DER THEOLOGE
Nr. 77


Auf den Spuren der Bogumilen
 
Eine Reise in die Vergangenheit des Urchristentums
nach Dalmatien und Bosnien

Mit drei Begleitern reiste der Autor im August 2007 nach Kroatien und Bosnien-Herzegowina, um einen Film über die Bogumilen zu drehen, eine weithin vergessene religiöse Ketzerbewegung des Mittelalters. Auch wenn der Film nicht fertig gestellt werden konnte, so eröffnet auch der Reisebericht Einblicke nicht nur in eine wenig bekannte Geschichtsepoche, sondern auch in eine balkanisch-widersprüchliche Gegenwart. Um die historischen Themenstränge besser schildern zu können, ist der Bericht nicht chronologisch, sondern thematisch aufgebaut.

Im Anschluss an den Reisebericht lesen Sie eine Studie: Wer sind die Bogumilen unter dem Thema Die wahre Kirche ist das Herz des Menschen.

Konavlje-Tal

4.8. - Kaum zu glauben, wie einsam es hier ist. Der Flughafen Dubrovnik ist nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt; hinter dem sanften Hügelzug im Westen liegt bereits die Adria. Doch wir haben die dalmatinische Küste zumindest für ein paar Stunden hinter uns gelassen, um ins Konavlje-Tal zu fahren.
 
Wir beginnen unsere Reise auf den Spuren der Bogumilen ganz im Süden Kroatiens. Den Weg dorthin haben wir von Rijeka aus über Nacht mit der Autofähre bewältigt, umgeben von heiter-gelassenen Touristen, die von den Bogumilen des Mittelalters vermutlich noch nie etwas gehört haben. Wir aber haben vor, einen Film zu drehen. Schon bei der Vorbereitung haben wir gemerkt, dass wir Neuland betreten. Ausführlichere Literatur, auf Deutsch ohnehin spärlich, ist mehr als 30 Jahr alt, samt allen Hinweisen und Wegbeschreibungen. Schon bald müssen wir feststellen, dass sich seither vieles geändert hat – und zwar, vor allem durch die Kriegsereignisse der 90-er Jahre, nicht immer zum Positiven. Die Bogumilen sind nicht nur in West- und Mitteleuropa weitgehend unbekannt, vergleicht man die ihnen geschenkte Aufmerksamkeit etwa mit derjenigen, die den Katharern Südfrankreichs zugute kommt. Sie sind auch in den Ländern, in denen sie rund 500 Jahre (!) lang lebten, weitgehend in Vergessenheit geraten. Das macht die Suche täglich neu zu einem reizvollen Abenteuer – doch solche Abenteuer dauern unerbittlich ihre Zeit. Mitteleuropäisches Kultur-Abhaken funktioniert hier nirgends. 

Bereits im Konavlje-Tal haben sich die Straßenverläufe nach 30 Jahren völlig verändert. Um die Orte buchstäblich aufzusuchen, die mit den Bogumilen in Beziehung standen, braucht es nicht nur detektivischen Spürsinn, sondern vor allem einen landeskundlichen Führer. Wir sind froh, Moris dabeizuhaben, einen kommunikativen Kroaten, der fast schon routinemäßig aus dem Wagen springt, sobald ein Mensch am Straßenrand zu sehen ist. Er zeigt ihnen dann 30 Jahre alte Fotos von Bogumilensteinen, und wir atmen auf, wenn so etwas wie ein ahnungsvolles Lächeln über die Gesichter huscht – so, wie man reagiert, wenn man nach Jahrzehnten an einen längst vergessenen Schulkameraden erinnert wird.

Der erste Platz, den wir nach längerer Suche tatsächlich finden, ist ein kleines Kloster aus dem Mittelalter, das etwas verloren auf einer Wiese steht: Sveta Trojca heißt es, „Heilige Dreifaltigkeit“. Klein sind die für uns bedeutsamen Gebäude, die wir auf unserer Reise zu sehen bekommen, fast alle: keine triumphalistischen Herrschaftsgebäude, sondern intime, fast verletzlich anmutende Häuschen, die auf eigentümliche Weise Teil der Landschaft geworden sind.

Kein Mensch ist hier zu sehen, keine Tafel erläutert irgend etwas. Nur der Sommerwind streicht aufmunternd durch das einsame, spärlich besiedelte Tal. Und doch wissen wir: Sveta Trojca war gar kein Ort der Bogumilen – es war ein „Gegen-Ort“. Das Klösterchen wurde im 13. Jahrhundert eigens gegründet, um die „Häresie“ der Bogumilen zurückzudrängen. Daher auch der – ausgesprochen katholische – Name. Die Bogumilen, eine christliche „Häresie“,  glaubten nicht an das Dogma der Dreifaltigkeit.

Von den steilen Bergen, die das Tal im Osten begrenzen, waren sie heruntergestiegen, die „Gottesfreunde“, wie Bogumilen übersetzt heißt. Sie hatten das Tal besiedelt und immer mehr Anhänger gewonnen. Noch heute bildet die Bergkette die Grenze zwischen Kroatien und der Herzegowina – und im Kroatienkrieg (1991-95) wurde Dubrovnik von diesen Bergen aus von serbischen Streitkräften unter Beschuss genommen.

Was machte die Bogumilen so anziehend? Der erste „Gottesfreund“ war Bogumil, der im Jahr 935 im heutigen Mazedonien erstmals in Erscheinung trat. Er vertrat ein schlichtes, verinnerlichtes Christentum, das in scharfem Gegensatz zur gemeinsamen ausbeuterischen Herrschaft von Fürsten und orthodoxer Priesterkaste stand. „Das Herz des Menschen ist die wahre Kirche Christi“, sagte ein Bogumile, als er von der Inquisition verhört wurde. 1)

Die Wurzeln der Bogumilen liegen bei den Manichäern, den Paulikianern sowie bei den Messalianern, einer asketischen Mönchsbewegung. Die Bogumilen lehnten Gewalt ab; sie strebten danach, das Böse durch das Gute zu überwinden. Sie lebten vegetarisch und glaubten an die Möglichkeit einer Wiederverkörperung.

Weil sowohl byzantinische als auch serbische Herrscher die Bewegung blutig verfolgten, flüchteten die Bogumilen über die Berge bis nach Dalmatien und auch nach Bosnien, wo sie sich, im Windschatten der Weltpolitik, noch bis ins 15. Jahrhundert halten konnten. 

Die Zeit reicht gerade noch, um eine zweite Fundstelle im Konavlje-Tal aufzusuchen: die Crkva matica, die „Mutterkirche“. Hier befand sich damals ein geistiges Zentrum der Bogumilen, das Gleichgesinnte aus weiten Teilen Europas aufsuchten. Es deutet vieles darauf hin, dass sowohl die Katharer in Frankreich als auch die Patarener in Italien (auch so eine eher vergessene Bewegung) mit den Bogumilen in enger Verbindung standen, ja dass es sich bei diesen Bewegungen im Grunde, lokale Differenzierungen vorbehalten,  um ein und dieselbe handelte. In Bosnien wurden die Bogumilen übrigens lange Zeit als „Patarener“ bezeichnet. 

Die „Mutterkirche“ selbst steht allerdings nicht mehr, die Szene ähnelt mehr einer katholischen Dorfkirche inmitten eines Friedhofs. Doch da liegen sie, wie selbstverständlich neben anderen, wesentlich neueren Grabsteinen: „unsere“ ersten Bogumilensteine! 

"Kolo" bedeutet Kreis

Rituelle Tänze sind darauf zu sehen. Kolo, „Kreis“, heißen diese Tänze bis heute. Es handelte sich aber damals nicht um bloße Folklore. Dargestellt wurde die gemeinsame Bewegung im Rhythmus des Kosmos, angeführt von geistigen Führungspersönlichkeiten, oft etwas größer als die Mittänzer dargestellt. Beschrieben wurden möglicherweise auch Spiralbewegungen,  die den Weg der Seele andeuteten: ihre Einverleibung in den menschlichen Körper, aber auch ihren Weg in jenseitige Welten. Die Wiedergeburt wurde von den Bogumilen zwar als Möglichkeit gesehen, nicht aber angestrebt: Ihr Ziel war die Überwindung der Materie, die im gnostischen Sinne als Hervorbringung des „Bösen“ angesehen wurde, also das Freiwerden vom Rad der Wiederverkörperung. 

                                                                         

Spirale: uraltes Symbol                                                     

Die Steine der Bogumilen sind die lebendigsten Zeugnisse ihrer Epoche. Mehr als 50 000 sollen es noch immer sein, verstreut über Bosnien, die Herzegowina und Kroatien. Weniger als zehn Prozent allerdings nur sind bebildert. Doch diese Bilder vermitteln einen ganzen Kosmos von anrührenden Symbolen, über deren Deutung bis heute keine Klarheit besteht. Unwillkürlich könnte man bei dieser Fülle von Zeugnissen einer untergegangenen christlichen Bewegung an das Jesus-Wort über seine Jünger denken: „Wenn diese aber schweigen, werden die Steine rufen.“ 

Dubrovnik 

4.8. - Am frühen Abend erreichen wir wieder Ragusa, die uralte Kaufmannsstadt, die sich durch schlaues Taktieren über Jahrhunderte ihre Unabhängigkeit bewahren konnte. Am Mittag, bei unserer Ankunft, hatten wir Rauchwolken über der Stadt gesehen, und zwar an den die Stadt umgebenden Berghängen, die zum Teil mit mittelgroßen Hochhäusern bebaut sind, Plattenbauten nicht unähnlich. Rund um die Stadt und bis in ihre Randbezirke hinein brennen Busch und Gras – ein düsteres Szenario und wohl auch ein Vorgeschmack auf den fortschreitendem Klimawandel. Die Straßen einschließlich der Hauptmagistrale, die zu Mittag noch gesperrt waren, was uns zu großen Umwegen zwang, sind in der Abenddämmerung wieder freigegeben.  

Das heutige Dubrovnik erweckt trotz seiner ungezügelten Attraktivität für Touristen nicht den Eindruck einer reinen Museumsstadt. Der Hafen und das Meer durchdringen die konzentrierte steinerne Schale der Altstadt und machen sie „leichter“. Mauersegler flitzen durch die Luft, auch an der steilen Treppe, die zum Dominikanerkloster hinaufführt. Der heilige Dominikus über dem Portal, der hier über einen verwinkelten kleinen Platz gebietet, wirkt ganz harmlos, ebenso wie die Touristen, die vergnügt an ihm vorbeischlendern, ohne ihn zu beachten.  

Dominikanerkloster

Und doch hat die Inquisition der Dominikaner auch in diesen Winkel Europas ihre langen Finger ausgestreckt. Im 13. Jahrhundert, während in Südfrankreich der „Ketzerkreuzzug“ gegen die Albigenser vom Zaun gebrochen wird, während in Deutschland der Dominikaner Konrad von Marburg hunderte von „Gottesfreunden“ auf Scheiterhaufen verbrennen lässt, während in Italien die Bewegung der ketzerisch infiltrierten freien Städte von Kaiser und Papst in die Zange genommen wird, gründet die Kirche auch hier in Ragusa ein Dominikanerkloster. Papst Gregor IX. setzt zweimal hintereinander Dominikanermönche als Bischöfe im nahen Bosnien ein, darunter auch einen Deutschen, Johannes von Wildeshausen. Die Dominikaner lassen einige Bogumilen auf dem Scheiterhaufen verbrennen und nötigen den Banus Ninoslav, zum Katholizismus zurückzukehren und die „Ketzer“ zu verfolgen. Doch schon nach einem Jahr ist alles wieder beim Alten. Das Volk leistet Widerstand. 

Ragusa leistete auf seine Weise Widerstand – indem es mit den „Ketzern“ regen Handel trieb und später, als die Osmanen Bosnien erobern, einigen von ihnen Asyl bot, dem Gost Radin etwa, einer bogumilischen Führungspersönlichkeit, der 1467 als hochgeehrter Mann in Ragusa stirbt. Bogumilen galten vielerorts als fähige Diplomaten und Vermittler. 

Doch für Kaufleute gelten eigene Gesetze. Wir treffen am späteren Abend den bosnischen Historiker Professor Muhamed Jaliman, der hier seinen Urlaub verbringt. Er erzählt uns, dass Ragusa auch am Sklavenhandel mit bosnischen Gefangenen mitverdiente – ebenso wie einige katholische Bischöfe! Einen Drehort für dieses Interview zu finden, war im abendlich überlaufenen Dubrovnik übrigens gar nicht so einfach. Doch dann erfährt ein Gastwirt den Hintergrund unserer Recherche und sagt spontan: „Wenn ihr was über die Bogumilen drehen wollt, da habe ich natürlich was für euch“, und lässt uns in sein Nebenzimmer.

