Wenn der Papst auf Reisen geht
Eine kleines Bühnenstück
 



Sohn
:
Ich möchte dich mal etwas fragen, was ich nicht verstehe.

Vater:
Frag einfach!

Sohn:
Ich habe da heute einen Mann im Fernsehen gesehen, der sah ganz anders aus als die anderen Männer sonst. Er hatte ein langes weißes Kleid an und er bewegte immer wieder seine Hände so seltsam und er hieß "Der Papst". Weißt du, aus welchem Land der Papst kommt?

Vater:
Der Papst wohnt in einem eigenen kleinen Staat, in einem Palast. Dieser Staat liegt mitten in der Stadt Rom, in Italien. Aber er fährt auch oft in andere Länder zu Besuch.

Sohn:
Und was macht er dann dort? Kennt er denn überall in diesen Ländern so viele Menschen?

Vater:
Nein. Aber es gibt dort Leute, die möchten, dass er sie besucht und dass er bei ihnen eine Rede hält und mit ihnen Gebete spricht.

Sohn:
Aber wieso brauchen die Menschen zum Beten den Papst?

Vater:
Sie brauchen ihn dazu nicht. Aber vielleicht ist es für ihn einmal eine Abwechslung, aus seinem Palast heraus zu kommen.

Sohn:
Dann hat er vielleicht in seinem Palast nicht genügend Abwechslung.

Vater:
Das weiß ich nicht. Aber manches ist dort recht merkwürdig. Die meisten Männer tragen Frauenkleider wie der Papst, und Frauen gibt es nur sehr wenige.


Sohn
:

Tragen die Männer Frauenkleider, weil es im Palast des Papstes so wenige Frauen gibt?

Vater:
Nein. Die tragen sie sowieso. Das ist so ihre Art, die ihnen gefällt. Damit fallen sie gleich jedem auf, und die Leute machen eine Verbeugung oder sie sind freundlicher als sonst, wenn sie diese Männer sehen.

Sohn:
Wieso machen die Leute das?

Vater:
O je. Wenn ich das alles so genau wüsste! Die Leute glauben zum Beispiel, diese Männer könnten ihnen ihre Sünden vergeben.

Sohn:
Und können die das wirklich?

Vater:
Unsinn!
So etwas gibt es nicht, dass ein Mensch Sünden vergeben kann, mit denen er selbst gar nichts zu tun hat. Aber diese Männer behaupten, dass sie das können. Man nennt sie "Priester", und auch der Papst ist ja ein solcher Priester. Und die Priester behaupten, dass sie die Menschen zu Gott führen können. Und deswegen glauben eben viele Leute, dass die Männer in diesen Kleidern Gott näher sind als zum Beispiel du oder ich.

Sohn:
Glaubst du auch, dass diese Männer Gott näher sind?

Vater:
Nein. Wieso sollten sie Gott näher sein? Gott ist in uns und überall. Vor allem dort, wo man etwas Gutes mit dem Herzen tut.


Sohn
:
Aber die Männer tun doch vielleicht etwas Gutes mit dem Herzen. Vielleicht dürfen sie deshalb Frauenkleider tragen, damit jeder sieht, dass es gute Männer sind.

Vater:
Nein, nein, nein. Du verwechselst das alles. Die Kleider tragen sie immer in der Öffentlichkeit, egal, ob sie etwas Gutes tun oder nicht. Es gibt auch viele böse Priester, die sogar Kindern Angst machen und sie gequält haben.

Sohn:
Werden diese bösen Priester deswegen vom Papst bestraft?

Vater:
Weißt du, für den Papst ist es wichtig, dass seine Kirche bei den Menschen einen guten Ruf hat. Deshalb hat er angeordnet: Alle die schlimmen Dinge, die Priester getan haben, das sind "Geheimnisse", über die niemand etwas wissen soll. Und deshalb redet er auch nicht gerne darüber.

Sohn:
Worüber redet er denn dann, wenn er in die Länder zu Besuch kommt?

Vater:
Vielleicht über Geld. Seine Kirche braucht nämlich viel Geld für die vielen Priester und für die Kirchengebäude überall auf der Welt. Und die Priester möchten, dass Politiker ihnen das Geld geben. Und jetzt braucht der Papst ja noch mehr, um auch den Menschen ein kleines Taschengeld zu geben, die als Kinder von bösen Priestern gequält wurden. Damit sie aufhören mit ihren Klagen.

