DER THEOLOGE
Ein Mahnmal für die Opfer der Kirche in Erfurt
„Regierung und Volk, Spart Euch die Kirche“,
Podiumsgespräch am 25. April 2005 in Erfurt, Veranstalter: Initiative
„Ein Mahnmal für die Millionen Opfer der Kirche“
Rede- und Diskussionsbeitrag von Dieter Potzel, ehemaliger
evangelischer Pfarrer und Herausgeber von „Der Theologe“
Redebeitrag:
... Ich stamme ja aus Hof an der Saale und hatte schon als Jugendlicher
Kontakte zur Kirche in der damals nur wenige Kilometer entfernten DDR. Und vor einiger Zeit wurde ich
nach Plauen in Sachsen zu einem Podiumsgespräch eingeladen, und da habe
ich gemerkt, wie gerade die etwas Älteren noch der Kirche in der DDR
bzw. in der unmittelbaren Wendezeit nachtrauern. Die Kirche wurde dort
überwiegend wahrgenommen als eine Institution, die Freiräume gibt, die
man sonst so in dieser Gesellschaft nicht hatte. Das ist unbestritten,
doch es hat auch mit etwas Typischem für die Kirche zu tun, wie ich es in allen den Jahren immer wieder erlebt habe: Ich
möchte die These aufstellen: Die Kirche steht immer auf allen Seiten.
Und das hatte man gerade auch in der DDR erlebt. Sie wissen
wahrscheinlich selber von den vielfältigen Verflechtungen zwischen Kirche
und Staat auf höchster Ebene, wo Kirchenvertreter ebenfalls Privilegien
genossen, während einfache Mitglieder der Kirche unter Umständen
schwer benachteiligt wurden. Und wo sich auch in der DDR-Zeit Kirche und Staat
einig waren, war die Bekämpfung religiöser Minderheiten. Das traf hier
in Ostdeutschland vor allem die Zeugen Jehovas. Und das war in
Deutschland immer so, unter jeder Regierung: Ob es bei den Nazis war, in
der DDR, in der Bundesrepublik oder erst recht in den früheren Zeiten:
Immer gab’s diese Allianz zwischen Kirche und Staat zur Ausgrenzung
oder gar Verfolgung der
kleineren Gemeinschaften, die der Kirche ein Dorn im Auge waren. Der
Staat versprach sich davon z. B. moralische Rückendeckung durch die
Kirchenführer.
Ich habe das selber erlebt beim ersten Golfkrieg. Für
mich war klar aus dem Studium des Neuen Testaments, dass Jesus Pazifist
ist. Und als damals Anfang der 90er Jahre die Kriegsvorbereitungen
liefen, habe ich als Pfarrer gesagt, jetzt müssten wir von der Kirche
doch eine Stellungnahme abgeben, dass Jesus nicht in einem Flugzeug
sitzen würde und Bomben auf Bagdad abwerfen würde und dass er auch die
Flugzeuge und Bomben der Alliierten nicht segnen würde. Ich war
allerdings der Einzige in der Pfarrerversammlung damals, der das so
wollte. Die überwiegende Mehrheit war für den Krieg als so genanntes
„letztes Mittel“, wie es in modernen Zeiten immer heißt, weil Saddam
Hussein eben nicht das tat, was die westlichen Politiker wollten. Und
dann lautete aber auch die Botschaft an mich: „Schreiben Sie doch einen
Leserbrief.“ Das war kirchlicherseits durchaus gewünscht, damit die
Menschen sehen, es gibt da einen Pfarrer, der sieht das anders. Und
dieser Mann bindet wieder ganz andere Leute an die Kirche als die
Mehrheit der Kollegen, die andere Überzeugungen hatten. Also, die
Kirchenführer gaben den Politikern das gute Gewissen für den Krieg, und
bei mir hieß es: Ich hätte halt ein wenig
Außenseitermeinungen, doch auch solche Leute brauche die Kirche.
Doch
das wollte ich auf Dauer so nicht mitmachen, weil ich mir auch
folgendes klar machte: Der einzelne Pfarrer, und ich denke jetzt auch an
einige mutige Pfarrer in der DDR, der einzelne Pfarrer kommt und geht.
Aber die Institution, die bleibt, und sie ist unverrückbar mit oft ganz
anderen Inhalten als denen, die vielleicht ein einzelner Rebell mal für ein
paar Jahre repräsentieren darf.