Zadar 

10.8. - Vom Turm der Anastasiakirche inmitten der pittoresken Altstadt der dalmatinischen Hafenstadt Zadar schauen wir über das Meer und malen uns aus, wie die „Kreuzfahrer“ im Jahr 1202, aus Venedig kommend, diese Stadt, damals Zara geheißen, überfallen haben. Der 93-jährige Dandolo, Doge von Venedig, der den Kreuzzug finanzierte, hatte mit der reichen Kaufmannsstadt eine Rechnung offen, weil sie sich seiner Herrschaft entzogen hatte. So hetzte er die Kreuzfahrer, die eigentlich gegen die „Ungläubigen“ im „Heiligen Land“ kämpfen wollten,  mit ihren Galeeren und Seglern gegen eine christliche Stadt – so wie wenig später (1204) auch gegen das orthodoxe Byzanz. „Abtrünnige, Verräter, verlorene Seelen, bogumilische Ketzer“, so Dandolo, lebten in ihren Mauern, und es sei „gottgefällig, sie zu strafen.“

 Anastasiakirche, Zadar

Offiziell war die Stadt zwar katholisch. Aber die Bogumilen hatten damals in Dalmatien durchaus viele Anhänger. 20 Jahre zuvor hatte man sie durch Beschluss einer Synode in Split zwar aus den Küstenstädten vertrieben. Doch im Hinterland gab es noch viele von ihnen. 

Die Kreuzritter ließen – bis auf die Kirche – in Zara keinen Stein auf dem anderen, nicht ohne die Stadt zuvor vollständig auszuplündern. Den Winter über unternahmen die katholischen Gotteskrieger noch einige „Strafexpeditionen“ ins Hinterland. Angeblich soll es dem päpstlichen Gesandten Casamaris wenig später sogar gelungen sein, den bosnischen Herzog Kulin Ban, der die Bogumilen tatkräftig unterstützte, auf Geheiß des Papstes zum Abschwören und zur Rückkehr zum katholischen Glauben zu bringen. Prof. Jaliman äußerte jedoch die Ansicht, das Dokument sei nur ein Entwurf gewesen, auf dem die Unterschrift des Herzogs fehle. Möglicherweise wollte Rom durch die Vortäuschung dieser Unterwerfung das katholische Ungarn (zu dem Bosnien damals nominell gehörte) gegen die orthodoxe Reiche der Serben und Bulgaren (die ebenfalls darauf Anspruch erhoben) unterstützen. Doch auch wenn Kulin tatsächlich abgeschworen haben sollte, dann tat er es nur zum Schein. Wenig später war Bosnien wieder fest in bogumilischer Hand. 

Nin 

10.8. - Wir nützen den Aufenthalt in Zadar zu einem Abstecher ins nahe gelegene Städtchen Nin, laut Reisführer (Baedeker, Kroatische Adriaküste, S. 217) nichts weniger als „die Wiege der kroatischen Kultur“. Allein die Lage des Ortes ist bemerkenswert: Sie liegt einer kleinen Insel in einer geschützten Bucht, mit dem Festland nur durch eine Brücke verbunden. Am besten erfasst man die Landschaft von außerhalb des Ortes bei der kleinen Nikolauskirche (Sveti Nikola), die auf einem kleinen Hügel liegt. Von dieser winzigen Kirche aus sollen die neu gewählten kroatischen Könige des Mittelalters mit dem Schwert in alle  Himmelsrichtungen gedeutet haben. Das umgebende Land ist hier außergewöhnlich flach, von ruhigen Meeresarmen durchzogen.

 Sveti Nikola

Doch im Norden, wenige Kilometer entfernt, ragen die steilen Berge des Velebit-Massivs mit dem romantischen Paklenica-Nationalpark) 1500 Meter in die Höhe. Meer, Ebene, Berg – dieser Dreiklang schafft eigenartige Kontraste und lädt zum Innehalten ein, zur Konzentration. Es ist wie das Gefühl, in einer Mitte angekommen zu sein – in einer Mitte, die keinen Stillstand bedeutet, sondern zur Auseinandersetzung mit der Umgebung auffordert. Gedanken drängen sich auf: Wenn dies die „Mitte“ des kroatischen Volkes ist oder zumindest war – dann wäre der Weg nach Norden (durch die malerischen Schluchten und über die nebeligen Berge des Velebit) beschwerlicher als nach Süden, zum verfeindeten Brudervolk der Serben. Liegt dort auch heute noch eine historische Aufgabe: die Versöhnung zu erreichen? 

Doch der Velebit war kulturgeschichtlich gesehen keine wirkliche Schranke. Es ist, als ob hier schon im Mittelalter unterschiedliche Strömungen aufeinander getroffen sind. Im Baedeker ist dies nur angedeutet: Da ist von „fränkischen Missionaren“ die Rede, die im 9. Jahrhundert die Kroaten zum Christentum bekehrt hätten. Fränkische Missionare? Die Franken waren nicht gerade als besonders spirituelle oder religiöse Menschen bekannt. Vermutlich waren es in Wahrheit iroschottische Mönche, die, unter fränkischer  Oberherrschaft stehend, auf ihren Wanderungen hier den südlichsten Punkt erreichten. Doch diese Wanderprediger von der grünen Insel waren keineswegs stramme Katholiken, wie es die Kroaten heute in ihrer Mehrzahl sind. Sie brachten ihr eigenes, freies Christentum mit, das sich durch Naturverbundenheit auszeichnete, durch Gewaltlosigkeit  und durch die Beachtung des freien Willens. Erst durch den romhörigen Angelsachsen Bonifatius, ebenfalls im 9. Jahrhundert, wurden in ganz Mitteleuropa die Sendboten aus dem Nordwesten Europas unter die römische Knute gezwungen oder vertrieben. 

Auch die Kroaten waren keineswegs von Anfang an römische Katholiken. Phasenweise neigten sie in ihrer frühen Geschichte eher der byzantinischen Orthodoxie zu. Und im 10. Jahrhundert gab es eine starke Strömung unter ihnen, die den „slawischen Ritus“ mit der dazu gehörigen slawischen Schrift einführen wollte. Diese Bewegung geht zurück auf die „Slawenapostel“ Kyrill und Method, Griechen von Geburt, die im 9. Jahrhundert den Slawen ein Alphabet gaben. Das heutige kyrillische Alphabet ist, nebenbei bemerkt, nicht die ursprünglich von Kyrill entwickelte „Glagolica“, sondern eine spätere Weiterentwicklung. Tragischerweise gerieten die beiden Griechen zwischen die Mühlsteine der großen Religionspolitik zwischen dem Frankenreich, Rom und Byzanz, sodass ihre Mission, zumindest äußerlich, im Sande verlief. Dass sie sich zwischenzeitlich dem Papst unterstellten (Kyrill ist sogar in Rom begraben), sagt nichts über ihre Glaubensüberzeugungen aus, sondern hatte wohl eher taktische Gründe: Sie mussten sich für einen der „Mühlsteine“ entscheiden, um überhaupt eine Überlebenschance zu haben. Auch ihr Christentum war, ähnlich wie das der Iroschotten, eher auf die innere Eigenständigkeit des Gott suchenden Menschen gerichtet als auf die Unterordnung unter eine Machtinstitution mit starren Riten und Dogmen. 2)  

Der Leser mag sich nun fragen: Was hat das alles mit den Bogumilen zu tun? Doch nun nehmen wir die „heiße Spur“ geradewegs wieder auf: Die letzten Schüler von Kyrill und Method sammelten sich Ende des 9. Jahrhunderts in der Gegend des Ohridsees im heutigen West-Mazedonien (damals Bulgarien) – exakt dort, wo wenig später Bogumil sein Wirken begann. Auch die „Slawenapostel“ könnten also die bogumilische Bewegung mit vorbereitet haben. 

Und mitten in Nin finden wir ein Denkmal des Gregor von Nin (Grgur Ninski), eines Zeitgenossen des Bogumil aus dem 10. Jahrhundert. Gregor war kroatischer Bischof – und er setzte sich dafür ein, die slawische Volkssprache in den Gottesdienst einzuführen. Das bekam ihm nicht gut, wie wir gleich noch sehen werden. 

Grgur Ninski

Vorher besuchen wir noch die kleine Heilig-Kreuz-Kirche (Sveti Kriż) in der Nähe des Denkmals. Auch sie ist äußerst schlicht im romanischen Stil gehalten. In unserem vierköpfigen Reiseteam gibt es zwar niemand, der ein Kirchgänger ist – wir halten es diesbezüglich mit Paulus, wonach jeder Mensch selbst „ein Tempel des Heiligen Geistes“ ist (1 Kor 6,19). Wie die Bogumilen fühlen wir uns dem Urchristentum verbunden, sind überzeugte Vegetarier und glauben an die Reinkarnation. Doch solche bescheidenen, intimen Räume sind uns durchaus sympathisch. Hier ist jedenfalls kein Platz für großes Brimborium oder gar für eine martialische Symbiose von „Thron und Altar“. 

Irgendwie haben wir den Eindruck: Wir sind zwar losgefahren, um etwas über die Bogumilen zu erfahren. Doch nebenbei haben wir einiges entdeckt, was mit Sicherheit vielen Kroaten nicht bewusst ist und deren „katholische Identität“ gehörig ins Wanken bringen könnte. 

Split 

9.8. - Wer Original-Kunstwerke aus Nin sehen und auch sonst etwas über das alte Kroatien erfahren möchte, der sollte nach Split fahren. Die alte Römerstadt Spalatum ist bekanntlich, einzigartig in der Welt, in ihrem Kern aus dem römischen Kaiserpalast des Diokletian entstanden. Das selbstverständliche Nebeneinander und Ineinander von antiken Säulen und mittelalterlich-dalmatinischen Gebäuden erzeugt in der Altstadt eine faszinierende Atmosphäre. 

  Palast des Diokletian

 Am nördlichen Stadttor, dem Meer abgewandt, finden wir „unseren“ Gregor wieder: Grgur Ninski, diesmal überlebensgroß und sehr beeindruckend dargestellt. Der bekannte Bildhauer Ivan Mestrović hat das Standbild 1931 angefertigt. Ziemlich genau 1000 Jahre zuvor, nämlich 928, wurde Gregor in Split auf einer Synode kaltgestellt. Er wollte die slawische Sprache und Schrift (Glagolica) in der Kirche einführen – doch Papst Johannes X. lehnte dies kategorisch ab. Nin wurde als Diözese aufgelöst und Split unterstellt; Gregor wurde in das unbedeutende Skradin „strafversetzt“.

Grgur Ninski in Split

Damit waren die Weichen auf Katholizismus gestellt. Und rund 250 Jahre später, wir erwähnten es, wurde in Split beschlossen, die bogumilischen „Ketzer“ aus den dalmatinischen Küstenstädten zu vertreiben. 

Split scheint also bezüglich religiöser Kämpfe kein unbeschriebenes Blatt zu sein. Schon Kaiser Diokletian, der mit dieser Stadt in besonderer Verbindung stand, hatte im römischen Reich die Christen verfolgen lassen. Doch Split hat auch ein anderes Gesicht. Nach Eugen Roll 3) „entwickelte sich Split schon im 11.Jahrhundert zu einer freien Kommune“ nach dem Vorbild oberitalienischer freier Städte. Die Patarener (benannt nach einem Stadtteil Mailands) trotzten dem Kaiser ebenso wie dem Papst und wurden von beiden, so sehr diese gleichzeitig miteinander um die Macht rangen, erbittert bekriegt. 

So wiederholt sich die Geschichte: Kaiser und Papst bekämpften gemeinsam die katharischen „Ketzer“, so wie später Lutheraner und Katholiken trotz ihrer Glaubenskriege gemeinsam Täufer und „Hexen“ verbrannten. Und so wie Rom (z.B. mit Hilfe der Ungarn) und Byzanz (auch mit Hilfe der orthodoxen Serben) gleichermaßen die bogumilische „Häresie“ bekämpften und bekriegten. Eine „dritte Kraft“ hatte so auf Dauer keine Chance. 

