrungen nicht nur in der Luft, sondern auch am Boden angeordnet. Das bedeutete: Jeder einzelne Meter der Fahrt- und Flugrouten mit Hubschraubern und Autokonvois stand unter besonderer Überwachung. Entlang der Routen des Papstes waren alle Gullies versiegelt. Alle Pflanzentröge und Vitrinen wurden abmontiert, alle Mülleimer entfernt. Polizei mit Hundestaffeln durchkämmten zuvor die einzelnen Häuser. Jedes Fahrrad stellte in München in der Stadtmitte ein Sicherheitsrisiko dar und musste für den Schutz von Joseph Ratzinger entfernt werden, auch Kinderfahrräder. Und während der Papst am Marienplatz ein Gebet an Gott ablas, wurde jedes einzelne Fenster der umliegenden Häuser von bewaffneten Sicherheitskräften bewacht. Auch Hotel- und Pensionsgäste wurden in ihren Zimmern von der Polizei beobachtet. Der Einzelhandel vor Ort brach zusammen, die Schulen waren geschlossen, und fast alle Betriebe mussten dicht machen. In Regensburg wurden sogar die Hochspannungsmasten abgebaut und die Starkstromleitungen unterirdisch verlegt, ein gigantisches Unterfangen – doch für die optimale Sicht der Katholiken auf den Altar des Papstes hat der Staat dies gratis durchgeführt.

Scharfschützen auf den Dächern bei Wiederkunft von Christus?

Was im Vatikan und beim Papst üblich ist und jetzt im Vatikan weiter verschärft wird, gibt es ja im Ansatz bei allen Reichen und Mächtigen dieser Welt: Strenge oder gar strengste Sicherheitsmaßnahmen bis zu Scharfschützen. Doch bei den Papstbesuchen wurde vieles noch einmal auf die Spitze getrieben. Und der Vatikan nennt sich "christlich". Und so müsste er sich schon die Frage gefallen lassen: Würde Jesus, der Christus, befürworten, dass bei öffentlichen Terminen seiner Nachfolger Luftabwehrraketen oder Scharfschützen in Position gebracht werden?

Man stelle sich das einmal vor. Die Christen und auch die Mitglieder der Kirchen glauben ja, das Jesus, der Christus wiederkommt. Wie würde das dann sein? Ich glaube, dass für Christus kein einziger Gulli versiegelt wird, kein Kinderfahrrad entfernt wird, keine Hundestaffeln die Städte und Dörfer durchkämmen und keine Schafschützen auf den Dächern postiert sind – bereit zum Schuss, wenn jemand Jesus, dem Christus z. B. gefährlich nahe zu kommen droht. Und er braucht auch keinen Altar und auch keine Kanzel wie die Päpste und Priester und keine eigene Autobahn-Abfahrt, und es muss wegen ihm kein einziger Hochspannungsmast abgebaut werden, um eine bessere Sicht auf ihn zu ermöglichen. Und er trägt auch keine besonderen Gewänder und Mützen wie die Päpste und Bischöfe.

Das ist eben der Widerspruch. Das eine ist katholisch. Das andere ist christlich. Das eine ist der Papst, das andere ist Christus. Beides hat nichts miteinander zu tun.

Erfahrungen des Kommandanten der Schweizergarde

Es war auch zu lesen, dass die Schweizergarde des Papstes jetzt einen neuen Kommandanten hat. Und auch hier scheint der Vatikan die Zügel anzuziehen. Denn der neue Kommandant, Daniel Anrig, genoss zuvor einen zweifelhaften Ruf als Polizeichef des Kantons Glarus. So wurde aufgrund eines Polizeieinsatzes von Amnesty International gegen ihn Strafanzeige gestellt. Ich lese dazu einmal den Bericht aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 2.12.2008:
"Geführt hat Anrig im Juli 2003 auch eine Spezialeinheit seiner Kantonspolizei. Diese drang auf der Suche nach Drogen in zwei Asylbewerberheime ein. Sie fesselte die Menschen dort an Händen und Füßen, entkleidete und fotografierte sie und zog ihnen einen Stoffsack über den Kopf. Ein 16-jähriger Afrikaner stürzte sich vor Schreck aus einem Fenster des dritten Stocks und trug bleibende Verletzungen davon. Andere wurden sechs Stunden lang gefesselt festgehalten. Einem Asylbewerber wurde der Mund mit Klebeband zugeklebt. So beschreibt es der Zürcher ´Tages-Anzeiger`. Der Richter damals sah die objektiven Tatbestandsvoraussetzungen des Amtsmissbrauchs und der Freiheitsberaubung erfüllt. Weil aber seitens der Polizei kein Vorsatz bestanden habe, den Asylbewerbern einen Nachteil zuzufügen, kam Anrig mit der Bezahlung der Verfahrenskosten davon. Bezüglich der ´entwürdigenden Behandlung` der Asylbewerber, beschied der Richter dem damaligen Chef der Glarner Kriminalpolizei, es bestehe in der Ausbildung der Polizeibeamten ein erheblicher Nachholbedarf." So weit der Artikel. Und der neue Kommandant der Schweizergarde sagte zu diesem hier beschriebenen Einsatz selbst: Es "war für mich eine bereichernde Erfahrung – gerade auch im Blick auf mein neues Amt in Rom."