Und wie sich diese Institution auch in
Ostdeutschland festigt, darauf hat ja mein Vorredner schon hingewiesen,
und mich hat dabei schockiert, mit welcher Geschwindigkeit alle neuen
Bundesländer Konkordate mit den Kirchen, mit der evangelischen und mit
der katholischen, abgeschlossen haben. Ganz nebenbei hat man damit auch
ein großes Stück politische Freiheit verkauft. Denn es gilt meines
Wissens bei allen Konkordaten: Diese Konkordate dürfen später vom Staat nicht
einseitig gekündigt oder verändert werden, weil sie in gegenseitiger
Freundschaft mit der Kirche geschlossen wurden. Das heißt: Wenn jetzt
eine Länderregierung herkommen und sagen würde: Aus dem Zuschuss von 50
Millionen Euro im Jahr hier an dieser Stelle machen wir mal nur 25 Millionen
Euro, dann muss die Kirche
zustimmen, sonst geht das nicht. Ohne Not hat sich der Staat damit in eine massive
Abhängigkeit begeben. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass es bei
Personen des öffentlichen Lebens manchmal eine große Unsicherheit gibt
mit der Ethik. Und hier bläst die Kirche nun einen großen Ballon auf und
sagt „Hallo, hier sind wir!“ Sie wissen hier in Erfurt sicher besser
über die Situation vor Ort Bescheid als ich.
Manches bekommt man aber auch außerhalb mit. Als z. B. das Massaker
in Erfurt im Jahr 2002 war, habe ich im Fernsehen gesehen, dass die Gedenkfeier unter der Regie der Kirche stattgefunden
hat, obwohl doch nur eine Minderheit der Bevölkerung und auch der
Angehörigen von den Opfern der Kirche angehört. Also, da stimmt doch
irgend etwas nicht. Morgen ist es ja genau drei Jahre her, als das
passierte. Und warum gibt es keine Bürgerschaft, die die innere
Substanz hat oder die Zivilcourage, ebenfalls eine Ethik, eine gute
Ethik hier öffentlich zu vertreten anstatt dies der Kirche zu überlassen? Ich denke mir, eine solche Ethik gibt es doch. Allein das
Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland - Gleichheit, Freiheit,
Gerechtigkeit - das sind Ideale, die im Laufe der Geschichte gegen die
Kirche durchgekämpft werden mussten. Und vor allem die Toleranz. Mit
diesen Werten könnte so viel bewirkt werden, auch mit einfacher
Mitmenschlichkeit. Deutschland hatte Philosophen, hatte Dichter und
Denker, hatte weise Männer und Frauen, und dann sagt die Kirche, „Ja, wir
füllen das ethische Vakuum“. Also, da denke ich, hier wird auch der
Bildungsauftrag der Schulen nicht richtig wahrgenommen, wenn den
Verantwortlichen im Staat nichts Besseres einfällt und man Milliarden
von Euro ausgibt, dass die Kirche dort ihre Lehren
verbreiten kann [Anmerkung: vgl. dazu auch unsere
Meldung zum Massaker in Winnenden].
Ich möchte noch sagen, ich selbst habe, als ich im kirchlichen Dienst
war, manches nicht so gesehen wie jetzt nach einigen Jahren, wo ich
draußen bin. Ich habe immer wieder das Positive in der Kirche betont.
Klar, sonst hätte ich damals nicht drin bleiben können. Und ich möchte
sagen, dass auch heute für mich wichtig ist, niemanden zu beleidigen
oder anzugreifen, der jetzt evangelisch oder katholisch ist. Aber die Aufklärung
über Sachverhalte hat mir in
manchem die Augen geöffnet, und deshalb möchte ich mithelfen, ebenfalls
zu informieren.
Ich möchte mal nur ein Beispiel sagen von der katholischen Lehre. Da
gibt es ein Lehrwerk „Der Glaube der Kirche“, von dem berühmten
katholischen Theologen Karl Rahner herausgegeben. Und dort heißt es doch
als eine der bis heute gültigen Lehr- und Glaubenswahrheiten der Kirche:
„Die Kirche hat kraft ihrer göttlichen Einsetzung“ – ich zitiere – „die
Pflicht, das Gut des göttlichen Glaubens unversehrt zu bewahren. Deshalb
muss sie mit peinlicher Sorgfalt alles entfernen und ausmerzen, was
gegen den Glauben ist“. Und weiter heißt es im Text noch, „Irrlehren
gehören verboten“. Und das ist nicht widerrufen. Das wird dann zwar dem
Zeitgeist entsprechend angepasst. Kardinal Ratzinger, der Papst Benedikt
XVI., sagt das dann etwas diplomatischer, aber im Kern gilt das weiter.