Nach einem Streifzug durch die Altstadt steuern wir das Museum kroatischer archäologischer Denkmäler an (nicht zu verwechseln mit dem eher an der Antike orientierten Archäologischen Museum). Unser landeskundlicher Führer hatte rechtzeitig eine Drehgenehmigung für die „alten kroatischen Steine“ eingeholt – wohl wissend, dass es unklug gewesen wäre, nach „Bogumilensteinen“ zu fragen. Warum? Weil in Kroatien vielerorts (auch unter „Gelehrten“) die Meinung vorherrscht, es könne sich nur um kroatische Steine handeln. Andernfalls müsste man nämlich „zugeben“, dass man hier etwas vor sich hat, das weit häufiger noch in Bosnien zu finden ist, das heute von Muslimen bewohnt wird. Oder, noch schlimmer, dass hier eine „ketzerische“ Bewegung am Werk war, die sich zuvor im orthodoxen Serbien verbreitet hatte und die aus Mazedonien oder gar Bulgarien stammt! Aus dem Herzland des Balkan, von dem man sich doch unbedingt distanzieren will! 

Auf diese Weise (und wir werden sehen, dass die Kroaten damit nicht alleine stehen) wird die historische Erinnerung fragmentiert und im Grunde geleugnet. Mit dem tatsächlichen Hintergrund der bogumilischen Bewegung mag man sich gar nicht befassen – und kann es mit dieser Einstellung auch gar nicht. 

Wir hätten allerdings die Drehgenehmigung gar nicht gebraucht, zumindest nicht für die Bogumilensteine. Denn die entdecken wir, während wir das Ende der Mittagspause des Museums abwarten, im frei zugänglichen Garten vor dem Museum! Wir finden lebhafte Kolo-Tänzer, zwischen ihren Händen ein schlichtes Kreuz haltend. Oder wir betrachten auf einem kreuzförmigen Stein einen Hirsch, der nach oben strebt. Der Hirsch als Symbol für die innere Kraft des Christus, die den Menschen himmelwärts führt? 

Irgendwie – das werden auf dieser Reise noch des öfteren so empfinden – scheint es den Steinen jedoch kaum etwas auszumachen, so ungeschützt im Freien dazustehen. Sie sind hierher gebracht worden von wesentlich weniger geschützten Plätzen. Sie haben Jahrhunderte überstanden. Und sie sind schließlich für die freie Natur gestaltet worden, für das Spiel des Lichtes im Verlauf des Tages, für die nuancenreichen Schatten auf ihrer halb verwitterten Oberfläche. Immerhin sind sie fachmännisch gereinigt worden, sodass man auf sauberer weißer Steinfläche die eingemeißelten Bilder besser erfassen kann als auf den erdfarben abgedunkelten Steinen, die noch immer in einsamer Natur stehen. Wobei wiederum diese ursprünglichen Plätze meist ihre ganz eigene Atmosphäre besitzen. 

Ins Museum hinein gehen wir trotzdem – denn dort warten auf uns altkroatische Steinmetzarbeiten. Eine eigentümliche „Logik“ findet hier ihren symbolischen Ausdruck: Während im Garten, an der frischen Luft, die Bogumilensteine zeitlos-versonnen und halb vergessen dastehen, werden die Zeugnisse der kroatischen Nationalwerdung innerhalb der Mauern sorgsam behütet und raumgreifend vorgeführt. Doch werden sie deshalb auch besser verstanden? 

Was sagt uns z.B. das Original des Višeslav-Taufbeckens aus Nin, das wir hier finden? Es stammt aus dem 9. Jahrhundert und zeigt einen König, dargestellt mit Kreuz und Sonnenscheibe, neben einem außergewöhnlichen geistlichen Würdenträger. Außergewöhnlich deshalb, weil er, wie Eugen Roll 4) feststellt, „keine Insignien seiner Würde hat; zumindest müsste er bischöfliche Zeichen, Mitra und Krummstab haben.“ Roll ist der Ansicht, dass wir hier einen „Patarener“ vor uns haben, also einen „Verwandten“ der Bogumilen, deren geistige Führer ohne äußeren Prunk auftraten. Sie hatten das nicht nötig, weil sie eine  gleichsam natürliche, eine spirituelle Autorität ausstrahlten. Diese geistigen Führer waren, wie wir schon aus Dubrovnik wissen, bei der weltlichen Obrigkeit als Berater und Vermittler sehr gefragt. Auch im alten Kroatien? 

Etwas befremdlich ist der kleine Mensch, der unter dem König und dem „Patarener“, der gleichsam in der Luft schwebt, auf dem Bauch zu liegen scheint. Roll relativiert diese „Unterordnung“, indem er dies als Symbol einer dritten, einer horizontalen Sphäre deutet, die neben den vertikal „nach oben“ ausgerichteten Sphären „regnum“ und sacerdotium“ eine wichtige Rolle spielt: Als Sphäre des Rechts, der Brüderlichkeit zwischen den Menschen. 

  Flechtornamente

Oft sind es die Details, die dem Suchenden Hinweise geben. Das ausdrucksstarke Flechtmuster über der Königs-Szene mag vielen wie eine bloße Verzierung erscheinen. Doch Rudolf Kutzli hat in seinem Buch „Langobardische Kunst“ 5) darauf hingewiesen, dass diese altkroatische Flechtornamentik unübersehbare Übereinstimmungen mit der Kunst der Langobarden aufweist, wie sie insbesondere in Norditalien zu finden ist. Kutzli schloss daraus, dass die langobardischen Steinmetz-Meister ihre Kunst auch an kroatische Schüler weitergaben. 

Wieder so eine heikle Sache: Kaum ein Kroate, der etwas auf seine Nation hält, wird gerne zugeben, dass diese Kunst nicht in seinem Land erfunden wurde. Das „dunkle“ Mittelalter – was die grenzenlose Verbreitung von Gedanken und Fähigkeiten betrifft, war es um vieles freier und weniger komplexbeladen als die Gegenwart. 

Wichtig für unser Thema: Kutzli stellt die Kunst der Langobarden in einen größeren geistesgeschichtlichen Zusammenhang. Es bezeichnet sie als die Wegbereiter der oberitalienischen Städtebewegung und des Patarenertums. Sie folgten ursprünglich einer „ketzerischen“ Richtung des Christentums, dem Arianismus. Auch diese Glaubensrichtung betonte, im Gegensatz zur römisch-katholischen Unterordnung unter eine kirchliche Hierarchie, eher den freien Willen des Christenmenschen. 

So könnten wir auch die Langobarden mit einreihen in die Einflüsse, die von allem Himmelsrichtungen damals auf das bosnisch-dalmatinische Gebiet einwirkten oder ihre Spuren dort hinterlassen hatten. Und wir sollten sie im Auge behalten, wenn es um die knifflige Rätselfrage geht: Wie kam es, dass in Bosnien und Dalmatien wie aus dem Nichts eine solche Fülle merkwürdiger Steine entstehen konnte?

Weshalb gibt es solche Steine nur auf dem Balkan und nicht z.B. im Südfrankreich der Katharer? Auf diese Frage antworten Experten wie der erwähnte Prof. Jaliman: Weil die „Ketzerei“ sich eben nur hier dauerhaft als dominierende Religion etablieren konnte – und das über einen erstaunlich langen Zeitraum. Doch das erklärt noch nicht die Entstehung selbst. 

Rudolf Kutzli 6) weist darauf hin, dass die ersten der datierbaren Steine zeitlich mit der der bereits erwähnten Verfolgungswelle zusammenfallen, die um 1200 begann. Eugen Roll hingegen setzt einen etwas anderen Akzent, wenn er schreibt 7): „Das Jahr 1180 bedeutete eine entscheidende Wende für das Bogumilentum. Durch die Verschmelzung mit dem slawischen Volkstum wurde es ein kulturell schöpferischer Faktor.“ 

Es bleibt unklar, ob er damit das kroatische Slawentum meint, das von langobardischer Seite bereichert worden war. Hat die altkroatisch-langobardische Steinmetzkunst, deren Zeugnisse in ganz Dalmatien zu finden sind, zumindest eine Art Inspiration für die Bogumilensteine geliefert? Künstlerisch sind altkroatische und bogumilische Arbeiten durchaus unterschiedlich. Doch wir werden sehen, dass sie teilweise, brüderlich vereint, an ein und derselben Stelle auftreten. 

Auf eine andere Spur führt uns Lynda Harris in ihrem Buch „Hieronymus Bosch und die geheime Bilderwelt der Katharer“ 8): „.. möglicherweise wurde die erforderliche Herstellungstechnik erst im dreizehnten Jahrhundert von Fremden aus dem Languedoc mitgebracht, die vor der Inquisition geflohen waren.“ 

Wobei wieder offen bleibt: Hatten dies „Fremden“ die Idee für die Steine schon mitgebracht? Oder entwickelten sie die neue Kunstform erst im balkanischen Exil? In Südfrankreich ist jedenfalls nichts Vergleichbares zu finden. Oder wurde es von der Inquisition vernichtet? 

Vielleicht geht man ja auch in eine „Denk-Falle“, wenn man immer nach etwas sucht, was vorausging und aus dem das Nachfolgende „folgerichtig“ entstanden sein „muss“. Gibt es nicht auch, gerade in der Kunst, den schöpferischen Neubeginn, die originale und originelle Inspiration? 

Wir müssen diese spannenden Fragen hier offen lassen. Merkwürdig bleibt aber, dass sie kaum jemand zu stellen scheint. Während sich die Katharerbewegung heute einer regen Anteilnahme mit zahlreichen Buchveröffentlichungen und Dokumentarfilmen erfreuen kann, führen die Bogumilen in fast jeder Hinsicht noch immer ein merkwürdiges Schattendasein. 

Trogir

9.8. - Wir streifen durch die malerische Hafenstadt Trogir, auf einer Insel gelegen, voll staunender Touristen, und suchen eine altkroatische Flechtornamentik, die Kutzli am Eingang des Kirchleins Sv. Barbara gefunden hatte. 9) Wir finden sie außen über der Eingangstüre, wenige Schritte vom Touristen-Hauptstrom entfernt – und doch in kaum einem Reiseführer erwähnt, unbeachtet im Halbschatten einer Seitengasse. Sonnen, schlichte Kreuze, Vögel, alles von berührender Naivität und durch lebendige Flechtornamente miteinander verbunden. In der Natur steht alles mit allem in Verbindung – und der Mensch zerreißt diese Einheit nicht, sondern darf sich in sie hineinstellen. 

Unsere Gastgeberinnen, bei denen wir übernachtet haben, sind zwei junge Kroatinnen, deren Eltern noch auf einem kleinen Hof auf den Hügeln über der Stadt lebten. Die ältere Schwester will uns dort oben etwas zeigen, denn sie hat im Internet etwas gelesen über Steine, die sich auf einem Friedhof befinden sollen. Obwohl sie das Dorf aus der Kindheit kennt, ist ihr nie etwas aufgefallen. Erst auf der Heimfahrt wird uns klar, dass es sich bei diesem Dorf um Gornji Seget handelt, das auch Kutzli in seinem Bogumilenbuch erwähnte (S. 23).  

Nur wenige Kilometer von der Badeküste entfernt, die uns zu Füßen liegt, befinden wir uns in einer anderen Welt: ein völlig verlassenes Dorf, verfallende Häuser. Man sieht noch den Wasserlauf eines Baches, der nun völlig trocken ist; ein naher Steinbruch hat ihm den Garaus gemacht. Zum Greifen nah ist die beliebte Ferieninsel Ciovo zu sehen – laut Kutzli ein Verbannungsort für verfolgte Bogumilen. 

Stein in Gorni Seget

Und die Steine? Wir finden sie tatsächlich; allerdings muss man genauer hinsehen. Die weißen Bogumilensteine wurden der Einfachheit halber in die Friedhofsmauer mit eingebaut, einer sogar als Türpfosten für den Friedhofseingang verwendet. Sonne und Mond sind auf einem der Steine zu sehen, laut Kutzli ein "Gralszeichen": Der Mensch als Gefäß soll die Kraft der inneren Sonne in sich zum Leuchten bringen. Gemeint ist die Christuskraft, auf einem anderen Stein als einfaches Kreuz dargestellt.

Die Bogumilen haben also, ehe sie von dort vertrieben wurden, an der gesamten dalmatinischen Küste ihre Spuren hinterlassen. Am Tag zuvor haben wir – dank Baedeker 10) – sogar wenige Schritte von einem Strand entfernt die typischen Steine gefunden: in Tučepi an der Makarska Riviera. Man biegt von der Hauptstraße ab und hält vor einer kleinen Kirche – und in deren Schatten, unter alten Bäumen, sind sie leicht zu finden. Aber welcher Tourist verirrt sich schon hierher?