Sohn:
Warum arbeiten der Papst und die Priester dann nicht, um sich das Geld zu verdienen?

Vater:
Weil sie das nicht gelernt haben. Sie haben gelernt, Gebete aufzusagen, niederzuknien, feierlich das Weihrauchfass zu schwenken, Reden zu halten, lateinische Sätze auswendig zu lernen, mit Politikern zu sprechen usw. Aber sie haben keinen so richtigen Beruf gelernt, womit man sich das Geld, das man braucht, verdienen kann. Deshalb leben sie von dem, was die Politiker ihnen geben und von den Steuern, die andere Menschen für sie bezahlen.

Sohn:
Mein Freund hat gesagt, wenn der Papst zu uns kommt, das kostet immer 50 Millionen Euro.

Vater:
Na, wenn das nur reichen würde! Bei uns würden wahrscheinlich 100 Millionen Euro nicht reichen. Denk nur, wie das ist: Überall, wo er Gebete aufsagt und Reden hält, werden riesige Bühnen gebaut mit Dächern und manchmal sogar einem Fahrstuhl. Und überall Fernsehkameras und Polizei und Beamte mit Funkgeräten. Jede kleinste Ecke in der Stadt wird dann überprüft und überwacht, wo immer der Papst auch nur in die Nähe kommt. Überall, wo er sich bewegt, in jedem Augenblick, muss er geschützt werden. Dann sind richtige Scharfschützen mit Gewehren auf den Dächern wie im Krieg - falls jemand den Papst angreifen will, damit sie schneller schießen können. Autobahnen werden gesperrt, oben am Himmel dürfen keine Flugzeuge mehr fliegen, und man hat sogar extra ein Spezial-Auto mit Panzerglas für den Papst gebaut. Und, und, und ... Und das kostet natürlich alles eine ganze Menge.

Sohn:
Da bekomme ich aber Angst. Ich dachte, der Papst soll den Menschen Hoffnung machen. Und ich dachte auch, er wird von Gott geschützt.

Vater:
Das wird nur so gesagt.

Sohn:
Wird er also nicht von Gott beschützt?

Vater:
Wenn er das selber glauben würde, dann bräuchte es keinen solchen Aufwand, wenn er kommt, und mit den vielen Millionen Euro könnte man dann den hungernden Menschen in der Welt helfen, damit alle etwas zum Essen bekommen.

Sohn:
Mein Freund sagt: "Nur wenn der Papst richtig beschützt ist, dann kann er den Menschen Hoffnung geben. Sonst müsste er ja dauernd Angst haben, dass ihm etwas zustößt." So hat er es in seiner Schule gehört. Aber ich verstehe das nicht. Kann der Papst nicht viel mehr Hoffnung geben, wenn er in seinem Palast bleibt und mit den Politikern telefoniert, dass sie etwas für arme Menschen tun?

Vater:
Das kannst du ihm ja mal vorschlagen. Der Papst redet zwar viel darüber,
dass alle Menschen einander helfen sollen, doch ich habe noch nie gehört, dass er vom Reichtum seiner Kirche etwas abgegeben hätte. Deshalb erzählt der Papst den armen Menschen ja auch vom schönen Leben, das nach dem Tod kommen soll. Auch wer hier auf der Erde verhungert, aber wer geglaubt hat, was der Papst sagt, der soll später in den Himmel kommen. Und wer es nicht glaubt, der muss dann leider in die Hölle. So lehrt es der Papst.
Wie soll ich dir das genau erklären? Also: Für dich und für mich und für viele andere Menschen ist es am wichtigsten, dass niemand verhungert oder furchtbar leiden muss. Und dass man lernt, Gutes zu tun. Was jemand glaubt, ist für uns nicht so wichtig. Stimmt´s?

Sohn:
Stimmt.

Vater:
Für den Papst ist es aber ein wenig anders. Für ihn ist es am wichtigsten, dass man das glaubt, was er sagt. Und deshalb kommt er ja auch immer wieder zu den Leuten in die vielen Länder zu Besuch. Damit sie glauben, was er sagt. Und damit sie dann später in den Himmel und nicht in die Hölle kommen.