Und dieses Fehlen der Toleranz habe ich immer wieder erlebt. Ich war
selber beteiligt auf der kirchlichen Seite. Ich war z. B. Abiturprüfer
in Evangelischer Religionslehre. Und da steht in den Lehrplänen z. B. im
9. Schuljahrgang ziemlich viel Negatives drin, was man den Schülern über
religiöse Minderheiten beibringen soll. Man nennt sie abfällig „Sekten“,
und da werden die Gruppierungen der Reihe nach mit Verleumdungen in die
Pfanne gehauen. So werden die Kinder indoktriniert, damit sie nicht mehr
unvoreingenommen prüfen können, dass eine kleinere Gemeinschaft
womöglich höhere Werte entwickelt und auch lebt als dies in den
Großkirchen der Fall ist. Da werden alle Gemeinschaften negativ über einen Kamm
geschoren, die den Großkirchen nicht genehm sind und schon die Schüler
vielfach zur Intoleranz erzogen. Deshalb beobachte ich mit großem
Interesse, was in Berlin-Brandenburg passiert, und hoffe nur, dass die
Politiker endlich einmal stark bleiben und nicht schon wieder umkippen
und den konfessionellen Religionsunterricht, der solche Intoleranz mehr
oder weniger lehrt, dort wieder an die staatlichen Schulen zurückholen.
Ein weiterer Punkt, dass man auch Kirchenaustritte aus DDR-Zeiten vielfach
nicht anerkannt hat von den Kirchen und nach der Überprüfung von Taufregistern Bürger zu
Nachzahlungen von zum Teil einigen Tausend Euro verpflichtet hat. Das ist einfach
unredlich. Das geht auch gegen das Gewissen. Aber die Kirche legt eben
Wert darauf, möglichst viel Geld einzunehmen, und sie ist hier zum Teil
knallhart vorgegangen.
Ich selbst habe jedenfalls nach sechs Jahren Studium und fast sechs
Jahren Dienst in der Kirche irgendwann gesagt, das will ich nicht mehr.
Ich habe bei meiner Einsetzung als Pfarrer versprochen, der Kirche und
Christus die Treue zu halten. Doch ich habe gemerkt: Ich kann jetzt nur
entweder der Kirche oder Christus die Treue halten. Beides zusammen geht
nicht. Denn mir wurde von Jahr zu Jahr deutlicher, dass die Kirche
eigentlich mit Christus nicht viel zu tun hat. Denn Christus bzw. Jesus von
Nazareth wollte keine Pfarrer, Priester, Theologen. Er hat damals sogar
gesagt: »Weh euch, ihr Schriftgelehrten«. Er stand im krassen Gegensatz
zu den Theologen seiner Zeit. Man kann sich auch nicht vorstellen, dass
der Mann aus Nazareth und seine Jünger mit solchen Gewändern
herumgelaufen wären, wie wir es jetzt im Fernsehen in Rom gesehen haben.
Das, was dort abgelaufen ist, ist purer Heidenkult, das ist Mithraskult.
Das gab’s damals vor 2000 Jahren im Imperium Romanum – das ist ein Herrscherkult
mit besonderen Gewändern und Mützen, mit Taufen, kultischem Mahl und
anderen Handlungen, die den Sakramenten der Kirche vergleichbar sind.
Die Kirche ist somit die Nachfolgerin des Mithras-Kultes und nicht die
Nachfolgerin der ersten Christen. Auch die Dogmen, die Reliquien usw.,
Kanzeln, Altäre, Brimborium und Pomp – das alles hat mit Jesus überhaupt
nichts zu tun. Und da sollte man redlich sein in den Kirchen. Und das
wird dort natürlich nicht gerne gehört, wenn ich sage, es ist nichts
dagegen einzuwenden, wenn die Kirchen sagen, wir sind römisch-katholisch
oder evangelisch-lutherisch, aber sie sollten Jesus aus dem Spiel
lassen. Das trifft natürlich ins Selbstverständnis, und das macht für
mich auch den Kern der Sache aus.
Dass es viele anders sehen, hängt nur zusammen damit, dass die Kirche
einen großen Teil ihrer Lehre verschweigt und auch ihre Vergangenheit
beschönigt. Ich bin ja auch, wenn man so will, ein „Experte“ für Luther.