Meðugorje 

6.8. - Der Balkan lebt durch seine Kontraste. Die heitere und lebenslustige dalmatinische Küste erscheint plötzlich, kaum verlässt man sie, wie eine Fassade, hinter der sich ganz anderes verbirgt. In der Herzegowina, keine 50 Kilometer von der Küste entfernt, kommen wir am Wallfahrtsort Meðugorje nicht vorbei. Die Herzegowina, das alte Herzogsland, ist zwar offiziell ein Teil des künstlichen Staates Bosnien-Herzegowina, doch wird man hier vergeblich nach irgendwelchen staatlichen

Meðugorje

Symbolen oder gar Fahnen Ausschau halten; diese werden vielmehr demonstrativ missachtet, indem man an jeder Ecke die kroatische Schachbrettfahne in den Wind hängt. Die katholischen Herzegowiner protestieren damit gegen das ihnen auferlegte unfreiwillige Exil – und sind, wie außerhalb des erstrebten Mutterlandes Lebende häufig, die Hundertfünfzig-prozentigen. Und da gehört ein Marienwallfahrtsort einfach mit dazu. Dass hier einmal Menschen lebten, denen die Verehrung Marias als heidnische Anbetung einer „Muttergöttin“ (wo die Marienverehrung ja tatsächlich ihre Wurzeln hat) erschien, ist lange vergessen. Und falls doch noch etwas vom ketzerischen Geist über den Hügeln schweben sollte, kann man sich dann aus katholischer Sicht einen besseren Dauer-Exorzismus vorstellen als einen Marienwallfahrtsort? 

Široki Brjieg 

6.8. - Unser Reiseführer Moris hatte uns gewarnt: „Hier gibt es ein Franziskanerkloster!“ Dabei hatte alles so gut angefangen. Moris war kurz entschlossen in eine Kneipe knapp außerhalb des Stadtzentrums spaziert und hatte Bilder von Bogumilensteinen gezeigt, die unweit der Stadt in einer Nekropole namens Barevište zu finden sein müssten. Die Wegbeschreibung von Rudolf Kutzli hatte sich nach 30 Jahren als völlig überholt erwiesen. Einer der Zecher, um die 50, offenbar der Platzhirsch, sagte nach kurzem Nachdenken:  „Ja, ich kenne sie!“ Und schickte uns einen jüngeren Mann mit, der uns im Auto vorausfahren sollte. Da kann ja nichts mehr schief gehen. Doch plötzlich stoppt der ortskundige Scout, steigt aus und erklärt uns: Bedauerlicherweise sei ihm etwas dazwischengekommen. Es sei aber leicht zu finden: Da hochfahren, bis zu einem Lager für Baumaterialien, und nach Ivan (oder so ähnlich) fragen, der wisse dann schon Bescheid. 

Irgendwie merkwürdig. Offenbar hat der junge Mann einen Anruf bekommen, der den Plan änderte. Doch was bleibt uns übrig? Wir steuern den Bauhandel an und finden auch gleich zwei verschwitzte Arbeiter, die uns mit freundlichem Grinsen empfangen. Der Lehrling, etwa 14 Jahre alt, werde uns die Steine schon zeigen. Doch der führt uns nur wenige Meter abseits der Straße zu einem Stein ohne Bild. Den haben wir nicht gesucht. Ob wir selber suchen dürfen? Ja, bitte!  

Doch das Gelände erweist sich als fast undurchdringlich. Ein junges Wäldchen, dicht mit Gebüsch und jungen Bäumen bewachsen, ohne Wege. Irgendwo regt sich ein Hund auf, der irgend etwas bewachen soll. Wir stoßen auf einen Friedhof, den Kutzli tatsächlich erwähnt hat, es kann nicht weit sein. Doch um das Gebiet systematisch zu durchkämmen, bräuchten wir Stunden. Der Zeitplan ist eng. Wir ziehen ab. 

Die Szene hat Symbolcharakter. Die Herzegowina ist äußerst katholisch; die Franziskaner im nahen Kloster haben das Städtchen offenbar im Griff. Und nicht nur dieses. Im „katholischen Kroatien“, das zwischen 1941 und 1943 als faschistischer Staat von Hitlers Gnaden existierte, spielte der Franziskanerorden eine ebenso maßgebliche wie unheilvolle Rolle. Franziskanerklöster wurden zu Waffenlagern der „Ustascha“, und Franziskanermönche beteiligten sich aktiv an den Massakern, die die Faschisten damals unter der serbisch-orthodoxen Minderheit anrichteten – mit mehreren Hunderttausend Toten. Der Franziskaner Miroslav Filipović war sogar zeitweise Leiter des berüchtigten Konzentrationslagers Jasenovac. 11) 

Ob der Platzhirsch, der uns erst so jovial begrüßte und seine Hilfe anbot, vorsichtshalber bei den geistlichen Herren angerufen hat? Und der Bauhändler: Begrüßt uns freundlich, doch lässt uns auflaufen. Auf dem Balkan, wo jahrhundertelang fremde Herrscher regierten, wird man nicht barsch weggeschickt. Damit würde man sich eine Blöße geben, die zu Reaktionen der Obrigkeit Anlass geben könnte. Man macht sich vielmehr einen Spaß daraus, die Fremden mit gespielter Gastfreundschaft buchstäblich in den Dschungel zu schicken. 

Und Bogumilensteine sind in der katholischen Herzegowina nun mal ein Tabuthema: ketzerisch, bosnisch, also muslimisch. Da bekreuzigt sich ein guter Katholik mindestens dreimal und geht seiner Wege. 

Mostar 

6.8. - Wir erreichen Mostar, die „Brückenstadt“, um die Mittagszeit. Ihre Lage in einem Talkessel, eingezwängt zwischen zerklüfteten Bergen, ist beeindruckend. Leider war sie gerade in der jüngsten Vergangenheit (1991-95) keine Stadt der Brückenbauer, sondern zeitweise Schauplatz blutiger Kämpfe zwischen den eigentlich verbündeten Kroaten und Muslimen. Die Neretva, die der heißesten Stadt Bosniens im Hochsommer nicht nur angenehme Kühle bringt, sondern in ihrer grünen Wildheit auch ein erstaunliches Gebirgsbach-Flair in die malerische Altstadt zaubert, dient nicht erst seit dieser Zeit her als Grenze zwischen katholischen Kroaten und muslimischen Bosniaken. Doch die Neretva ist gnädig. Sie hat als einziger Fluss der Region ihr Bett durch das Dinarische Gebirge hindurchgebohrt und im Süden die Küste erreicht. Durch die romantische Neretvaschlucht kommen nun die Tagestouristen zuhauf herangefahren, um die alte osmanische Brücke zu bewundern – die mit ihrem eleganten Schwung in Wirklichkeit gerade erst wieder aufgebaut wurde, nachdem kroatische Fanatiker sie während des Krieges in Stücke geschossen hatten. 

Und von den Touristen will jeder profitieren; da steht die Religion vorübergehend an zweiter Stelle. Die bosniakische Altstadt links der Neretva erinnert mit ihren engen Gassen an einen großen Basar und hat einen gewissen Standortvorteil. Doch der Touristenstrom fließt ganz selbstverständlich über die Brücke auf die herzegowinische Seite hinüber – und trifft drüben auf die gleichen Andenkenläden und Pizzaschnellrestaurants wie hüben. Und im Niemandsland, auf der Brücke selbst, stehen die berühmten Brückenspringer – junge Männer, die sich vor jedem Sprung in den wilden Fluss zieren und sich bitten lassen wie junge Mädchen vor dem ersten Rendezvous. Nicht aus Angst vor dem Sprung, o nein: um den Preis in die Höhe zu treiben und jemand aus der Menge dingfest zu machen, der das Schau-Vergnügen auch bezahlt. 

Ein gewisses Unbehagen bleibt auf der Brücke: Es ist keine echte Idylle, sondern es gilt eine Art Waffenstillstand, um Geld zu verdienen. Hinter uns die Moscheen mit ihren Halbmonden – vor uns die Kirchen mit ihren Kreuzen (deren Türme natürlich höher als die der Moscheen sein müssen, Ehrensache!). In der Nähe der Brücke steht ein Gedenkstein, der an die Zerstörung und den Wiederaufbau erinnert – in drei Sprachen: Bosnisch, Kroatisch und Serbisch. Man kann sich unschwer davon überzeugen, dass diese drei „Sprachen“ nur geringfügige Unterschiede aufweisen – aber die Trennung muss zelebriert werden. Und auf dem Berg über der Stadt haben die Katholiken als Provokation ein riesiges Kreuz aufgestellt, um zu zeigen: Wir sind hier in der Überzahl. Bis heute führen die Bevölkerungsgruppen ihr Leben links und rechts des Flusses in getrennten Bahnen. 

Hier würde man sie brauchen, die Bogumilen, die auf ihren Steinen oft als Versöhner dargestellt werden, die zwei wilde Reiter einander näher bringen. Und tatsächlich: Auch in dieser umkämpften Stadt der wilden Abgründe erinnert etwas an sie – allerdings auf eine etwas skurrile Art. Wir hatten kaum zu hoffen gewagt, auf Anhieb das Kulturhaus zu finden, das Kutzli erwähnt hat 12), das Kulturhaus mit der Bogumilen-Fassade. Doch wir haben Glück: Unser Kameramann unterbricht die Suche nach einem Parkplatz mit dem Ruf: „Das sieht doch nach Bogumilen aus!“ Wir parken direkt davor – doch die Szenerie ist gespenstisch. In der Titozeit hat ein Künstler die Fassade des damals modernen Gebäudes über und über mit Motiven von Bogumilensteinen verziert. Doch es steht wirklich nur noch die Fassade: Das Gebäude wurde von den Kroaten in Brand geschossen und ist innen eine kahle, rußgeschwärzte Ruine, die auf den Abbruch wartet. Irgendwie ist den Verzierungen anzumerken, dass der Künstler den Sinn der Steine noch weniger verstand als wir es heute tun. Die Bogumilen wurden als Teil des folkloristischen Erbes betrachtet, das man verwenden konnte, um der Teilrepublik Bosnien eine Identität zu geben: in der Tat so etwas wie eine Fassade, deren Inhalt im Dunkeln liegt. Und doch berührt es uns, dass beim Beschuss eines so großen Gebäudes ausgerechnet etwas überdauert hat, das womöglich eine zeitlose Botschaft an die kriegerische Gegenwart hätte. Doch wer nimmt diese Botschaft wahr? 

 Bosnische (französische?) Lilien

Die Altstadt ist zwar wieder hergerichtet, doch wenige Straßen weiter sind noch Kriegszerstörungen zu sehen. Auf dem Rückweg von der Altstadt zu unserem Parkplatz fallen uns die vielen Lilien auf: Symbole der muslimischen Bevölkerungsgruppe. In der Flagge der Bosniakisch-kroatischen Föderation (die zusammen mit der Serbischen Republik das Staatsgebilde Bosnien-Herzegowina bildet) steht die goldene Lilie auf grünem Grund neben dem weiß-roten kroatischen Schachbrettmuster. Wir haben schon eine Ahnung, woher die Lilie stammen könnte – in Sarajevo werden wir Klarheit erhalten. 

Udora 

5.8. - Wer die Küste verlässt, ist abseits der wenigen Hauptstraßen rasch einsam. Eine leidlich gut geteerte, aber enge kleine Straße windet sich von der Küstenstadt Neum aus ins herzegowinische Hinterland. 

Neum

In Neum hatten wir Quartier bezogen, sind aber erst spät nachts dort angekommen. Es erwartete uns ein riesiges Hotel aus unverkennbar sozialistischen Tagen, dessen Einfahrt wir zunächst kaum finden konnten – wir landeten in der Tiefgarage. Neum ist die einzige Küstenstadt Bosnien-Herzegowinas – und seit Tito voll gestopft mit Hotels und Ferienhäusern, die die nur 5,6 Kilometer lange Küste des neuen Kleinstaates förmlich belagern. Beim Einschlafen begleitete uns die musikalische Ausgestaltung einer bosnischen Hochzeit. 

Wir sind froh, den riesigen Frühstücksraum und den wenig gastlichen Ferienort wieder hinter uns lassen zu können. Die kleine Straße führt durch karges Buschland. Links und rechts stehen Schilder, die mehrsprachig vor Minen warnen. Hier, nahe der Küste, haben also Kämpfe stattgefunden. Eine wahrlich absurde, verrückte Idee: um diese karge Landschaft einen Krieg zu führen!