Sohn:
Dann musst du aber in die Hölle. Und Opa auch.

Vater:
O je. Was der Papst hier sagt, stimmt doch gar nicht. Es ist Unsinn. Aber der Papst redet immer sehr schlau und er verwendet so schöne Worte, dass viele Menschen gar nicht merken, dass da gar nicht viel dahinter steckt. Es ist wie eine Show im Fernsehen. Damit die Menschen mal ein paar Tage lang abgelenkt werden von ihren wirklichen Sorgen und Problemen.

Sohn:
Aber wenn er von den Menschen so viel Geld braucht und Unsinn erzählt und sie nur ablenkt, warum wird er dann so verehrt?

Vater:
Ich weiß es nicht. Da kannst du mal einen Politiker fragen.

Sohn:
Ach so. Dann hilft der Papst vielleicht den Politikern, richtig zu regieren, damit nicht mehr so viele schlimme Dinge in der Zeitung stehen.

Vater:
Nein. Da kennt sich der Papst auch nicht aus. Den Papst gibt es ja schon seit vielen Hundert Jahren, und immer wenn einer gestorben ist, kam der nächste. Und wenn die Könige und Fürsten gemacht haben, was der Mann, der gerade Papst war, gesagt hat, dann wurde es meist noch schlimmer. Das lernt man im Geschichtsunterricht.
Aber es werden immer schöne Fotos gemacht, wo man den Papst zusammen mit den Politikern sieht. Und die Fotos hängen sich die Politiker dann später in ihr Büro und sie stellen sie auf ihre Internet-Seite. Und den Papst erkennt man auf den Fotos ja auch immer sofort. Er trägt immer das helle Frauengewand, das du im Fernsehen gesehen hast. Und er trägt knallrote Schuhe.

Sohn:
Und warum trägt der Papst knallrote Schuhe?

Vater:
Mein Lehrer hat mir das früher einmal so erklärt: Die Päpste tragen seit dem Mittelalter rote Schuhe. Und die rote Farbe bedeutet: "Der Papst ist der Herrscher". Und normalerweise solltet ihr das in der Schule lernen, dass der Papst deswegen früher sogar Menschen umbringen ließ, wenn sie nicht glaubten, was er sagte.
Einmal wurde berichtet, standen die Soldaten, die der Papst losgeschickt hatte, sogar "bis zu den Knöcheln im Blut ihrer Feinde".

Sohn:
Das ist ja schrecklich. Vielleicht sind die Schuhe deshalb rot, weil der Papst dann durch das Blut laufen musste. Denn sind die Schuhe rot, dann fällt das gar nicht auf, dass er durch Blut gelaufen ist.

Vater:
Nein, was hast du nur für eine Phantasie? Die Päpste sind ja nicht selbst durch das Blut gelaufen. Sie haben nur die Befehle gegeben, und andere haben für sie gemacht, was sie wollten. Außerdem wird der Papst sicher immer seine Schuhe gut putzen, wenn er vor die Menschen tritt.

Sohn:
Und gibt er heute immer noch Befehle?

Vater:
In seiner Kirche heißt es: Was er anordnet, das müssen die Gläubigen befolgen. Es wird von seiner Religion verlangt, dass sich jeder Mensch ihm unterwerfen muss, wenn er später in den Himmel kommen will.

Sohn:
Und machen das die Leute gerne?

Vater:
Ich glaube: Wenn der Papst ganz normale Schuhe tragen würde und ganz normale Kleidung für Männer und keine so komischen Mützen, dann würden die Leute bald das Interesse an ihm verlieren. Dann wäre er ein normaler älterer Mann. So wie dein Opa. Stell dir vor, Opa würde mit knallroten Lack-Schuhen herum laufen.

Sohn:
Ha, ha, ha. Das wäre lustig. Sie verehren den Papst also, weil er so herumläuft, auch mit dem Kleid und der Mütze.

Vater:
Und sie lassen sich beeindrucken, wenn sich der Papst dann auf den größten Stuhl setzt und die anderen Menschen müssen auf kleineren Stühlen sitzen. Oder wenn er sich sogar auf einen Thron setzt.

Sohn:
Laufen deshalb auch die anderen Priester so herum, mit den Kleidern und Hüten? Also, damit sie verehrt werden.