Mein Vorredner hat schon einiges gesagt über ihn. Ich habe es erst nach
dem Studium erfahren, dass Martin Luther Hinrichtungsaufrufe
durchgegeben hat: gegen Juden, gegen Zauberinnen, man könnte sagen,
gegen Frauen mit geistigen oder magischen Fähigkeiten, gegen Eltern, die
ihr Kind nicht als Säugling taufen lassen wollten, gegen Ehebrecher,
gegen Wucherer, und, und, und. Er hat Hinrichtungen verlangt und sie
auch durchsetzen können, vielfach gegen friedfertige Menschen. Und wenn
man in der Schule Luther als Vorbild lehrt, dann wird das entweder nicht
gesagt oder grob beschönigt. Oder man sagt dann: „Aber das ist
doch Vergangenheit.“ Aber wenn es wirklich Vergangenheit ist, warum steht
da um die Ecke noch ein Luther-Denkmal? Warum sagt man dann nicht: „Okay,
das war damals. Aber heute geben wir doch diesen Leuten keine Denkmäler
mehr oder benennen Straßen nach ihnen, die vielfach für Hinrichtungen und
Morde verantwortlich sind.“ Da muss man das endlich mal aufarbeiten und
sich neue Vorbilder suchen. Und wenn die Kirche das nicht will, kann man
sagen: Dann entlarvt sie sich.
Eine andere Sache ist, was die wenigsten Menschen wissen oder auch ernst
nehmen, die Lehre von der ewigen Verdammnis, die laut katholischer Lehre
schon denjenigen betrifft, der das Katholische nicht in seiner Fülle
annimmt. Wer also schon an einzelnen Glaubenswahrheiten zweifelt oder
sie ablehnt, kann nicht ins Himmelreich eingehen –
mit furchtbaren Folgen also im Jenseits. Das ist natürlich Unsinn, aber
damit wird Leuten gedroht, damit werden sie eingeschüchtert. Luther hat
sogar gesagt, diese ewige Verdammnis sei von Gott für die davon
betroffenen Menschen vorherbestimmt. Was
für ein grausames Gottesbild. Das weiß nur keiner, und man steht hier 100
m weiter voller Ehrfurcht
vor seinem Denkmal.
Ja, ich komme zum Schluss. Mir ist der Wert der Toleranz sehr wichtig.
Wenn ich hier die Kirche ziemlich kritisch in meinem Statement dargelegt
habe, hat das einen ganz einfachen Grund. Wenn man den Fernseher
anmacht: Positives über die Kirche noch und nöcher - der Beitrag am
Anfang des Abends war wirklich die Ausnahme und dem anderen wird einfach kein Raum
gegeben. Professor Dr. Mynarek wird da manches noch dazu sagen, wie auf
diese Weise Wahrheiten unterdrückt werden. Deshalb wollte ich möglichst
viele Minuten meiner Redezeit dafür verwenden, darüber zu informieren.
Toleranz ist mir wichtig, auch gegenüber Kirchenmitgliedern. Aber jeder
sollte frei entscheiden dürfen, welchen Glauben oder welche Institution
er unterstützt. Und deshalb geht es einfach nicht, dass durch die
staatlichen Subventionen wir alle die Kirchen mit finanzieren müssen
und damit sogar weit mehr für die Kirchen bezahlen als ein
Kirchensteuerzahler. Es wurde von einem Experten einmal ausgerechnet: Auch wer
nicht Kirchenmitglied ist, zahlt anteilmäßig Subventionen in Höhe eines
doppelten Kirchensteuerbeitrags.
Und das andere ist: Durch die massiven
Bevorzugungen, durch die Privilegien, wird unsere Gesellschaft auch
unterhöhlt. Überall sitzen Kirchenleute in entscheidenden Positionen, v.
a. in den Medien. Da
könnte ich einen ganzen Abend mit füllen. Professor Mynarek auch. Und
ich möchte noch mal dran erinnern. Ich habe einen Verdacht – und damit
möchte ich schließen: Der bekannte Philosoph Karl Jaspers hat mal sinngemäß
gesagt: „Die Kirchen mit ihrem Absolutheitsanspruch stehen jederzeit auf
dem Sprung, die Scheiterhaufen für Ketzer wieder zu entflammen“. Ich
hielt es anfangs für übertrieben, aber nach manchen Erfahrungen der letzten
Jahre glaube ich das. Ich glaube, es ist ein neues katholisches Europa
geplant. Und die Kirche hat nie widerrufen, dass sie Irrlehren verbieten
will, dass sie ausmerzen will, was gegen ihren Glauben ist. Und was ist,
wenn die Kirche wieder diese Macht bekommt, wenn die Errungenschaften
der Demokratie die religiösen Minderheiten nicht mehr schützen?
