DER THEOLOGE
Ein Mahnmal für die Opfer der Kirche in Köln


„Sparen Sie sich die Kirche“, Podiumsgespräch am 18. August 2005 zum Weltjugendtag in Köln, Veranstalter: Initiative „Ein Mahnmal für die Millionen Opfer der Kirche“

Stichpunktartige Zusammenfassung des Redebeitrags von Dieter Potzel, ehemaliger evangelischer Pfarrer und Herausgeber von „Der Theologe“

Immer öfter biedert sich heute die evangelische Kirche der katholischen an
. Luther schimpfte noch über die „Hunds- und Pferdeknochen“, die man in der katholischen Kirche als Reliquien verehrte. Den Ablass, der in Köln wieder umfassend gewährt wird, verurteilte er als heidnisch. Und die Nachfolger Luthers heute? Keine Spur mehr von dieser Kritik. Die evangelischen Kirchen haben Luther verraten. Was sie dafür bekommen, ist wenig. So empfängt der Papst z. B. die Vertreter der evangelischen und orthodoxen Kirche nur zusammen. Und das, obwohl in Deutschland über 30 % der Bürger evangelisch sind und sicher weniger als 1 % orthodox. Die evangelische Kirche hat Angst, im Medienspektakel des Weltjugendtages nicht beachtet zu werden. Und sie hat Angst, aus der öffentlichen Berichterstattung mehr und mehr zu verschwinden. Und es geht dabei auch ums Geld. Denn noch zahlt der Staat beiden großen Kirchen paritätisch Unsummen an Subventionen.

Den Jugendlichen, die gekommen sind, wird nicht die Wahrheit über die Lehre der römisch-katholischen Kirche gesagt. Man macht auf „Happening“. Aber die Kirche fordert, dass sie absonderliche Dogmen glauben müssen, wenn sie später in den Himmel kommen wollen. Wer nicht an alle Dogmen und Lehrüberlieferungen glaubt, ist verdammt und auf ewig der Hölle übergeben. So heißt es wörtlich im entsprechenden katholischen Lehrbuch als angeblich unfehlbare Glaubenswahrheit: „Wer nicht die ganze kirchliche Überlieferung annimmt, die geschriebene wie die ungeschriebene, der sei ausgeschlossen“ (Neuner/Roos, Der Glaube der Kirche, Nr. 85; mehr dazu siehe hier).

So sollen die Jugendlichen z. B. glauben, dass Maria „ohne [männlichen] Samen“ schwanger wurde und Jesus als Jungfrau gebar. Oder dass ihre Leiche später im Grab nicht verweste. Oder das Jesus in der Hostie körperlich anwesend ist. Wenn sie es nicht tun, müssen sie später in die Hölle, was man ihnen aber meist verschweigt. Im katholischen Lehr-Standardwerk Neuner/Roos, Der Glaube der Kirche finden sich alle Dogmen, die geglaubt werden müssen. Lehrsatz Nr. 381 legt z. B. unfehlbar fest, dass Andersgläubige in die Hölle müssen. Wörtlich heißt es, „dass niemand außerhalb der katholischen Kirche … des ewigen Lebens teilhaftig wird, vielmehr dem ewigen Feuer verfällt, wenn er sich nicht vor dem Tod ihr (der Kirche) anschließt.“

Ausdrücklich erwähnt sind in diesem Zusammenhang die Juden. Was also soll die angebliche Versöhnungsgeste Benedikts XVI. gegenüber den Juden am morgigen Freitag, wenn die römisch-katholische Lehre alle Juden, die nicht rechtzeitig der katholischen Kirche beitreten, auf ewig im höllischen Feuer quälen lassen will. Ist das nicht sogar schlimmer als der einzigartige und unvorstellbar grausame, aber wenigstens zeitlich befristete Holocaust?

Solche Dinge sagt man den Jugendlichen natürlich nicht, sonst herrscht schnell die Ernüchterung.

Ich selbst glaube nicht an einen Stellvertreter Gottes auf Erden. Ich glaube, dass Gott in den Menschen, Tieren und Pflanzen „vertreten“ ist, also in ihnen lebt.