Vater:
Ja. Das macht bei vielen Menschen enorm Eindruck. Und dann noch eine Bauchbinde dazu. Oder eben diese Hüte, die aussehen wie Fischköpfe, die es ja bei uns auch an Fasching gibt. Das stammt übrigens alles aus ganz alten Götterkulten, die schon über 3000 Jahre alt sind. Da habe ich im Schrank ein Buch über den Gott Baal stehen. Das kann ich dir mal zeigen. Die Priester in dem Buch sehen genauso aus wie die Männer, die immer um dem Papst herum sitzen. Und die Leute, die dem Papst zuwinken, die glauben, dass er und die Männer um ihn herum wissen, was richtig ist und was zu tun wäre. Aber wenn du mich fragst: Ich glaube, sie wissen in Wirklichkeit nichts. Und auch von Jesus und von Gott wissen sie nichts, obwohl sie dauernd darüber reden.

Sohn:
Im Fernsehen haben sie aber gesagt, der Papst ist der Stellvertreter von Christus.

Vater:
Unsinn. Christus war ganz anders als der Papst. Er war ein ordentlicher Zimmermann, also ein Handwerker, und er hat keine solchen Kostüme getragen wie die Priester. Er war ein normaler und ehrlicher Mann aus dem Volk und kein komplizierter Professor. Er hat auch nie einen Stellvertreter eingesetzt.

Sohn:
Dann stimmt das also überhaupt nicht, dass der Papst der Stellvertreter von Christus ist. Aber wie ist das dann eigentlich mit Gott? Opa sagt, man kann nicht einmal wissen, ob es Gott überhaupt gibt.

Vater:
Es stört Opa eben, dass viele Menschen von Gott reden und dabei anderen nur einreden wollen, was sie sich selber über Gott ausgedacht haben. Zum Beispiel, dass er angeblich in einem Haus aus Stein wohnt. Oder dass er dort in einem Kästchen in einigen Oblaten aufbewahrt wird, wie die Priester sagen.
Ich sehe das ganz anders. Ganz praktisch. Wir atmen, und in unserem Atem ist Gott, das Leben.
Auch in dem Atem der Tiere. Das kann ich dir und Opa nicht beweisen. Aber ich kann dir verraten, was mir mein Gewissen sagt. Du kennst doch den Satz "Man sieht nur mit dem Herzen gut".

Sohn:
Ja.

Vater:
Und mein Gewissen sagt mir, dass Gott in unser Herz schaut; und dass er schaut, ob wir helfen, wenn andere in Not sind oder ob wir auch den Tieren helfen. Ich frage mich manchmal, ob nicht die Kühe im Stall unseres Nachbarn sogar näher bei Gott sind als wir. Und natürlich auch näher bei Gott als der Papst.

Sohn:
Das kann ich mir schon vorstellen. Denn die Kühe tun nichts Böses.

Vater:

Und deshalb sollten auch wir nichts Böses tun und keinem Lebewesen ein Leid zufügen. Keinem Menschen und keinem Tier.

Sohn:
Ist es dann nicht auch böse, wenn der Papst so viel Geld braucht, um die Menschen zu besuchen? Wo man das doch an so vielen Orten dringend brauchen könnte, damit kein solches Leid mehr ist.

Vater:
Was du alles von mir wissen willst! Frag doch einfach dein Gewissen. So mache ich es auch. Das wird dir dann schon eine Antwort geben.

Sohn:
Gut, danke. Ich frage erst einmal Opa. Und dann frage ich mein Gewissen.

 

FREIGABE - Das kleine Bühnenstück ist für jedermann bei nichtkommerzieller Aufführung oder Lesung frei gegeben, wenn die Quelle schriftlich oder mündlich genannt wird. Auch Kürzungen werden gestattet. Bei Wunsch nach kommerzieller Nutzung oder Veröffentlichung bitte mit uns in Verbindung setzen! Danke.


 

Meldungen zum Papstbesuch 2011 in Deutschland finden Sie vor allem hier.


 

Der Text  kann wie folgt zitiert werden:
Zeitschrift "Der Theologe", Hrsg. Dieter Potzel, Wenn der Papst auf Reisen geht - Ein Sprechstück zwischen Vater und Sohn in einem Akt, zit. nach http://www.theologe.de/papstbesuch.htm, Fassung vom 5.10.2011

 

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