Vielfach, wie es im Buch „Der Steinadler und sein Schwefelgeruch“ auch steht,
wo es um
Verfolgung und Diskriminierung von Minderheiten in der
Bundesrepublik geht, vielfach ist der Schutz schon heute
aufgehoben, aber ein bisschen hält er noch. Also, ich habe da kein gutes
Gefühl, gerade aus meiner Außensicht. Als ich in der Kirche war, habe
ich es nicht gesehen, jetzt wird es von Jahr zu Jahr klarer. Deshalb bin
ich mit vollem Herzen bei dieser Initiative »Ein Mahnmal für die
Millionen Opfer der Kirche« dabei. Weil, wenn man mal ein Mahnmal
aufbaut und sagt, das waren die Opfer, hier sind Hunderttausende von
Leuten umgebracht worden, dann stellt man sich automatisch auch die
Frage „Wie ist es in der Gegenwart?“ Und dann käme man vielleicht zu
dem Ergebnis: Wehret den Anfängen! – Dankeschön.
Diskussionsbeitrag:
... Ich möchte auf die Frage antworten, die mich auch in vielen Phasen
meines Lebens beschäftigt hat: Was kann ich tun? Ich erinnere mich, als
ich sehr viel jünger war, ich war in bestimmten Gruppen drin. Wo die
anderen hingegangen sind, bin ich auch mit hingegangen. Aber ich habe in
mir irgendwo oft eine Unruhe gespürt. Und ich habe dann etwas befolgt,
was mir für mein Leben bis heute geholfen hat, und das habe ich auch von
Jesus gelernt. Er hat gesagt: Wenn du beten willst, wenn du Gott suchst,
gehe in dein Inneres, gehe in dein Kämmerlein, in dein inneres
Kämmerlein. Also nicht, besuche eine Kirche aus Stein, sondern suche
dein eigenes Herz auf. Und ich habe damals als
Jugendlicher gelernt, öfters auch mal allein zu sein, ganz bewusst mal
aus einer Gruppe herauszugehen und darüber nachzudenken: Bin ich da
überhaupt auf dem richtigen Schiff? Ist das alles auch so okay für mich,
was wir hier miteinander machen? Und ich habe da für mich eine innere
Stärke und auch eine Gewissensstärke erreicht, von der ich bis heute
zehre. Mich hat dann auch z. B. der Film „Gandhi“ beeindruckt. Bevor er
die entscheidenden Ideen hatte, wie es in Indien weiter gehen könnte,
war er auch in der Stille. Da habe ich gedacht: Ja, genau, der hat das
auch so getan.
Natürlich ist das Äußere sehr wichtig. Die Aktionen, von
denen hier die Rede war, unterstütze ich voll. Aber auch die Stille ist
eben wichtig. Irgendwann einmal habe ich auch mal Tiere beobachtet, und
ich kann das schwer in Worte fassen: Aber ich habe das Gefühl gehabt,
sie haben denselben Atem wie ich. Ich bin z. B. auch – ich stelle das
jetzt ein bisschen verkürzt dar – aus dieser Erfahrung zum Vegetarier
geworden. Denn ich habe gemerkt: Ich kann die Tiere, denen ich jetzt
noch in die Augen sehe, doch nicht einfach aufessen,
sie haben doch denselben Atem wie ich. Und ich bin aus dem
zwischenzeitlichen Rückzug innerlich oft auf ganz neue Gedanken gekommen
und habe dann gewusst, was ich tun muss. Also, dafür möchte ich einfach
mal Mut machen, das ist mir so gekommen, als ich diese vielen
Hunderttausend junge Menschen gesehen habe in Rom. Ich habe mich
erinnert, dass es in einer Gemeinschaft toll sein kann, aber dass man
dann auch mal den Mut hat, raus zu gehen und zu fragen: Was stimmt für
mich? Und plötzlich kommt man auf etwas, wo man genau weiß, was man
jetzt zu tun hat. Also, Jesus hat es auch gesagt, „Gehe in das stille
Kämmerlein“, nicht in das große Gemenge und in die Kirchen aus Stein,
und dann findet man oft Lösungen.