Unser Ziel heißt Udora. Es stellt sich als ein winziger Weiler mit knapp drei Häusern heraus, immer noch eingebettet in die mittelmeerisch-karge Hügellandschaft. In der Nähe dieses Weilers soll es große bogumilische Kreuze geben. Und wir haben Glück: Der Weiler ist bewohnt – von einem alten Mann und zwei ebenso betagten Frauen. Sie stehen, sichtlich erfreut über die Abwechslung, vor dem Haus. Wir zeigen dem Mann des Hauses die Fotografien. Und er fängt sofort an zu erzählen, so als wäre es gestern erst passiert: „Ja, vor 25 Jahren, da kam schon einmal ein Deutscher vorbei, mit einem roten Mercedes, der hat auch nach den Kreuzen gefragt. Sie sind hier ganz in der Nähe.“ Wir schließen daraus, dass wir einem unserer Buchautoren, die wir im Gepäck führen, dicht auf den Fersen sein müssen. Ob es wieder 25 Jahre sein werden, bis der nächste Ausländer dort herumfährt? 

Wir biegen in den Feldweg ein, den der Alte uns gewiesen hat, verfehlen zunächst die richtige Abbiegung – und landen an einem Gehöft, das sich durch entsprechende Aufschriften („Ustascha“ und dergleichen) als dem rechten Rand des Parteienspektrums zugehörig ausweist. Die beiden jungen Männer, die dort gerade etwas aufladen, sind aber sehr freundlich und schicken uns zurück auf den rechten, Pardon, auf den richtigen Weg. 

Der Weg wird immer schlechter; es geht bergauf. Wir entschließen uns, das Fahrzeug stehen zu lassen. Kameramann und Regisseur, noch jünger an Jahren, springen voraus und sichten tatsächlich, etwas abseits vom Weg, ein großes Steinkreuz. 



Kreuze oberhalb von Udora

Nein, es sind sogar zwei – so wie Kutzli es beschrieb. Der Ort hat etwas Magisches: Die weite, menschenleere Hochfläche mit niedrigem Bewuchs, und unter unseren Füßen eine merkwürdige Ansammlung schwarzer und grauer Schottersteine. Das können unmöglich Menschen hierher gebracht haben, das muss eine Art Geotop sein, eine geologische Erscheinung, wie es sie auch in deutschen Mittelgebirgen des öfteren gibt. 

Auf einem der Kreuze sind Sonne und Mond gleichermaßen zu sehen – möglicherweise ein Symbol für die Sonnenkraft des Christus, die der Mensch, gleich einem Mond, widerspiegeln soll. Ein Kreuz mit einem Halbmond darauf ist aber in dieser Gegend, in der sich Kreuz und Halbmond seit Jahrhunderten feindlich gegenüberstehen, auch eine uralte Aufforderung zur Versöhnung. 

Radimlje 

5.8. - Kurz nach Udora machen wir an einem kleinen Lebensmittelladen an der Straße halt. Fast alle Waren, stellen wir fest, sind importiert, zum großen Teil aus Italien. Ein Zeichen, dass das zerrissene Land noch immer nicht über eine ausreichende eigene Infrastruktur verfügt. Liegt es an den vielen Minenfeldern, die noch nicht geräumt sind, dass so wenig eigene Lebensmittel angeboten werden? 

Radimlje - Bosniens größtes Bogumilen-Steinfeld

Wir durchqueren die Kleinstadt Stolać und fahren auf einer größeren Straße Richtung Westen. Und nach wenigen Kilometern sind wir da: Links von uns, direkt neben der Straße, ein Feld mit weißen Steinen. Bogumilensteine, unverkennbar. Und so viele! Radimlje ist das größte Steinfeld dieser Art – und das mit Abstand am leichtesten zugängliche. Wir biegen in einen kleinen Parkplatz ein. Der zugehörige Kiosk ist eine Ruine, das wenige Schritte entfernte Flusstal dient als Müllabladeplatz. Auch hier – wie überall außerhalb der Museen – keinerlei Aufsicht, keinerlei Betreuung, auch kaum Informationstafeln. Das Land hat andere Sorgen; die Bogumilen scheinen trotz ihrer – zumindest in diesem Fall – augenfälligen Präsenz ein vergessenes Kapitel, aus der Zeit gefallen.  

Die Lage direkt an der Straße ist aber keine Erfindung der Bogumilen gewesen, sondern, Ironie der Geschichte, der Habsburger. Als Österreich-Ungarn – ab 1878 – die Verwaltung Bosniens übertragen bekam, baute es Straßen. Und in diesem Fall ohne Rücksicht auf Verluste. Die direkte Trasse wurde gewählt, auch wenn sie mitten durch das Steinfeld führte – das die vermutlich katholischen Ingenieure möglicherweise im Unterbewusstsein ohnehin als „heidnische Überbleibsel“ verachteten. Im Weg liegende Steine wurden kurzerhand zerstört oder zur Seite gerückt. Bei den Filmaufnahmen machen uns die ständigen Autogeräusche zu schaffen. Doch das wäre noch zu verkraften: Die gesamte landschaftliche Atmosphäre des Platzes, die bei bogumilischen Steinfeldern immer mit großen Bedacht ausgewählt wurde, kann man allenfalls noch erahnen. 

Doch die Steine scheint das nicht zu stören. Sie scheinen ein zeitloses Eigenleben zu führen. Sie waren lange vor Habsburgern und Automobilen da – und besitzen noch immer eine faszinierende Ausstrahlung. 

Sie liegen da wie aus der Zeit gefallen ...

Wir nehmen uns trotz unseres engen Zeitplans einige Stunden Zeit und wandern zwischen den Steinen umher, immer wieder Neues entdeckend. Da sind zum Beispiel größere Figuren zu sehen, gekleidet wie Ritter, und daneben kleinere. Sind das, wie Eugen Roll vermutet, „Župane“, also Ritter, die ihnen anvertraute Bogumilen beschützen?

Oder sind es „Eingeweihte“ mit ihren Schülern, wie Rudolf Kutzli behauptet? Die Steine schweigen dazu – und die Literatur, die es uns verraten könnte, wurde von der Inquisition weitgehend vernichtet. 

Hier kann man erahnen, weshalb die Bogumilen solche Felder anlegten. Man kann es indirekt erschließen aus einem Schriftstück, das der bosnische Statthalter Kulin Ban im Jahre 1203 (angeblich?) unterschreiben musste, um seine – scheinbare – Abkehr vom bogumilischen Glauben zu beteuern: „Neben den Gotteshäusern werden wir Friedhöfe haben, wo unsere Brüder und die Fremden, die zufällig dort sterben, beigesetzt werden.“ 13) Man kann daraus schließen, dass ein normaler Friedhof schon damals für die Bogumilen nicht das Übliche war. Sie brauchten auch keine Kirchen aus Stein, denn für sie war jeder Mensch ein Tempel des Heiligen Geistes. Man kann sich gut vorstellen, dass sie auf solchen Steinen auch ein gemeinsames Liebemahl feierten und das Brot brachen, ähnlich wie es auch die ersten Christen taten, die noch keine rituelle Messfeier kannten.  

Der bosnische Schriftsteller Dżemaludin Alić schreibt in seinem Roman „Der Patarener“: „Es war nach dem bosnischen Evangelium verboten, große Kirchen und Bethäuser zu bauen, sie galten als Zeichen der irdischen, dinglichen Welt und als Dienst am Herrscher der Dinge, dem Satan. Nur Grabsteine, Stecci, aus Marmor, wurden deswegen mit Symbolen des Weltalls – Sonne, Monde, Sterne – bedeckt, mit Rosetten, Blumen und Ritterszenen. Man tanzte im Bosnien der Patarener Reigen auf den Gräbern, auch eine Szene, die auf den Stelen dargestellt ist. Denn der war glücklich, der die dingliche Welt des Teufels verließ und in das gute und ewige Weltall des Schöpfers einging.“ 14) 

Was für ein Verhältnis hatten die Bogumilen zum Tod? Mit Sicherheit ein anderes als wir heutigen Menschen. Die materielle Welt war für sie kein irdisches Paradies, sondern eine Folge des Abfalls von Gott. Der menschliche Leib war das äußere Gefängnis ihrer unsterblichen Seele. Hinzu kamen die ständigen äußeren Verfolgungen. Der Tod war für sie das Hinübergehen in eine bessere Welt – zumal dann, wenn sie entsprechend ihrer inneren Bestimmung gelebt hatten. Im Johannesevangelium, das die Bogumilen als einziges der vier Evangelien anerkannten, findet sich der Satz: „Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ Und viele dieser Steine sehen ja aus wie Häuser. Könnte es nicht sein, dass die Bogumilen hierher kamen, weil sie ihre Sehnsucht auf das himmlische Jerusalem richteten? 

Sarajevo 

6.8. - Erst bei einbrechender Dunkelheit kommen wir in Sarajevo an. Unser Reisemarschall hat ein kleineres, aber modern hergerichtetes Hotel gebucht. Doch schon bei der Anfahrt fällt uns auf, dass die Stadt zu einem Großteil noch kaum renoviert ist und noch immer unter den Kriegsfolgen leidet. 

Beim Kofferauspacken dann ein kleiner „Kulturschock“: Durch das geöffnete Fenster im Obergeschoß dringen von mehreren Seiten die Rufe der Muezzine in das Zimmer. Für Mitteleuropäer zunächst ungewohnt – aber Muslime werden wohl Ähnliches fühlen, wenn sie zum ersten Mal Glockengeläut vernehmen. Doch es wird sofort klar: Die Hauptstadt Bosniens ist kulturell gesehen zu einer Hochburg des Islam in Europa geworden. 

7.8. - Am nächsten Tag durchwandern wir die Altstadt, Bašćaršija genannt. Schon auf den ersten Blick merken wir, dass wir es nicht mit einer Altstadt im mitteleuropäischen Sinne zu tun haben. Die Häuser sind eher niedrig, aber meist schön hergerichtet, fast alle beherbergen Läden. Man könnte sagen, die Altstadt sei ein einziger Basar, gäbe es dazwischen nicht die großen Moscheen. In eine davon lässt man uns anstandslos hinein; sie ist prächtig geschmückt. Man spürt förmlich den Stolz der Bosniaken auf diese architektonischen Perlen, hin und wieder vielleicht mit dem Unterton: Seht her, was für eine herrliche Kultur die Osmanen hierher gebracht haben! 

Die Bosnier haben es nicht leicht. Bereits nach Ende der Osmanenherrschaft, also schon Ende des 19. Jahrhunderts, saßen sie zwischen den Stühlen, genauer gesagt: zwischen den kämpferischen Völkern der Serben und Kroaten, und hatten als Identitäts-Ausweis außer dem Islam nur die osmanische Vergangenheit samt einer – zumindest was die Oberschicht betraf – gewissen abgeklärten Weltklugheit bei der Hand.

Leider treffen wir einen herausragenden Vertreter dieser kosmopolitischen Weltklugheit nicht an: Professor Adilbeg Sulfikarpażić, weit über 90 Jahre alt und unter anderem Leiter des Bosnischen Instituts, das über eine eigene Bogumilen-Abteilung verfügt, weilt gerade in England, was ihm sein Arzt wegen der bosnischen Hitze angeraten hat. Statt dessen empfängt uns ein Verwandter von ihm, Ahmed mit Namen, mit ausgesuchter Höflichkeit. Irgendwie geht mir der Gedanke nicht aus dem Sinn: Der Statthalter des osmanischen Sultans (Adilbeg führt tatsächlich den „Beg“ im Namen!) ist zwar abwesend, doch es empfängt uns in allen Ehren sein Stellvertreter. Wir müssen natürlich zuerst das mit Europageldern wieder hergerichtete türkische Bad besichtigen, das heute Veranstaltungsräume beherbergt. Dass es während des Krieges, als Sarajevo belagert war und ständig beschossen wurde, nicht vollkommen zerstört wurde, ist nur dem Umstand zu verdanken, dass gleich gegenüber eine Kirche steht ...

Irgendwie ist Ahmed bei aller Höflichkeit etwas reserviert – sei es aus angeborener (oder anerzogener) Bescheidenheit, sei es, dass er von Natur aus misstrauisch wird, wenn Christen sich für „seine“ Bogumilen interessieren. Die sind ja nicht umsonst Muslime geworden! Oder hat er gar einen Hinweis von deutschen Freunden bekommen, dass hier „Ketzer“ im Anmarsch sind? 