Welche weiteren Erfahrungen wird Kommandant Anrig im Vatikan machen? Der Vatikan-Korrespondent Andreas Englisch beschrieb die Stimmung so: "Die Angst geht um im Vatikan". Ist es also die Angst, die den Vatikan dazu bringt, sich immer mehr zu bewaffnen und z. B. auch Leute zu holen, die einschlägige praktische Erfahrungen mit dem Einsatz von Gewalt haben?

Woher kommt die Angst im Vatikan?

So ist es ja hier geschehen. Und die Frage ist doch auch: Woher kommt diese Angst im Vatikan? Und warum verstärkt man die Bewaffnung? Könnte es nicht sein, dass man Angst hat, dass einen das eigene unbereinigte Schicksal einholt? Jahrhunderte lang hat man zu Kriegen aufgerufen und die Waffen gesegnet, und die Täter von einst gelten heute oft als Heilige oder Selige. Das ist der Gegensatz zu dem Mann aus Nazareth, der lehrte: "Wer das Schwert nimmt, der wird durch das Schwert umkommen." Und die Schwerter und Lanzen von damals sind natürlich heute auch die Pistolen und Sturmgewehre. Und die Angst wird bleiben, solange man z. B. weltweit so genannte Militärseelsorge betreibt, um die Soldaten in ihren Kriegen zu stärken. Irgendwann schlägt der Kriegsgegner zurück und trifft dann wohl irgendwann auch denjenigen, der den Soldaten mit seinen Segnungen immer wieder ein gutes Gewissen verschaffte.

Das erleben wir ja immer wieder, wie die katholischen oder auch evangelischen Militärseelsorger die Soldaten segnen. Aber ist es nicht sogar so, dass die Päpste früher auch selbst Kriege geführt haben?

So ist es. Wenn man also im Kirchenstaat Angst hat, dass einen vielleicht das eigene unbereinigte Schicksal einholen könnte, so scheint diese Angst berechtigt. Hierzu ist interessant, was der bekannte Historiker Karlheinz Deschner in einem Interview zu diesem Thema sagte:
"Nein, Kriege, Kriege in eigener Regie, führt der Papst inzwischen keine mehr, nicht mehr gegen Heiden und nicht mehr gegen Christen, weil man ihm alles, womit er Jahrhunderte lang Kriege geführt, weggenommen hat – Truppen, Generäle, Schlachtschiffe, Kanonen, Festungen, Waffenfabriken. Doch gibt es Möglichkeiten, die Menschheit auf andere Weise, gleichsam friedlicher, zu bekämpfen. Ideologisch, durch dogmatischen Wahnsinn, der sich ja nie mit dem bloßen Glauben begnügt, der ´missionieren`, ausgreifen will; durch Unterstützung einer desaströsen Gesellschaftsmoral, die die Armen zugunsten der Reichen betrügt; durch eine desaströse Sexualmoral, die im Mutterschoß schützt, was sie preisgibt im Krieg ... im übrigen ist das Papsttum, seine ganze Geschichte beweist es, intolerant durch und durch, ist tolerant nur, wenn es die Opportunität erheischt, wenn es zweckdienlich ist, wenn es einfach nicht mehr anders geht, aber nur dann!"
(Main-Post, 1.10.2008)

Hinter jedem Soldaten im Krieg stand ein Priester, der ihn segnete

Kriege, Aufforderung zu Kriegen: hier ist auch an die Kreuzzüge zu denken und die Segnungen von Soldaten in nahezu allen Kriegen. Und ist die Verbindung von Kreuzen und Gewehren nicht sogar sprichwörtlich? Jahrhunderte lang hat die Kirche Waffen gesegnet und hinter jedem Soldaten im Krieg stand ein Priester oder Pfarrer, der ihm Kraft und Segen zusprach. Und jetzt ist es so weit, dass man selbst offenbar immer mehr von den gesegneten Waffen braucht. So wird eigentlich auch der Widerspruch zu Jesus von Nazareth noch deutlicher.

Denn Jesus hat weder Waffen eingesetzt noch hat er jemals Waffen gesegnet. In seiner Bergpredigt sagte er: "Liebt eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch fluchen; bittet für die, die euch beleidigen." Und: "Selig die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden."

Manche behaupten allerdings, die Bewaffnung diene doch nur dem Frieden.