Schlusswort:
... Ich möchte noch mal an die Verfassungsgemäßheit erinnern: Es heißt
ja schon in der Weimarer Reichsverfassung Anfang des 20. Jahrhunderts,
dass diese Staatsleistungen abgelöst werden sollen. Und wir haben es ja
in dem Film gesehen: Da verlangt die Kirche plötzlich das Hundertfache
eines jährlichen Betrages für die Ablösung. Eine politische Gemeinde
sagt, wir möchten diese 180,00 € im Jahr nicht mehr zahlen, doch die Kirche
sagt: „Gib mir 32.000,00 Euro, und dann brauchst du die nächsten Jahre keine
180,00 Euro mehr zu zahlen.“ Warum kann sich die Kirche ein so dreistes
Verhalten leisten? Weil jeder Politiker einen Kniefall vor der Kirche
macht, und ich noch keinen Politiker getroffen hab, der da ein Rückgrat
hat. Also, wenn man so etwas hört, da muss es doch – wenn man zumindest
ein Minimum des Verstandes aktiviert – da muss es doch möglich sein,
dass man sich so etwas einfach nicht gefallen lässt. Im Grundgesetz
heißt ja auch wörtlich: „Niemand darf aufgrund seiner Religion bevorzugt
oder benachteiligt werden.“ Dass es anders ist, das wissen wir, es
sprach z. B. ein Vertreter einer Gruppe, ich kenne sie jetzt weniger,
die Mormonen. Ich weiß nur, wenn diese oder eine andere Gruppe so etwas
in ihrem Programm hätte wie die katholische Kirche, wo es heißt: „In
ihrer Machtvollkommenheit möchte sie alles ausmerzen, was gegen ihren
Glauben ist“, diese Gruppe würde sofort verboten. Daran sieht man, dass
es diese Religionsfreiheit und Gleichheit vor dem Gesetz nicht gibt.
Ich selber habe ja auch schon gesagt: Ich versuche mich an Jesus zu
orientieren, so gut es eben geht, und da ist mir auch ein Widerspruch
aufgefallen: „Seligpreisungen“ heißt es bei Jesus. Also, er hat,
liest man das Neue Testament, Menschen selig gepriesen. Da heißt es z.
B.: „Selig sind die Friedfertigen. Selig sind die Sanftmütigen. Selig sind,
die um der Gerechtigkeit willen leiden usw.“ Die Kirche jedoch macht eine
Seligsprechung daraus. Die sagt dann: Selig wird der gesprochen, der so-
und soviel dafür zahlt, und selig wird der gesprochen, der da diese
Glaubensgegner ausgemerzt hat und noch ein oder zwei Wunder getan haben
soll. Also, das Ursprüngliche von Jesus wird völlig verfälscht. Und ich
möchte mich mehr an die Seligpreisungen von Jesus halten, und ich merke
dann manchmal, das ist gar nicht so leicht, immer so friedfertig zu
bleiben, aber es gibt letztlich keine Alternative als diese kleinen
Schritte: Austreten aus der Kirche oder aufmüpfig sein und immer wieder
das eigene Gewissen prüfen. Und ich denke: Vor ein paar Jahren hätten
wir auch nicht gedacht, dass wir hier so auf einem Podium sitzen, dass
wir eine eigene Zeitschrift rausgeben, dass ja doch was in Bewegung
kommen kann. Und es kann etwas ins Rollen kommen, wenn man nicht einfach hinnimmt, dass die
Kirchen die Schaltstellen der Gesellschaft übernehmen und auch ich
unfreiwillig meinen Beitrag dazu leisten muss. Und es kommt etwas ins Rollen, auch für einen selber, auch im persönlichen Umfeld, und dazu
möchte ich eigentlich jeden ermutigen.
Die Eingangsreferate aller Podiumsteilnehmer finden Sie bei
http://www.kirchenopfer.de/downloads/erfurtbroschuere.5.pdf
Lesen Sie eine Zusammenstellung von Opfern der Kirche
in Thüringen und Erfurt bei:
http://www.kirchenopfer.de/53498897771004620/5349889777126983d/index.html
Lesen Sie dazu auch:
Selbstmord eines evangelischen Pfarrers in Erfurt
"Der Theologe Nr. 25",
"Die Kirche - ein heidnischer Götzenkult"
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