Aber das sind reine Vermutungen. Unser Gastgeber lässt sich jedenfalls kaum etwas anmerken, antwortet geduldig auf Fragen, möchte aber kein offizielles Interview geben. Er zeigt die Kopie einer päpstlichen Bulle, der zu entnehmen ist, dass jedermann mit den bogumilischen Ketzern verfahren könne, wie er wolle. Und er klärt uns darüber auf, dass das Symbol Bosniens, die Lilie, tatsächlich im Mittelalter mit den Katharern aus Südfrankreich hierher kam. Auf die Frage, was denn von den Bogumilen geblieben sei, erwähnt er die jährlichen Erntedankfeste auf den Dörfern, die ein Gemeinschaftserlebnis seien und bei denen niemand nach seiner Religion oder Herkunft gefragt werde. 

Wir wandern weiter durch die Altstadt und kommen auf einen größeren Platz, eine Art kleinen Park, in dem uns sofort eines auffällt: eine riesige Schachspielfläche. Und das Faszinierende: Etwa hundert Männer (ja, soweit ich mich erinnere, nur Männer) stehen in einem großen Kreis um das Schachspiel herum. Und zwei spielen gerade, begleitet von mehr oder weniger fachkundigen Kommentaren der Umstehenden.  

Unwillkürlich muss ich denken: Wäre das in Deutschland denkbar? Mitten in der Stadt? Bei uns hat jeder immer etwas zu tun, oder er tut zumindest so. Doch es ist nicht nur das Zeit-Haben, das mir als Mitteleuropäer hier auffällt. Es ist auch eine Atmosphäre der Verbundenheit, die hier zum Ausdruck kommt und die mich anrührt: Männer, die sich sicherlich nicht alle kennen, nehmen innerlich Anteil, sie gehören in ihrer Zufälligkeit zusammen, bilden ein merkwürdiges Einvernehmen, das ihnen selbst als Teil ihrer eigenen Kultur sicher gar nicht auffällt. Beginnt in Sarajevo der Orient – auch mit seinen positiven Seiten? 

Auf jeden Fall ist Sarajevo ein „heißer“ historischer Ort. Wir besuchen die Brücke, an der der erste Weltkrieg begann. Heute muss man die Stelle erst suchen, an der 1914 Gavrilo Princip Kronprinz Ferdinand erschoss. In jugoslawischer Zeit galt der junge serbische Fanatiker noch als Volksheld – doch die Bosniaken können mit einem Verfechter Großserbiens verständlicherweise nur wenig anfangen. 

Wir verlassen die Altstadt und fahren auf einer großen Ausfallstraße wenige hundert Meter weiter. Denn hier steht das bosnische Landesmuseum. Der unaufhörliche Strom der Fahrzeuge vermittelt noch immer den Eindruck einer großen Stadt Jugoslawiens, die mit Belgrad und Zagreb ohne Grenzen in Verbindung steht. Doch die Stadt ist wirtschaftlich auf Provinzgröße zurückgeworfen – und leidet sichtbar darunter. 

Stein des Kulin Ban

Im Vorgarten des Museums, fast unmittelbar an der Straße, stehen auch hier wieder zahlreiche Bogumilensteine, die sich in ihrer Zeitlosigkeit durch den Verkehr nicht beeindrucken lassen. Wir gehen mit der Kamera auf Entdeckungsreise – und setzen diese anschließend im bezaubernden Innenhof des Museums fort. Hier stehen noch faszinierendere Objekte. Etwa der große Stein, der dem Kulin Ban zugeschrieben wird, dem bosnischen Herrscher, der dazu gezwungen worden sein soll, dem Bogumilismus abzuschwören, und der ihn doch Zeit seines Lebens tatkräftig unterstütze. Oder ein Stein, der im Bild einen merkwürdigen spiralförmigen Trichter aufweist, ähnlich dem, der in Hieronymus Boschs Bild vom Paradies den Weg in den Himmel anzeigt. Linda Harris 15) hat auf diese frappierende Übereinstimmung hingewiesen – und die These aufgestellt, dass Bosch ein geheimer Katharer war – und dass Bogumilen und Katharer, wie bereits eingangs erwähnt, ein und dieselbe Religion darstellen. Wir sehen auch Hunde, die einen Hirsch angreifen – laut Harris ein Symbol für die Dominikaner, deren Spitzname (ein Wortspiel) „domini canes“ – Hunde des Herrn lautete. Solche Hunde, die einen einsamen Wanderer bedrohen, finden sich ebenfalls auf den Bildern des flämischen Malergenies. 

Hund greift Hirsch an: Symbol für die Inquisition?

Doch wir reißen uns von den Steinen los, denn wir bekommen Besuch. Es ist Professor Mohamed Filipović, ein hochbetagter, aber hellwacher Mann – und einer der bekanntesten Philosophen und Schriftsteller Bosniens. Wir führen das Interview mit ihm mitten im Museum, umgeben von antiken Statuen und Gedenksteinen, die von der römischen Vergangenheit der „Provinz Illyrien“ zeugen. Filipović denkt in europäischen Dimensionen – und hebt dabei den Beitrag hervor, den Bosnien dazu leisten kann: die gelebte Toleranz, den gegenseitigen Respekt unterschiedlicher Kulturen und Religionen. Diesen positiven Charakterzug bringt er durchaus mit dem Bogumilentum in Verbindung, das untergründig das Land geprägt habe. Er erzählt dazu eine aufschlussreiche Anekdote aus seinem Leben: Als Junge war er Zeuge, wie ein gefangener deutscher General von Partisanen in das Haus seiner Tante geführt wurde, weil die Partisanen Hunger hatten. Die Tante tadelte daraufhin die Partisanen, weil sie dem Deutschen nichts zu essen gaben. „Aber er ist doch ein Deutscher!“, erhielt sie zur Antwort. Damit gab sie sich aber nicht zufrieden: „Er soll zu essen bekommen, denn er ist auch ein Kind einer Mutter, er ist ein Mensch!“ Als man dem General das übersetzte, weinte er. 

8.8. - Unser Hotel steht auf einem der zahlreichen Hügel, die die Altstadt umrahmen. Deshalb nutzen wir den Tag der Abreise, um einfach ein wenig höher hinaufzufahren. Und tatsächlich: Wir stoßen ohne langes Suchen auf ein kleines Monument, das an die Kämpfe während der Belagerung (1992-96) erinnert. Wir stehen über einer Stadt, die sich eng in einen Talkessel drängt und können uns lebhaft ausmalen, welchen Terror und welche Verwüstung der Beschuss von den umgebenden Hügeln verursacht haben muss. 

Konjić 

6.8. - Es sollte nur ein Abstecher sein und ein kurzer Halt. Doch es entwickelte sich daraus eine spannende Geschichte. Der Reihe nach: Für Konjić (die „Pferdestadt“), kurz vor Sarajevo, hatte Rudolf Kutzli einige Bogumilensteine angekündigt, gleich neben der Moschee, und ein Bosnien-Reiseführer 16) hatte überraschenderweise in den Bergen nahe bei der Stadt, im Dorf Bijela („die weiße“), eine „Bogumilenhochburg“ und eine „Lehrstätte zur Verbreitung ihres Glaubens" angegeben.
Das war doch einen Abstecher wert! Wir ließen das Städtchen Konjić gleich links liegen (wer weiß, wann es dunkel wird?) und fuhren ein enges Sträßchen hoch. Das Bergland im Inneren Bosniens ist im Gegensatz zu den Bergen der Küste auch im Sommer saftig grün und üppig mit Laubbäumen bewachsen. Wegweiser Fehlanzeige – wir mussten fragen. Und gleich das erste, einsam gelegene Haus erwies sich als „Volltreffer“. Nachdem er den Weg erklärt hat, macht der Mann noch eine Bemerkung: Hier in der Gegend habe doch der „letzte Bogumile“ gelebt, Lazo Drjljażać mit Namen. Ein außergewöhnlicher Mann, den er noch gekannt habe. 

Wir fahren weiter, finden aber nichts. Wir steigen aus, laufen herum. Als wir schon wieder einsteigen wollen, kommen uns drei ältere Personen entgegen, zwei Männer und eine Frau. Es sind Serben, ungewöhnlich in dieser Gegend, aber sie leben auch nicht mehr hier, sondern in Australien. Und das kleine Wunder geschieht: Einer der Männer ist der Besitzer des Grundstücks, auf dem die Bogumilensteine stehen! Er führt uns sogleich dorthin – doch wir sehen nichts. Völlig zugewachsen! Der Mann war seit den Kriegsereignissen nicht mehr hier, ist gerade heute Nachmittag hierher zurückgekehrt – und trifft auf uns! 

Und natürlich: Ja, an den „letzten Bogumilen“ können sie sich auch erinnern. Ein asketischer Mensch, der in der Natur lebte, an einem See in der Nähe ein Einsiedler-Leben führte, sich gut mit Kräutern auskannte. In den 80-er Jahren ist er wohl gestorben. Er war ein Maler. Die drei Serben schwärmen förmlich von ihm. Auf die Frage, welche Konfession er hatte, sagt die Frau nach kurzer Denkpause: „Er war ein Christ!“

Wir fahren wieder hinunter ins Tal, suchen die Moschee. Doch die ist zerstört. Wir finden nach kurzer Erkundigung die Steine wohlaufgestellt im Zentrum des Ortes. Es ist das einzige Mal während unserer Reise, dass wir – außerhalb von Museen oder Friedhöfen – Bogumilensteine vorfinden, die sichtlich mit großer Wertschätzung platziert wurden, säuberlich geputzt und auf einem kleinen Rasenstück mit Bedacht neu angeordnet. Und während wir noch die Steine studieren und filmen, werden wir sogleich angesprochen, aber keineswegs misstrauisch, sondern sehr freundlich, so als ob man viele Jahre auf uns gewartet hätte: Wer seid ihr? Was sucht ihr? Können wir helfen? Unser Übersetzer wird sogleich von einem der Dorfälteren zu einem Kaffee eingeladen, ein jüngerer Mann unterhält sich währenddessen mit dem Rest der Truppe auf Englisch – und lädt uns sogar zu sich nach Hause ein, wo er uns Fotos vom „letzten Bogumilen“ zeigt – leider nur von hinten aufgenommen! 

Natürlich ist es mit Vorsicht zu genießen, wenn ein Einsiedler als „Bogumile“ bezeichnet wird. Die Bogumilen waren, nach allem, was man über sie weiß, Gemeinschaftsmenschen und keine Eremiten. Aber das spielt keine Rolle: Faszinierend und verblüffend ist der Stellenwert, und zwar offenbar quer durch die sonst so zerstrittenen Konfessionen, die der Bogumilismus an der Stelle seiner einstigen „Hochburg“ noch immer genießt. 

Počitelj

8.8. - Wer die Neretva hinauf- oder hinunterfährt, zwischen Mostar und der Küste, der sollte hier unbedingt anhalten. Poćitelj, die alte Zitadellenstadt, war lange Zeit der letzte Vorposten, den die kroatisch-ungarischen Könige gegen die Türken halten konnten. Später drangen die Venezianer zeitweise bis hierher vor, ehe die Türken die strategisch wichtige Stadt zurückerobern konnten. 

Heute liegt das Städtchen mit seinem komplett mittelalterlichen Stadtbild eher verträumt über dem Fluss. Kinder verkaufen getrocknete Apri-kosen und Feigen, jeweils portionsweise kunstvoll in Papier eingewickelt. Noch ein paar Schritte weiter hinauf, und man steht vor der  Moschee. Ein Mann steht davor und nimmt Spenden für das „Gotteshaus“ entgegen. Er begegnet den Fremden keineswegs als Bittsteller oder bloßer Angestellter, sondern strahlt eine gewisse Würde und einen Stolz aus, so als ob er sagen wollte: Jetzt ist unsere Moschee wieder in den richtigen Händen. Innen kann sich der Bau zwar nicht mit den prächtigen Moscheen Sarajevos messen, doch er erscheint uns in seiner Schlichtheit und dezenten Raumwirkung fast noch schöner zu sein. An der Wand entdecken wir ein großes Foto der Hagia Sophia in Istanbul – erbaut als byzantinisch-christliche Kirche, dann umgebaut zur Moschee, heute ein Museum. Weshalb hängt dieses Bild hier? Als zeitloses Schönheitsideal? Als Reminiszenz an die Osmanen? Wir nehmen uns die Freiheit, es als Symbol zu nehmen für die innere Verbindung mit dem Positiven, das in allen Religionen steckt. 