Doch so hat man schon immer geredet. Und man könnte auch sagen, über Jahrhunderte waren Kreuz und Schwert beim kirchlichen Tun untrennbar verbunden. Und auch die Vorläufer der heutigen Gendarmerie im Vatikan hatten keinen guten Ruf. "Schon im Mittelalter gab es in Rom eine eigene schlagkräftige Polizeitruppe," schreibt die katholische Nachrichtendienst zenit.org. Bekannt wurden die so genannten "Sbirri". "Ihr Vorgehen", so heißt es weiter, "zeichnete sich durch Härte und Entschiedenheit aus ... Nach der Französischen Revolution wurden sie verstärkt zur Bekämpfung revolutionärer und anarchischer Bewegungen im päpstlichen Herrschaftsgebiet eingesetzt." Bekannt wurde die vatikanische Polizei auch durch die Oper "Tosca" von Giacomo Puccini, die im Jahr 1900 erstmals aufgeführt wurde. Puccini besang sie dort als "gewissenlose Büttel einer absoluten Monarchie".

Notfalls das Leben zu lassen für den Religionsführer -
welche "totalitäre Sekte" verlangt das?

Heute heißt es natürlich, hätte sich manches gebessert. Doch das Papsttum ist nach wie vor eine Art absolute Monarchie. Denn es heißt ja in den angeblich unfehlbaren Lehrsätzen der Kirche – und wir zitieren dazu die Lehrbuchsammlung von Neuner-Roos, Der Glaube der Kirche, Lehrsatz Nr. 430 –: "Dem römischen Papst sich zu unterwerfen, ist für alle Menschen unbedingt zum Heile notwendig. Das erklären, behaupten, bestimmen und verkünden Wir." Und die Angehörigen der Schweizergarde müssen zudem den Eid leisten, notfalls ihr Leben für den Papst zu lassen. Dazu heißt es im Amtseid des Gardisten: "Ich schwöre, treue, redlich und ehrenhaft zu dienen dem regierenden Papst Benedikt XVI. und seinen rechtmäßigen Nachfolgern, und mich mit ganzer Kraft für sie einzusetzen, bereit, wenn es erheischt sein sollte, selbst mein Leben für sie hinzugeben ... Ich verspreche überdies dem Herrn Kommandanten und meinen übrigen Vorgesetzten Achtung, Treue und Gehorsam ... Ich schwöre, alles das, was mir soeben vorgelesen wurde, gewissenhaft und treu zu halten, so wahr mir Gott und seine Heiligen helfen."

Man stelle sich vor, in irgendeiner anderen Glaubensgemeinschaft gäbe es einen Sicherheitsdienst, und man ließe dort die Bediensteten schwören, ihr Leben notfalls für die Anführer hinzugeben, wie dies im Vatikan üblich ist. Die Kirche wäre die erste, die diese "totalitäre Sekte" brandmarken und vom Staat ihr Verbot fordern würde.

Und das ist interessant. Die Kirche würde andere beschimpfen, wenn sie das tun würden, was in der Kirche selbst gang und gäbe ist. Und was wir hier sagen, ist ja nicht aus der Luft gegriffen.

Die Hilfe des "heiligen" Damasus

Interessant ist auch, wo die Vereidigung der Schweizergardisten erfolgt. Anlässlich des 500jährigen Jubiläums war dies der Petersplatz, doch in der Regel werden die Gardisten auf dem Damasushof vereidigt, der nach Papst Damasus I. benannt ist, einem Heiligen der römisch-katholischen Kirche. Und die Schweizergardisten leisten ja u. a. folgenden Eid: "Ich schwöre, alles das, was mir soeben vorgelesen wurde, gewissenhaft und treu zu halten, so wahr mir Gott und seine Heiligen helfen." Und da ist natürlich die Frage: Was liegt näher, als im Damasushof natürlich besonders um die Hilfe des "heiligen" Damasus zu bitten.

Und wie soll das gehen? Wie soll Damasus helfen?

Dazu sollte man einiges aus seinem Leben wissen. Damasus, so heißt es, habe ich sich im 4. Jahrhundert bei der Entstehung der Bibel verdient gemacht (siehe dazu Der Theologe Nr. 14), doch er hatte auch erhebliche militärische Erfahrung. Damasus hatte sich den Papstthron mit Gewalt gegenüber seinem Konkurrenten Ursinus erobert. Doch Ursinus gab nicht so schnell auf. Schließlich führte am 26. Oktober 366 eine von Papst Damasus I. bezahlte Söldnerarmee in der berühmten Papstbasilika Santa Maria Maggiore ein Blutbad durch. In dem Buch Geschichte der Spätantike von Alexander Demandt heißt es dazu auf Seite 98: "Die Leute des Papstes Damasus stürmten eine Kirche und brachten 137 Anhänger seines Gegners Ursinus um. Unfähig den Streit [der Kirchenführer] zu beenden verließ der praefectus urbi [eine Art Bürgermeister] die Stadt. [Der Geschichtsschreiber] Ammian meinte, dass der Kampf um den römischen Bischofsthron lohne angesichts des fürstlichen Luxus, der seinen Inhaber erwarte. Der Kaiser ließ den Fall untersuchen und bestätigte Damasus im Amt" (Alexander Demandt, Geschichte der Spätantike, S. 89, C.H.Beck-Verlag München 1998).
Hier stellt sich natürlich die Frage: Wie könnte der Heilige Damasus mit seiner Erfahrung den Schweizergardisten heute helfen?