Doch auch der Glaube der evangelischen Kirche ist nicht viel besser. Z. B. wird dort der unfreie Wille in Glaubensdingen gelehrt. Entweder gehört der Mensch Gott oder dem Teufel. Diese Kräfte nehmen ohne weiteres Zutun des Menschen Besitz von seiner Seele. So hat der Mensch keine freie Entscheidung. Und das ist schon vor der Geburt des Menschen vorherbestimmt, wer von Gott auf diese Weise gerettet wird! Das ist alles ziemlich krankhaft und hat schon viele Menschen in den religiösen Wahn getrieben.

Ich selber bin aus der evangelischen Kirche ausgetreten, weil ich mich entscheiden musste für Christus oder für die Kirche. Die Widersprüche sind vielfältig. Die Kirche hat z. B. im ersten Irak-Krieg die pazifistische Haltung von Jesus verraten. Ein Vorgesetzter meinte zu mir, ich solle doch diese Einstellung in Form eines Leserbriefes zum Ausdruck bringen. Nun ist es so, dass ich mit meiner konträren Meinung in der Kirche trotzdem willkommen war. Denn in der Vergangenheit hat sich die Kirche meist dadurch abgesichert, dass sie auf allen Seiten ihre Leute hatte. Es könnte ja sein, dass es einst nötig wird, dass es im Rückblick doch einen oder mehrere Kirchenleute gab, die es anders sahen als die Mehrheit. So war es z. B. im Dritten Reich. Heute werden diejenigen geehrt, die dagegen waren, obwohl ganz offiziell Staat und Kirche eine Allianz eingingen und die meisten Kirchenvertreter für Hitler und den Nationalsozialismus waren.

Ich überlegte mir, warum hat Joseph Ratzinger wohl den Namen Benedikt gewählt. Der ursprüngliche Benedikt war Benedikt von Nursia, der heute in der katholischen Kirche als der Patron Europas gilt. Seine Klostergründung im Jahr 529 gilt geistesgeschichtlich als der Beginn des Mittelalters. So kann man vermuten: Mit Benedikt XVI. soll wieder das Mittelalter beginnen. Ein Blick auf Papst Benedikt XV., der während des 1. Weltkriegs Papst war: Er wollte die orthodoxe Ostkirche gerne wieder der römisch-katholischen Kirche einverleiben. Hier knüpft Benedikt XVI. ebenfalls an und hat schon entsprechende Schritte eingeleitet ...

Der Mord an Frère Roger hat mich schockiert. Er hatte die Gemeinschaft von Taizé aufgebaut. Obwohl er bis zu seinem Tod Protestant blieb, war es womöglich seine Aufgabe, die protestantische Jugend in die katholische Kirche zurückzuführen. Und obwohl er von Benedikt XVI. die katholische Hostie bekommen hat, ist er dennoch nach römisch-katholischer Lehre auf ewig verdammt, weil er sich nicht vor seinem Tod der römisch-katholischen Kirche angeschlossen hat. So steht es im Lehrsatz Nr. 381, den ich vorhin schon zitiert habe. Das freilich sagt niemand, wenn sich Kardinal Meisner ins Kondolenzbuch für Frère Roger einträgt.

Ich schließe mit den Worten des Philosophen Karl Jaspers, der sinngemäß erklärte, dass die Kirche jederzeit auf dem Sprung steht, die Scheiterhaufen wieder anzuzünden, sollten sich nur die politischen Verhältnisse wieder dementsprechend günstig für sie gestalten. Deshalb ist große Wachsamkeit geboten gegenüber dem, was in diesen Tagen in Köln und auch danach geschieht. Und ich hoffe, dass die Demokratie wehrhaft genug ist, die katholischen Absolutheits- und Machtansprüche abzuwehren. Sie sollte damit beginnen, die Milliardensubventionen an die Kirchen zu streichen. Deshalb plädieren wir ja dafür: „Regierung und Volk! Spart Euch die Kirche.“

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Lesen Sie dazu auch "Der Theologe Nr. 16" - Hintergründe zum Papsttum und zum Vatikan

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