Bistrina 

5.8. - Rudolf Kutzli 17) nahm ihn zum Ausgangspunkt seiner Reise ins Bogumilen-Land: den „Schlangenstein“ von Bistrina. Er schildert ausführlich die langwierige Suche nach dem nur vom Hörensagen bekannten Stein – und den Augenblick, als er sich „finden ließ“, nämlich dann, als er ihn nicht mehr „suchte“. Er beschreibt die Stelle als ausgesprochen idyllisch in diesem an faszinierenden Orten so reichen Dalmatien: unmittelbar an der Bucht von Bistrina gelegen, nahe bei der Halbinsel Pelješać, die uns bereits als letzte Zuflucht der Bogumilen begegnet ist. 

Die Bucht von Bistrina

Natürlich wollen auch wir diesen Stein finden und machen uns auf eine spannende Suche gefasst. Wir stellen fest, dass es inzwischen eine neue Straße gibt, die an der Bucht entlang führt. Wo die Bucht am weitesten ins Land hineinragt, dort müsste der kleine Olivenhain zu sehen sein, in dessen Schatten der geheimnisvolle Stein stehen soll. 

Noch ist nichts zu erkennen. Wir spähen von der Straße aus rechts hinunter zum Wasser. Und plötzlich sagt Marc, unser Kameramann: „Schaut mal da links, ist er das nicht?“ 

Er ist es. Selten ist das Erlebnis, etwas intensiv Gesuchtes zu finden, so mit Enttäuschung und Ernüchterung gepaart wie in diesem Fall. Der Stein steht fast direkt an der Straße, nach ein paar Metern steigen wir über einen Weidezaun und stehen direkt davor. Olivenhain und Strandnähe? Fehlanzeige! Der Stein wurde vermutlich bei der improvisierten Neuordnung der Besitzverhältnisse nach dem Balkankrieg kurzerhand versetzt und buchstäblich ins Abseits gestellt. Immer wieder stoßen wir auf diese Symbolik einer absoluten Gleichgültigkeit gegenüber einem faszinierenden historischen Erbe. 

Wir filmen den verwitterten Stein: Die Schlangen, die wohl den Kreislauf des Lebens symbolisieren, sowie ein schlichtes Kreuz. Der Hirsch und der Reiter auf der Seitenfläche des Blocks sind nur zu erkennen, wenn man – dank Kutzlis hervorragender Skizzen – weiß, wonach man sucht. Wie lange werden diese Zeichnungen hier noch zu erahnen sein? 

Ston 

5.8. - Vom Schlangenstein in der Bucht von Bistrina soll es laut Kutzli eine Sichtachse geben, hinauf auf die Halbinsel Pelješać, und zwar zu einem kleinen Kirchlein aus dem frühen elften Jahrhundert: Sveti Mihail, in der Nähe der mittelalterlichen Stadt Ston auf der Spitze eines kleinen Berges gelegen. Das müsste doch zu finden sein!

Leichter gedacht als getan. Einmal mehr müssen wir feststellen: Bogumilenorte wollen regelrecht entdeckt und erobert werden. Auch die alten Männer an der Straße, die nach Ston hineinführt, können sich zwar dunkel erinnern, wissen aber nichts Genaues. Man stelle sich das in Mitteleuropa vor: Eine Kirche aus dem frühen elften Jahrhundert – da gäbe es mindestens mehrere Wegweiser, und auf jeder Autokarte wäre die Zufahrt verzeichnet.  

Zufahrt? Nach längerer Irrfahrt in fast alle Richtungen finden wir sie tatsächlich, samt einem kleinen Wegweiser, und zwar an der Straße, die in das Innere der Halbinsel hineinführt. Der Berg, besser ein Hügel, ist gut zu sehen – aber wer hatte gedacht, dass es dieser ist und kein anderer? Die „Zufahrt“ verwandelt sich nach kurzer Zeit in einen holprigen Feldweg, der am Fuß des Bergleins auf einer Wiese endet, die offenbar als „Parkplatz“ zu Diensten steht. Weit und breit kein weiterer Hinweis, geschweige denn weitere wissbegierige Touristen. Aber es ist klar: Wir müssen zu Fuß da hinauf! 

Und tatsächlich: Nach einer knappen Viertelstunde stehen wir, samt herauf geschleppter Kamera und Zubehör, vor dem Michaelskirchlein. Das Ensemble ist in chaotischer Weise verwahrlost: Die Nebengebäude sind Ruinen, überwuchert von Sträuchern und Bäumen (darunter auch wohlschmeckende Feigen!). Einige geheimnisvoll behauene Steine liegen oder stehen planlos, irgendwie auch schutzlos herum. Das Einzigartige dabei: Es handelt sich sowohl um Bogumilensteine (die aber fast in der Erde verschwunden sind) als auch um in langobardisch-frühkroatischer Weise in Stein gehauene Flechtornamentik. Kutzli vermutet 18), dass Fürst Miroslav von Ston, der vom Gründer der Kirche, Zvonimir, die Herrschaft übernahm, ein Bogumile war. Der Platz, an dem wir stehen, veranschaulicht wie kein zweiter die spirituelle Verwandtschaft zwischen Langobarden und Bogumilen. 

Und auch die Kirche selbst ist dafür ein Symbol. Sie ist zwar abgesperrt, doch sie wirkt gerade von außen nicht nur kraftvoll und ursprünglich, sondern auch  auf faszinierende Weise kompakt, eher wie ein Haus als eine Kirche. Schon Kutzli weist darauf hin, dass sie ihrer Form verblüffend an die Bogumilensteine erinnert, die wir z.B. von Radimlje kennen. 

Und er zieht die Linie von hier nach Westen, zu einem anderen Michaels-Ort auf der anderen Seite des Meeres: dem Monte Gargano in Italien! Rein äußerlich könnte der Gegensatz extremer nicht sein: Dort ein überlaufener katholischer Wallfahrtsort mit allem nur denkbaren Brimborium – und hier die absolute Stille, die zeitlos junge Einsamkeit der dalmatinischen Küste. Wir stehen auf einem Hügel, der im Zentrum eines fruchtbaren Tales liegt, dahinter die Hügelketten der Halbinsel. Und doch könnte es eine innere Verbindung geben: Auch in Italien gab es Katharer, Patarener genannt, und es bestanden rege Kontakte. Und Michael symbolisiert den Kampf der guten Mächte gegen die Versuchung des Bösen, wie sie den Katharern und Bogumilen ebenso am Herzen lag wie den Langobarden. 

Die Katharer Südfrankreichs, wir erwähnten es, sind heutzutage im historischen Bewusstsein präsenter denn je; es existieren zahllose Bücher über sie. Und doch machte die Kirche ihrem Wirken schon nach wenigen Jahrzehnten ein grausames Ende. Die Katharer Italiens und auch Deutschlands sind vergessen, auch sie konnten sich nur begrenzte Zeit einigermaßen frei entfalten, ehe die Inquisition z.B. eines Konrad von Marburg ihnen buchstäblich auf den Leib rückte. Doch fast ebenso vergessen sind die Bogumilen, die nicht nur fünfhundert Jahre lang den Balkan bevölkerten, sondern auch eine einzigartige Fülle von sichtbaren Zeugnissen hinterlassen haben. In den kleinlichen Nationalismen und Geschichtsklitterungen des Balkans ist für sie kein Platz – und doch könnten gerade sie Antworten geben auf die Frage, wie man wieder zu einem Miteinander der Völker finden könnte. (Matthias Holzbauer)

Pelješać - ein Vogel fliegt vorbei

1)  Rudolf Kutzli, Die Bogumilen, Stuttgart 1977, S. 159
2)
  Näheres hierzu bei Markus Osterrieder, Sonnenkreuz und Lebensbaum, Stuttgart 1995
3)
  Eugen Roll, Ketzer zwischen Orient und Okzident, Stuttgart 1978, S. 60
4)
  a.a.O., S. 59
5)
  Stuttgart 1974
6)
  Die Bogumilen, S. 19f.
7)
  a.a.O., S. 61
8)
  Stuttgart 1996, S. 173
9)
  Rudolf Kutzli, Langobardische Kunst, S. 178.180
10)
  Kroatische Adriaküste, S. 135
11)
  Vladimir Dedijer, Jasenovac – das jugoslawische Auschwitz und der Vatikan, Freiburg 1988, S. 161
        Karlheinz Deschner, Memento, Hamburg 1999, S. 230
12)
  Kutzli, Die Bogumilen, S. 46
13)
  Katja Papasov, Christen oder Ketzer – die Bogomilen, Stuttgart, 1983, S. 145
14)
  Blieskastel 2003, S. 24
15)
  Lynda Harris, Hieronymus Bosch und die geheime Bildwelt der Katharer, Stuttgart 1996
16)
  Marko Plesnik, Bosnien-Herzegowina entdecken, Trescher Verlag, Berlin 2007
17)
  Die Bogumilen, S. 7ff.
18)
 
Ebenda, S. 15

 


Die Bogumilen:
"Die wahre Kirche Christi
ist das Herz der Menschen
"

Sie verzichteten auf alle äußeren Rituale und Zeremonien, weil sie Gott in ihrem Inneren fanden. Die Bewegung der Bogumilen konnte sich fast ein halbes Jahrtausend auf dem Balkan halten. Als sie vernichtet wurde, hatte sie längst Samen ausgestreut ...

Mönche der Kirche lebten in Saus und Braus

"Wenn aber ein armer Wandersmann von weit her kommt und die Türme des Fürstenhofes erblickt, so verwundert er sich ... und stellt Fragen ... Wenn er aber den Fürstenhof betritt und sieht die hohen Paläste und Kirchen, außen mit Stein, Holz und Farbe, innen mit Marmor und Kupfer reich verziert, so weiß er nicht, womit er das alles vergleichen soll, denn in seinem Lande hat er nie etwas anderes als strohgedeckte Hütten gesehen, und der Arme beginnt den Verstand zu verlieren."`*
So beschreibt ein Zeitzeuge die Kluft, die im 10. Jahrhundert zwischen der einfachen Landbevölkerung Bulgariens und dem Zarenhof in der Hauptstadt Preslav bestand. Nicht nur die Fürsten und Bojaren, auch die hohen Kleriker stützten sich nach byzantinischem Vorbild auf zahlreiche Privilegien und umfangreichen Grundbesitz. Dies betraf auch viele der orthodoxen Klöster: "Die Mönche lebten in Saus und Braus, kleideten sich in prächtige Gewänder, waren von zahlreichen Dienerschaften umgeben, aßen teure Speisen, ritten schöne Pferde und plünderten ihre Untergebenen grausam aus. Die Bauern mussten alle Staatssteuern in Sachwerten abliefern, die Bodensteuer, die Herdsteuer, die Viehsteuer, die Bienensteuer und andere. Zusätzlich legte noch die Kirche den Bauern beträchtliche Abgaben auf." **

Umwälzung lag in der Luft

So nimmt es nicht wunder, wenn sich angesichts dieser Zustände unter der geplagten Landbevölkerung "verschiedene ketzerische Lehren" breit machten. Der orthodoxe Priester Kosma berichtet davon, natürlich in abfälliger Weise: "Es geschah, dass zur Herrschaftszeit des rechtgläubigen Zaren Peter ein Pope namens Bogumil (deutsch: Gottesfreund) in den bulgarischen Landen auftauchte, der besser Bogunemil (der nicht von Gott Geliebte) genannt werden sollte. Er war der erste, der ketzerische Lehren in bulgarischen Gebieten predigte."
Der "ketzerische" Gemeindevorsteher (= Synekdemos) Bogumil lebte vermutlich von 913 bis 963 und begann sein öffentliches Wirken um 935. Er war eine überragende Persönlichkeit, nach der eine große Bewegung, die ein halbes Jahrtausend Bestand hatte, benannt ist. Doch diese Bewegung entstand nicht aus dem Nichts – die unerträglichen sozialen Verhältnisse Bulgariens waren nicht ihre letzte Ursache, sondern eher Auslöser und Verstärker einer religiösen Umwälzung, die "in der Luft" lag.