Das ist doch alles ein Hohn und Spott auf Christus, was im Vatikan geschah und geschieht. Und auch ein Hohn auf die Zehn Gebote des Alten Testaments. Eines davon heißt ja auch schlicht: "Du sollst nicht töten". Und Jesus sagte dazu in der Bergpredigt: "Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: ´Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, der soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein". Und: "Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe. Schließ ohne Zögern Friede mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist." So also Jesus von Nazareth. Was jedoch ordnete der Heilige Damasus an, nach dem der Damasushof benannt ist, in dem die Schweizergarde ihren Eid ablegt: "Bringt die Anhänger meines Gegners um, bis sie alle tot sind." Was also würde passieren, wenn ein Schweizergardist, der schwört, Gott und die Heiligen um Hilfe zu bitten, die Hilfe des Damasus erhält?

"Blutlügen" und verwischte Spuren -
Wer ermordete Kommandant Alois Estermann?

Es sage niemand, dass ist vielleicht etwas weit hergeholt. Dazu sei an den Mord an dem Kommandanten der Schweizergarde Alois Estermann erinnert, der am 4. Mai 1998 nur zehn Tage nach seiner Ernennung zusammen mit seiner Frau erschossen wurde. Es hieß, der Schweizergardist Cedric Tornay hätte es getan und sich anschließend selbst umgebracht. Doch die Hintergründe der Tat sind bis heute unaufgeklärt, und es sind mittlerweile Bücher erschienen wie z. B. eines mit dem Titel Blutlügen im Vatikan. Dort geht man von einem Machtkampf in der Armee des Vatikan aus, der durchaus an frühere Machtkämpfe erinnern könnte wie den zwischen Damasus und Ursinus im 4. Jahrhundert. Und in der Zeitschrift Das Weisse Pferd ist zu dem Mord an dem Kommandanten zu lesen: "Der Tatort wurde stundenlang nicht abgesichert, die römische Polizei wurde nicht angefordert, um die Spuren fachmännisch zu sichern; auch die veröffentlichten Ergebnisse der Obduktion entsprächen bei weitem nicht den Standards des Polizeihandwerks" (http://www.das-weisse-pferd.com/00_13/morde_im_vatikan.html).

Und wiederum kann man fragen: Wie hätte die Kirche wohl reagiert, wenn die Morde nicht in ihrem eigenen Machtzentrum passiert wären, sondern bei einer Gemeinschaft, die ihr ein Dorn im Auge ist? Und bei alledem behauptet man im Vatikan, hier würde der Stellvertreter Christi wohnen und alles, was man dort militärisch und polizeilich tut, diene seinem Schutz und dem Schutz seiner Untergebenen.

Doch die Kirche sollte wenigstens Christus aus dem Spiel lassen. Denn das ist Täuschung des Volkes. Was dort geschieht, ist sicher katholisch. Und die Mächtigen der Kirche können das ja tun. Dann sollen sie aber auch so ehrlich sein und sagen, dass das nichts mit der Lehre von Christus zu tun hat.

"Wir haben deine Lehre verbessert"

Dazu sei auch an den Großinquisitor in der bekannten Erzählung des russischen Schriftstellers Dostojewski erinnert. Der Großinquisitor sagt zum wieder gekommen Christus: "Wir haben deine Lehre verbessert."

Indem die Kirche z. B. das Gebot "Du sollst nicht töten" aufgehoben bzw. relativiert hat und gesagt hat, die Bergpredigt von Jesus sei in Politik und Gesellschaft nicht anwendbar. Doch Jesus selbst sagte einst: "Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen." Und ist die Gerechtigkeit des Papstes und des Vatikan wirklich besser als die der damaligen Theologen und Schriftgelehrten?
 

Der Text  kann wie folgt zitiert werden:
Zeitschrift "Der Theologe", Herausgeber Dieter Potzel, Ausgabe Nr. 39, Die Angst geht um im Vatikan, Bewaffnete Einheiten schützen den Papst, zit. nach http://www.theologe.de/bewaffnung_vatikan_papst.htm, Fassung vom 28.12.2009

 

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