Die Bulgaren sind ursprünglich ein turksprachiges Reitervolk, das, aus Zentralasien kommend, im 7. Jahrhundert in den Balkanraum vordrang. Dort vermischten sie sich allmählich mit den ansässigen Slawen und übernahmen deren Sprache. In Asien hatten sie engen Kontakt zum Volk der Uiguren gehabt. Bei diesen war die Lehre des Manichäismus lange Zeit verbreitet, zeitweise sogar als "Staatsreligion". Auf dem Balkan wiederum trafen die Bulgaren unter anderem auf die Paulikianer, die man als die geistigen Erben der Manichäer bezeichnen könnte. Der Boden war also vorbereitet für eine Erneuerung dieser am Urchristentum orientierten "Ketzer"-Bewegungen.
Die Bogumilen verbreiteten sich sehr rasch in Bulgarien und in den angrenzenden Ländern Mazedonien, Serbien und Bosnien. Der Kern ihrer Lehre war, dass der Mensch ohne Vermittlung einer äußeren Instanz oder Institution in ein unmittelbares Verhältnis zu Gott treten kann. Deshalb bauten sie, jedenfalls in der Anfangszeit, keine äußeren Kirchen, sondern trafen sich in schlichten Versammlungsräumen. "Das Herz des Menschen ist die wahre Kirche Christi", sagte ein Bogumile, als er vor einem Inquisitionsgericht verhört wurde. ***

Erfahrung statt Tradition

Die Bogumilen pflegten auch keine Rituale oder liturgischen Zeremonien. Sie wollten das christliche Leben nicht auf Tradition, sondern auf spirituelle Erfahrung gründen. Sie trafen sich zu einer feierlichen Tischgemeinschaft nach dem Vorbild des urchristlichen "Liebesmahls". Sie kannten keine Priesterhierarchie, sondern lediglich eine Unterteilung ihrer Anhänger in "Vollkommene", "Glaubende" und "Zuhörer". Letztere würde man heute als "Sympathisanten" bezeichnen; die "Glaubenden" waren Vollmitglieder der bogumilischen Gemeinden. Die "Vollkommenen" zeichneten sich durch eine enthaltsame Lebensweise aus, vor allem aber durch eine natürliche Autorität, die allein auf ihrer inneren Entwicklung beruhte, auf dem "Maße des inneren Lichtes, das er zum Leuchten gebracht hatte". **** Zu einem "Vollkommenen" wurde man durch die "Geisttaufe" – das einzige Sakrament, das die Bogumilen kannten.

Die bulgarischen "Gottesfreunde", zumindest die "Vollkommenen" und die "Glaubenden" unter ihnen, lebten vegetarisch und waren gewaltlos. Sie wollten nicht das Göttliche, das in allem lebt, töten. Sie sahen es als ihre Aufgabe an, nicht nur sich selbst mit der Hilfe des inneren Christus zum Licht hin zu entwickeln, sondern auch das Böse in der Welt durch ihr Vorbild und ihre Liebe allmählich mit zu erlösen. So wollten sie das kommende "Reich des heiligen Geistes" vorbereiten. Sie glaubten an die Möglichkeit einer Wiederverkörperung der Seele, nicht aber an eine ewige Verdammnis. Sie lehnten die Verehrung des Kreuzes mit Korpus ab, hinterließen aber eine Fülle von Licht- oder Lebenskreuzen ohne Korpus.
Das Böse war nach Auffassung der Bogumilen durch den Sturz "Satanaels", eines Sohnes Gottes *****, aus dem Himmel entstanden. Aus diesem "Engelsturz" entstand auch die Materie und der Planet Erde. Weil aber Satanael den Menschen nicht das Leben einhauchen konnte, verlieh Gott jedem Menschen einen "Geist-Funken" aus Seinem Licht. Daraus ergibt sich die innere Zwiespältigkeit des Menschen: Äußerlich gehört er der Materie, innerlich Gott an.

Ablehnung der teuflischen Inspirationen in der Bibel

Die Bogumilen waren also, zumindest in ihrer Mehrzahl, keine Anhänger eines "radikalen" (gnostischen) Dualismus, wonach seit Urzeiten die Prinzipien Gut und Böse gleichberechtigt nebeneinander bestehen. Sie vertraten vielmehr einen "gemäßigten Dualismus", wonach Gott der Ursprung allen Seins und stärker als das Böse ist, das dereinst besiegt sein wird.
Wenn den Bogumilen bis heute immer wieder unterstellt wird, sie hätten nur an eine Schein-Existenz des Jesus von Nazareth auf der Erde und an eine Schein-Kreuzigung geglaubt ("Doketismus"), so beruht dies wohl auf einem Missverständnis: Sie glaubten, dass der innere Kern der Persönlichkeit des Jesus von Nazareth, nämlich der Christus Gottes, nicht von dieser Welt war und deshalb auch nicht getötet werden konnte.
Weil sie im Alten Testament der Bibel sehr viele Aussagen fanden, die sie mit einem liebenden Gott nicht in Einklang bringen konnten, lehnten sie dieses Buch weitgehend ab, erkannten nur die Psalmen und die Bücher von sechs Propheten als von Gott gegeben an, nicht aber beispielsweise die Bücher des Mose, die sie für vom Teufel inspiriert hielten. Die Möglichkeit, dass diese Bücher, wie so vieles andere, von der damaligen Priesterkaste verfälscht worden waren, war ihnen offenbar nicht mehr geläufig – hatte doch die Kirche die tiefschürfende Textkritik z. B. eines Origenes schon viele Jahrhunderte zuvor verketzert und weitgehend ausradiert.

Schlicht und klar statt katholisch oder orthodox

Die Lehre und Lebensführung der Bogumilen war in ihrer Schlichtheit und Klarheit nicht nur eine Gefahr für die etablierten Kirchen, für die katholische ebenso wie die – seit 1054 von ihr getrennte - orthodoxe. Diese Bewegung bedrohte auch die feudale staatliche Ordnung, die damals noch auf Ausbeutung und Unterdrückung angelegt war: Sie entzog einer religiösen Anschauung, die Sklaverei und Leibeigenschaft, Reichtum und Ausbeutung rechtfertigte, den Boden. Und so kam es, wie es kommen musste: Während die Bogumilen jeglichen Glaubenszwang ablehnten und die Freiheit des menschlichen Willens betonten, brachten ihnen die kirchlichen und staatlichen Institutionen das Gegenteil davon entgegen: Die bogumilische Bewegung wurde im byzantinischen Reich, in Bulgarien, in Serbien immer wieder verketzert und grausam bekämpft. So ließ der byzantinische Kaiser Alexios I. Komnenos (1018-1116) den bogumilischen Gemeindevorsteher Basileios an den byzantinischen Hof nach Konstantinopel (heute Istanbul) rufen, angeblich, um sein Anhänger zu werden. In Wirklichkeit ließ er das Gespräch von hinter einem Vorhang versteckten Lauschern mitschreiben und die angereiste Delegation der Bogumilen anschließend von einem Inquisitionsgericht verurteilen und verbrennen.

Ausgestochene Augen und andere grausame Verfolgungen

Bereits vor Alexios hatte sein Vorgänger Basileios II. (976-1025) dreißig Jahre lang Krieg gegen den westbulgarischen Zaren Samuel geführt, der mit den Bogumilen sympathisierte und ihnen Glaubensfreiheit gewährte. Nach der blutigen Schlacht von Kljutsch (1014) nahm das byzantinische Heer des Basileios 14.000 bulgarische Soldaten gefangen. Auf Befehl des byzantinischen Kaisers wurden allen Gefangenen die Augen ausgestochen - nur jedem Hundertsten wurde ein Auge belassen, damit er die übrigen heimführen konnte. Diese grausame Verstümmelung sollte offenbar eine Verhöhnung der bogumilischen Lehre des "inneren Lichtes" sein. Als Zar Samuel seine Soldaten so herankommen sah, starb er gebrochenen Herzens. Kaiser Basileios erhielt den Beinamen "Bulgaroktos", Bulgarenschlächter, worauf er auch noch stolz war. Bis heute erinnert ein kleines Kloster am Vodoca-See (von "vadi oci", Augen ausreißen) in der Nähe des Schlachtfeldes im heutigen Mazedonien an dieses Verbrechen.
Auch die katholische Kirche bekämpfte die "Irrlehre" nach Kräften. Das Heer des vierten Kreuzzugs, der später statt des "heiligen Landes" das orthodoxe Byzanz erobern sollte, zog im Jahre 1202 von den Venezianern (die das Unternehmen finanziert hatten) zunächst gegen die dalmatinische Stadt Zadar im heutigen Kroatien – mit der Begründung, dort lebten "bogumilische Ketzer". Mehrfach ließ der Papst "Ketzerkreuzzüge" gegen die Bogumilen ausrufen.

Nachfahren wurden lieber Moslems als Katholiken

Trotz aller Verfolgungen verbreitete sich die Lehre der "Gottesfreunde" jedoch weiter. Zeitweise fand sie für einige Jahrzehnte staatlichen Schutz - so zu Beginn des 11. Jahrhunderts im westbulgarischen Reich (dem heutigen Mazedonien) um den Ohrid-See, oder im 13. und 14. Jahrhundert in Bosnien. Dort bildete das Bogumilentum zeitweise sogar eine Art Staatsreligion. Doch auch deren Tage waren gezählt. Als die Türken nach der Schlacht gegen die Serben auf dem Amselfeld (1389) auf dem Balkan weiter vordrangen, verweigerten die katholischen Nachbarn den bosnischen "Ketzern" jegliche Hilfe - es sei denn, sie wären zum Katholizismus übergetreten. Dazu waren die Bosnier jedoch nicht bereit. Die Türken rotteten die bosnische Oberschicht weitgehend aus; die einfachen Bauern begaben sich notgedrungen unter türkische Oberhoheit und nahmen in der Folgezeit fast alle den muslimischen Glauben an. Ihre Nachfahren sind die heutigen bosnischen Muslime.

Kirche kann Geist des Urchristentums nicht ausrotten

Doch die Kirche ahnte selbst, dass der im Bogumilentum wieder auferstandene Geist des Urchristentums nicht ausgelöscht werden kann. Papst Pius II. (1458-64) musste feststellen, dass die Kirche kaum jemals einer Bewegung so heftig und mit solch scharfen Mitteln entgegengetreten sei. Dennoch seien alle Anstrengungen der Kirche gegen diese "schlechten Menschen", die sich "gute Christen" nennen, letztlich erfolglos geblieben.
In der Tat: Bereits lange vor dem Ende der Bogumilen auf dem Balkan hatte die Lehre sich über ganz Europa verbreitet. Flüchtende Bogumilen setzten von Albanien nach Italien über. Andere fanden in der Ukraine und in Russland eine neue Heimat. Das berühmte orthodoxe Kloster auf dem Berg Athos in Griechenland war lange Zeit - bis ins 14. Jahrhundert hinein - ein Bollwerk des Bogumilentums. Große Gestalten der abendländischen Geistesgeschichte wie der römische Ketzer-Revolutionär Arnold von Brescia, der kalabresische Abt Joachim von Fiore, der Dichter Dante Alighieri könnten von Nachklängen dieser Bewegung beeinflusst worden sein. Sogar der von der katholischen Kirche vereinnahmte "Heilige" Franziskus von Assisi zeigte in seiner Naturverbundenheit und Schlichtheit eher bogumilische Züge - schließlich wurde "sein" Orden der Franziskaner gegen seinen Willen gegründet, und seine treuesten Schüler (Spiritualen genannt) wurden zu Hunderten auf den Scheiterhaufen der Inquisition verbrannt.
Vor allem aber steht fest, dass es intensive Kontakte zwischen den Bogumilen des Balkans und den Katharern Südfrankreichs und Italiens sowie den "Gottesfreunden" des Rheinlands gab. Doch das ist ein weiteres Kapitel.
 

* Katja Papasov, "Christen oder Ketzer - die Bogomilen", Ogham-Verlag, Stuttgart 1983, S. 122 - (Eine Anmerkung: Die unterschiedliche Schreibweise "Bogumilen" oder "Bogomilen" ergibt sich aus unterschiedlichen Möglichkeiten der Transkription aus der kyrillischen in die lateinische Schrift: buchstabengetreu [o] oder aussprachegetreu [u].)
** ebenda, S. 124
*** Rudolf Kutzli, "Die Bogumilen", Verlag Urachhaus Stuttgart 1977, S. 159
**** ebenda
***** Nach der Lehre der Urchristen im Universellen Leben war "Satana" kein Sohn, sondern eine Tochter Gottes.

Der Artikel "Die wahre Kirche Christi ist das Herz der Menschen" ist auch Teil der Ausgabe Der Theologe Nr. 92 - Urchristliche Gemeinschaften - von der Kirche verfolgt.

Der Text  kann wie folgt zitiert werden:
"Der Theologe",
Ausgabe Nr. 77, Matthias Holzbauer, Auf den Spuren der Bogumilen, Wertheim 2008, zit. nach
http://www.theologe.de/bogumilen.htm

Fassung vom 6.7.2015;
Copyright © und Impressum siehe hier.

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